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Traumabewältigung durch tiergestützte Arbeit in der pädagogischen Praxis

Inwieweit kann professionell eingesetzte Arbeit mit Tieren die Traumabewältigung von Kindern und Jugendlichen unterstützen?

Magisterarbeit 2014 110 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Hintergrund der Arbeit
1.2 Fragestellung und Vorgehensweise
1.3 Eigene Motivation

2. Das Trauma
2.1 Allgemeine Definition
2.2 Die Entstehung eines Traumas
2.3 Traumata bei Kindern und Jugendlichen
2.4 Symptome
2.5 Traumafolgestörungen

3.0 Die Traumapädagogik
3.1 Definition Traumapädagogik
3.2 Traumatherapie und/oder Traumapädagogik?!
3.3 Die Traumapädagogik bei der Arbeit
3.3.1 Bedarfe traumatisierter Kinder und Jugendlicher
3.3.1.1 Das Sicherheitsbedürfnis
3.3.1.2 Das Bindungsbedürfnis
3.3.1.3 Verringerung der Dissoziationsneigung
3.3.1.4 Das Bedürfnis nach Selbstermächtigung
3.3.2 Anforderungen an die pädagogischen Fachkräfte

4. Die tiergestützte Pädagogik
4.1 Abgrenzungen der tiergestützten Arbeitsweisen
4.2 Kann die tiergestützte Pädagogik den allgemeinen Zielen der Pädagogik standhalten?
4.2.1 Allgemeine Ziele der Pädagogik
4.2.2 Ziele und Leistungen tiergestützter Pädagogik

5. Wirkungen von Tieren auf den Menschen
5.1 Wirkungen auf biologischer Ebene
5.2 Wirkungen auf psychischer Ebene
5.3 Wirkungen auf sozialer Ebene
5.4 Wirkungen auf das Lernen

6. Potentiale einer tiergestützten Arbeitsweise in der Traumapädagogik

7. Erklärungsansätze für die Wirkungen von Tieren auf den Menschen
7.1 Die Nähe zur Natur
7.1.1 Die Biophiliethese
7.1.2 Bindungstheoretischer Ansatz
7.1.3 Konzept der Spiegelneuronen
7.2 Gemeinsame Kommunikation und Interaktion
7.3 Das Bindungshormon Oxytocin

8. Risiken in der pädagogischen Arbeit durch den Einsatz von Tieren

9. Ausblick auf mögliche Interventionsgestaltungen
9.1 Kindertagesstätte
9.2 Schule
9.3 Jugendsozialarbeit
9.4 Jugendstrafvollzug

10. Soziologische Betrachtung der Kernthemen
10.1 Soziologische Betrachtung des Mensch-Tier-Verhältnisses
10.2 Soziologische Betrachtung des Traumas

11. Resümee

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1.1 Hintergrund der Arbeit

Der Begriff Trauma ist derzeit in aller Munde, doch was steckt dahinter? Von Kritikern meist als Rechtfertigung für schädliches Verhalten abgewertet, von Befürwortern als klare Ursache dieser zu deuten. Das breite Interesse an diesem Thema veranlasst auch Menschen diesen Begriff zu gebrauchen, die über zu wenig Hintergrundwissen verfü- gen, sodass die Gefahr eines inflationären Gebrauchs besteht. Doch auch Traumaspezia- listen sind sich in der Verwendung nicht einig. Die meisten Spezialisten sind der Mei- nung, die Auswirkungen des Traumas werden durch die Intensität des Erlebten beein- flusst, was auch durch die ICD-101 und DSM-IV2 Manuale publiziert wird. Andere Fachleute stellen die Konstitution des Menschen in den Vordergrund, welche die Verar- beitung eines Negativerlebnisses beeinflusst und somit auch Erfahrungen traumatische Wirkung erhalten können, die für andere Menschen als nichtig erscheinen. Zudem ist die Diagnosestellung dieser Manuale derzeit nicht zufriedenstellend, da die vielfältigen Auswirkungen eines Traumas allgemein nicht anerkannt und Kinder mit den gleichen Diagnosekriterien untersucht werden, die auch für Erwachsene gelten. Diese Undurch- sichtigkeit erschwert die Handhabung des Begriffs nicht nur für Laien, sondern auch für Fachleute.

Geht man von der Konstitution des Menschen aus, können Traumata viele Ursachen haben. Von dem Sturz eines Kindes vom Fahrrad bis hin zu brutaler Misshandlung, aber auch die Vererbung von Traumata scheint möglich. Doch was kann bei einem traumati- schen Erlebnis getan werden? Kann es bei einem Sturz bereits helfen, das Kind zu hal- ten, es anzuhören und seine Ängste ernst zu nehmen, benötigen beispielweise misshan- delte Kinder und Jugendliche intensivere Hilfe. Da dies meist nicht durch das Eltern- haus möglich ist, weil solche Erfahrungen oft im familiären Kreis geschehen, stellt sich dies nun die Pädagogik zur Aufgabe. Zwar sind traumatisierte Kinder und Jugendliche kein neu entdecktes Phänomen, allerdings fehlte den pädagogischen Fachleuten die Deutung für die vielfältigen und sehr unterschiedlichen Symptome der zu Betreuenden als Trauma. Das noch junge Fachgebiet der Traumapädagogik entwickelt nun struktu- rierte Hilfeangebote, um ein effektives Arbeiten mit dem traumatisierten Klientel ge- währleisten zu können und somit ihre Fachkräfte in diesem Bereich wirksamer werden zu lassen.

Eine mögliche und wirksame Stütze in der Traumapädagogik könnte die immer belieb- ter werdende tiergestützte Arbeit darstellen. Immer mehr Studien über die unterschiedli- chen Wirkungen von Tieren auf den Menschen werden publiziert. Dies bewirkt einen großen Ansturm von Menschen, die ihre Tiere bei der Arbeit mit Menschen einsetzen wollen und auch tun, wobei sie oftmals nicht über das nötige Fachwissen verfügen. Skeptiker sind schwer zu einer Auseinandersetzung mit diesem Thema zu veranlassen, sodass die wissenschaftliche Erforschung nur langsam voran geht. Die noch nicht ge- schützten Titel, wie zum Beispiel die „Tiergestützte Therapie“ oder „Tiergestützte För- derung“ trägt zur schnellen Abwertung der tiergestützten Arbeit bei, sodass Fachleute, die sich bereits in diesem Arbeitsbereich weitergebildet haben, mit Vorurteilen zu kämpfen haben. Diese Aspekte lassen möglicherweise ein großes Potential in der päda- gogischen und auch therapeutischen Arbeit verfallen. So gibt es nicht nur Studien, son- dern auch Fachstimmen aus der Praxis, die die Arbeit mit Tieren als sehr hilfreich und positiv bewerten.

1.2 Fragestellung und Vorgehensweise

Da tiergestützte Interventionen eine neue Ressource der Pädagogik darstellen, soll diese Arbeit Aufschluss darüber geben, ob die tiergestützte Arbeit eine Unterstützung für die Traumapädagogik sein kann. Wieso haben Tiere eine Wirkung auf den Menschen und was kann der professionelle Einsatz von Tieren in der Arbeit mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen bewirken?

Um diesen Fragen nachzugehen, behandelt die Arbeit zunächst die Entstehungsweise eines Traumas und deren Auswirkungen im Körper. Bei dieser Betrachtung wird spe- ziell auf Kinder und Jugendliche eingegangen und darauffolgend mögliche Symptome und Traumafolgestörungen aufgezeigt. Daraufhin findet eine Beleuchtung der Trauma- pädagogik statt, bei der besondere Bedarfe des traumatisierten Klientel sowie die päda- gogische Haltung seitens des Fachpersonals thematisiert werden. Zudem wird der hohe Arbeitseinsatz der Pädagogen und mögliche Gefahren in der Traumaarbeit aufgezeigt. Da derzeit die Behandlung von traumatischen Ereignissen hauptsächlich in der Therapie verortet wird, folgt eine Abgrenzung zwischen der pädagogischen und therapeutischen Disziplin und zeigt somit unterschiedliche Arbeitsbereiche in der Traumabearbeitung auf. Des Weiteren wird die tiergestützte Pädagogik beleuchtet. Da diese Arbeitsweise noch keine allgemeine Anerkennung finden konnte, folgt ein Vergleich zwischen der tiergestützten Arbeit mitsamt ihrer Ziele und der allgemeingültigen Pädagogikziele, sodass eine Überprüfung auf Vollständigkeit bzgl. der wichtigsten Aspekte stattfindet. Um zu verstehen, was Tiere in einem Menschen auslösen können, werden daraufhin die Wirkungen der Tiere auf physischer, psychischer und sozialer Ebene wie auch auf das Lernen aufgezeigt, welche durch aktuelle Forschungsstudien gestützt werden. Sodann findet eine Zusammenstellung möglicher Potentiale einer tiergestützten Arbeitsweise in der Traumapädagogik statt.

