Lade Inhalt...

Disney-Filme als Emotionsmedien? Zur Struktur und Wirkung von Disney-Filmen

Seminararbeit 2013 25 Seiten

Theaterwissenschaft, Tanz

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Medizinische / Philosophische Ansätze zur Entstehung von Emotionen
2.1 Biophysiologie des limbischen Systems
2.2 Ausgewählte Emotionstheorien
2.3 Filmmusik und Zuschaueremotionen
2.4 Filmische Mittel zur Emotionsentstehung

3. Disney-Filme und ihre Besonderheiten
3.1 Formale und inhaltliche Merkmale in Schneewittchen und die Sieben Zwerge (1937) sowie Die Schöne und das Biest (1991)
3.2 Entwicklungsgeschichte Disneys

4. Schlussbemerkung

5. Quellenverzeichnis

1. Einführung

„Heute lässt sich der überwältigende Einfluss kaum noch ermessen, den Walt Disney auf die Entwicklung des Animationsfilms genommen hat. […] Disney […] hatte als Unternehmer und Produzent ein einzigartiges Gespür, wann die richtige Zeit für neue Ideen und Techniken gekommen war und was das Publikum auf der Leinwand sehen wollte.“1

Mit seinen Filmen hat Walt Disney nicht nur den Grundstein zur Entwicklung eines neuen Filmgenres gesetzt, sondern auch gesellschaftlich waren seine Filme von beachtlicher Bedeutung. An kaum einem sind die millionenfach rezipierten Klassiker wie Schneewittchen und die sieben Zwerge(1937) oder Bambi(1942) vorbeigegangen. Walt Disney ist es gelungen, seine Zuschauer in eine einzigartige Phantasiewelt zu entführen, die nicht nur bei Kindern, sondern auch bei deren Eltern meist regen Anklang gefunden hat. „Mit unbegrenzter Vorstellungskraft und weit gefächerten Talenten begabt, schuf er ein Unterhaltungsimperium mit einer Substanz, die reichhaltig genug war, um es auch zwei Jahrzehnte uninspirierter Führung überdauern zu lassen.“2

Disneys Mickymaus stellt die Geburtsstunde seines Schaffens dar und ist längst zu einer Kultfigur geworden. „Ihre liebenswerte, freundliche Art verschaffte der Mickymaus eine enorme Beliebtheit“3. Darüber hinaus gilt sie heute „als Werbeträger für Produkte“4. Aufgrund der enormen Präsenz auf Schreibartikeln, T-Shirts oder Bettbezügen ist die Mickymaus in nahezu jedem Kinderzimmer zu finden. Dies verstärkt zusätzlich die emotionale Bindung zwischen Rezipient und Figur.

Ziel der Seminararbeit soll es sein, dieser Faszination um Disney einmal nachzugehen und zu untersuchen, worin sie begründet liegt. Im Zentrum der Untersuchung sollen vor allem die Zuschaueremotionen stehen und die Art und Weise wie Disney vorgeht, um diese Emotionen zu wecken. Verschiedene Elemente wie der Einsatz von Filmmusik oder die Auswahl der Farben in den einzelnen Szenen werden auf ihren emotionalen Gehalt hin untersucht. Das Besondere in dieser Arbeit wird es sein, dass erstmals der Versuch unternommen wird, eine Verbindung zwischen neurophysiologischen Prozessen im Gehirn und der Rezeption von Disney-Filmen herzustellen. Es sei deshalb zu betonen, dass es sich hierbei um den Versuch einer Annäherung handelt. In der Forschungsliteratur gibt es sehr viele medizinische Abhandlungen über die Emotionsentstehung, die auch mittels bildgebender Verfahren, wie der Computertomographie, eindeutig nachweisbar sind. Auch über die Struktur von Disney- Filmen sind genügend Ansätze zu finden. Nun soll versucht werden, die Elemente der Medizin einmal mit denen der Filmwissenschaft zu vereinen.

