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Über die Problematik des Epochenbegriffs

Ein Essay

Essay 2011 7 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

Über die Problematik des Epochenbegriffs

Menschen haben das Bedürfnis, Vergangenes zu ordnen und somit überschaubar zu machen. Allerdings nur dann, wenn die Geschichte, die vergangenen Erlebnisse, uns noch, auf welche Art auch immer, tangieren. Ordnungs-und Orientierungssysteme sind zum Beispiel Einteilungen in Generationen oder Chroniken, aber das wohl am stärksten etablierte Konzept ist die Epochengliederung. Dabei gibt es die Problematik, dass keine Geschichtsschreibung alles, was passiert ist, gleichgewichtig verzeichnen kann, sondern es wird nach veränderlichen Relevanzkriterien geordnet und interpretiert.1 Epochen sind aus der Historie bekannt, aber auch in der Literaturgeschichte werden die letzten vergangenen 1500 Jahre periodisiert. Was sind Epochen? Wozu dienen sie? Wie genau sind epochale Zuordnungen? Und sind sie überhaupt sinnvoll? Auf diese Fragen sollen im Essay Antworten gefunden werden. Als Grundlage dafür soll zunächst der Epochenbegriff definiert werden:

Das Wort Epoche stammt vom griechischen epoché, das „Einschnitt, Hemmung“ heißt. Ein bestimmtes Ereignis wurde als „Epoche“ bezeichnet, als Abschluss eines Zeitraums bzw. als Beginn eines neuen. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts wandelte sich die Bedeutung des Begriffs: Seitdem bezeichnet eine Epoche den abgrenzbaren Raum zwischen zwei Einschnitten oder Daten. Aus diesem Grund können Epochenbezeichnungen nur im Rückblick als Konstrukt vergeben werden. Die eigene Gegenwart kann nicht als Epoche tituliert werden, da nicht absehbar ist, welche Ereignisse noch folgen werden. Daher können Epochen auch immer nur in Relation zu anderen gesehen werden, da sie sich aus der Differenz zu anderen definieren. Die Epoche des Sturm und Drang zum Beispiel als Gegenbewegung zur Aufklärung ist nur verständlich in Bezug zu letzterer Epoche.2

[Epochen] […] dienen der Systematisierung von Geschichte, indem sie die geschichtliche Zeit in eine Folge von in ihrer Form und Organisation einzigartigen Zeiträume unterteilen, die sich hinsichtlich ihrer leitenden Tendenzen jeweils voneinander unterscheiden lassen.“3

Die Einteilung in Epochen dient also dazu, die Menge an literarischen Texten zu ordnen und eine „Strukturgeschichte“ zu schaffen.4 Dieses Epochenverständnis erinnert noch stark an einen Gedanken Goethes, den er in seinem siebten Buch von Dichtung und Wahrheit kundtut:„ [Die] literarische Epoche, in der ich geboren bin, entwickelte sich aus der vorhergehenden durch Widerspruch.“5

Was zeichnet Epochen der Literaturgeschichte aus? Literaturgeschichtliche Epochenbegriffe beschreiben, nebst Eckdaten, repräsentative Gemeinsamkeiten einer bestimmten Textgruppe in einem bestimmten Zeitraum.6 Dieser Korpus an Texten kann unterschieden werden von angrenzenden literarischen Werken, die charakteristisch für einen anderen Zeitraum sind. Signifikante Merkmale sind Textstrukturen (Einhaltung von Regeln, Verwendung von rhetorischen Figuren) und Wertevorstellungen (Geschlechtermuster, Darstellungs-weisen, Normvorstellungen), die im Text auftreten. Allerdings sind nicht alle literarischen Werke aus einer „Epoche“ epochenspezifisch, es gibt auch stilistische Ausnahmen und Abweichungen. Diese Werke, die nicht paradigmatisch in die Epoche „passen“, werden oft nicht berücksichtigt.7 Neben Epochenschwellen, die Zeit einer immensen literarischen Veränderung, verläuft jede Epoche aufsteigend und danach absteigend, sie besteht aus Aufstieg, Blüte und Verfall. Bei den Epochenbegriffen handelt es sich also, wie bei dem Gattungsbegriff, um Gruppenbeziehungen nach dem Prinzip der Äquivalenz und der Opposition, in der Literaturwissenschaft auch als Klassembildung beschrieben. Dabei geht es nicht nur um eine systematische, sondern ebenfalls um eine historische Konstruktion. Diese ist problematisch, da sich Literatur nicht autonom entwickelt, sondern von diversen gesellschaftlichen, politischen und sozialen Umständen und Ereignissen abhängt . „Konstitutiv für die Epochenbegiffe ist die Korrelation mit der außerliterarischen Wirklichkeit.“ 8 Da man diese Gegebenheiten nur in einem gewissen Radius verfolgen konnte/kann, sind Epochenbegriffe eng an die Vorstellung von Nationalliteraturen geknüpft.

[...]


1 vgl. Rosenberg, Rainer: „Epochen“. Literaturwissenschaft. Ein Grundkurs. Hg.: Helmut Brackert u. Jörn Stückrath. 7. Aufl. Reinbek, 2001. S. 271.

2 vgl. Jeßing, Benedikt und Köhnen, Ralph: „Einführung in die Neuere deutsche Literaturwissenschaft.“ Stuttgart, 2003. S.11-13.

3 Allkemper, Alo und Eke, Norbert Otto: „Literaturwissenschaft“. Paderborn, 2004. S.182.

4 ebd. S.184.

5 Goethe, Johann Wolfgang: „Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit.“ Zweiter Theil. Goethes Werke. Hg. im Auftrage der Großherzogin Sophie von Sachsen. (Weimarer Ausgabe.) 1. Abtheilung. Bd. 27. Weimar 1889, S.72.

6 vgl. Luhmann; Niklas: „Das Problem der Epochenbildung und die Evolutionstheorie“. Epochenschwellen und Epochenstrukturen im Diskurs der Literatur- und Sprachhistorie. Hg.: Hans Ulrich Gumbrecht u. Ursula Link-Heer. Frankfurt a. M. 1985. S. 11.

7 vgl. Allkemper, Alo und Eke, Norbert Otto: „Literaturwissenschaft“. Paderborn, 2004. S.182.

8 ebd. 181.

Details

Seiten
7
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656864585
ISBN (Buch)
9783656864592
Dateigröße
395 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v286266
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Institut für Germanistik 1
Note
1,0
Schlagworte
Epoche Epochenbegriff Literaturgeschichte Begriff der Epoche

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Titel: Über die Problematik des Epochenbegriffs