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Die ökologische Selbstgefährdung moderner Gesellschaften in Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme

Hausarbeit (Hauptseminar) 2001 33 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Differenz statt Identität
2.1. Beobachtung
2.2. System/Umwelt – Differenz

3. Autopoietische, selbstreferentielle Systeme
3.1. Soziale Systeme

4. Resonanz

5. Die ökologische Selbstgefährdung moderner Gesellschaften
5.1. Funktionale Differenzierung
5.1.1. Codes und Programme
5.2. Zu viel und zu wenig Resonanz
5.3. Angstrhetorik und soziale Bewegungen

6. Ökologische Rationalität

7. Schluß

8. Literaturverzeichnis

1 Einleitung

In den letzten Jahrzehnten zeichnen sich in immer mehr Bereichen anthropo­gene Umweltver­änderungen ab, welche sich zunehmend auch auf die mensch­lichen Lebensgrundlagen aus­wirken. Ökologische Probleme haben exponen­tiell zugenommen. Einzelne Komponenten summieren sich zu multi­faktoriel­len Einflüssen mit unvor­hersagbaren Konse­quenzen für die Umwelt.

In Bezug auf die ökologische Selbstgefährdung moderner Gesellschaften waren soziologische Theorien durch die Beschränkung auf innergesellschaftliche Per­spektiven bis vor einigen Jah­ren blind ,„...der ökologische Zusammenhang von Natur und Gesellschaft wurde nicht thematisiert...“[1]. Ulrich Beck spricht von ´ökologischer Blindheit´, als Geburtsfehler der Soziologie, welche nur in der Gegenüberstellung zur Natur und der Konzentration auf ´soziale Tatsachen´ ihre disziplinäre Selbständigkeit gegenüber den Naturwissenschaften erreichen und behaupten konnte.[2]

Die rasch zunehmende Thematisierung ökologischer Zusammenhänge in den letzten Jahr­zehnten kam für die Soziologie somit überraschend, hatte man doch bislang als besondere Gegenstände soziologischer Forschung ´die Gesell­schaft´ oder ´Teile der Gesellschaft´ behandelt und ´Natur´ als gesellschaftli­che Umwelt anderen Disziplinen überlassen.

„Das überraschende Auftreten eines neuartigen Ökologiebewußtseins hat wenig Zeit gelassen für theoretische Überlegungen. Zunächst denkt man deshalb das Thema in Rahmen der alten Theorie. Wenn die Gesellschaft sich durch ihre Einwirkungen auf die Umwelt selbst gefährde, dann solle sie das eben lassen; man müsse die daran Schuldigen ausfindig machen und davon abhalten, notfalls sie bekämpfen und bestrafen.“[3]

Für Luhmann sind derartige Forderungen lediglich Zeichen von theoretischer Hilflosigkeit, Versuche, den Mangel an kognitiven Prognosemitteln durch mo­ralischen Eifer zu kompensieren. Ihm geht es im Gegensatz dazu um eine grundlegende Revision der theoretischen Grundla­gen, da für ihn ohne diese Kurskorrektur ein Zugang zur ökologi­schen Problematik nicht möglich ist.

Soziologie als Lehre von den sozialen Tatsachen muß sich, so Luhmann, aus ihrer Fixierung auf die Gesellschaft befreien und durch einen Wechsel des theoriezentralen Paradigmas neue theoretische Wege beschreiten:

„Es sind radikale Schnitte erforderlich, und nach einer solchen Operation lernt man, wenn man sie nicht überhaupt verweigert, nur langsam wieder zu gehen.“[4]

Luhmann geht es dabei nicht darum, die Lösung des Problems der ökologi­schen Anpassung des Gesellschaftssystems anzubieten, etwa in Form neuer Wertvorstellungen, neuer Moral oder in der akademischen Ausarbeitung einer Umweltethik. Vielmehr möchte er eine andere Art des Blicks bereit­stellen, eine bessere Methode zur Erzeugung von Vorstellungen um die Wahrscheinlichkeit brauchbarer Resultate zu erhöhen.

