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Die II. Generalversammlung der Celam 1968 in Medellín. Das Problem der Gewalt in Lateinamerika

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 36 Seiten

Theologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1.Hintergründe und Voraussetzungen
1.1 Lateinamerika
1.2 Kolonialzeit
1.3 Gesellschaftliche Struktur
1.4 Wirtschaftliche Situation
1.5 Politische Situation
1.6 Bewusstwerdung und Aufbruchsstimmung

2.Christentum und Widerstandsrecht
2.1 Pacem in Terris (1963)
2.2 Populorum progressio (1967)

3. Der Vorabend Medellíns

4. Inhaltliche Dokumentenanalyse
4.1 Die Lateinamerikanische Situation und der Friede
4.2 Überlegungen zur Lehre der Kirche
4.2 1 Frieden als Werk der Gerechtigkeit
4.2.2 Frieden als dauernde Aufgabe
4.2.3 Frieden als Frucht der Liebe
4.3 Problem der Gewalt

Schluss

Literatur

Primärliteratur

Quellentext:

Enzykliken / Pastoralkonstitution

Sekundärliteratur

Internetquellen

Anhang

Einleitung

Lateinamerika ist seit mehreren Jahrhunderten ein Kontinent der Gewalt. Es handelt sich um Gewalt einer Minderheit von Privilegierten, die diese seit der Kolonialzeit gegen die immense Mehrheit des ausgebeuteten Volkes ausübt. Es ist Gewalt (in Form) des Hungers, das Ausgeliefertseins und der Unterentwicklung, die Gewalt (in Form) von Verfolgung, Unterdrückung und Unwissenheit. Die Gewalt (in Form) von organisierter Prostitution, der zwar illegalen aber effektiven Sklaverei und der sozialen, intellektuellen und wirtschaftlichen Diskriminierung.1

Mit diesen Worten eröffneten mehr als 900 lateinamerikanische Priester das Schreiben „Lateinamerika, Kontinent der Gewalt“ an ihre Bischöfe. Sie sprechen hier das Problem der strukturellen und institutionalisierten Gewalt an, unter der die Mehrheit der Bevölkerung des Subkontinents leidet. Wenige Tage nach dem 39. Eucharistischen Weltkongress in Bogota2, findet sich am 6. September 1968 die CELAM3 in Medellín/ Kolumbien zu ihrer II. Generalversammlung ein.4 Drei Jahre nach dem Ende des II. Vatikanischen Konzils, an dem auch einige Vertreter der CELAM teilgenommen haben, treffen sich die Bischöfe Lateinamerikas und der Karibik, um die während des II. Vatikanums gefassten Erkenntnisse auf ihren Kontinent zu beziehen und anzuwenden.5 Die Ergebnisse ihrer Arbeit halten sie in einem Abschlussdokument mit dem Titel DIE KIRCHE IN DER GEGENWÄRTIGEN UMWANDLUNG LATEINAMERIKAS IM LICHTE DES KONZILS (1968) – Botschaft an die Völker Lateinamerikas fest. Dabei bildet die Gewaltproblematik einen wichtigen Themenpunkt in diesem Dokument und ist Gegenstand vorliegender Arbeit. Es wird der Fragestellung nachgegangen, wie die Bischöfe die gegenwärtige6 Situation ihres Kontinents wahrnehmen und welche Mittel sie für gerechtfertigt sehen, der Gewalt und damit dem Elend entgegenzuwirken.

Um die Gewaltproblematik in Lateinamerika besser verstehen zu können, ist es wichtig, die gesamtgesellschaftliche Lage des Subkontinents Mitte der 1960ger Jahre zu betrachten, die durch zahlreiche Formen der Repression gekennzeichnet ist. Daher wird im ersten Kapitel zunächst die wirtschaftliche, politische und soziale Situation der Länder erläutert werden. In der Zeit vor Medellín kommt es zu einer Problembewusstwerdung in der Bevölkerung. Die Lateinamerikaner werden sich ihrer Situation und der zugehörigen Ursachen gewahr. Es kommt zu einer Aufbruchsstimmung, die auch den Klerus durchdringt und teilweise in eine revolutionäre Euphorie mündet7. Auch diese wird kurz im Rahmen der Zeitgeschichte dargestellt werden.

