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Einführung in das heilpädagogische Konzept nach Affolter

Akademische Arbeit 2006 39 Seiten

Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitungsgedanken

1. Wahrnehmen und Spüren – das AFFOLTER-Konzept
1.1 Zur Person F. AFFOLTER
1.2 Entstehung des AFFOLTER-Konzepts
1.3 Zielgruppe des Konzepts
1.4 Grundprinzipien des Konzepts
1.5 Lernprozess im Rahmen des AFFOLTER-Konzepts
1.6 Regeln beim Führen
1.7 Geführt durch den Alltag

2. AFFOLTERs Konzept in der heilpädagogischen Förderung von Menschen mit geistiger Behinderung
2.1 Anwendung des AFFOLTER-Konzepts in der heilpädagogischen Förderung von Menschen mit geistiger Behinderung
2.2 Richtziele heilpädagogischer Förderung von Menschen mit geistiger Behinderung
2.3 Heilpädagogische Richtziele und das AFFOLTER-Konzept

3. Literaturverzeichnis

Einleitungsgedanken

Alltag ist Wirklichkeit

Voll mit Problemen-

Ich, als Kind, stöbere sie auf,

versuche sie zu lösen.

Probleme des Alltags!

Sie zu lösen bereitet Schwierigkeiten,

die ich überwinde,

indem ich die Umwelt erspüre.

So lerne ich die Beschaffenheit

und die Nachbarschaft der Dinge

und dazwischen mich selbst

zu erkennen.

Ich lerne, auf die Umwelt einzuwirken,

meinen Körper einzusetzen,

Veränderungen zu erzielen

und dies alles wieder zu erspüren.

(AFFOLTER 1987, 180)

Dieses Jahr feiern das von Félicie AFFOLTER gegründete Zentrum für Wahrnehmungsstörungen und die Sonderschule für Kinder mit Wahrnehmungsstörungen in St. Gallen ihr 30-jähriges Jubiläum. Beide Einrichtungen arbeiten nach AFFOLTERs Konzept der Wahrnehmungsförderung.

Nach jahrelangen Beobachtungen von Kindern mit Auffälligkeiten im Bereich der Wahrnehmung gelangte AFFOLTER zu der Erkenntnis, dass „gespürte Interaktionserfahrung“ im Rahmen von Alltagsgeschehnissen die Wurzel der Entwicklung darstellt. Darauf aufbauend entwickelte sie ihr Konzept der Wahrnehmungsförderung, welches als eine „Pioniertat“ gesehen werden kann, für welche St. Gallen in der Welt der Heilpädagogik beneidet wird (vgl. ST GALLER TAGBLATT 2001 und 2006).

In meiner Arbeit werde ich das Konzept der Wahrnehmungsförderung nach Félicie AFFOLTER vorstellen und dessen Bedeutung in der heilpädagogischen Arbeit mit Menschen mit geistiger Behinderung erörtern.

Nach der Erläuterung grundlegender Zusammenhänge im Bereich von Wahrnehmung und Wahrnehmungsstörungen komme ich zu AFFOLTERs Konzept der Wahrnehmungsförderung.

Einführend stelle ich kurz die Person Félicie AFFOLTER vor und zeige die Entstehung ihres Förderkonzepts im Laufe ihrer Forschungsarbeiten auf. Daneben gehe ich auf die Zielgruppe von Personen ein, für deren Förderung das Konzept von AFFOLTER besonders geeignet ist.

Anschließend gehe ich auf die allgemeinen Grundprinzipien des Konzepts ein, zeige die einzelnen Stufen des Lernprozesses beim Führen auf, sowie wichtige, beim Führen zu beachtende Grundregeln.

Zum Abschluss dieses Kapitels komme ich dann auf die Umsetzung der „gespürten Interaktion“ im Alltag zu sprechen und erläutere AFFOLTERs Ausführungen zur Anwendung ihres Konzepts im Rahmen von Therapiesituationen.

Das zweite Kapitel meiner Arbeit wird sich dann mit der Anwendung des AFFOLTER-Konzepts in der heilpädagogischen Förderung von Menschen mit geistiger Behinderung beschäftigen.

Zunächst erläutere ich, in welchen Bereichen der Förderung von Menschen mit geistiger Behinderung das Konzept von F. AFFOLTER angewendet wird, so zum Beispiel im Rahmen der Einzelförderung, aber auch im Alltag.