Zunächst soll eine theoretische Grundlage geschaffen werden, indem die Biophysiologie des limbischen Systems näher thematisiert wird. Es soll konkret auf die neuronalen Prozesse und die Kommunikation zwischen den einzelnen Hirnarealen während der Emotionsentstehung eingegangen werden. Desweiteren werden ausgewählte Emotionstheorien vorgestellt, die im Bereich der Philosophie bzw. Medienwissenschaft anzusiedeln sind. Hervorzuheben ist hierbei, dass die Theorien und Elemente stets unter dem Aspekt der Disney-Filme beleuchtet und diskutiert werden. Dann wird es um die zahlreichen technischen Möglichkeiten in Animationsfilmen gehen, die Disney auch zum Teil selbst mitentwickelt hat und die das Filmschauen zu einem ganz besonderen Erlebnis machen. Im zweiten Teil der Seminararbeit wird dann die Struktur von Disney-Filmen anhand zwei ausgewählter Beispiele erläutert. Zum einen wird es um den Film Schneewittchen und die sieben Zwerge(1937) gehen, der zugleich der erste abendfüllende Film Disneys mit durchschlagendem Erfolg war. Zum anderen soll Die Schöne und das Biest(1991) näher thematisiert werden. Der Film wurde zwar nicht mehr von Walt Disney selbst realisiert, jedoch ist deutlich zu erkennen, dass er stark im Sinne Disneys gehalten ist. Zuletzt werden einige bedeutsame Fakten über die Entwicklungsgeschichte Disneys aufgegriffen, wie z.B. die Veränderung des Aussehens der Mickymaus im Laufe der Jahre.

2. Medizinische / Philosophische Ansätze zur Entstehung von Emotionen

2.1 Biophysiologie des limbischen Systems

Die komplexen Prozesse, die während der Emotionsentstehung auf biochemischer Ebene im Gehirn vor sich gehen, sind gegenwärtig noch nicht vollständig erforscht. Dennoch steht fest, dass für die Entstehung von Emotionen ein evolutionär sehr alter Teil des Gehirns verantwortlich ist- das limbische System. Emotionen sind allgemein auf verschiedenen Ebenen erkennbar. Hierbei zählen zum einen die Prozesse im Gehirn, deren Aktivität mit Hilfe eines EEGs anschaulich gemacht werden kann5, zum anderen die Veränderung auf vegetativer und hormoneller Ebene. Mit Emotionen gehen bekanntermaßen körperliche Reaktionen einher, wie z.B. erhöhter Herzschlag, Erröten des Gesichts oder Schwitzen. Diese sind sowohl von außen erkennbar als auch in einer Blutuntersuchung hormonell nachweisbar. Während des Angstgefühls werden beispielsweise verstärkt Stresshormone ausgeschüttet. Ein weiterer wichtiger Faktor sind die motorischen Reaktionen auf Gefühle6, zu der Mimik und Gestik zählen. Sie sind evolutionär betrachtet von großer Bedeutung, da sie die Funktion haben, andere zu warnen. Ein verzerrtes Gesicht oder weit aufgerissene Augen signalisieren Gefahr.

Besonders hervorzuheben ist die Tatsache, dass das limbische System viel komplexer und vielseitiger ist als bisher angenommen7. Es ist nicht als ein eigenständiger Bereich im Gehirn lokalisierbar, sondern zeichnet sich vielmehr durch ihre Kommunikation mit anderen Gehirnarealen aus. Zudem ist es nicht nur für die Entstehung von Emotionen verantwortlich, sondern auch für die Gedächtnisfunktion des Menschen. Ein besonders wichtiges Element des limbischen Systems ist die Amygdala. Sie ist vor allem an der Entstehung von Aggression und Angst beteiligt. Eine sehr interessante Erkenntnis der Medizin ist die Tatsache „dass bei der Darbietung von Bildern mit mimischen Gesichtsausdruck sich bei angsterfüllten Gesichtern maximale Amygdala-Aktivierung einstellte“8. Dies ist vor allem für die Filmindustrie von besonderer Bedeutung. Angesichts dieser Erkenntnis lässt sich schlussfolgern, dass sich bei Zuschauern die stärkste emotionale Reaktion einstellt, wenn im Film verstärkt mit Mimik gearbeitet wird. Ein weiterer Bestandteil des limbischen Systems ist der präfrontale Kortex. Genauso wie es zwei Hirnhälften gibt, so existieren auch ein linker und ein rechter präfrontaler Kortex. Es wird angenommen, dass der linke Präfrontalkortex vermutlich für die Entstehung positiver Gefühle verantwortlich ist. In diversen Untersuchungen mit EEG und anderen bildgebenden Verfahren konnte festgestellt werden „dass sich bei der Betrachtung von Filmsequenzen mit negativem emotionalen Gehalt im rechten Präfrontalkortex eine größere Aktivierung als im linken einstellte. Bei der Darbietung positiver Filmszenen kehrte sich das Aktivierungsmuster um.“9 Überträgt man diese Erkenntnis nun auf die Rezeption von Disney-Filmen, wäre anzunehmen, dass bei den vielen angenehmen Filmszenen speziell der linke Präfrontalkortex des Zuschauers darauf reagiert. Desweiteren wurde der Sitz unseres Moralverständnisses im orbitofrontalen Kortex lokalisiert. Es ist offensichtlich, dass Walt Disney in seinen Filmen stets auch ein bestimmtes Moralverhalten vermitteln möchte. Die Quintessenz des Films „Die Schöne und das Biest“ beinhaltet zweifellos den bereits weit verbreiteten Ansatz, dass man sich nicht zu sehr von Äußerlichkeiten blenden lassen sollte und dass Schönheit meist im Inneren des Menschen verborgen liegt. Es ist jedoch erkennbar, dass Disney generell mit seinen Filmen bestimmte Werte vermitteln möchte. Demnach ist anzunehmen, dass beim Konsum seiner Filme vermutlich auch der orbitofrontale Kortex aktiv ist. Der Hippocampus wird zwar überwiegend den Lern-und Gedächtnisfunktionen zugeordnet, doch er bildet zusammen mit der Amygdala auch das emotionale Gedächtnis. Ein weiterer wichtiger Bereich des limbischen Systems ist die sogenannte Inselrinde. „Da die Inselrinde sowohl bei emotionalen Prozessen als auch für die vegetative Regulation zuständig ist, liegt hier vermutlich eine Schaltstelle zur Verknüpfung dieser beiden Reaktionsbereiche.“10

