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Möglichkeiten und Grenzen der Gesundheitsförderung in der Schule

Eine Analyse der physischen Gesundheitsressourcen im Lernbereich 'Gesundheit und Fitness' der Erprobungsfassung des Thüringer Lehrplans Sport für Gymnasien (2012)

Examensarbeit 2014 95 Seiten

Gesundheit - Sport - Sportmedizin, Therapie, Prävention, Ernährung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A Einleitung

B Analyse

1 Gesundheitsförderung im Schulsport
1.1 Gesundheit und Gesundheitsförderung
1.2 Körperliche Aktivität und Gesundheit
1.3 Förderung von Gesundheitsressourcen im Fach Sport?!

2 Physische Gesundheitsressourcen im Thüringer Lehrplan Sport/ Gymnasium
2.1 Universelle Ausrichtung des Lehrplans
2.2 Methodisches Vorgehen
2.3 Die physischen Gesundheitsressourcen im Lernbereich Gesundheit und Fitness
2.3.1 Ausdauerfähigkeit
2.3.2 Kraftfähigkeit
2.3.3 Beweglichkeit/ Dehnfähigkeit
2.3.4 Koordinationsfähigkeit
2.3.5 Entspannungsfähigkeit

3 Grenzen der Ausbildung von Gesundheitsressourcen im Schulsport

4 Zwischenfazit

C Lehrplansupplement und Handreichung für Sportlehrkräfte

Vorwort

1 Gesundheitsförderung nach dem Systemischen Anforderungs- Ressourcen-Modell

2 Gesundheitsressourcen

3 Ausdauerfähigkeit
3.1 Effektwissen
3.2 Handlungswissen
3.3 Stundenbeispiel

4 Kraftfähigkeit
4.1 Effektwissen
4.2 Handlungswissen
4.3 Stundenbeispiel

5 Beweglichkeit/ Dehnfähigkeit
5.1 Effektwissen
5.2 Handlungswissen
5.3 Stundenbeispiel

6 Koordinationsfähigkeit
6.1 Effektwissen
6.2 Handlungswissen
6.3 Stundenbeispiel

7 Entspannungsfähigkeit
7.1 Effektwissen
7.2 Handlungswissen
7.3 Stundenbeispiel

8 Verwendete und empfohlene Literatur

D Fazit/ Ausblick

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

A Einleitung

Gesundheit ist eines der wichtigsten, wenn nicht das wichtigste Gut für den Menschen. Moderne Gesellschaften versuchen allein schon aus volkswirtschaftlichen Gründen einen möglichst hohen Gesundheitsstand herzustellen und zu erhalten. Dazu und um Krankheit(en) als Gegenpart zu Gesundheit einzudämmen, hat die sich immer weiter-entwickelnde moderne Medizin einen entschiedenen Beitrag geleistet. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts haben sich in den Industrieländern die Ursachen für Morbidität und Mortalität geändert: Nach Weineck (2010) haben die degenerativen Herz-Kreislauf-Erkrankungen die Infektionskrankheiten, zumindest in den Industrie-nationen, als häufigste Todesursache abgelöst. Wegen einer gesteigerten Lebens-erwartung und veränderten Lebensbedingungen machen die sogenannten Zivilisationskrankheiten mittlerweile fast die Hälfte der 900 000 Todesfälle in der Bundesrepublik Deutschland aus (Weineck, 2010, S. 636).

Als einer der bedeutendsten Risikofaktoren für Zivilisationskrankheiten gilt der Bewegungsmangel. Die Präventivmedizin, als neuer Zweig der Medizin und der sportwissenschaftliche Bereich des Gesundheitssports haben sich zur Aufgabe gemacht, Programme zur Herstellung, zum Erhalt und zur Steigerung psychophysischer Leistungsfähigkeit zu erarbeiten, um der meist inaktiven Bevölkerung einen lebenswertes Leben und gesundes Altwerden zu ermöglichen.

Die Teilhabe an der geläufigen Sportkultur im Schulsport, der Freizeit und Vereinen im Kinder- und Jugendalter legt den Grundstein für ein bewegungsreiches und gesundes Leben. Auch um dem gerecht zu werden und Kinder und Jugendliche bereits im frühen Alter zu einem bewussten, nachhaltig-bewegungsreichen und damit einer gesunden Lebensführung zu erziehen sowie ihnen das dafür nötige Wissen zu vermitteln, wurde dem Thüringer Lehrplan in seiner neuen Erprobungsfassung 2012 erstmals der Lernbereich „Gesundheit und Fitness“ in den Klassen 9-12/13 als verbindlich hinzugefügt. Sportlehrkräfte sollen auf Grundlage dessen systematisch physische und psychosoziale Gesundheitsressourcen ausbilden und fördern.

Bewegung ist das zentrale und originäre Feld des Sportunterrichts. Zur Ausbildung physischer Ressourcen ist körperliche Aktivität und Bewegung unabdingbar. Aufgrund dieses zentralen Aspekts der Gesundheitsförderung und des Sportunterrichts sowie der dürftigen, geringen evidenten Datenlage zur Ausbildung psychosozialer Gesundheitsressourcen, konzentriert sich die vorliegende Arbeit auf die Analyse der Inhalte und Empfehlungen zur Entwicklung und Förderung von physischen Gesundheitsressourcen im Thüringer Lehrplan Sport für Gymnasien in der Oberstufe (Kapitel B). Dies geschieht auf Grundlage fachwissenschaftlicher Empfehlungen zu den physischen Gesundheitsressourcen Ausdauer, Kraft, Beweglichkeit und Dehnfähigkeit, Koordination und Entspannung. Dazu wird aus aktuellen Studien und einschlägiger wissenschaftlicher Literatur Ressourcen-spezifisches Wissen zusammengetragen. Besonders relevant sind dabei die Sammelwerke Handbuch Gesundheitssport (Bös & Brehm, 2006) und Sport in der Prävention. Handbuch für Übungsleiter, Sportlehrer, Physiotherapeuten und Trainer (Vogt & Töpper, 2011) sowie die Empfehlungen zur Quantität und Qualität von Training zur Entwicklung grundlegender kardiovaskulärer, muskulärer und neuromotorischer Fitness des American College of Sport Medicine (ACSM, 2012). Auf dieser Grundlage werden dann die Lehrplanempfehlungen analysiert. Die Analyse soll zeigen inwieweit sich der neue Thüringer Lehrplan Sport für Gymnasien in der Erprobungsfassung von 2012 zur Ausbildung von physischen Gesundheitsressourcen eignet.