Zur Beurteilung der Anwendung von AFFOLTERs Konzept in der Förderung von Menschen mit geistiger Behinderung stelle ich SPECKs (1999) Richtziele der heilpädagogischen Arbeit mit Menschen mit geistiger Behinderung vor. Danach werde ich aufzeigen, inwiefern diese Ziele durch Anwendung des AFFOLTER-Konzepts bei Menschen mit geistiger Behinderung zu erreichen sind.

1.Wahrnehmen und Spüren – das AFFOLTER-Konzept

1.1 Zur Person F. AFFOLTER

Vorab möchte ich darauf hinweisen, dass es zwar zahlreiche Literatur zu AFFOLTERs Forschungsarbeit und ihrem Konzept zur Wahrnehmungsförderung gibt, zu ihrer Person allerdings finden sich nur sehr spärliche Informationen. Daher im Folgenden nur ein sehr knapper Überblick über Félicie AFFOLTERs Leben und ihren beruflichen Werdegang.

Geboren wurde Félicie AFFOLTER 1920 in Bern.

AFFOLTER ließ sich zunächst zur Logopädin und zur Gehörlosenlehrerin ausbilden. Anschließend studierte sie Psychologie bei dem bekannten Entwicklungspsychologen Jean PIAGET. Später arbeitete sie hauptamtlich an der Sprachheilschule in St. Gallen, interessierte sich aber bereits zu dieser Zeit für die Arbeit mit Kindern mit Entwicklungsstörungen.

Bereits in den 60er Jahren begann sie mit Beobachtungen gehörloser und sprachgestörter Kinder, sowie Untersuchungen bei hirngeschädigten Erwachsenen, vorrangig in der klinischen Arbeit. Die Forschungsarbeit von AFFOLTER und ihren Mitarbeitern wurde bald vom Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der Wissenschaft unterstützt und in jahrelanger klinischer Arbeit mit Kindern und Erwachsenen mit unterschiedlichsten Störungsbildern entwickelte sie schließlich auf Basis der Entwicklungstheorie ihres langjährigen Lehrers Jean PIAGET ihr Konzept der Wahrnehmungsförderung, welches mittlerweile zu den wichtigsten therapeutischen Ansätzen in der Arbeit mit schwer wahrnehmungsgestörten Patienten gehört. 1976 folgte schließlich die Gründung der Stiftung „Zentrum für Wahrnehmungsstörungen“, sowie einer Schule für Wahrnehmungsstörungen in St. Gallen; beide Einrichtungen arbeiten nach den Grundsätzen von AFFOLTERs Konzept.

Auch heute mit weit über 80 Jahren hat Félicie AFFOLTER noch nicht ausgeforscht. Seit 25 Jahren verbringt sie mit ihrem langjährigen Kollegen Walter BISCHOFBERGER jedes Jahr drei Monate an der Universität von Minnesota, um sich am „Center of Cognitive Sciences“ mit Professoren und Studenten über Fortschritte in der Sprachentwicklungsforschung auszutauschen.

Diese Kontakte zu amerikanischen Universitäten pflegt AFFOLTER seit über 50 Jahren. Bereits in den frühen 50er Jahren schickte sie ihr damaliger Mentor an der Universität Genf, J. PIAGET, in die USA. Genf, Heidelberg, Minnesota und Pennsylvania – dies sind AFFOLTERs Studienstationen.

Heute lebt sie zurückgezogen in einer kleinen Wohnung in St. Gallen.

(vgl. ACKERMANN 2001, 13f.; EHWALD / HOFER 2001; ST. GALLER TAGBLATT 2006; WIKIPEDIA 2006; ZIMMERMANN 1998 )

1.2 Entstehung des AFFOLTER-Konzepts

Entstanden ist AFFOLTERs Konzept der Wahrnehmungsförderung aus der Auseinandersetzung mit den Auffälligkeiten bei sprachgestörten Kindern.

Félicie AFFOLTER erhielt 1962 den Auftrag zum Aufbau einer pädaudiologischen Abteilung zur Erfassung und Behandlung hörgeschädigter Kleinkinder am Kantonsspital in St. Gallen (vgl. EHWALD / HOFER 2001, 83).

Diesem Zentrum wurden nach einiger Zeit auch Kinder zugewiesen, die zwar schwerwiegende Probleme im Spracherwerb zeigten, jedoch keine Hörstörung aufwiesen. Neben den sprachlichen Schwierigkeiten traten bei diesen Kindern im Gegensatz zu den hörgeschädigten Kindern auch Auffälligkeiten im nicht-sprachlichen Bereich auf. Die Diagnosen bei diesen Kindern lauteten unter anderem Autismus, emotionale Störungen, Verhaltenstörungen oder auch Hyperaktivität (ebenda).