Sowohl in der einfachen Bevölkerung, aber jedoch auch bei einigen Klerikern ist der Wunsch nach einer Umwälzung der nicht mehr hinzunehmenden Unterdrückung zur Zeit Medellíns so groß, dass ein gewaltvoller Widerstand zur Bekämpfung der Gewalt gefordert wird. Darum wird im zweiten Kapitel erläutert werden, wie die offizielle Lehre der katholischen Kirche zum Widerstand gegen die Obrigkeit bzw. die Staatsgewalt lautet. Um dieser Fragestellung nachzugehen, sind die Enzykliken Pacem in Terris Johannes XXIII. sowie Populorum Progressio Pauls VI. von Bedeutung, die wenige Jahre vor Medellín verfasst wurden und explizit Stellung zu diesem Thema nehmen.

Im dritten Kapitel wird knapp dargestellt werden, wie sich die Priester auf die II. Generalversammlung vorbereiteten und welche Zusammenarbeit es außerhalb der CELAM zu dieser Zeit gab. Dabei wird auch kurz auf das II. Vatikanum eingegangen werden.

Nach dieser Aufbereitung der zeitgeschichtlichen Hintergründe wird das Abschlussdokument der II. Generalversammlung der Celam inhaltlich analysiert werden. Wie nehmen die Bischöfe die Situation der Menschen Lateinamerikas wahr? Wie empfinden sie die gewaltsame Unterdrückung großer Bevölkerungsschichten und die Ungleichheit zwischen arm und reich und welche Bedeutung haben diese Umstände für das christliche Leben? Wie ziehen sie die Schuldigen zur Verantwortung und welche Mittel empfehlen sie zur Beseitigung der Gewalt? Welche Stellung nehmen sie zur revolutionären Euphorie ein? Diese Fragen werden im letzten Kapitel beantwortet werden.

1.Hintergründe und Voraussetzungen

1.1 Lateinamerika

Lateinamerika setzt sich aus 19 Ländern zusammen: Argentinien, Bolivien, Chile, Costa Rica, Dominikanische Republik, Ecuador, El Salvador, Guatemala, Honduras, Kolumbien, Kuba, Mexiko, Nicaragua, Panama, Paraguay, Peru, Uruguay, Venezuela, in denen Spanisch gesprochen wird, sowie Brasilien, das einzige portugiesischsprachige Land der Region. Seinen Namen erhielt der Subkontinent Mitte des 19. Jahrhunderts von seinen Gelehrten, die nach der gewonnenen Unabhängigkeit ihrer Staaten nach einer Bezeichnung suchten, die zwar ihre gemeinsame Verbindung betonte und zur Abgrenzung von den mächtigen Nachbarn, den USA, beitrug, jedoch ohne allzu sehr an die europäischen Eroberer zu erinnern, wie dies beispielsweise die Bezeichnungen Ibero- oder Hispanoamerika taten.8

Die Bischöfe des Subkontinents weisen gleich zu Beginn ihres Abschlussdokuments darauf hin, dass Lateinamerika mehr als nur „eine[ ] geographische[ ] Realität“9 ist, sondern auch „eine Gemeinschaft von Völkern mit eigener Geschichte, mit spezifischen Werten und ähnlich gelagerten Problemen“10, denen Rechnung getragen werden muss, möchte man die bestehenden Missstände beseitigen. Doch trotz aller Ähnlichkeiten, dürfen auch die Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern nicht vergessen werden; der „Kontinent birgt sehr verschiedene Situationen in sich, die jedoch Solidarität erfordern.“11 „Lateinamerika muß eins sein und vielfältig, reich in seiner Vielfalt und stark in seiner Einheit.“12

