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Kompetenzorientiert Unterrichten. Kooperativ Lernen

Planung, Durchführung und Auswertung einer Unterrichtseinheit im Berufsfeld Gesundheit Soziales

Examensarbeit 2012 21 Seiten

Didaktik - Allgemeine Didaktik, Erziehungsziele, Methoden

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Ausgangslage

2. Fachspezifik und Fachdidaktik der AGS-Ausbildung
2.1 Fachspezifisches Lernen im Berufskundeunterricht AGS
2.2 Berufsfeld-didaktische Perspektive
2.3 Evaluation des Lernens bei den Berufslernenden

3. Reflexion und Konsequenzen
3.1 Beobachtungen, Erfahrungen und Fazit
3.2 Konsequenzen für den Unterricht
3.3 Konsequenzen für meine Rolle als Berufskundelehrerin
3.4 Konsequenzen für die Organisation

4. Quellenverzeichnis

5. Erklärung

6. Anhang
6.1 Kompetenzen AGS Thema Kommunikation, gemäss Bildungsplan AGS
6.2 Sachstruktur zum Thema Kommunikation AGS
6.3 Didaktische Skizze
6.4 Unterrichtsmaterialien

1. Einleitung und Ausgangslage

Die Berufsfachschule Gesundheit und Soziales Brugg (BFGS) ist im ehemaligen Kloster Königsfelden (Windisch, Kanton Aargau), untergebracht. Der Schulort ist idyllisch, der grosse Park und die geschichtsträchtigen Mauern strahlen Ruhe aus. An der BFGS wird neben 3-jährigen EFZ-Grundbildungen wie Fachperson Kinder- und Behindertenbetreuung und Fachangestellte Gesundheit, auch die 2-jährige EBA-Ausbildung Assistent/in Gesundheit und Soziales, im weiteren AGS genannt, angeboten.

Bei den AGS erteile ich Berufskunde und übe bei einer 1. Klasse die Funktion der Klassenlehrerin aus. Gemäss Konzept für die Fachkundige individuelle Begleitung (FiB) betreue und berate ich die Lernenden individuell. Deshalb führe ich im ersten Quartal erste Einzelgespräche. Ziel dabei ist es, eine vertrauensvolle Beziehung zu jeder Lernenden zu knüpfen, Einblick in ihr berufliches und soziales Umfeld zu bekommen und somit eine grobe Vorstellung ihrer Ressourcen zu erhalten. Ausserdem kann ich eine Einschätzung zu Lernverhalten, Motivation und Potential machen, um dadurch den voraussichtlichen Förderbedarf der Einzelnen zu erheben. AGS-Lernende zeigen vermehrt Verhaltensmuster, welche das erfolgreiche Absolvieren der Ausbildung bedrohen, Lern- und Prüfungsstrategien sind selten ausreichend vorhanden. Diese und die folgenden Informationen sind wichtig für die in dieser Arbeit vorgestellte didaktische Vorgehensweise.

Der AGS-Bildungsplan ist nach der Kompetenzen-Ressourcen-Methode aufgebaut, welche sich am Kompetenzen-Ressourcen-Modell orientiert. Dieses Modell beruht auf der Theorie, dass die Lernenden über Kompetenzen verfügen und auf Ressourcen zurückgreifen müssen, um in einer Berufssituation erfolgreich zu handeln.

Meine Klasse zeichnet sich durch mündlichen Einsatz und Eifer aus. Der Klassenzusammenhalt ist gut, die Beziehung zwischen mir als Klassenlehrerin und der Klasse beschreibe ich als freundlich, interessiert und respektvoll. In der Klasse sind 13 junge Frauen zwischen 16 und 29 Jahren. Acht Nationen, sechs Muttersprachen (zwei sind deutscher Muttersprache), vier Religionen, unterschiedlichste Lebens- und Bildungsbiografien sind vertreten – und genauso unterschiedlich sind die Entwicklungsaufgaben, welche die Lernenden zu bewältigen haben. Gemeinsam ist allen ein tiefes Bildungsniveau. Diese starke Heterogenität ist eine didaktische Herausforderung, welche ich, neben den Besonderheiten der Berufsfelddidaktik im Bereich Gesundheit und Soziales, in dieser Arbeit berücksichtige.

