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Das Subjekt und die Fremde. Die Reiseberichte des Odorico da Pordenone, Marco Polo und Jean de Mandeville

Die literarische Umsetzung von Fremderfahrung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 27 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Allgemeines / Vergleiche

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Fremde im mittelalterlichen Reisebericht - Eine Mischung aus subjektiver Wahrnehmung und literarischer Konstruktion

3. Marco Polo: „Il Milione“
3.1. Die Wahrnehmung des Fremden
3.2. Die Augenzeugenschaft und Subjektzentriertheit

4. Odorico da Pordenone: „De rebus incognitis“
4.1. Der Umgang mit der Fremde
4.2. Die Augenzeugenschaft und Subjektzentriertheit

5. Jean de Mandeville: „Voyages“
5.1. Die Schilderung des Fremden
5.2. Die Augenzeugenschaft und Subjektzentriertheit

6. Ein direkter Vergleich der drei Reiseberichte: Die Darstellung des Fremden anhand ausgewählter Beispiele

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„ Ihr Herren, Kaiser, Könige, Herzöge, Fürsten, Grafen, Ritter und alle, die ihr den Wunsch habt, Kunde zu erlangen von den mannigfaltigen Völkern des Menschengeschlechts und den verschiedenen Reichen, Provinzen und Ländern im Osten der Welt: lest dieses Buch und ihr werdet darin die wunderbarsten und denkwürdigsten Beschreibungen der Menschen [ … ] finden.1

Mit dem Reisebericht des Venezianers Marco Polo entstand gegen Ende des 13. Jahrhunderts der erste volkssprachige Reisebericht über Asien, der zumindest nach der Zahl der überlieferten Handschriften zu urteilen, alle anderen bis dato verfassten Reiseberichte über Ostasien in den Schatten stellte. Zur Zeit Marco Polos und auch noch im 14. Jahrhundert war die Weltkenntnis der Europäer sehr begrenzt. Eine genaue Vorstellung besaßen die Menschen der damaligen Zeit nur von den Ländern des Abendlandes, von den Randgebieten des Mittelmeeres und einigen Ländern im Nahen Osten. Alles was darüber hinaus ging, der Persische Golf, Indien und China waren unbekannt. Eine fremde Welt, die Reisende wie Marco Polo versuchten, den Europäern näherzubringen. Neben ihm lieferten in der Fortführung der franziskanischen Mission in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts weitere Reisende Berichte über den fernen Osten. Zu den wichtigsten Beiträgen zählten unter anderem der des Odorico da Pordenone oder des Wilhelm von Boldensele. Die geographischen Vorstellungen der Menschen waren bis ins ausgehende Mittelalter hinein trotzdem nur sehr gering. Daher nutzten sie ihre Vorstellungskraft und schufen sich imaginäre Welten, mit der das Fremde dann auch erklärt werden konnte. Damals wie heute gilt, die Fremde wird geschaffen, sie wird beurteilt mit dem Maßstab des Eigenen. So ist auch die Darstellung des Fremden innerhalb des mittelalterlichen Reiseberichts ein Konstrukt, eine Mischung aus tatsächlicher Wahrnehmung des Fremden und seiner Beschreibung mittels der von der eigenen christlich-abendländischen Kultur vorgegebenen Vorstellungen. Seit alters her spielten Geschichtswerke, Enzyklopädien und andere Reiseberichte, welche die fremde Welt mit ihren fremden Völkern und Kulturen beschrieben, eine entscheidende Rolle bei der literarischen Umsetzung der Fremderfahrung. Es entstand eine kollektive Phantasie vom „Anderen“. Wer bei seiner Darstellung des Fremden von den gängigen Bildern abwich, wurde schnell als Lügner abgestempelt, wie sich in den folgenden Kapiteln zur Augenzeugenschaft und Subjektzentriertheit zeigen wird. Von diesem Druck des Wahrheitsanspruches gänzlich unbelastet präsentierte sich ein weiterer, ein fiktiver Reisebericht - der des Jean de Mandeville, welcher zu den meistgelesenen Reisebeschreibungen des ausgehenden Mittelalters und der Frühen Neuzeit zählte.

