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Über die Toleranz - Die Epistola de Tolerantia von John Locke

Seminararbeit 2002 15 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Der geschichtliche Hintergrund

3. Die Epistola de Tolerantia
3.1 Übersicht über den Toleranzbrief
3.2 Einleitung und die Aufgaben von Staat und Kirche
3.3 Die Toleranzpflicht
3.4 Das Recht der Kirche und Schluss
3.5 Kritik

4. John Locke und Al-Quaida

5. Schluss

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Wenn die Vernunft ihre Stimme häufig gegen den Fanatismus erhebt, dann kann sie die künftige Generation vielleicht toleranter machen als die gegenwärtige es ist; und damit wäre schon viel gewonnen.“[1]

Etwa 250 Jahre sind vergangen seit Friedrich der Große diesen Wunsch geäußert hat, und es hat sich viel getan auf diesem Gebiet. War Toleranz – laut Duden Duldung, besonders in Glaubensfragen und in der Politik[2] - damals noch ein hauptsächlich von Intellektuellen diskutiertes und kaum in die Praxis umgesetztes Konzept, so ist sie heute in aller Munde und fest in Staat und Gesellschaft verankert. Dass ein jeder nach seiner Facon glücklich werden darf, ist heute selbstverständlich, und Religions- und Meinungsfreiheit sind als Grundrechte in unserer Verfassung fest verankert.[3] Und doch wird das Thema Toleranz auch heute noch unter Umständen heiß diskutiert. „Null Toleranz“ ist ein heftig umstrittenes Schlagwort der Innenpolitik, das Gesetz zur „Homo-Ehe“[4] hat hohe Wogen geschlagen und lebhafte Diskussionen angeregt, wie weit die staatliche Toleranz zu reichen hat. Spätestens seit den Anschlägen auf das World Trade Center in New York am 11. September 2001, welche sich erst kürzlich zum ersten Mal jährten, hat die Diskussion erheblich an Brisanz gewonnen. Der „internationale Kampf gegen den Terrorismus“, diverse Sicherheits- und Anti-Terror-Gesetze in verschiedenen Ländern und das Vorgehen gegen vermeintliche und tatsächliche Islamisten im In- und Ausland haben wieder neu die Frage aufgeworfen, ob und wie der Staat sich gegen Bedrohungen durch anders Denkende wehren darf, wie er mit religiösen Minderheiten umgehen soll und wo die Grenzen der Toleranz und der Meinungs- und Religionsfreiheit liegen. Kurz: Wie soll man umgehen mit Al-Quaida, Kalifatsstaat[5] & Co?

Schon viele große Denker haben sich mit diesen Fragen beschäftigt, viele Abhandlungen wurden geschrieben. Zu den herausragenden Schriften gehören sicherlich die „Briefe über die Toleranz“ von John Locke. Viel von unserem heutigen Toleranzverständnis geht auf diese damals revolutionären Schriften zurück, und auch heute können sie bei Betrachtungen über die Toleranz sehr hilfreich sein. In dieser Seminararbeit sollen daher die Grundzüge des Locke’schen Toleranzverständnisses dargelegt werden und anhand dieser zum Abschluss kurz auf die oben genannte Frage eingegangen werden. Zuvor jedoch soll ein kurzer Überblick über den geschichtlichen Rahmen und die Entwicklung des Toleranzgedankens vor Locke zum besseren Verständnis dienen.

2. Der geschichtliche Hintergrund

Um die Entwicklung des Toleranzgedankens und vor allem John Locke's Werk zu verstehen, ist es unerlässlich, einen kurzen Blick auf die historischen Hintergründe seiner Zeit zu werfen. Dabei soll in dieser Arbeit weniger auf die politischen und religiösen Wirren im England des 17. Jahrhunderts eingegangen werden, da diese bereits während des Seminars ausführlich beleuchtet wurden, sondern vielmehr auf den seit der Reformation erbittert tobenden Streit über religiöse Toleranz und den Einfluss der Kirche auf den Staat.

Mit Martin Luther und der von ihm in Gang gesetzten Reformation konnte sich erstmals ein vom katholischem Kirchenverständnis abweichendes Kirchenbild etablieren. Demnach war Kirche nur noch eine „Congregatio Fidelium“ ohne politische Macht mit der einzigen Aufgabe, die Menschen zur Seeligkeit zu führen. Nach Luthers Zwei-Reiche-Lehre herrscht die Kirche in dem „Reich zur Rechten Gottes“, also in geistlichen Fragen, der Staat hingegen im „Reich zur Linken Gottes“, also in weltlichen Fragen.[6] Daraus folgt, dass die Kirche spiritueller Natur ist und keine weltlichen Gesetze erlassen oder richterliche Befugnisse beanspruchen darf und umgekehrt den Gesetzen des Staates unterliegt. Gottlosen und schlechten Herrschern aber wird kein Gehorsam geschuldet.

Im Gegensatz dazu hatte die Kirche, nach dem damaligen katholischen Kirchenverständnis, das Recht und die Macht „zu binden und zu lösen“ in weltlichen wie in geistlichen Fragen[7], allgemeinverbindliche Gesetze zu erlassen[8] und Ketzerei nicht nur durch Exkommunikation, sondern mit Gewalt zu bestrafen.[9] Laut den Thomisten und Jesuiten galt: „The [...] church is unquestionably an independent legislative authority [...], and never in subjection to the civil laws of the common wealth“.[10]

Im weitern Verlauf der über Jahrzehnte andauernden Diskussion über das Verhältnis von Kirche und Staat wurden u.a. auch Theorien entwickelt, die besagten, dass die Macht vom Volk kommt[11], der König zum Wohl des Volkes eingesetzt ist[12], der Kaiser (die Obrigkeit) keine Entscheidungsgewalt in Glaubensfragen hat[13], und dass Menschen nicht zu einer bestimmten Überzeugung gezwungen werden können und daher völlige Toleranz zu walten hat[14].