In vorliegender Hausarbeit soll im folgenden versucht werden darzustellen, welche Konturen das Problem der ökologischen Selbstgefährdung annimmt, wenn man es mit Hilfe von Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme formu­liert.

2 Differenz statt Identität

2.1 Beobachtung

Das traditionelle Denken sowohl in der Alltagswahrnehmung als auch in Philosophie und Sozialwissenschaften richtete sich vornehmlich an Identitäten aus und übersah, daß diese erst durch zugrundeliegende Unterscheidungen konstituiert werden.

Luhmann formuliert auf der Basis der operativen Logik des englischen Philosophen George Spencer Brown einen systemtheoretischen Beobachtungsbegriff, welcher von dem unserer Alltagssprache beträchtlich abweicht. Er definiert Beobachtung gemäß Spencer Browns Aufforderung ´draw a distinction´, als Bezeichnung-anhand-einer-Unterscheidung. Die Ope­ration des Beobachtens setzt sich demnach aus zwei verschiedenen, gleichzeitig auftretenden Komponenten zusammen: Unterscheiden (Spencer Brown: ´distinction´) und Bezeichnen (´indication´).

„Mit dem Begriff Beobachten wird darauf aufmerksam gemacht, daß >>Unterscheiden und Bezeichnen<< eine einzige Operation ist; denn man kann nichts bezeichnen, was man nicht, indem man dies tut, unter­scheidet, so wie auch das Unterscheiden seinen Sinn nur darin erfüllt, daß es zur Bezeichnung der einen oder der anderen Seite dient...“[5].

Um also überhaupt ´Welt´ wahrnehmen, bezeichnen mit Luhmann beobachten zu können, muß grundsätzlich eine Grenze gezogen werden über die hinweg be­obachtet werden kann, „...anderenfalls gäbe es nur pure Faktizität.“[6]

Diese Grenze ist, wie oben dargelegt, die Konstruktion eines Unterschieds, welcher in der ´Realität´ keine Entsprechung hat. Realität im Sinne des Kantschen Ding an sich ist nach Luhmann unerkennbar.

In Abgrenzung zu naivem Realismus auf der einen, und radikalem Konstrukti­vismus auf der anderen Seite, verlagert sich bei Luhmann somit der Reali­tätswert von der Bezeichnung (hier entweder Innen-/Außenwelt bzw. men­tale/physische Gegebenheiten) auf die, derartigen Festlegungen zu Grunde lie­genden und diese erst ermöglichenden Unterscheidungen. Die Unterscheidung, und nicht die Privilegierung der einen oder der anderen Seite der Unterschei­dung ist für Luhmann das Reale.

Diese Einsicht wird nach Luhmann oft durch zwei grundlegende Eigenschaften von Beobach­tung verdeckt: zum einen ist es im Rahmen einer Unterscheidung unmöglich, beide Seiten der Unterscheidung gleichzeitig zu bezeichnen. Es kann also zu einem bestimmten Zeitpunkt jeweils nur die eine oder die andere Seite be­zeichnet werden. Damit ist zwar nicht ausgeschlossen, daß mit einer späteren Operation die zuvor nicht bezeichnete Seite bezeichnet wird, ein Hinüberwech­seln , mit Spencer Brown ´crossing´ ist also durchaus möglich, aber dieser Wechsel von einer Seite der Unterscheidung zur anderen Seite erfordert eine weitere Operation und somit Zeit.

Daraus folgt zum anderen, daß sich keine Beobachtung im Moment der Beob­achtung selbst beobachten kann. Eine Selbstbeobachtung der Beobachtung würde ja bedeuten, daß die Beobachtung, welche eine bestimmte Unterschei­dung gewählt hat, diese Unterscheidung zugleich bezeichnet und damit beob­achtet. Dies ist aber nur möglich, wenn die Unterscheidung selbst wiederum von etwas anderem unterschieden wird. Die Beobachtung gebraucht somit eine bestimmte Unterscheidung, aber sie kann die Unterscheidung nicht im gleichen Moment beobachten, d.h. sie kann die verwendete Unterscheidung nicht von etwas anderem unterscheiden, und damit auch nicht bezeichnen. „Die Unter­scheidung [...] dient als unsichtbare Bedingung des Sehens, als blinder Fleck.“[7] Beobachten in seinem Vollzug kann zwar anderes beobachten, nicht aber seine eigene Unterscheidung.