2.2 Ausgewählte Emotionstheorien

Die Forschungsliteratur hält zahlreiche Theorien zur Entstehung und Bedeutung von Emotionen bereit. Aufgrund der Fülle an Gedanken und Ansätzen sollen hier nur ausgewählte Theorien vorgestellt werden, die auch im Hinblick auf den emotionalen Gehalt in Disney-Filmen von Bedeutung sein könnten.

Trotz der Tatsache, dass es sehr viele unterschiedliche Meinungen zu Emotionen gibt, ist auffallend, dass nahezu alle Theorietexte nach demselben Schema aufgebaut sind. Es wird stets zu Beginn darauf hingewiesen, dass es sich dabei um eine interdisziplinäre Angelegenheit handelt. Emotionen sind also nicht nur Gegenstand der Medizin, sondern auch der Philosophie, der Psychologie und der Medienwissenschaft. Zudem haben diverse Theorietexte gemeinsam, dass sie zwischen Emotionen und Affekten unterscheiden11. Diese beiden Begriffe exakt zu trennen erweist sich als nicht ganz einfach. „Ein Affekt ist die Ausrichtung eines Subjekts auf ein Objekt. Das unterscheidet die Affekte von den Emotionen […]: Sie sind relationale Tatsachen, bedürfen eines Gegenstandes, auf den sie gerichtet sind. Affekte begründen sich in der grundsätzlichen Gerichtetheit menschlichen Bewusstseins.“12 Daraus ließe sich schließen, dass Affekte auf einen spezifischen Reiz zurückzuführen sind, der diese Affektreaktion auslöst. Dahingegen sind „Emotionen jene psychischen Erregungen, die subjektiv sind und zugleich als subjektiv wahrgenommen werden. Eine Emotion ist eine Erregung, die denjenigen erfasst, der das Gefühl hat. Und der gleichzeitig empfindet, dass er dieses Gefühl hat. Emotionen sind in dieser Hinsicht reflexiv, selbstbespiegelnd“13. Diese sehr abstrakte Aussage könnte darauf hindeuten, dass es sich hier womöglich um eine Reaktionskette handelt. An dieser Stelle möchte ich betonen, dass dies lediglich eine Vermutung bzw. eine Interpretation des vorangegangenen Zitats ist. Ein spezifischer Reiz, wie z.B. die Todesszene von Mufasa aus König der Löwen,löst im Rezipienten einen Affekt aus. Dieser Affekt wird nun spezifiziert, indem er in den Bereich der Emotionen übertritt. Mit diesem Schritt wird er dem Rezipienten bewusst und er kann ihn benennen. In diesem Fall wäre es die Emotion des Kummers. Eine ebenso grundlegende Emotionstheorie stammt von Caroll Izard. Er „geht wie die meisten anderen Emotionspsychologen auch von zehn primären Emotionen aus, die angeboren sind und zur biologischen Ausstattung des Menschen zählen: Interesse, Freude, Überraschung, Kummer, Zorn, Ehre, Geringschätzung, Furcht, Scham und Schuldgefühl […]. Alle anderen Emotionen sind sekundär und setzen sich aus primären Emotionen zusammen. […] Eine Emotion enthält immer die Interpretation eines Sachverhalts.“14 Vergleicht man nun eigene Filmerfahrung mit den primären Emotionen, so ist festzuhalten, dass die meisten Primäremotionen tatsächlich, je nach Genre, angesprochen werden. Zorn, Ehre und Schuldgefühl lassen sich vermutlich jedoch nicht so leicht beim Zuschauer erzeugen. Die Emotion des Zorns setzt eine sehr starke Aggressivität voraus und das ist aufgrund eines Films eher unwahrscheinlich. Sich geehrt fühlen kann man nur, wenn man direkt angesprochen wird. Auch das Schuldgefühl bleibt meines Erachtens bei der Rezeption eines Films überwiegend aus, da man selbst nicht handelt und demzufolge auch nichts Verwerfliches tun kann.