1.2 Kolonialzeit

Die Wurzel der Gewalt und Unterdrückung liegt in der dreihundertjährigen Kolonialzeit begründet, als Spanier und Portugiesen das von Kolumbus neu entdeckte Land eroberten und die indigene Bevölkerung, wie die Hochkulturen der Maya, Inka und Azteken, unterwarfen. Über 60 Millionen Ureinwohner fielen der gewaltsamen Landnahme, eingeschleppten Krankheiten oder unmenschlichen Lebensbedingungen zum Opfer; die Überlebenden wurden von den Europäern versklavt und zur Arbeit in Gold- und Silberminen sowie in großen landwirtschaftliche Gütern, den Haziendas, und auf Plantagen gezwungen.13 Neben der indianischen Urbevölkerung und den Eroberern aus Portugal und Spanien kamen im Zuge des Kolonialisierungsprozesses Schwarze aus Afrika, weitere Europäer, Nordamerikaner sowie auch Asiaten auf den Subkontinent, sodass die entstehende Bevölkerung ethnisch sehr heterogen wurde. Während die herrschende Klasse fast ausschließlich aus der weißen Bevölkerung bestand, lebten die übrigen unter deren Unterdrückung. Hier wurde der Grundstein für die auch noch in den 1960ger Jahren bestehende Suppression gelegt.14

1.3 Gesellschaftliche Struktur

Nach Unabhängigkeitskriegen im frühen 19. Jahrhundert hatten bis 1825 fast sämtliche ehemaligen Kolonien ihre Selbstständigkeit erlangt und Nationalstaaten gegründet. Allerdings war damit die Unterdrückung nicht überwunden. Im Unterschied zu anderen europäischen Siedlungskolonien, wie beispielsweise in Nordamerika oder Australien, waren die entstehenden lateinamerikanischen Gesellschaften noch immer stark von den feudalen Strukturen ihrer ehemaligen Kolonialmächte geprägt, die durch die ethnische Vielfalt verfestigt wurden. Die Nachfahren der indigenen Bevölkerung und der schwarzen Sklaven wurden von vornherein von der weißen Bevölkerung unterworfen und zur Arbeit gezwungen. So entstanden Sozialstrukturen mit einer großen Kluft zwischen arm und reich, in denen Großteile der Bevölkerung in ständiger Unterdrückung lebten, die neben Leib und Leben ebenso Sprache, Kultur und Traditionen bedrohte.15

1.4 Wirtschaftliche Situation

Das kapitalistische Wirtschaftssystem der Industrienationen übte ökonomischen Druck auf die Völker Lateinamerikas aus und führte zum Verlust der jahrhundertealten Wirtschaftsstrukturen, wie landwirtschaftliche Gemeinwirtschaften von Dörfern oder kleine handwerkliche Betriebe, die dem Druck der großen ins Land kommenden Konzerne nicht Stand halten konnten.16 Zwar wurden ökonomische Hilfsprogramme zur Verbesserung der desolaten wirtschaftlichen Situation entworfen, jedoch blieben diese nicht nur ohne Erfolg, sondern verschlimmerten die Gegebenheiten teilweise noch. Neben der am 13. März 1961 von Präsident Kennedy proklamierten „Allianz für den Fortschritt“, dem Hilfsprogramm der USA, engagierte sich die Comisión Económica para América Latina, die Wirtschaftskommission der UNO für Lateinamerika, in der Entwicklungspolitik des Subkontinents im Rahmen der Konzeption des Desarrollismo. Dieses Programm sollte dazu beitragen, es den lateinamerikanischen Ländern zu ermöglichen, ihren Entwicklungsrückstand auf die Industrienationen aufzuholen, indem diese sie sowohl finanziell in Form von Krediten, als auch personell mit Experten, die ihnen das nötige technische Know How vermitteln sollten, unterstützten. Verbunden mit diesen Hilfsprogrammen war jedoch nicht nur der angestrebte Lebensstandard der sich zum Vorbild genommenen Industrieländer, sondern auch deren kapitalistisches Wirtschaftssystem.17

