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Scheidung und ihre Folgen für die Kinder. Maßnahmen und Beratungsmöglichkeiten für Scheidungsfamilien

Hausarbeit 2009 14 Seiten

Psychologie - Beratung, Therapie

Leseprobe

Gliederung:

1. Einleitung
1.1. Statistische Daten
1.2. Setting Scheidung

2. Die Scheidungsfamilie
2.1. Grundsätzliche Chancen und Risiken
2.2. Die Situation geschiedener Elternpaare
2.3. Die Situation des Kindes: Scheidungsfolgen beim Kind
2.4. Problematische und protektive Faktoren
2.5. Gemeinsames Sorgerecht

3. Maßnahmen und Intervention
3.1. Grundlegendes
3.2. Vorbeugende Maßnahmen
3.3. Trennungs- und Scheidungsmediation
3.4. Scheidungsberatung für Kinder und Eltern
3.5. Kindergruppenarbeit

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis
5.1. Buchquellen
5.2. Internetquellen

Einleitung

„Scheidung ist ein schwerer, jedoch völlig legitimer Weg, um seinen persönlichen Plan vom Leben zu verwirklichen.“ (alverde, 2010, S. 48)

1.1. Statistische Daten

Viele Ehen in Deutschland scheitern, und in immer noch statistisch relevanten Fällen scheitern Ehen auf eine besonders risikoreiche Art: Indem Kinder den emotionalen wie alltäglichen Kontakt zu einem Elternteil verlieren, obwohl dieser noch lebt. Scheidung interessiert immer wieder auch Gerichte und Jugendhilfe (vgl. Klenner, 2002: 48).

Geschiedene Ehen mit einem oder mehreren Kindern sind in Deutschland Alltag geworden. Die anfänglich sehr starke Problematisierung von Scheidungskindheiten an sich hat inzwischen einem differenzierten Bild Platz gemacht. Nicht jedes Problem, das ein Scheidungskind zeigt, hat mit der Scheidung zu tun (vgl. Niesel, 1998, S. 11). Und: Auch wenn es Kind direkt nach der Scheidung der Eltern oder ein paar Jahre danach noch keine Störungen zeigt, ist es leider kein Garant dafür, dass sie die Scheidung untraumatisiert überstanden haben – manche Kinder entwickeln erst als Erwachsene Symptomatiken.

In Deutschland wurden 2007 190.928 Ehen geschieden. Fast die Hälfte davon betraf Familien mit minderjährigen Kindern. 2007 waren rund 145.000 Kinder von Scheidungen betroffen (vgl. Familienatlas, 2009: o.P.). Nicht mitgezählt wurden Kinder, die bei der Trennung aus nichtehelichen Lebensgemeinschaften „Scheidungswaisen“ wurden, hier kann es naturgemäß nur Schätzungen, aber keine statistischen Daten geben.

1.2. Setting Scheidung

Die künftigen Ausführungen in der Beschreibung ihrer psychischen Dynamiken gelten auch für Kinder nichtehelicher Gemeinschaften, trotz einer sich angleichenden rechtlichen Situation ehelicher und nichtehelicher Lebensgemeinschaften. Auch wenn es dazu noch keine Daten gibt, steht zu vermuten, dass diese Ausführungen sowohl für heterosexuelle wie homosexuelle Lebenspartnerschaften in ihrer Dekonstruktion gelten können.

Für binationale Familien können die Ausführungen durch die oft viel kompliziertere rechtliche Situation als bei deutsche Familien nicht uneingeschränkt gelten. Aufgrund der unterschiedlichen kulturellen und oft auch rechtlichen Ausgangsbasis gelten die Ausführungen ebenfalls für Migrantenfamilien nur eingeschränkt.

Scheidungskindheiten sind eine der vielen Spielarten „normaler“ Kindheiten geworden, und die Frage nach deren Wohl eine Frage, die viele betrifft. Es ist jedoch schwierig, Kindeswohl und Kindeswille zu definieren und zwischen temporären Konflikten in einer akuten Scheidungsphase und sich chronifizierenden Schwierigkeiten zu unterscheiden (vgl. Dettenborn, 2007: 10). Dabei beginnt eine Scheidung nicht mit dem rechtlichen Akt der Scheidung oder zumindest der räumlichen Trennung zweier Partner, und sie endet nicht damit. Die Scheidung hat sowohl eine gewisse, oft jahrelange Vorlaufzeit aus der gemeinsamen krisenhaften Familiengeschichte, und ein „Nachspiel“, das sich zumindest im Idealfall in einer neuen, stabilen Beziehungskonstellation verfestigt. Scheidungen folgen bestimmten Phasen:

- Destabilisierung / Konfliktphase,
- Konfliktverschärfung / Krise mit ersten Trennungsgedanken,
- Ambivalenzphase,
- partnerschaftliche Trennung,
- räumliche Trennung,
- Restabilisierung.

