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Neue Rückenschule als Instrument der betrieblichen Gesundheitsförderung

Ist die Rückenschule als präventive Maßnahme im betrieblichen Setting geeignet?

Hausarbeit 2014 28 Seiten

Medizin - Gesundheitswesen, Public Health

Leseprobe

INHALT

1. Einleitung

2. Hintergründe zu unspezifischen Rückenschmerzen
2.1 Definition und Verlauf von unspezifischen Rückenschmerzen
2.1.1 Definition der unspezifischen Rückenschmerzen
2.1.2 Verlauf bezüglich der Chronifizierung
2.2 Prävalenz und Kosten von unspezifischen Rückenschmerzen
2.2.1 Prävalenz von Rückenschmerzen
2.2.2 Kosten der Rückenschmerzen
2.3 Risikofaktoren der Rückenschmerzentstehung und Chronifizierung
2.3.1 Arbeitsbedingte körperliche Risikofaktoren
2.3.2 Arbeitsbedingte psychosoziale Risikofaktoren
2.3.3 Chronifizierungsbegünstigende psychosoziale Risikofaktoren
2.3.4 Allgemeine arbeitsplatzunabhängige Risikofaktoren

3. Maßnahmen zur Prävention chronischer Rückenschmerzen im betrieblichen Setting
3.1 Vorteile rückenschmerzpräventiver Maßnahmen im Betrieb
3.2 Handlungspunkte zur Prävention von Rückenschmerzen im betrieblichen Kontext
3.3 Verhalten- und verhältnisorientierte Mehrkomponentenprogramme

4. Das Instrument Rückenschule
4.1 Klassische Rückenschulen
4.2 Die neue Rückenschule
4.3 Vergleich von klassischer und neuer Rückenschule
4.4 Inanspruchnahme der Rückenschule in Betrieben

5. Wirksamkeit der betrieblichen Rückenschule
5.1 Wirksamkeit der klassischen Rückenschule
5.2 Wirksamkeit der neuen Rückenschule
5.3 Evaluation der neuen Rückenschule anhand einer Einzelstudie

6. Diskussion über Stellenwert und Grenzen der Rückenschule
6.1 Kritische Betrachtung der Studienlage
6.2 Ausblick und Grenzen des Instruments Rückenschule

7. Verzeichnisse
7.1 Literaturverzeichnis
7.2 Abkürzungsverzeichnis
7.3 Abbildungsverzeichnis
7.4 Tabellenverzeichnis

1. EINLEITUNG

Im "Betriebskrankenkassen" (BKK) Gesundheitsreport 2013 ist zu lesen: "Rückenschmerzen sorgen für die meisten Ausfalltage -Krankenstand 2013 steigt marginal über den Wert von 2012 (...). Obwohl die körperlichen Belastungen der Arbeitnehmer kontinuierlich abgenommen haben, bleibt der Rückenschmerz das Volksleiden Nummer eins." (BKK Presseinformation, 2013). Auch heißt es im Bericht "Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit" (Suga): "Mit 10,0 Milliarden Euro Produktionsausfall und 17,3 Milliarden Euro Ausfall an Bruttowertschöpfung besteht bei Krankheiten des Muskel-Skelett- Systems das größte Präventionspotenzial.“ (Suga 2011, S. 41). Zu dieser Krankheitsklasse zählen vor allem die Rückenleiden. Aktuelle Zahlen des Fehlzeiten-Reports 2013 zeigen, dass Rückenbeschwerden als häufigste gesundheitliche Beschwerden zu 81,3 % in Zusammenhang zum Arbeitsplatz stehen (Badura, Ducki, Schörder, Klose & Meyer, 2013). Wie aktuelle Veröffentlichungen zeigen, sind Rückenschmerzen am Arbeitsplatz ein mit hohen Kosten verbundenes, häufig auftretendes Problem. Es bietet sich daher an im Betrieb Maßnahmen zur Senkung der Arbeitsunfähigkeit durch Rückenschmerzen durchzuführen.

