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Persönlichkeitsstörung. Welche Auswirkungen haben Borderline und Narzissmus auf das menschliche Verhalten?

Abweichendes Verhalten als mögliche Folge

Hausarbeit 2013 20 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Persönlichkeitsstörungen

3 Psychische Entwicklung im Kindesalter

4 Narzissmus
4.1 Definition
4.2 Charakteristika der narzisstischen Störung
4.3 Mögliche Ursachen für das Auftreten von Narzissmus
4.4 Behandlung und Therapie

5 Borderline
5.1 Definition
5.2 Die Objektbeziehung
5.3 Charakteristika des Borderlinesyndroms
5.4 Mögliche Ursachen für das Auftreten des Borderlinesyndroms
5.5 Behandlung und Therapie

6 Ein Vergleich von Borderline und Narzissmus
6.1 Unterschiede
6.2 Gemeinsamkeiten
6.3 Zusammenfassung

7 Abweichendes Verhalten
7.1 Definition
7.2 Devianz
7.3 Sozialisation
7.4 Theorie des differentiellen Lernens
7.5 Persönlichkeitsstörungen und abweichendes Verhalten

8 Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

Abb. 1: Vergleich von Borderline und Narzissmus

Abb. 2: Die Gewissensbildung

1 Einleitung

Persönlichkeitsstörungen sind ein aktuelles Thema der heutigen Zeit, da mit Fortschritt der Forschung immer mehr Fälle zutage treten. Aufgelistet werden die unterschiedlichen Störungen mit den dazugehörigen Symptomen im DSM-IV. DSM steht für Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders und wurde von der American Psychiatric Association (APA) herausgegeben. In diesem Manual finden sich auch die beiden schweren Persönlichkeitsstörungen Borderline und Narzissmus. Da diese eng miteinander verbunden, aber dennoch unterschiedlich sind, liegt es nahe, sie in einem Vergleich genauer zu untersuchen. Was genau kennzeichnet eigentlich eine Persönlichkeitsstörung? Welche Auswirkungen haben Borderline und Narzissmus auf das menschliche Verhalten?

Diesen Fragen wird im ersten Teil nachgegangen. Hierzu wird zunächst der Begriff der Persönlichkeitsstörung definiert. Danach wird in groben Zügen auf die psychische Entwicklung in der Kindheit eingegangen, da in dieser der Ursprung einer solchen Störung liegt. Darauf aufbauend werden das Borderlinesyndrom und die narzisstische Persönlichkeitsstörung intensiver erläutert, um im Anschluss Gemeinsamkeiten und Unterschiede feststellen zu können.

Einen besonderen Schwerpunkt soll in dieser Hausarbeit auch das Kapitel über abweichendes Verhalten einnehmen. Da Persönlichkeitsstörungen oft mit dem Symptom der Aggression einhergehen, können auch abweichendes Verhalten und Kriminalität Folgen einer Persönlichkeitsstörung sein. Welche Zusammenhänge es hier gibt und was abweichendes Verhalten im Einzelnen bedeutet, ist Inhalt des zweiten Teils. Nach einer Definition abweichenden Verhaltens und der Abgrenzung zur Devianz werden die Ursprünge dieser Verhaltensformen in der Sozialisation untersucht. Als Beispiel für eine Theorie abweichenden Verhaltens wird es danach um die Theorie des differentiellen Lernens nach Sutherland gehen. Um den Bezug zum ersten Teil herzustellen, folgt darauf eine Zusammenführung von abweichendem Verhalten und Persönlichkeitsstörungen.

Dies alles wird am Ende noch in einem Fazit zusammengefasst.

2 Persönlichkeitsstörungen

„Die Persönlichkeit setzt sich zusammen aus genetischen Faktoren, gemachten Erfahrungen und der psychischen Verarbeitung dieser Erfahrungen“ (Wiegmann o. J.). Wenn es nun bei einem dieser Faktoren zu Komplikationen kommt und zum Beispiel Erfahrungen nicht richtig verarbeitet werden können, kann es zu einer Persönlichkeitsstörung kommen. So eine Störung zeigt ein lang anhaltendes Muster von innerem Erleben und Verhalten, dass von dem seiner Umgebung auffällig abweicht. Dieses Muster manifestiert sich in Affekten, Beziehungen zu anderen Menschen und auch in der Impulskontrolle (vgl. Fleischhaker; Schulz 2010:8).