Darauf aufbauend soll dann ein Supplement (Kapitel C) zum Lehrplan erstellt werden, dass Sportlehrern und Sportlehrerinnen als Wissensbasis und praktischer Handlungsleitfaden, mit Stundenbeispielen als Ergänzung, zur systematischen Entwicklung von physischen Gesundheitsressourcen dienen kann. Die Arbeit soll so aufgebaut sein, dass das Supplement den Anspruch einer Handreichung als separaten und unabhängigen Teil erfüllt.

Dem geschuldet ist die etwas ungewöhnliche Gliederung der Arbeit in Kapitel A-E. Dies soll das Supplement vom Rest der Arbeit klar trennen aber nicht vollständig ablösen. Auch wegen letzterem werden die Seiten fortlaufend gestaltet. Aus Gründen der Übersichtlichkeit und weil die Handreichung auf Grundlage des Analyse-Kapitels aufbereitet wird, soll die für das Supplement verwendete und empfohlene Literatur dieses abschließen. Das Literaturverzeichnis für die gesamte Examensarbeit findet man abschließend in Kapitel E.

Im Analyse-Kapitel soll einleitend erörtert werden, was Gesundheit und Gesundheitsförderung in Abgrenzung zu dem geläufigeren Begriff der Krankheitsprävention bedeutet, ob und wie sich körperliche Aktivität auf Gesundheit auswirkt und warum eine systematische Gesundheitsförderung in den Schulsport integriert sein soll. Nach der Analyse sollen Hindernisse und Grenzen der Gesundheitsförderung im Schulsport aufgezeigt werden.

Die zentralen Fragen der Arbeit lauten: Welche physischen Gesundheitsressourcen gibt es und wie sollen diese laut Thüringer Lehrplan Sport in der gymnasialen Oberstufe entwickelt und gefördert werden? Geht dies mit den aktuellen, einschlägigen fachwissenschaftlichen Forderungen einher? Und: Welche Grenzen gibt es bei der Ausbildung gesundheitsförderlicher Ressourcen im Drei-Stunden-Fach Sport? Die zentralen Antworten und Ergebnisse sollen abschließend im Fazit/ Ausblick (D) prägnant zusammengefasst werden.

B Analyse

1 Gesundheitsförderung im Schulsport

1.1 Gesundheit und Gesundheitsförderung

Um Gesundheit zu fördern, bedarf es eben jenes Ziel der Gesundheit überhaupt erst begrifflich zu machen. Denn nur wenn man weiß wohin man will, kann man ent-scheiden wie man dort hinkommt. Verschiedene Autoren (Hurrelmann & Franzkowiak, 2003, S. 52-55; Becker, 2006, S.31-41) versuchen sich in einer genauen Definition. So beschreibt Becker (2006) neben den miteinander korrelierenden Formen der körperlichen und psychischen Gesundheit, die Habituelle Gesundheit. Da Gesundheitsdiagnosen zweckgebunden und mit Wertvorstellungen verknüpft sind, ist eine rein objektive Gesundheit nicht festzustellen. Die Habituelle körperliche und seelische Gesundheit sieht Becker als guten Gradmesser zur Beurteilung von Gesundheit. Demnach definiert sich Gesundheit als individuell selbstempfundener Gesundheitszustand, aggregiert über einen längeren Zeitraum.1 Diagnostisch kann dieser - der subjektiven Gesundheit sehr ähnlichen Einschätzung - mit Hilfe von Selbstauskünften in Fragebögen über die Habituelle körperliche und seelische Gesundheit festgestellt werden (Becker, 2006, S. 33-34).

Der Versuch einer genauen Definition von Gesundheitsförderung ist ein schwieriges Unterfangen und eine genaue Abgrenzung zu anderen Interventionsformen schwierig. (Hurrelmann, Klotz & Haisch, 2014, S. 13) sehen eine internationale und auch nationale einheitliche Verwendung der Begriffe Gesundheitsförderung und Krankheitsprävention als nicht gegeben. Der aus der Sozialmedizin des 19. Jhd. stammende Begriff der Krankheitsprävention, der zusammengefasst die Vermeidung des Auftretens von Krankheiten bedeutet, wurde erst in jüngerer Zeit durch den der Gesundheitsförderung ergänzt. Ausschlaggebend dafür war in erster Linie die Definition von Gesundheit auf der Gründungskonvention der WHO 1946:

„Gesundheit ist der Zustand des völligen körperlichen, psychischen und sozialen Wohl-befindens und nicht nur das Freisein von Krankheit und Gebrechen“ (WHO, 1946).

Mit der Konferenz von Ottawa 1996 wurde dann das Konzept der Gesundheitsförderung etabliert. Ziel war nun nicht mehr die bloße Vermeidung von Krankheiten (Krankheitsprävention), sondern die Verbesserung der den Menschen umgebenden Lebensbedingungen und die Stärkung gesundheitlicher Entfaltungsmöglichkeiten. Gemeinsames Ziel beider Interventionsformen ist zwar ein individueller und kollektiver Gesundheitsgewinn, jedoch berufen sich die beiden Formen auf unterschiedliche Dynamiken. Während die Krankheitsprävention sich auf eine pathogenetische, also auf die Dynamik der Entstehung von Krankheit, beruft, ist das Wirkungsprinzip der Gesundheitsförderung das der Entfaltung von Gesundheit (Hurrelmann et al., 2014, S. 13-14.).

Zum konzeptuellen und methodischen Verständnis von Gesundheitsförderung dient das systemische Anforderungs-Ressourcen-Modell (SAR-Modell). Auf einem Gesundheits-Krankheits-Kontinuum lässt sich sowohl der psychische als auch körper-liche Gesundheitszustand einer Person bestimmen. Prävention zielt durch die Bereit-stellung und Nutzung von Schutzfaktoren darauf ab, dass sich die Position nicht in Richtung Krankheit verschiebt. Die Gesundheitsförderung versucht hingegen diese in Richtung Gesundheit zu lancieren. Das SAR-Modell beschreibt Gesundheit und Krank-heit als Ergebnisse systemischer Anpassungs- und Regulationsprozesse. Umwelt und Individuum werden als sich wechselseitig beeinflussende komplexe Systeme und Sub-systeme aufgefasst. Systeme und Systemelemente stellen an andere Systeme oder Systemelemente Anforderungen, auf die, im Falle gut funktionierender, gegenseitig auf einander abgestimmter Systeme, mit der Bereitstellung von Ressourcen geant-wortet wird. Die Bereitstellung von Ressourcen kann sowohl zwischen (Sub-)Sys-temen des Individuums als auch zwischen (Sub-)Systemen der Umwelt stattfinden. Grundlegend für den Gesundheitszustand ist dabei wie gut es dem Menschen gelingt, externe und interne Anforderungen mit Hilfe von externen und internen Ressourcen zu bewältigen. Interne psychische und physische Ressourcen sind die zur Verfügung stehenden Handlungsmittel und Eigenschaften wie Fähigkeiten, Kompetenzen, Per-sönlichkeitseigenschaften, Selbstwirksamkeitsleistungen und physische Voraus-setzungen wie die körperliche Fitness. Externe Ressourcen sind solche der Umwelt, insbesondere Sozialressourcen wie soziale Unterstützungssysteme, Bezugsper-sonen, gute Beziehungen etc., berufliche Ressourcen wie dem Besitz eines Ausbildungsplatzes, Kontrolle der Arbeit etc., materielle Ressourcen, wie einem hin-reichendem Einkommen, gesellschaftliche Ressourcen und ökologische Ressourcen.