Allerdings wurden sich die Lateinamerikaner Mitte der sechziger Jahre über die fatalen Konsequenzen bewusst, die diese Entwicklungshilfen mit sich brachten: Zum einen hatten sie zur weiteren Scherenbildung in der Bevölkerung beigetragen: Die Kluft zwischen Armen und Reichen hatte sich vergrößert. Zum anderen geriet man in eine noch immensere Abhängigkeit von den „internationalen Wirtschaftsstrukturen, den transnationalen Konzernen und den nationalen Wirtschaftsmächten der kapitalistischen Länder“18. Auf Grundlage dieser Erfahrung entwickelte sich zwischen 1965 bis 1970 die Dependenztheorie in Lateinamerika, die besagt, dass es einen kausalen Zusammenhang zwischen dem steigenden Wohlstand der kapitalistischen Staaten und der wachsenden Verarmung Lateinamerikas gibt.19

Am 15. Mai 1961 betonte Papst Johannes XXIII in seiner Enzyklika Mater et Magistra die Notwendigkeit einer weltweiten sozialen Gerechtigkeit und den Ausgleich zwischen Völkern unterschiedlich hoher sozio-ökonomischer Entwicklungsstufen:

Eine der größten unserer Zeit gestellten Aufgaben ist wohl diese, zwischen den wirtschaftlich fortgeschrittenen und den wirtschaftlich noch in Entwicklung begriffenen Ländern die rechten Beziehungen herzustellen. Während die einen im Wohlstand leben, leiden die andern bittere Not. Wenn nun die wechselseitigen Beziehungen der Menschen in allen Teilen der Welt heute so eng geworden sind, daß sie sich gleichsam als Bewohner ein und desselben Hauses vorkommen, dann dürfen die Völker, die mit Reichtum und Überfluß gesättigt sind, die Lage jener anderen Völker nicht vergessen, deren Angehörige mit so großen inneren Schwierigkeiten zu kämpfen haben, daß sie vor Elend und Hunger fast zugrunde gehen und nicht in angemessener Weise in den Genuß der wesentlichen Menschenrechte kommen.20

Angeregt durch die Enzyklika publizierten daraufhin u.a. Bischofskonferenzen in Brasilien und Guatemala Sozialhirtenbriefe, die stellenweise scharfe Sozialkritik enthielten.21

1.5 Politische Situation

Ein weiteres Problem bildeten die Militärdiktaturen bzw. der Militarismus an sich, der das politische Leben der lateinamerikanischen Länder prägte. Aufgrund der wirtschaftlichen Probleme begann in den Jahren vor Medellín eine lange Phase sozialer und politischer Auseinandersetzungen. Militärputsche und Diktaturen wurden kennzeichnend für die Geschichte des Subkontinents. Guerillabewegungen und Bürgerkriege prägten mehrere Jahrzehnte. Ideologisch verankert durch das Stichwort der „nationalen Sicherheit“, welche angeblich das Land vor internen und externen Bedrohungen schützen sollte, kam es zur Verletzung fundamentaler Menschenrechte, da die Machtelite mit Hilfe eben dieses Militärs ihre eigenen ökonomischen Interessen sicherte.22

1.6 Bewusstwerdung und Aufbruchsstimmung

Ende der sechziger Jahre kam es zu einer kollektiven Bewusstwerdung der jahrhundertelangen Repression und viele Lateinamerikaner wollten ihre Knebelung nicht länger hinnehmen. Sie verstanden nun die strukturellen Zusammenhänge ihrer wirtschaftlichen Misslage. „Diese Concienciation, diese Bewußtmachung und Bewußwerdung der Situation der Unterdrückung bei immer mehr Christen führte auch dazu, daß sich immer mehr von ihnen in den vielfältigen Befreiungsprozessen des lateinamerikanischen Volkes leidenschaftlich engagierten.“23 Zudem lässt sich in dieser Zeit „eine revolutionäre Aufbruchsstimmung, eine gewisse revolutionäre Euphorie“24 feststellen. So heißt es beispielsweise in der Botschaft von 17 Bischöfen der Dritten Welt:

