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Gruppenprozesse: Intergruppenbeziehungen

Seminararbeit 2002 14 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Soziologie

Leseprobe

Inhalt

A. VORWORT

B. EINLEITUNG

C. INTERGRUPPENBEZIEHUNGEN
1. Theorie der sozialen Identität (Tajfel)
a) Konzept der soziale Kategorisierung:
b) Konzept der sozialen Identität:
c) Konzepte des sozialen Vergleichs und der sozialen Distinktheit:
2. Soziale Diskriminierung

D. SCHLUßBETRACHTUNG

C. LITERATURVERZEICHNIS

A. Vorwort

Die vorliegende Ausarbeitung ist eine Ergänzung zum Referat "Gruppenprozesse" vom 04.12.01. Sie fügt zu den bereits thematisierten Teilaspekten

a) Entscheidungsprozesse in Kleingruppen
b) Leistungsvorteile in Gruppen
c) Problemlösung im Kommunikationsnetz von experimentellen Kleingruppen und
d) Führungspositionen in Gruppen

den Bereich Intergruppenbeziehungen hinzu. Die knappe Darstellung des Aspektes bezieht sich vorwiegend auf den gut strukturierten Überblick von Alexander Thomas.[1]

Diese komprimierte Zusammenstellung soll vor allem den Kommilitonen/innen des Oberseminars Aspekte einer Theorie der Gruppe zur Hilfe und zum Einstieg in diese Thematik dienen. Sie erhebt nicht den Anspruch von Vollständigkeit bzgl. des aktuellen Forschungsstandes.

B. Einleitung

In der Sozialpsychologie betrachtete man lange das Individuum als eine abgeschlossene Einheit, das auf externe Ereignisse reagiert und durch sein Verhalten die Umwelt beeinflußt. An der experimentellen Sozialpsychologie wurde kritisiert, das sie ablaufende sozialpsychologische Prozesse wie Sympathie, Vertrauensbildung oder Macht vernachlässige. Daraufhin versuchte man, das Individuum und seine sozialen Handlungen im Kontext von Gruppenbeziehungen zu betrachten. Das Individuum, das aus dem Bewußtsein einer Gruppenzugehörigkeit interagiert, wird in der Forschung nicht als ein Separates, sondern als Gruppenmitglied analysiert. Sein Verhalten ist sozial determiniert. Es ist immer beeinflußt durch seine bisherigen sozialen Erfahrungen, seine aktuellen sozialen Bezugssysteme und seine Erwartungen an die zukünftige Gestaltung der sozialen Beziehungen. Obwohl jede Person Gruppenerwartungen und Gruppenzwängen unterliegt, besitzt sie ein Ich­Bewußtsein. Innerhalb der Gruppe entwickelt und verändert sie ihr individuelles Selbstkonzept. Wechselseitig wirken überindividuelle Gruppenkomponenten wie Gruppennormen, -einstellungen und -werte auf das Gruppenmitglied ein und wiederum bestimmt das Mitglied die Normen und Werte der Gruppe mit.

Individuen unterscheiden sich in ihrer Zugehörigkeit zu Gruppen und jedes Individuum gehört zugleich mehreren unterschiedlichen Gruppen an, die in

vielfältigen Beziehungen zueinander stehen. Diese Intergruppenbeziehungen wirken sich auf das individuelle Verhalten, das Selbstkonzept, die soziale Identität, die interpersonale Wahrnehmung und Beurteilung und das interpersonale Handeln aus.[2] Eine vollständige Beschreibung der Gruppenprozesse erhebt daher den Anspruch, nicht nur die individuellen Verhaltensweisen innerhalb einer Gruppe zu erfassen, sondern auch die Beziehungen zwischen Personen, die unterschiedlichen Gruppen angehören, zu analysieren.

C. Intergruppenbeziehungen

Da sich Individuen nicht nur aus einem individuellen Blickwinkel heraus definieren, ist ihr individuelles Handeln stark durch Intergruppenbeziehungen beeinflußt.

Als Intergruppenbeziehung werden alle Verhaltensweisen definiert, die vorliegen, "wenn Individuen, die zu einer Gruppe gehören, allein oder gemeinsam mit einer anderen Gruppe oder deren Mitgliedern auf der Grundlage ihrer Gruppenzugehörigkeit in Beziehung treten."[3] Der Handelnde betrachtet dabei sich selbst und sein Gegenüber als zu verschiedenen sozialen Kategorien zugehörig. Zusätzlich gehen Tajfel und Turner davon aus, daß jedes soziale Verhalten auf einem bipolaren Kontinuum lokalisiert werden kann. Dabei bezeichnet das eine Extrem die Interaktion zwischen Individuen, die durch interpersonale Beziehungen und individuelle Merkmale determiniert ist. Diese Art der Interaktion ist nicht von den verschiedenen Gruppen und Kategorien, der die jeweiligen Interaktionspartner angehören, beeinflußt. Auch wenn im Alltag kaum ein solches Extrem erreicht werden kann, käme ein intimes Gespräch eines Liebespaares diesem Pol recht nahe. Das als Intergruppenpol bezeichnete andere Extrem des Verhaltenskontinuums stellt die Interaktionen von Individuen dar, die nicht beeinflußt sind durch interindividuelle Beziehungen. Das Verhalten der interagierenden Personen oder Personengruppen wird vollständig durch ihre Zugehörigkeit zu verschiedenen sozialen Gruppen bestimmt. So sind beispielsweise Verhaltensweisen eines Polizisten und eines Verkehrsteilnehmers kaum durch individuelle Interessen und Wünsche, sondern durch die Zugehörigkeit zu bestimmten sozialen Kategorien und deren Status-, Rollen- und Verhaltensnormen determiniert.[4]

