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Bhutan. Mit der Politik zu nachhaltigem Glück

Im Land des Donnerdrachen

Essay 2014 9 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Ferner Osten

Leseprobe

Im Land des Donnerdrachen

Mit der Politik zu nachhaltigem Glück

„Um Glück zu empfinden, muss man bereit sein, sich zu öffnen, und in sich zu ruhen.“1 In einer Zeit, in der die Menschen der Auffassung sind, ihr Schicksal selbst bestimmen zu können, suchen sie nun auch das Glück auf eigene Faust. Aber was ist Glück? Er- fahren wir Glück und Zufriedenheit durch materielle Werte, etwa eine Gehaltserhö- hung, das neueste Mobiltelefon oder den Urlaub auf der eigenen Yacht - schlichtweg Erfolg, Besitz und Wohlstand? Oder besinnen wir uns auf die immateriellen Werte, wie Liebe, Freude und Freundschaft? Können wir Glück vielleicht nur erfahren, wenn wir uns von all diesen Bedürfnissen lösen? In Deutschland ist die Suche nach dem eigenen Glück zum Trend geworden. Glücksratgeber halten sich seit Jahren in den Bestsellerlisten, jeder strebt und sehnt sich nach dem eigenen Glück, hofft auf einen zufälligen Glücksmoment im eigenen Leben. Dabei wird eines ganz offensichtlich - Glück bedeutet für jeden etwas anderes. Und jeder erlangt sein Glück auf eigene Weise.

Ist es im Sinne dieser modernen Subjektivierung des Glücks überhaupt möglich, Glück durch Politik bewirken zu wollen? Wenn Glück zum Staatsziel erklärt wird, muss dann nicht zunächst feststehen, was Glück bedeutet?

In der Antike war Glück mit dem Streben nach einem tugendhaften Leben verbunden. Dies war in Sokrates Augen ein für alle Menschen erreichbares Ziel, unabhängig von ihrem gesellschaftlichen Stand oder Besitz. Platon verknüpfte eine glückliche Lebens- führung mit der Verpflichtung an Gerechtigkeit. Zudem speist sich die Seele nach Aristoteles aus Vernunft, Mut und Trieben. Sind alle drei Seelenteile im Gleichge- wicht, so ist der Mensch glücklich. Und für Aristoteles ist Glück aus mehreren Be- standteilen zusammengesetzt, wozu zum einen die geistige Betätigung gehört, aber auch die äußeren Lebensbedingungen. Mit Diogenes und Pyrrhon von Elis begründete sich das Streben nach Glück erstmals auf Verzicht. Während ersterer der materiellen Welt entsagte, bezog sich der Verlust bei Elis auf den der sicheren Erkenntnis - der Weg zum Glück sollte ‚meinungsfrei‘ sein. Das stoische Glück hingegen entspringt der menschlichen Vernunft, die in Harmonie mit der Ordnung des Kosmos ist. Seneca hat seine Gedanken zum stoischen Glück folgendermaßen formuliert:

