Lade Inhalt...

Die Möglichkeiten ressourcenorientierter Arbeit mit einem "Schlager"-Chor älterer Menschen im Alten- und Pflegeheim

Projektarbeit 2014 23 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Musik als ressourcenorientierte Handlungsform
2.1. Die Bedeutung und die Möglichkeiten des Singens mit älteren Menschen
2.2. Das Chorische Singen mit alten Menschen
2.3. Kriterien der Liedauswahl für gruppenmusikalische Angebote im Alten – und Pflegeheimen

3. Bedingungsanalyse und Situationsanalyse
3.1. Die Institution
3.2. Das Klientel
3.3. Die Rahmenbedingungen

4. Das Projekt eines gruppenmusikalischen Angebotes
4.1. Die Idee vom ‚Schlagerchor‘
4.2. Die Vorbereitung des Projektes
4.2.1. Die technische Vorbereitung
4.2.2. Die inhaltliche Vorbereitung

5. Der Verlauf des Projektes
5.1. Die erste Angebotsstunde
5.1.1. Zielstellungen
5.1.2. Stundenbild - Idee
5.1.3. Reflexion
5.2. Die zweite Angebotsstunde
5.2.1. Zielstellungen
5.2.2. Stundenbild-Idee
5.2.3. Reflexion

6. Resümee

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Über eine Weiterbildung als Musiklehrer für soziale Berufe an einer Höheren Berufsfachschule in Thüringen bin ich zum, Weiterbildungsseminar MUSIKGERAGOGIK der TH Münster an der Landesmusikakademie in Sondershausen gekommen. Diese Weiterbildung hat sowohl meine Einstellung zum Thema als auch meinen Unterricht in der Altenpflege grundlegend verändert. Es sind nicht die vielfältigen Möglichkeiten und Methoden, die mir als Musiktherapeut auch vorher in einem andern Kontext schon bekannt waren, sondern das grundsätzliche Herangehen an Bildungs- und Kulturangebote mit alten Menschen.

Inwieweit sind alte Menschen noch lernfähig? Ist das wirklich so, dass ein älterer Mensch Mitte Siebzig oder Anfang Achtzig noch vollkommen Neulernen kann? Soll ich den üblichen fachdidaktischen Hinweisen folgen, die mir suggerieren, dass es für alte Menschen nicht mehr möglich sein wird nach Noten oder Mehrstimmig zu singen?

Diese Abschlussarbeit ist auch eine Plattform des Ausprobierens und des Erkenntniszugewinns. Natürlich gehe ich inzwischen davon aus, dass all diese Fragen positiv zu beantworten sein werden und möchte mit der folgenden Facharbeit den Beweis dafür antreten. Dabei ist das Thema, das meine musiktherapeutische Prägung nicht ganz verleugnen kann mehr zu mir gekommen, als das ich es mir ausgesucht hätte.

Im Verlaufe der Abschlussarbeit möchte ich die theoretischen Fundamente meines Herangehens abstecken und auf den Beginn meines Projektes im Alten – und Pflegeheim Schmalkalden näher eingehen.

2. Musik als ressourcenorientierte Handlungsform

„Junge Menschen haben durch die Improvisation viele Möglichkeiten, ihre Identität zu formen, zu testen und zu finden, alte Menschen können sie neu entdecken und zurück-gewinnen. Dies erfordert, nach unseren Erfahrungen, unterschiedliche Herangehensweisen, was die Handlungsfelder, die Handlungsstrategie angeht. So liegt bei der Arbeit mit jungen Menschen der Schwerpunkt auf dem sozial-interaktionellen Handlungsfeld, wobei das Wahrnehmen eine bedeutende Rolle spielt. Bei der Arbeit mit dem alten Menschen liegt der Schwerpunkt auf dem wahrnehmungspsychologischen Handlungsfeld.“ [1] Dies ist ein Zitat der jungen Musiktherapeutin S. Göllner aus dem Jahr 2005, die heute die Leiterin des Alten- und Pflegeheimes in Schmalkalden ist, in dem ich meine Angebotsstunden durchführe.