In den folgenden Ausführungen soll die Darstellung des Fremden in diesem Reisebericht sowie in dem des Marco Polo und Odorico da Pordenone näher analysiert werden. Das Augenmerk hierbei liegt auf der Konstruktion des Fremden. Für diese entscheidend sind die Fremdwahrnehmung des Subjekts, die Vorgabe des Fremden durch die eigene Kultur, insbesondere durch die Ansichten des christlich-abendländischen Weltbildes und die intertextuellen Bezüge zu Beschreibungen anderer Reisender. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie die einzelnen Subjekte die fremde Welt wahrnahmen, wie sie diese in ihren Reiseberichten darstellten und in welchem Maß sie sich von gängigen Vorstellungen über das Fremde leiten ließen. Weiterhin wird von Bedeutung sein, inwiefern die Begegnungen des Subjekts mit der Fremde zu einer Selbsteinschätzung beziehungsweise zu einer Beurteilung der eigenen Kultur betrugen.

Im ersten Abschnitt dieser Arbeit soll zunächst ein allgemeiner Einblick in die Fremddarstellung im mittelalterlichen Reisebericht gegeben werden. Individuelle wie auch gesellschaftliche Faktoren, die bei der Wahrnehmung der fremden Welt eine wichtige Rolle spielten, werden vorgestellt. Ebenfalls soll in diesem Kapitel gezeigt werden, dass jeder Reisebericht ein gewisses Moment der Konstruktion enthält und die Erfahrung des Fremden folglich stets durch Gesetzmäßigkeiten der Eigenkultur präfiguriert war. Im zweiten größeren Abschnitt der Hausarbeit werden die drei Reiseberichte von Marco Polo, Odorico da Pordenone und Jean de Mandeville hinsichtlich der aus dem zweiten Kapitel gewonnen allgemeinen Erkenntnisse zur Darstellung des Fremden näher analysiert. Neben der Konstruktion des Fremden innerhalb der einzelnen Reiseberichte wird es weiterhin darum gehen, wie die Autoren versuchten den Wahrheitsanspruch ihrer Reiseberichte zu legitimieren und damit verbunden, in welchem Maß sie sich als Subjekt selbst in den Text einschrieben. Um den Unterschied in der Fremdwahrnehmung der drei Reisenden, unabhängig davon, ob es sich um eine reale oder fiktive Reise handelte, genauer ersichtlich zu machen, sollen im letzten Kapitel die Reiseberichte hinsichtlich ihrer Darstellung des Fremden miteinander verglichen werden.

2. Das Fremde im mittelalterlichen Reisebericht - Eine Mischung aus subjektiver Wahrnehmung und literarischer Konstruktion

Die Wahrnehmung des Fremden sowie die Darstellung dessen im Reisebericht des Mittelalters war von zahlreichen individuellen und gesellschaftlichen Faktoren abhängig. Auf der individuellen Ebene spielten der Bildungsstand des Reisenden, die Vorkenntnisse, seine Interessen und natürlich auch die allgemeine Wahrnehmungsfähigkeit eine wichtige Rolle. Was die gesellschaftliche Beeinflussung der Fremdwahrnehmung anbelangte, war zunächst einmal entscheidend, in wessen Auftrag überhaupt gereist beziehungsweise mit welcher Intention eine Reise angetreten wurde.2 Der Missionar beispielsweise reiste im Auftrag der Kirche. Er war dazu angehalten, die religiösen Dimensionen sowie Bräuche fremder Völker in Erfahrung zu bringen. Sein Bericht fiel selbstverständlich anders aus, als der eines Kaufmannes, dem es mehr um die Erforschung des Marktes ging. Die Fokussierung, was in der Fremde überhaupt wahrgenommen wurde, war also maßgeblich vom Auftrag der Reise und der Intention des Reisenden abhängig.

