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Jüdische Identität im Spätwerk Paul Celans

Hausarbeit 2011 13 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2.Die besondere Problematik zum Verständnis in Paul Celans Werken

3. Exemplarische Beispiele
3.1 „Gespräch im Gebirg“
3.2 Der Jerusalem-Zyklus
3.2.1 „Die Pole“

4. Celans Zugang zum Judentum
4.1 Die Israelreise und ihre Wirkung auf Celan und sein Schaffen
4.2 Briefwechsel zwischen Paul Celan und Ilana Shmueli

5. Fazit

6. Bibliographie

Werke und Quellen

Forschungsliteratur

1. Einleitung

Wie bei jedem jüdischen Dichter, der direkt oder indirekt vom Holocaust betroffen war, suchte man auch in den Gedichten Paul Celans nach jüdischen Motiven oder Andeutungen, nach einer eventuell kritischen Meinung, nach einem Zuspruch oder eine Art Bewältigung der Vergangenheit durch Worte. Tatsache ist aber, dass Celan dies nie unmittelbar ansprach. Die Worte ‚Shoah‘ und ‚Holocaust‘ fielen nie direkt. Man muss sich zuerst durch Celans eigene Sprache ‚wühlen‘ und suchen, was er Wirklichkeit nennt.

In dieser Hausarbeit soll es um diese Motive in seinen Werken gehen. Wo sind sie zu finden? Wie steht er zum Judentum, zum Holocaust und wie findet dies Ausdruck in seinen Werken? Der Fokus liegt auf seinem Spätwerk, da hier vermehrt jüdische Motive Eingang gefunden haben.

Zunächst wird geklärt werden, wie seine Werke zu verstehen sind. Da sie sich, aufgrund einer sehr eigenen Sprache, nicht sofort erschließen, ist es wichtig, zu wissen, mit welchem Wirklichkeitsbezug Celan arbeitete.

Im weiteren Verlauf werden zwei exemplarische Beispiele aus seinem Spätwerk genauer in Bezug auf Jüdisches beleuchtet. Dabei handelt es sich um seine einzige Prosaerzählung „Gespräch im Gebirg“ und das zentrale Gedicht des „Jerusalem-Zyklus“ „Die Pole“.

Zum Schluss wird Celans letztes Lebensjahr genauer betrachtet, speziell die Reise nach Israel im Herbst 1969 und der Briefwechsel mit Ilana Shmueli. Dies soll Aufschluss darüber geben, wie Celan nicht nur als Dichter, sondern auch als Mensch mit jüdischen Wurzeln, mit antisemitischen Erfahrungen und mit Erinnerungen an den Holocaust lebte.

2.Die besondere Problematik zum Verständnis in Paul Celans Werken

Paul Celans Gedichte müssen sich immer wieder dem Vorwurf der Schwerverständlichkeit, einer unüberwindbaren Hermetik behaupten. Er würde dem Leser gegenüber abverlangen, gewisses fachliches Vorwissen zu haben, welches ihm den Zugang zum Gedicht erst legt. Demnach droht das Beantworten der Frage, ob Celan in seinen Gedichten die Geschichte des Judentums oder sogar eine eigene Stellungnahme zu seinem persönlichen Zugehörigkeitsgefühl gegenüber des jüdischen Volkes und der jüdischen Religion zum Thema macht, vor dem Hindernis des bloßen Verstehens zu scheitern.

Zum Argument der Hermetik äußerte sich Celan: „Glauben Sie mir – jedes Wort ist mit direktem Wirklichkeitsbezug geschrieben.“1 und „Wirklichkeit ist nicht, Wirklichkeit will gesucht und gewonnen sein.“2 Sie erschließt sich einem nicht nur durch bloßes Verstehen. Des Weiteren wird der Leser durch das dialogische Prinzip3, dem jedes seiner Gedichte folgt, immer wieder angespornt, genau diese Wirklichkeit zu suchen. Jedes Gedicht hat ein Ich, welches durch Sprache mit einem Du in Kontakt gelangt. „Durch den mangelnden Kontext, durch seine Leerstellen zwingt das hermetische Gedicht seinen Leser, selbst die Aufgabe der Textherstellung zu vollenden.“4 Dieser Effekt würde verlorengehen, wenn das Gedicht allzu leicht verständlich wäre, es wäre nur ein Lesen, kein mitdenken mehr.