Mit der Zeit zeigt sich, dass das Ausmaß der Störungen sprachlicher und nicht-sprachlicher Leistungen sehr groß ist, wobei diese Störungen dadurch irritieren, dass sie nicht mit einer Hörstörung in Verbindung gebracht werden können (vgl. EHWALD / HOFER 2001, 83). Gewisse Auffälligkeiten im nicht-sprachlichen Bereich wie z. B. Schwierigkeiten bei der direkten Nachahmung oder beim Einpassen von Puzzleteilen in Einlegebretter konnten der Sensomotorik zugeordnet werden; bei Wahrnehmungsleistungen fanden sich ebenfalls Auffälligkeiten wie z. B. schlechte Auge-Hand-Koordination o. ä. (vgl. EHWALD / HOFER 2001, 84).

Im Rahmen ihrer Forschungsarbeit untersuchten AFFOLTER und ihre Mitarbeiter nun mögliche Zusammenhänge zwischen den sprachlichen und nicht-sprachlichen Schwierigkeiten dieser Kinder. In ihren Studien beobachteten sie die Leistungen von gesunden, blinden und hörgeschädigten Kindern, sowie Kinder mit schweren Sprachstörungen. Besonderes Interesse gilt bei diesen Untersuchungen den Wahrnehmungsleistungen, da auf der Grundlage von PIAGETs Entwicklungstheorie bei der Gruppe von sensomotorischen Leistungen davon ausgegangen werden kann, dass diese nicht auf anderen Leistungen aufbauen, so EHWALD / HOFER (vgl. 2001, 84). Aus den Ergebnissen dieser Untersuchungen kam AFFOLTER zu der Feststellung, dass „das Versagen der sprachgestörten Kinder in Leistungen, die eine Verarbeitung taktil-kinästhetischer Information erfordern, mit den Sprachstörungen in Zusammenhang stehen“, sowie zu der Erkenntnis, dass das Ausmaß gespürter Erfahrungen kritisch ist für das Erlangen komplexerer Leistungen (vgl. EHWALD / HOFER 2001, 84f.). AFFOLTER zieht aus den Ergebnissen ihrer Beobachtungen letztendlich folgende Konsequenz für ihr Therapie-Modell:

„Nicht die einzelne Leistung wird angebahnt oder geübt, um das Kind in seiner Entwicklung weiterzubringen, sondern es wird versucht, ausgeweitete und angemessenere gespürte Interaktionserfahrung zu ermöglichen. Dadurch kann erwartet werden, dass sich verschiedene Leistungen verbessern, obwohl sie nicht direkt angegangen werden.“ (vgl. EHWALD / HOFER 2001, 85)

Dies lässt sich als Grundlage ihres Förderkonzepts ansehen, welches erstmals 1987 in ihrem Hauptwerk „Wahrnehmung, Wirklichkeit und Sprache“ veröffentlicht wurde (vgl. ACKERMANN 2001, 14).

1.3 Zielgruppe des Konzepts

Bevor ich auf mögliche Zielgruppen für das Konzept der Wahrnehmungsförderung eingehe, zu Beginn eine wichtige Vorbemerkung. Denn AFFOLTER betont ausdrücklich, dass die „Problemlösenden Geschehnisse“ als Wurzel der Entwicklung für jedermann gültig sind. Daher sind alle Menschen in diese Gültigkeit miteinbezogen (vgl. 1987, 326).

„Arbeit an der Wurzel beinhaltet Förderung der Entwicklung, Wiederaufbau gestörter Leistungen, Erwerb neuer Leistungen. Dieses Prinzip ist anwendbar, wann immer es um Entwicklung, um Lernen, um Rehabilitation geht! “ (Hervorhebung von mir; AFFOLTER 1987, 326)

Trotz dieser Allgemeingültigkeit ihres Konzepts beschreibt AFFOLTER die einzelnen Zielgruppen und Besonderheiten bei der Förderung dieser Personengruppen. So kommt ihr Konzept des Führens sowohl bei gesunden als auch bei behinderten Kindern zum Einsatz (Hervorhebung von mir; vgl. AFFOLTER 1987, 326). Die jeweiligen Behinderungen müssen in die Arbeit miteinbezogen werden und es sind zahlreiche Grundüberlegungen von Bedeutung:

- Wie muss die nahe Umwelt gestaltet sein, um jedem Kind die notwendige gespürte Interaktionserfahrung zu ermöglichen?

