Lade Inhalt...

"Der arme Heinrich" von Hartmann von Aue. Analyse der Rollen des Mädchens und deren Funktion

Hausarbeit 2010 10 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Analyse der Rollen des Mädchens und deren Funktion

3. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die um 1200 verfasste Versnovelle „Der Arme Heinrich“ von Hartmann von Aue themati- siert die Erkrankung des jungen, wohlhabenden und höfisch-vorbildlichen Freiherrn Hein- rich an Aussatz und dessen Leidensgeschichte bis zu seiner letztendlichen Genesung. Der fürstengleiche, tugendhafte und vermögende Edelmann Heinrich, dessen Ruf und Le- ben âne alle missewende1 (V. 54) geschildert werden, erkrankt an Aussatz. Er begibt sich auf die Suche nach Heilungsmöglichkeiten und erfährt von einem Arzt in Salerno, dass das einzige Heilmittel, neben der Errettung durch Gott, das Herzblut eines jungen Mäd- chens diu vollen manbære (V.447) sei, welches sich ungezwungen bzw. freiwillig für ihn opfern müsse. Niedergeschlagen und hoffnungslos verschenkt Heinrich sein Hab und Gut und zieht sich auf seinen letzten Meierhof zurück, wo er von der, das Bauerngut bewirt- schaftenden Familie und insbesondere deren schöner Tochter mitleidvoll betreut wird. Nach drei Jahren berichtet er den Meiersleuten von der Möglichkeit zur Genesung und das junge Mädchen beschließt, sich für Heinrich zu opfern, ergo ihr Herzblut zu geben und für ihn zu sterben. Zweifelnd und zögernd stimmt Heinrich zu und fährt mit der maget erneut zum Salerner Arzt. Als Heinrich durch einen Spalt in einer Wand das nackte und gebun- dene Mädchen erblickt, besinnt er sich um und verhindert, trotz ihres heftigen Widerstan- des, die Opfergabe. Auf der Heimreise wird Heinrich durch einen Eingriff Gottes von sei- ner Krankheit erlöst und heiratet abschließend das Bauernmädchen.

Neben dem eigentlichen Protagonisten der Erzählung, dem Freiherrn Heinrich, ist das Bauernmädchen die zweite Figur, die den relativ handlungsarmen Erzählablauf durch die verschiedenen Rollen, die sie im Verlauf der Versnovelle einnimmt, in entscheidender Weise mitbestimmt und durch ihre Argumentation und Initiative deutlich in den Vorder- grund tritt; trotzdem bleibt es, im Vergleich mit anderen bedeutsamen, beigestellten Figu- ren Hartmann von Aues, wie der Enite im „Erec“ oder der Lunete und Laudine im „Iwein“, auffälligerweise namenlos. Die ihr auf diesem Wege von der narrativen Instanz zugeschriebene Anonymität weist ihr prinzipiell eine untergeordnete Position bzw. eine Nebenrolle in der Erzählung zu, die dem eigentlichen Handlungsverlauf widerspricht.

In der daliegenden Arbeit soll dieser Widerspruch anhand einer Analyse der verschiede- nen Rollen, die die maget im Verlauf der Versnovelle einnimmt, untersucht und belegt, wie auch die Funktion des Mädchens als weitere Protagonistin neben Heinrich und ihr bedeutender Einfluss in Bezug auf den Ablauf der Erzählung herausgearbeitet werden.

2. Analyse der Rollen des Mädchens und deren Funktion

Hartmann von Aues „Der Arme Heinrich“ wird eingeleitet durch einen kurzen, nur 28 Verse umfassenden, Prolog, in dem sich der Autor selbst vorstellt und seine Absicht, eine von ihm entdeckte Geschichte zu erzählen, mitteilt. Anschließend wird der Protagonist der Versnovelle, der fürstengleiche Edelmann Heinrich, mit all seinen Vorzügen dargestellt und sein glückliches, vollkommenes, makelloses Leben beschrieben. Nach nur 81 Versen ist der erste Wendepunkt der Ereignisse festzumachen, denn Heinrichs höfisch- vorbildliche Existenz findet ein jähes Ende und sîn hochmuot wart verkêret / in ein leben gar geneiget (V. 82-83); er wird vom Aussatz befallen. Der genaue Grund für den Aus- bruch der Krankheit wird vom Erzähler allerdings nicht genannt und auch der aktuelle Stand der Forschung kann nicht mit Sicherheit feststellen bzw. nachweisen, ob es nun Strafe oder Prüfung Gottes ist. Einerseits legt der Blick auf das von Hartmann von Aue aufgegriffene, biblische Absalom-Gleichnis nahe, Heinrichs Fall als Strafe Gottes zu in- terpretieren. Andererseits dominiert in der Erzählung, soweit Vergleiche zu biblischen Figuren herangezogen werden, die Hiobsfigur, was für eine Auslegung der Krankheit als gottgegebene Prüfung spricht, wie bereits Kurt Ruh in seinen Arbeiten verdeutlichte.2

Mit der Hoffnung auf seine baldige Genesung macht sich Heinrich auf den Weg nach Montpellier, wo er bitterlich enttäuscht wird. Anschließend fährt der Freiherr nach Salerno und macht dort einen Mediziner ausfindig, der ihm eine Heilungsmöglichkeit, die die ein- zige neben der Errettung durch Gott sei, mitteilen kann; die erste implizite Erwähnung des Bauernmädchens bzw. das Anlegen ihrer Handlungsrolle durch die narrative Instanz: ir müeset haben eine maget diu vollen manbære und des willen wære, daz si den tôt durch iuch lite. (V. 224-227)

Allerdings ist es noch kein konkretes, kein bestimmtes Individuum, nicht das Mädchen der Meiersfamilie, sondern vorerst nur eine beliebige, opferungsbereite, heiratsfähige Jung- frau, deren Anonymität zu diesem Zeitpunkt konstitutives Moment sein muss. Zu betonen ist, dass Heinrich selbst nichts dazutun kann, das Heilmittel zu gewinnen, da dessen Wirk- samkeit auf der Freiwilligkeit der Opfergabe basiert; „der Raum für eine zweite Hauptfi- gur ist abgesteckt“3, auch wenn noch nicht feststeht, dass dieser auch gefüllt wird.