Ebenfalls ist von entscheidender Bedeutung, dass jede Fremdwahrnehmung natürlich auch Momente der Konstruktion enthält. Die Erfahrung des Fremden war im Mittelalter stets durch die Gesetzmäßigkeiten der Eigenkultur präfiguriert.3 Jeder Reisende, der eine Reisebeschreibung seiner Erlebnisse anfertigte, interpretierte die Welt mittels der von der Gesellschaft vorgegebenen Wahrnehmungsmöglichkeiten. Der Kontakt mit fremden Kulturen bestand folglich aus einem Aufeinandertreffen von subjektiven Erfahrungen auf der einen und objektiven Ordnungs- und Wertvorstellungen auf der anderen Seite. Das Verhältnis zwischen eigener und fremder Kultur wurde bis ins ausgehende Mittelalter hinein unter religiösem Vorzeichen radikal dichotomisiert. Die christianitas, das mittelalterliche Konzept einer einheitlichen, Nationengrenzen überschreitenden christlichen Gesellschaft, baute auf eine dualistische Ordnung des Weltbildes auf, das auf religiöser, politischer, kultureller und regionaler Ebene nach dem Schema von Gut und Böse erklärt wurde.4 Die Basis für die Begegnung mit dem Fremden bildete die Vorstellung von der Überlegenheit der christlichen Religion und Kultur, wonach entsprechend fremde Kulturen an christlich-abendlichen Werten gemessen wurden. Spätestens durch die Kreuzzüge wich jedoch dieser ausgeprägte Ethnozentrismus immer mehr einem Eurozentrismus.5

In der Peripherie des Weltbildes der Europäer wurden die Vorstellungen über fremde Kulturen immer ungenauer. So ist es nicht verwunderlich, dass sich in zahlreichen Reisebeschreibungen, die über die bekannten Grenzen des Weltbildes hinausreichten, Ansiedlungen mythischer Phantasieprodukte, Fabelwesen und Monstra ausfindig machen lassen.6 Die Repräsentation des Fremden in den Reiseberichten bildete nicht immer die Außenwelt als solche ab, sondern das reisende Subjekt versuchte, durch den Rückgriff auf eigene kulturelle Erfahrungen die fremde Kultur zu verstehen. Das Wissen im Mittelalter, das zum großen Teil aus antiken Büchern stammte, wurde auf die reale Welt übertragen. Jene tradierten Wissensbestände verglich der Reisende dann oftmals bei seiner Reisebschreibung mit den Merkmalen des Fremden. Somit hatten mittelalterliche Autoren bei ihrer Auseinandersetzung mit dem Fremden von vornherein ein Bild im Kopf, dass sie schließlich auf die fremde Kultur übertrugen. Das Fremde ist demnach weniger etwas äußerlich Fremdes, sondern wird vielmals durch intertextuelle Bezüge generiert.7 Die einzelnen Reisebeschreibungen bestehen zu einem großen Teil aus Intertexten, Gattungskonventionen, kulturell determinierten Konnotationen und Klischees.

Die Darstellung des Fremden im Reisebericht des Mittelalters nahm sehr oft ambivalente Züge an. Reisende beschrieben das Fremde zum einen in reizvoller Form, beispielsweise mittels typischer Schilderungen paradiesischer Zustände, zum anderen nahm die Fremde auch abschreckende Züge an.8 Als Beispiele hierfür können Beschreibungen von Gräueltaten oder schrecklichen Lebewesen angeführt werden. Entscheidend für die Zuordnung in einen der beiden Bereiche war die Situation, in der das betrachtende Subjekt und das fremde Objekt miteinander kommunizierten. Je intensiver und länger der Kontakt, umso differenzierter gestaltete sich das Bild des Fremden.9 Dass jenes Bild dann auch der Wahrheit entsprach, darf jedoch nicht einfach so angenommen werden. Entscheidend hierbei ist, ob die Darstellung wirklich der subjektiven Wahrnehmung entsprang, oder ob jene Wahrnehmung zu einer generalisierten Meinung geformt wurde. Ging etwa das, was ein reisendes Subjekt in der Fremde wahrnahm, über dessen geistigen Horizont hinaus, bestand die Gefahr, dass dies beim Rezipient auch der Fall sein würde. Die Folge wäre eine Ablehnung des Reiseberichts seitens des Publikums gewesen, da der Reisende keine vertrauten Elemente lieferte, wie sie aus Buchdruck. Spätmittelalter, Reformation, Humanismus 1320 - 1572 (Deutsche Literatur. Eine Sozialgeschichte 2), Reinbek 1991, S. 172.

antiken oder mittelalterlichen Enzyklopädien bekannt waren.10 Oft sahen sich die Autoren daher mit dem Vorwurf der Lüge oder Übertreibung konfrontiert und griffen dementsprechend auf bekannte Legitimationsstrategien zurück.