Die Geschichte zeigt, daß bestimmte Revolutionen notwendig waren, um sich von ihren antireligiösen Elementen zu trennen, und gute Früchte getragen haben. Niemand bestreitet heute mehr, daß 1789 in Frankreich die Sicherung der Menschenrechte ermöglicht worden ist. Eine Reihe unserer Nationen haben auf der Grundlage derart tiefer Umwälzungen ihr Leben gestalten müssen oder tun es heute.25

Immer öfter wird darüber diskutiert, ob nicht Gewalt das richtige Mittel sei, um die Suppression der herrschenden Schichten, die für das Elend der Massen verantwortlich sind, zu bezwingen. In ihrem Schreiben „Lateinamerika, Kontinent der Gewalt“, welches eingangs schon zitiert worden ist, fordern 900 lateinamerikanische Priester am Vorabend Medellíns, dass endlich gegen die Gewalt der Obrigkeiten vorgegangen werden muss. Dabei schließen auch sie nicht aus, dass die Gewalt der Unterdrücker gegebenenfalls auch mit Gegengewalt bekämpft werden muss, die sie als die „gerechte[] Gewalt der Unterdrückten“26 bezeichnen. Sie fordern, den Christen ihres Kontinents absolute Entscheidungsfreiheit einzuräumen, welche Mittel die geeignetsten seien, um das Unrecht zu bekämpfen.27

Aber nicht alle sehen es als unproblematisch, gewaltvoll die Befreiung zu erreichen. Im Documento de los Movimientos de Apostolado Laico del Perú con Ocasión de la Asamblea Episcopal de Medellin beschreiben die Priester, was die meisten unter Gewaltanwendung verstehen und was nicht. Sie nennen alltägliche Beispiele für verübte Gewalt auf ihrem Kontinent und deren Folgen:

Der Einsatz für den Umbruch konfrontiert den Laien oft mit dem Phänomen der Gewalt. Die Christen haben unter Gewalt in der Tradition nur die extreme Reaktion der Unterdrückten, der Opfer eines ungerechten sozialen Systems verstanden und nicht die Erhaltung dieses frevelhaften Systems durch die Unterdrückten, der Opfer eines ungerechten sozialen Systems verstanden und nicht die Erhaltung dieses frevelhaften Systems durch die Unterdrücker, das gegen die Würde der menschlichen Person ist. Unter Gewalt verstand man die ausnahmsweise Gewaltanwendung von Seiten der Unterdrückten, aber nicht die permanente von Seiten der Unterdrücker.28

Es wird zugestanden, dass sich zur Wehr zu setzten Gewaltanwendung rechtfertigen kann, jedoch warnen die Priester auch vor unbedachten Konsequenzen, die sich aus dieser Vorgehensweise ergeben können:

Wir sind der Meinung, heute ist die Gewalt ständig, institutionalisiert und unerträglich, wie es die Zahlen der Kindersterblichkeit, die Beraubung des täglichen Brotes, Löhne und Lohnpolitik, Steuern und Subventionen und internationale Wirtschaftsbeziehungen zeigen. Es gibt Fälle, in denen die Gewaltanwendung von Seiten der Unterdrückten gerechtfertigt sein kann, und der Laie kann sie durchführen, wenn diese ihm, abgesehen von einer vorausgehenden Analyse, eine vertretbare (razonable) Sicherheit gibt, daß sie zum Erfolg führen wird. Trotzdem ist es nicht möglich, jegliche Möglichkeit eines Irrtums auszuschalten und man wird in solchen Fällen immer ein Risiko eingehen.29

