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Die Spieltheorie Piagets zur kindlichen Entwicklung in ihrer Bedeutung für die Theorie des Erwachsenenspiels

Hausarbeit 2009 14 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Soziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Spieltheorie Jean Piagets
2.1. Grundbegriffe
2.2. Entwicklungsphasen
2.3. Die Spielarten
2.4. Das Erwachsenenspiel im theoretischen Gesamtkontext

3. Die Theorien des Erwachsenenspiel
3.1. Karl Groos Theorie der Vorübung
3.1.1. Der evolutionäre Charakter des Spiels
3.1.2. Das Erwachsenenspiel bei Groos
3.2. Arbeit und Spiel
3.2.1. Freizeittheorie
3.3. Die psychologische Bedeutung des Spiels
3.4. Weitere spieltheoretische Ansätze
3.5. Übertragung von Piaget auf das Erwachsenenspiel ?

4. Zusammenfassung /Fazit

5. Quellen

1. Einleitung

Das Erwachsene spielen, ist ein alltägliches Phänomen, welches kaum besondere Beachtung findet. Eine Analyse dieses Erwachsenenspiels findet auch deswegen nicht statt, weil es als solches nicht erkannt bzw. anerkannt wird. Zum einen wenn ein Erwachsener mit Kindern spielt oder zum anderen, wenn ein Erwachsener wie ein Kind spielt. Letzteres wird meist als kindisches Verhalten beschrieben, jemand entdeckt das Kind im Manne (eine interessante Frage bleibt, ob die Entsprechung auch für die Frau gelten kann). Jedoch dass ein Erwachsener als Erwachsener spielt wird meist nicht explizit angenommen. Man findet zwar Spiel und Spieler im Sport und anderen Hobbybereichen, doch wird hierbei meist auf den Wettkampf, als vielmehr auf das spielen abgezielt. Jean Piaget hat in seiner Entwicklungspsychologie eine umfangreiche Spieltheorie aufgestellt. Er hat das kindliche Spiel beobachtet und systematisiert, er hat die Bedeutung des Spiels für die kognitive Entwicklung erkannt und zum Bestandteil seiner Gesamt-Entwicklungstheorie der kindlichen Intelligenz gemacht. Den Schwerpunkt in Piagets Schriften bildeten immer die früh- bzw. kindliche Entwicklung, daher ist es nicht weiter verwunderlich, dass er dem Erwachsenen und damit auch dem Erwachsenenspiel nicht viel Beachtung geschenkt hat. In dieser Arbeit möchte ich mich daher mit der Frage auseinandersetzten, in wie weit es möglich ist Piagets Spieltheorie auf das Erwachsenenspiel zu übertragen. Ziel meiner Überlegungen soll dabei sein, Antworten bzw. Antwortansätze auf die Frage zu finden, warum wir (als Erwachsene) überhaupt spielen. Damit soll in dieser Hausarbeit nicht auf das Spielen im Sinne einer Entscheidungstheorie abgezielt werden, wie es in der mathematischen Spieltheorie zum Ausdruck kommt (z.B. bei Colman 1982: „Game Theory is a branch of mathematics devoted to the logical of decision making in social interactions.“) , sondern im Sinne des Spielens eines Spiels. Darunter verstehe ich eine Tätigkeit die sich bewusst abgrenzt vom Nicht-Spiel, man könnte sagen vom Ernst des Lebens. Huizinga hat dafür eine sehr praktikable Definition aufgestellt: „Spiel ist eine freie Handlung oder Beschäftigung, die innerhalb festgesetzter Grenzen von Zeit und Raum nach freiwillig angenommen, aber unbedingt bindenden Regeln verrichtet wird, ihr Ziel in sich selber hat und begleitet wird von einem Gefühl der Spannung und Freude und einem Bewusstsein des Andersseins als das gewöhnliche Leben.“ (zitiert nach Pfeifer 1991, S. 97) Zur Eignung des Ernstes als Abgrenzungskriterium stellt Baatz fest: „Spielerischer Ernst ist Spiel, ernsthafter Ernst ist es nicht. So ist die Trennung zwischen Spiel und Ernst asymmetrisch: ernsthafter Ernst schließt Spiel aus, ernsthaftes Spiel ist beides.“ (Baatz/Müller-Funken 1993) Das heißt bezogen auf meine Leitfrage, dass ich Gründen für regelhafte Beschäftigungsformen von Erwachsenen suche, die ihrem Reiz und ihre Unterscheidung zu anderen Beschäftigungsformen des alltäglichen Lebens, wie z.B. Arbeit, vielleicht gerade dadurch gewinnen, dass die keinen absoluten Ernst verlangen. Diese Frage stellte sich mir bei der ersten Lektüre von Piagets Werk „Nachahmung, Spiel und Traum“ als er ein Spielverhalten von Kindern beschrieb, welches darin bestand, die Lücken zwischen Gehwegplatten nicht zu berühren. Ich ertappte mich bei dem Gedanken, dass ich dieses Verhalten auch manchmal zeige. Vor allem wenn ich tief in Gedanken bin, scheine ich mich auf den ersten Blick völlig sinnlosen Tätigkeiten hinzugeben. Sobald ich diesen Blickwinkel erweitere kommt es mir so vor, als würde ich und alle anderen auch, sehr viel Zeit mit zweckfreien Tätigkeiten verbringen, angefangen bei Befolgung von solchen Sinnlos-Regeln und Zählen von den Glasteilen der Kronleuchtern im Audimax, hin zu Rollenspielen, Gesellschaftsspielen und vor allem Sportspielen. Wobei bei letzteren sogar das reine Zuschauen bei Sportwettkämpfen großen Anklang findet. Wie kann man es also erklären, dass wir so viel Zeit auf solch scheinbar sinnlose Tätigkeiten verwenden? So sinnfrei sie aber auf den ersten Blick für mich erschienen, so sinnvoll erschienen mir die Erklärungsmuster des zweiten Blicks. Bekämpfung von Langeweile, Ordnung von Gedanken, psychologische Bewältigung von Lebenskrisen durch Rollenübernahme, Einüben von Empathie, Sozialisation, Aggressionsbewältigung, Ausgleich, Erholung u.v.m. Es ist also durchaus lohnenswert die theoretischen Abhandlungen und Erklärungsmuster zu sichten. Dabei soll im Fokus bleiben, ob sich die theoretischen Ansätze von Piaget über da Kinderspiel ebenso gut auch auf das Erwachsenenspiel übertragen lassen.