Gesundheitsförderung kann dabei sowohl von den Anforderungen als auch den Res- sourcen ausgehen. Durch die Anpassung externer Anforderungen, wie der Ver-ringerung von Überforderungen am Arbeitsplatz oder die Berücksichtigung interner Anforderungen wie der Befriedigung von Bedürfnissen und dem damit verbunden Wohlbefinden wird jene Seite berücksichtigt. Andererseits zielt eine Gesundheits-förderung ausgehend von Ressourcen auf den Aufbau von externen und internen Res-sourcen zur Bewältigung der internen und externen Anforderungen, um Wohlbefinden, Lebenszufriedenheit und körperliche und seelische Gesundheit zu fördern. Externe Ressourcen sind beispielsweise soziale Unterstützungssysteme wie Partnerschaften, Vereine und Gemeinschaften, interne Ressourcen umfassen vor allem die körperliche Fitness, die seelische Gesundheit sowie Kommunikations- und Konfliktlösekompe-tenzen (Becker, 2003, S. 13-15).

Als übergeordnetes Ziel der modernen Gesundheitsförderung gilt seit der Ottawa-Charta 1986 „allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über ihre Lebensumstände und ihre Umwelt zu ermöglichen und sie damit zur Stärkung ihrer Gesundheit zu befähigen.“ Das von der WHO ausgegebene Ziel des Empowerment soll also die Menschen befähigen, durch selbstbestimmtes Handeln die eigenen Gesundheitschancen besser zu nutzen. Strategien und Maßnahmen der Gesundheits-förderung werden dabei im Setting-Ansatz umgesetzt. Dieser berücksichtigt spezi-fische Normen und Wertvorstellungen in sogenannten Settings wie zum Beispiel Stadt-teilen, im Betrieb oder eben auch in der Schule, um dort auf die Gesundheit und Gesundheitsverhältnisse Einfluss zu nehmen (Bürklein, 2011, S.13).

Körperliche Aktivität und Sport nehmen in der Gesundheitsförderung einen wichtigen Stellenwert ein. Dabei sind die Wirkungsfelder vielschichtig. Die zentrale Schnittstelle von Sport und Gesundheit ist der Gesundheitssport. Durch aktive, regelmäßige und systematische Belastungen, soll Gesundheit gefördert werden. Die drei Kernziele lauten dabei: Gesundheitswirkung, Verhaltenswirkung und Verhältniswirkung. Als zwei zentrale Bausteine der Gesundheitswirkung gelten die Stärkung von physischen Gesundheitsressourcen (Ausdauerfähigkeit, Kraftfähigkeit, Dehnfähigkeit, Koordina-tionsfähigkeit, Entspannungsfähigkeit) und die Stärkung von psychosozialen Gesund-heitsressourcen (Stimmung, Körperkonzept, Wissen, Sinnzuschreibung, Konsequenz-und Kompetenzerwartungen, soziale Unterstützung und Einbindung etc.) (Bürklein, 2011, S. 15-17).

Wie sich körperliche Aktivität auf die physische und psychische Gesundheit auswirkt soll nachfolgend hinterfragt werden.

1.2 Körperliche Aktivität und Gesundheit

In zahlreichen wissenschaftlichen Studien wurde bereits der Zusammenhang von körperlicher Aktivität und Gesundheit diskutiert. Ziel dieser epidemiologischen Studien war es, Bedingungsfaktoren, wie z.B. körperliche Aktivität, zu identifizieren, mit denen Morbiditäts- und Mortalitätsraten reduziert werden können. Bis in die 80er Jahre wurden auf Grundlage des Risikofaktorenmodells vor allem der Bereich der HerzKreislauf-Erkrankungen und die damit verbundenen Risikofaktoren Adipositas, Rauchen, Hypertonie und eben Bewegungsmangel, untersucht. Später untersuchten multifaktoriell ausgerichtete Studien körperliche Aktivität vor allem in der Primär- und Sekundärprävention und die genetische Determinierung von körperlicher Leistungsfähigkeit (Knoll, Banzer & Bös, 2006, S. 82-84).

Verschiedene Autoren (Pahmeier & Tiemann, 2013, S. 666; Thiel, 2011, S. 35-50) haben sich mit der Evidenz der Wirksamkeit von sportlicher Aktivität zur Prävention von (vorzeitiger) Mortalität und verschiedenen Krankheiten beschäftigt. Tabelle 1 (S.8) gibt eine gute Übersicht über die wissenschaftlich nachgewiesenen Effekte körperlicher Aktivität zur Prävention verschiedener Krankheiten nach den Evidenzgraden „gut“, „moderat“, „ausreichend“ und „nicht ausreichend“. Demnach sind es vor allem die mit dem metabolischen Syndrom verwandten Stoffwechselerkrankungen und Herz-Kreislauf- und Lungen-Erkrankungen die durch körperliche Aktivität gut vorgebeugt werden können (Thiel, 2011, S. 48).

Um das Risiko am zur ersten Gruppe gehörenden Diabetes mellitus Typ2 zu erkranken um zwei Drittel zu senken, reichen nach Thiel (2011) schon geringe Verbesserungen der Fitness in Kombination mit einer erfolgreichen Lebensstiländerung (Diät und 2,5h körperliche Aktivität die Woche). Sowohl für die Senkung des Blutdrucks, als auch für den Fettstoffwechsel (LDL-Abnahme, Triglyzerid-Abnahme, HDL-Anstieg) sind sehr gute Effekte zweifelsfrei nachgewiesen. Die Primärprävention von Adipositas ist hingegen nur moderat evident. Der nachgewiesenen Wirksamkeit der Therapie und zum Gewicht-halten müssen noch Studien zur Vorbeugung mit einer genaueren Messung folgen (Thiel 2011, S. 35-38).