Nachdem 1965 der Höhepunkt dieser revolutionären Stimmung erreicht war, kam auf der Genfer Konferenz für Kirche und Gesellschaft sogar der Terminus der „Theologie der Revolution“ auf:30

2.Christentum und Widerstandsrecht

Wie bereits erwähnt, kam es in der unmittelbaren Zeit vor der II. Generalversammlung der CELAM zu einer revolutionären Aufbruchsstimmung, die selbst vor den Priestern nicht inne hielt. Daher stellt sich die Frage, welchen Punkt das Christentum offiziell zum Widerstand gegen die Staatsgewalt einnimmt. Politische Herrschaft ist der Gerechtigkeit verpflichtet. Ein rechtschaffendes Herrschaftssystem zeichnet sich durch die Einhaltung grundlegender rechtlicher Prinzipien aus, die es legitimieren, wie Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung und die Mehrheitsregel. Werden diese nicht eingehalten, ist die Herrschaft illegitim. In diesem Fall gibt es zwei Möglichkeiten, zu reagieren: den aktiven oder den passiven Widerstand. Aktiv würde hier bedeuten, auf die momentane Regierung in organisierter Form Meinungsdruck auszuüben, das staatliche Agieren zu lähmen, beispielsweise durch Sabotage oder auch durch Generalstreiks, sowie in Extremfällen auch die Tötung eines Tyrannen und die gewaltsame Rebellion gegen ein despotisches Regime. Der passive Widerstand hingegen bedient sich Methoden der Gehorsamsverweigerung gegenüber der staatlichen Autorität sowie der Nichtkooperation. In beiden Fällen wird also die Loyalitätspflicht gegenüber des autoritären Regimes oder Systems abgelegt, da dieses seiner Pflicht, sich um die optimale Erreichung des Gemeinwohls zu sorgen, nicht nur vernachlässigt, sondern auch in gravierender Weise verletzt.31

Beide Widerstandsformen sind nach christlicher Auffassung jedoch nur dann gerechtfertigt, wenn es zu einer anhaltenden eklatanten Verletzung grundlegender Menschenrechte kommt, zuvor sämtliche legalen und friedlichen Optionen (ultima ratio) erschöpft worden sind, die zu ergreifenden Maßnahmen auch wirklich erfolgsversprechend sind, wie auch verhaltensmäßig angemessen hinsichtlich der Mittel und des erlittenen Leids sowie der mögliche Folgen.32

Inwiefern es nun legitim ist, sich der Regierung zu widersetzen und ob Gewaltanwendung in konkreten Fällen gerechtfertigt sein kann, besonders in Bezug auf die Situation Lateinamerikas, ist auch in päpstlichen Enzykliken Johannes XXIII. und Pauls VI. erörtert worden.

2.1 Pacem in Terris (1963)

In seiner letzten Enzyklika, Pacem in Terris, die Johannes XXIII. nur wenige Monate vor seinem Tod verfasste, geht der Papst auf das aktuelle politische Weltgeschehen ein33, wobei seine Worte besonders auf die damalige Situation in Lateinamerika mit ihrer revolutionären Aufbruchsstimmung zutreffen. Dabei warnt er vor den Folgen, die revolutionäre Umstürze mit sich bringen. Sie sind für ihn nicht der richtige Weg, um die Ungerechtigkeit zu beseitigen:

Tatsächlich fehlt es angesichts der Verhältnisse, die nur wenig oder überhaupt nicht den Grundsätzen der Gerechtigkeit entsprechen, nicht an hochgemuten Geistern, die darauf brennen, alles neu zu ordnen, und die so stürmisch vorangehen wollen, daß sich ihr Tun fast wie eine Revolution ausnimmt. Sie mögen sich stets vor Augen halten, daß naturnotwendig alles Sein und Wachsen sich stufenweise vollzieht. Man kann deshalb menschliche Einrichtungen nur verbessern, wenn man von innen her und behutsam vorangeht. Dies hat Unser Vorgänger Pius MI. folgendermaßen erklärt: "Nicht im Umsturz, sondern in der Entwicklung in Eintracht liegt Heil und Gerechtigkeit. Gewalt hat immer nur niedergerissen, nie aufgebaut, die Leidenschaften entfacht, nie beruhigt.34

