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Monomythos

Examensarbeit 2014 48 Seiten

Kunst - Bildende Künstler

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2. Begriffserklärung Monomythos
2.1 Struktur
2.2 Philosophie

3. Mythos und Monomythos in der Kunst
3.1 Kunst und Mythos
3.2 Bildsprache
3.2.1 Archetypen
3.2.2 Allegorien

4. Monomythos in meinen Bildern
4.1 Intention und Kohärenz
4.2 künstlerische Umsetzung

5. Schlussbetrachtung

6. Literaturverzeichnis

7. Anhang-Übersicht

Anhang

1.Einleitung

Der Monomythos ist die Geschichte, die allen Geschichten zugrunde liegt, und damit als Teil des Mythos‘ zu betrachten, bei dem es sich allgemein um eine Erzählung oder Darstellung der immer wiederkehrenden typischen Erfahrungen des Menschen mit sich selbst und der Welt handelt. Meine künstlerische Umsetzung des Monomythos‘ basiert einerseits auf den Aus-führungen Campbells, der als bedeutender Mythenforscher des 20. Jahrhunderts gilt und sich in seinen Forschungen auf psycho-logische, anthropologische und philosophische Erkenntnisse be-zieht, die ich als theoretisches Fundament meiner Bilder auf-greifen möchte. Darüber hinaus möchte ich die Interpretation des Mythos‘ im Sinne einer existentialistischen Problemlösungsakti-vität, zum Beispiel nach Blumenberg, hinzuziehen und erläutern. Blumenberg geht es wie Campbell beim Mythos nicht um „ur-sprüngliche mythische Vorstellungen“[1], sondern um den immer gleich bleibenden narrativen Kern, in dem sich Emanzipation und Selbstfindung[2] des Menschen offenbaren, sowohl in kultureller als auch in individueller Hinsicht. Bei meiner künstlerischen Um-setzung des Monomythos‘ steht demnach das menschliche Su-chen nach neuen Erkenntnissen im Vordergrund.

Jung und Freud haben in ihren Schriften ausgeführt und erklärt, dass die Logik, die Helden und die Taten des Mythos‘ der über-lieferten Dichtung im modernen Zeitalter fortbestehen. Es gibt zwar keine wirksame gemeinschaftliche Mythologie mehr, aber nach Jung trägt jeder Mensch den Mythos in sich.[3] Gemäß die-ser Theorie ist es möglich, den inneren Mythos anzusprechen, worauf meine Bilder letztendlich abzielen.

2. Begriffserklärung Monomythos

2.1 Struktur

Campbell hat sowohl das Wesen des Monomythos‘ untersucht als auch seine Struktur, also seine Motive und seine Abfolge. Den Monomythos-Begriff greift er von James Joyce auf, der ihn in seinem Werk „Finnegans Wake“ benutzt hat[4]. „Monomythos“ setzt sich, etymologisch betrachtet, aus den altgriechischen Wor-ten „Mono“ - allein“ oder „einzig“ - und „Mythos“ - „Erzählung“ – zusammen. Das Präfix „Mono“ unterstreicht zum einen, dass es sich um eine mythische Erzählung eines Einzelnen handelt: Der Protagonist, der sogenannte Held, durchkämpft eine mythische Reise. Zum anderen impliziert das Präfix, dass sich jeder Mythos immer auf eine einzige Geschichte herunter brechen lässt: Der Monomythos ist eine einzelne konstante Geschichte, die in unerschöpflichen Ausprägungen Ausdruck finden kann. Die von Campbell erforschte Struktur des Monomythos‘ kann in unter-schiedliche Stadien und in diese wiederum in mehrere Stationen unterteilt werden.

Der einheitliche Kern des Monomythos‘ setzt sich aus der chro-nologischen Abfolge von Separation, Initiation und Rückkehr zusammen.[5] Die Kerngeschichte besteht daraus, dass der Held, der als Halbgott zwischen Menschen und Gott steht, die profane Welt verlässt und einen Bereich)aufsucht, die sich den Verstan-deserklärungen entziehen. Dort besteht er wahrhaftige, lehrhafte Mächte und erringt einen entscheidenden Sieg, wonach er mit der Kraft, seine Menschen mit segensreichen Wirkungen zu ver-sehen, von seiner Fahrt zurückkehrt.[6]

Die drei Stadien des Monomythos – Separation, Initiation und Rückkehr – können jeweils in sechs Stationen unterteilt werden.