Die Herz-Kreislauf-Erkrankungen stehen meistens im Zusammenhang und sind Folge von Arteriosklerose welche durch die Risikofaktoren Bluthochdruck, Fettstoffwechsel-

Tabelle 1: Überblick über die wissenschaftlich nachgewiesene Wirksamkeit körperlicher Aktivität zur Prävention verschiedener Erkrankungen (nach Thiel, C., 2011, S. 48)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

störungen, Adipositas und Diabetes mellitus begünstigt wird. Die Prävention der wich- tigsten Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems wie Koronare Herzkrankheit, Herz-infarkt und Schlaganfall sind wissenschaftlich umfangreich und eindeutig belegt.2 Die präventive Wirkung chronisch obstruktiver Lungenerkrankungen ist dagegen unzu-reichend geklärt, aber in der Prävention belegt (Thiel 2011, S. 38-40). Weitere moderat bis gut belegte Wirksamkeiten der Prävention von Erkrankungen des Bewegungsapparates wie Osteoporose3, Rückenschmerz, die schützende Wirkung vor Brust- und Darmkrebs, Depression4 und ein reduziertes Auftreten von Erkältungs-krankheiten bei regelmäßig dosierter Bewegung weisen auf die wichtige Funktion der Bewegung in der Prävention von Krankheiten hin (Thiel 2011, S. 40-46). Die (präventiven) Wirkungen körperlicher Aktivität sind also sehr vielfältig und tragen zu einem längeren und gesünderen Leben bei. Allein die kardiorespiratorische Leis-tungsfähigkeit5 kann als alleiniger Indikator zur Vorhersage von Sterblichkeit dienen. Blair et al. (1989) haben in einer Studie mit 10.224 Männern und 3.120 Frauen ein 3,4mal höheres Sterblichkeitsrisiko für Männer mit einer sehr schlechten Ausdauer im Vergleich zu Gleichaltrigen mit einer sehr guten Ausdauer nachgewiesen. Für Frauen galt sogar der Faktor 4,7. Darüber hinaus reicht ein wöchentlicher Mehrumsatz um 1.000 kcal/ Woche (1,5-2h Joggen oder 4h schnelles Gehen) um das Risiko die nächsten 25 Jahre zu versterben für 30-55jährige um 20% zu senken (Thiel, 2011, S. 46, nach Hu et al. 2004). Diese breite empirische Basis belegt, dass körperliche Aktivität in einem engen Zusammenhang mit der körperlichen Leistungsfähigkeit steht und zur Verringerung von Morbidität und (vorzeitiger) Mortalität beitragen kann. Da diese Arbeit Potentiale der Förderung physischer Gesundheitsressourcen des Lehrplans der Oberstufe analysiert, stellt sich implizit auch die Frage der Wirkung sportlicher Aktivität auf gesundheitliche Parameter der Zielgruppe der Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Bundesweite, epidemiologische Studien sind rar. Grund-sätzlich treten nach Szygusch et al. (2006) umfangreiche Risikofaktoren schon im Kindesalter auf: So sind 10-20% aller Kinder übergewichtig (und 4-8% adipös), 17% haben erhöhte Blutfette, 12% einen erhöhten Blutdruck und bereits 20% arteriosklerotische Gefäßveränderungen. Ganze 20-25% sind mit Kreislaufschwächen und -regulationsstörungen und 50-65% mit Haltungsfehlern und -schwächen konfrontiert (Szygusch, Wagner, Opper & Worth, 2006, S. 119-120).

Der Forschungsstand zu körperlicher Aktivität und Gesundheit im Jugendalter ist sehr uneinheitlich und heterogen. Meist existieren nur Querschnittsstudien, die die Wir-kungsrichtung unzureichend klären. Nichts desto trotz gibt es Unterschiede zwischen sportlich aktiven und inaktiven Jugendlichen. Sport und Bewegung nehmen nach wie vor einen großen Stellenwert ein. 90% aller Jugendlichen geben an mindestens einmal die Woche aktiv zu sein. 80% der Jungen und 60% der Mädchen sind es sogar mehrmals bis täglich. Bis zum Ende der Jugend waren 80% aller mindestens schon einmal im Sportverein aktiv. Unter den 12-18 jährigen sind es immerhin 40% die diesen Weg institutionalisierter Bewegung gehen. Dabei sind Aktive gesünder als Nichtaktive, besonders in den Bereichen Fitness, Risikofaktoren, subjektiver Gesundheitszustand und psychosoziale Ressourcen (Sygusch et al. 2006, S. 127). Der Zweite Kinder- und Jugendsportbericht (Bös et al., 2008) kommt zu dem Ergebnis eines Leistungsverlustes im Jugendbereich um 12,5% zu früheren Erhebungen.

Eine exakte Bestimmung psychosozialer Parameter sehen Pahmeier & Tiemann (2013) als nicht möglich. Trotzdem besteht ein weitest gehender Konsens über die Förderung eines stärkeren Selbst- und Körperkonzept, bessere soziale Unterstützung und positivere emotionale Zustände durch Sport und körperliche Aktivität im Jugendalter. Besonders die subjektive Gesundheit wird mit zunehmendem Aktivitätsmaß durch Sportler als besser im Vergleich zu Nicht-Sportlern eingeschätzt (Pahmeier & Tiemann 2013, S. 666-668).

1.3 Förderung von Gesundheitsressourcen im Fach Sport?!

Seit dem antiken Griechenland wird die „körperliche Bewegung“ als Teil der Erziehung zur Verbesserung des Gesundheitszustandes eingesetzt. Körperliche Aktivität erfuhr in Deutschland unter Pestalozzi, den Philanthropen - allen voran Johann Friedrich GutsMuths - und im 19. Jhd. mit der Einführung des Schulturnens, eine bis heute immer stärkere Stellung innerhalb der Gesundheitserziehung, einschließlich des Missbrauchs durch das Spiessche Turnen und der nationalsozialistischen Körperertüchtigung (Woll & Bös, 2001, S.294-295).

Die belegten gesundheitlichen Wirkungen körperlicher Aktivität zur Gesundheits- förderung und Prävention machen deutlich, wie wichtig ein bestimmtes Maß an Aktivität bereits zu Jugendzeiten ist. Dass eine ausreichende Bewegungszeit durch den Sportunterricht allein jedoch nicht gewährleistet werden kann, ist dabei nicht von der Hand zu weisen. Warum und wie kann deswegen überhaupt eine Gesundheitsförderung im heutigen Schulsport aussehen?

Woll und Bös (2001) weisen darauf hin, dass für die überwiegend gesunden Jugendlichen, die Sorge um die eigene Gesundheit keine „handlungsleitende Kognition“ sei und deswegen keine Konsequenz für ihr Verhalten und ihre Lebensführung darstellt und empfiehlt deswegen eine schulische Gesundheitserziehung, die auf Konzepte der Abschreckung und die negativen Seiten, also an Krankheit ausgerichtete Konzepte, verzichtet. Sie soll soziale Umweltbedingungen einbeziehen, also an den Erfahrungen und Erlebnissen und Lebensfreude der Jugendlichen ansetzen. Wie auch die WHO, betonen sie eine Förderung eines selbständigen und verantwortungsvollen Umgangs mit der eigenen Gesundheit durch die Entwicklung eines entsprechenden Gesundheitsbewusstseins (Woll & Bös, 2001, S.297-299).

