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Joseph Goebbels. Ein körperlich behinderter Propagandaminister und die NS-Euthanasie

Hausarbeit 2011 17 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Der Leidensdruck des jungen Joseph Goebbels

3. Aufstieg zum Propagandaminister
3.1. Adolf Hitler: Goebbels lang gesuchte „übergeordnete Instanz“

4. Rassenhygiene im Dritten Reich
4.1. Euthanasie kranker und behinderter Menschen
4.2. Propaganda zur Rechtfertigung des Euthanasie-Programms

5. Die Goebbels-Tagebücher: Trotz eigener Behinderung Verfechter des Euthanasie-Programms ?

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„ Mein Fußist nun mal hinderlich, ich bin klein und nicht stark, aber die Natur ist gerecht, sie gab mir alsäquivalent einen Kopf, wie ihn wenige haben. “ 1

Paul Joseph Goebbels

Dieses Selbsteingeständnis stammt von Paul Joseph Goebbels, dem damaligen Propagandaministers des Dritten Reiches. In seiner Jugend wurde er wegen seiner Behinderung verspottet und ausgegrenzt, propagiert jedoch nur wenige Jahre später das Bild eines Deutschen Bürgers: arisches Blut, gesund, kräftig, nur keinerlei körperliche Defizite. Der Kontrast zwischen dem Leidensdruck seiner Kindheit und die spätere Euthanasie behinderter und kranker Menschen könnte nicht größer sein. Genau an diesem Punkt möchte ich mit meiner Hausarbeit ansetzten. Warum predigte Goebbels in seinen Reden Rassenhygiene und Vernichtung von Menschen, welche nicht der arischen Rasse entsprachen, wenn er dem Ideal doch selbst nicht gerecht wurde?

Ziel dieser Hausarbeit soll sein, zu untersuchen, inwiefern Joseph Goebbels den gegen behinderte Menschen gerichteten Hass mit seinem eigenen Schicksal vereinbaren konnte. Finden sich hierzu eventuell Stellungnahmen in seinen Tagebüchern, oder schwieg er lieber in Bezug auf die eigene Behinderung?

Einen weiteren wichtigen Punkt dieser Arbeit wird seine Suche nach einer führenden Person, welche er schließlich in Adolf Hitler fand, darstellen. Inwieweit lässt sich sein psychisches Leiden, bedingt durch die Behinderung, mit der unstillbaren Führersehnsucht in Zusammenhang bringen? Ebenfalls sollen in den folgenden Ausführungen die Begriffe Rassenhygiene und NS- Euthanasie näher beleuchtet werden, um die Kluft zwischen Goebbels eigenem Schicksal und seinem politischen Handeln, noch einmal in ihrem ganzen Ausmaß zu verdeutlichen.

Paul Joseph Goebbels wurde am 29.10.1879 in Rheydt, nahe Mönchengladbach, geboren. Seine Eltern, Maria Katharina Goebbels und Friedrich Goebbels, erzogen ihn und seine vier Geschwister streng katholisch.2 Im Kleinkindalter starb Goebbels beinahe an einer schweren Lungenentzündung und blieb in der Folge ein sehr schwaches Kind.3 Die Krankheitsserie riss auch in den darauf folgenden Jahren nicht ab. Mit vier Jahren kam es zu einer Knochenmarkentzündung mit weitreichenden Folgen. Joseph Goebbels rechtes Bein blieb acht Zentimeter kürzer und wies Lähmungserscheinungen auf.4

Sein Hausarzt und ein Masseur versuchten zwar die Lähmungserscheinungen zu beheben, was ihnen jedoch nicht sonderlich glückte. Das Ergebnis war, dass der Fuß zum einen für immer gelähmt blieb und zum anderen sich allmählich zum Klumpfuß entwickelte.5 Bis zu seinem zehnten Lebensjahr unterzog sich der junge Goebbels immer wieder Operationen mit langem Krankenhausaufenthalt. Seine Behinderung konnte jedoch nicht behoben werden und auch eine Linderung der Schmerzen war kaum möglich.6