Im Sinne dessen widmet sich die vorliegende Arbeit der Rückenschule als die am häufigsten durchgeführte Maßnahme zur Prävention von Rückenbeschwerden am Arbeitsplatz. Zunächst wird auf die Epidemiologie und Risikofaktoren von Rückenschmerzen eingegangen, anschließend die entstehenden ökonomischen Kosten erläutert und auf die Maßnahmen zur Förderung der Rückengesundheit im Betrieb inklusive der Rückenschule eingegangen. Diese wird in ihrer Wirksamkeit durch Betrachtung von Evaluationsstudien und ihrer Eignung als Instrument der Betrieblichen Gesundheitsförderung (BGF) diskutiert. 1

2. HINTERGRÜNDE ZU UNSPEZIFISCHEN RÜCKENSCHMERZEN

Rückenschmerzen als komplexes Krankheitsbild werden zunächst definiert und anschließend Prävalenz, Kosten und Risikofaktoren der Entstehung und Chronifizierung vorgestellt. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt auf den unspezifischen Rückenschmerzen im beruflichen Setting.

Hintergründe zu unspezifischen Rückenschmerzen

2.1 DEFINITION UND VERLAUF VON UNSPEZIFISCHEN RÜCKENSCHMERZEN

Nachdem Rückenschmerzen nachstehend definiert werden, wird auf deren Verlauf mit der Chronifizierung eingegangen. Letztere ist bei Rückenschmerzen am Arbeitsplatz von besonderer Bedeutung und deshalb bei der Rückenschuldurchführung einzubeziehen.

2.1.1 DEFINITION DER UNSPEZIFISCHEN RÜCKENSCHMERZEN

Rückenschmerzen zählen, wie auch Gelenkerkrankungen, Bindegewebserkrankungen, Wirbelsäulenerkrankungen sowie Erkrankungen des Weichteilgewebes, der Knochen und Knorpel zur Klasse der Muskel-Skelett-Erkrankungen (MSE). Rückenerkrankungen kommen unter den MSE am häufigsten vor (Gröben, Freigang-Bauer & Bös, 2004).

Der Begriff Rückenschmerz ist nicht klar definiert. Da eine deutsche Einteilung nach Regionen fehlt, wird die englischsprachige Einteilung in den oberen und unteren Rücken („low back“) übernommen und der Begriff teilweise mit Kreuzschmerzen („low back pain") oder zusätzlich mit Nackenschmerzen und Brustwirbelsäulenschmerzen gleichgesetzt (Diemer & Burchert, 2002). Kreuzschmerzen bezeichnen unspezifische tiefsitzende Rückenschmerzen. Die Unterscheidung nach der Ursache in spezifische oder unspezifische Rückenschmerzen ist nahestehender als die Unterscheidung nach der Lokalisation (Diemer & Burchert, 2002). Bei der „Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme“ (ICD) entsprechen unspezifischen Rückenschmerzen Sonstigen bzw. nicht näher bezeichneten Affektionen des Rückens. Nach „ICD, 10. Revision, German Modification" (ICD-10-GM) des „Deutschen Instituts für Medizinische Dokumentation und Information" (DIMDI) bezeichnet der ICD-Code M54.5 Kreuzschmerzen und M54.9 Rückenschmerzen die nicht näher bezeichnet sind (ICD, 2013). Wenn die Schmerzen einer eindeutigen Ursache, wie Bandscheibenvorfällen, zugeordnet werden können, spricht man von spezifischen Rückenschmerzen. Diese machen unter 15 % der Fälle aus (Göbel, 2001). Dem Robert-Koch-Institut (RKI) zufolge gibt es keine genetische Prädisposition für unspezifische Rückenschmerzen (Raspe, 2012). Sie sind ohne anatomische und neurophysiologische Ursachen, meist selbstlimitierend und innerhalb weniger Wochen remittierend (Diemer & Burchert, 2002). Da keine zu behandelnde Krankheit vorliegt, werden die Rückenschmerzen bei chronischem Vorliegen als eigenständiges Krankheitsbild betrachtet (Raspe, 2012). Präventive Maßnahmen im Betrieb sind überwiegend auf nicht spezifische Rückenschmerzen bezogen, weshalb sich der vorliegende Bericht mit unspezifischen Rückenschmerzen befasst und den Fokus auf die Kreuzschmerzen legt (Sachverständigenrat für die Konzentrierte Aktion im Gesundheitswesen, Gutachten 2000/2001).