Tiemann (2006) sieht das Gesundheitsverhalten durch das Bewusstsein maßgeblich durch Kognitionen bestimmt. Im Unterschied zu den „kalten“ knowledge-Kognitionen, als Wissen ohne persönlichen Bezug, spielen die „heißen“ appraisal-Kognitionen - mit Bewertungen für das persönliche Wohlergehen - die wichtigere Rolle. Als relevante Kognitionen gelten dabei vor allem Optimismus, Kontrollüberzeugungen und Selbstwirksamkeitserwartungen (Tiemann, 2006, S. 357-358). Die Gesundheitser-ziehung soll dazu als ganzheitliche Akzentuierung sowohl physische Merkmale wie Ausdauer, Kraft und Koordination, als auch psychische, soziale und institutionelle Aspekte der Bewegungsaktivitäten berücksichtigen6. Im Sportunterricht soll der Kompromiss zwischen einem primär auf die Verbesserung konditioneller Fähigkeiten ausgelegtem Konzept (Trainingskonzept) und dem die subjektivierende Position der Befindlichkeitsverbesserung und Körperwahrnehmung zielenden erweiternden Gesundheitskonzept gefunden werden. Woll und Bös (2001) sehen hier das Anforderungs-Ressourcen-Modell als konzeptuelle Verknüpfung der beiden Strömungen an (Woll & Bös, 2001, S. 300).

Als elementar für eine erfolgreiche Gesundheitsförderung in der Schule sieht Brodt- mann (1998) die Vermittlung von gesundheitsrelevanten Fähigkeiten, Einsichten und Kenntnissen zur Entwicklung und Stabilisierung personaler Ressourcen an (Brodt-mann, 1998, 15-26). Neben den Bewegungsaktivitäten müssen zur Veränderung gesundheitsbezogener Kognitionen subjektive Theorien über gesundheitssportliche Theorien differenziert und konkretisiert werden. Zwei Formen des Wissens und deren Zusammenspiel sind nach Tiemann (2006) zentrale Voraussetzungen für ein erfolgreiches und überdauerndes sportbezogenes Gesundheitsverhalten:

Das Handlungswissen bezieht sich auf die unmittelbare Ausführung gesundheitssportlicher Aktivitäten. Dies sind beispielsweise Kenntnisse über die individuell richtige Belastung (z.B. beim Laufen), die richtige Ausführung beim Krafttraining oder Dehnen oder allgemeine Trainingsgrundsätze (Tiemann, 2006, S.360-361).

Das Effektwissen sind die potentiellen Wirkungen der jeweiligen Aktivitäten, insbesondere biologische Adaptation bei körperlichen und sportlichen Belastungen oder die Verminderung von Risikofaktoren durch gesundheitssportliche Aktivitäten (Tiemann, 2006, S.360-361).

Im Sportunterricht sollten also entsprechende (gesundheitssportliche) Bewegungsaktivitäten theoretisch nicht unreflektiert bleiben und mit entsprechendem Handlungsund Effektwissen begleitet und bereichert werden um eine entsprechende Gesundheitsverhaltensänderung durch das Erlangen einer individuellen gesundheitlichen Handlungsfähigkeit zu ermöglichen.

Inhaltliche Überlegungen zur Gesundheitsförderung im Schulsport konkretisierten Türk-Noack & Messer (2004) am Beispiel des Thüringer Schulsports: So sollten Schüler „gesundheitsorientierte und altersgerechte Übungen kennen lernen“, „Auswirkungen dosierter Belastung und Belastungsvariationen erleben“, „Körperbe-wusstsein, Entspannungsfähigkeit und die Reaktionen des Körpers (Pulsschlag, Seitenstechen, Atemrhythmus…) wahrnehmen“, „eigene Maßstäbe für eine gesunde Lebensführung finden“ und „über die eigene Leistungsfähigkeit einen `neuen`/ anderen Zugang zum eigenen Körper erschließen“ (Türk-Noack & Messer, 2004, S. 324).

Nicht nur der letzte Aspekt macht deutlich wie nahe solche Empfehlungen der aktuell in vielen Lehrplänen vertretenen sportpädagogischen Leitidee des mehrperspek- tivischen Sportunterrichts kommen. Als eine von sechs Sinnzugängen7 geht die Perspektive „Gesundheit fördern, Gesundheitsbewusstsein entwickeln“ einher mit den gängigen fachwissenschaftlichen Empfehlungen der Gesundheitsförderung im Schulsport. So nennt der Urvater des Mehrperspektivischen Unterrichts Dietrich Kurz als Leitziel die „…Förderung des Gesundheitsbewusstseins im Bereich und mit den Mitteln des Sports…mit Kopf und Herz (im Sinne Pestalozzis)…“(Kurz, D. 2000, S. 44), statt einer bloßen Stabilisation körperlicher Parameter.

Neben den physischen (Ausdauer, Kraft, Beweglichkeit, Koordination) sollen zur Ge-sundheitsförderung in der Schule auch psychosoziale (Stimmung, Motivation, Soziale Unterstützung, Selbstkonzept und Selbstwirksamkeit) Gesundheitsressourcen ausge-bildet werden. Dies ist auch Anspruch des neuen Thüringer Lehrplans Sport für Gymnasien. Um eine gesundheitsbezogene Handlungsfähigkeit zu vermitteln sollen dabei physische und psychische Ressourcen in Wechselbeziehung gefördert werden. So soll ein Schüler aus einem ausdauerorientierten Training durch ein erfolgreiches Bewältigen einer Leistung in der Gruppe auch soziale Unterstützung, neue Motivation sowie eine Stimmungsverbesserung etc. erfahren können (Töpfer, 2011, 1-3). Aufgrund des knappen Rahmens dieser Arbeit und (noch) mangelnder Evidenz-basierter Studien zur Ausbildung von psychosozialen Gesundheitsressourcen, wird jedoch nur eine Analyse der physischen Gesundheitsressourcen vorgenommen, die auch immer Grundlage einer Ausbildung psychosozialer Ressourcen im Bewegungsfeld Sportunterricht sind.

2 Physische Gesundheitsressourcen im Thüringer Lehrplan Sport/ Gymnasium

2.1 Universelle Ausrichtung des Lehrplans

Der Lehrplan des Fachs Sport für den Erwerb der allgemeinen Hochschulreife ist seit 2012 in der Erprobungsfassung Grundlage jeden Sportunterrichts Thüringens. Für SportlehrerInnen gilt er damit als Basis für den Unterricht und soll als hinreichend differenzierter und eindeutiger Bezugsrahmen für ihre Entscheidungen dienen (Bräutigam, 2003, S.75).