- Welche Betätigungen sind in dieser Umwelt möglich – wie viel „wirklichen Alltag“ bieten diese dem Kind?

- Hat das Kind die Möglichkeit, das Wirken in der Umwelt zu erspüren und zu verändern, dabei Ursachen zu erzeugen und Wirkungen zu erfahren?

- Wie viel Alltag erlebt das Kind innerhalb der Familie / in der Schule?

- Wo bleibt das Erspüren-Können und das Erleben von Gesetzmäßigkeiten in Bezug auf Widerstandsveränderungen?

und noch viele mehr (Hervorhebungen von mir; vgl. AFFOLTER 1987, 326).

Diese Überlegungen gelten allerdings genauso für die Arbeit mit Erwachsenen – ohne oder mit Behinderung, welcher Art auch immer. Denn AFFOLTER nimmt bei den Anwendungsmöglichkeiten ihres Konzepts auch die „gesunden“ Erwachsenen nicht aus, sondern erinnert daran, dass auch diese sich gelegentlich um ihre „Wurzel“ kümmern sollen, damit diese kräftig genug bleibt bzw. im Zuge lebenslangen Lernens weiterwächst (vgl. 1987, 326).

Bei der Anwendung ihres Konzepts in der Arbeit mit Erwachsenen geht AFFOLTER zunächst auf die Gruppe der hirngeschädigten Personen ein. Sie betont ausdrücklich, wie wichtig gerade bei diesen die Vermittlung gespürter Erfahrungen im Rahmen der „Problemlösenden Alltagsgeschehnisse“ sein könnte, da auf diese Weise Leistungen wieder angeregt und frühere Erfahrungen „hervorgeholt“, sowie benützt werden könnten (Hervorhebungen von mir; vgl. AFFOLTER 1987, 326). In diesem Zusammenhang hat die Umgestaltung der nahen Umwelt dieser Personen in Altenheimen, Pflegeheimen etc. eine große Bedeutung, um ihnen etwas mehr „Wirklichkeit“ und damit auch mehr „Problemlösende Alltagsgeschehnisse“ zu schaffen (ebenda).

NIELSEN / FISCHER sprechen die besondere Bedeutung des AFFOLTER-Konzepts in der Rehabilitation von Patienten mit schwerer Hirnschädigung an. In der Zusammenarbeit mit F. AFFOLTER und Dr. W. BISCHOFBERGER erkannten sie basale Faktoren für die (Wieder-)Entwicklung ihrer Patienten, unter anderem die Bewegungsproblematik als Teil einer Gesamtproblematik, nicht als isoliertes Problem (vgl. 2000, 85). Die hirngeschädigten Patienten sollen in der Rehabilitation lernen, sich zielgerichtet und sinnvoll im praktischen Alltag zu bewegen. Daher muss die Anbahnung von Muskelaktivität und Bewegungsfähigkeit immer in Zusammenhang mit zunehmender Selbstständigkeit innerhalb wechselnder Alltagsgeschehnisse stehen, weshalb sich gerade hier das Konzept des Führens anbietet (vgl. NIELSEN / FISCHER 2000, 86).

Auf die Gruppe der „ schwerst Geschädigten “ weist AFFOLTER noch einmal im Speziellen hin, da sie aus ihren Erfahrungen mit der „Arbeit an der Wurzel“ die Folgerung gezogen hat, dass die Vermittlung von gespürten Informationen durch das Führen auch bei diesen Personen möglich sei (Hervorhebung von mir; vgl. 1987, 327).

Aufgrund der systematischen Anwendung des Konzepts auch bei Menschen mit schwerer Behinderung bestätigte sich AFFOLTERs Annahme. Je nach Art und Ausmaß der Wahrnehmungsstörungen dieser Personen kam es zu erfreulichen Fortschritten bei den jeweiligen Personen; sie erlangten eine größere Kompetenz beim Bewältigen von Alltagssituationen. Sie erkannten Ursache-Wirkungszusammenhänge auch in unvertrauten Situationen und lernten die selbstständige Planung und Ausführung von Handlungsschritten zur Problembewältigung. Dadurch wurden einzelne vorher extrem auffällige Personen in einer Gruppe tragbar (vgl. EHWALD / HOFER 2001, 89).