Der Frage, warum Tiere eine Wirkung auf Menschen in solch einem Ausmaß haben können, wird im folgenden Kapitel nachgegangen. Dafür wird zunächst der Begriff der Natur beleuchtet, da Tiere und Menschen Teile von ihr sind. Auch hier finden sich un- terschiedliche Meinungen bzgl. der Wirkungen der Natur auf den Menschen, wobei die Studienlage im Vergleich spezifisch zur tiergestützten Arbeit sehr alt erscheint, was auf Desinteresse der Forschungsgemeinschaft hindeutet. Die im folgenden dargestellte Bi- ophiliehypothese stützt die Meinung, der Mensch benötige aufgrund seiner Mensch- heitsentwicklung die Natur mit all ihren Facetten, sodass sie zur Untermauerung heran- gezogen wird. Daraufhin werden Erklärungsansätze von Andrea BEETZ beschrieben, die die Biophiliethese durch den Bindungstheoretischen Ansatz weiterentwickelt und die Spiegelneuronen als mögliche Erklärung für Stimmungsübertragungen heranzieht. Zwar scheint die Arbeit mit Tieren im Allgemeinen als sehr positiv betrachtet zu wer- den, jedoch sollten hierbei die Risiken für Mensch und Tier nicht außer Acht gelassen werden. Dieses wird in angemessener Kürze bzgl. des Arbeitsumfanges angesprochen, was die Wichtigkeit dieses Themas jedoch nicht abwerten soll. Da bis zu diesem Teil der Arbeit hauptsächlich die pädagogische Sichtweise vertreten wird, gibt die folgende soziologische Betrachtung der Kernthemen einen weiteren Hinweis auf die unterschied- lichen Ansichten der Themengebiete durch verschiedene Disziplinen. Mit dem Ausblick auf Beispiele tiergestützter Interventionen aus verschiedenen pädagogischen Arbeitsfel- dern endet diese Arbeit und weist auf die vielfältigen Gestaltungsmöglichkeiten dieser hin. Die Verwendung von den Bezeichnungen Kinder und Jugendliche findet aufgrund der besseren Leserlichkeit im Austausch statt und bezeichnet beide Altersgruppen, so- lang nicht explizit auf eine andere Verwendung hingewiesen wird. Zudem wird in dieser Arbeit hauptsächlich die Ansprache in männlicher und weiblicher Form gleichermaßen verwendet. In manchen Situationen wird sich jedoch auf eine Form beschränkt, um eine gute Leserlichkeit zu gewährleisten, sodass sich jede Partei gleichermaßen angespro- chen fühlen soll.

1.3 Eigene Motivation

Durch eigene Beobachtungen bzgl. des wechselseitigen Umganges von Kleinkindern und Tieren begann mein Interesse in dieser Richtung zu wachsen. Besonders faszinierte mich die Selbstverständlichkeit der Kommunikation zwischen Kind und Tier und der daraus sehr schnell wachsenden wertschätzenden Verbindung beidseitiger Parteien. Bei Recherchen bzgl. dieses Themengebietes stieß ich auf Wirkungen seitens der Tiere, welche möglicherweise hilfreich für traumatisierte Menschen sein könnten. Das Thema Trauma interessiert mich bereits seit meinem Bachelorstudium, welches ich mit einer Arbeit über pränatale Traumata und deren Konsequenzen für die soziale Arbeit ab- schloss. Die Senkung des Cortisolspiegels wie auch die Herstellung wahrer Beziehun- gen durch ein Tier ließen mich aufmerksam werden, sodass ich nun die Traumabearbei- tung mit tiergestützter Arbeit verbindend betrachten möchte.

2. Das Trauma

„ [Das] Trauma ist möglicherweise die am meisten angefochtene, ignorierte, verharm-

loste, verleugnete, missverstandene und nicht behandelte Ursache für menschliches Leiden. “ (Levine, Kline, 2004, 22)

2.1 Allgemeine Definition

Wörtlich übersetzt bedeutet Trauma Wunde und stammt aus dem Griechischen. Jedes Fachgebiet, wie z.B. die Biologie oder Medizin, arbeitet mit einer eigenen Definition. (Vgl. Weiß, 2011, 25) Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem psychischen Trauma, wel- ches durch die Psychotraumatologie zu entschlüsseln versucht wird. Diese erforscht die Entstehung, den Störungsverlauf und die möglichen Behandlungen von Traumata. (Vgl. Landolt, Hensel, 2008, 14) Um die Störung feststellen zu können, wird derzeit mit zwei Diagnosemanualen gearbeitet, welche jedoch Unterschiede in der Störungsdefinition aufweisen. Zum Ersten das ICD10 der Weltgesundheitsorganisation. Hiernach ist ein Trauma „ ein belastendes Ereignis oder eine Situation außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigen Ausmaßes (kurz- oder lang anhaltend), die bei fast jedem eine tiefe Verstörung hervorrufen würde. “ (Weiß, 2011, 25) Angst, Hilflosigkeit und Kon- trollverlust werden als Begleiterscheinungen angeführt. (Vgl. ebd.) Zum Zweiten geht das DSM IV der Amerikanischen Psychiater-Vereinigung in seiner Definition mehr auf die Konstitution des Betroffenen ein. Hiernach müssen zwei Punkte gleichzeitig auftre- ten. Zum einen erlebt ein Individuum eine Situation, in der seine körperliche und/oder psychische Versehrtheit bedroht wird. Auch die Augenzeugenschaft einer Bedrohung einer anderen Person ist zulässig. Zum anderen löst diese Erfahrung bei dem Betroffe- nen intensive Furcht und Hilflosigkeit aus, die mit aufgelöstem oder agierendem Ver- halten einhergeht. (Vgl. Landolt, Hensel, 2008, 14f)

Die Kinderpsychiaterin Lenore Terr führt die Unterscheidung in Trauma Typ I und Typ II ein. Typ I bezeichnet sie als Monotrauma, welches ein einmaliges und unvorhersag- bares Erlebnis darstellt, wie z.B. ein Überfall oder ein Verkehrsunfall. Typ II wird als multiple Traumata beschrieben. Hierbei handelt es sich um wiederholte und somit teil- weise vorhersagbare Ereignisse, wie z.B. chronische sexuelle Misshandlung, chronische familiäre Gewalt oder Kriegserfahrungen. Eine weitere Einteilung kann durch die Art der Ereignisse getroffen werden. Zum Ersten menschenverursachte Situationen wie Bei- spiel Krieg oder Vergewaltigung, zum Zweiten Trauma durch Naturkatastrophen wie Beispiel Flut oder Erdbeben, sowie zum Dritten zufällig auftretende Ereignisse wie Un- fälle. (Vgl. Landolt, Hensel, 2008, 14f) Die Diplompsychologin Dorothea WEINBERG unterteilt die menschenverursachten Traumata noch differenzierter. Verursacher können identifikationsferne Menschen wie z.B. fremde Personen sein oder Identifikationsfigu- ren wie Mutter oder Vater. Aus ihrer Erfahrung heraus stellt sie drei wichtige Prinzipien auf: Erstens: Je stärker der Identifikationsprozess des Betroffenen durch das traumati- sche Erlebnis gestört wird, desto weitreichender die Auswirkungen. Demnach bedeutet das zum einen, dass Traumata die durch Menschen ausgelöst wurden, tiefgreifender sind als Traumata durch Naturkatastrophen. Zum anderen ein Missbrauch durch die eigene Mutter gravierendere Folgen hat, als der Missbrauch durch einen Unbekannten. Zweitens: Eine dauerhafte Schädigung hat größere Negativauswirkungen für die Psyche des Menschen als ein Monotrauma, je beständiger es ist desto schädigender. Drittens: Je früher das Trauma im Leben eines Menschen ausgelöst wird, desto mehr Einfluss hat es auf die Entwicklung der Persönlichkeit. (Vgl. Weinberg, 2005, 23f) Weitere wissen- schaftlich fundierte Merkmale sind z.B. dass Traumata in jedem Alter auftreten können. Das Trauma wirkt in den biologischen Kreislauf und kann Informationsverarbeitungs- störungen herbeiführen, die Verhalten und Persönlichkeit verändern können. Des Weite- ren werden Sinneseindrücke, der äußere Traumakontext, Gefühle, Affekte und Kogniti- on des traumatischen Ereignisses als Fragmente gespeichert, sodass diese Trigger3 sich außerhalb des Bewusstseins befinden und zu somato-sensorischen Flash-backs4 führen können. Wird ein traumatisches Ereignis in der Kindheit erlebt, so können diese Erfah- rungen verdrängt und vom Bewusstsein abgespalten werden. Je jünger das Kind wäh- rend der traumatischen Erfahrung ist, desto unzugänglicher ist diese kortikal abgespei- chert. (Vgl. Kühn, 2009, 131) Trigger können die Erlebnisse jedoch später ins Be- wusstsein zurück holen. (Vgl. Korittko, Pleyer, 2010, 55) Säuglinge, die noch kein Ich- Erleben entwickelt haben, können Traumata nicht abspalten oder verdrängen. Sie wer- den körperlich als innere Spannung gespeichert, was als traumatische Identitätsbildung bezeichnet wird. (Vgl. Weiß, 2011, 44)