Forscher wie Bellmann und Schmidt-Denter nehmen deshalb auch eine vergleichsweise lange Zeit in Blick, um zu erheben, wie es den Kindern und deren Eltern in den drei verschiedenen Phasen geht (vgl. ders. ,1995: o. P.).

2. Die Scheidungsfamilie

2.1. Grundsätzliche Chancen und Risiken

Guy Bodemann und sein Team fanden heraus, dass gerade Stress einer der wesentlichen Risikofaktoren für eine spätere Scheidung ist, da dadurch die Kommunikationsqualität sinkt. Stress kann eine künftige Scheidung zu 75% vorhersagen.

Die Anforderungen an Paare hinsichtlich der emotionalen Qualität und Stabilität ihrer Beziehung sind gestiegen: Es darf nicht nur Zuneigung, es muss Liebe sein. Dazu scheinen die Mehrfachbelastungen durch Berufstätigkeit, Kinder, Alltagsbewältigung höher geworden zu sein.

2.2. Die Situation geschiedener Elternpaare

Ist eine Scheidungsfamilie überhaupt noch eine Familie? Sinnvoll erscheint mir hier der systemische Ansatz von Bellmann und Schmidt-Denter, die Familie als soziales System verstehen, „das - bedingt durch das kritische Lebensereignis Trennung/Scheidung - nicht aufhört zu existieren, sondern sich umstrukturiert.“ (Bellmann und Schmidt-Denter,1995: o. P.). Als Eltern können dabei nicht nur genetische Eltern in Erscheinung treten, sondern auch soziale Elternschaften, wie sie in Patchworkfamilien entstehen (vgl. Dettenborn, 2007: 17).

Doch wie ist die Situation geschiedener Elternpaare, wenn Beziehungsabbrüche zum Kind absehbar sind?

Grundsätzlich finden wir schon im Vorfeld von konflikthaften Scheidungsverläufen einen sehr konfliktreichen, oft dramatischen Trennungsprozess, in der auch professionelle Begleiter – Eheberater, Mediatoren und Juristen, auf unterschiedlichen Seiten stehen (vgl. Klenner, 2002:51ff). Es gibt also relevante, zumindest prinzipiell wahrnehmbare Krisenzeichen. Mindestens ein, oft beide Elternteile fühlen sich vom anderen verletzt und entwickeln stabile, ausgeprägt negative und polarisierende Ansichten über das andere Elternteil, dabei versuchen Eltern teilweise schon vor der räumlichen Trennung der Partner das Kind in den Konflikt als Parteigänger mit hineinzuziehen (vgl. Gardner, 2002: 82ff, Kodjoe, 2009. o.P.)

2.3. Die Situation des Kindes: Scheidungsfolgen beim Kind

Trennungen sind in der Regel konfliktreich, und neben dem Zerbrechen der Paarbeziehung stehen auch für das Kind einschneidende Veränderungen an. Sein Beziehungsgefüge destabilisiert sich, und bestimmte Selbstverständlichkeiten wie „Papa liebt mich“, „Mama wird immer für mich da sein“ sind nun weniger sicher oder werden hinterfragt – je nach Alter und Situation des Kindes.

Es gibt in der Situation der Scheidungskinder erhebliche Unterschiede: Je nach Alter, Geschlecht und Temperament wirkt sich der Scheidungsverlauf unterschiedlich auf sie aus (vgl. Niesel, 1998, S. 45ff). Grundsätzlich gilt: Kinder können die faktische Umstrukturierung durch die Scheidung kognitiv offenbar längere Zeit nicht nachvollziehen: „Besonders deutlich kommt die spezifische kindliche Perspektive darin zum Ausdruck, daß kein verringerter familiärer Zusammenhalt vermerkt wird, obwohl doch die elterliche Trennung durch den Auszug des Vaters anschaulich vollzogen wurde. Man kann wohl folgern, daß die Kinder ihre Vorstellungen von der Kernfamilie zu bewahren versuchen, also kognitive Konzepte möglichst stabil halten.“ (Bellmann und Schmidt-Denter,1995: o. P.) Es bereitet den Kindern offenbar große Schwierigkeiten, die neue Konstellation zu realisieren, sie sind damit oft vollständig überfordert. Hier ist oft noch ein weiterer Aspekt entscheidend:

„Insbesondere jüngere Kinder werden durch den Fortgang des Vaters und den innerfamiliären Loyalitätskonflikt überfordert.“ (Bellmann und Schmidt-Denter,1995: o. P.) Der Wille des Kindes ist hier außerordentlich schwierig zu eruieren, weil dieser der Beeinflussung durch seine Bezugspersonen ausgesetzt ist und die meisten Kinder der Scheidung ihrer Eltern selbst innerlich nicht zustimmen können, und zudem relativ äußere Faktoren wie „bei Papa darf ich länger aufbleiben“ oder „bei Mama ist das Schwimmbad in der Nähe eine Rolle spielen können (vgl. Dettenborn, 2007: 61ff und 85).