Eine weitere Erkenntnis in der Emotionsforschung ist, dass die körperlichen Reaktionen stets einen expressiven Charakter haben. Sie sind die Folge eines Gefühls und dienen dazu, anderen Mitmenschen zu signalisieren, wie es in demjenigen aussieht. Der amerikanische Physiologe Walter Cannon behauptete jedoch „emotionales Erleben laufe unabhängig von peripheren Körperprozessen ab.“15 Die Frage nach dem Verhältnis zwischen Emotion und körperlichem Erleben ist gegenwärtig immer noch offen und bietet viel Raum für Diskussionen. Jedoch eindeutig aus der Forschungsliteratur hervorgegangen ist, dass der Mechanismus der Emotionsentstehung im Gehirn sowohl in der Realität als auch im Kino ein und derselbe ist. Es „finden sich keine Unterschiede zwischen medial und nichtmedial verursachten Nervensignalen. Getroffen wird diese Unterscheidung im für das Bewusstsein verantwortlichen assoziativen Kortex.“16 Diese Erkenntnis erklärt, weshalb im Kino emotionale Reaktionen stattfinden, obwohl sich der Zuschauer der Tatsache bewusst ist, dass er sich im Kinosaal befindet. Da die Filmindustrie mit stark visuellen und akustischen Reizen versucht, den Zuschauer in den Film hineinzuziehen, wird er zwangsläufig auch Emotionen empfinden während des Filmschauens. Der entscheidende Unterschied ist hierbei, dass die entstehenden Gefühle im Präfrontalkortex als nicht real bewertet werden und somit das Empfinden beim Zuschauer nachlässt. „Das bewusste Wissen darum, dass es sich […] nur um Film, Fernsehen, Foto oder auch ein Buch handelt, neutralisiert keine nichtbewusst entstehenden Wirkungen, sondern modifiziert diese lediglich“17. Der deutsche Medienpsychologe Clemens Schwender macht in diesem Zusammenhang auf die Assoziation der Medien als Attrappen aufmerksam. „Medien sind in dem gleichen Sinn Attrappen wie Vogelscheuchen Attrappen sind für Vögel. Sie müssen so gestaltet sein, dass sie genügend Gemeinsamkeiten mit Figuren haben“18. Dieses Faktum ist besonders im Bereich des Animationsfilms von enormer Wichtigkeit. Es ist sicher nicht einfach, eine Welt nur aus gezeichneten Bildern so real erscheinen zu lassen, dass der Zuschauer sich darin verlieren bzw. sich mit den gezeichneten Figuren identifizieren kann. Sie müssen sowohl in ihrer Mimik als auch in ihren Verhaltensweisen mit der menschlichen Welt übereinstimmen. Erst dann werden sie als eine Art Attrappe wahrgenommen.