Eine Persönlichkeitsstörung wird nach DSM-IV folgendermaßen definiert:

„Persönlichkeitszüge stellen überdauernde Formen des Wahrnehmens, der Beziehungsmuster und des Denkens über die Umwelt und über sich selbst dar. Sie kommen in einem breiten Spektrum sozialer und persönlicher Situationen und Zusammenhänge zum Ausdruck. Nur dann, wenn Persönlichkeitszüge unflexibel und unangepasst sich und in bedeutsamer Weise zu Funktionsbeeinträchtigungen oder subjektivem Leiden führen, bilden sie eine Persönlichkeitsstörung“ (ebd.).

Zu den genannten Persönlichkeitszügen gehören nach Masterson das wahre und das falsche Selbst. Das wahre Selbst entspricht dem von Sigmund Freud definierten „Ich“1 und beschreibt zum Einen das Selbst als ganze Person und zum Anderen das Selbst als psychische Instanz (vgl. Masterson 1993: 38). Das wahre Selbst hat die Aufgabe das psychische Gleichgewicht zu bewahren (vgl. ebd.: 40). Dies tut es, indem es die „verschiedenen – auch konfligierenden – Selbstbilder akzeptier[t] und aufeinander abstimm[t]“ (ebd.: 44). Wenn die Realität nun massiv verleugnet wird, kann das wahre Selbst seine Aufgabe nicht mehr erfüllen und das falsche Selbst tritt hervor (vgl. ebd.: 122). Das falsche Selbst ist also ein beschädigtes wahres Selbst. Es ist grandios und die Person versucht sich nun mit erfolgreichen Menschen zu umgeben, um diese spiegeln zu können. Das Ziel des falschen Selbst ist die Bewunderung und das Unterdrücken von Wut und Depression. Aber dies alles beruht auf der Fantasie (vgl. ebd.: 120f.). Innerhalb einer beschädigten Persönlichkeitsstruktur kann es nun zu unterschiedlichen Abwehrmechanismen kommen. Hierzu zählen die Spaltung, die primitive Idealisierung, die Projektion, die Verleugnung sowie Allmacht und Entwertung (vgl. Osofsky 2011: 151). Diese Begriffe werden im Weiteren erläutert.

3 Psychische Entwicklung im Kindesalter

„Es ist die emotionale Beziehung des Kindes zu seinen Eltern, die die wichtigste ‚geistige‘ Erfahrung gestaltet, die es erleben und erfassen kann“, so beschreibt es Peter Fonagy (2003: 35).

Von der Geburt bis zum fünften Lebensmonat ist die Mutter von entscheidender Bedeutung für die Entwicklung der kindlichen Affektsignale, da sie von Angesicht zu Angesicht in einen Austausch von Affektsignalen mit ihrem Kind tritt (vgl. Beebe et al. zitiert nach Fonagy 2003: 36). Die Verknüpfung dieser Repräsentanzen findet zwischen dem sechsten und dem 18. Lebensmonat des Kindes statt. Das Kind lernt nun, sein eigenes psychisches Befinden mit dem seiner Bezugspersonen in Beziehung zu setzen. In diesem Prozess werden die Selbst- und die Objektrepräsentanzen2 koordiniert (vgl. ebd.: 36f.). Im Verlauf der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres bildet das Kind Repräsentanzen, die sich auf zukünftige Befindlichkeiten beziehen. Dadurch kann es beispielsweise das Verhalten anderer Menschen erklären, in dem es bestimmte Ziele dieser Menschen annimmt. Es beginnt also das Verhalten anderer zu interpretieren. Das Kleinkind kann diese Interpretationen aber nur vornehmen, wenn die Handlungen der Bezugspersonen vorhersehbar sind. Ist die Bindung also von Angst geprägt, kann das Kleinkind die Verhaltensweisen nicht einordnen. Es ist verwirrt und kann zu dem Ergebnis gelangen, dass seine eigenen Verhaltensweisen der Grund für das Verhalten der Eltern sind (vgl. ebd.: 38f.). Die Eltern-Kind-Beziehung ist demnach ein entscheidender Faktor für das Entstehen bzw. Nicht-Entstehen einer Persönlichkeitsstörung. Ist die Eltern-Kind-Beziehung also mangelhaft oder fehlt sogar ganz, kommt es häufig zu vermeidendem oder aggressivem Verhalten. Dieses Verhalten entspricht oft der Definition einer Persönlichkeitsstörung. Beispiele hierfür sind Aggressionen oder eine gestörte Fähigkeit der Mentalisierung, also der Realitätsprüfung, die durch eine fehlerhafte Entwicklung im Kindesalter entstehen können.