Dennoch gab es einige Menschen, die wenig Fortschritte in ihrer Entwicklung zeigten oder bei welchen aus unterschiedlichen Gründen das Führen der Hände nicht möglich war. Dies waren zum einen Kinder, die bei Ausführungstätigkeiten sehr selbstständig waren, sich nun nicht mehr führen ließen und in ihrer Entwicklung stagnierten, zum anderen aber auch Personen mit schweren erworbenen oder angeborenen Wahrnehmungsstörungen (vgl. EHWALD / HOFER 2001, 89).

Aufgrund ihrer schweren Störungen konnten diese Personen die gespürten Ursache-Wirkungsbeziehungen der herkömmlichen Art des Führens nicht angemessen einordnen (vgl. EHWALD / HOFER 2001, 89).

In den neunziger Jahren kam zu zwei Erkenntnissen, die das Konzept des Führens um weitere wichtige Aspekte erweiterten und somit auch bei vorher scheinbar nicht geeigneten Personen anwendbar machten. Einerseits wurde erkannt, wie wichtig es ist, die Beziehung zwischen Körper und Umwelt (Unterlage o. ä.) zu erkennen, um das Geschehnis im Rahmen des Führens besser einordnen zu können (vgl. EHWALD / HOFER 2001, 89).

Des Weiteren gelang es die Komplexität beim Führen soweit zu reduzieren, dass auch Menschen mit schwersten Wahrnehmungsstörungen Veränderungen in einem Geschehnis nachvollziehen können. Dabei werden die Tätigkeiten direkt am Körper der Person ausgeführt, ohne seine Hände direkt mit einzubeziehen (vgl. EHWALD / HOFER 2001, 89f.). Durch diese Art des Führens werden der Person Spürinformationen durch immer neue Berührung der stabilen Umwelt vermittelt (vgl. AFFOLTER / BISCHOFBERGER 1996, 91). Somit werden die Spürinformationen aus der Interaktion mit der Umwelt auch für Menschen mit schwersten Störungen zugänglich gemacht.

Anhand dieser Ausführungen über die Besonderheiten für die Anwendung des AFFOLTER-Konzepts bei bestimmten Personengruppen wird deutlich, dass dieses Konzept mit geringfügigen Veränderungen bei jedem Menschen – mit welcher Art und Ausprägung von Wahrnehmungsstörung auch immer - anwendbar sein kann.

AFFOLTER hofft, mit ihrem Konzept jedem ihr anvertrauten wahrnehmungsgestörten Menschen in seiner Entwicklung helfen zu können und ihn auf seinem Entwicklungsweg voranzubringen, Stillstand zu verhindern (Hervorhebung von mir; vgl. 1987, 333). Durch die Arbeit an der Wurzel werden sich nach ihren Erwartungen seine Ausführungen verbessern und weitere Entwicklungsleistungen erscheinen; dies geschieht je nach individuellen Fördermöglichkeiten, Ausmaß der Störung etc. schneller oder auch langsamer (ebenda).

1.4 Grundprinzipien des Konzepts

Ausgangspunkt für AFFOLTERs Konzept der Wahrnehmungsförderung ist ihr Wurzelmodell der Wahrnehmungsentwicklung, welches die „Problemlösenden Alltagsgeschehnisse“ als Wurzel der menschlichen Entwicklung ansieht. Bei der Förderung von Menschen mit Wahrnehmungsstörungen muss an dieser Wurzel angesetzt werden; das Einüben einzelner Fertigkeiten bringt sie in ihrer Entwicklung nicht weiter, so AFFOLTER (vgl. 1987, 188). Aufgabe der fördernden Person ist es folglich, dem Menschen mit Wahrnehmungsstörungen im Rahmen des Lösens alltäglicher Probleme angemessene Spürinformation zu vermitteln (vgl. AFFOLTER 1987, 189). Der Grundgedanke des Konzepts des „Führens“ ist also die Vermittlung von gespürten Informationen durch Führen innerhalb der „Problemlösenden Alltagsgeschehnisse“.

Eine wichtige Voraussetzung für das Lernen im Rahmen eines Förderkonzepts ist Verständnis. AFFOLTER versteht Verständnis als „inter-esse“ im Sinne von „dabei sein“; das Kind bzw. der Erwachsene ist dann „dabei, wenn es gelingt, ihm im Rahmen der „PLAGs“ durch Führen gespürte Information zu vermitteln (Hervorhebung von mir; vgl. 1987, 270).

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Details

Seiten
39
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783656862451
ISBN (Buch)
9783668139206
Dateigröße
534 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v286196
Institution / Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg – Institut für Sonderpädagogik
Note
2,0
Schlagworte
einführung konzept affolter

Autor

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Titel: Einführung in das heilpädagogische Konzept nach Affolter