Kurz gesagt ist ein Trauma eine seelische Verletzung, die den Betroffenen ihren Glauben an die eigenen Fähigkeiten und Selbstbestimmtheit nimmt und das Vertrauen an die Menschheit vernichtet. (Vgl. Bausum, 2009, 7)

2.2 Die Entstehung eines Traumas

Das Trauma ist ein „ biologisches Ereignis “ (Levine, Kline, 2004, 36) und somit weni- ger psychologischer als physiologischer Natur. Der Unterschied zu anderen Stressoren ist der, dass der Betroffene keine Möglichkeit zur Flucht oder Gegenwehr hat, was fast jeden Stressverarbeitungsmechanismus überfordert. Die primären Reaktionen des menschlichen Körpers laufen instinktiv ab, sobald sich eine Gefahr anbahnt. Die Haupt- funktion unseres Gehirns ist wie in Urzeiten das Überleben. (Vgl. Levine, Kline, 2004, 22f) Das bedeutet, dass sich im Gehirn bei einer traumatischen Erfahrung eine Notfall- reaktion abspielt. (Vgl. Weinberg, 2005, 83) Funktion dessen ist, den Körper in Alarm- bereitschaft zu versetzten, um entsprechend auf die Bedrohung reagieren zu können. (Levine, Kline, 2004, 29) Diese archaischen Abwehrfunktionen reagieren schneller als unser Bewusstsein. (Vgl. Korittko, Pleyer, 2010, 34) Sie stammen aus der Urzeit als der Mensch noch enger mit der Natur verwachsen war und täglich von gefährlichen Tieren oder Naturereignissen bedroht wurde. Dementsprechend erlebte er viele lebensbedrohli- che Situationen, was das menschliche Nervensystem enorm prägte und auf mögliche Gefahren noch heute sehr stark reagieren lässt, sodass die innersten Kräfte mobilisiert werden um diese zu bewältigen. In der heutigen Gesellschaft gibt es jedoch kaum Ge- gebenheiten, die menschlichen Überlebensfunktionen zu nutzen. Dem Menschen wer- den heutzutage andere Herausforderungen gestellt, welche sich in relativ kurzer Zeit der Entwicklung des Menschen ausgebildet haben. Das Nervensystem hingegen benötigt mehr Zeit sich diesen Herausforderungen anzupassen, sodass es nicht immer angemes- sen auf diese reagieren kann. So können Spannungen durch nicht entladene Energien im Körper auftreten.(Vgl. Levine, 1998, 51f)

Dank bildgebender Verfahren ist es der neurobiologischen Forschung möglich die Funktionen und Strukturen eines psychischen Traumas aufzudecken und somit zu neuen Sichtweisen zu verhelfen. Dies kann bewährte Ansichten und Modelle aus dem prakti- schen Umgang mit Traumata untermauern oder aber zur Überarbeitung auffordern. (Vgl. Wöller, 2006, 48) Im Folgenden wird zum besseren Verständnis die physische Entstehung eines Traumas aufgezeigt, welche durch die moderne Neurobiologie offen gelegt werden konnte.

Nach Gerald HÜTHER, einem deutschen Hirnforscher, besitzt der menschliche Organismus zwei unterschiedliche miteinander verbundene neuronale Kreisläufe. Diese Kreisläufe werden durch Bedrohungsereignisse in den kortikalen Erregungsmustern und Stoffwechselprozessen ausgelöst und stehen auch nach einer beängstigenden Situation zur Verfügung. (Vgl. Weinberg, 2008, 83)

Zunächst wird der erste Kreislauf betrachtet. Hier werden besonders der präfron- tale Kortex5 sowie das limbische System6 angesprochen. Der Körper stellt eine hohe Wachsamkeit und Aufmerksamkeit zur Verfügung, um ein mögliches traumatisches Ereignis meistern zu können. Die Amygdala versieht dieses Ereignis, also die reine Sinneswahrnehmung, mit der Gefühlsqualität und sorgt somit für die emotionale Bewer- tung. Das limbische System löst eine Aktivierung des Hirnstamms aus, sodass dieser die Neurotransmitter Noradrenalin und Dopamin freisetzt. Noradrenalin und Dopamin wir- ken systemisch und versetzen den Körper in Alarmbereitschaft - so wird unter anderem das Gehirn verstärkt angeregt, die Aufmerksamkeit gesteigert und es werden Energiere- serven mobilisiert. Dieser erste Kreislauf wird von Gerald HÜTHER eher als eine Her- ausforderung beschrieben. Hierdurch können bereits gelernte Lösungsstrategien für die „bedrohliche“ Situation erkannt und genutzt werden. Das wiederum bedeutet, dass eine hohe Chance der Lösungsmöglichkeit besteht, sodass HÜTHER in diesem Zusammen- hang von einer „kontrollierbaren Stressaktion“ spricht. Zwar kann ein Mensch grund- sätzlich geeignete Verschaltungen im Gehirn angelegt haben, um eine Störung zu besei- tigen, allerdings können diese auch noch nicht vollständig ausgebildet sein, sodass es zu einer solch beschriebenen Stressreaktion kommen kann. Dieser Kreislauf verstärkt die bereits angelegten neuronalen Verschaltungen, wenn sie zur Lösung der Situation bei- tragen, sodass die Erregung aus dem Körper gelöscht wird und der Mensch eine Stär- kung seiner Kompetenzen und seines Selbstbewusstseins erhält. (Vgl. Weinberg 2008, 84f)

Der zweite Kreislauf, der im Organismus vorhanden ist, wird ausgelöst, wenn keine bereits gelernte Lösungsstrategie der bedrohlichen Situation ein Ende bereiten kann. Die Person ist in einer für sie ausweglosen Situation. Hier wird nun die Erregung im ersten Kreislauf so weit verstärkt, dass dies den zweiten Kreislauf auslöst, die Hypo- physe7 stimuliert und das HPA-System8 ausgelöst wird. Dieses System sendet den Ne- bennieren Signale, große Mengen an Cortisol9 freizusetzen. Das Ergebnis ist eine starke Erhöhung der Cortisolkonzentration im Blut und damit auch im Gehirn. Starke Panikge- fühle, Hilflosigkeit und Verzweiflung begleiten diesen Vorgang. Kann die Situation gemeistert werden, autoreguliert sich der Körper und die Übererregung erlischt. Ist die betroffene Person jedoch nicht in der Lage, die möglicherweise gefahrvolle Situation in den Griff zu bekommen, zieht der permanente Cortisolüberschuss eine langfristige Ver- änderung des Stoffwechsels nach sich. Das bedeutet, dass trotz Beendigung der Gefahr der Cortisolspiegel dauerhaft erhöht bleibt und somit negative Auswirkungen auf neu- ronaler Ebene sowie auf das vegetative Nervensystem10 bestehen (Vgl. Moll, 2006, 133). Negative Auswirkungen durch den Cortisolüberschuss können z.B. die Hemmung des Immunsystems sein. Auch kann das System der Sexualhormonproduktion gehemmt oder gar degeneriert sein. Und auch das noradrenerge System, welches wesentlich für die körperlichen Begleitsymptome bei Angstzuständen verantwortlich ist, kann beschä- digt werden. (Vgl. Weinberg, 2008, 89)