3. Marco Polo: „Il Milione“

Marco Polo wurde Mitte des 13. Jahrhunderts als Sohn eines venezianischen Kaufmanns geboren. Im Jahr 1271 begab er sich mit seinem Vater und Onkel auf die Reise nach China und erreichte vier Jahre später den Hof des Kublai Khan.11 In dessen Auftrag bereiste er in den folgenden Jahren weite Teile Chinas wie auch Indochinas und trat schließlich im Jahr 1295 die Heimreise nach Venedig an. Nach seiner Ankunft in der Heimat nahm Marco Polo vermutlich an kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Venedig und Genua teil und geriet, nachdem die Venezianer geschlagen wurden, in genuesische Gefangenschaft.12 Ähnlich erging es wohl auch seinem Mitgefangenen, dem Schriftsteller Rusticello da Pisa, in einer Seeschacht zwischen Pisa und Genua. Rusticello fertigte in der Zeit seiner Gefangenschaft den Reisebericht Marco Polos anhand dessen Aufschriften in altfranzösischer Sprache an. Rusticello war kein Unbekannter. Schon für König Eduard I. von England hatte er eine Sammlung von Geschichten über König Arthus verfasst.13

Das Werk „Il Milione“ war als Reisebericht sehr bekannt und weit verbreitet. Dies bezeugen die mehr als 140 bekannten Handschriften, zahlreiche Drucke sowie Übersetzungen in fast alle Volkssprachen Europas.14 Zu beachten ist allerdings, dass die Übersetzungen in einigen Punkten stark vom Original abweichen. Es wurden je nach Intention des Übersetzers Kürzungen vorgenommen beziehungsweise einige Textpassagen mit schmückenden Zusätzen versehen. Eine interessanten Aufsatz zu den verschiedenen Versionen des Werkes lieferte Folker Reichert. Er kategorisierte drei unterschiedliche Versionen von „Il Milione“ - die romanhaft-unterhaltende Version, die klerikale Version sowie Versionen, die ein ethnographisches, natur- oder erkundliches Interesse zu befriedigen versuchten.15

Der Bericht über die Wunder der Welt beginnt zunächst mit dem Anlass der Reise in Form von Briefen und Einladungen des Kublai Khan. Im Anschluss folgt die Schilderung der Reise nach und durch China. Marco Polos Weg führte ihn von Persien nach Parmir über die Seidenstraße nach Peking. Von dort aus reiste er innerhalb Chinas von der Mongolei bis Indochina. Die Rückreise trat Marco Polo über das südchinesische Meer an, wo er Indien besuchte.

3.1. Die Wahrnehmung des Fremden

Wie bereits im zweiten Kapitel dieser Arbeit aufgeführt, war die Wahrnehmung des Fremden von zahlreichen individuellen und gesellschaftlichen Parametern abhängig. Marco Polo trat seine Reise nach China in relativen jungen Jahren an. Sein Denken über die Fremde und seine Beobachtungsgabe dürften somit noch nicht allzu sehr von den gängigen europäischen Fremdvorstellungen beeinflusst gewesen sein. Er müsste bei seiner Abreise zwar die biblischen Stoffe sowie die Alexandersage gekannt und eventuell auch noch eine Vorstellung über das Reich des Priesterkönigs Johannes gehabt haben, mehr wohl aber auch nicht.16 Marco Polo stellt sich in seinem Reisebericht als ein genauer Beobachter des Fremden dar. Er zeigt Interesse an fremden Ländern, mit ihren unterschiedlichen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Gegebenheiten. Beispielsweise liefert er präzise Beschreibungen der Städte Hangzhou und Shanghai und zeichnet wirtschaftliche Prozesse wie Mechanismen von Kauf und Verkauf sowie Formen industrieller und agrarischer Produktion auf.17 Jedoch nicht nur nüchterne Beschreibungen der fremden Länder zeichnen Marco Polos Bericht aus. Er versucht ebenfalls, seinem Publikum die Schönheit Chinas mit den perfekten Gärten und dem Kaiserpalast vor Augen zu führen, indem er seine erstaunte Reaktion über diese fremden Anlagen mitteilt.18 Es finden sich genaue Schilderungen der höfischen Repräsentationskunst, den fremdartigen Tischbräuchen und kulturellen Regeln bei Hof.

