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Männer und Minijob. Vom Normalarbeitsverhältnis zur prekären Erwerbsarbeit

Essay 2012 6 Seiten

Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation

Leseprobe

Stünde man vor der Aufgabe, sich einen richtig typischen Mann in seinem ganzen Ursprung vorzustellen, so hätte man bald ein Bild im Kopf: Einen Mann, der schwer arbei- tet, tagelang schwitzt und ackert, um seine Familie zu ernähren. Das ist es, was wir uns unter einem richtigen Mann vorstellen. Früher, zu Zeiten der Industrialisierung und auch in der Moderne, war dieses Bild gang und gäbe. Doch auch wenn es heute noch in unse- ren Köpfen fortlebt, so ist es nicht mehr das, was wir tagtäglich im 21.Jahrhundert in wohlhabenden Industrienationen zu Gesicht bekommen. Stattdessen führen Transforma- tionsprozesse seit den 70er Jahren mehr und mehr zu einer weniger vollzeitlich kontinu- ierlichen Erwerbsarbeit1. Das lange Zeit bewährte industriegesellschaftliche Normalar- beitsverhältnis wird im Rahmen betrieblicher Rationalisierungsstrategien abgebaut - eine Folge von Ökonomisierung und Vermarktlichung2. Die reguläre, 'normale' Erwerbs- arbeit wurde und wird immernoch mit einer Ausübung spezifischer Sicherheitsgarantien und Rechtsansprüche in Verbindung gebracht, die eine stabile gesellschaftliche Status- position begründen3. Statt ihrer breiten sich „prekäre Erwerbsformen wie Zeit- und Leiharbeit, befristete Beschäftigung, Minijobs, abhängige Selbstständigkeit oder Teil- zeit“4 aus. Diese gelten zumeist als prekär, da sie die für ein „Normalarbeitsverhältnis charakteristischen sozialen, rechtlichen und betrieblichen Standards“5 unterschreiten. Demzufolge kann von prekärer Arbeit gesprochen werden, „wenn sich die Erwerbslage von anderen, als 'normal' oder 'regulär' wahrgenommenen Beschäftigungsverhältnissen durch strukturelle Benachteiligungen unterscheidet, die den Zugang zu Ressourcen und Rechten sowie die Zuschreibung von Anerkennung betreffen“6. Darin inbegriffen sind soziale Unsicherheitserfahrungen, die desintegrierend wirken und befristete Arbeitsver- träge, die eine längerfristige Planungssicherheit für den eigenen Lebensentwurf blockie- ren7. Prekäre Arbeit kann zu einer berufsbiographischen Bedrohung heranwachsen, die Unsicherheit und Diskontinuität schafft und letztendlich soziale Desintegration begünstigt8. Für die Männer unserer Gesellschaft kann dieser Wandel auf dem Arbeitsmarkt eine immense Bedeutung mit sich bringen. Trotz der Erosion des Normalarbeitsverh ä ltnisses und der damit einhergehenden finanziellen Unsicherheit, halten M ä nner an diesem Punkt der Identit ä tsbildung fest, was zu Unsicherheiten in der Identit ä tsbildung von M ä nnern führen kann. Zuweilen wird dieser Vorgang als 'Krise der Männlichkeit' bezeichnet9. Michael Meuser charakterisiert ein spezifisches Männlichkeitskonstrukt, das sich zu Zeiten der Industrialisierung herausbildete, wie folgt: „eine Ausrichtung auf lebenslange, kontinuierliche und die materielle Existenz sichernde Erwerbsarbeit, eine hohe Identifikation mit dem Beruf […]. In seinem Kern ist das Männlichkeitskonstrukt von einer Berufsorientierung bestimmt, während die Familienorientierung sekundär ist. Gleichwohl aber sind Beruf und Familie über die Position des Familienernährers in einer hierarchisierenden Weise miteinander verknüpft“10. Dieses Männlichkeitskonstrukt ist sehr zählebig und die Erwerbsarbeit bildet nach wie vor den zeitlichen Schwerpunkt im Leben eines Mannes. Grundlegend hat sich an diesen Vorstellungen von Arbeit und Leben nichts geändert, auch wenn Männer mittlerweile deutlich präsenter in Haushalt und Familie sind11. Im Rahmen einer Studie über mittlere Führungskräfte fanden Behnke und Liebold heraus, dass die interviewten Personen Arbeit als etwas 'Gesamtes' sehen - Arbeit und Leben sollen sich gegenseitig durchdringen. Im Gegensatz dazu bildet die Familie für den arbeitenden Mann eine emotionale Absicherung, Kontrollinstanz, Sinnstiftung und soziale Ressource12.Mithilfe der Erwerbsarbeit ist es dem Individuum möglich, sich im sozialen Raum zu positionieren. Die Erwerbsarbeit hat für den Einzelnen demnach eine identitätsstiftende Bedeutung13. Vorrangig im Bereich der Ausbildungs- und Berufslaufbahn werden Identität und Geschlecht entworfen. So kann der Verlust von Erwerbsarbeit durchaus zu einer Verunsicherung von männlicher Identität führen14.