Dieser Ansatz aus der Sozialmusiktherapie ( Akademie für angewandte Musiktherapie Crossen ) Mitte des letzten Jahrzehntes ist ein Indiz für die sich verändernden Auffassungen im Umgang und Einsatz von Musik in Alten- und Pflegeheimen. Tatsache ist aber, dass in den Einrichtungen noch immer die Auffassung: ‚Musik ist nur ein Medium um Erinnerung zu wecken und Restfähigkeiten zu fördern.‘, vorherrscht. (eigene Beobachtungen bei Hospitationen der Altenpflegeschüler in ihren Einrichtungen)

Es ist an den Kultusministerien der Länder, als Verantwortliche für die entsprechenden Curricula und an den Fachlehrern Impulse zu setzen, Einstellungen zu verändern und Wissen zu vermitteln. Im Thüringer Lehrplan für die Dreijährige höhere Berufsfachschule von Altenpflegern / innen heißt es lapidar nur: „Sie haben Bewusstsein für die Bedeutung von Musik und Rhythmik für den älteren Menschen. Sie kennen Liedgut älterer Menschen und setzen dies situationsgerecht ein. Sie können Angebote auswählen und situationsgerecht umsetzen.“ [2] Das Kultusministerium Rheinland-Pfalz geht zwar schon einen Schritt weiter, in dem sie die Schüler auf biografiebezogene Arbeit mit alten Menschen fokussiert, aber trotzdem Musik als eine Handlungsform präsentiert, die tendenziell der Vergangenheitsbewältigung, Respektive dem Rückwärtsschauen zuzuordnen ist. Hier heißt es:

„ An biografieorientierten tagesstrukturierenden Maßnahmen und besonderen Angeboten mitwirken und dabei an aktuellen oder früheren Interessen anknüpfen“ [3]

In vielen Lehrplänen (z.B. Sachsen, Niedersachen und Sachsen-Anhalt) finden sich ähnliche Ansätze und Formulierungen. Nur in den bayrischen Veröffentlichungen zu den Ausbildungsrahmenplänen und den Ausbildungsrichtlinien findet man nicht einmal das Wort Musik in der Veröffentlichung.

In dieser Arbeit werde ich Möglichkeiten erproben und untersuchen, die die Handlungsform Musik als ein Feld des ‚Neuentdeckens‘, des ‚Weiterlernens‘ und des ‚Neue Wege gehen‘ versteht. Unter dieser ‚Erprobung von neuen Möglichkeiten‘, diesem ‚Öffnen neuer Türen‘ und dem Ausprobieren des ‚Nie Gewagten‘ verstehe ich das in meinem Thema postulierte ressourcenorientierte Arbeiten.

Durch die Fixierung auf das o.g. Thema möchte ich die Abschlussarbeit auf das Singen mit alten Menschen konzentrieren und werde mich mit den anderen musikalischen Möglichkeiten des Musizierens mit alten Menschen nur insoweit beschäftigen, als sie das Singen betreffen.

2.1. Die Bedeutung und die Möglichkeiten des Singens mit älteren Menschen

„Gerade das Alter eröffnet schöne Möglichkeiten, mehr zu singen, das Singen wieder oder auch ganz neu für sich zu entdecken. Dabei geht es weniger um die Qualität der eigenen Stimme – man muss nicht über die Stimmgewalt eines Heldentenors oder die Strahlkraft einer Koloratursopranistin verfügen – als vielmehr um das gute Gefühl, das das Singen verschaffen kann.“ [4] Herr Wickel bewertet das Singen als ‚schöne Möglichkeit‘ in seinem Buch. Es ist aber auch die einfachste und unkomplizierteste Möglichkeit mit Einzelnen oder Gruppen von älteren Menschen in eine gemeinsame Schwingung zu kommen und sie abzuholen. So einfach und zugänglich diese Handlungsform ist, so viel Potential bietet sie auch.