2.1.2 VERLAUF BEZÜGLICH DER CHRONIFIZIERUNG

Besonders bei Schmerzen ohne akute Ursache, worunter auch der unspezifische Rückenschmerz zählt, ist es von hoher Relevanz früh einer Chronifizierung entgegenzuwirken (Diemer & Burchert, 2002). Bei über 7-12 Wochen Dauer werden akute Schmerzen subakut (Göbel, 2001). Eine Chronifizierung liegt ab drei Monaten Schmerzdauer vor. Chronische Rückenschmerzen entstehen aus akuten Rückenschmerzen. Eine höhere Schmerzintensität akuter Rückenschmerzen und eine höhere Zahl an Schmerzphasen mit umso längerer Dauer führen zu einer höheren Wahrscheinlichkeit der Chronifizierung (Raspe, 2012). Präventionsmaßnahmen sollten Risikogruppen für akute Rückenschmerzen bestimmen, um das erstmalige Erscheinen der Rückenschmerzen und dadurch eine Chronifizierung vorzubeugen (Ochsmann, Rüger, Letzel, Kraus & Münster, 2008). Für das chronisch werden sind biopsychosoziale und verhaltensmedizinische Faktoren entscheidend. Chronische Rückenschmerzen zählen mit 80 % zu den häufigsten Schmerzen der deutschen Bevölkerung und liegen zu 80 % in einem komplexen Beschwerde-Syndrom zusammen mit Nacken- und Gelenkschmerzen oder Steifigkeit vor (Nickel & Raspe, 2001). Bei den chronischen Rückenschmerzen sind etwa 80 % innerhalb von zwei Monaten selbstheilend und bei etwa 20 % besteht Behandlungsbedürftigkeit bezüglich Schonhaltungen und Inaktivität um die Arbeitsfähigkeit wieder herzustellen. Sie gehen meist von selbst weg, wenn tägliche Aktivitäten beibehalten, als auch der Arbeitsplatz nicht verlassen wird. Gesundheitsökonomisch sind vor allem die unspezifischen Rückenschmerzen von Bedeutung, da bei chronischen Schmerzen, als einer der größten Kostenpunkte im Gesundheitswesen, eine hohe finanzielle Last durch Arbeitsunfähigkeit (AU) und Frührente als indirekte Kosten entsteht (Diemer & Burchert, 2002). Wiederkehrende oder vorrübergehend nachlassende Rückenschmerzen bedrohen bei jedem Erscheinen von Schmerzepisoden die AU und EU (Nickel & Raspe, 2001). Die dadurch entstehenden Kosten werden im kommenden Abschnitt aufgeführt.

2.2 PRÄVALENZ UND KOSTEN VON UNSPEZIFISCHEN RÜCKENSCHMERZEN

Im Folgenden wird auf die Häufigkeit von Rückenschmerzen in der Bevölkerung und damit verbundene ökonomische Kosten eingegangen.

2.2.1 PRÄVALENZ VON RÜCKENSCHMERZEN

Allgemein sind Rückenschmerzen und Kopfschmerzen die häufigsten Schmerzprobleme die in der deutschen Bevölkerung auftreten (Göbel, 2001). Der Kopfschmerz dominiert in jungen Jahren, ab dem 40. Lebensjahr der Rückenschmerz (Bellach, Ellert & Radoschewki, 2000).