Seine Eltern suchten aus diesem Grund vermehrt Halt im Glauben. Oftmals ging die Mutter, welche zu Joseph ein sehr inniges Verhältnis hatte, mit ihm in die Rheydter Marienkirche um zu beten. Sie hoffte dadurch auf eine Verbesserung der Situation, da sie die Behinderung ihres Kindes als Heimsuchung empfunden hatte.7

Joseph Goebbels bekam sehr schnell und deutlich die Reaktionen auf sein „Anders sein“ zu spüren. Immer wieder warfen ihm Erwachsene mitleidige Blicke zu oder seine Spielgefährten fingen an ihn zu hänseln.8 Dadurch bedingt, begann er sich mehr und mehr zurückzuziehen, wie folgender Tagebucheintrag belegt:

„ Ich wurde auf mich angewiesen. Konnte mich nicht mehr bei den Spielchen der anderen beteiligen. Wurde einsam und eigenbrödlerisch.[...] Meine Kameraden liebten mich nicht. “ 9

Ab dem Jahr 1904 besuchte Joseph Goebbels die Volksschule. Auch hier setzten sich die Hänselein durch seine Mitschüler fort. Seine Klassenkameraden mochten ihn wegen seiner Behinderung ebenfalls nicht, mit der Folge, dass es sich immer mehr verschloss und mit umfassenden Wissen versuchte, seine Mitschüler zu beeindrucken.

Er legte einen enormen Lerneifer an den Tag und versuchte so die anderen zu übertreffen und sich den gewünschten Respekt zu verschaffen.10 Nach der Schule zog er sich auf sein Zimmer zurück, las und entwickelte erste dichterische Fähigkeiten, welche eine mögliche Kompensation seines körperlichen Defizits darstellen könnten. In seinen dichterischen Werken schien er sich eine heile Parallelwelt aufzubauen, in welcher er der Held und nicht der Verspottete war.11 Als im Jahr 1914, nach dem Attentat von Sarajevo, die sogenannte Julikrise einsetzte,12 kam es selbstverständlich auch im kleinen Rheydt zu Mobilmachungen. Joseph Goebbels war zu diesem Zeitpunkt gerade sechzehn Jahre alt und sah mit an, wie mehr und mehr seiner Mitschüler als Soldaten, in den Krieg zogen. Auch er wollte mit und unterzog sich einer Musterung, bei der er jedoch aufgrund seiner Behinderung abgelehnt wurde.13 Dies stellte ein weiteres demütigendes Erlebnis für ihn dar, da es zum erneuten Verlust des Gemeinschaftsgefühls kam. Sein persönliches Empfinden vertraute er später seinem Tagebuch an:

,, Kriegsausbruch. Mobilmachung. Alles zu den Fahnen. Schmerz, daßich nicht mitkann. “ 14

3. Aufstieg zum Propagandaminister

Nach dem Abschluss seines Abiturs begann Joseph Goebbels an der Universität Bonn Altphilologie, Germanistik und Geschichte zu studieren. Er trat der Studentenvereinigung „Unitas Sigfrida“ bei und hielt dort viel gelobte Vorträge.15 Finanziell konnte er jedoch mit den gutsituierten Studenten aus reichem Elternhaus nicht mithalten und litt ständig unter Geldnot und Hunger. Aus diesem Grund kam ihm auch der Einrufungsbescheid zum militärischen Hilfsdienst sehr gelegen und er ersparte sich die Peinlichkeit, aus finanziellen Gründen sein Studium abbrechen zu müssen.16

Das Sommersemester 1918 begann Joseph Goebbels mit einem Stipendium des katholischen „Albert Magnus Vereins“ in Freiburg.

Hier lernte er seine langandauerde Liebe Anka Stahlherm kennen, welche aus gutsituiertem Elternhaus stammte.17 In Joseph Goebbels kam somit jedoch schnell wieder das Minderwertigkeitsgefühl auf, da er glaubte, Anka in finanzieller Hinsicht und bedingt durch seine Behinderung nicht gerecht werden zu können.