Dem ersten Stadium, der Separation, auch Aufbruch genannt, lassen sich die folgenden Stationen zuordnen:

1.„Mangel“[7]

Dem Protagonisten des Monomythos‘, dem Helden, fehlt zum Beispiel ein Gegenstand, ein Status, eine Gefühlshaltung oder eine Problemlösung oder mehreres davon gleichzeitig. Der Man-gel kann sich in einem Problem äußern, das sowohl geistiger als auch materieller Natur sein kann. Wenn der Mangel als Gegen-stand auftritt, dann meist in symbolischer Form. Er besteht unbe-wusst oder bewusst und kann einen Einzelnen, ein Kollektiv oder die gesamten Menschheit betreffen. Die Phase des Mangels be-steht, bevor die Geschichte des Monomythos‘ ihren Lauf nimmt.

2.„Berufung“[8]

Die Berufung ist häufig eine Nachricht, die zum Beispiel von einem Herold überbracht werden kann. Sie kann sich auch aus Zeichen zusammensetzen, in denen sich ein Ruf ankündigt[9]. Ebenso wie der Mangel können diese Zeichen geistiger oder ma-terieller Natur sein.

3.„Weigerung“[10]

Die Weigerung kann auch als „Torheit der Flucht vor Gott“[11] bezeichnet werden, denn der Ruf holt den Helden früher oder später ein. Es gibt also eine Art Bestimmung, zumindest eine sich durchsetzende Kraft.

4.Übernatürliche Hilfe[12]

Meist in Form eines Mentors tritt dem Helden jemand entgegen, der ihm dabei hilft, seiner Berufung zu folgen. Der Mentor kommt sprichwörtlich wie gerufen. Diese Station kann auch als uner-warteter Beistand[13] bezeichnet werden.

5.„Überschreiten der ersten Schwelle“[14]

Der Held nimmt die erste Hürde seines Abenteuers. Es gibt für gewöhnlich einen lebenden oder geistigen Schwellenhüter, der das Fortschreiten versperrt oder verhindern will. Hinter der Schwelle liegt das Unbekannte, das „freien Raum für die Pro-jektion unbewusster Inhalte“[15] bietet.

6.„Bauch des Walfischs“[16]

Diese Station kann auch als Eingang in den Bereich der Nacht[17] bezeichnet werden. Eingeschlossen in einem dunklen, fremden Bereich der Wiedergeburt erlebt der Held eine Metamorphose.

Eine andere Bezeichnung dieser Station lautet: die „gefährliche Seite der Götter“.[18]

Es folgen die Stationen der Initiation:

1.„Weg der Prüfungen“[19]

Der Mensch muss verschiedene Hürden bewältigen und wird durch zuvor erhaltene verdeckte Ratschläge und von versteckten Hilfskräften geführt und manchmal entdeckt er, dass es eine „gnädige Macht gibt, die ihn überall auf seiner Fahrt ins Außer-menschliche stützt“[20].

2.„Begegnung mit der Göttin“[21]

Diese Station kann auch als Begegnung mit der „großen Mutter“[22] bezeichnet werden. Hier zeigt sich besonders offen-sichtlich ein Zusammenhang zur Psychoanalyse. So lassen sich Verbindungen zum Ödipuskomplex finden. Der Held begegnet einer Mutterfigur oder einer weiblichen Kraft. Diese Göttin kann aber auch schmerzhaft oder schrecklich im Sinne einer ab-wesenden oder strafenden Mutter sein. Die Station kann ebenso als Station der „Seligkeit der wiedergefundenen Kindheit“[23] auf-treten. Diese wiedergefundene Kindheit kann sich auch allein geistig im Helden manifestieren, so wie die Begegnung mit der Göttin rein psychisch in Erscheinung treten kann.

3.„Das Weib als Verführerin“[24]

Diese Station kann auch als Station der „Verwirklichung“[25] oder als ein „ödipaler Todeskampf“[26] bezeichnet werden, denn „das Weib ist das Leben, der Held der, der es erkennt und meistert“[27].