Im Folgenden beschreibe ich zuerst das fachspezifische Lernen in der AGS-Ausbildung und leite daraus die Anforderungen an die Berufsfelddidaktik der EBA-Ausbildung im Bereich Gesundheit und Soziales ab. Darauf folgen Erläuterungen zum kompetenzorientierten Unterricht und zum Kooperativen Lernen. Ich untersuche die Wirksamkeit des kompetenzorientierten Unterrichtens nach AVIVA1 in Kombination mit der Didaktik des Kooperativen Lernens2. Danach beschreibe ich, wie die Evaluation des Lernens bei den Berufslernenden durchgeführt wurde und welche Resultate sie brachte. Im dritten Teil werte ich meine Erfahrungen aus, ziehe ein Fazit und leite Konsequenzen für meinen Unterricht, für meine Rolle als Berufskundelehrerin und ebensolche für die Organisation ab.

2. Fachspezifik und Fachdidaktik der AGS-Ausbildung

2.1 Fachspezifisches Lernen im Berufskundeunterricht AGS

Kommunikation und Kooperation sind die Grundlagen des menschlichen Miteinanders. Im Berufsfeld Gesundheit und Soziales steht der betreute Mensch im Mittelpunkt: Interaktion, Beziehungspflege, Betreuung, Beschäftigung, Unterstützung, Absprachen im Team, Entgegennehmen von Aufträgen – dies alles gehört zum Arbeitsalltag des Betreuungs- und Pflegepersonals. In allen beruflichen Situationen kommunizieren und kooperieren die Lernenden und späteren Berufsleute mit Klienten, Mitarbeitern, Vorgesetzten und/oder Angehörigen. In der Betreuung und Pflege ist Einzelwissen wichtig, das Gruppenwissen entscheidend – nicht umsonst werden komplexe Situationen in Expertenrunden behandelt.

AGS arbeiten immer im Team, dies setzt grosse Kooperations- und Kommunikationsfähigkeit und Bereitschaft dafür voraus: sie müssen sich im Team einbringen, durchsetzen und auch anpassen können. Aufträge richtig verstehen, Anleitungen ausführen und Mitteilungen korrekt wiedergeben sind weitere wichtige Voraussetzungen für eine gute Zusammenarbeit und sichere Betreuung. Die Lernenden sollen also den Nutzen der Teamarbeit, im speziellen den Zugriff auf die Ressourcen der Teammitglieder, auch im Berufsschulunterricht als positiv und bereichernd erfahren. Laut Berufsbild beinhalten die Anforderungen an AGS unter anderem, dass AGS die Nähe und den Kontakt zum Menschen schätzen. Sich auf andere einzulassen, auf Menschen zu gehen und die Nähe aushalten, kann mit ausgewählten Methoden auch im Unterricht geübt werden.

Ich bevorzuge kooperative Lernmethoden, da diese die Zusammenarbeit bedingen und den Dialog, also die Kommunikation, verlangen und somit fördern. Dies hat auch den erwünschten Effekt, dass die sprachlichen Kompetenzen, im produktiven wie im rezeptiven Bereich, gefördert werden. Die klare Struktur der Aufträge garantiert, dass alle einen individuellen und eine gemeinsamen Beitrag leisten.

Gerade soziale Inhalte, Werte, Normen und Haltungen lassen sich besonders gut im Unterricht vermitteln, indem man nicht nur darüber redet, sondern gemeinsam vieles tut. Das situierte Lernen bietet Gelegenheit, im geschützten Rahmen die neue Rolle als Berufsfrau zu üben. Unterrichtsformen, die Gruppenarbeiten beinhalten, sensibilisieren die Lernenden für intersubjektive Differenzen und damit für ein reflektiertes Fremdverstehen. Die individuelle sowie die kollektive Verantwortung für das Lernen (und Arbeiten) zu übernehmen und zu tragen sind wichtige Voraussetzungen für Erfolg und für das Erfahren von Selbstwirksamkeit.

2.2 Berufsfeld-didaktische Perspektive

Die Heterogenität, die Informationen aus den Erstgesprächen und meine Beobachtungen üben grossen Einfluss auf die didaktisch-methodische Gestaltung des Unterrichts aus. Ebenfalls bedeutsam für die Wahl der Didaktik sind die spezifischen Anforderungen an die Sozialkompetenz, hauptsächlich an die Bereiche Kooperations- und Kommunikationsfähigkeit, welche das Berufsfeld Gesundheit und Soziales stellt.