Die Dimension der Bedeutung des Singens und der Lieder ist für die jüngere Generation (auch der heutigen Altenpfleger/innen), die mit CD, Music-TV, mit DSDS und all den mehrkanaligen und hochgestylten Musikprodukten aufgewachsen ist, kaum noch nachzuvollziehen. Das Lied zur ‚Klampfe‘ oder dem ‚Schifferklavier‘ stellte oft die einzige Möglichkeit dar über Musik Gemeinschaft zu erleben. Das Singen in den Jugendverbänden des 3. Reiches und der DDR sind für die meisten älteren Menschen so prägende Erlebnisse gewesen, dass sie auch heute noch dem gemeinsamen Singen viel offener und aufgeschlossener Gegenüberstehen, als ich das bei den jugendlichen und jungerwachsenen Schülern der Altenpflege feststellen kann. Auch Heidrun Harms und Gaby Dreischulte kommen zu dem selben Schluss, wenn sie ausführen: „Bei der älteren Generation ist … viel seltener ein Abwehrverhalten gegenüber dem Singen anzutreffen. Vielleicht liegt dies im Allgemeinen positivere Einstellung zum Singen daran, das früher einfach häufiger und selbstverständlicher gesungen wurde als heute. Da kaum jemand ein Radio oder eine Plattenspieler besaß, sang und musizierte man selbst.“ [5] Die in diesem Kapitel von den Autorin angesprochenen negativen Singerfahrungen der heute älteren Menschen wird es sicher en masse gegeben haben, sie werden aber nach meinen Erfahrungen durch die positiven Gruppenerlebnisse so stark überlagert, dass sie für den älteren Menschen nicht von Bedeutung sind. Noch nie habe ich von einem alten Menschen gehört: „Ich singe nicht gern!“ oder „Singen, das mag ich nicht!“. Öfter hörte ich schon: „Bei uns wurde nicht gesungen!“ oder „Das Singen hat bei uns früher keine Rolle gespielt!“. Aber genau diese Menschen sitzen dann oft in den Runden in denen gesungen wird und singen oder summen die Lieder mit.

„Die heutige ältere Generation hat mit dem Lied ihre eigenen Erfahrungen gemacht. Kindheit, Jugend und ein Teil des Erwachsenenlebens wurde mitgeprägt durch die Stellung, die die Musik, vor allem das Liedersingen in der Erziehung und im Leben einnahm. Das Selber-Musikmachen oder das Liedersingen war Unterhaltung und Lernen zugleich. … Man sang und musizierte noch selbst. Es wurde überall gesungen: Zu allen Tageszeiten, zu Hause, in der Kinderstube, in der Schule, in der Kirche, bei der Arbeit, im gesellschaftlichen Leben und in Vereinen. Das Lied übernahm gesellschaftliche Funktionen.“ [6] Lieder hatten mehrstufige Funktionen im jungen Leben der heutigen alten Menschen. Das ist es, was den Zugang zum Singen so erleichtert und den Einstieg in musikalische Gruppenaktivitäten über das Singen so komfortabel macht.

2.2. Das Chorische Singen mit alten Menschen

Wer noch nie in seinem Leben gesungen hat, wird große Schwierigkeiten haben, im Alter damit zu beginnen. Verschüttete Talente kann man ja freilegen, aber wer ohne Talent ist, bei dem nützt auch die Förderung nichts mehr. Die zunehmende Schwerhörigkeit und Gedächtnisprobleme erschweren das Lernen zusätzlich und wer total daneben singt stört die Singfreude seiner Altersgenossen empfindlich und sollte sich besser am Zuhören erfreuen.[7]

Welch niederschmetternde Prognose des Herrn Buchegger auf seiner Email Seite zum (Chor) Singen mit alten Menschen. Mit dieser Aussicht bräuchte ich es an sich gar nicht zu wagen mit älteren Menschen ohne jegliche Chorerfahrung, ja zum Teil ohne größerer Sing- und Liederfahrung eine Gesangsgruppe mit mehrstimmigem Liedrepertoire zu gründen. Auf der ansonsten interessanten und wissenswerten Seite werden von ihm aber auch solche Aussagen getroffen wie:

Der Hauptfehler ist die Erwartung, dass man mit Menschen über 65 generell immer noch musikalische Spitzenleistungen erbringen kann. Man kann es nicht und die vielen Fehl-Versuche führen fast immer dazu, dass dann die Seniorinnen und Senioren das Singen ganz aufgeben. Das Problem ist immer der Aufführungsdruck und die Angst vor Blamagen. Vergesst es Chorleiterinnen und Dirigenten, wer Spitzenchöre haben will und damit in Konzerten brillieren will, muss sich junge Sänger suchen![8] Der Autor scheint seinem ‚Hauptfehler‘ bei seiner Einschätzung selbst aufgesessen zu sein. Oder es ist die Fixierung auf die Aufführung als Ziel und Bestätigung von musikalischen Aktivitäten, die zu dieser, von mir in dieser Arbeit gern zu wiederlegenden These führt.