4.„Versöhnung mit dem Vater“[28]

In der vorherigen Stufe erkennt der Held, dass er den Platz des Vaters einnimmt. Das nie ganz zu klärende „Urgeheimnis“ des Vaters ist das Paradox der Schöpfung, das es in der Station der Versöhnung mit dem Vater zu überwinden gilt. Der Vater kann als das Leben selbst angesehen werden. Nach Camus kommt eine Versöhnung mit dem Leben zustande, indem man der Absurdität des Lebens[29] entkommt und sie überwindet. Der Vater kann spi-rituell, religiös, geistig oder als irdische Vaterfigur auftreten.

5.„Apotheose“[30]

Eine Apotheose bezeichnet ein Gottwerden. Der Mensch erfährt zum Beispiel durch „Auslöschung von Wahn, Wunsch und Feind-schaft“ eine Erleuchtung.

6.„Endgültige Segnung“[31]

Der Held erhält – oftmals im Kampf – ein Elixier, das er mit in die gewöhnliche Welt nimmt. Es dient als Ich-erschütternder Lebens-verwandler bzw. -erlöser[32]. Dieses Elixier kann in vielfältigen For-men auftreten.

Das Stadium der Rückkehr beinhaltet folgende Stationen:

1.„Verweigerung der Rückkehr“[33]

Diese Station kann auch als „verschmähte Welt“[34] bezeichnet werden. Hier kann zum Beispiel Verantwortungsgefühl ein zen-trales Thema sein.

2.„Magische Flucht“[35]

Es kommt aufgrund von Konflikten - wie zum Beispiel durch den Gewinn des Elixiers – zu einem Widerstand oder durch einen In-teressenskonflikt, der ausgetragen wird, zu „Überraschungen, magischen Hindernissen und magischem Entkommen“[36]. Der Held gewinnt am Ende. Das komische Element des Monomythos kommt hier besonders zum Tragen, denn es geht um humanen, nicht übernatürlichen Erfolg, und das Humane ist das Tragik-komische[37].

3.„Rettung von außen“[38]

Es folgt eine Station, bei der der Held „von außen gerettet, von innen getrieben oder sanft von den lenkenden Gottheiten ge-leitet“[39] zurückkehren muss. Das Leben im weitesten Sinne oder die Gesellschaft im engeren Sinne ruft den Helden aus „seinem jenseitigen Abenteuer“[40] zurück. Er muss der Gesellschaft – mit Hilfe des Elixiers – entgegen treten und Rückschläge einstecken.

4.Rückkehr über die Schwelle[41]

Diese Station kann auch als „Rückkehr zur Welt des gemeinen Tages“[42] bezeichnet werden. Es geht bei dieser Station um die Rückkehr und Wiedervereinigung mit der Gesellschaft und so wird die Gesellschaft selbst zu einem zentralen Thema. Die Ge-sellschaft ist nämlich für den ununterbrochenen Zufluss geistiger Energie in der Welt unerlässlich, und gleichzeitig ist sie die Rechtfertigung der langen Abkehr des Helden. Das Profane muss wieder als real betrachtet und das Heilige den Menschen plausibel und interessant gemacht werden.

5.„Herr der zwei Welten“[43]

Der Held integriert sich wieder. Die große Lösung für ein Zu-rückkommen liegt in der Erkenntnis, dass beide Zonen, humane und übernatürliche, „in Wahrheit eins“[44] sind.

6.„Freiheit zum Leben“[45]

Nach Camus, dessen Philosophie des Absurden auch als exi-stentialistische Philosophie angesehen werden kann, kann der Mensch Selbstverwirklichung und Freiheit[46] durch Auflehnung gegen die erkannte (und verinnerlichte) Absurdität erlangen.[47] Alles, abgesehen vom Tod, ist Freiheit, da der Mensch über die Welt herrscht. Es muss die wahre Beziehung der vergänglichen Erscheinungen zu dem ewigen „Leben, das in allem lebt und stirbt“[48] erreicht werden.

Diese Denkinhalte bilden das Fundament meiner Bilder. Die jeweils sechs Stationen der drei Stadien Separation, Initiation und Rückkehr greife ich explizit in ihnen auf. Ich möchte, dass der Betrachter den Monomythos und seine einzelnen Stationen „spüren“ kann und unbewusst durchlebt. Ich ziele nicht darauf ab, kognitive Einsichten zu erzwingen. Deswegen verzichte ich ferner auf explizite Zuordnungen meiner Werke zu einzelnen Stationen. Sie sind vorrangig als Gesamtwerk, als Reihe zu ver-stehen und diese wiederum als Narration.