Die erste explizite Nennung des Mädchens findet sich noch einmal circa 70 Verse später, nachdem von Heinrichs Klage, dem Verschenken seiner Güter und seinem Rückzug auf den Meierhof in einem sehr gerafften Erzählstil berichtet wurde. Der Bewirtschafter des Bauerngutes hat wohl mehrere schöne Kinder, diu gar des mannes vreude sint, unde hete, sô man saget, under den eine maget, ein kint von ahte jâren. (V. 300-303)

Nach dieser kurzen Vorstellung erfährt der Rezipient genaue Charaktereigenschaften, die die maget in der Rolle der Tochter auszeichnen: sie ist güetlîchen (V. 205), genæme (V. 311) und dazu noch wætlîche (V. 314), Attribute, die ihrem eigentlich niederen Stand als Bauernmädchen widersprechen, da vor allem die Schönheit in den höfischen Texten dieser Zeit, wie von Hartmut Freytag belegt, dem höfischen Adel vorbehalten war. Hier muss sie als Verweis auf den Schöpfer und die von ihm gegebenen körperlichen Eigenschaften ver- standen werden.4 Auch in ihrem Verhalten unterscheidet sich das Mädchen sehr von den anderen Personen, die Heinrich umgeben, da sie wider Erwarten eine der wenigen ist, die ihn aufgrund des Aussatzes und dem daraus resultierenden körperlichen Verfall nicht mei- den. Ganz im Gegenteil kümmert sie sich mit reiner kindes güete (V. 322) liebevoll um den Freiherrn und ist ihm derart zugewandt, daz man sî zallen zîten vant / under sînem vuoze (V. 324-325). Schon zu diesem Zeitpunkt ist das, von Heinrich aus ihrer ständischen Anonymität herausgerissene Mädchen zur zweiten Hauptfigur bestimmt und der Rezipient kann erkennen, dass es etwas Besonderes - inwiefern ist noch nicht bekannt - sein muss und somit trotz ihrer Anonymität den Handlungsverlauf entscheidend beeinflussen kann. Dieselbe Aufmerksamkeit, die der Adressat der Erzählung ab dieser Szene dem Mädchen schenkt, bekommt es auch von Heinrich. Er vermacht ihr swaz kinden liep solde sîn (V. 337), spiegel unde hârbant (V. 336) und auch gürtel unde vingerlîn (V. 338), Präsente, die einen eindeutigen erotischen Bezug nicht verleugnen lassen und der maget erstmals ihre zweite Rolle als Zugesprochene Heinrichs eröffnen. Dieser Zusammenhang wird im Ver- gleich von der Leithandschrift A mit der B-Fassung noch signifikant verstärkt, wie Hans- Jochen Schiewer nachgewiesen hat.5 In der B-Fassung muss der Freiherr sich sehr zurück- halten, das Mädchen nicht zu küssen, als er von ihrem Opferungsentschluss erfährt.

[...]


1 Sämtliche Zitate aus Hartmann von Aues „Der Arme Heinrich“ sind entnommen: Hartmann von Aue: Der Arme Heinrich, hrsg. v. Hermann Paul, 17. Aufl., Tübingen 2001 [ATB 3].

2 vgl. Kurt Ruh: Hartmanns ‚Armer Heinrich‘. Erzählmodell und theologische Implikation, in: Kleine Schriften. Band I. Dichtung des Hoch- und Spätmittelalters, hrsg. v. Volker Mertens, Berlin 1984, S. 34-35.

3 Christoph Cormeau/Wilhelm Störmer: Hartmann von Aue. Epoche - Werk - Wirkung, 3. erg. Aufl., München 2007, S. 153.

4 vgl. Hartmut Freytag: Ständisches, Theologisches, Poetologisches. Zu Hartmanns Konzeption des ‚Armen Heinrich‘, in: Euphorion 81 (1987), S. 244.

5 vgl. Hans-Jochen Schiewer: Acht oder Zwölf. Die Rolle der Meierstochter im ‚Armen Heinrich‘ Hartmanns von Aue, in: Literarisches Leben. Rollenentwürfe in der Literatur des Hoch- und Spätmittelalters, hrsg. v. Matthias Meyer/Hans-Jochen Schiewer, Tübingen 2002, S. 653.

Details

Seiten
10
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656879435
ISBN (Buch)
9783656879442
Dateigröße
418 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v287706
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Institut für Deutsche Literatur und ihre Didaktik
Note
13 Punkte
Schlagworte
Hartmann von Aue Der arme Heinrich Analyse Rolle des Mädchens maget

Autor

Zurück

Titel: "Der arme Heinrich" von Hartmann von Aue. Analyse der Rollen des Mädchens und deren Funktion