2. Die Spieltheorie Jean Piagets

2.1. Grundbegriffe

Den spieltheoretischen Ansatz von Piaget kann man nur im Kontext seiner Gesamttheorie bzw. seiner grundlegenden Begriffe und Mechanismen verstehen. Piaget beschreibt die kognitive Entwicklung eines Kindes/ eines Menschen als einen Anpassungsprozess (Adaption). Dabei stehen sich zwei grundlegende Begriffe gegenüber: Assimilation und Akkommodation. Unter Assimilation versteht er, dass anpassen von Wissen an Vorwissen. Wohingegen die Akkommodation das modifizieren bestehenden Wissen an die Umwelt ist. Also gilt: " Die Akkommodation ist durch das Objekt bestimmt, während die Assimilation durch das Subjekt bestimmt ist." (Bringuier 1977, S.76). Wenn man also diese beiden Prozesse als gegenläufig betrachtet, so muss es eine Form des Ausgleichs zwischen ihnen geben, Piaget bezeichnet diese als Äquilibration " Sie ist die Selbstregulierung, Ein Gleichgewichtssystem ist ein solches, in dem alle Fehler korrigiert und jedes Übermaß nach oben und unten ausgeglichen werden. Es ist kein statisches Gleichgewicht wie bei einer reglosen Waage, es ist die Regulierung eines Verhaltens." (Bringuier 1977, S.78) Das Spiel bei Piaget charakterisiert sich aber gerade durch eine Form des Ungleichgewichts, beim Spiel überwiegt die Assimilation. "Es gibt nur noch eine Assimilation an die eigene Aktivität, d.h., das Phänomen wird nur noch benutzt aus der Freude am Handeln, und gerade darin besteht das Spiel." (Piaget 1993, S.123)