Wie heutzutage bekannt, entstehen beim Lernvorgang im Gehirn neuronale Ver- schaltungen, die immer wieder angeregt und bestätigt werden müssen, um eine dauer- hafte Stabilität zu erhalten. Der beschriebene Cortisolüberschuss kann des Weiteren diese besonders festen neuronalen Verschaltungen zerstören und somit bereits einge- prägte Verhaltensweisen zunichtemachen. Psychisch wird die Person mit einer andau- ernden Anspannung belastet. Sie ist übererregt und empfindet Hilflosigkeit und Angst, die sie nicht immer benennen kann. Charakteristisch in solch einem Fall ist auch eine geringe Belastungsfähigkeit. Um die Anspannung zu verringern, beginnt der Mensch alle Dinge zu vermeiden, die ihn an seine traumatische Erfahrung erinnern könnten. Er meidet bestimmte Orte, versucht gewissen Personen nicht zu begegnen und hält sich von gewissen Gerüchen oder Klängen fern. Schwieriger wird es hingegen bei Erinne- rungen, den sogenannten Flash-backs oder Albträumen, die den traumatischen Vorgang aufgreifen. Die Bilder und Gefühle, die hierdurch wieder hervorgerufen werden, können ein unkontrollierbares Widererleben auslösen, welches die gleichen Gefühle zur Zeit des traumatischen Ereignisses beinhalten. Werden traumatische Erfahrungen gemacht, so werden diese durch traumaspezifische Mechanismen in der Amygdala abgespeichert, dem impliziten Gedächtnis. Traumatische Reize lösen spezielle Gedächtnis- und Lern- prozesse aus. Anders als alltägliche Erfahrungen, deren Reize im Hippocampus abge- speichert werden, dem expliziten Gedächtnis. Die Amygdala wird auch als das emotio- nale Gedächtnis des limbischen Systems betitelt. Sie ist für die Entstehung von Affek- ten, Erregungen und besonders von Angstäquivalenten und Emotionen zuständig. Sie ist kein Teil unseres Bewusstseins oder unserer Sprache und steuert die instinktiven moto- rischen Anpassungsreaktionen in der traumatischen Situation. Diese können sich z.B. in Aggressionen, Flucht oder Anpassung widerspiegeln. Durch die implizite Gedächtnis- funktion der Amygdala wird die Versprachlichung von Emotionen erschwert. „[Was hier] entsteht und gespeichert wird, muss erst mühsam durch neuronale Verbindungen mit den Sprachzentren der linken Gehirnhälfte und den anderen Assoziationsarealen des Großhirns zusammengebracht werden“ (Weinberg, 2008, 89). Emotionen können von Personen schwer versprachlicht werden, deren Corpus Callosum11 gering ausgebildet ist. Dies ist meist bei Männern und heranwachsenden Jungen der Fall. Doch besonders durch die bereits genannten Speicher- und Gedächtnisprozesse, welche die traumati- schen Reize aufnehmen, wird die Versprachlichung von Emotionen erschwert. Die traumatischen Ereignisse werden in der Amygdala gespeichert und blockieren jegliche Assoziationen. Das heißt, dass das emotionale Gedächtnis von den anderen Gedächtnis- zentren wie z.B. dem visuellen Gedächtnis separiert wird. Hierdurch entstehen gravie- rende Folgen. Die emotionalen Erlebnisse wie auch die sensorischen Erfahrungen in den Assoziationsarealen können nicht bearbeitet und somit auch nicht verarbeitet werden. Sie bleiben beständig in den neuronalen Zentren gespeichert und beeinflussen somit auch weiterhin den Organismus. Dies ist jedoch, wie bereits beschrieben, nicht im Be- wusstsein verankert. Es gibt Trigger, die Erinnerungen ungehemmt in das Bewusstsein hervorholen und dieses für kurze Zeit „überschwemmen“, was für die betroffene Person kaum auszuhalten ist. Durch die andauernde Übererregung, ausgehend von der Amyg- dala, können strukturelle Beeinträchtigungen entstehen. Das heißt es können durch das Trauma Gedächtnisausfälle entstehen, welche sich allerdings auf die expliziten Erinne- rungen beziehen. Das bedeutet, dass die Aggressions-, Flucht- oder Erstarrungsreaktio- nen erhalten bleiben. Die Angst und die Erregung werden in der Psyche, im Verhalten und in zwischenmenschlichen Beziehungen deutlich. Die Auslöser sowie die Rahmen- bedingungen bleiben dem Bewusstsein allerdings entzogen. Durch die Verknüpfung von Blockierung und Übererregung entstehen Phänomene im Bereich des Gedächtnis- ses, die zu Verwirrungen führen. Unter anderem werden die Erinnerungen vollkommen sensorisch und losgelöst von einer zeitlichen Einordnung wahrgenommen. Das heißt, sie werden ohne therapeutische Behandlung als gegenwärtig bedrohliche Situation un- endlich wieder erlebt. (Vgl. Weinberg 2008, 85-91) Je jünger das Kind ist und je weni- ger Zeit- und Raumgefühl es besitzt, desto größer ist das Leid durch einen solchen Irr- tum. Die Kinder empfinden die Erinnerungen, als wären sie in der gleichen bedrohen- den Situation wie damals.(Vgl. Krüger, 2008, 36) Nicht nur Erwachsene, sondern auch kleine Kinder können solche traumatischen Erinnerungseindrücke speichern und sich sehr lebhaft und intensiv sensorisch an Erfahrungen ihrer ersten drei Lebensjahre erin- nern. Menschen die einer traumatischen Situation ausgesetzt waren, versuchen ihren Erregungszustand zu regulieren, indem sie Abwehrmechanismen entwickeln. Besonders die Übererregung im Gehirn soll entschärft werden. Ist die kortikale12 Stimulation zu hoch, wird ein Neurotransmittersystem13 in Gang gesetzt, das einen Selbstzerstörungs- prozess bewirkt. Das Glutamatsystem14 wird aktiviert, die Rezeptoren nehmen eine ex- trem hohe Menge an Kalzium auf und es kommt zu einer Selbstvergiftung der Nerven- zellen. Besonders bei unerwarteten traumatischen Erfahrungen sieht HÜTHER eine Gefahr für Kinder. Um eine solch traumatische Stressreaktion zu überleben, müssen die Kinder diese aus ihrem Gedächtnis abspalten. Es wird bestätigt, dass frühe und anhal- tende Traumatisierungen nachhaltig in den physiologischen Prozess der Hirnentwick- lung eingreifen. Es können hierbei neurobiologische und hirnphysiologische Schäden entstehen. Hier kann z.B. der präfrontale Cortex genannt werden, der durch solche Ein- flüsse nur ein geringeres Maß an komplexen Verschaltungen ausbildet, sodass die Fä- higkeit zur Impulskontrolle, die Planung von Handlungen sowie die Hersausbildung des Selbstbildes beschädigt werden. (Vgl. Weinberg, 2008, 92ff) Auch ein geringeres Hirn- volumen kann verzeichnet werden, sodass von einer ausgelösten Hirnverletzung durch traumatische Sinneseindrücke gesprochen werden kann. (Vgl. Krüger, 2008, 35f).

2.3 Traumata bei Kindern und Jugendlichen

Laut ICD-10 muss eine außergewöhnliche Bedrohung katastrophalen Ausmaßes ge- schehen, um ein Trauma auszulösen. DSM-IV fokussiert weniger das Erlebnis und be- sagt, dass traumatische Ereignisse in die körperliche und/oder psychische Integrität der Person eingreifen müssen. Beide Diagnosemanuale beziehen sich auf Symptome, wel- che durch Erwachsene ermittelt werden konnten (Vgl. Gahleitner, Hensel et al., 2014, 31) und sind somit zu wenig auf Kinder und Jugendliche ausgerichtet. Abhilfe schafft zum einen SHEENGOLD, der diese Lücken versucht auszubessern. Zum anderen Zero to three 2005, ein diagnostisches Klassifikationssystem für unter Dreijährige und somit eine Ergänzung zu ICD-10 und DSM-VI. Auch das Zero to three Manual geht von hef- tigen Erlebnissen wie drohender Tod von Nahestehenden oder eigenen schweren Ver- letzung als Ursache aus, bezieht jedoch auch Persönlichkeit des Betroffenen und das Verhalten Nahestehender mit ein. (Vgl. Zero to three, 1999, 12) Den Vorschulbereich decken SCHEERINGA ET AL. ab und entwickeln alternative Kriterien wie z.B. Verlust von Fähigkeiten wie Sprache, Kontinenz und eingeschränktes Traumaspiel. (Vgl. Gah- leitner, Hensel et al., 2014, 31)