Daten aus dem Bundesgesundheitssurvey 1998 zufolge, sind Rückenschmerzen bei beiden Geschlechtern und in allen Altersgruppen die häufigste Schmerzart, die rund 70 % der Bevölkerung mindestens einmal im Leben betreffen (Pluto & Zober, 2002). Daten aus dem RKI entsprechend, leiden 62 % der Frauen und 56 % der Männer jährlich an Rückenschmerzen (Diemer & Burchert, 2002). Das telefonische Gesundheitssurvey 2003 zeigt ähnliche Ergebnisse. Frauen leiden in allen Altersgruppen signifikant häufiger an Rückenschmerzen mit stärkerer Intensität und längerer Schmerzdauer (Schneider, 2006). Bevölkerungsgruppen unterer Bildungsschichten mit Hauptschulabschluss oder ohne Abschluss sind ebenfalls häufiger betroffen. Rückenschmerzen und depressive Symptome verstärken sich gegenseitig. Die Punktprävalenz liegt bei 27-40 %, die Jahresprävalenz bei 70 % und die Lebenszeitprävalenz bei 80 %, chronisch werden die Beschwerden bei 8-10 % (Sachverständigenrat für die Konzentrierte Aktion im Gesundheitswesen, Gutachten 2000/2001). Die Befragung des „Wissenschaftlichen Instituts der AOK“ (WidO, 2010) ergab eine Gesamtprävalenz von 37,1 %, eine Prävalenz von 30 % bei den unter 20 Jährigen und 40 % bei den über 50 Jährigen. Umso mehr Arbeitsbelastungen im Betrieb, umso mehr Rückenschmerzen. Am höchsten ist die Prävalenz mit 47, 2 % bei gleichzeitigem Termin- und Leistungsdruck und mit 44,8 %.bei als zu hoch empfundenen Arbeitsmengen (Zok, 2010). Bei Erwerbstätigen liegt die 7-Tage Prävalenz bei 34 % wöchentlich und 60 % jährlich (Schneider, Schmitt et al., 2005, zitiert nach Schneider, 2006).

2.2.2 KOSTEN DER RÜCKENSCHMERZEN

Die Notwendigkeit präventiv gegen Rückenschmerzen vorzugehen begründet sich in der hohen Anzahl der AU-Tage und der damit verbundenen sozioökonomischen Folgekosten. Bei Rückenschmerzen entstehen zu 80-90 % indirekte Kosten durch AU, Erwerbsunfähigkeit (EU), Produktionsausfall und 10-20 % direkte Kosten durch medizinische Behandlung, vorwiegend durch chronische Rückenschmerzen (RKI, 2006). Dies zeigt die Abbildung 1 im Vergleich zu anderen Krankheitskosten. Daten der „Allgemeinen Ortskrankenkasse“ (AOK) zeigen, dass Wirbelsäulen- und Rückenerkrankungen 2002 über 17 Prozent aller AU-Tage ausmachten (RKI, 2006).

Abbildung 1: Kosten der Rückenschmerzen im Vergleich zu anderen Krankheitskosten (Staeck, 2012)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

25% der AU-Tage wurden 2006 und 28 % im Jahr 2000 durch MSE, vor allem Rückenbeschwerden, verursacht (BAuA, 2006; WIdO, 2000 zitiert nach Gröben, Freigang- Bauer & Bös, 2004). MSE führen zu 8,5 Mrd. Euro Produktionsausfall und 5,4 Mrd. Euro Bruttowertschöpfungsausfall, (BAuA, 2006). MSE stehen damit an der Spitze der AU- Ursachen und sind zum größten Teil (45 %) auf Rückenschmerzen zurückzuführen. Rückenschmerzen sind die zweihäufigste Diagnose nach Atemwegerkrankungen die 2012 zu 6,7 % der AU-Fälle und 6,2 % der AU-Tage führten (Badura, Ducki, Schörder, Klose & Meyer, 2013). 2011 trat im BKK-Bundesverband die ICD-10-Diagnose M54 Rückenschmerz (unspezifischer Schmerz) als führende Diagnose für AU auf (76 AU-Fälle und 1164 AU-Tage pro 1000 Mitglieder).

2.3 RISIKOFAKTOREN DER RÜCKENSCHMERZENTSTEHUNG UND CHRONIFIZIERUNG

Bei Rückenerkrankungen sind es multifunktionale, arbeitsbedingte und nicht arbeitsbedingte Risikofaktoren die zusammenwirken. Als Basis gilt das Risikofaktorenmodell, welches allgemeine, körperliche und psychosoziale Risikofaktoren unterscheidet (Stadler & Spieß, 2009). Es wird im Folgenden differenziert auf die Risikofaktoren im Einzelnen eingegangen.