Der neue Lehrplan gilt im Vergleich zum alten als „offen“. „Geschlossene“ Curricula, wie die alte Version von 1999, sind in ihren Output-Vorgaben und thematischen Inhalten sehr ausdifferenziert. Dagegen macht der neue Lehrplan zwar bestimmte Ziel-vorgaben je Klassenstufe, lässt die inhaltliche Vermittlung in Form von Spiel- und Übungsformen jedoch relativ offen. So sind beispielsweise die Sportspiele in der Er-probungsfassung in Zielschussspiele und Rückschlagspiele mit universellen Zielvor-gaben zusammengefasst, während in der alten Fassung die Sportspiele noch einzeln mit Zielvorgaben als sportartengenaue technisch-taktische Lösungen ausdifferenziert wurden. Diese prinzipielle Offenheit lässt dem Sportlehrer zwar mehr Freiraum, da die Output-Ziele ungenauer und die inhaltlichen Vermittlungsformen undifferenzierter sind, bieten den Lehrkräften aber auch weniger Orientierung als geschlossene Lehrpläne. Seit 1999 gibt es „Gesundheit und Fitness“ als alternativ-verbindlichen und seit der neuen Erprobungsfassung von 2012 auch als verbindlichen Lernbereich in der Oberstufe. Damit wurde die Grundlage für eine Gesundheitsförderung im Rahmen des Sportunterrichts an Thüringer Gymnasien geschaffen. Auch dieser Themenbereich ist sehr offen gestaltet.

Der auf eine systematische Kompetenzentwicklung ausgerichtete neue Lehrplan greift explizit schon auf der ersten Seite das Ziel der Gesundheitsförderung durch Sport auf und fordert: „…die Entwicklung der Bereitschaft und Fähigkeit zur Gesundheitsför-derung und -erhaltung auf der Basis einer bewegungsorientierten, sportiven Lebens-weise…“ (Thüringer Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur (TMBWK), 2012, S. 5).

Die Empfehlungen der WHO und der gesundheitssportlichen Fachwissenschaften zur Entwicklung einer gesundheitsbezogenen Handlungskompetenz und einem selbstbe-stimmten, eigenverantwortlichen und lebenslangen Gesundheitsverhalten sollen speziell im Lernbereich Gesundheit und Fitness vermittelt werden. So „…zielt [der Lernbereich] auf die gesundheitsbezogene Handlungsfähigkeit des Schülers“, der in der Lage ist, „[…] seine sportiven Freizeitaktivitäten unter gesundheitlichen Gesichtspunkten über die Schulzeit hinaus zu gestalten“ (TMBWK, 2012, S. 10).

Dass die Gesundheitsförderung als übergeordnetes Ziel im neuen Lehrplan eine ge-wichtige Rolle spielt, machen die Outputvorgaben deutlich. Besonders in den Klassen- stufen 9/10 sollen die Schüler „…[ihre] den Themenbereichen übergeordneten fach- spezifischen Kompetenzen vor allem unter dem Gesichtspunkt […] Fitness und Gesundheit [entwickeln], um eine individuelle Trainingsplanung und umfassende Gesundheitsförderung für das weitere Leben anzubahnen. […] [Dazu] befassen [sie] sich mit Zielen, Inhalten und Methoden für gesundheitsorientiertes Üben und Trainieren“ (TMBKW, 2012, S. 10). Bestärkt wird diese Priorität durch die Stellung als einziger verbindlicher Themenbereich der Oberstufe in den Klassen 11 - 13).

Betont wird das Verständnis von Gesundheit und Gesundheitsförderung, dass auch mit einschlägigen fachwissenschaftlichen Forderungen einhergeht und insbesondere das Anforderungs-Ressourcen-Modell mit einbezieht: „Stärkung von physischen [z.B. Ausdauer, Kraft] und psychosozialen Gesundheitsressourcen [z.B. Selbstkonzept, soziale Unterstützung], die Vorbeugung von Gesundheitsrisiken [und] die Förderung von körperlichem, psychischem und sozialem Wohlbefinden“ (TMBWK, 2012, S. 14). Zur Entwicklung einer gesundheitsorientierten Handlungsfähigkeit soll der Schüler als zentrales Ziel eine „Gesundheitskompetenz“ entwickeln. Diese „…befähigt den Schüler auf Grundlage alters- und fachspezifischen Wissens, Entscheidungen zu treffen, die die Gesundheit positiv beeinflussen“ (TMBW, 2012, S. 14).

Gepaart mit der Bewegungsvermittlung wird auch im Lehrplan die reflexive Vermittlung von Handlungs- und Effektwissen empfohlen: „Der Schüler führt Bewegungs- und Sportaktivitäten, die Gesundheit und Fitness fördern, durch, eignet sich Wissen über einfache Zusammenhänge von Bewegung und Trainingsgestaltung an und setzt sich reflexiv mit dem eigenen Gesundheitszustand und Bewegungsverhalten auseinander“ (TMBWK, 2012, S. 14).

Der Output-orientierte Lehrplan beschreibt einige wenige Standards die Schüler am Ende der Klassen 12 bzw. 13 erreichen sollen. Eine entsprechende „gesundheits-bezogene Fitness in den koordinativen und konditionellen Fähigkeiten“ soll er nach-weisen können, „Gesundheits- und Leistungsressourcen einordnen“, „Wissen adäquat […] anwenden“, „seinen Gesundheitszustand und seine Fitness einschätzen“ und „psychosoziale Gesundheitsressourcen zur Lösung von Aufgaben in Schule und Frei-zeit einsetzen“ um nur einige davon zu nennen (TMBWK, 2012, S. 15). Die meisten genannten Ziele sind schwer bis gar nicht valide überprüfbar. Umso erstaunlicher ist der sehr genau vorgegebene Standard, dass „…[der Schüler] sich 30 bis 40 Minuten in einem gesundheitswirksamen Bereich ausdauernd bewegen…“ können soll (TMBWK, 2012, S. 15). Demnach wird der kardiorespiratorischen Fitness scheinbar ein wichtiger Stellenwert eingeräumt. Ob und warum das so ist, wie die anderen physischen Gesundheitsressourcen ausgebildet und gefördert werden und welches Handlungs- und Effektwissen Teil der Richtlinie Lehrplan in der gymnasialen Oberstufe Sport sein soll, wird nachfolgend analysiert.

2.2 Methodisches Vorgehen

Die Auswahl der zu analysierenden physischen Gesundheitsressourcen beschränkt sich auf die Bereiche der Kondition (Ausdauer und Kraft), Beweglichkeit, Koordination und Entspannung und wurde auf Grundlage fachwissenschaftlicher Empfehlungen zur Ausbildung und Förderung von physischen Gesundheitsressourcen getroffen (nach Bös & Brehm 2006; Günther & Baron, 2000).