Kindliche Verhaltensauffälligkeiten treten bei Scheidungskindern signifikant häufiger auf: „Die Symptombelastung der Trennungskinder liegt dramatisch über den Normwerten (MVL).“ (Bellmann und Schmidt-Denter,1995: o. P.), dies gleicht sich mit der Zeit allerdings so weit aus, dass die Veränderungen statistisch nicht mehr signifikant sind.

Auch wenn das Kind scheinbar im Vordergrund steht, es sich scheinbar alles nur um das Kind dreht, geraten die Bedürfnisse der Kinder oft genug in den Hintergrund. Das Kind steht zwar im Vordergrund, aber auch im Brennpunkt (vgl. Niesel, 1998, S. 5).

Es gibt dabei kaum die „normale“ Scheidungsfamilie, gerade da jede Trennung ihre eigene Geschichte und Dynamik aufweist. Dennoch gibt es einige Leitlinien: Wenn das Klima in Scheidungssettings ist vergleichsweise hermetisch wird und Kinder systematisch von anderen Denkweisen abgeschottet werden.

Auch lassen sich in dem zeitlichen Verlauf der Scheidung Unterschiede festmachen: Dass Eltern in der Krisensituation versuchen, Kinder auf ihre Seite zu ziehen, ist nicht korrekt, aber menschlich, wenn sie dies nicht nur im Affekt, sondern über längere Zeit tun, ist wieder die Grenze zwischen akzidenteller und weitestgehend unabsichtlicher Manipulation und chronischer und absichtlicher Manipulation überschritten (vgl. Bellmann und Schmidt-Denter,1995: o. P.).

Dass Kinder über die Scheidung nicht erfreut sind, scheint der Regelfall zu sein, auch die dieses Gefühl begleitenden teilweise sehr starken Spannungen, die sich offenbar gerade in dem Elternteil, von dem das Kind nicht abhängig ist, da es nicht bei ihm wohnt, polarisieren. Bei einer gesunden Bewältigung der Scheidungskrise wird das Kind nach einer Zeit wieder zu einem kooperativeren Verhalten gegenüber dem nicht betreuenden zurück kehren, Konflikte können beigelegt werden. Bei schwierigen Scheidungen ist die Beziehung zum nicht betreuenden Elternteil dagegen längerfristig geschädigt (vgl. Bellmann und Schmidt-Denter,1995: o. P.).

Dabei muss beachtet werden, dass jeder der Beteiligten höchst unterschiedliche Erfahrungen um Empfindungen in scheinbar der gleichen Situation entwickeln kann (vgl. Niesel, 1998, S. 38). Was eine Mutter möglicherweise als Befreiung erlebt, ist für ein Kind problematisch. Was ein Zweijähriger ohne Zeichen großer Beunruhigung hinnimmt, kam seinen sechsjährigen Bruder in eine tiefe Krise stürzen. Zudem verändert sich für ein Kind manchmal mehr, als aus der Sicht des Erwachsenen wahrzunehmen ist (vgl. Niesel, 1998, S. 38). Etwa der vorher übliche Morgenspaziergang zur netten Bäckerin, der durch den Umzug in ein anderes Stadtviertel wegfällt, ein vertrauter Ausblick aus dem Kinderzimmer, aber auch so schwer greifbares wie bestimmte Stimmungen und Gerüche.

Einerseits erleben viele Kinder offenbar in der Scheidungszeit oft große Hilflosigkeit, in der sie, so sehr sie es sich auch wünschen, nichts tun können (vgl. Niesel, 1998, S. 44). Sie erleben ihre eigene Ressourcenarmut. Andererseits können auch Kinder mit ihren Kompetenzen zur Situation beitragen (vgl. Niesel, 1998, S. 41) – durch Vorschläge zur Alltagsgestaltung oder der Übernahme von kleinen Pflichten, die für den allein erziehenden Elternteil dennoch eine große Entlastung sein können – und sei es, wenn die Achtjährige für die Mutter einkaufen geht, während die Mutter zehn ruhige Minuten hat.

Auch wenn der Übergang zwischen „normalen“ Scheidungsdynamiken und risikoreicheren Verläufen fließend ist, lassen sich so doch einige Unterscheidungsmerkmale differenzieren.

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Details

Seiten
14
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656866275
ISBN (Buch)
9783656866282
Dateigröße
395 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v286361
Institution / Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg – Uni
Note
1,6
Schlagworte
scheidung folgen kinder maßnahmen beratungsmöglichkeiten scheidungsfamilien

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Titel: Scheidung und ihre Folgen für die Kinder. Maßnahmen und Beratungsmöglichkeiten für Scheidungsfamilien