2.3.1 ARBEITSBEDINGTE KÖRPERLICHE RISIKOFAKTOREN

Als arbeitsplatzspezifische Risikofaktoren gelten körperlich schwere Arbeit, Fehl- bzw. Zwangshaltung, das Heben und Tragen schwerer Lasten, Arbeiten in gebückter bzw. verdrehter Haltung, Vibrationen oder Ganzkörpervibration, einseitige Haltungen und wiederholte einseitige Bewegungen sowie Nackenschmerzen und kalte oder wechselnde Umgebungstemperaturen (Sachverständigenrat für Konzentrierte Aktion im Gesundheitswesen, Gutachten 2000/2001).

Vor allem die Produktion und der Dienstleistungsbereich, wie Lagerarbeiter, Briefträger, Reinigungskräfte oder Krankenpfleger mit geringem und mittlerem Qualifikationsniveau sind von MSE betroffen (Liebers, Brendler & Latza, 2013). Vorwiegend leiden Arbeitnehmer handwerklicher Berufe oder Berufen mit hohen manuellen Anforderungen an MSE, zeigen die AU-Zahlen die 2003 von 18,5 Mio. Erwerbstätigen ermittelt wurden (BAuA Jahresbericht, 2005-2007). Eine hohe Schmerzbelastung mit einer 7-Tage-Prävalenz von über 34 % findet sich bei Berufen mit Tragen schwerer Lasten, Arbeiten in Rumpfbeugehaltung wie Maurer, Kemptner, Installateuren oder Monteuren (Schneider, 2006). Auch aus dem "Leitfaden zur erfolgreichen Durchführung von Gesundheitsförderungsmaßnahmen im Betrieb" geht hervor, dass Heben und Tragen schwerer Lasten 40% der MSE, vor allem Rückenschmerzen verursachen (Gröben, Freigang-Bauer & Bös, 2004). Hartvigsen et al. stellen bei der Betrachtung von 35 Studien in ihrem Review einen geringfügigen Zusammenhang von Rückenschmerzen bei Berufen im Stehen, Fahren, Heben, Bücken und Tragen fest (Hartvigsen et al., 2000). Wenig Rückenschmerzen lassen sich bei technischen und dienstleistenden Berufen wie Akademiker- und Führungstätigkeiten, Managern, Professoren und Ingenieuren finden sowie bei Fertigungsberufen mit geringer körperlicher Belastung wie Kranfahrer, Laboranten, Floristen, Elektriker und Techniker. Berufen im Sitzen. Nacht- und Schichtarbeit sowie lange Arbeitszeiten gelten nicht als Risikofaktoren (Schneider, 2006).

2.3.2 ARBEITSBEDINGTE PSYCHOSOZIALE RISIKOFAKTOREN

Psychosozial sind es ein hohes Arbeitstempo, hohe Anforderungen und geringe Kontrolle über eigene Arbeitsbedingungen die Rückenschmerzen herbeiführen. Auch monotone Arbeitsaufgaben oder Gratifikationskrisen, mangelnde Rückmeldung und geringe Unterstützung durch Kollegen und Vorgesetzte begünstigen Rückenschmerzen am Arbeitsplatz. Darüber hinaus spielen soziale Konflikte im Beruf mit Arbeitsunzufriedenheit und ein unsicherer Arbeitsplatz eine Rolle (Sachverständigenrat für die Konzentrierte Aktion im Gesundheitswesen, Gutachten 2000/2001). Die Konflikte bzw. ein negatives Sozialklima sowie Arbeitsstress und Arbeitsbelastungen und ein Ungleichgewicht zwischen beruflicher Verausgabung und Belohnung führen zu Rückenschmerzen (Stadler & Spieß, 2009). Rückenbeschwerden werden von Boucsein als Stresserkrankung bezeichnet (1991, zitiert nach Uhle & Treier, 2013). Auch Wieland stellt fest, dass Stress und psychische Belastungen am Arbeitsplatz mit Rückenbeschwerden in direktem Zusammenhang stehen (2009, zitiert nach Uhle & Treier, 2013).