In diese Zeit also, in der Europa zerrissen war von Glaubenskriegen und der kontroversen Debatte über existentielle Fragen der politischen und kirchlichen Ordnung, in der Menschen anderer Konfession erbittert verfolgt und andere Kirchen heftigst bekämpft wurden, und in der die Frage nach der Toleranz zu einer der brennendsten überhaupt geworden war, schreibt John Locke seine Briefe und legt dar, welche Rolle seiner Meinung nach die Kirche einnehmen, wie der Staat sich in Glaubensfragen verhalten und wie mit religiösen Minderheiten umgegangen werden sollte.

Da Locke Protestant und stark calvinistisch beeinflusst war, finden sich viele der oben erwähnten früheren Gedankengänge unmittelbar bei ihm wieder, und manch eines seiner Argumente lässt sich nur nachvollziehen, wenn man die schwerwiegenden Unterschiede zwischen dem damaligen katholischen und evangelischen Kirchenverständnis versteht.

Auf eine Darstellung der Entwicklung des Toleranzgedankens bei Locke selber und auf eine Auflistung der verschiedenen, sich hiermit beschäftigenden Schriften soll in dieser Arbeit verzichtet werden. Statt dessen werden im folgenden Kapitel die Grundzüge des Locke'schen Toleranzgedankens anhand seines diesbezüglichen Hauptwerkes, der Epistola de Tolerantia, geschildert.

3. Die Epistola de Tolerantia

3.1 Übersicht über den Toleranzbrief

Die große Frage des Toleranzbriefes ist, ob sich Christen verschiedener Konfessionen gegenseitig dulden müssen und wie der Staat mit den unterschiedlichen Kirchen und Gemeinschaften umgehen sollte. Schon zu Beginn seines Werkes geht Locke ganz direkt auf diese Frage ein und antwortet „freimütig [...], dass ich die Duldung für das hauptsächliche Kennzeichen der wahren Kirche erachte“.[15] Für die Begründung dieser Position und die Beantwortung der Frage nach der Toleranz, sind „zwei Kriterien [...] von entscheidender Bedeutung, nämlich die Kompetenzen, die die Obrigkeit aufgrund des Sozialvertrags besitzt, und das Wesen der Kirche“.[16] Hieraus ergibt sich fast automatisch die Gliederung des Toleranzbriefes. In der Einleitung begründet Locke, warum Toleranz das Merkmal der wahren Kirche ist. Anschließend erläutert er die Aufgaben von Kirche und Staat, aus welchen sich die Toleranzpflicht ergibt. Was diese konkret bedeutet, wird im zweitem Teil dargestellt. Im dritten Teil schließlich geht er noch weiter ins Detail und stellt die Rechte der Kirchen dar, bevor er im Anhang auf Sekten eingeht.[17]

3.2 Einleitung und die Aufgaben von Staat und Kirche

Wie bereits angesprochen, beginnt Locke seine Abhandlung mit der Feststellung, dass jede wahre Kirche tolerant sein müsse, und begründet dies anfangs rein theologisch. Denn eine Kirche, die den Geboten Jesu folgt, muss sich ganz und gar der Liebe und der Barmherzigkeit verschreiben, statt nach Macht, Einfluss und Reichtum zu streben. Der Kampf der Christen „muss an erster Stelle [...] gegen [ihre] eigenen Begierden und Laster“[18] geführt werden und nicht gegen die anderen Christen. Und wenn diese überzeugt werden sollen, dann durch gute Taten und Argumente und nicht durch Gewalt, da diese grundsätzlich dem Liebesgebot Jesu widerspricht. Diese theologische Begründung stützt er noch mit einer rein logischen, denn da der Mensch keinen Einfluss auf seine eigenen Überzeugungen hat, ist es sinnlos, ihn mit Gewalt zu einem bestimmten Glauben zwingen zu wollen.

[...]


[1] Friedrich der Große, Briefe an Voltaire; nach Peltzer, Das treffende Zitat, S. 681

[2] Nach Der große Duden, Fremdwörterbuch

[3] Artikel 4 und 5 Grundgesetz

[4] Gesetzt zur Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften

[5] Der Kalifatsstaat ist eine islamisch-fundamentalistische, verfassungsfeindliche Organisation in Deutschland, die kürzlich vom Bundesinnenministerium verboten wurde.

[6] Martin Luther, Von weltlicher Oberkeit, 1523; nach RGG Band 6, Spalte 1946

[7] Papst Bonifazius VIII; nach Skinner, The foundations of modern political thought, S. 115

[8] Francesko Suarez; nach Skinner, S. 138

[9] Gerson, ; ebd. S. 115

[10] Ebd. S. 145

[11] Die Sorbonnisten; ebd. S. 119

[12] Almain & Mair; ebd. S. 120

[13] „he is no judge in such affairs“, Brück, ebd. S. 198

3[14] Castellio und Bodin; ebd. S. 248

[15] Locke; Ein Brief über Toleranz, S. 3

[16] Euchnen, John Locke zur Einführung, S. 108

[17] Vgl. Ebbinghaus, S XXII – XXVI, in Locke, Ein Brief über Toleranz

[18] Locke; S. 3

Details

Seiten
15
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638304405
ISBN (Buch)
9783638748377
Dateigröße
486 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v28747
Institution / Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt – Lehrstuhl für Politikwissenschaft III
Note
1,0
Schlagworte
Toleranz Epistola Tolerantia John Locke Seminar Politischen Theorie

Autor

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Titel: Über die Toleranz - Die Epistola de Tolerantia von John Locke