Der Bildungsplan für AGS ist nach KoRe aufgebaut und verlangt somit eine kompetenz- und handlungsorientierte Didaktik.

Das AVIVA-Modell: Meine Erfahrung zeigt, dass Lernen erfolgreich wird, wenn die Lernenden motiviert sind, ganzheitlich gelernt wird, verschiedenste Methoden eingesetzt werden und das Lernziel für die Lernenden praxisbezogen, transparent und überprüfbar ist – dies alles ist durch den Unterrichtsaufbau nach dem AVIVA-Modell gewährleistet. Das AVIVA-Konzept zeichnet sich durch fünf elementare Phasen des Unterrichts aus. Diese sind den Schritten des Lernprozesses (Ankommen, Vorwissen aktivieren, Informieren, Verarbeiten, Auswerten) nachempfunden. Die Abkürzung AVIVA nimmt Bezug auf diese Schritte. Die Phasen bilden die Grundstruktur für den Unterricht, bleiben beim „direkten und indirekten Vorgehen“ erkennbar und folgen dem immer gleichen Ablauf. Beim „indirekten Vorgehen“ arbeiten die Lernenden weitgehend selbstreguliert, beim „direkten Vorgehen“ gehen die Impulse vorwiegend von der Lehrperson aus. Diese beiden Vorgehen wechseln sich ab.3

Direktive Methoden bieten sich an, weil AGS-Lernende alle beruflichen Tätigkeiten im Auftrag ausführen. So wird auch im Berufskundeunterricht geübt, Aufträge entgegenzunehmen und diese korrekt auszuführen.

Es gibt zwei Sichten auf den kompetenzorientierten Unterricht (siehe Abb. 1, S. 5): die Aussenseite beschreibt die Ausbildungssituation und die angestrebten Fachkompetenzen des Berufes. Diese entscheiden über die Art der Vermittlung und die Wahl der Methoden und Vorgehensweisen, um passende Ressourcen aufzubauen und zu entwickeln. Entscheidend für die Nachhaltigkeit des Unterrichts ist die Innenseite, die Orientierung an den Lernbedürfnissen und den notwendigen Methodenkompetenzen. Der Blick auf den Lernprozess (A-V-I-V-A) bestimmt die Form der Informationsverarbeitung, gemeint sind hier die Ressourcen und Strategien, welche die Lernenden zum erfolgreichen Lernen benötigen. Ziele und Inhalte werden in beiden Bereichen gleichermassen berücksichtigt. Die Lehrperson wählt die Methoden entsprechend der jeweiligen Lernphase, des Inhalts, der Erfahrungen der Lernenden und den zu fördernden Ressourcen und Strategien.4

Aussenseite des Unterrichts Innenseite des Unterrichts

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten.

Abb. 1 Innen/Aussenseiten von Lehr-Lernskripts5

Methodische Grossformen im kompetenzorientierten Unterricht nach AVIVA sind das Führen von Lerndokumentationen und Lernjournalen sowie das situierte Lernen (hier die Bearbeitung der Situationen, welche der Bildungsplan AGS vorgibt). Das flexible Modellieren gehört ebenfalls zu den Methoden des kompetenzorientierten Unterrichts. Es ermöglicht einen kreativen, selbstgesteuerten, konstruktiven und emotionalen Zugang zur Bearbeitung eines Themas.

Das Kooperative Lernen: Die Heterogenität meiner AGS-Klasse verlangt individualisierten Unterricht. Dabei ist mir wichtig, neben der Individualisierung auch die Zusammenarbeit zu fördern und den Teamgeist zu stärken.