4 Narzissmus

Der Begriff „Narzissmus“ wurde erstmals 1898 von Albert Ellis als Beschreibung für sexuelle Perversion benutzt. Wenige Jahre später (1908) benutzte Isidor Sadger den gleichen Begriff etwas psychoanalytischer und Sigmund Freud führt ihn 1914 in seinem Beitrag „Zur Einführung des Narzißmus“ als libidinöse Entwicklung auf. Mit der Zeit wurde es dann ein Begriff für die narzisstische Störung (vgl. Kernberg 2006: 70).

4.1 Definition

Narzissmus ist eine schwere Persönlichkeitsstörung der selbstbezogenen Emotionsregulation, d. h., emotional relevante Informationen können nicht mehr richtig verarbeitet werden. Es kommt zu einer starken Selbstbezogenheit, die auf Selbstidealisierung beruht (vgl. Lammers; Jacob 2011: 450f.). Das Selbstbild entsteht nun erst durch das Spiegeln anderer Menschen, wobei der Andere dabei ein ideales Spiegel-Ich darstellt (vgl. Altmeyer 2000: 3). In Bezug auf die Definition des wahren und des falschen Selbst (s. h. Kapitel 2) bedeutet Narzissmus, dass „das nicht integrierte normale Selbst (…) durch dieses pathologische grandiose Selbst ersetzt [wird]“ (Kernberg 2006: 37). Dieses grandiose Selbst hat kein Interesse an anderen Menschen um ihrer selbst willen, sondern sie erfüllen nur die Funktion, den Patienten in seinem Narzissmus zu bestärken (vgl. Masterson 1993: 128). Im Alltag wird Narzissmus häufig als Selbstliebe und Ichbezogenheit definiert (vgl. Altmeyer 2000: 1).

4.2 Charakteristika der narzisstischen Störung

Zu den pathologischen Charaktermerkmalen der narzisstischen Störung zählen nach Otto F. Kernberg die pathologische Selbstliebe, die pathologische Objektliebe und das pathologische Über-Ich.

Die pathologische Selbstliebe beinhaltet Grandiosität, das Empfinden von Überlegenheit, die übermäßige Abhängigkeit von der Bewunderung anderer und Unsicherheit sowie Minderwertigkeit (vgl. Kernberg 2006: 74). Alle idealen Eigenschaften anderer Personen werden schon in der frühen Kindheit auf die eigene Person bezogen, wodurch sich das pathologisch grandiose Selbst entwickelt. Der Narzisst befindet sich auf der ständigen Suche nach Bewunderung und verfällt in schwere Minderwertigkeitsgefühle, wenn er sie nicht erlangen kann (vgl. Kernberg 2012: 62f.). Die pathologische Objektliebe umfasst exzessiven Neid, Entwertung und die Unfähigkeit, sich auf andere Menschen zu verlassen (vgl. Kernberg 2006: 75). Ein Mensch, der an der narzisstischen Störung leidet, ist emotional nur oberflächlich und nicht zur Abhängigkeit vom Therapeuten fähig, da er ständig versucht, ihn zu kontrollieren (vgl. Kernberg 2012: 65f.). Das pathologische Über-Ich bezeichnet schließlich die Unfähigkeit, eine differenzierte Form von Depressivität zu erleben, wie zum Beispiel Traurigkeit (vgl. Kernberg 2006: 75). Ein auffälliges Charaktermerkmal sind außerdem passiv antisoziale Verhaltensweisen, wie Lügen oder Ausbeutung. Es kann auch zu aggressivem Verhalten in Form von Wutausbrüchen, Zerstörungen und Angriffen auf andere kommen (vgl. Kernberg 2012: 64). Diese Wut ist demnach nicht angeboren, sondern wird im Selbst durch negative Erfahrungen hervorgerufen (vgl. Osofsky 2011: 153). Narzisstische Wut hat die Funktion, eine Quelle des Schmerzes zu eliminieren oder böse Objekte zu beseitigen, in dem sie absichtlich frustriert werden (vgl. Kernberg 2006: 53).

4.3 Mögliche Ursachen für das Auftreten von Narzissmus

Die entscheidenden Aspekte der Persönlichkeit, die für das Entstehen einer narzisstischen Störung sorgen können, sind das Temperament und der Charakter einer Person, da diese Aspekte die Persönlichkeit determinieren (vgl. Kernberg 2006: 22). Wut ist dabei der Kernaffekt (vgl. ebd.: 26). Nach Kohut sind die Hauptursachen für Narzissmus das traumatische Versagen der mütterlichen Empathie und ein gestörter Idealisierungsprozess (vgl. ebd.: 78). Empathische elterliche Reaktionen beeinflussen das Kind von Anfang an. Kommt es zu einem Mangel dieser Reaktionen, kann dies zu Persönlichkeitsstörungen führen. Dann entwickeln sich das grandiose Selbst und die idealisierende Elternimago3 (vgl. Abend; Porder; Willick 1994: 109). Die Fähigkeit zur Realitätsprüfung bleibt aber erhalten (vgl. Fleischhaker; Schulz 2010: 59). Insgesamt sind also schwere Frustrationen während der ersten Lebensjahre die häufigste Ursache für Narzissmus.