Der Psychologe Peter LEVINE ist der Ansicht, da die psychische Integrität je nach Individuum unterschiedlich ausgestaltet ist, nicht das Ereignis selbst ausschlaggebend ist, sondern die psychische Stabilität des Betroffenen. So kann laut LEVINE und KLINE ein Fahrradsturz für ein Kind zur traumatischen Gegebenheit, aus Sicht von Erwachsenen jedoch schnell als lapidarer Vorfall abgetan werden. (Vgl, Levine, Kline, 2004, 13) Die Autoren geben an, dass Alter, Größe und Empfindsamkeiten die Auswirkungen beeinflussen, nicht das Erlebte selbst. (Vgl. ebd. 34) Kinder und Jugendliche reagieren auf traumatischen Stress entsprechend ihres kognitiven Entwicklungsalters, da dies die Wahrnehmung beeinflusst. (Vgl. Landolt, Hensel, 2008, 17)

Zur Anschauung folgt eine gekürzte Auflistung weitverbreiteter Kindheitstraumata zusammengestellt von LEVINE und KLINE:

Mögliche Ursachen für Kindheitstraumata

Stürze; Autounfälle; beinahes Ertrinken

1. Unfälle und Stürze

bzw. Ersticken

Genähtwerden; Spritzen;

2. Medizinische und operative Eingriffe lebensbedrohliche Erkrankungen;

Stress im Mutterleib sowie Komplikatio-

nen bei der Geburt

Mobbing; Angriffe durch Tiere;

3. Gewalthandlungen/ Angriffe

familiäre Gewalt am eigenen Leib sowie Miterleben; Missbrauch; Krieg

4. Verlust Tod eines geliebten Menschen oder Tiers;

Trennung; Verlorengehen

extremen Temperaturen ausgesetzt sein (Säuglinge und Kleinkinder);

5. Umgebungsbedingte Stressfaktoren +

Naturkatastrophen;

Naturkatastrophen

plötzlich auftretende Geräusche wie Auseinandersetzungen, Gewalt, Donner etc. (Säuglinge und Kleinkinder)

(Levine, Kline, 2004, S35f)

Zudem führt WEINBERG die Frühgeburtlichkeit an. Zwar kann die hochentwickelte Medizin viele Leben retten, erweitert somit jedoch auch den Rahmen von möglichen Traumatisierungen, da eine Frühgeburt für Kind und Eltern ein sehr aufreibendes Ereig- nis darstellt. (Vgl. Weinberg, 2005, 69) Des Weiteren dürfen auch Ungeborene nicht außer Acht gelassen werden. Bis heute noch kritisch betrachtet, werden pränatale Trau- mata gesellschaftlich langsam anerkannter. So erweitert sich das Feld von möglichen Traumatisierungen erheblich. Aufgrund der Randposition dieser Thematik, folgt eine Zusammenfassung aus meiner Bachelorarbeit, die die Möglichkeit pränataler Traumata aufzeigt.

„Das ungeborene Kind kann zwischen der 11. und 22. Schwangerschaftswoche Hirn- strukturen, die vergleichbar mit denen eines Erwachsenen sind, aufweisen. Zu diesem Zeitpunkt können erste elektrische Erregungsmuster durch äußere Reize entstehen, auf die das Ungeborene bereits reagiert. Zwischen der 28. und 32. Woche sind die Hirn- strukturen insoweit vorhanden, dass bereits erste Lernprozesse stattfinden können. Es kann allerdings durch bestimmte Einflüsse, wie Drogenkonsum der Mutter oder Nega- tivgefühle der Schwangeren gegenüber ihrem ungeborenen Kind, eine Überforderung des kindlichen Organismus stattfinden. Durch diese Überforderung bzw. Überreizung der Zellen tritt eine Störung auf, die die Zellen des heranwachsenden Kindes zu beheben versuchen. Bei einer andauernden Überreizung und somit einer Umprägung der Zellen werden bei Abnahme der schädigenden Einflüsse erneute Störungen auftreten. Dieser Vorgang findet sich auch bei den körperlichen Reaktionen eines Traumas wieder. Durch den Cortisolüberschuss, der durch eine bedrohliche Situation ausgelöst wird und eine Überforderung mit sich bringt, entsteht eine chronische Veränderung des Stoffwechsels. Obwohl das gefahrvolle Ereignis vorbei ist, bleibt der Cortisolspiegel so dauerhaft er- höht und zieht negative Konsequenzen nach sich. Des Weiteren belegt die Wissen- schaft, dass menschliche Lernprozesse mit emotionalen Reaktionen verbunden werden. So empfindet das Kind den Herzschlag der Mutter auch nach der Geburt als beruhigend. Andere Wissenschaftler führen das Zellgedächtnis an. Dies meint, dass das ungeborene Kind bereits bei seinen Zellteilungen in den ersten Tagen nach der Befruchtung Emp- findungen speichern kann. Als Beispiel könnte erneut die Gefühlslage der Mutter he- rangezogen werden. Je nach Gefühl der Schwangeren würde sich dies auf die psychi- sche Konstitution des Kindes auswirken, welches wiederum die körperliche Entwick- lung beeinflussen kann. Ein weiteres angeführtes Kriterium zur Entstehung eines Trau- mas ist die starke Wahrnehmung über Sinnesorgane. Diese sind - je nach Sinnesorgan - zu einem bestimmten Zeitpunkt der Schwangerschaft in unterschiedlichem Maße aus- gebildet. In besonderer Weise ist im Zusammenhang des pränatalen Traumas zum Ers- ten der Tastsinn anzuführen. Dieser hat sich ab der 17. Schwangerschaftswoche auf den gesamten Körper des Ungeborenen ausgebreitet. Zum Zweiten der Hörsinn, der zwi- schen dem 5. und 6. Monat der Schwangerschaft funktionsfähig ist. Besonders durch diese beiden Sinne ist ein ungeborenes Kind mit seiner Umwelt verbunden und somit auch beeinflussbar.

Festzuhalten ist, dass alle Entstehungsvoraussetzungen eines Traumas bereits im Organismus eines ungeborenen Kindes vorhanden sind. Das ungeborene Kind ist bereits im Mutterleib in der Lage, Lösungsstrategien zu erlernen. Die Großhirnrinde ist zwi- schen dem 28. und 32. Schwangerschaftsmonat in solchen Maßen ausgereift, dass dem

Kind ein bewusstes Erleben und Reagieren zugesprochen werden kann. Das heißt, dass jegliche Erfahrungen, ob positiv oder negativ, das Kind bereits im Mutterleib prägen und weiterhin beeinflussen können. Die ausgeprägte Erinnerungsfähigkeit eines Ungeborenen unterstreicht dieses Ergebnis. Das Ungeborene ist in der Lage sich intrauterin den Rhythmus des mütterlichen Herzschlages einzuprägen, welcher noch nach der Geburt eine beruhigende Empfindung auslöst.“ (Christiansen, 2011, 42f)

2.4 Symptome

Jedes Trauma umfasst vier Komponenten, die laut LEVINE individuell ausgeprägt sind. Sie stellen den Kern einer traumatischen Reaktion dar. Zum Ersten einen außergewöhn- lich starken Erregungszustand. (Vgl. Levine, 1998, 134) Dieser ist zum Einen auf phy- sischer zum Anderen auf mentaler Ebene erkennbar. Die physischen Veränderungen sind z.B. Ansteigen der Herzfrequenz, schneller, flacher und keuchender Atem, kalter Schweiß sowie muskuläre Spannungen. Auf mentaler Ebene beschleunigt sich die Geis- testätigkeit, ein Ansturm von Gedanken überflutet den Betroffenen und eine erhöhte Besorgnis ist auszumachen. (Vgl. ebd., 130) Die zweite Traumakomponente ist eine psychophysische Kontraktion (Vgl. ebd., 134), was die Einschränkung unserer Wahr- nehmung beinhaltet. Der Körper konzentriert sich auf die Gefahr, sodass sich die At- mung, der Muskeltonus und die Haltung dementsprechend verändern und eine extreme Wachheit zu verzeichnen ist. (Vgl. ebd., 137f) Als dritte Komponente wird die Dissozi- ation angeführt. Als Abwehrmechanismus spaltet er sein Bewusstsein ab, um Stress zu bewältigen. (Vgl. Weiß, Kamala, 2014, 112) Zwar dissoziiert jeder Mensch, bei Trau- matisierten ist die Dissoziationsleistung jedoch intensiver. Sie verdrängen zum Schutz, um belastende Ereignisse durchzustehen, (Vgl. ebd., 109) wobei oft eine Veränderung des Selbst- und Identitätsgefühl einhergeht. (Vgl. Kapfhammer, Dobmeier et al., 2001, 126) Es kann als psychogenes Vergessen, Spaltung des Bewusstseins und auch als Symptom der multiplen Persönlichkeit benannt werden. (Vgl. Korittko, Pleyer, 2010, 175) Die vierte Traumakomponente ist das Erstarren. Zudem kommt das Gefühl der Hilflosigkeit hinzu. (Vgl. Levine, 1998, 134)