Dennoch ist es in Luhmanns Konzeption möglich diese Unterscheidung selbst wieder zu beobachten, und zwar durch eine zweite Beobachtung, welche die Unterscheidung der ersten Beobachtung beobachtet.

Die Beobachtung der Beobachtung nennt Luhmann im Anschluß an den chile­nischen Neurobiologen Humberto Maturana Beobachtung zweiter Ordnung. Dabei ist noch keine Aussage darüber getroffen, wer der Beobachter ist, der diese zweite Beobachtung hervorbringt. Es kann sich um den gleichen Beob­achter handeln, der auch die erste Beobachtung hervorgebracht hat. In diesem Fall beobachtet der Beobachter mit einer zweiten Operation die zeitlich zu­rückliegende erste Beobachtungsoperation. Auf diese Weise ist Selbstbeob­achtung möglich, wobei die ursprüngliche Unterscheidung im Unterschiedenen wieder auftaucht. Diese Anwendung der Unterscheidung auf sich selbst, ihre Wiedereinführung in den Bereich, den sie unterscheidet, etwa in Form der Frage, ist die Unterscheidung recht/unrecht selbst recht, bezeichnet Luhmann mit Spencer Brown als ´re-entry´.

Die Unterscheidung „...kommt dann doppelt vor: als Ausgangsunterscheidung und als Unterschei­dung in dem durch sie Unterschiedenen. Sie ist dieselbe und nicht dieselbe. Sie ist dieselbe, weil der Witz des re-entry gerade darin besteht, dieselbe Unterscheidung rekursiv auf sich selbst anzuwenden; sie ist eine andere, weil sie in einen anderen, in einen bereits unterschiedenen Bereich eingesetzt wird.“[8] Auf diesem re-entry Konzept beruht Luhmanns Definition von Rationalität, auf die in Punkt 6 näher einzugehen sein wird.

Bei der Beobachtung zweiter Ordnung kann es sich aber auch um einen ande­ren Beobachter handeln, also um ein zweites System, welches den ersten Be­obachter beobachtet.

Unabhängig davon, wer nun die Beobachtung der Beobachtung hervorbringt, gilt aber auch für die Beobachtung zweiter Ordnung, daß sie ebenso an die eigenen Unterscheidungen gebunden ist, und diese nicht sehen kann. In Bezug

auf ihre eigenen Unterscheidungen ist die Beobachtung zweiter Ordnung also auch nur eine Beobachtung erster Ordnung. Sie besitzt keine privilegierte Po­sition. Dennoch ermöglicht sie reflexive Einsichten für die eigene Beobach­tung. „Zwar ist auch der Beobachter zweiter Ordnung an den eigenen blinden Fleck gebunden, sonst könnte er nicht beobachten. [...]. Wenn er aber einen anderen Beobachter beobachtet, kann er dessen blinden Fleck, [...] dessen ´latente Strukturen´ beobachten.“[9]

Im Gegensatz zum Beobachter erster Ordnung kann er dadurch zum einen die Beschränkungen beobachten, die dem beobachteten System durch seine eige­nen Operationen auferlegt sind, und zum anderen daraus Rückschlüsse auf seine eigenen Beobachtungsoperationen ziehen, und seinen eigenen Standpunkt relativieren.

Will man nun, so Luhmann, das Problem der ökologischen Gefährdungen mit der nötigen Genauigkeit formulieren, muß man deshalb auf die „...Erwartungslinien einer ontologischen Theorie der Realität (die einer Um­weltbeobachtung erster Ordnung entspricht) ...“[10] verzichten, und stattdessen den Reflexionspunkt der „...Kybernetik zweiter Ordnung...“[11] zum Ausgangs­punkt der Analyse nehmen.