2.2. Entwicklungsphasen

Bevor wir uns aber dem Zweck des Spiels genauer zuwenden, ist es von sinnvoll sich die Unterscheidungen nach den Spielarten und ihre Verortung in einer bestimmten Entwicklungsphase in Piagets Theorie näher zu betrachten. Die Entwicklung teilt sich nach Piaget in vier Phasen: 1. Die Sensomotorische Phase, sie dauert von der Geburt bis etwa zum 18.Lebensmonat. Sie ist gekennzeichnet vor allem durch Reflexe, Ich-Bezogenheit, Absicht-Wirkungs-Relationen, Imitation, Ausprobieren. Ihr schließt sich 2. Die präoperatorische Stufe an, sie ist zwischen dem 18.Lebensmonat und dem 7.Lebensjahr angesiedelt. Ihre besonderen Kennzeichen sind Übergange/Transformationen, Nachdenken im Geiste, Symbolbildung, Sprache, Objektpermanenz, Egozentrismus. Ihr folgt 3. Die Konkret-operatorische Phase, sie umfasst den Zeitraum des 7.bis 12.Lebensjahres. In ihr spielen vor allem das Operieren mit Informationen, das Umkehrdenken (Reversibilität), die Dezentrierung und die Erkennung von Äquivalenz eine Rolle. Danach erfolgt der Übergang in 4. Die formal-operatorische Phase, dort kommt es zur Entwicklung von Hypothesen und Strategien im Zuge einer Systematisierung.

2.3. Die Spielarten

Innerhalb dieses Gesamtkonstrukts der kognitiven Entwicklung erlangt das Spieleine besondere Bedeutung. So ist den Entwicklungsphasen jeweils eine spezifische Art von Spiel zuzuordnen. Piaget unterscheidet dabei Übungsspiele, Symbolspiele und Regelspiele. Übungsspiele sind sensomotorischer Natur, sie sind getragen von der „Lust, Ursache zu sein“ (Piaget 1993, S.122), ein typisches Beispiel ist das Spiel, mit der Hand auf Wasser zu schlagen oder Dinge fallen zu lassen. Symbolspiele dagegen sind in der präoperationalen Phase anzusiedeln, sie dienen der Kompensation, der Regulierung von Wünschen, der Konfliktbewältigung, sowie der Sprachentwicklung. Typische Beispiele finden sich in Phantasiegefährten oder Spielen bei denen Gegenstände eine andere Funktion bekommen, z.B. wenn eine Nussschale ein Trinkgefäß symbolisiert. Dabei betont Piaget die freie und ungehinderte Befriedigung des Ich in einer Periode seines Lebens, in der es diese am nötigsten braucht. (vgl. Pulaski 1971). Für ihn ist "Symbolisches Denken, das sich im Spiel entfaltet, nichts anderes als das egozentrische Denken im reinen Zustand."(Piaget zitiert nach Pulaski 1971, S.101) Abgelöst wird das Symbolspiel durch das Regelspiel, dieses tritt in der konkret-operationalen Phase zu Tage und gewinnt bis in die formal-operatorische Phase an Bedeutung. Es hat vor allem sozialisierenden Charakter, ein klassisches Beispiel ist das Murmelspiel. Das Regelspiel bringt die spielerische Assimilation mit der sozialen Reziprozität in Einklang, es ermöglicht so den Übergang vom Kinderspiel, zum Erwachsenenspiel. Welches gekennzeichnet ist durch das Streben des Individuum einen Sieg über andere zu erlangen, im Einklang mit den Regeln (vgl. Piaget 1993, S.217) „Regelspiele sind sensomotorische Kombinationsspiele (Laufspiel, Murmel-oder Ballspiele, usw.) oder intellektuelle Kombinationsspiele (Kartenspiele, Schach, usw.) und zwar in einem Wettstreit zwischen Individuen (ohne dies wäre die Regelsinnlos), und sie sind reglementiert entweder durch Normen, die von Generation zu Generation überliefert werden, oder durch im Augenblick getroffene Übereinkommen." (Piaget 1993, S.185)

