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Chancengleichheit im Bildungssystem? Jugendliche mit Migrationshintergrund zwischen Schule und Arbeitsmarkt

Bachelorarbeit 2010 37 Seiten

Pädagogik - Sonstiges

Leseprobe

Inhalt

0. Einleitung

1. Begriffsklärung
1.1. Migration
1.2. Migrationshintergrund
1.3. Jugendliche

2. Gesellschaftliche Wertigkeiten von Bildung und Arbeit

3. Gesetzliche Rahmenbedingungen für Chancengleichheit in Deutschland

4. Historische Entwicklung und Ursachen für Migration in Deutschland

5. Migrantenanteil in der deutschen Bevölkerung

6. Das deutsches Bildungssystem
6.1. Übergangstufen im deutschen Bildungssystem
6.1.1. Primarstufe
6.1.2. Übergang vom Primärbereich in die Sekundarstufe I
6.1.3. Übergang vom Sekundarbereich I in den Sekundarbereich II

7. Anteile von Migrantenkindern im Deutschen Schulsystem

8. Die allgemeine Situation von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund im deutschen Bildungssystem

9. PISA - Kompetenzunterschiede zwischen Migranten und Nicht-Emigranten?

10. Besondere Bildungsvoraussetzungen von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund

11. Förderung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund

12. Berufliche Integration von Migrantenkindern - Schulabschluss und dann? Migranten- und Nicht-Migrantenkinder an der Schnittstelle zwischen Schule und Ausbildung

13. Abschließende Betrachtungen - Ungleichheit statt Chancengleichheit?

Literatur- und Quellenangaben

0. Einleitung

Christiane Lüders, die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS), forderte Ende März 2010 den anonymisierten Lebenslauf in Bewerbungsverfahren. „Ich möchte Lebensläufe, auf denen weder ein Foto zu sehen ist, noch Name, Adresse, Geburtsdatum oder Familienstand erkennbar sind. So erreichen wir mehr Chancengleichheit in Bewerbungsverfahren“1, sagte Lüders. Unternehmen bereichern zeitgleich die Vielfalt ihrer Belegschaft durch verschiedene Talente.

Hintergrund dieser Forderung ist die offensichtliche Benachteiligung vom Menschen mit Migrationshintergrund bei Bewerbungsverfahren.

Wer ausländisch klingende Namen oder ein ausländisches Aussehen hat, wird ungeachtet jeglicher Qualifikation vielfach erst gar nicht zu einem Vorstellungsgespräch geladen.

Es ist skandalös, schreibt die Süddeutsche2. Und so fordert Lüders zu Recht den anonymisierten Lebenslauf, der bspw. in Frankreich in einigen Unternehmen, ein Jahr nach den Unruhen in französischen Vorstädten 2005, eingeführt wurde (Schubert 2010). Allgemeingültige Praxis ist dies nicht. Vielmehr handelt es sich dabei um Versuche, zu denen allerdings Ergebnisse, die den Erfolg oder Misserfolg dieser Idee wiedergeben könnten, nicht vorhanden sind, da es in Frankreich verboten ist, Daten im Zusammenhang mit Personen und ihrer Herkunft zu sammeln (vgl. Schubert 2010).

Der anonymisierte Lebenslauf, eine gute Idee. Die wirkliche Praktikabilität dieses Verfahrens bleibt dennoch fraglich. Zwar wird eine anonyme Vorauswahl getroffen, spätestens beim Vorstellungsgespräch offenbaren sich jedoch alle Tatsachen. Und ein Kandidat, der zwar über die geforderte Qualifikation verfügt, einem Personaler aber bspw. nur unsympathisch erscheint, bekommt den Job nicht, auch wenn er ihn noch so dringend braucht. Und so lange auf den Entscheidungsstühlen Menschen sitzen, so lange lassen sich auch Vorurteile nicht abbauen.

Die Wirtschaftslage und insbesondere der Ausbildungsmarkt tun hier ihr übriges. Auf dem Ausbildungsmarkt herrscht starke Konkurrenz für die Bewerber. Gute Schulbildung, ein gutes Zeugnis können die Türöffner für ein Vorstellungsgespräch sein, gutes Abschneiden in evtl. Einstellungstests kann im Wettbewerb um die Ausbildungsstelle den entscheidenden Vorteil bringen.