2.2 Philosophie

Da die einzelnen Stadien und Stationen Campbells Monomythos allgemein zutreffende Aussagen zur menschlichen Existenz und Freiheit des Einzelnen enthalten, kann man im Monomythos eine Folge von existentialistischen Problemlösungsaktivitäten sehen. Der Mensch benutzt – laut Blumenbergs existentialistischer und anthropologischer Philosophie – den Mythos als Instrument ge-gen den „Absolutismus der Wirklichkeit“[49]. Gemäß der existen-tialistischen Philosophie ist die Welt ohne Sinn. Sie erhält ihn erst durch den Menschen. Blumenberg sieht den Menschen als ein Mängelwesen an, das Hilfsmittel benötigt, um sich gegen den Absolutismus der Wirklichkeit zu behaupten.[50] Der Mythos – und somit auch der Monomythos – kann als ein solches Instrument der menschlichen Selbstbehauptung betrachtet werden, denn durch ihn gewinnt der Mensch Distanz gegenüber der immer be-stehenden, unkontrollierbaren und unerbittlichen Wirklichkeit. Blumenberg führt somit Nietzsches Theorie fort, der allein im Akt der Benennung der Dinge ein Stück Machtgewinn des Menschen über die Welt sieht, doch im Gegensatz zu Nietzsche sieht Blumenberg hier in der Motivation des Menschen kein Macht-bestreben, sondern eine Sorge, der die menschliche Ohnmacht zugrunde liegt.[51]

Das Bewusstwerden und Analysieren eines Monomythos ist anzustreben, weil die Mythenanalyse dem Menschen zu einem positiven Lebensentwurf verhilft, der individuell und gesell-schaftlich ein vorurteilsfreies Nebeneinander verschiedener Nor-men ermöglicht. Einen genormten oder festgelegten Monomy-thos gilt es dagegen nach Blumenberg zu durchbrechen, da er mit Unfreiheit verbunden ist.[52] Das zeitgenössische Leben steht im Zeichen wachsender Individualisierung und Selbstverwirk-lichung, und falls daraus „Selbstformung oder Selbstbildung wer-den sollen“[53], bedarf es noch heute des Mythos‘ zwecks einer Wertehierarchie, die Verantwortung für die Gesellschaft als Gan-zes reflektiert, so dass sich Freiheit nicht selbst eliminiert.

Eine Hierarchie aufstellende Mythenanalyse führt in eine prak-tische (Mythos)-Philosophie, die als eine Philosophie steht, die gesellschaftliches Handeln betrifft und die nach lebens-praktischen, subjektiven Potenzialen von Erfahrung berücksich-tigenden Strukturen sucht.[54] In erster Linie werden in dieser Phi-losophie also nicht geschichtliche Realitäten erforscht. So refe-rieren meine Bilder zum Beispiel nicht auf die griechische oder römische Mythologie und auch nicht auf heutige Alltagsmythen[55] wie zum Beispiel den Kapitalismus.

3. Monomythos und Mythos in der Kunst

3.1 Kunst und Mythos

So wie Kunst als Kulturleistung angesehen werden kann, kann sie auch als Mythos benutzt werden, denn sie ist aus exi-stentialistischer Sicht heraus ebenfalls ein Instrument gegen den Absolutismus der Wirklichkeit. „Dem Absolutismus der Wirk-lichkeit tritt der Absolutismus der Bilder und Wünsche entge-gen.“[56] Adorno sieht bereits allein in der Existenz von Kunst eine mögliche Beherrschung des Mythos und „ einen Ausstieg aus der fatalen Dialektik der bisherigen Geschichte.[57] „Kunst okkupiert die mythische Ordnung, um kompensativ zu helfen, die Welt zu ertragen.“[58] „Der Dreh- und Angelpunkt der Wirklichkeitssicht ist in der Moderne das freie, sich selbst bestimmende „Ich“.“[59] Vor-aussetzung für Kunst als Mythos ist die sogenannte „Arbeit am Mythos“[60]. Die konstante Beschäftigung mit dem Mythos ist in diesem Sinne essentiell. Campbell schreibt, dass der Mythos – und damit auch die Kunst – dem Menschen als Hilfe zur Verfü-gung steht, die ihn über seinen begrenzten Horizont hinaus in Bereiche immer umfassendere Selbstverwirklichung geleiten soll.[61]