Die Wahrnehmung der Fremde hing ebenfalls davon ab, in wessen Auftrag und mit welchen Intentionen das Subjekt seine Reise in fremde Länder antrat. Marco Polo bereiste im Auftrag des Kublai Khan die chinesischen Provinzen. Er sollte dem Khan Auskunft über die Geschehnisse, Bräuche und Gewohnheiten der unterworfenen Völker geben. Daher wird das Leben der fremden Völker in Marco Polos Reisebericht meist auch nur aus der Vogelperspektive des begünstigten Beobachters geschildert.19 Die Nähe zum harten Alltag der Menschen in der Fremde, insbesondere der Tartarenvölker, ist somit weniger eindringlich erfasst.

Bei Marco Polos Beschreibung des Fremden wird das Zusammenspiel von Reise und neuer Erfahrung deutlich. Er registrierte die Schönheiten der fremden Welt, erweiterte den Horizont seiner eigenen Kultur und ließ seine Leser daran teilhaben. Die Vielfalt der Völker und Sitten, die Größe und der Reichtum der Städte, welche jene des Abendlandes in weitem Maß übertrafen, trugen wohl zwangsläufig zu einer Relativierung der wirtschaftlichen und kulturellen Einschätzung des „Eigenen“ bei.20 Insgesamt betrachtet, ist sein Reisebericht eine Mischung aus nüchternem, spezifischem Bereichswissen für Fernhandelskaufleute, erweitert um geographische und ethnologische Details sowie um die Darstellung des Schönen in der Fremde. Trotz seiner präzisen Beobachtungen lassen sich innerhalb des Reiseberichts auch phantastische und fabelhafte Passagen ausfindig machen. Diese sind zum Teil aus Enzyklopädien oder aus dem Alexanderroman entnommen, wie beispielsweise die hundsköpfigen Menschen auf der Insel Angaman.21 Auffällig ist, ähnlich wie bei der Reisebeschreibung von Odorico da Pordenone, dass viele der Wundererscheinungen einer christlichen Logik folgen. Marco Polo beschreibt zum Beispiel einen See in Armenien, der auf wundersame Weise zu christlichen Fastenzeit mit Fischen gefüllt ist, oder schildert, wie es Christen von Baudac und Mosul gelang, mit ihrem Glauben einen Berg zu versetzten.22 Viele der Wundererscheinungen in Marco Polos Werk gehen auf die Allmacht Gottes zurück, da diese im Mittelalter einerseits in der Bibel, aber auch in den Enzyklopädien verherrlicht wurde. Im Großen und Ganzen spart Marco Polo in seinem Reisebericht jedoch mit bekannten Vorstellungen über die Wunder des Ostens und ersetzte diese durch Beschreibung fremder menschlicher Wunderwerke. An einigen Passagen vermischte er auch mythisch-topisches Wissen mit seinem Erfahrungswissen und korrigierte sogar ersteres.23 Wenn Marco Polo in seiner Reisebeschreibung auf bekannte Topoi zurückgriff, dann beurteilte er diese oder stellte sie kritisch infrage. Ebenfalls darf nicht außer Acht gelassen werden, dass sein „Mitautor“, Rusticello da Pisa, ein großen Teil an topisch geprägten Schilderungen beigetragen haben dürfte.24 Im Vergleich zu den Reiseberichten von Odorico da Pordenone und im besonderen Maß zu dem von Jean de Mandeville finden sich im Werk „Il Milione“ wesentlich weniger wundersame Berichte über fremde Wesen oder seltsame Zwittergestalten. Das Publikum seines Reiseberichts erwartete jedoch genau derartige Beschreibungen. Marco Polos nüchterne Ansichten über die Fremde dürften wohl die Vorstellungen der Menschen überstiegen haben. Sie konnten in seinen Ausführungen nur wenig auf bekannte Tatsachen über die Wunder im Osten zurückgreifen. Schnell wurde daher an der Glaubwürdigkeit seiner Reisebeschreibungen gezweifelt und man betitelte ihn als Lügner.25

[...]


1 Marco Polo: Il Milione. Die Wunder der Welt, übers. u. hrsg. von Elise Guignard, Zürich 1983, Kap. I, S. 7.

2 Brenner, Peter J.: Die Erfahrung der Fremde. Zur Entwicklung einer Wahrnehmungsform in der Geschichte des Reiseberichts, in: ders. (Hg.): Der Reisebericht. Die Entwicklung einer Gattung in der deutschen Literatur, Frankfurt am Main 1989, S. 27.