Die Wirklichkeit zu suchen wird in seinen Gedichten immer wieder durch die besondere Sprache, vor allem durch Wortneuschöpfungen, die „Wirklichkeit noch nicht besitzen, vielmehr diese als ein Besetzbares ansteuern“5 ausgelöst. Für Celan tun sich hierbei immer wieder die Grenzen der Sprache auf. Durch das Sprechen in Gedichten ist er selbst auf der Suche nach Wirklichkeit. Die Gedichte haben ein Ziel, das er versucht zu erreichen: „Dichtung: das kann eine Atemwende bedeuten. (…) Vielleicht wird hier, mit dem Ich – mit dem h i e r und s o l c h e r a r t freigesetzten befremdeten Ich, - vielleicht wird hier noch ein Anderes frei?“6

3. Exemplarische Beispiele

Die Wirklichkeit Paul Celans war zeit seines Lebens geprägt von der Geschichte des Judentums, das ist an seiner Biographie eindeutig festzumachen. Nach der vorhergehenden Argumentation, ist sein Werk nicht nur eine Verarbeitung der Geschichte, sondern auch auf der Suche nach eben dieser Wirklichkeit, dem Judentum. Genauso wie Celan immer auf der Suche nach dem Jüdischen in ihm und um ihm war.

Im Folgenden werden die Erzählung „Gespräch im Gebirg“ und das Gedicht „Die Pole“ nach Zeichen für dieses Suchen untersucht.

3.1 „Gespräch im Gebirg“

„Gespräch im Gebirg“ ist eine von Celans wenigen Prosaerzählungen und nimmt insofern großen Stellenwert in der Interpretation seiner jüdischen Identität ein, da es mit auffällig vielen jüdischen Merkmalen und Andeutungen einhergeht. Sie entstand im August 1959 und behandelt eine Begegnung mit Theodor W. Adorno, die in Wirklichkeit nie stattfand, und ist so als direkte Antwort auf Adornos Äußerung „Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch“7 zu verstehen. Celan untersucht also wie man den ‚Weg des Unmöglichen‘ jetzt gehen soll und begegnete am Ende sich selbst.8 „Gespräch im Gebirg“ ist genau das: ein Gespräch zwischen zwei Juden, die im Gebirge aufeinander treffen. Sie unterhalten sich über das Ich, über die Sprache, das Sprechen und über Gott. Das sind die typischen Themen Celans. Ein bedeutsames und sehr deutlich hervortretendes Merkmal ist das dialogische Prinzip, mit dem Celan hier spielt. Zunächst wird die Erzählung von außen durch einen Erzähler begleitet, entwickelt sich zum Dialog zwischen den Beiden um schließlich in einer fortschreitenden Verengung in einem Monolog zu münden, in welchem nicht mehr ganz klar ist, wer spricht.

Celan benutzt in dieser Erzählung diverse jiddische Äußerungen9. Diese Idiome haben extrem ambivalenten Charakter. So war z.B. das Wort „Jud“ im deutschen Reich als ein Zeichen für den Antisemitismus negativ besetzt, während Celan es in der Erzählung vor allem benutzt um ein Heimat-, ein Zugehörigkeitsgefühl zu erzeugen. Genau wie der „Stern – denn ja, der steht jetzt überm Gebirg“10 als Schutz und Zeichen der jüdischen Identität, aber auch als Erkennungsmerkmal antisemitischer Verfolgung.

Eine weitere Besonderheit, die zu nennen wäre, sind die Namen der beiden Protagonisten. Sie seien „unaussprechlich“11. Sie sind auf das äußere Erscheinungsmerkmal reduziert (Klein und Groß) und so wird ihnen jede Individualität und vor allem Identität genommen. Dies könnte man in Bezug darauf lesen, dass Juden in Konzentrationslagern keine Namen hatten, sondern ihnen nur Nummern gegeben wurde, die so ebenfalls nicht aussprechbar sind. In der jüdischen Tradition aber wird nur der Name Gottes nicht ausgesprochen. Dieser wird direkt vom Juden „Klein“ angesprochen, nicht mit Namen, sondern als „Niemand“12 und gibt ihm einen Namen: „Hörstdu“.13 Diese Losung stammt vom Losungswort des Judentums „Schema Israel“ („Höre Israel“)14. Dieses „Hörstdu“ ist nicht nur ein Name. Er scheint gleichzeitig eine Bitte um Aufmerksamkeit zu sein, als wäre er so flüchtig, dass er sofort aufhören würde zu existieren, wenn Jude „Klein“ ihn nicht durch Worte heraufbeschwören würde. Dies könnte Celans viel beschriebenes Alleinsein15, das Schicksal als Jude, implizieren. Denn „Hörstdu, gewiß, Hörstdu, der sagt nichts, der antwortet nicht“16.Barbara Heber-Schärer fasst diese Problematik wie folgt zusammen: „Celan insistiert in diesem Text wie kaum sonst auf der jüdischen Identität und stellt, in einer gegenläufigen Bewegung, zugleich Identität selbst in Frage.“17