Laut Campbell ist der Mythos ein unerklärlicher Zufluss, durch den kosmische Energien in die Erscheinungen der menschlichen Kultur einströmen[62]. So kann sich der Monomythos auch in der Kunst manifestieren, die als Kulturleistung verstanden werden kann. Ich benutze die Kunst als Mythos zwecks übertragbarer existentialistischer Problemlösungsaktivität und den Monomythos speziell, um innere Bilder beim Betrachter auszulösen und anzustoßen.

3.2 Bildsprache

3.2.1 Archetypen

Campbell stützt sich bei seinem Monomythos auf Jungs Aus-führungen zu den Archetypen. Diese werden hier erwähnt, um einen Zusammenhang von Bildmotiven und Allegorien zu ver-deutlichen.

Als Archetypen beschreibt Jung die stetig wiederkehrenden Kräfte in Form von Figuren, die in Mythen auf der ganzen Welt auftreten und die verschiedene Aspekte des menschlichen Le-bens widerspiegeln. Sie entspringen dem „Kollektiven Unbe-wussten“.[63] Es gibt keine festgelegte Anzahl von Archetypen und es gibt sowohl menschliche als auch nichtmenschliche Ar-chetypen. Einige Archetypen nach Jung sind: die Weise/Alte, die für die Manifestation des Geistes steht, der See, der für das Un-bewusste steht, und die Anima beziehungsweise der Animus, der geschlechtliche Gegenpart und die erotische Energie.[64] Arche-typen sind, psychoanalytisch betrachtet, zu entdecken und assi-milieren[65]. Wenn zum Beispiel im Sinne der Psychoanalyse ein Archetyp wie der Held in einem selbst erkannt wird, ist das psy-choanalytische Ziel eine bewusste Assimilierung . Während-dessen werden neue Erfahrungen in ein kognitives Schema integriert. Archetypen sind die Inspirationsquelle der funda-mentalen Bilder des Mythos. Jedes einzelne archetypische Ele-ment erscheint explizit oder implizit im Mythos und seine Aus-prägung gilt als aussagekräftig für die individuelle Darstellung. Wenn es beispielsweise weggelassen wird, so ist es aus-sagekräftig für einen (durchaus kritischen), mitunter kulturell begründeten Mangel.[66] Die Erscheinung eines Archetyps ist – so wie die des Monomythos allgemein – nämlich repräsentativ für die jeweilige Kultur. Archetypen tragen das Potenzial neuer Ein-sichten und Vorbilder. Dadurch unterscheiden sie sich ent-schieden von Stereotypen.[67]

Der Held ist ein besonderer Archetyp, weil er der wichtigste des Monomythos‘ ist: Er ist Protagonist des Monomythos und Dreh- und Angelpunkt des Mythos als Verkörperung der menschlichen Existenz. Heute ist der Mensch an sich „das zentrale Ge-heimnis“.[68] Der Held hat die Gesellschaft zu lenken und zu er-retten: zum Beispiel vor Angst, vor falscher Feindseligkeit wie Kampfhandlungen oder vor übertriebener Missachtung anderer. Er erkennt seine eigene Göttlichkeit im einsamen Schweigen der Hoffnungslosigkeit. Der Held ist der Archetyp, der in jedem Men-schen verborgen ist und wartet, erkannt und ins Leben geholt zu werden[69]. Der Held als Archetyp kommt daher in unterschied-lichen Formen in meinen Bildern vor, und wo er fehlt, setzt das Bild einen Schwerpunkt auf die existentialistische Theorie des Monomythos‘.