Die Analyse wird je physischer Ressource systematisch in zwei Teilen durchgeführt. Im ersten soll das auf aktuellen fachwissenschaftlichen Grundlagen und Empfeh-lungen basierende Effekt- und Handlungswissen dargestellt werden. Einleitende Begriffsbestimmungen, biologische und sportmedizinische Aspekte und gesundheits-relevante Adaptation, sowie Möglichkeiten und Empfehlungen der Belastungs-dosierung und -steuerung und Gestaltungsformen eines Gesundheitstrainings werden dargelegt. Einen aktuellen und breiten Überblick über Studien und Empfehlungen geben sowohl Bös und Brehm (2006) in ihrem Handbuch Gesundheitssport, als auch Vogt und Töpper (2011) in ihrem sehr praxisorientierten Werk Sport in der Prävention. Handbuch für Übungsleiter, Sportlehrer, Physiotherapeuten und Trainer.

Anschließend werden die Grundlagen und Empfehlungen als Effekt- und Handlungs-wissen mit den Inhalten des Lehrplans im Themenbereich Gesundheit und Fitness in der Oberstufe verglichen. Inwieweit sich die Ansprüche des Curriculums mit den dar-gestellten fachwissenschaftlichen Empfehlungen decken, soll herausgearbeitet werden.

2.3 Die physischen Gesundheitsressourcen im Lernbereich

Gesundheit und Fitness

2.3.1 Ausdauerfähigkeit
2.3.1.1 Effektwissen

Die Ausdauerfähigkeit als physische Gesundheitsressource stellt den zentralen Bau-stein im Gesundheitssport dar und ist die bedeutendste Komponente aller sportbe-zogener Gesundheitsprogramme. Keine andere motorische Beanspruchungsform ist medizinisch, trainingswissenschaftlich und von Seiten des Gesundheitssports so in-tensiv beleuchtet worden. Die durch belegte Tatsachen erreichte große Relevanz kommt ihr schon im frühen Alter zur Vorbeugung und Entgegenwirkung von Risiko-faktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Stoffwechselstörungen zu (Bös & Banzer, 2006, S. 239-240). Schon ein Mehrumsatz von 300kcal am Tag (angenommen wird ein Büroarbeitsplatz) senkt das Risiko einer koronaren Herzkrankheit um 40% (Gabriel, Wick & Puta, 2011, S. 52).

Ganz allgemein wird „Ausdauer“ definiert als „…eine konditionelle Fähigkeit, die eine belastungsadäquate Energieversorgung des Organismus sichert, ermüdungsbedingte Leistungs- oder Geschwindigkeitsabnahmen bei sportlichen Belastungen verzögert und die Erholungsfähigkeit beeinflusst“ (Hottenrott & Hoos, 2013, S. 450). Kurz formuliert heißt das, ermüdungswiderstandsfähig zu sein. Es gibt verschiedene Ausdauerarten. Differenziert über die Zeit: Kurzzeitausdauer (KZA) bis 5 Minuten, Mittelzeitausdauer (MZA) bis 30 Minuten und Langzeitausdauer (LZA) über 30 Minuten Belastung, über die Art der Energiegewinnung: aerobe und anaerobe Ausdauer oder nach Art und Beteiligung der beteiligten Muskeln: global, lokal und statisch sowie dyna-misch (Bös & Banzer 2006, S. 240). Entscheidend für den Gesundheitsbereich ist die globale, dynamische Ausdauer. Der dynamische Charakter und das Einbeziehen großer Muskelgruppen sorgt in einer bestimmten Konstellation von Umfang und Intensität für eine entsprechende Ermüdung, die eine optimale gesunsheitsfördernde biologische Adaptation provoziert (Gabriel et al., 2011, S. 52).

Abbildung 1 (S. 18) zeigt die spezifischen Anpassungen durch Ausdauertraining, die Funktionssysteme und Organe mit direktem Bezug zum aeroben Stoffwechsel betreffen (Gabriel et al., 2011, S. 56).

Der Anteil der aeroben Stoffwechselvorgänge mit einer Energiegewinnung vorrangig über den Kohlenhydrat- und Fettstoffwechsel wächst mit der Leistungsfähigkeit, welche über den optimalen Transport und Verbrauch von Sauerstoff bestimmt wird.8 Wichtige gesundheitlich erwünschte Anpassungen erfolgen mit einer

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Übersicht der wichtigsten Anpassungen an Ausdauertraining (aus Gabriel et al. 2011, S. 56)

Leistungszunahme. So ist ein entscheidender Trainingseffekt die Ökonomisierung der Herzarbeit. Eine relative Abnahme der Herzfrequenz in Ruhe und unter Belastung, ein größeres Herzinnenvolumen und Herzschlagvolumen, die Reduzierung des Sauerstoffbedarfs des Herzmuskels und die Reduzierung des systolischen Drucks sind wünschenswerte Anpassungsmechanismen am Herzen (Bös & Banzer, W. 2006, S. 243-244). Die Aufnahme von Sauerstoff über die Lunge und eine bessere Ökonomie der Atemarbeit, sowie ein größeres Atemvolumen, Atemminutenvolumen und eine niedrigere Atemfrequenz sind weiter Effekte im Funktionssystem Lunge (Gabriel et al. 2011, S. 56). Darüber hinaus werden die Fließeigenschaften des Blutes verbessert, der Blutdruck sinkt, es kommt zu einem erhöhten Fettstoffwechsel und weniger arteriosklerotischen Prozessen. Mehr Muskelmasse, eine erhöhte muskuläre sowie periphere Durchblutung, geringere muskuläre Ermüdbarkeit, sowie eine erhöhte Knochen-, Knorpel- und Sehnendichte sind einige weitere Effekte einer verbesserten Ausdauerfähigkeit (Gabriel et al. 2011, S. 56).

Die Anpassungen haben eine wichtige Bedeutung zur Senkung zahlreicher Risikofaktoren vieler zivilisatorischer Fehlerkrankungen wie zum Beispiel Diabetis Mellitus, Adipositas, Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen, Koronarer Herzkrankheit, Herzinfarkt, Schlaganfall und arterielle Verschlusskrankheiten. Selbst ein, durch moderates Ausdauertraining stärkeres Immunsystem, beugt dadurch Erkrankungen, insbesondere Infektionen der oberen Atemwege vor. Welche Anpassungen letztendlich geschehen, ist immer auch abhängig von der Belastungsstruktur weswegen die Zielstellung immer geklärt sein sollte (Gabriel et al., 2011, S. 58).