„ Ihr Bruder Willy kommt. Sie läd uns nicht ein. Das erste Zerwürfnis. Sozialer Unterschied. Ich bin ein armer Teufel. Geldsorgen. Gr öß te Kalamität. „ 18

Nach weiteren Studienortwechseln nach Würzburg, wieder Freiburg, München und Heidelberg schloss Goebbels sein Studium, unter anderem bei dem jüdischen Professor Max Walberg, welchen er sehr achtete, ab. Von diesem Zeitpunkt an durfte sich Joseph „Dr. phil. Joseph Goebbels“ nennen.19

Ab Januar 1923 begann er widerwillig seine Arbeit bei der Dresdner Bank in Köln. Lang hielt es Joseph Goebbels jedoch nicht in Köln aus und kehrte im Oktober 1923 nach Rheydt zurück. Er begann sich nach langem Hin und Her politisch zu orientieren.20 Auch die Arbeitssuche sollte nicht allzu kurz kommen. Daher bewarb er sich bei einigen Zeitungsverlagen, jedoch erfolglos. In politischer Hinsicht nahm Goebbels an Diskussionsabenden des „Völkisch-sozialen Blocks“ teil und reiste zu einem Treffen der „Deutschvölkischen Freiheitspartei“ nach Wuppertal-Elberfeld, wo er Friedrich Wiegershaus, den Herausgeber der „Völkischen Freiheit“, kennenlernte. Beide waren sich, was das geschäftliche betraf, schnell einig und somit verfasste Joseph Goebbels mehrere Artikel für das genannte Blatt.21

Ab dem Jahr 1924 begann er seine schon lang entwickelte Führersehnsucht, welche im nachfolgenden Punkt dieser Arbeit noch genauer erläutert werden wird, auf Adolf Hitler zu projizieren.22 Nach der Neuformierung der NSDAP trat Goebbels nicht nur der Partei bei sondern trennte sich auch von der „Völkischen Freiheit“.23 Nicht viel Zeit verging, als man ihn zum Geschäftsführer des Gaus Rheinland Nord ernannte und ihm die Möglichkeit gab, seine ersten politischen Reden zu halten.

[...]


1 Goebbels, Joseph: Die Tagebücher von Joseph Goebbels. Teil I Aufzeichnungen 1924-1930, München / New York / London / Paris 1987, S. 2.

2. Der Leidensdruck des jungen Joseph Goebbels Bärsch, Claus-Ekkehard: Der junge Goebbels. Erlösung und Vernichtung, Grafrath 1995, S. 10.

3 Reuth, Ralf Georg: Goebbels, München 1990, S. 15.

4 Gathmann, Peter / Paul, Martina: Narziss Goebbels. Eine Biografie, Wien 2009, S. 35.

5 Reuth: Goebbels, S. 15.

6 Gathmann: Narziss Goebbels, S. 35.

7 Reuth: Goebbels, S. 15.

8 Ebd., S. 16.

9 Goebbels, Joseph: Die Tagebücher von Joseph Goebbels. Teil I Aufzeichnungen 1924-1930, München / New York / London / Paris 1987, S. 2.

10 Reuth: Goebbels, S. 18.

11 Ebd., S. 20.

12 vgl. Hildebrand, Klaus: Deutsche Außenpolitik 1871-1918, München 2008, S. 37.

13 Gathmann: Narziss Goebbels, S. 38.

14 Goebbels, Joseph: Die Tagebücher 1924-1930, S. 4.

15 Reuth: Goebbels, S. 30.

16 Ebd.

17 Bärsch: Der junge Goebbels, S. 13.

18 Goebbels, Joseph: Die Tagebücher 1924-1930, S. 8.

19 Bärsch: Der junge Goebbels, S. 13ff.

20 Ebd., S. 72ff.

21 Ebd., S. 77.

22 Ebd., S. 76.

23 Ebd., S. 80.

Details

Seiten
17
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656854432
ISBN (Buch)
9783656854449
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v285399
Institution / Hochschule
Universität Konstanz
Note
2,0
Schlagworte
joseph goebbels propagandaminister ns-euthanasie

Autor

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Titel: Joseph Goebbels. Ein körperlich behinderter Propagandaminister und die NS-Euthanasie