Medien, insbesondere Filme, scheinen gezielt darauf aus zu sein, beim Publikum bestimmte Gefühle auszulösen. „Die Medien als technisches Instrumentarium eröffnen die Möglichkeit, evolutionär entstandene Bewertungsmechanismen durch bestimmte Stimuli anzusprechen. Der gezielte Einsatz gestattet es, emotionale Reaktionen von einer im Alltag nur selten anzutreffenden Intensität hervorzurufen“19. Der Aspekt der hohen Gefühlsintensität wird in einem späteren Kapitel noch näher thematisiert, wenn es um die filmischen Mittel zur Emotionsentstehung geht. Sie steht in engem Zusammenhang mit der Dramaturgie eines Films. „Die Erzeugung und Lenkung der Zuschauergefühle ist für die meisten Filme von größter Bedeutung, sie entscheidet über ihren Erfolg. Bei der Produktion und Vermarktung von Filmen […] steht die Beschäftigung mit Gefühlen oft im Mittelpunkt.“20 Ein weiterer wichtiger Aspekt im Hinblick auf Emotionstheorien ist die Erforschung der Spiegelneuronen. Sie spielt bei der Rezeption von Filmen eine wichtige Rolle. Ohne sie wären empathische Gefühle den Figuren gegenüber nicht möglich. Um die Spiegelneurone zu aktivieren, sind Mimik und Gestik eines Gegenübers notwendig. „Beobachtet ein Proband auf einem Monitor einen Menschen, der sich weh tut, so werden die gleichen Hirnareale aktiv, die auch bei eigenen Missgeschicken für die Gefühlsqualität Schmerz verantwortlich ist. Menschen fühlen also im wahrsten Sinne des Wortes mit, auch wenn die Zielpersonen für dieses Mitgefühl nur medial gegeben sind.“21 Betrachtet man also die Szene aus König der Löwen, wie der kleine Simba unter Tränen und mit herabgesenktem Kopf um seinen Vater trauert, so werden beim Zuschauer die Spiegelneurone aktiv und veranlassen ihn dazu, selbst traurig zu werden.

2.3 Filmmusik und Zuschaueremotionen

Der Aspekt der Filmmusik ist gerade bei Disney allgegenwärtig. Die Musik nimmt in den Filmen einen auffallend großen Raum ein und ist tief mit der Handlung verankert. Doch auch generell ist Filmmusik ein unverzichtbares Element in Filmen. „Thesoundtrack of any film, wether animated or live-action, tends to condition an audience’s response to it. Sound principally creates the mood and atmosphere of a film, and also its pace and emphasis, but, most importantly, also creates a vocabulary by which the visual codes of the film are understood“22. Dieses Zitat spricht bereits die wichtigsten Aspekte hinsichtlich der Filmmusik an. Musik wird im Film gezielt dazu eingesetzt, um den Rezipienten emotional zu lenken. Sie erzeugt eine besondere Atmosphäre und versetzt den Zuschauer in eine beabsichtigte Stimmung. Zudem unterstützt sie die parallel einströmenden visuellen Reize und intensiviert somit deutlich die Wahrnehmung des Zuschauers. Doch die Dimension der Musik im Film ist noch weitaus größer. Sie steht mit der Dramaturgie in engstem Zusammenhang. „Da Musik ein Ereignis im Laufe der Zeit ist, organisiert sie Zeit. […] Vor allem rhythmische Betonung steht für das unbedingte, nicht zu unterbrechende Voranschreiten der Handlung. Auch retardierende, zögernde Handlung lässt sich musikalisch beschreiben.“23 Außerdem werden besonders wichtige Szenen musikalisch angekündigt und begleitet. Variationen in Rhythmus und Tonhöhe erzeugen Spannung und weisen auf die Relevanz des dargestellten Geschehens hin. Nicht zu unterschätzen ist auch die Eigenschaft der Filmmusik, Textinhalte zu transferieren. Das bedeutet, dass in den Liedern genau das thematisiert wird, was der Zuschauer im selben Moment visuell wahrnimmt. „Es findet eine Dopplung von Verbalem und Akustischem statt.“24 Somit wird der Zuschauer in seiner Wahrnehmung nochmals bestärkt. Dieses Phänomen ist in nahezu allen Disney-Filmen zu finden. An dieser Stelle zu erwähnen sei die Tatsache „dass Schneewittchender erste Film war, von dem ein Soundtrack auf Schallplatte produziert wurde.“25

