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Aufbruchsstimmung in Bosnien-Herzegowina. Ein Wahrnehmungsspaziergang durch Sarajevo

von Lisa Fink (Autor)

Essay 2015 8 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Aufbruchsstimmung in Bosnien-Herzegowina

- Ein Wahrnehmungsspaziergang durch Sarajevo

Das Gebiet der heutigen Bundesrepublik Bosnien-Herzegowina hat seit jeher eine bewegte Geschichte. Man denke nur an die Eroberung Bosniens durch die Osma- nen, die das Land über Jahrhunderte hinweg geprägt haben und deren kulturelle Ein- flüsse auch heute noch deutlich sichtbar sind. Bosnien-Herzegowina war seit jeher ein Vielvölkerstaat, was zu reicher kultureller Vielfalt, jedoch auch immer wieder zu Konflikten geführt hat, wie etwa im Rahmen des Österreich-Konflikts, mit dessen ver- hängnisvollen Konsequenzen, in wiederholten Konflikten zwischen Bosniaken und bosnischen Serben oder während der Jugoslawienkriege, in deren Folge Bosnien die meisten Opfer zu beklagen hatte. Das 1992 zur Republik erklärte Bosnien- Herzegowina war niemals ein abgeschottetes Land, wie es etwa Albanien lange Zeit war, und grenzt von seiner Lage her nahe an Mitteleuropa, bzw. die mitteleuropäisch geprägten Staaten. Globalisierungs- und Europäisierungsprozesse dürften demnach auch vor diesem Land des nordwestlichen Balkans nicht Halt machen.

Im Rahmen einer dreiwöchigen Interrail-Reise im Sommer 2014 möchte ich der Frage nachgehen, wie sich mir als Backpackerin Europäisierungs- und Globalisie- rungsprozesse anhand von Wahrnehmungsspaziergängen, teilnehmender Beobach- tung und durch Gespräche zeigen. Es geht mir darum zu sehen, wo mir Europa, bzw. die Europäische Union, spontan ins Auge sticht und wo diese Aspekte - eventuell entgegen meiner Erwartungen - weniger zu finden sind. Da die Beobachtungen mei- ner dreiwöchigen Reise durch alle südosteuropäischen Staaten, bzw. "Balkan- Staaten", den Rahmen eines Essays sprengen würden, beschränke ich mich dabei auf Bosnien-Herzegowina, insbesondere jedoch auf die Hauptstadt Sarajevo, wo ich drei Tage verbringe. Am Rande können dabei auch Beobachtungen mit einfließen, die ich auf einem Ausflug in die herzegowinische Stadt Mostar und in den neun an- deren besuchten Balkanländern gesammelt habe.

Wie viel "Europa" oder EU finde ich in Bosnien-Herzegowina? Fühlen sich die Menschen dieses Landes als "Europäer", bzw. möchten sie sich als solche fühlen? Und wie kann ich als Backpackerin überhaupt "Europa" mit bloßem Auge erkennen? Bepackt mit diesen und ähnlichen Fragen begebe ich mich auf einen Spaziergang durch die Straßen und Altstadtgassen im Zentrum Sarajevos, das mit seinen knapp 500.000 Einwohnern die Hauptstadt der Republik Bosnien-Herzegowina darstellt. Spätestens in der Altstadt fällt es mir nicht schwer, den jahrhundertealten osmani- schen Einfluss zu erkennen. So nahe das Land auch an Mitteleuropa angrenzt, habe ich auf meinem Spaziergang durch die Altstadtgassen dennoch das Gefühl, durch die Gassen Antalyas oder einer anderen türkischen Stadt zu schlendern, angesichts des orientalischen Einflusses in der Architektur und der zahlreichen kleinen Geschäf- te, die etwa Obst, Teppichwaren, Tücher, Spielwaren, Tongefäße, Zinnkrüge und türkische Kaffee-Services, Schmuck, Flaggen mit dem Hilal sowie diverse andere Souvenirs anbieten. Bei einem türkischen Kaffee, einer bosnischen Spezialität, die zu verpassen ich mir als Touristin nicht erlauben kann, sitze ich zwischen älteren Herren, die auf mit orientalischen Teppichen belegten Sitzbänken vor den Cafés sit- zen und lautstark diskutieren und beobachte das rege Treiben in den Gassen, atme den Duft von Gewürzen und den Rauch der allgegenwärtigen Cevapcici-Grills ein und lasse mich in eine Welt aus 1001-Nacht versetzen. Über Lautsprecher rufen von den Minaretten die Muezzine aus sämtlichen Winkeln der Stadt zum Gebet. Bereits auf meiner Zugfahrt von Zagreb nach Sarajevo ist mir eine Besonderheit des Balkans aufgefallen: Zwischen den lieblichen - vermutlich auch von den Hochwassern - saftig- grünen Hügeln der nordbosnischen Landschaft liegen geradezu idyllisch die kleinen Dörfer aus rotem Ziegelstein, aus deren Mitte die Minarette der Moscheen emporra- gen - direkt neben den Kirchtürmen katholisch- oder orthodox-christlicher Kirchen. In Bosnien-Herzegowina leben, wie in vielen Ländern des Balkans, die verschiedenen Religionen und Glaubensrichtungen auf engstem Raum überwiegend konfliktfrei ne- beneinander. Ein iranisches Kulturzentrum liegt nur wenige Meter von einer christli- chen Kathedrale entfernt. Über einem riesigen Shoppingcenter prangt der Name Al Jazeera, wenige Straßen weiter finde ich die jüdische Synagoge. Dass Sarajevo auch den Beinamen "Jerusalem des Balkans" trägt, verwundert nicht. In dieser Stadt wird besonders deutlich, dass Globalisierungsprozesse nicht lediglich ein Phänomen heutiger Zeit sind. Wäre ich auf der Suche nach Aspekten der Multikonfessionalität oder der Multikulturalität, wäre diese Stadt für mich ein gefundenes Fressen.

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Details

Seiten
8
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783656878742
ISBN (Buch)
9783656878759
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v287636
Institution / Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck – Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie
Note
"keine"
Schlagworte
Bosnien-Herzegowina Sarajevo Europäisierung Globalisierung Euroa EU

Autor

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    Lisa Fink (Autor)

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