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Die Argumentforderung des Verbs "hören"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 21 Seiten

Germanistik - Semiotik, Pragmatik, Semantik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Argumentforderung des Verbs hören
2.1 Korpusstudie: Aufbau und Durchführung
2.2 Empirische Befunde
2.3 Selektionsrestriktionen und Kombinatorik
2.3.1 Lexikoneintrag des Verbs hören
2.3.2 Präkategoriales vs kategoriales Hören
2.3.3 Kompositionalität
2.3.4 Generatives Lexikon
2.3.4 Zwei-Ebenen-Semantik

3. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Zusammenhang zwischen Semantik und Pragmatik bei der Interpretation komplexer Ausdrücke steht heutzutage im Mittelpunkt der sprachwissenschaftlichen Diskussion. Mehrere Theorien nehmen sich zum Ziel, der Frage nachzugehen, wie die Satzbedeutung, die laut dem Kompositionalitätsprinzip erfasst wird, pragmatisch bereichert werden kann und welche pragmatischen Anpassungsmechanismen die Interpretation der komplexen Ausdrücke erlauben, deren Bedeutung nicht kompositionell hergeleitet werden kann.

Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem Problem der Argumentforderung des Verbs hören.

Das Verb hören bedeutet „akustisch wahrnehmen“ und soll dementsprechend Argumente erfordern, die Geräusche oder Töne repräsentieren. Der Satz unter (1) liefert ein Beispiel dafür, wie die Bedeutung des Satzes laut dem Kompositionalitätsprinzip hergeleitet wird: Das Argument Klingeln bezeichnet ein Geräuschereignis und erfüllt dadurch die Typanforderung des Prädikats, deswegen können das Prädikat und sein Argument mittels Funktionaler Applikation miteinander kombiniert werden.

(1) Maria hört das Klingeln.
(2) Paul hört den Hund.
(3) Peter hört das Buch.

Bespiele (2) und (3) zeigen aber, dass das Verb hören auch Nomen-Referenten erlaubt, die Gegenstände denotieren: Hund, Buch.

Da die traditionellen Ansätze zur Kompositionalität keinen kombinatorischen Mechanismus vorsehen, der den Typenkonflikt umgehen könnte, stellt sich die Frage, wie solche ungrammatischen Beispiele interpretiert werden.

Eine mögliche Lösung bietet die von Pustejovsky entwickelte Theorie des Generativen Lexikons (GL). Es wird angenommen, dass durch einen Typenkonflikt zwischen dem Prädikat und seinen Argumenten die Uminterpretation der Argumente ausgelöst wird. Beispiele (2) und (3) werden durch den gleichen Mechanismus interpretiert, und zwar: Type-Coercion.

Vergleicht man aber Beispiele (2) und (3), stellt man fest, dass wir einen Hund mit systematischer Geräuschproduktion assoziieren. Im Fall Buch fehlt dagegen eine solche Assoziation, und man braucht ein spezielles Wissen, um diesen Ausdruck zu verstehen. Außerdem hat Beispiel (3) mindestens zwei Lesarten:

(3a) Peter hört das Hörbuch.

(3b) Ich hört das Buch rascheln.

In Rahmen der Zwei-Ebenen-Theorie der Semantik (Bierwisch, Lang, Maienborn) kann hören als ein semantisch unterspezifiziertes Prädikat analysiert werden, das auf der Ebene der semantischen Form über eine Kernbedeutung verfügt, die auf der Ebene der konzeptuellen Struktur durch das Weltwissen spezifiziert wird.

In dieser Studie wird ein Versuch untergenommen, die Bedeutung des Verbs hören mit dem Interpretationsspielraum in Rahmen der vorgestellten Theorien zu skizzieren Die wissenschaftliche Grundlage dieser Arbeit bilden Aufsätze von Pustejovsky, Bierwisch, Lang und Maienborn. Das angeschnittene Problem der Semantik-Pragmatik-Schnittstelle wird mittels einer Korpusrecherche untersucht.

Dementsprechend ist die vorliegende Arbeit folgenderweise gegliedert: Nach einer kurzen Einleitung werden in Kapitel 2 der Aufbau, die Durchführung und die Ergebnisse der durchführten Korpusrecherche vorgestellt, die empirischen Befunde werden diskutiert. Des Weiteren folgt der Versuch, die Semantik des Verbs hören in Rahmen der genannten Theorien formal darzustellen.

In der Zusammenfassung werden die wichtigsten Ergebnisse der Arbeit aufgelistet. Es wird auch unter anderem auf die Fragen und Problemfälle eingegangen, die im Laufe der Arbeit nicht gelöst werden konnten und ein Untersuchungsfeld für weitere Arbeiten bieten.

