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"Realistischer" Vietnamkrieg?

Seminararbeit 2003 19 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: USA

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der politische Realismus
2.1 Entstehung und Hauptvertreter
2.2 Ziele und Grundannahmen

3. Der amerikanische Vietnamkrieg
3.1 Vorgeschichte
3.2 Der amerikanische Krieg
3.2.1 Eisenhower und der Beginn des amerikanischen Engagements
3.2.2 Kennedys flexible Antwort
3.2.3 Johnson und die Eskalation des Krieges
3.2.4 Nixons Deeskalation und Rückzug

4. Eine „realistische“ Analyse des Vietnamkriegs

5. Zusammenfassung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Vietnamkrieg war das wahrscheinlich größte außenpolitische Trauma, welches die USA je erlebt haben. Kein anderer Krieg wurde je so kritisiert wie dieser. Was aber waren die Gründe der Amerikaner in den Vietnamkrieg einzutreten, obwohl bis 1954 für die USA der Lehrsatz gegolten hatte, sich nicht in einen Landkrieg auf dem asiatischen Festland verwickeln zu lassen? Von welchen Interessen wurde die amerikanische Regierung hierbei geleitet und was waren die Beweggründe für die Wende der amerikanischen Vietnam-Politik hin zu Deeskalation und Rückzug? Diese Fragen möchte ich aus der Sicht des politischen Realismus analysieren. Die Hauptfrage lautet hierbei: Kann der „amerikanische“ Vietnamkrieg durch den realistischen Ansatz erklärt werden? Die Analyse stützt sich vor allem auf den Text Hans Morgenthaus „Macht und Frieden“ (1963) als Vertreter des klassischen Realismus.

In der Arbeit werde ich chronologisch die amerikanische Vietnam-Politik betrachten und untersuchen inwieweit diese mit den Thesen des realistischen Ansatzes erklärt werden kann. Zuerst schaffe ich eine theoretische Basis indem ich den realistische Ansatz vorstelle, seine Hauptvertreter, seine Ziele und Grundannahmen darstelle und grundlegende Begriffe definiere.

Anschließend werden die Ursachen für die Eskalation eines ursprünglich nur Frankreich und Nordvietnam betreffenden Konfliktes und der Verlauf des amerikanisch – nordvietnamesischen Krieges dargestellt. Hierbei werden der amerikanische Krieg mit seinen einzelnen Phasen und die Leitmotive der amerikanischen Vietnam-Politik dargestellt und analysiert. Danach konzentriere ich mich auf die oben genannte Fragestellung und werde die einzelnen Phasen bzw. Leitmotiven des Krieges mit den Thesen des realistischen Ansatzes vergleichen und untersuchen, ob diese zutreffend sind oder nicht. Abschließend werden die Ergebnisse dieser Analyse dargestellt und untersucht, ob der realistische Ansatz geeignet ist, den „amerikanischen“ Vietnamkrieg zu erklären.

2. Der politische Realismus

2.1 Entstehung und Hauptvertreter

Um die „äußerst komplexen Interaktionsstrukturen und die verwirrende Vielfalt von Akteuren, Prozessen und Strukturen, die die internationale Politik ausmachen, intellektuell bewältigen zu können“ (Lehmkuhl 1997: VII), sind Theorien notwendig. Theorien haben eine Auswahl-, eine Ordnungs- und ein Erklärungs- bzw. Interpretationsfunktion. In der internationalen Politik existiert aber, anders als in den Naturwissenschaften, keine allgemein anerkannte Theorie bzw. Gesetz, sondern lediglich konkurrierende Theorieansätze.

Ein solcher Erklärungsansatz der internationalen Politik, der moderne politische Realismus, entstand in den 30er und 40er Jahren des 20. Jahrhunderts als Gegenbewegung zum amerikanischen Idealismus. Der Idealismus geht von einem positiven Menschenbild und strebt die „universelle Gültigkeit völkerrechtlicher und vernunftbegründeter moralischer Normen“ (Lehmkuhl 1997: 71). Dies schien aber nach dem Scheitern des Völkerbundes und der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland, welche Verträge ignorierten und sich über das Völkerrecht hinwegsetzten (vgl. Menzel 1999: 41), als nicht realisierbar. Die idealistische Denkweise wurde von den Realisten als „Abwertung der politischen Macht“ (Morgenthau 1973: 65) in der internationalen Politik angesehen.