Geringe soziale Unterstützung stellt einen bedeutenden Risikofaktor für Rückenbeschwerden dar, wie Ulich und Wülser zeigen. Bei fehlender Unterstützung besteht eine etwa dreifach höhere Rückenschmerzwahrnehmung (2012). Kollegen- und Vorgesetztenbeziehungen, Betriebsorganisation und Partizipation sind entscheidend für das Wahrnehmen von Kreuzschmerzen (Drupp, 2004). Weitere psychische Risikofaktoren sind individuelle Verarbeitungsmechanismen und Bewältigungsstrategien (Stadler & Spieß, 2009).

2.3.3 CHRONIFIZIERUNGSBEGÜNSTIGENDE PSYCHOSOZIALE RISIKOFAKTOREN

Multifaktorielle psychosoziale Faktoren, familiär und beruflich, führen zur Chronifizierung von Rückenschmerzen (Göbel, 2001). Diese führen zur Entstehung, bilden sich aber auch wenn chronische Rückenschmerzen vorliegen (Diemer & Burchert, 2002). Da die Chronifizierung bei Rückenleiden zu den meisten Kosten führt, werden gesondert psychosoziale Risikofaktoren mit gelber Flagge2 von der Bundesärztekammer herausgestellt. Dazu zählen Konflikte am Arbeitsplatz sowie Arbeit die unbefriedigend ist. Eine depressive Stimmungslage gilt als empirisch gesicherter Risikofaktor (zusammengefasst in Stadler & Spieß, 2009). Zur gelben Flagge zählen zusätzlich das berufsbezogene Stress-Empfinden, Schmerzvermeidungsverhalten, Hilf- und Hoffnungslosigkeit, Katastrophisieren sowie ein passives Schmerzverhalten mit ausgeprägter Schon- und Vermeidungshaltung. Weitere körperliche Beschwerden ohne erkennbare Krankheitsursache, die Somatisierungstendenz und negative Krankheitsvorstellungen kommen als chronifizierungsbegünstigende Faktoren hinzu (Raspe, 2012). Die eigenen Krankheitsvorstellungen wie Ursache, Verlauf und Behandlung sowie das Vorliegen weiterer Schmerzen und körperlicher Beschwerden sind für die Entstehung und den Verlauf relevant (Raspe, 2012). Bezüglich der Rückenschmerzen ist die innere Überzeugung, mit den meist von alleine zurückgehenden Schmerzen umgehen und diese beeinflussen zu können entscheidend. Durch Einstellungsänderung und Weiterführung körperlicher Aktivität kann die Chronifizierung vermieden werden (Kuhnt, 2006).

2.3.4 ALLGEMEINE ARBEITSPLATZUNABHÄNGIGE RISIKOFAKTOREN

Zu den sozialen und lebensstilbedingten Risikofaktoren zählen ein niedriges Einkommen, Bildungsstand und Sozialstatus, das weibliche Geschlecht, ein passiver Lebensstil, ungünstiges Ernährungsverhalten, Übergewicht und Rauchen (Schneider, 2006). Dazu kommen Vorerkrankungen (Liebers, Brendler, Latza 2013; Kuhnt, 2006). Das Bildungsniveau kann als bester Vorhersagefaktor, mit vierfacher Erhöhung bei Hauptschulabschluss, für starke schwerwiegende Rückenschmerzen angesehen werden (Schmidt et al., 2011).

[...]


1 Zum Zwecke besserer Lesbarkeit wird im Bericht von Personen (wie z. B. Beschäftigter, Mitarbeiter) lediglich in maskuliner Form gesprochen. Alle Bezeichnungen beziehen sich jedoch gleichermaßen auf das weibliche Geschlecht.

2 Das Flaggenmodell nach der Bundesärztekammer wird zur Diagnostik und Therapieplanung eingesetzt.

Details

Seiten
28
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656861126
ISBN (Buch)
9783656861133
Dateigröße
699 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v285933
Institution / Hochschule
Europa-Universität Flensburg (ehem. Universität Flensburg) – Institut für Gesundheits-, Ernährungs- und Sportwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
neue rückenschule instrument gesundheitsförderung maßnahme setting

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