Was aber, wenn die Qualifikationen der zur Auswahl stehenden Bewerber beinahe identisch sind? Dann sind es nur Nuancen, dann gewinnen andere Aspekte an Wichtigkeit.

Bildung, Ausbildung und Arbeit nehmen in modernen Gesellschaften einen hohen Stellenwert ein. Bildung eröffnet die Möglichkeit gesellschaftlicher Teilhabe. „Bildung bestimmt nicht nur die Entwicklungs- und Handlungschancen jedes und jeder Einzelnen im Beruf, Privatleben und als Bürger, sondern auch die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft.“ (Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2008a:4) Humankapital, vor allem gut ausgebildete und hochqualifizierte Kräfte sind mittlerweile für die globale Wirtschaft noch bedeutender als Sachkapital. Die Nachfrage nach gut ausgebildeten Kräften steigt, die nach Arbeitskräften ohne Ausbildung geht indessen zurück.

Die Wichtigkeit guter Bildung steht folglich außer Frage. Dennoch geriet das deutsche öffentliche Bildungssystem in jüngster Vergangenheit in Kritik, es kann den internationalen Anforderungen nicht standhalten. Belege hierfür liefern internationale Schulleistungsvergleichsstudien vergangener Jahre und das schlechte Abschneiden deutscher Schüler.

Studien wie PISA entlarven für die in Deutschland lebenden Migrantenkinder große Kompetenzunterschiede zu ihren deutschstämmigen Mitschülern (Penzel 2006:19). Im Einzelnen bedeutet dies, dass Migrantenkinder im Hinblick auf den Erwerb notwendiger Kompetenzen durchgehend schlechter abschneiden, als Kinder ohne Migrationshintergrund.

Migrantenkinder verfügen familienintern über einen eher geringen sozialen Status, aus dem eine entsprechend schlechte soziale Stellung hervorgeht. Migrantenkinder weisen starke Unterschiede im Sprachgebrauch auf und ihnen mangelt es an Interesse am Schulstoff, so die üblichen Erklärungsversuche des schlechten Abschneidens von Migrantenkindern in Schulvergleichsstudien.

Hingegen beteuern die betroffenen Schüler selbst ihr Interesse am Lernstoff. Die Gründe für ihr Scheitern müssen folglich andere sein.

Die Bildungsverantwortlichen erkennen mittlerweile immer mehr die Schwachpunkte des bestehenden Bildungssystems, die für diese Lage verantwortlich sind.

Bezüglich der doppelten Benachteiligung von Migranten bewegt sich Deutschland an der Weltspitze, so Bundespräsident Köhler. Chancengleichheit zwischen Migrantenkindern und Nicht-Migrantenkindern in der Schule besteht nicht. Migrantenkinder werden stattdessen stark benachteiligt3.

Die Bundesministerin für Bildung und Forschung, Annette Schavan, unterstreicht 2008, dass angestrebte Reformen eine Verbesserung zwischen sozialer Herkunft und Bildungsniveau herbeiführen sollten.

Auf lange Sicht kann man sich die unentschuldbare Ungerechtigkeit der Vernachlässigung von Talenten aus Zuwandererfamilien nicht leisten. Die Benachteiligungen aus der Schulzeit spiegeln sich auch später z.B. bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz, im Übergang zwischen Schule und Beruf, wieder. Dazu kann man aktuell einer Pressemitteilung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung vom 23. März 2010 entnehmen: „Wir werden Ausbildungshemmnisse überwinden“4, schließlich sei die berufliche Ausbildung ein zentraler Schlüssel für dauerhafte Integration. Ausgesprochenes Ziel ist es somit, bestehende Zugangsbarrieren, die Jugendliche aus Migrantenfamilien derzeit daran hindern am Ausbildungsmarkt teilzunehmen, abzubauen, und damit die Ausbildungsbeteiligung zu erhöhen.

Die Berufliche Integration von Jugendlichen mit Migrationshintergrund ist noch nicht systematisch erforscht, es steht eher nur eine fragmentarische Datenlage zur Verfügung. Somit ist „…über die berufliche Bildung, die Berufseinmündung und die Berufskarriere von Jugendlichen aus Migrantenfamilien noch sehr wenig bekannt…“ (Diefenbach 2002:11).