Auch Hans Peter KAPFHAMMER, unter anderem Professor für medizinische Psycho- logie und Psychotherapie sowie für Psychiatrie, sieht eine schwere Traumatisierung in enger wechselseitiger Beziehung mit Dissoziation und Somatisierung. Letzteres bein- haltet eine somatisch-viszerale15 Hyperaktivierung, wobei gleichzeitig selbstreflexive und imaginative Fähigkeiten nicht genutzt werden können. Es kann zu einer Konditionierung der somatisch-viszeralen Reaktion in Triggersituationen kommen, sodass auf langer Sicht die Bewältigung des traumatischen Erlebnisses erschwert wird. (Vgl. Kapfhammer, Dobmeier et al., 2001, 126)

2.5 Traumafolgestörungen

Um ein Trauma überwinden zu können, ist es von Nöten, den Erregungszyklus zu been- den. Dies stellt jedoch eine Schwierigkeit dar, denn die Betroffenen versuchen aus Angst, eine Konfrontation mit dem Erregungszustand zu verhindern. Bei fehlendem Abschluss kann sich jedoch eine Traumafolgestörung entwickeln. (Vgl. Levine, 1998, 130) Laut ICD-10 und DSM-IV werden ausschließlich die akute Belastungsstörung, die Anpassungsstörung und die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) als direkte Folge eines belastenden Lebensereignisses angeführt. Die Diagnosekriterien dieser bei- den Manuale unterscheiden sich allerdings so stark, dass das ICD-10 doppelt so oft eine PTBS feststellt wie das DSM-IV. Die Diagnoseübereinstimmungen betragen zwischen 35% und 75%. (Vgl. Gahleitner, Hensel, et al., 2014, 30) Da die Traumafolgestörungen bei Kindern und Jugendlichen bislang zu wenig erforscht sind, folgt ausschließlich eine kurze Zusammenfassung der Symptome der aufgeführten Folgestörungen, um einen kleinen Überblick zu schaffen.

Die akute Belastungsstörung zeigt sich durch schnelles Auftreten nach dem Ereignis. Es kann ein sozialer Rückzug stattfinden, Aufmerksamkeitsdefizite, Desorientierung, Ärger und sinnlose Überaktivität entstehen. Die Anpassungsstörung kann innerhalb eines Mo- nats nach dem Ereignis auftreten. Die betroffene Person leidet unter Ängsten und zeigt depressive Symptome. Die soziale Funktionsfähigkeit ist hierbei eingeschränkt. Sie ist die am häufigsten gestellte Diagnose in der deutschen Kinder und Jugendpsychothera- pie. Daran kann eine hohe Sensibilität von Kindern und Jugendlichen bezüglich Stress gesehen werden. (Vgl. Gahleitner, Hensel, et al., 2014, 30) Die Posttraumatische Belas- tungsstörung ist allgemein die häufigste Traumafolgestörung. (Vgl. Korittko, Pleyer, 2010, 56) Die Diagnose kann erst einige Wochen nach dem Erlebnis gestellt werden, sobald der Verarbeitungsprozess des Traumas höchstwahrscheinlich nicht gelungen und eine dauerhafte Symptomatik eingetreten ist. Eine PTBS zeichnet sich u.a. durch un- willkürliches Wiedererleben der traumatischen Situation in Verbindung mit Flash-backs aus. Schlafstörungen, erhöhte Reizbarkeit, Konzentrationsschwäche sowie unange- brachte Schreckreaktionen sind zudem zu nennen. Außerdem entstehen anhaltende Vermeidungsreaktionen gegenüber Triggern. (Vgl. Gahleitner, Hensel, et al., 2014, 30f) Besonders schwierig ist die Diagnose von komplexen Traumafolgestörungen. ICD-10 und DSM-IV betrachten jedes Einzelphänomen getrennt, was eine mögliche trauma- gesteuerte Dynamik hinter der Symptomatik zu erkennen verhindert. Ein chronisches Beziehungstrauma beispielsweise kann jedoch das gesamte Spektrum psychischer Stö- rungen zur Folge haben. Bei Kindern und Jugendlichen fehlt zur Klassifikation eines Traumas oft „die außergewöhnliche Bedrohung katastrophalen Ausmaßes“. Laut Studie entsteht eine PTBS jedoch ausschließlich zu einem Drittel aus solch einer Situation. Traumata entstehen bei Kindern und Jugendlichen zu zwei Dritteln aufgrund „leichter Stressoren“ wie dem Verlust einer wichtigen Bezugsperson. 47% der Kinder, die nach- weislich länger als ein Jahr misshandelt wurden, fielen aus dem Diagnoseraster heraus. Eine weitere Studie von 1998 zeigt auf, dass misshandelte und missbrauchte Kinder durchschnittlich 2,8 verschiedene Diagnosen erhalten. VAN DER KOLK et al. 2009 erarbeiteten Diagnosekriterien für komplex traumatisierte Kinder und Jugendliche mit Namen „Developmental Trauma Disorder“ um diesem Missstand entgegenzuwirken. Es ist ein Versuch, die Vielfalt und Komplexität der Phänomene komplexer Traumata zu beschreiben und die darunter liegende Dynamik zu erkennen. VAN DER KOLK et al. 2009 sind der Meinung, frühe chronische Traumatisierungen beeinträchtigen die Re- gulationskraft des Kindes enorm in den Bereichen Gefühl, Physiologie, Aufmerksam- keitsspanne, Verhalten und in der Beziehung zum eigenen Selbst und zu anderen. (Vgl. Gahleitner, Hensel, et al., 2014, 30ff)

Wilma WEIß führt in ihrem Buch „Phillip sucht sein Ich“ entwicklungspsychologische Auswirkungen durch Traumata im Kindesalter auf.

Auswirkungen auf:

die Identitätsbildung: Selbstwert; Selbstwirksamkeit;

Selbstwahrnehmung; Selbstregulation

Das Körperschema: Wahrnehmung des Körperäußeren, der

Körpergrenzen + des Körperinneren

beeinträchtigte Bindungsfähigkeit die Ausbildung traumabezogener Erwartungen

Verwirrte kognitive Normen über Genera-

die moralische Entwicklung: tion, Sexualität und Geschlechterrollen;

potenzierte Übernahme von Geschlechts- rollen

Schwierigkeiten im Vollenden von Ent-

Beeinträchtigte

wicklungsübergängen; Schwierigkeiten im

Entwicklungskompetenzen:

Entwickeln von sozialen + anderen Fer- tigkeiten

die Entwicklung traumaspezifischer Rückblenden; Alpträume; traumatische

Erinnerungen: Übertragung

(Weiß, 2011, 48f)

Zudem führt KAPFHAMMER im Bezug des Identitätsverlustes an, dass die traumatisierte Person ein starkes unbewusstes Verlangen hat seine Identität wiederzuerlangen, was jedoch im projektiv-introjektivem Zirkel gefangen bleibt. Zum einen aufgrund der nichtreflexiven Neigung wieder in die Opferrolle zu gelangen zum anderen das Verlangen auch andere Menschen zum Opfer zu machen. Dies kann durch die Neurobiologie sichtbar und durch verschiedene Effekte der Neurotransmitter erklärbar gemacht werden. (Vgl. Kapfhammer, Dobmeier et al., 2001, 126)

An dieser Auflistung ist zu erkennen, dass die traumatischen Ereignisse weiter in den traumatisierten Menschen wirken. Die Erfahrungen sind zwar vergangen, drücken sich jedoch im Selbstbild, im Erleben und im Verhalten der Betroffenen aus. (Vgl. Weiß, 2011, 48)