2.2 System/Umwelt-Differenz

Entgegen bisherigen Denkkonventionen, denen zufolge jede Beobachtung die Handlung eines beobachtenden Subjektes darstellt, ´entsubjektiviert´ Luhmann seinen Beobachtungsbegiff. Das rekurrieren auf irgendein zugrundeliegendes Wesen hält Luhmann für schlechte Metaphysik. Für die Systemtheorie ist die Welt nichts, was aus einem Punkt heraus beschrieben werden kann. Der Ursprung in Luhmanns Theorie sozialer Systeme ist kein Subjekt, kein Individuum, sondern vielmehr das sich selbst beobachtende Beobachtungssystem.

Um überhaupt etwas beobachten zu können, braucht das System wie gezeigt eine Grenze, über die hinweg es beobachten kann. Es handelt sich hierbei um Sinngrenzen. Jede (Selbst-)beobachtung setzt die Einrichtung entsprechender interner Differenzen voraus. Das System führt eigene Unterscheidungen ein und erfaßt mit Hilfe dieser Unterscheidungen Zustände und Ereignisse, die für das System selbst dann als Information erscheinen. Information ist also eine rein systeminterne Qualität. Erst für Systeme wird es also derart möglich, die Umwelt ´zu sehen´. Nur für beobachtende Systeme gibt es ´Welt´. Das dieser Beobachtung zugrundeliegende Energie/Materiekontinuum, in welches sich die Systeme einzeichnen, bleibt als solches dabei unerkennbar. Grundlegend für Luhmanns Theorie sozialer Systeme ist die Unterscheidung von System und Umwelt:

„Für meine Zwecke genügt es, von einer Unterscheidung auszugehen, nämlich von der Unterscheidung von System und Umwelt. [...]Danach befaßt sich die Systemtheorie nicht einfach mit besonderen Objekten, nämlich Systemen, im Unterschied zu irgendwelchen anderen Objekten. Sie befaßt sich mit der Welt, gesehen mit Hilfe einer spezifischen Differenz, nämlich der von System und Umwelt.“[12]

Während sich Soziologie bisher an der Einheit eines gesellschaftlichen Ganzen orientierte, und ´Gesellschaft´ als kleine Einheit, als Teil der großen Einheit ´Welt´ beobachtete, steht am Anfang von Luhmanns Theorie also nicht Einheit, sondern Differenz, genauer gesagt, die Einheit der Differenz von Gesellschaftssystem und seiner Umwelt. Es geht hierbei also um die Welt insgesamt, gesehen mit Hilfe der Schnittlinie, mit der das Gesellschaftssystem sich gegen seine Umwelt differenziert. „Die Einheit der Differenz von System und Umwelt ist die Welt.“[13]

Luhmann sieht gerade in der systemtheoretischen Unterscheidung von System und Umwelt ein Potential zur Erfassung der ökologischen Krise, das andere soziologische Theorien nicht bieten.

[...]


[1] Luhmann 1996: S. 47.

[2] vgl. Beck : S. 69f.

[3] Luhmann 1990: S. 18f.

[4] ebd.

[5] Luhmann 1997: S. 69.

[6] Luhmann 1990: S. 45.

[7] Luhmann 1997: S. 69f.

[8] Luhmann 1990a: S. 379f.

[9] Luhmann / Fuchs: S. 10f.

[10] Luhmann 1990: S. 59.

[11] a.a.O. : S. 53.

[12] Luhmann 1988: S. 292.

[13] Luhmann 1990: S. 257.

Details

Seiten
33
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638117357
Dateigröße
634 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v2862
Institution / Hochschule
Universität Augsburg – Philosophische Fakultät I
Note
1.0
Schlagworte
Selbstgefährdung Gesellschaften Niklas Luhmanns Theorie Systeme

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