Aus welchen Gründen kommt es zu Benachteiligungen junger Migranten? An welchen Übergangsstellen im Bildungssystem ergeben sich Probleme? Wer ist an der Chancenungleichheit schuld? Die Migranten? Das deutsche Bildungssystem? Vorurteile von Ausbildern und Personalchefs? Nur einige Fragen, die sich in diesem Zusammenhang aufwerfen.

Im Folgenden betrachte ich die Chancengleichheit im Bildungssystem von Jugendlichen im Übergang zwischen Schule und Arbeitsmarkt.

Um das Themenspektrum abzustecken, beschäftige ich mich einleitend mit wichtigen Begriffsdefinitionen, die für die Bearbeitung des vorliegenden Themas von Bedeutung

sind. Dabei gehe ich auf die Begriffe ‚Migration‘, ‚Migrationshintergrund‘ und ‚Jugend‘ ein.

Im Anschluss daran befasse ich mich mit der Beschreibung gesellschaftlicher Wertigkeiten von Bildung und Arbeit. In einem weiteren Punkt betrachte ich die gesetzlichen Rahmenbedingungen für Chancengleichheit in Deutschland. Um überhaupt nachvollziehen zu können, worin das Problem besteht, erachte ich es als unerlässlich, sich mit den historischen Ursachen von Migration in Deutschland auseinanderzusetzen. Anhand von aktuellen Zahlen soll der Migrantenanteil innerhalb der deutschen Bevölkerung und ausgehend davon der Anteil von Migrantenkindern im deutschen Schulwesen dargestellt werden.

Anschließend wird die allgemeine Situation von Migrantenkindern an deutschen Schulen beschrieben. Schneiden Migrantenkinder im deutschen Schulsystem tatsächlich schlechter ab? Welchen besonderen Bildungsvoraussetzungen unterliegen die Migrantenkinder? Bestehen Förderprogramme zur Herstellung von Chancengleichheit zwischen Nicht-Migranten und Migrantenkindern und wenn ja, welche? An welchen Schnittstellen des deutschen Bildungssystems entstehen mögliche Benachteiligungen? Schließlich wird die berufliche Integration von Migrantenkindern untersucht. Vom besonderen Interesse ist dabei der Übergang zwischen Schulabschluss und Ausbildungsstelle sowie die Frage nach Unterschieden der Möglichkeiten zwischen Nicht-Migranten und Migranten.

Hauptorientierungspunkte dieser Auseinandersetzung liefern aktuelle Studien der Bundesregierung, Studien des Bundesinstituts für Berufsbildung sowie statistische Daten.

1. Begriffsdefinitionen

1.1. Migration

„Migration umfasst alle Wanderungsbewegungen von Menschen, seien es Individuen oder Gruppen, die ihren bisherigen Wohnsitz längerfristig oder dauerhaft wechseln, unabhängig von den Motiven oder Ursachen, welche der Verlagerung des Wohnsitzes zugrunde liegen.“ (Barwig/Schumacher 2001:300).

Diese Definition lässt offen, um welche Art von Migration es sich handelt. Grundsätzlich sind hier zunächst alle Migranten gemeint. In dem entsprechenden Zusammenhang muss folglich definiert werden, welche Migrationsart genau gemeint ist.

Es werden verschiedene Formen von Migration unterschieden: Arbeitsmigranten, EUBinnenmigranten, Ehegatten- und Familiennachzug aus Drittstaaten, Spätaussiedler, Jüdische Zuwanderer aus der ehemaligen UdSSR, Flüchtlinge, aber auch Formen zeitlich begrenzter Zuwanderung: Au-pairs, StudentInnen, Auszubildende, Staatenlose, die Rückkehr deutscher Staatsbürger und Menschen ohne regulären Aufenthaltsstatus sowie bikulturelle Partnerschaften (Schlippe u.a. 2003:38-41).