Die geistesgeschichtliche Tradition des Realismus reicht bis in die Antike zu Thukydides zurück und setzte sich über Thomas Hobbes, Friedrich Nietzsche, Max Weber und Rheinhold Niebuhr bis ins 20. Jahrhundert fort.

Zu den Hauptvertretern des modernen politischen Realismus zählen Edward H. Carr, John Herz, Georg Schwarzenberger und Hans J. Morgenthau. Diese Vertreter unterscheiden sich zwar in ihrer Betrachtungsweise und Themenstellung, jedoch stellen sie Macht und das Gleichgewicht der Mächte in den Mittelpunkt ihrer Theorie und gehen alle von einem pessimistischen Menschenbild aus. Die Ziele und Grundannahmen des Realismus werden im folgenden weitestgehend in Anlehnung an Hans J. Morgenthau, dem wichtigsten Vertreter des Realismus, dargestellt.

2.2 Ziele und Grundannahmen

Der Realismus geht von Staaten als einzige und rationale Akteure aus, die in einer anarchischen Staatenwelt nach Machterwerb und Machterhalt streben. Die treibende Kraft der internationalen Politik ist „das Streben souveräner Staaten nach Macht“ (Morgenthau 1963: 416). Unter Macht versteht Morgenthau „die Herrschaft von Menschen über das Denken und Handeln anderer Menschen“ (Morgenthau 1973: 61). Grundlage dieses Machtstrebens ist ein pessimistisches Bild des Menschen, das auf den antrophologischen Annahmen Reinhold Niebuhrs beruht. „Die Welt, so unvollkommen sie vom Standpunkt der Vernunft aus sein möge, ist das Ergebnis von Kräften, die der menschlichen Natur innewohnen“ (Morgenthau 1963: 49). Das Wesen des Menschen ist hiernach, „vom Streben nach Macht aus Gründen der Selbsterhaltung geprägt“ (Albrecht/Hummel 1990: 92). Das individuelle Machtstreben wird auf den Nationalstaat übertragen, die der Realismus als die zentralen Akteure im internationalen System ansieht. „International order and international solidarity will always be slogans of those who feel strong enough to impose them on others“ (Carr 1939: 87). Internationale Politik ist daher „wie alle Politik , ein Kampf um die Macht“ (Morgenthau 1963: 69). Da im internationalen System keine übergeordnete Weltmacht existiert, die für Frieden, Recht und Ordnung sorgt, kann sich jeder Staat nur auf sich selbst, d. h. auf ein System der Selbsthilfe verlassen. Damit existiert im internationalen System eine anarchische Struktur. Daher liegt das primäre Anliegen der Staaten in der Machtmaximierung, da diese zu erhöhter Sicherheit führen soll. Laut Morgenthau sind die Indikatoren für die Macht eines Staates in der Außenpolitik militärische, wirtschaftliche und industrielle Kapazität, die nationale Moral, der Nationalcharakter, die geographische Lage, die Bevölkerung und die Diplomatie (vgl. Morgenthau 1963: 132f.). Staaten versuchen diese Macht zu erhalten , zu vermehren oder diese zu demonstrieren. Daher sei es ein wichtiges Ziel der internationalen Politik das Gleichgewicht der Mächte zu sichern, um Stabilität und negativen Frieden zu garantieren (vgl. Mols/Lauth/Wagner 2001: 148). Das „Gleichgewicht der Mächte“ entsteht durch Taktieren und Bündnisschließung der an der internationalen Politik beteiligten Staaten, wobei die Begünstigten versuchen den Status quo zu erhalten, während die Benachteiligten ihn verändern möchten, was die Gefahr eines Krieges erhöht (vgl. Morgenthau 1963: 145 ff.). Dieses Verhalten der Staaten führte zu dem sogenannten „Sicherheitsdilemma“, wobei ein aus gegenseitiger Furcht und Misstrauen geborenes Unsicherheitsgefühl die Einheiten in einem Wettstreit um die Macht dazu treibt, „ihrer Sicherheit halber immer mehr Macht anzuhäufen, ein Streben, das unerfüllbar bleibt, weil sich vollkommene Sicherheit nicht erreichen lässt“ (Herz 1959: 131). Daher liegt es im Interesse der Nationalstaaten „zur Bewahrung einer günstigen Ausgangsposition im Nullsummenspiel des internationalen Wettbewerbs ihre Machtmittel stets einsatzbereit zu halten, sie zu vermehren und dem technischen Fortschritt anzupassen, um so gegenüber ihrer Umwelt eine zusätzliche Menge an Macht zu gewinnen“ (Lehmkuhl 1997: 75).