Ein weiteres wichtiges Motiv ist das der Entfremdung. Es zieht sich durch die gesamte Erzählung. Der Schatten der Juden ist nicht ihr eigener, die natürliche Welt ist nicht die ihre und selbst die Sprache wurde zu einem Instrument der Stigmatisierung gegen sie. So vermutete David Bierley, die „Entfremdung gegenüber sich selber, gegenüber der Gemeinschaft der ‚Geschwisterkinder‘, gegenüber der natürlichen Welt, kurzum gegenüber Gott, scheint die Existenz des Juden zu charakterisieren.“18

Dies soll als Überblick erst einmal reichen um zu zeigen, wie Celan in dieser Erzählung einige jüdische Elemente und Motive einfließen ließ und so Aufschluss über Celans Verständnis einer jüdischen Identität gab. Es gibt viele weitere und einen sehr ausführlichen Überblick geben die Arbeiten von Barbara Heber-Schärer und Mirjam Sieber, deren Schriften im beiliegenden Literaturverzeichnis zu finden sind.

[...]


1 Reschlika, Richard: „Poesie und Apokalypse – Paul Celans ‚Jerusalem-Gedichte‘ aus dem Nachlaßband ‚Zeitgehöft‘“, Freiburg, Pfaffenweiler: Centaurus-Verl.-Ges., 1991, S. 7

2 Celan in einem Brief an Nelly Sachs, 1958 in: May, Markus; Großens, Peter; Lehmann, Jürgen (Hrsg.): „Celan-Handbuch: Leben – Werk – Wirkung“, Stuttgart, Metzler, 2008, S. 237

3 Dieses beschreibt Celan in seiner Meridian-Rede genauer.

4 Witte, Bernd: „Zu einer Theorie der hermetischen Lyrik“, 1981 in: Reschlika, S. 10

5 Neumann, Gerhard: „Die absolute Metapher. Ein Abgrenzungsversuch am Beispiel Stephane Mallarmés und Paul Celans“, 1970 in: Reschlika, S. 9f.

6 Brierley, David: „Der Meridian – Ein Versuch zur Poetik und Dichtung Paul Celans“, Frankfurt am Main, Lang, 1984, S. 26

7 „Kulturkritik und Gesellschaft“, 1949 in: Felstiner, John: „Paul Celan – Eine Biographie“, becksche Reihe, München, 2000, S. 187

8 Vgl. Brierley, S. 32

9 Typische Merkmale des jiddischen sind Idiome („Häusel“), Ellisionen („Jud“, „ich bin’s“), Vorziehung finiter Verbformen („wenn der Jud begegnet einem zweiten“) und Parataxen. (Vgl. Heber-Schärer, Barbara: „Paul Celan: Gespräch im Gebirg – Eine Untersuchung zum Problem von Wahrnehmung und Identität in diesem Text Celans“, Verlag Hans-Dieter Heinz, Stuttgart 1994, S. 19)

10 Celan: „Gespräch im Gebirg“ in: Felstiner, S. 192

11 Felstiner; S. 189

12 Dies wird im späteren Gedichtband „Niemandsrose“ aufgegriffen, speziell im Gedicht „Psalm“. Das behandelten wir ausführlich im Seminar.

13 Celan: „Gespräch im Gebirg“ in: Felstiner, S. 191

14 Vgl. Felstiner, S. 193

15 In einer Rede vor einem Schriftstellerverband sprach Celan davon „einen Begriff zu haben von dem, was jüdische Einsamkeit sein kann“ (Vgl. May, S. 241 f.)

16 Siehe 13

17 Heber-Schärer, S. 6

18 Brierley, David, S. 267

Details

Seiten
13
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656865322
ISBN (Buch)
9783656865339
Dateigröße
453 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v286316
Institution / Hochschule
Universität Erfurt – Philosophische Fakultät Literaturwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Paul Celan Judentum jüdische Identität Holocaust

Autor

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