2.2 Populorum progressio (1967)

Den Problemen speziell der Dritten Welt widmete sich die Enzyklika Populorum progressio von Papst Paul VI., die am 26.03.1967 veröffentlicht wurde. Johannes Nachfolger, Paul VI., gibt eine etwas andere Stellungnahme zu diesem Sachverhalt ab, vielleicht weil er im Gegensatz zu diesem selbst Zeuge der unmenschlichen Lebensbedingungen vor Ort wurde. Er war bereits als Erzbischof von Mailand nach Lateinamerika gereist und daher mit der dortigen Problematik vertraut, wie er selbst kund tat:

Bevor Uns die Leitung der katholischen Kirche anvertraut wurde, haben Uns zwei Reisen, die eine nach Lateinamerika (1960), die andere nach Afrika (1962), in unmittelbare Berührung mit den beängstigenden Problemen gebracht, die jene Kontinente, die an sich reich sind an unverbrauchten körperlichen und geistigen Kräften, bedrängen und geradezu einschnüren.35

Paul VI. spricht sich nicht grundsätzlich gegen revolutionäre Mittel aus, sondern räumt ein, dass diese unter bestimmten Bedingungen durchaus gerechtfertigt sein können:

Jede Revolution - ausgenommen im Fall der eindeutigen und lange dauernden Gewaltherrschaft, die die Grundrechte der Person schwer verletzt und dem Gemeinwohl des Landes ernsten Schaden zufügt - zeugt neues Unrecht, bringt neue Störungen des Gleichgewichts mit sich, ruft neue Zerrüttung hervor. Man kann das Übel, das existiert, nicht mit einem noch größeren Übel vertreiben.36

Dennoch sind tiefgreifende Reformen der Revolution vorzuziehen:

Man verstehe Uns recht: wir müssen uns der gegenwärtigen Situation mutig stellen und ihre Ungerechtigkeiten tilgen und aus der Welt schaffen. Das Entwicklungswerk verlangt kühne bahnbrechende Umgestaltungen. Drängende Reformen müssen unverzüglich in Angriff genommen werden.37

Am 22. August 1968 reiste Paul VI. erneut und als erster Papst überhaupt nach Amerika. Während seines dreitätigen Aufenthalts hielt er mehrere Reden, die allesamt im Zusammenhang seiner Sozialenzyklika Populorum Progressio zu verstehen sind.38 Am 23. August richtete er sein Wort an die Landarbeiter und Kleinbauern, wobei er auch auf die Gefahr gewaltsamer Umwälzungen hinwies: „Setzt euer Vertrauen weder auf Gewalt noch auf Revolution; das Widerspricht dem Geist des Christentums und kann auch gesellschaftlichen Aufstieg verzögern und beeinträchtigen.“39

Anlässlich des Tages der Entwicklung äußerte er sich ebenso: „Einige sind der Annahme, die großen Probleme Lateinamerikas könnten nur mit Gewalt gelöst werden...Dagegen müssen wir sagen und wiederholen, daß Gewalt weder evangelisch noch christlich ist.“40

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass die katholische Kirche zur Zeit Medellíns die gewaltvolle Revolutionen grundsätzlich ablehnt, jedoch auch eingesteht, dass sie in absoluten Ausnahmefällen nicht zu verhindern ist, um ein weit größeres Übel zu beseitigen. Der Nutzen muss jedoch gegen die notwendigen Übel abgewogen werden.

[...]


1 América Latina Continente de Violencia, in: Signos (1969), S. 103-106, hier: S. 103. (aus dem Spanischen zitiert nach Othmar Noggler: Vorgeschichte von Medellín. Schlußdokument von Melgar, S. 35f in: Lateinamerika. Aufbruch und Auseinandersetzung, hg. v. Hans-Jürgen Prien, Göttingen 1981.)