„Kooperatives Lernen bezeichnet Lernarrangements wie Partner- und Gruppenarbeiten, die eine synchrone oder asynchrone (via Computer), koordinierte, ko-konstruktive Aktivität der Teilnehmer/innen verlangen, um eine gemeinsame Lösung eines Problems oder ein gemeinsam geteiltes Verständnis einer Situation zu entwickeln. Kooperatives Lernen stellt Eigenaktivität und Kooperation von Schülerinnen und Schülern als wichtige Elemente des Unterrichts in den Mittelpunkt.“6 Norm Green (wichtiger Vertreter des Kooperativen Lernens) definiert und beschreibt das Kooperative Lernen wie folgt: Die Vermittlung notwendiger Grundlagen wird verbunden mit dem Erlernen von Beziehungsformen zwischen den Menschen. Die Grundgedanken sind: Lerninhalte werden durch die Bedeutsamkeit für die Person über Interaktion und durch die aktive individuelle und gemeinsame Auseinandersetzung behalten. Die fünf Grundelemente sind: positive Abhängigkeit, individuelle Verantwortungsübernahme, Evaluation/Prozess-Reflexion durch die Gruppe, soziale Fähigkeiten und direkte Interaktion. Leitgedanken des Kooperativen Lernens sind, dass erst das Gefühl der Zugehörigkeit eine effektive Bearbeitung der gestellten Aufgabe ermöglicht, engagiertes Lernen durch gemeinsames Tun entsteht und Zusammenarbeit gegenseitige Vermittlung bedeutet.7

Kooperatives Lernen nutzt Erkenntnisse aus der Sozial- und Lernpsychologie: die wechselseitige Abhängigkeit innerhalb einer Gruppe fördert die erfolgreiche Zusammenarbeit. Durch das Schaffen von Kontakten und dem Anstreben gemeinsamer Ziele, werden Widerstände ab- und Motivation aufgebaut.

Die Begleitung, Beobachtung und gezielte Aufgabenverteilung durch die Lehrperson sowie die schlichte, aber klare und wirksame Struktur, bieten Individualisierung, Sicherheit und Orientierung. Die Struktur folgt dem Dreischritt „think-pair-share“, welcher immer wieder neu arrangiert werden kann. Die drei Phasen sind:

1. Die individuelle Auseinandersetzung: innere Aktivierung durch eine persönliche Aufgabe innerhalb des Auftrages
2. Der Austausch mit Partnerin: die wechselseitige Ergänzung, die Kontrolle des eigenen Verständnisses im sicheren Kontakt mit der Partnerin
3. Der Schritt in die Öffentlichkeit der Klasse: der Bericht, die Demonstration des Erarbeiteten/Gelernten vor den (kritischen) Augen der ganzen Lerngruppe und der Lehrperson

Für die Nachhaltigkeit des Lernzuwachses wird der Unterricht so geplant, dass die drei Phasen in einer Lernschlaufe (siehe Abb. 2, S. 7) mehrmals durchlaufen werden. Somit findet die vertiefte Auseinandersetzung mit den ersten Ergebnissen wieder im Dreischritt statt. Sind alle Fragen geklärt, kann geübt, angewendet, reflektiert und kontrolliert werden. Beim Kooperativen Lernen sind die Aufgaben der Lehrperson:

Vorher: Rahmenbedingungen festlegen, planen, strukturieren, instruieren

Während der Phasen „think“ und „pair“: Beobachten und intervenieren, Unterstützen bei inhaltlichen Fragen

In der Phase „share“: Moderieren, evaluieren und beurteilen

Mit der folgenden Grafik zeige ich auf, wie ich die Phasen des Kooperativen Lernens mit den Lernphasen des AVIVA-Modells in Zusammenhang bringe:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten.

Abb. 2 Der Gesamtprozess des Kooperativen Lernens8

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten.

Abb. 3 Die fünf AVIVA-Lernphasen 9

Meine didaktische Skizze10 weist aus, welche Ziele, Methoden und Sozialformen den AVIVA-Lernphasen zugeordnet sind, respektive dem Kooperativen Lernen entsprechen.

[...]


1 Städeli et al, 2010

2 Brüning L., Saum T., 2006a

3 Städeli et al, 2010, S.32-33

4 Städeli et al, 2010, S. 16 und S. 35

5 Seidel, 2003, S. 60

6 Wikipedia, 2012

7 Green, 2009

8 Brüning, L., Saum T. 2007, S. 11

9 Städeli et al. 2010, S. 33

10 Anhang 6.3, S.14

Details

Seiten
21
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656866473
ISBN (Buch)
9783656866480
Dateigröße
877 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v286429
Note
1,0
Schlagworte
kompetenzorientiert ressourcenorientiert kooperativer Unterricht

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Titel: Kompetenzorientiert Unterrichten. Kooperativ Lernen