Doch welche Belastungen und in welchem Umfang bewegen sich im Bereich gesund-heitlicher Effekte? Eine Schwelle ab wann ein Trainingseffekt zu erwarten ist, variiert mit dem Fitness-Level: Untrainierten reichen zum Teil weniger als 40% der VO2max9, während gut trainierte Athleten bis zu 95-100% VO2max benötigen um eine Ver-besserung der Ausdauerfähigkeit zu erzielen (ACSM, 2011, S. 1339). Empfehlungen über die Höhe des Umfangs und Intensitäten von Ausdauerbelastungen gibt zum Beispiel das renommierte American College of Sports Medicine (ACSM) (2011).

Die notwendige körperliche Aktivität um die kardiorespiratorische Fitness und die Gesundheit zu steigern liegt bei ungefähr 1000 kcal Mehrumsatz die Woche. Dies entspreche in etwa 150 Minuten niedriger Intensität oder 75 Minuten intensiven Trai-nings. Empfohlen wird eine Kombination aus niedriger und hoher Intensität (ACSM, 2011, S. 1336). Aktuelle Studien bringen das Hochintensive Training (HIT) oder auch Intermittent-Training wieder in den Fokus. So sprechen mehrere Studien dem Intervalltraining im Vergleich zu niedrigeren Intensitäten bessere Effekte zur Risiko-Reduktion bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen und der Verhinderung vorzeitiger Mortalität zu. Vermutet werden höhere mechanische und metabolische Anforderungen an das kardiovaskuläre System und die Skelettmuskulatur und damit stärkere Stimuli sowie biologische Anpassungen. Da die meisten HIT-Studien nur über wenige Wochen durchgeführt wurden, sind die Langzeiteffekte und eventuelle Verletzungsraten, zum Beispiel durch Überlastungen, nicht ausreichend geklärt. Deswegen sollten beide Konzepte Teil eines effektiven Ausdauertrainings sein (Wahl, Hägele, Zinner, Bloch & Mester, 2010, S. 627-634).

Bei der Zielstellung Fettverbrennung gibt es unterschiedliche Meinungen. Der Stoffwechselweg wird durch Umfang und Intensität der Belastung bestimmt. Da die Kohlenhydrate Hauptenergieträger der Minuten eins bis dreißig sind, haben Fette eine eher untergeordnete Bedeutung. Die Strategie „LLL-Lange langsam laufen“ scheint daher auf den ersten Blick angemessen zu sein. Da aber mehr Gesamtenergie bei höheren Intensitäten verbraucht wird, kann das zu einem höheren Mehrumsatz von Fetten führen, trotz einem relativ kleineren Umsatz im Vergleich zu den Kohlenhydraten. Tabelle 2 (S.21) veranschaulicht das sehr gut. Zudem spielt ein höherer Nachbrenneffekt eine weitere wichtige Rolle (Gabriel et al., 2011, S. 54-55).

Tabelle 2: Kalorienumsatz durch Fette bei verschiedenen Intensitäten

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Aktuelle Empfehlungen mit der Zielstellung Fettverbrennung raten trotzdem, auch aus motivationalen Gründen, zu der niedrig-intensiven Dauermethode in Kombination mit HIT (Gabriel et al., 2011, S. 55; Wick, Gabriel & Donath, 2011, S. 117).

2.3.1.2 Handlungswissen

Abhängig von der Zielstellung (z.B. Fettverbrennung oder Herz-Kreislauf-Training) ist es notwendig entsprechende Ausdauermethoden zur Belastungssteuerung kennen und anwenden zu können. Für die Vermittlung im Schulsport sind das aufbauend auf den oben genannten Empfehlungen zumindest die Dauermethode und Intervall- methode. Um diese anwenden zu können ist die Kenntnis von Steuerungs- möglichkeiten der Belastung von Nöten. Da eine Laktatmessung im Schulsport von vornherein ausgeschlossen werden kann, ist die zentrale Größe dazu die Herzfrequenz (Gabriel, H. 2011, S. 59). Eine geeignete Methode zur Belastungssteuerung über die Herzfrequenz ist die die in Tabelle 3 veranschaulichte Karvonen-Formel.

Die Belastungsintensität und damit auch die Ausdauermethode, können über den einzusetzenden Faktor bestimmt werden. Für Belastungen niedriger Intensität wird der Faktor 0,5-0,7 eingesetzt, für ein HIT der Faktor ab 0,8. Um im Bereich niedriger Belastungen zu bleiben (z.B. „Fettverbrennungsbereich“: 60-70% der maximalen HF nach Edwards, S. 1999, S. 69) sollte also ein Sportler im Alter von 40 Jahren und einem gemessenen Ruhepuls von 65 zum Schwimmen einen optimalen Trainingspuls von 110-118 einhalten.10 Um die bewusste Wahrnehmung der Beanspruchung lernen

Tabelle 3: Karvonen-Formel (nach Gabriel et al., 2011, S. 59; Edwards, 1999, S. 69)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


1 Er unterscheidet zwischen „Mindergesunden“ in einem häufigem oder andauernden schlechten Gesundheitszustand, „Hochgesunden“, die sich wohl und fit fühlen und der Mehrzahl der „Normalgesunden“.

2 Eine Studie von Morris an 31.000 Mitarbeitern der Bus- und Bahnbetriebe Londons zeigte bereits 1957, dass die sich mehr bewegenden Fahrkartenkontrolleure seltener einen Herzinfarkt erleiden als die Busfahrer.

3 Nachgewiesen höhere Knochendichte bei Kindern und Erwachsenen mit hoher körperlicher Aktivität.

4 Studien weisen auf eine Verminderung von Antriebslosigkeit und Müdigkeit, die Verbesserung des Wohlbefindens und die positive Beeinflussung der Stimmung hin (Thiel, 2011, S. 43).

5 Zur Erklärung: Die Ausdauerleistung.

6 z.B. als systematische Belastungssteuerung auf Aspekte der Gesundheit mit Hinblick auf das HerzKreislauf-System.

7 Mit unterschiedlichen Sinn-Perspektiven erschließt sich der Mensch den Sport und schafft sich somit individuelle Zugänge zum Sport.

8 Die Maximale Sauerstoffaufnahmefähigkeit VO2max gilt dabei als Kriterium zur Messung der Ausdauerfähigkeit und wird in ml/ min*kg angegeben (Hotterott & Hoos, O. 2013, S. 175).

9 VO2max = Maximale Sauerstoffaufnahmefähigkeit.

10 Errechneter Optimaler Trainingspuls (OT) für eine(n) 40-jährige(n) SchwimmerIN mit einem Ruhepuls von 65: OT= 65 + [ (180-40) - 65 ] x 0,6 = 110.

Details

Seiten
95
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668191303
ISBN (Buch)
9783668191310
Dateigröße
1.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v286883
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Sportwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
sportunterricht gesundheitsförderung schule

Autor

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Titel: Möglichkeiten und Grenzen der Gesundheitsförderung in der Schule