3 Heimann-Seelbach, Sabine: Subjektivität zwischen Heilsordnung und Weltordnung. Stephans von Gumpenberg „Wahrhaftige Beschreybung der Meerfart (1417/18), in: von Ertzdorff, Xenja / Giesemann, Gerhard (Hg.): Erkundung und Beschreibung der Welt. Zur Poetik der Reise- und Länderberichte; Vorträge eines interdisziplinären Symposiums vom 19. bis 24. Juni 2000 an der Universität Gießen (Chloe 34), Amsterdam / New York 2003, S. 111.

4 Brenner (1989), S. 19.

5 Wenzel, Horst: Autobiographie und Reisebeschreibung, in: Bennewitz, Ingrid (Hg.): Von der Handschrift zum

6 Knefelkamp, Ulrich: Der Reiz des Fremden in Mittelalter und früher Neuzeit. Über Neugier und Wissen

europäischer Reisender, in: Hundsbichler, Helmut (Hg.): Kommunikation und Alltag in Spätmittelalter und früher Neuzeit (Veröffentlichungen des Instituts für Realienkunde des Mittelalters und der Frühen Neuzeit 15), Wien 1992,

S. 294.

7 Murath, Clemens: Intertextualität und Selbstbezug - Literarische Fremderfahrung im Lichte der konstruktivistischen

Systemtheorie, in: Fuchs, Anne / Harden, Theo (Hg.): Reisen im Diskurs. Modelle der literarischen Fremderfahrung von den Pilgerberichten bis zur Postmoderne (Neue Bremer Beiträge 8), Heidelberg 1995, S. 4.

8 Knefelkamp (1992), S. 295.

9 Ebd.

10 Knefelkamp (1992), S. 297.

11 Bremer, Ernst, 'Marco Polo', in: Die Deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon, Berlin[u.a.] 2010, Bd. 7, Sp. 771.

12 Reichert, Folker E.: Marco Polos Buch. Lesearten des Fremden, in: Harth, Dietrich (Hg.): Fiktion des Fremden. Erkundung kultureller Grenzen in Literatur und Publizistik, Frankfurt am Main 1994, S. 181.

13 Rossi, L., 'Rusticiano da Pisa', in: Lexikon des Mittelalters, München 1995, Bd. 7, Sp. 1122.

14 Bremer, 'Marco Polo', Sp. 173-175.

15 Reichert (1994), S. 184.

16 Reicher, Folker E.: Begegnungen mit China. Die Entdeckung Ostasiens im Mittelalter (Beiträge zur Geschichte und Quellenkunde des Mittelalters 15), Sigmaringen 1992, S. 119.

17 Röcke, Werner: Wunder der Fremde und der Traum vom Reisen. Darstellungsmuster der Neuen Welt in Augsburger Frühdrucken des 15./16. Jahrhunderts, in: Berger, Günter / Kohl, Stephan (Hg.): Fremderfahrung in Texten des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit (Literatur, Imagination, Realität 7), Trier 1993, S. 91.

18 Marco Polo: Il Milione, Kap. LXXXIV, S. 130-133.

19 Pochat, Götz: Das Fremde im Mittelalter. Darstellung in Kunst und Literatur, Würzburg 1997, S. 104.

20 Pochat (1997), S. 104.

21 Marco Polo: Il Milione, Kap. CLXXIII, S. 301f; vgl. dazu Meier, Frank: Gefürchtet und Bestaunt. Vom Umgang mit dem Fremden im Mittelalter, Ostfildern 2007, S. 47.

22 Ebd., Kap. XXIII, S. 32; vgl. dazu Kap. XXIX, S. 40.

23 Beschreibung des Greifen auf Madagaskar: Ebd., Kap. CXCII, S. 364, vgl. dazu Beschreibung eines Nas- bzw. Einhorns auf der Insel Java: Ebd., Kap. CLXVII, S. 294.

24 Pochat (1997), S. 94.

25 Röcke (1993), S. 93; vgl. dazu Wittkower, Rudolf: Allegorie und Wandel der Symbole in Antike und Renaissance

Details

Seiten
27
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656857808
ISBN (Buch)
9783656857815
Dateigröße
559 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v285400
Institution / Hochschule
Universität Konstanz
Note
1,3
Schlagworte
subjekt fremde reiseberichte odorico pordenone marco polo jean mandeville umsetzung fremderfahrung

Autor

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Titel: Das Subjekt und die Fremde. Die Reiseberichte des Odorico da Pordenone, Marco Polo und Jean de Mandeville