Aber auch bei Harms und Dreischulte finde ich diese Bewertung des mehrstimmigen Gesangs wieder. Hier heißt es: „Es ist für alte Menschen, die nie gewohnt waren, mehrstimmig zu singen, sehr schwierig, eine neue Melodie (2. Stimme) zu erlernen und dann noch gegen eine von der anderen Gruppe gesungene wohlvertraute Hauptmelodie zu singen. Die Sänger der anderen Stimmen rutschen leicht wieder in die bekannte Melodie ab.“ [9] Von den Autorinnen ist dieses Buches für die Aus- und Weiterbildung von Altenpflegern konzipiert worden. Es ist für mich schon verständlich das sie mit diesen Sätzen eine Leistungsdruck und ein Überforderung verhindern wollen, obwohl mich schon die Formulierung des ‚gegeneinander Singens‘ sehr stört. Wissen denn die Kolleginnen nicht, wie lustvoll und spaßig die Erarbeitung von 2. und 3. Stimmen in einer ‚leistungsfreien‘ Gruppe sein kann? Hier sind die Fehler nicht nur ‚vorprogrammiert‘ sondern auch immer ein Grund zum Lachen und der Freunde. Aber auch das Bewusstmachen der Schönheit beim Aufblühen einer Harmonie oder der Witzigkeit eines frechen Ostinato fällt hier leider vollkommen unter den Tisch.

[...]


[1] Göllner, Susanne: Musiktherapeutisches Arbeiten mit alten Menschen in: Improvisation-Therapie-Leben, Materialien zur zweiten wissenschaftlichen Tagung der Akademie für angewandte Musiktherapie Crossen, Hrsg. U.Haase und A.Stolz, Crossen 2005

[2] Thüringer Lehrplan für berufsbildende Schulen https://www.google.de/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=1&cad=rja&uact=8&ved=0CCEQFjAA&url=https%3A %2F%2Fwww.schulportal-thueringen.de%2Fweb%2Fguest%2Fmedia%2Fdetail%3Ftspi%3D1782&ei =sLV8VLS0DIL4ygPCkoDABA&usg=AFQjCNHqiovpl3Z5xMv2t_ekrLIUDQvpPg (abgerufen 01.12.14, 18:32)

[3] Rheinland-Pfalz Lehrplan und Rahmenplan für die Fachschule Altenpflege Fachrichtung Altenpflegehilfe, Modul 5 Alte Menschen bei der Lebensgestaltung unterstützen; http://www.google.de/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=8&cad=rja&uact=8&ved=0CEsQFjAH&url=http%3A% 2F%2Fesf.rlp.de%2Ffileadmin%2Fesf%2FDownloads%2FESF_2014- 2020%2FRahmenbedingungen%2FFA_Vorbereitung_auf_die_Altenpflegehilfeausbildung_Anlage_2.pdf&ei=lbZ8VJrHPOW 1ygPX-YCwBw&usg=AFQjCNGihIS7rYXoyvXqP4v-4ZnEjYnv9Q (abgerufen 01.12.14, 19:59)

[4] Wickel, Hans Hermann: Musik kennt kein Alter, Carus-Reclam, Stuttgart 2013, S.80

[5] Harms, Heidrun; Dreischulte, Gaby: Musik erleben und gestalten mit alten Menschen, Urban & Fischer, 3. Auflage, Ulm 2007, S.25

[6] Latz, Inge: Musik im Leben älterer Menschen, Dümmler Verlag, Bonn 1998, S.8

[7] Buchegger, Otto: http://www.seniorenfreundlich.de/singen.html (abgerufen 02.12.14, 18:13)

[8] ebenda

[9] Harms, Heidrun; Dreischulte, Gaby: Musik erleben und gestalten mit alten Menschen, Urban & Fischer, 3. Auflage, Ulm 2007, S.42

Details

Seiten
23
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668705753
ISBN (Buch)
9783668705760
Dateigröße
595 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v285732
Note
Schlagworte
möglichkeiten arbeit schlager menschen alten- pflegeheim

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Die Möglichkeiten ressourcenorientierter Arbeit mit einem "Schlager"-Chor älterer Menschen im Alten- und Pflegeheim