3.0 Die Traumapädagogik

Die Traumapädagogik ist ein junges Fachgebiet, welches sich grundsätzlich im letzten Jahrzehnt entwickelte. Die aus der Traumatologie gewonnenen Forschungsergebnisse und Theorien werden durch die Traumapädagogik in die Praxis übersetzt und ange- wandt. Zudem fließen bereits erprobte Methoden und Erfahrungen aus der Pädagogik mit ein, wobei die Heilpädagogik einen großen Teil ausmacht. (Vgl. Beckrath-Wilking, Biberacher et al., 2013, 283) Die Traumapädagogik besitzt traumabearbeitende Hilfe- maßnahmen, die als Ergänzung zu therapeutischen Hilfen gesehen werden sollen. (Vgl. Gahleitner, Hensel, 2014, 19)

3.1 Definition Traumapädagogik

„ Traumapädagogik [wird] somit als die konsequente Anwendung des aktuellen Wis- sensstandesüber die Folgen und Symptome von Traumatisierungen zur Gestaltung des sozialpädagogischen Alltags, zur Sicherstellung eines stabilisierenden, „ sicheren “ Mi- lieus auf der Wohngruppe und bei Besuchskontakten sowie zur gezielten, individuellen heilpädagogischen und erlebnispädagogischen Förderung in den prototypischen Prob- lembereichen von traumatisierten Kindern und Jugendlichen [verstanden]. “ (Schmid, Wiesinger et al., 2007, 333f)

Das Bewusstsein, mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen anders agieren zu müs- sen, entstand hauptsächlich im Kinder- und Jugendhilfebereich. Eine englische Studie zeigt auf, dass etwa 60% der Kinder und Jugendlichen in stationärer Heimunterbringung Missbrauch, Misshandlung und/ oder Vernachlässigung erfahren haben. Die Ulmer Heimkinderstudie führt an, dass mehr als die Hälfte der zu Betreuenden behandlungsbe- dürftige psychische Störungen aufweisen, mehr als ein Drittel sogar an mehreren stark ausgeprägten psychischen Störungsbildern leiden. Ursache hierfür sind vermutlich frühe Traumatisierungen und Störungen in der Bindungsbeziehung der Kinder und Jugendli- chen zu ihren Bezugspersonen. (Vgl. Fegert, Ziegenhain et al., 2010, 31) Das zeigt auf, dass solche negativen Erfahrungen in einem dysfunktionalen Familiensystem stattfinden und somit oft mehrere Risikofaktoren bestehen. (Vgl. Schmid, Wiesinger et al., 2007, 332) Das Statistische Bundesamt veröffentlichte 2012 die aktuellen Zahlen der Inobhut- nahmefälle von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. So wurden 40.200 Kinder und Jugendliche in Obhut genommen aufgrund eigenen Wunsches oder Hinweisen durch andere wie z.B. der Polizei oder ErzieherInnen. Ergänzend ist zu sagen, dass 69% der Minderjährigen vor der Inobhutnahme bei ihren Eltern bzw. einem Elternteil lebten, 39% später wieder zu ihren Familien zurückkehrten, 13% (5.300 Fälle) allerdings stati- onär in einem Krankenhaus oder der Psychiatrie aufgenommen wurden. Die anderen Kinder und Jugendlichen erhielten eine Unterbringung in einer Pflegefamilie oder einer Wohngruppe der Jugendhilfe. Der häufigste Grund laut statistischem Bundesamt war die Überforderung der Familie bei 43%. (Vgl. D Statis) Aus diesen Zahlen ist ersicht- lich, dass ein hoher Anteil von gefährdeten Kindern und Jugendlichen in Jugendhilfe- maßnahmen untergebracht ist. Die dort arbeitenden Fachkräfte, empfanden durch die gängig angewandten Methoden kaum Wirkung auf diesen Personenkreis und kamen aufgrund der hohen Anforderungen an ihre Handlungsgrenzen.(Vgl. Schmid, Wiesinger et al., 2007, 340) Bereits heute können Einrichtungen, die traumapädagogische Konzep- te anwenden, von einer höheren pädagogischen Wirksamkeit berichten, worüber jedoch noch keine empirischen Daten zur Verfügung stehen. (Vgl. Weiß, 2011, 95)

3.2 Traumatherapie und/oder Traumapädagogik?!

Nicht nur die Traumapädagogik stellt ein junges Fachgebiet dar, auch die Psychothera- pieforschung hat sich erst im letzten Jahrzehnt vermehrt mit der Behandlung von Trau- mata beschäftigt. Die Wirkungen unterschiedlicher Verfahren sind positiv zu vermer- ken. So werden z.B. manualisierte Therapieformen verschiedener Therapieschulen wie EMDR16 angewandt, was auch für Kinder und Jugendliche wirksam ist. Imaginative Verfahren finden häufig bei komplex Traumatisierten statt, beinhalten eine integrative und ressourcenorientierte Ausrichtung und können als Kombination oder eigenständig durchgeführt werden. (Vgl. Ipsis.de, http://www.ipsis.de/literatur/littraumatherapie.htm) Und auch ausdrucksorientierte Verfahren wie unter anderem die Gestalttherapie finden positiven Zuspruch. Der am meisten untersuchte und als derzeit erfolgreichste Ansatz wird der kognitiv-verhaltenstherapeutische Ansatz von Cohen benannt.

All diese Therapieverfahren haben Standards, die erfüllt werden müssen, um eine wirk- same Traumabearbeitung ermöglichen zu können. Hierzu zählt eine therapeutische Be- ziehung zum Klienten sowie eine ressourcenorientierte Stabilisierungsphase, auf die hohes Augenmerk gerichtet wird. Zudem gehört zu einem therapeutischen Verfahren eine behutsame gut strukturierte Konfrontation mit dem traumatischen Ereignis, ausge- führt von einer ausgebildeten Fachkraft. Speziell in der Therapie mit Kindern und Ju-

gendlichen sollte eine multimodale Behandlung stattfinden. Das bedeutet neben der Traumatherapie die Arbeit mit den Eltern, eine gegebenenfalls notwendige Medikation der PatientInnen sowie die Inanspruchnahme anderer psychosozialer Hilfesysteme. (Vgl. Schmid, Wiesinger et al., 2007, 331ff)

Wie bereits erläutert, musste ein Großteil der von der Jugendhilfe zu betreuenden Kin- der und Jugendlichen traumatische Erfahrungen machen, die sie in ihrer Persönlichkeit, Identität und in ihrem Verhalten verändert haben, woraus sich nicht selten psychische Störungen entwickelt haben, was sie zu sehr anspruchsvollem Klientel macht. In der stationären Unterbringung kann z.B. eine Regelwohngruppe diesen Anforderungen nicht ohne Weiteres gerecht werden, (Vgl. ebd. 340) sodass eine traumapädagogische Ausrichtung im Konzept verankert sein sollte und nötige Weiterbildungen für die Fach- kräfte selbstverständlich. Die bisherige Zuschreibung der Traumaaufarbeitung bzw. - begleitung zum psychotherapeutischen Arbeitsfeld wird demnach hinfällig. Es gibt je- doch eine Abgrenzung zwischen Traumatherapie und Traumapädagogik, die hilfreich erscheint. Zum einen die sozialrechtliche Grenzziehung, wobei die Kinder- und Ju- gendhilfe dem SGBVIII zugeordnet ist und die Psychotherapie als Krankenversorgung dem SGB V, in der zum Praktizieren eine Approbation Voraussetzung ist. So kann zum anderen das unterschiedliche Aufgabengebiet von Therapie und Pädagogik angeführt werden. Kurz gesagt ist die Aufgabe der Therapie die fachliche Konfrontation mit dem traumatischen Erlebnis, sodass der Pädagogik die Stabilisierung der KlientInnen im Alltag zukommt, ohne die keine wirksame Therapie möglich ist. Um ein gelingendes Arbeiten auf beiden Seiten zu erreichen, ist eine Kooperation zwischen TherapeutIn und betreuender Einrichtung unabdingbar, was leider noch unzureichend realisiert wird. (Vgl. ebd. 333ff) So könnte die pädagogische Einrichtung Therapieverfahren z.B. mit regelmäßigen Übungen, die die soziale Kompetenz und Perspektivübernahme der Kin- der und Jugendlichen schult, unterstützen. Da speziell hoch belastete Klientel nur sehr wenig sozialkompetente Vorbilder haben, hat die Therapieforschung in dieser Förde- rung eine hohe Effektivität erkannt. (Vgl. ebd. 343)

Anschließend wird die Arbeit der Traumapädagogik detailliert vorgestellt und anhand der Bedarfe der traumatisierten Kinder und Jugendlichen verdeutlicht.