2.4. Das Erwachsenenspiel im theoretischen Gesamtkontext

Das Erwachsenenspiel nach Piaget unterscheidet sich daher vom Kinderspiel, durch den überwiegenden Wettkampfcharakter. Während die anderen Spielstufen zuallererst Bestandteil der kognitiven Entwicklung des Kindes sind. Wenn wir also nochmals grundlegend von den Zwecken des menschlichen Verhaltens ausgehen, welche nach Piaget in „1) Ausweitung des Milieus, 2) Vergrößerung der Macht des Organismus über das Milieu."(Bringuier 1977, S.172) liegen. So ergeben sich aus dem überwiegen der Assimilation beim Spiel zwei kognitive Verarbeitungsschritte 1. aktive Wiederholung (Reproduktion) und Konsolidierung (Funktionell) 2. geistige Verarbeitung (Wahrnehmung, Begreifen und Inkorporation). Betrachten wir unter diesem Hintergrund noch einmal zusammenfassend die drei Spielarten sowie ihre Relevanz für Erwachsene, so kennzeichnet da Übungsspiel vor allem die Wiederholung zum Erlernen von Handlungen. Im Erwachsenenalter beherrscht man im Regelfall seine motorischen Fähigkeiten, in den meisten Fällen sogar stark automatisiert und man ist sich der Ursache-Wirkung-Relation bewusst. Jedoch müssen auch wir unsere Schema ständig an neue Begebenheiten anpassen, bestes Beispiel Autofahren lernen, der spielerische Charakter ergibt sich aus der Erprobung des Neuen. Dazu Piaget : „" Selbst der Erwachsene reagiert häufig noch auf die gleiche Weise: Es fällt recht schwer, wenn man zu ersten Mal ein Radiogerät oder ein Auto erworben hat, sich nicht damit zu vergnügen , das eine einzuschalten oder im anderen spazieren zu fahren, ohne einen anderen Zweck, als sich daran zu freuen, seine neuen Möglichkeiten zu erproben. Es ist ebenso schwer eine neue akademische Funktion zu übernehmen, ohne sich in der ersten Zeit ein wenig an dem neuen Verhalten zu erfreuen, das man in der Öffentlichkeit ausübt. Zweifellos wird jedes Übungsspiel schließlich langweilig und führt zu einer Form von Sättigung, da sein Gegenstand keine Gelegenheit zu irgendwelchem Lernen gibt." (Piaget 1993, S.151) Kommt zu dem reinen Übungsspiel die Phantasie hinzu, befinden wir uns auf der Ebene des Symbolspiels, dieses ermöglicht vor allem ein Nacherleben von Erfahrungen und Eindrücken. Über die Symbolisierung wird auch die Fähigkeit gelernt, sich in andere hineinzuversetzen (Empathie)(vgl. Piaget zitiert nach Pulaski 1971, S.84). Auch für Erwachsene üben Rollenspiele einen großen Reiz aus, das Hineinversetzen in die Charaktere aus Filmen und Romanen ist integraler Bestandteil ihrer Anziehungskraft. Das aktive Rollenspiel hat in der psychologischen Gruppentherapie große Wirkung gezeigt, sei es aktiv in der Familientherapie oder passiv durch symbolische Familienaufstellungen. Das heißt, dass auch Erwachsene über Symbolspiele Situationen zum besseren Verständnis nacherleben. Wenn das Symbolspiel durch das Regelspiel abgelöst wird, tritt vor allem die Sozialisation hinzu. Indem in einer Gruppe gespielt wird, müssen sich die Kinder auf gemeinsame Regeln einigen. Dabei lernen sie allgemeine Regeln von dispositiven Regeln zu unterscheiden. Dabei wird gelernt, dass "Das Wesen der Moral (.) die Achtung vor einem System von Regeln (ist)." (Piaget zitiert nach Pulaski 1971, S.71) Im Normalfall spielen Erwachsene also Regelspiele, welche einen starken sozial-verbindenden Charakter haben. Seien es Gesellschaftsspiele oder Sportspiele, anhand des grundlegenden Konfliktpotentials bei der Auslegung von Kartenspielregeln oder in der öffentlichen Diskussion von Doping, wird schnell klar welch hohen Stellenwert wir der Regeleinhaltung auch oder vor allem im Spiel zumessen. Piaget bezeichnet das Regelspiel als „(…) die spielerische Aktivität des sozialisierten Wesens." (Piaget 1993, S.183) Diese spielerische Aktivität des erwachsenen Menschen soll im zweiten Teil dieser Arbeit anhand weiterer Theoretiker vertiefend betrachtet werden.

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Details

Seiten
14
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656861829
ISBN (Buch)
9783656861836
Dateigröße
425 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v285880
Institution / Hochschule
Universität Erfurt – Staatswissenschaftliche Fakultät- Fachgebiet Allgemeine Soziologie
Note
1,3
Schlagworte
Spieltheorie Piaget Erwachsenenspiele kindliche Entwicklung

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