1.2. Migrationshintergrund

Der Begriff ‚Migrationshintergrund‘ zielt auf Kinder von Einwanderern, die in Deutschland zur Welt kamen und den deutschen Pass besitzen. Zeitgleich markiert er die Unterscheidung von sogenannten ‚klassischen‘ Deutschen, die nicht über einen Migrationshintergrund verfügen. „Um die Ausländer, die eingebürgerten Migranten sowie die zweite und dritte Generation gemeinsam zu betrachten, ist heute weniger von ‚Ausländern‘, als vielmehr von der gesamten Gruppe der ‚Menschen mit Migrationshintergrund die Rede.“ (Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung 2009:9).

„Der Migrationshintergrund leitet sich ausschließlich aus den Eigenschaften der Eltern ab. Die Betroffenen können diesen Migrationshintergrund aber nicht an ihre Nachkommen ‚vererben‘“. (Statistisches Bundesamt 2008:6). Das gilt für in Deutschland geborene Deutsche, bspw. als Kinder von (Spät-)Aussiedlern. Hingegen vererben Zuwanderer und Ausländer, nach heutigem Gesetz, den Migrationshintergrund auf die 1. bis 3. Generation (vgl. Statistisches Bundesamt 2008:6).

Statische Erhebungen belegen den Begriff durchaus unterschiedlich, womit er durch Kriterien wie Nationalität, Geburtsstand oder Sprachgebrauch bestimmt werden kann. Die OECD schlägt eine Unterteilung in vier Gruppen vor, die als bewährt gilt. Menschen ohne Migrationshintergrund stammen von in Deutschland geborenen Eltern

ab. Mit einem im Ausland geborenen Elternteil: Der andere Elternteil ist in Deutschland geboren. Zweite Generation: Der Jugendliche ist in Deutschland geboren, die Eltern im Ausland. Zugewandert: Beide Elternteile und der Jugendliche sind im Ausland geboren und nach Deutschland eingewandert (OECD 2006:25).

1.3. Jugendliche

Beschäftigt man sich mit Jugendthemen und stellt sich dabei die Frage, welche Lebensspanne Jungend umfasst, stößt man auf ein altes wissenschaftlich-definitorisches Problem.

Der Begriff der Jugend lässt sich nur schwammig fassen. „In der Soziologie definiert man als Jugendlichen, wer nicht mehr Kind und noch nicht Erwachsener ist. Das ist allerdings eine Definition, die das Problem gleich in zwei Richtungen verschiebt, weil wir nun in der Lage sein müssen anzugeben, wann Kindheit aufhört und wann Erwachsenensein anfängt.“ (Allerbeck/Hoag 1985:182).

Laut gesetzlichen Vorgaben beginnt in Deutschland die Volljährigkeit und damit auch das Erwachsenenalter mit dem 18. Lebensjahr. Studien wie bspw. die Shell Studie ‚Jugend‘, fassen das Alter der Jugendlichen von 15 bis 25 Jahre. Und auch das statistische Jahrbuch für die Bundesrepublik Deutschland fasst die Grenzen weit, die untere wird bei zehn, die obere bei 25 Jahren festgelegt.

Oerter und Dreher (1995) unterteilen die Jugend in die Lebensphasen Vorpubertät, die sich auf die Lebensjahre 10 bis 12 erstreckt, die Transzendenz erstreckt sich vom 11./12. Lebensjahr bis zum 14. Lebensjahr, die frühe Adoleszenz vom 14. bis 18. Lebensjahr und späte Adoleszenz vom 18. bis zum 21. Lebensjahr (vgl. Oerter/Dreher 1995:312).

Im Zusammenhang mit der hier vorliegenden Thematik, interessieren insbesondere Übergänge von Jugendlichen zwischen Schule und Ausbildung. Bedenkt man, dass es bspw. Hauptschüler einschließt, die relativ früh, in einem Alter zwischen ca. 14 und 15 Jahren die Schule verlassen und erstreckt dieses Alter des Schulverlassens auf Gymnasiasten, kann man hier einen Bildungsunterschied von ca. 4 bis 6 Jahren anlegen.

2. Gesellschaftliche Wertigkeiten von Bildung und Arbeit

In modernen Gesellschaften hat die Erwerbsarbeit einen hohen Stellenwert. Menschen definieren sich durch ihre Berufspositionen, ihren Erfolg und bestimmte Statussymbole. Im Wettbewerb um die besten Chancen stellt Bildung die wichtigste Grundlage des weiteren Lebenserfolges dar. Bildung eröffnet schließlich die Möglichkeit gesellschaftlicher Teilhabe.