Archetypen bedürfen naturgemäß keiner Erklärung. Trotzdem wird der Archetypen-Bezug in einem Kunstwerk besonders deut-lich, wenn der Künstler oder die Künstlerin entsprechende Aussagen tätigt – ob durch den Titel des Kunstwerks oder im Interview. Zum Beispiel referieren Louise Bourgeois‘ Spinnen-Bronzefiguren „Maman“ auf den Archetyp der großen Mutter.[70]

3.2.2 Allegorien

Nach Hans Belting besteht die Realität der Kunst darin, eine Allegorie zu sein. Er zeigt am Beispiel der „Realen Allegorie“[71], dass man nach diesem Verständnis die Bildmotive auf die Kunst beziehen kann. Meine Bilder verstehe ich als Allegorie zur Kunst und gleichzeitig als Allegorie zum Monomythos. So wie es verschiedene Definitionen des Mythos‘ gibt, gibt es verschiedene Ansätze, was Allegorien, Metaphern und Symbole sind. Eine Definition vorweg ist essentiell, um Zusammenhänge zu meinen Bildern aufzuzeigen.

Die Allegorie stellt abstrakte Sachverhalte bildlich dar.[72] Sie ist also eine verbildlichte Metapher, ein Verweis einer abstrakten Idee durch etwas Gegenständliches (ähnlich einer Personi-fikation). In meinen Kunstwerken benutze ich Allegorien zum Mythos, besonders zum Monomythos, jedoch nicht zur Mytho-logie. Ich verwende keine mythologischen Allegorien wie zum Beispiel Götterdarstellungen der griechischen Mythologie. Eine Allegorie zum Monomythos findet sich dagegen zum Beispiel in der allegorischen Darstellung einer Station des Monomythos. Bei meinen gesamten Werken dieser Arbeit geht es ausdrücklich nicht nur um eine Illustration eines Sachverhalts oder um eine Allegorie, der eine bekannte Sache zugrunde liegt[73], da der My-thos selbst unerschließbar ist und aus mythologischen bezieh-ungsweise archetypischen Symbolen aufgebaut ist. Da sich der Monomythos heutzutage vornehmlich in der Psyche abspielt, müssen sich die Elemente nicht explizit wie durch äußere Umstände offenbaren. Sie werden im Inneren des Be-trachters erfahrbar. Nicht zuletzt dadurch zeigt sich ein Zusam-menhang zur Psychologie. Die Psychoanalyse ist laut Campbell für das Verstehen von Mythen unerlässlich und zeigt, dass Mo-tive des Mythos‘ noch heute fortbestehen.[74] Es liegt nahe anzu-nehmen, dass das Grundmuster des Monomythos‘ sich in der Psyche des Menschen selbst befindet: Archetypische Elemente finden sich im Monomythos wieder. Die einzelnen Stationen des Monomythos sind ebenfalls archetypische Elemente. Allegorien und allegorische Elemente können allerdings nicht immer klar von Symbolen unterschieden werden. Laut Jung „tötet“ der Mensch das Symbol, sobald er es decodiert.

[...]


[1] Vöhler, Martin/Seidensticker, Bernd/Emmerich, Wolfgang: Zum Begriff der Mythenkorrektur. S. 4

[2] Blumenberg, Hans: Arbeit am Mythos. S. 40

[3] vgl. Jung, Carl Gustav: Über die Archetypen des kollektiven Unbewussten. S.11

[4] Joyce, James: Finnegans Wake. S. 581

[5] vgl. Campbell, Josef: Der Heros in tausend Gestalten, S. 42

[6] vgl. ebd. S. 42

[7] vgl. Campbell, Josef: Der Heros in tausend Gestalten. S. 50

[8] ebd. S. 48

[9] vgl. ebd. S. 48

[10] ebd. S. 48

[11] ebd. S. 48

[12] ebd. S. 48

[13] vgl. ebd. S. 48

[14] Campbell, Josef: Der Heros in tausend Gestalten. S. 49

[15] ebd. S. 92

[16] ebd. S. 92

[17] vgl. ebd. S. 49

[18] ebd. S. 49

[19] ebd. S. 49

[20] ebd. S. 49

[21] ebd. S. 49

[22] ebd. S. 49

[23] Campbell, Josef: Der Heros in tausend Gestalten, S. 49

[24] ebd. S. 49

[25] ebd. S. 49

[26] vgl. ebd. S. 49

[27] ebd. S. 131

[28] ebd. S. 49

[29] Galle, Roland: Der Existentialismus. S. 57f

[30] Campbell, Josef: Der Heros in tausend Gestalten. S. 49

[31] ebd. S. 49

[32] vgl. ebd. S. 232

[33] Campbell, Josef: Der Heros in tausend Gestalten. S. 50

[34] ebd. S. 50

[35] ebd. S. 50

[36] ebd. S. 50

[37] Das Tragische wäre als humanes Scheitern zu sehen, während das Komische für den übernatürlichen Sieg stünde.