4.4 Behandlung und Therapie

Den Kern der Therapie und Behandlung bildet die Analyse der Übertragung. Hierzu wird die „Re-Aktivierung früherer internalisierter Objektbeziehungen im Hier und Jetzt zu analysieren“ versucht (Kernberg 2006: 42). Ziele der Übertragungsdeutungen sind in der Übertragungssituation die dominante Objektbeziehung zu erkennen, Selbst- und Objektrepräsentanz herauszustellen und die Verbindung der dominanten Objektbeziehung und ihrem abgespaltenen Gegenteil darzustellen (vgl. ebd.: 44). Ein Grundproblem der Behandlung von Narzissmuspatienten ist, dass sich die Patienten nicht auf den Therapeuten verlassen können, da sie ihn nicht als wichtig erachten. So entsteht Neid und die Bedeutung des Therapeuten wird massiv abgewertet, womit der Therapeut umgehen muss (vgl. ebd.: 186).

Eine Form der Therapie ist die Spiegelübertragung, die versucht, jenen Aspekt der Entwicklungsphase wiederzubeleben, in der das Größen-Selbst4 entstanden ist (vgl. Kohut 1976: 130). Zunächst betrachtet der Patient den Analytiker5 als Erweiterung seines Größen-Selbst. Die Verarbeitung des narzisstischen Objektes ist hier am wenigsten erkennbar, da der Analytiker nur der Träger von Größenfantasien des Patienten ist. Dies ist die archaische Form der Verarbeitung. In der Zwillingsübertragung werden narzisstisch besetzte Objekte dem Größen-Selbst von ihrer Bedeutung her gleichgesetzt. Während der Spiegelübertragung erkennt der Patient den Analytiker als andere Person an. Der Analytiker hat aber trotzdem nur die Funktion, den Patienten in seinem Narzissmus zu bestätigen (vgl. ebd.: 139f.). Ziel der Analyse ist das Einfügen der verdrängten und nicht-integrierten Aspekte des Größen-Selbst, in dem diese Gesichtspunkte Stück für Stück wiederbelebt und integriert werden (vgl. ebd.: 174).

5 Borderline

In Deutschland sind ca. zwei Prozent der Bevölkerung vom Borderlinesyndrom betroffen; das entspricht ca. 1,6 Millionen Menschen (vgl. Wiegmann o. J.). Der Begriff selbst wurde 1884 das erste Mal in der Fachliteratur von Hughes erwähnt. Bis 1921 hieß es allerdings noch nicht „Borderline“, sondern „Borderland“. 1938 berichtete Adolph Stern dann über die psychoanalytische Diagnostik und Therapie der borderline group of neuroses (vgl. Dulz 2001: 3). Nach Stern handelt es sich um eine Störung, bei der Psychosen und Neurosen abwechselnd auftreten (vgl. Wiegmann o. J.).

[...]


1 Genaueres zum „Ich“, „Es“ und „Über-Ich“ von Sigmund Freud findet sich im Kapitel 7.3.

2 Selbstrepräsentanzen beziehen sich auf das eigene Selbst während Objektrepräsentanzen in Verbindung mit Umgebungsobjekten stehen.

3 Idealisierte Elternimago bedeutet, dass die Eltern von ihrem Kind als übermächtig, vollkommen und perfekt betrachtet werden. Das Kind hat durch die Störung einen Teil seines vollkommenen Erlebens verloren und versucht diesen Zustand so aufrechtzuerhalten (vgl. Kohut 1976: 57).

4 Das Größen-Selbst bei Kohut entspricht der pathologischen Selbstliebe von Kernberg.

5 Heinz Kohut bezeichnet den Therapeuten als Analytiker.

Details

Seiten
20
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656871903
ISBN (Buch)
9783656871910
Dateigröße
698 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v286743
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel – Pädagogik
Note
1,0
Schlagworte
persönlichkeitsstörung welche auswirkungen borderline narzissmus verhalten abweichendes folge

Autor

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Titel: Persönlichkeitsstörung. Welche Auswirkungen haben Borderline und Narzissmus auf das menschliche Verhalten?