Auf privater Ebene sichert Erwerbsarbeit den Lebensunterhalt und stellt gleichzeitig den wesentlichen Teil des Alltags dar.

„Ebenso groß ist die Bedeutung der Erwerbsarbeit auf gesellschaftlicher Ebene. Das Steuersystem und die Sozialversicherungssysteme finanzieren sich über Erwerbsbeteiligung. Für materiellen Wohlstand sind die Schaffung und der Erhalt von Arbeitsplätzen eine wichtige Voraussetzung. Dementsprechend groß ist auch die öffentliche und politische Diskussion um die Zukunft der Arbeitswelt.“ (Wingerter 2008:109).

3. Gesetzliche Rahmenbedingungen für Chancengleichheit in Deutschland

Die Bundesrepublik Deutschland hat gesetzliche Rahmenbedingungen für Chancengleichheit geschaffen, untermauert im Grundgesetz Art 3, Abs. 3: „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“ (GG, Art 3 Abs. 3).

Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) hat zum Ziel, „Benachteiligungen aus Gründen der Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität zu verhindern oder zu beseitigen.“7

Nachfolgend werden weitere Gesetze dargelegt, z.B. das moderne Ausländergesetz und Zuwanderungsgesetz, die aus der historischen Entwicklung von Migration in Deutschland und der Notwendigkeit, sich in diesem Zusammenhang mit Integration und Integrationsmöglichkeiten auseinanderzusetzen, hervorgehen und auf die sich die Eingliederungschancen von Ausländern bzw. Migranten in der BRD stützen.

4. Historische Entwicklung und Ursachen für Migration in Deutschland

Die BRD blickt auf eine mittlerweile über 50. jährige Geschichte der Migration zurück. Infolge der geburtenschwachen Kriegsjahrgänge, einer verbesserten Altersversorgung, der Verlängerung der Ausbildungszeit sowie der Verkürzung der Lebensarbeitszeit, gingen Mitte der 1950 der boomenden deutschen Wirtschaft die Arbeitskräfte aus (Berlin-Institut 2009:12). Folglich musste man Arbeitskräfte ‚organisieren‘ und die stammen nun einmal aus dem Ausland.

In den Nachkriegsjahren handelt es sich dabei hauptsächlich um Arbeitsmigration, für die in der BRD die bilateralen Anwerbeverträge, zunächst mit Italien, später mit Griechenland, Spanien, der Türkei, Portugal, Tunesien und Marokko sowie Jugoslawien, geschlossen wurden. Ihren Höchstsand erreichte die Ausländerbeschäftigung 1973 mit 2,6 Millionen Arbeitskräften und einer ausländischen Wohnbevölkerung von ca. 4 Millionen Menschen (vgl. Barwig/Schumacher 2001:301). In Folge der Ölkrise 1973 wurde ein Anwerbestopp ausgesprochen. Angehörigen aus Nicht-EG-Staaten war somit die Einreise zur Arbeitsaufnahme untersagt. Lediglich Familienangehörigen standen noch die Türen offen.

Diese Situation führte dazu, dass die Ausreise in das jeweilige Heimatland immer weiter nach hinten verschoben wurde. Da eine Neueinreise nicht mehr möglich war, blieb man aus der Angst heraus, nicht mehr einreisen zu können.

Die ‚Gastarbeiter‘, für die eine Rückkehr in ihre Heimatländer vorgesehen war, blieben dauerhaft in Deutschland. Ihre Familien folgten ihnen nach Deutschland und aus ‚Gastarbeitern‘ wurden Menschen. Schnell manifestierte sich das Hauptproblem dieser politischen Haltung der BRD, die lange an der Äußerung festhielt „‘Die Bundesrepublik ist kein Einwanderungsland‘“ (Barwig/Schumacher 2001:301), weshalb eine umfassende Migrations- und Einwanderungspolitik auch nicht formuliert wurden. Aufgrund der Vorläufigkeit ihres Verbleibens in der BRD wurden Fragen nach Integration der ausländischen Arbeitskräfte und ihrer Familien nicht gestellt.