2 18.08. – 25.08.1968.

3 Consejo Episcopal Latinoamericano.

4 Die I. Generalversammlung tagte 1955 in Rio de Janeiro.

5 Vgl. Abschlussdokument, http://www.iupax.at/index.php/liste-soziallehre/147-1968-celam-medellin-kirche-in-der-gegenwaertigen-umwandlung-lateinamerikas-im-lichte-des-konzils.html, S. 2 [letzte Einsicht am 4.7.1014].

6 Die Zeit der 1960ger Jahre.

7 Bekanntestes Beispiel dürfte der Priester Camilo Torres Restrepo sein, der sich aktiv im Guerilla Kampf der Ejército de Liberación Nacional engagierte.

8 Vgl. Bert Hoffmann / Detlef Nolte: Lateinamerika, http://www.bpb.de/izpb/8101/einleitung (Informationen zur politischen Bildung, Heft 300) [zuletzt eingesehen am 2.7.2014].

9 Abschlussdokument, S. 1.

10 Ebd.

11 Ebd.

12 Ebd.

13 Vgl. Wolfgang Hein / Sebastian Huhn: Lateinamerika, http://www.bpb.de/izpb/8105/entwicklungen-im-19-und-20-jahrhundert (Informationen zur politischen Bildung, Heft 300) [zuletzt eingesehen am 2.7.2014].

14 Vgl. ebd.

15 Vgl. Norbert Greinacher: Konflikt um die Theologie der Befreiung. Diskussion und Dokumentation, Zürich u.a. 1985, S. 16.

16 Vgl. Greinacher: Konflikt, S. 16.

17 Vgl. ebd., S. 19.

18 Ebd., S. 19f.

19 Vgl. ebd., S. 20.

20 Mater et Magistra Nr. 157.

21 Vgl. Christiano German: Politik und Kirche in Lateinamerika. Zur Rolle der Bischofskonferenzen im Demokratisierungsprozeß Brasiliens und Chiles, Frankfurt a.M. 1999, S. 87.

22 Vgl. Greinacher: Konflikt, S. 17.

23 Ebd., S. 20.

24 Ebd., S. 23.

25 Trutz Rendtorff.: Theologie der Revolution. Analysen und Materialien, Frankfurt a. M. 1968, S. 158.

26 América Latina Continente de Violencia, S. 106.

27 Ebd.

28 Ebd., S. 173 .

29 Ebd., S. 174.

30 Vgl. Hans-Jürgen Prien: Die Geschichte des Christentums in Lateinamerika, Göttingen 1978, S. 898.

31 Vgl. Konrad Hilpert: [Art.] Widerstand. Theologisch-Ethisch, in: LThK, Bd.10 (2001), Sp.1141-1142, hier: SP. 1411.

32 Ebd.

33 „In der Tat darf niemand außer acht lassen, daß es Recht und Pflicht der Kirche ist, nicht nur die Reinheit der Glaubens- und Sittenlehre zu schützen, sondern ihre Autorität auch im Bereich diesseitiger Dinge einzusetzen, wenn nämlich die Anwendung der kirchlichen Lehre in konkreten Fällen ein solches Urteil notwendig macht“ (Pacem in Terris Nr. 85).

34 Pacem in Terris Nr. 86.

35 PP Nr. 4.

36 PP Nr. 31.

37 PP Nr. 32.

38 Vgl. Enrique Dussel: Die Geschichte der Kirche in Lateinamerika, Mainz 1988, S. 228.

39 Ebd.

40 Ebd.

Details

Seiten
36
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656863748
ISBN (Buch)
9783656863755
Dateigröße
527 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v286191
Institution / Hochschule
Universität des Saarlandes – Katholische Theologie
Note
1,3
Schlagworte
generalversammlung celam medellín problem gewalt lateinamerika

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