„Wer die Einsicht besitzt, ist auch maßvoll; wer maßvoll ist, auch gleichmütig; wer gleichmütig ist, lässt sich nicht aus der Ruhe bringen; wer sich nicht aus der Ruhe bringen lässt, ist ohne Kummer; wer ohne Kummer ist, ist glücklich: also ist der Ein- sichtige glücklich, und die Einsicht reicht aus für ein glückliches Leben!“2 Mit der Neuzeit und damit einhergehend dem Zeitalter der Aufklärung wurde insbe- sondere das Glückskonzept von Jeremy Bentham populär. Bentham (*1748, †1832) war ein englischer Philosoph und insbesondere Sozialreformer. Er zählt zu den wich- tigsten Vordenkern des Wohlfahrtsstaates, des Liberalismus und der Demokratie. Das ‚Prinzip der Nützlichkeit‘, das sich aus dem von Bentham gegründeten Utilitarismus ergibt, fand nicht nur Einzug in die Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika, sondern war ebenso bei der Französischen Revolution von Bedeutung. Dieses ‚Prinzip der Nützlichkeit‘ basiert auf den zwei Säulen der Lust (Freude, Glück) und Unlust (Schmerz, Leid). Ziel des Utilitarismus und damit wesentliches Unterscheidungsmerk- mal moralisch richtigen Handelns ist die Förderung des größten Glücks der größten Zahl der Bürger. Glück bezieht sich im utilitaristischen Sinne demnach auf das Ge- samtwohl des Volkes. Unter dem Prinzip der Nützlichkeit ist also mithin „jenes Prinzip zu verstehen, das schlechthin jede Handlung in dem Maß billigt oder missbilligt, wie ihr die Tendenz innezuwohnen scheint, das Glück der Gruppe, deren Interesse in Frage steht, zu vermehren oder zu vermindern, oder […] dieses Glück zu befördern oder zu verhindern“3. Das Gesamtwohl bzw. Gemeininteresse des Volkes bricht Bentham auf die aggregierten Einzelinteressen der Individuen hinunter. Demzufolge muss man wis- sen, was die Interessen des Einzelnen sind. Das Individuum handelt in Benthams Vor- stellung aus aufgeklärtem Eigeninteresse, und strebt dabei nicht nur die Erfüllung des eigenen Glücks an, sondern bedenkt auch die Konsequenzen seiner Handlung für alle weiteren Einzelpersonen, die davon betroffen wären. Wenn eine Handlung dem ‚Prin- zip der Nützlichkeit‘ entspricht, dann ist die ihr innewohnende Tendenz, das Glück der Gemeinschaft zu vermehren, größer als irgendeine andere ihr innewohnende Tendenz, es zu vermindern.

Der Gesetzgeber ist nach Bentham nun angehalten, die Lust seiner Bürger zu fördern und ihre Unlust zu vermeiden, um sie möglichst glücklich zu machen. Wie groß der Wert einer Lust oder Unlust ist, lässt sich seines Erachtens nach an verschiedenen Kri- terien, wie bspw. der Intensität, der Dauer und der Gewissheit, ermessen. Ausgehend vom Individuum könnten auf diese Weise Rückschlüsse auf die Gesellschaft gezogen werden. Es wäre unrealistisch, dieses Verfahren vor jeder Entscheidung des Gesetz- gebers durchzuführen, aber es sollte stets im Blick sein, so Bentham. Was aber für den einen Lust und mithin Glück bedeutet, kann ein anderer schon längst als Leid und Unglück empfinden. Wie soll der Gesetzgeber nun entscheiden, welche Handlung die richtige ist, um die größtmögliche Zahl an Bürgern glücklich zu machen?

Zunächst gab Bentham zur Erreichung dieses Ziels keine besondere politische Ord- nungsform vor. Durch den Austausch mit seinem Schüler John Stuart Mill gelangte er jedoch schlussendlich zu der Erkenntnis, dass die Demokratie die optimalste Herr- schaftsform zur Erlangung des Glücks aller wäre. Diese sollte auf allgemeine Wahlen, bestmöglicher Transparenz der Regierungsarbeit, sowie Meinungs- und Pressefreiheit beruhen. Bentham unterschied vier staatliche Gewalten. Das Volk als Konstitutive hatte die oberste Gewalt neben der Legislative, der Judikative und der Exekutive. Bent- ham war bewusst, dass eine direkte Demokratie keine realistische Möglichkeit bot, um die Interessen aller zu vereinigen. Dafür brauchte es Volksvertreter, aber ihm war klar, dass politische Macht auch immer die Gefahr des Machtmissbrauchs und der Korrup- tion birgt, weshalb er verschiedene verfassungsrechtliche Kontrollmechanismen er- sann, um die politischen Machthaber an das Glück des Volkes statt ihren persönlichen Eigennutz zu binden. Dazu gehörten unter anderem recht kurze Wahlperioden und auch die Möglichkeit, einen Abgeordneten jederzeit abzuwählen, wenn er nicht den Interessen der Bürger entsprach.

[...]


1 Zitat von Alain Delon (*1935), frz. Filmschauspieler

2 Aristoteles, Nikomachische Ethik X, 7 (1177 a 19f.)

3 Bentham, Jeremy, Eine Einführung in die Prinzipien der Moral und der Gesetzgebung, in: Ethik I, Hirschgraben Verlag, Frankfurt 1981, S.18.

Details

Seiten
9
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656884910
ISBN (Buch)
9783656884927
Dateigröße
578 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v287708
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
1,7
Schlagworte
bhutan politik glück land donnerdrachen

Autor

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