3.3 Die Traumapädagogik bei der Arbeit

Die Traumapädagogik nutzt den Alltag der traumatisierten Kinder und Jugendlichen, um sie bei den Selbstfindungs- und Selbstheilungsprozessen zu unterstützen. (Vgl. Gah- leitner, Hensel, et al., 2014, 59) Das pädagogische Arbeitsfeld wird zum Erlebnisraum für die Traumatisierten. Hier können sie ihre Verhaltensweisen und Annahmen, die auf- grund des Traumas entstanden sind, testen und möglicherweise korrigieren. So wird der Alltag der Kinder, begleitet von pädagogischen Fachkräften, zum zentralen Feld der Traumabearbeitung. (Vgl. ebd. 22) Es kann eine kognitive Umstrukturierung der Erfah- rungen stattfinden (Vgl. Weiß, 2011, 86f) und somit zu einer psychischen und sozialen Stabilisierung führen. Zentral ist die Wiederherstellung des Dialoges mit sich selbst, mit der Umwelt und mit dem Leben generell, welcher durch das Trauma zerstört wurde. (Vgl. Gahleitner, Hensel, et al., 2014, 23) Zudem kommen korrektive Beziehungserfah- rungen, die das Vertrauen der Traumatisierten wiederherstellen sollen. Der sichere Raum des pädagogischen Feldes und die Psychoedukation17 ermöglichen, die Selbster- mächtigungs- und Bewältigungsfähigkeiten zu fördern. Hierzu gehört, die Selbstwahr- nehmung zu stärken, sodass Empfindungen und Gefühle wieder wahrgenommen und zugeordnet werden können. Die Kinder und Jugendlichen lernen ihre Impulse und Emo- tionen zu regulieren und das Geschehene in ihr Leben einzuordnen. (Vgl. Beckrath- Wilking, Biberacher et al., 2013, 300f) Die negativen Selbstbilder und behindernden Verhaltensweisen der Betroffenen müssen korrigiert und eine Orientierungshilfe für eine selbstbestimmte Zukunft geschaffen werden. Dazu gehört die Wiedereingliederung in die Gesellschaft, die Bestärkung von Eigeninitiative sowie die Beschaffung von Bil- dungsmöglichkeiten. (Vgl. Weiß, 2011, 92f) All diese Aspekte helfen den Betroffenen, zum einen ein Generationstrauma zu verhindern und ihre Geschichte mit vorhandenen Verhaltensweisen nicht an ihre späteren Kinder weiterzugeben, zum anderen aus einem bestehenden Generationstrauma auszubrechen und eigene Zukunftsvisionen zu entwi- ckeln. (Vgl. ebd. 97) Voraussetzung für das Gelingen dieser Hauptbestandteile der Traumabearbeitung ist einerseits die Haltung der pädagogischen Fachkräfte. Sie stellt den wesentlichen Wirkfaktor dar. Zu beachten ist hierbei, dass die Verhaltensweisen der Kinder und Jugendlichen als normale Überlebensstrategie angesehen und gewürdigt werden. (Vgl. Beckrath- Wilking, Biberacher et al. 2013, 290) Vorannahmen, Reaktio- nen und Verhaltensweisen basieren auf deren Erfahrungen und haben somit eine Be- rechtigung. (Vgl. Weiß, 2011, 92) Der Umgang der Fachkräfte mit den KlientInnen sollte stets positiv und wertschätzend sein. (Vgl. Beckrath- Wilking, Biberacher et al., 2013, 290) Sie stellen den Kindern und Jugendlichen ihr Fachwissen dialogartig zur Verfügung (Vgl. Schulze, Loch, 2012, 173) und respektieren die Traumatisierten als Experten ihres eigenen Lebens.(Vgl. Weiß, 2011, 92) Andererseits hat die Institution die Aufgabe, die benötigten Rahmenbedingungen zu schaffen und diese stets zu über- prüfen, um die Voraussetzung einer bestmöglichen Traumabearbeitung zu ermöglichen. (Vgl. Schulze, Loch, 2012, 173)

Traumatisierte Kinder und Jugendliche haben bestimmte Bedarfe, auf die in der pädagogischen Arbeit besonders geachtet werden müssen. Zwar stellen diese Grundbe- dürfnisse dar, die jeder Mensch für eine psychische Gesundheit benötigt, allerdings sind diese bei Traumatisierten besonders zu beachten und wiederherzustellen, wie folgt auf- gezeigt.

3.3.1 Bedarfe traumatisierter Kinder und Jugendlicher

Zu einem erfüllten Leben braucht es psychische Gesundheit, woran es bei Traumatisier- ten meist fehlt. Grundbedarfe wie z.B. sichere Bindungen, Sicherheit, Selbstwirksam- keit und die eigene Person als positiv zu empfinden, haben allgemein existentielle Be- deutung. Bei traumatisierten Kindern und Jugendlichen müssen diese Bedarfe (wieder) erfüllt werden, um ihnen ein selbständiges und zufriedenes Leben zu ermöglichen. (Vgl. Gahleitner, Hensel, et al., 2014, 73) Im Folgenden werden die wichtigsten Komponen- ten eines gesunden psychischen Lebens aufgezeigt, die besonders für traumatisierte Menschen von Bedeutung sind und von der Traumapädagogik so gut es geht befriedigt werden sollten.

3.3.1.1 Das Sicherheitsbedürfnis

Die Grundlage für Traumabewältigung ist zunächst die Schaffung von Sicherheit für die Betroffenen. Körperliche, psychische und soziale Grundbedürfnisse müssen erfüllt sein, sodass sich die Kinder und Jugendlichen geborgen und von ihren BetreuerInnen ange- nommen fühlen können. Ist dies gegeben, kann der pädagogische Rahmen Schutz bie- ten, Bedürfnisse befriedigen und Stärken fördern, um korrektive Erfahrungen für die Traumatisierten zu ermöglichen.

[...]


1 International Statistical Classification of Deseases and Related Health Problems

2 Diagnostic ans Statistical Manual of Mental Disorders

3 erinnerungsauslösende Reize

4 Rückblendeerfahrungen, was ein psychischer Zustand beschreibt [...]in welchem Gedächtnisinhalte aus einer vergangenen Stresssituation Macht über Erleben und Verhalten in der Gegenwart bekommen. [..] Dies löst eine körperliche Stressreaktion aus […], die den körperlichen Veränderungen in der vergangenen Stresssituation gleicht. (Weiß, 2011, 64) Z.B. werden Bilder, Gerüche, Körperwahrnehmungen als Gegenwart gesehen und Überzeugungen wieder aktuell. Damalige Gefühle sind wieder zu spüren und damalige Verhaltensmuster werden wieder aktiviert. Jedoch kann nicht immer auf historische Objektivität geschlossen werden (Vgl. Kapfhammer, Dobmeier et al., 2001, 126)

5 Teil des Stirnhirns. Verbunden mit dem limbischen System und verantwortlich für die erlernte Kontrolle des angeborenen Verhaltens

6 ringförmig um den Hirnstamm gruppiert. Es beinhaltet die Amygdala, den Hippocampus sowie den Hypothalamus, die die vegetativen Funktionen und emotionalen Prozesse steuern sowie die Erinnerungstätigkeit koordinieren.

7 Hirnanhangdrüse

8 Hypothalamo-hypophyseo-adrenocorticales System

9 Stresshormon

10 arbeitet ohne willentliche Steuerung und ist unter anderem für Herztätigkeit, Atmungsfrequenz und Blutdruck zuständig

11 quer verlaufende Faserverbindung zwischen den beiden Großhirnhemisphären

12 von der Gehirnrinde ausgehend

13 Weitergabe von Informationen von einer Nervenzelle zur anderen über die Synapse durch endogene biochemische Botenstoffe

14 zuständig für Aktivität im Gehirn

15 dem limbischen System zugehörig

16 Methode mit standardisiertem Ablauf: Erfassung der Vorgeschichte und Aufklärung durch den Klien- ten, Diagnosestellung und Herausarbeitung belastender Ereignisse mit verbundenen affektiven, kogniti- ven und sensorischen Komponenten. Bilaterale Stimulation während der Erinnerung an das Ereignis hilft die Traumablockaden zu lösen und Verarbeitung anzuregen. (Vgl. http://www.emdr- institut.de/0200therapie/index.php)

17 Schulung von Menschen, die an einer psychischen Störung leiden

Details

Seiten
110
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656874010
ISBN (Buch)
9783656874027
Dateigröße
2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v287086
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
1,0
Schlagworte
Trauma Traumabewältigung tiergestützt tiergestützte Arbeit Kinder Jugendliche

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Titel: Traumabewältigung durch tiergestützte Arbeit in der pädagogischen Praxis