Der Realismus bedenkt jedoch auch, dass es meist die Staatsmänner sind,welche die Geschicke der Staaten leiten, obwohl die Nationalstaaten die Hauptakteure der internationalen Politik darstellen. Die Staatsmänner handeln im „Sinne eines als Macht verstandenen Interesse“ (Morgenthau 1963: 51). Morgenthau stellte jedoch fest, dass der Schlüssel zur Außenpolitik nicht allein in den Beweggründen von Staatsmännern zu suchen ist, da die Motive der handelnden Staatsmänner oft bis zur Unkenntlichkeit von ihren persönlichen Interessen und Gefühlen beeinflusst werden. Es sei daher möglich, dass die Absicht eines Staatsmannes zwar gut sei, die Ausführung aber zur Verschlechterung beitrage. Weiterhin vermeidet die Theorie des Realismus die Außenpolitik eines Staatsmannes mit seinen philosophischen oder politischen Ansichten gleichzusetzen (vgl. Morgenthau 1963: 52). Zudem wird gefordert sich von irrationalen Elementen zu lösen, da nur eine rationale Außenpolitik eine erfolgreiche Außenpolitik ist. Besonders dann, wenn die Außenpolitik demokratischer Kontrolle unterliegt, da das Erfordernis, die Sympathien der Öffentlichkeit für die Außenpolitik zu gewinnen, die Rationalität der Außenpolitik beeinträchtigen wird (vgl. Morgenthau 1963: 53 ).

Als die sechs Grundannahmen der realistischen Schule, die von Morgenthau in seinem Hauptwerk „Macht und Frieden“ entwickelt werden, könnte man zusammenfassen:

1) Politik und Gesellschaft werden von objektiven Gesetzen beherrscht, deren Ursprung in der Natur des Menschen liegt. Um die Gesellschaft zu verstehen, muss man diese objektiven Gesetze verstehen.
2) Staatsmänner handeln im Sinne eines als Macht verstandenen Interesse, unabhängig von sittlichen Zielen. Durch Vernunft kann der Machtraum vergrößert werden.
3) Die Interessen eines Staates sind historischer Natur und hängen von den politischen und kulturellen Zusammenhängen ab, in denen Außenpolitik entsteht.
4) Allgemeine sittliche Grundsätze können auf staatliches Handeln nicht angewendet werden. Der Staat soll vielmehr die Folgen alternativer politischen Handelns sorgfältig abwägen, wobei die Selbsterhaltung des Staates als oberstes Gebot angesehen werden soll.
5) Das sittliche Streben einer Nation kann, z. B. aufgrund unterschiedlicher kultureller Traditionen, nie das sittliche Gesetz der Welt werden. Das politische Handeln der Nationen soll von Wertneutralität geleitet werden.
6) Politik unterliegt, ähnlich der Ökonomie, Eigengesetzlichkeiten.

Anhand dieser Darstellung des politischen Realismus will ich den im nächsten Kapitel vorgestellten Vietnamkrieg analysieren.

[...]

Details

Seiten
19
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638303682
Dateigröße
520 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v28650
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Politikwissenschaft
Note
2,7
Schlagworte
Realistischer Vietnamkrieg

Autor

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