[...]


1 Vgl. Scholz, Sylka, Männer und Männlichkeiten im Spannungsfeld zwischen Erwerbs- und Familienarbeit, in: Aulenbacher, Brigitte/Wetterer; Angelika (Hg.): Arbeit. Perspektiven und Diagnosen der Geschlechterforschung. Münster: Westfälisches Dampfboot, 2009, S.83.

2 Ebd., S.83.

3 Vgl. Kraemer, Klaus u.a., Prekarisierung von Erwerbsarbeit. Zur Transformation des arbeitsweltlichen Integrationsmodus, in: W.Heitmeyer u. P.Imbusch (Hg.), Integrationspotenziale einer modernen Gesellschaft. Analysen zu gesellschaftlicher Integration und Desintegration, Wiesbaden 2005, S.373.

4 Scholz, Sylka, Männer und Männlichkeiten im Spannungsfeld zwischen Erwerbs- und Familienarbeit, in: Aulenbacher, Brigitte/Wetterer; Angelika (Hg.): Arbeit. Perspektiven und Diagnosen der Geschlechterforschung. Münster: Westfälisches Dampfboot, 2009, S.83.

5 Kraemer, Klaus u.a., Prekarisierung von Erwerbsarbeit. Zur Transformation des arbeitsweltlichen Integrationsmodus, in: W.Heitmeyer u. P.Imbusch (Hg.), Integrationspotenziale einer modernen Gesellschaft. Analysen zu gesellschaftlicher Integration und Desintegration, Wiesbaden 2005, S.375.

6 Ebd., S.379.

7 Vgl. ebd., S.379.

8 Vgl. Kraemer, Klaus u.a., Prekarisierung von Erwerbsarbeit. Zur Transformation des arbeitsweltlichen Integrationsmodus, in: W.Heitmeyer u. P.Imbusch (Hg.), Integrationspotenziale einer modernen Gesellschaft. Analysen zu gesellschaftlicher Integration und Desintegration, Wiesbaden 2005, S.380.

9 Vgl. Scholz, Sylka, Männer und Männlichkeiten im Spannungsfeld zwischen Erwerbs- und Familienarbeit, in: Aulenbacher, Brigitte/Wetterer; Angelika (Hg.): Arbeit. Perspektiven und Diagnosen der Geschlechterforschung. Münster: Westfälisches Dampfboot, 2009, S.82.

10 Ebd., S.83.

11 Vgl. ebd., S.84.

12 Vgl. ebd., S.84f.

13 Vgl. Kraemer, Klaus u.a., Prekarisierung von Erwerbsarbeit. Zur Transformation des arbeitsweltlichen Integrationsmodus, in: W.Heitmeyer u. P.Imbusch (Hg.), Integrationspotenziale einer modernen Gesellschaft. Analysen zu gesellschaftlicher Integration und Desintegration, Wiesbaden 2005, S.370f.

14 Vgl. Scholz, Sylka, Männer und Männlichkeiten im Spannungsfeld zwischen Erwerbs- und Familienarbeit, in: Aulenbacher, Brigitte/Wetterer; Angelika (Hg.): Arbeit. Perspektiven und

Details

Seiten
6
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656878926
ISBN (Buch)
9783656878933
Dateigröße
434 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v287707
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
1,3
Schlagworte
männer minijob normalarbeitsverhältnis erwerbsarbeit

Autor

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Titel: Männer und Minijob. Vom Normalarbeitsverhältnis zur prekären Erwerbsarbeit