Da die Ausländer mit ihren Familien blieben, kamen Ende der 70er Jahre erste Integrationsüberlegungen auf. 1978 wurde das Amt eines ‚Beauftragten der Bundesregierung für die Integration der ausländischen Arbeitnehmer und ihrer Familienangehörigen‘ gegründet8.

Erste Integrationsprobleme zeigten sich infolge des wirtschaftlichen Strukturwandels, der Entlastungen nach sich zog und von dem insbesondere gering qualifizierte ausländische Arbeiter betroffen waren. Als Gastarbeiter vergangener Tage wurden vor allem unqualifizierte Kräfte benötigt und so kümmerten die vorhandenen, d.h. mitgebrachten Qualifikationen nicht weiter und ebenso wenig wurde auf Qualifikationserwerb im Verlauf des Aufenthaltes in der BRD geachtet. Die Familienangehörigen der Gastarbeiter, die nach Deutschland folgten, waren ebenfalls unqualifiziert. Vor allem die Frauen der Gastarbeiter verfügten kaum über Deutschkenntnisse oder andere Qualifikationen. „Die fehlende Integration ließ soziale Brennpunkte und Parallelgesellschaften entstehen, in denen die Kinder der Migranten aufwuchsen.“ (Berlin-Institut 2009:13).

Aus einem fremdsprachigen Hintergrund stammend, wurden die Kinder an öffentliche Schulen überwiesen, die über die notwendige Förderung erst einmal nicht verfügten. Die Probleme spitzen sich somit zu. Keine gute Schulbildung bedeutet gleichzeitig den Ausschluss von Ausbildung und Berufsausübung. Damit führen sich die Qualifikationsdefizite der Eltern jedoch fort und den Jugendlichen bleiben Integrationsmöglichkeiten verwehrt.

1991 folgte ein ‚modernes Ausländergesetz‘, welches bei Vorliegen entsprechender Voraussetzungen Rechtsansprüche auf Aufenthaltsverfestigung, Familiennachzug und Einbürgerung zulässt. Mit diesem Gesetz erlangen die Gastarbeiter den Einwanderungsstatus (vgl. Barwig/Schumacher 2001:302).

2002 schließlich erlangen in Deutschland geborene Kinder von Ausländern, unter bestimmten Voraussetzungen, die deutsche Staatsangehörigkeit bei Geburt. Dies soll einer stärkeren gesellschaftlichen Integration förderlich sein.

Bereits seit 1999 wurden von der Bundesregierung Leitlinien formuliert, die Ausländern eine „…gleichberechtigte Teilhabe am ökonom[ischen], sozialen, polit[ischen] und kulturellen Leben …ermöglichen - eine Voraussetzung, fremdenfeindlicher Ausgrenzung entgegenzuwirken.“ (Barwig/Schumacher 2001:303). 2005 tritt das neue Zuwanderungsgesetz in Kraft, welches erstmalig staatliche Integrationsangebote für Zuwanderer einheitlich regelt. „Das Amt der Beauftragten der

[...]


1 http://www.migazin.de/2010/03/23/luders-fordert-anonymisierte-lebenslaufe-beibewerbungen/, Stand vom 29.03.10

2 http://www.sueddeutsche.de/jobkarriere/530/506698/text/, Stand vom 29.03.10

3 http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,521261,00.html, Stand vom 29.03.10

4 http://annetteschavan. de/content/index.php?option=com_docman& task=cat_view&Itemid=53&gid=23

5 http://www.bundesregierung.de/nn_774/Content/DE/Artikel/IB/Artikel/Geschichte/2009-05- 23-zuwanderungsland-deutschland.html, Stand vom 30.03.10

6 http://www.taz.de/index.php?id=archivseite&dig=2007/04/16/a0054, Stand vom 08.05.09

7 Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland, unter: http://www.gesetze-iminternet. de/bundesrecht/gg/gesamt.pdf, Stand vom 31.03.10 http://www.gesetze-im-internet.de/bundesrecht/agg/gesamt.pdf, Stand vom 3.04.10

8.www.integrationsbeauftragte.de

Details

Seiten
37
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656866411
ISBN (Buch)
9783656866428
Dateigröße
507 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v286362
Institution / Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg – Uni
Note
2,4
Schlagworte
chancengleichheit bildungssystem jugendliche migrationshintergrund schule arbeitsmarkt

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