Um die enorme Bedeutung der Musik im Film einmal an einem Beispiel zu demonstrieren, soll nun die Eröffnungsszene von Die Schöne und das Biest (1991) auf ihre Wirkung hin analysiert werden. Sie befindet sich zwischen Minute 03:20 und 08:07 und gewährt dem Zuschauer einen ersten umfassenden Einblick in das Leben der Protagonistin Belle26. Auffallend ist bereits zu Beginn der Szene, wie sehr hierbei Farben, Töne und Text miteinander harmonieren. Es beginnt mit einem farblich in Szene gesetzten Sonnenaufgang, der zugleich mit lieblich klingender Querflöte musikalisch untermalt wird. Aufgrund der hohen, leicht gespielten Töne wird der Zuschauer in eine positive Stimmung versetzt, die zusätzlich durch die warmen Orange- und Gelbtöne bestätigt werden. Der Rezipient nimmt somit simultan visuelle und akustische Reize auf und überprüft diese unbewusst nach dem Prinzip der Logik. Die exakte Reihenfolge der Abläufe im Gehirn konnte mit Hilfe der angesprochenen Diskurse zur Emotionsentstehung jedoch nicht eindeutig festgestellt werden. Doch es ist anzunehmen, dass hierbei im Bereich des linken präfrontalen Kortex eine erhöhte Aktivität stattfindet, da dieser für die Entstehung positiver Emotionen verantwortlich ist, nachdem er die ankommenden Sinnesreize ausgewertet hat. Außerdem zu erwähnen ist, dass in der knapp fünfminütigen Szene eine deutliche Liedstruktur zu erkennen ist. In rhythmischen Abständen wechseln sich Soli und Chorpassagen ab, bis das Lied schließlich in einem fulminanten Crescendo endet. Ein ebenso wichtiges Element ist die sprachliche Botschaft, die hier musikalisch untermalt wird. Belle lässt den Zuschauer an ihren Gedanken und Wünschen teilhaben, sie klagt über die Monotonie in ihrem Leben:

[...]


1 Friedrich, Andreas: Filmgenres. Animationsfilm. Philipp-Reclam-Verlag, Stuttgart, 2007, S. 63-64.

2 Grover, Ron: Die Disney-Story. Ullstein-Verlag, Frankfurt am Main, 1992, S. 16.

3 Ebd., S. 25.

4 Mattern, Kirsten: Fernsehstars und Kinderalltag. Athena-Verlag, Oberhausen, 1999, S. 182

5 Schandry, Rainer: Biologische Psychologie. Beltz-Verlag, Weinheim, 2003, S. 494.

6 Ebd., S. 494.

7 Ebd., S. 495

8 Ebd., S. 497

9 Schandry, Rainer: Biologische Psychologie. Beltz-Verlag, Weinheim, 2003, S. 498

10 Ebd., S. 499

11 Liptay, Fabienne: Mit allen Sinnen.Schüren-Verlag, Marburg, 2006, S. 17.

12 Ebd., S. 17

13 Ebd., S. 18.

14 Ebd., S. 19

15 Schandry, Rainer: Biologische Psychologie. Beltz-Verlag, Weinheim, 2003, S. 502

16 Uhl, Matthias: Medien, Gehirn, Evolution. Transcript-Verlag, Bielefeld, 2009, S. 215

17 Ebd., S. 216.

18 Schwender, Clemens: Medien und Emotionen. Deutscher Universitätsverlag, Wiesbaden, 2006, S. 28.

19 Uhl, Matthias: Medien, Gehirn, Evolution. Transcript-Verlag, Bielefeld, 2009, S. 238.

20 Grau, Oliver: Mediale Emotionen.Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main, 2005, S. 107.

21 Uhl, Matthias: Medien, Gehirn, Evolution. Transcript-Verlag, Bielefeld, 2009, S. 287.

22 Wells, Paul: Understanding animation. Routledge-Verlag, London, 1998, S. S. 97.

23 Schwender, Clemens: Medien und Emotionen.Deutscher Universitätsverlag, Wiesbaden, 2006, S. 123.

24 Ebd.: S. 124

25 Friedrich, Andreas: Filmgenres. Animationsfilm. Philipp-Reclam-Verlag, Stuttgart, 2007, S. 65

26 Trousdale, Gary [Regie]: Die Schöne und das Biest. Walt-Disney-Studios, 2010.

Details

Seiten
25
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656875536
ISBN (Buch)
9783656875543
Dateigröße
561 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v286778
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für Theaterwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
disney-filme emotionsmedien struktur wirkung disney-filmen

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Disney-Filme als Emotionsmedien? Zur Struktur und Wirkung von Disney-Filmen