Bedeutend für die Annahme, daß Intergruppenbeziehungen einen großen Einfluß auf individuelles Verhalten haben, waren die Feldexperimente, die M. Sherif ab 1951 in mehreren Ferienlagern durchführte. Sherif beobachtete das Verhalten jugendlicher Teilnehmer, um die Wirkungen von Konkurrenz und Kooperation auf das Verhalten zwischen den Gruppen zu analysieren. Seine Untersuchungen basierten auf der Grundannahme, daß Konkurrenzsituationen zu Intergruppenkonflikten führen und Intergruppenkooperation, aufgrund übergeordneter/gemeinsamer Ziele, eine Reduzierung von Spannungen und Konflikten bewirkt. Die Beobachtungen bestätigten diese Annahmen. Sie verdeutlichten, daß die Ursachen negativer Verhaltensweisen nicht allein in individuellen, abweichenden Verhaltensweisen oder persönlichen Aversionen begründet liegen, sondern auch aus aktuellen, realistischen Konfliktsituationen herrühren.[5] Sherif schlußfolgerte, daß im Individuum eine Gruppenidentifikation aktiviert wird, sobald ein Interessenkonflikt zwischen den Gruppen vorliegt. Diese Gruppenidentifikation bewirke eine Kategorisierung in Eigen- und Fremdgruppe und führe zur Entstehung von diskriminierendem Verhalten gegenüber Fremdgruppenmitgliedern.[6]

In der daraus abgeleiteten Realistischen Gruppen-Konflikt-Theorie (Turner, 1981) unterschied man daraufhin zwei Arten von Abhängigkeiten bei Gruppen, die bezüglich ihrer Zielsetzung voneinander abhängen: a) eine positive Abhängigkeit bei nur gemeinsam erreichbaren, übergeordneten Zielen, die zu einer kooperativen Interaktionsform führen. b) eine negative Abhängigkeit bei Erreichung des eigenen Ziels auf Kosten der anderen Gruppenmitglieder, die zu konkurrierenden Interaktionsformen und Feindseligkeiten führt. Zugleich führen Gegensätze zwischen den Gruppen zu einer stärkeren positiven Bewertung der Eigengruppenleistungen und zur Verstärkung von Eigengruppenaktivitäten gegenüber Fremdgruppen. Folglich ergibt sich daraus, "daß die individuellen Verhaltensweisen und interpersonalen Beziehungen der Personen, die als Gruppenmitglieder handeln, vorwiegend durch die Funktionen bestimmt werden, die eine zwischen den Gruppen bestehende Beziehung für das Erreichen des eigenen Gruppenziels hat."[7] In der weiterführenden Forschung kritisierte man Sherifs Annahme, daß nur ein realistischer Interessenkonflikt zur Feindschaft gegenüber Fremdgruppen führe. Anhand des Experiments von Tajfel, Billig u.a. (1971) und anschließend folgenden konnte gezeigt werden, daß schon eine einfache Kategorisierung in Eigen- und Fremdgruppe für sich allein ausreicht, um eine Eigengruppenfavorisierung und Fremdgruppendiskriminierung hervorzurufen, ohne daß überhaupt ein realistischer Gruppenkonflikt vorliegt (minimal-group-paradigma).[8]

Sie eliminierten bei ihren Experimenten Variablen wie: direkten persönlichen Kontakt, Ziel- und damit Interessenskonflikte oder persönlichen Nutzen durch das Engagement in einer Gruppe, da diese normalerweise zur Bevorzugung der eigenen Gruppe und zur Benachteiligung der fremden Gruppe führen.[9]

1. Theorie der sozialen Identität (Tajfel)

Aus den oben aufgeführten Untersuchungsbefunden - daß eine Voreingenommenheit für die eigene Gruppe auch dann auftritt, wenn die Gruppe anhand sinnleerer Kategorien zusammengestellt wurde - entwickelte Tajfel seine Theorie der sozialen Identität. Im Zusammenhang mit Intergruppenbeziehungen verbindet sie vier psychologische Konzepte miteinander:

a) Konzept der sozialen Kategorisierung
b) Konzept der sozialen Identität
c) Konzept des sozialen Vergleichs
d) Konzept der sozialen Distinktheit (Unterscheidbarkeit)

[...]


[1] Thomas, Alexander: Grundriß der Sozialpsychologie. Bd. 2: Individuum - Gruppe - Gesellschaft. Göttingen 1991/2.

[2] Vgl.: Thomas: S. 216-219.

[3] Sherif, Muzaf und Carolyn: Groups in Harmony and Tension, 1953. Entnommen: Psychologie des 20. Jahrhunderts, S. 486.

[4] Vgl.: Thomas: S. 220.

[5] Vgl.: Psychologie des 20. Jhdts.: S. 487.

[6] Vgl.: Thomas S. 223.

[7] Thomas: S. 223.

[8] Vgl.: Thomas: S. 223-225.

[9] Vgl.: Psychologie des 20. Jhdts., S. 488.

Details

Seiten
14
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638303941
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v28685
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Pädagogisches Institut
Note
Schlagworte
Gruppenprozesse Intergruppenbeziehungen Pädagogische Aspekte Theorie Gruppe

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Titel: Gruppenprozesse: Intergruppenbeziehungen