[38] ebd. S. 50

[39] ebd. S. 223

[40] ebd. S. 223

[41] ebd. S. 232

[42] ebd. S. 50

[43] Campbell, Josef: Der Heros in tausend Gestalten. S. 50

[44] ebd. S. 233

[45] ebd. S. 50

[46] Selbst gerechtigkeit hingegen „führt zum Missverstehen nicht nur des eigenen Selbst, sondern ebenso der Natur des Menschen und des Universums“. Ebd., S. 256

[47] Galle, Roland: Der Existentialismus. S.13

[48] Campbell, Josef: Der Heros in tausend Gestalten. S. 256

[49] Blumenberg, Hans: Arbeit am Mythos. S.9

[50] Merker, Barbara: Bedürfnis nach Bedeutsamkeit. S. 81 ff

[51] Vöhler, Martin/Seidensticker, Bernd/Emmerich, Wolfgang: Zum Begriff der Mythenkorrektur. S. 1-18

[52] Schrödter, Hermann: Die neomythische Kehre. S. 43

[53] Galle, Roland: Der Existentialismus. S. 17f

[54] Pelikan, Werner: Mythen und Mythenbildung in Kunst und Werbung. S. 212f

[55] Die aktuelle Mythenforschung tendiert zur Erforschung der „Mythen des Alltags in der bürgerlichen Konsumgesellschaft.“ In: Jünke, Claudia/Schwarze, Michael (Hrsg.): Unausweichlichkeit des Mythos. S. 10

[56] Blumenberg, Hans: Arbeit am Mythos. S. 14

[57] Scholze, Britta: Kunst als Kritik: Adornos Weg aus der Dialektik. S. 22

[58] Schröder, Klaus Albrecht: Mythische Paare von Herwig Zens. Arbeit am Mythos oder – Bilder? S. 121f

[59] Voßkühler, Friedrich: Kunst als Mythos der Moderne. S. 19

[60] Titel eines der Werke Blumenbergs

[61] In diesem Punkt spiegelt sich auch das in der Einleitung beschriebene Ziel meiner Bilder wieder.

[62] Campbell, Josef: Der Heros in tausend Gestalten, S. 17

[63] vgl. Jung, Carl Gustav: Über die Archetypen des kollektiven Unbewussten. S. 11ff

[64] vgl. ebd. S. 11ff

[65] vgl. Campbell, Josef: Der Heros in tausend Gestalten, S. 31

[66] vgl. ebd. S. 51

[67] vgl. Ganter, Stephan: Stereotype und Vorurteile. S. 17f

[68] Voßkühler, Friedrich: Kunst als Mythos der Moderne. S. 19

[69] Jung, Carl Gustav: Über die Archetypen des kollektiven Unbewussten. S. 11

[70] http://www.hamburger-kunsthalle.de/index.php/Louise_Bourgeois.html

[71] Es handelt sich dabei um Courbets Gemälde INTASIE. In: Belting, Hans: Das unsichtbare Meisterwerk: Die modernen Mythen der Kunst. S. 194

[72] vgl Emrich, Hinderk M. Vorlesungen zur philosophischen Psychologie von Kunst. Bd. 6, S. 406

[73] „Eine Auffassung, welche den symbolischen Ausdruck als bestmögliche und daher zunächst gar nicht klarer oder charakteristischer darzustellende Formulierung einer relativ unbekannten Sache erklärt, ist symbolisch. Eine Auffassung, welche den symbolischen Ausdruck als absichtliche Umschreibung oder Umgestaltung einer bekannten Sache erklärt, ist allegorisch." In: Emrich, Hinderk M.: Vorlesungen zur philosophischen Psychologie von Kunst. Bd.6. BoD Verlag Norderstedt 2013. S. 406

[74] vgl. Campbell, Josef: Der Heros in tausend Gestalten, S. 18

Details

Seiten
48
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656874348
Dateigröße
7.6 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v286824
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Institut für Kunst und Kunsttheorie
Note
1,0
Schlagworte
Mythos Monomythos Kunst Monomythos Mythos Kunst

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Titel: Monomythos