2. Argumentforderung des Verbs hören

2.1 Korpusstudie: Aufbau und Durchführung

In diesem Kapitel wird eine Reihe von Daten präsentiert, die in einer empirische Untersuchung in den Textkorpora des Instituts für deutsche Sprache (IDS-Mannheim) mittels Recherchetool COSMAS II erfasst worden sind. Das Ziel der Untersuchung ist es, die Argumentforderung des Verbs hören unter die Lupe zu nehmen, dabei stehen folgende Fragen im Vordergrund:

Mit welchen Objekt-Referenten tritt das Verb hören auf?

Wie lassen sich diese systematisieren?

Wie lässt sich der Interpretationsspielraum abstecken?

Auf solche Weise sind für die Untersuchung die Beispielsätze relevant, die folgende Wortgruppe enthalten: hören + Akkusativ-Objekt.

Entsprechend der Fragestellung wurde das Korpus ausgewählt und die Suchanfragen wurden modelliert.

Zwecks Optimierung der Suche musste man auf folgende Formen des Verbs hören verzichten: gehört und hörtest. Der Grund für diese Entscheidung ist die Ambiguität dieser Formen, die eine große Anzahl an Fehltreffer verursacht und somit die Analyse der Daten erschwert.

Außerdem wurden folgende Belege aussortiert, um den Einfluss der Störfaktoren (Modalität der Aussage, nicht-wörtliche Verwendung) auf die Ergebnisse zu verhindern.

Infinitivkonstruktionen

Passivkonstruktionen und Konkurrenzformen des Passivs: sein + zu + Infinitiv, es gibt + zu + Infinitiv, sich lassen + Infinitiv, bekommen + zu + Infinitiv, kriegen + zu + Infinitiv Einbettung unter Modalverben Reflexive Verwendung (hört sich gut) Partikelverben (anhören, zuhören) Weitere Bedeutungen des Verbs hören (Zeugen hören, von jmd. hören)

Idiomatische Ausdrücke (eine Stecknadel fallen hören, Steine vom Herzen fallen hören, das Gras wachsen hören, die Spinnen weben hören).

Die Ergebnisse der durchgeführten Korpusrecherche wurden in einer Datenbank zusammengefasst, die 200 Beispielsätze und entsprechende Quellenangaben enthält. Diese ausgewählten Beispielsätze bilden die empirische Basis der vorliegenden Projektarbeit.

2.2 Empirische Befunde

Im Folgenden werden die ausgewählten Resultate der Korpusstudie vorgestellt, dabei wird ein Versuch unternommen, die in der empirischen Untersuchung erhobene Argumente des Prädikats hören zu systematisieren. Als Hauptkriterien der Klassifizierung dienen folgende Faktoren:

Ontologische Kategorie des Arguments
Akustische Wahrnehmbarkeit des Arguments

Die Analyse der empirischen Befunde lässt auf folgende drei Klassen der Argumente schließen:

1) Ereignisse (akustisch wahrnehmbar)
2) Gegenstände (keine direkte Wahrnehmung möglich)
3) Informationsgehalte (kein direkte akustische Wahrnehmung möglich)

Zunächst einige Erläuterungen zu Argumenten der Ereignis-Klasse. Den Argumenten dieser Gruppe ist eigen, dass sie Ereignisse repräsentieren und direkt wahrnehmbar sind: Klingeln, Klappern, Rauschen, Küssen, Explosion. In Bezug auf ihre Wahrnehmbarkeit lässt sich folgendes festhalten: Unter den Belegen finden sich sowohl Ereignisse, die Geräusche konstituieren: Klappern, Rauschen, Rascheln, als auch Ereignisse, die systematisch Geräusche produzieren: Küssen, Explosion. Sätze (4) - (6) liefern Belege für Argumente vom Typ Ereignis.

(4) Er hörte das Klappern der Münzen in seinem Hut, jedes Geldstück hatte einen eigenen Klang, und er konnte sie alle unterscheiden. (Mannheimer Morgen, 22.06.1991, Unterhaltung; Unter dem Brückenbogen)

(5) Eines Abends kam der König spät nach Hause; als er an der Tür des Kammerdieners vorbei in sein Zimmer gehen wollte, hörte er das Küssen und machte die Tür auf. (Mannheimer Morgen, 21.10.1995, Unterhaltung; Europäische Märchen)

(6) Aus der Ferne hört man das Brüllen der Löwen, die bestimmt sind, Christen zu zerfleischen. (Mannheimer Morgen, 18.06.1991, Feuilleton; Flammen züngeln, Löwen brüllen)

Der zweiten Klasse der Argumente können folgende Argumente zugeordnet werden: Wecker, Geige, Hund, Glocken, Meer, Autobahn, Ferrari-Motor, Buch. Diese Argumente bezeichnen physische Gegenstände und sind deswegen an und für sich unserer akustischen Wahrnehmung unzugänglich, werden aber mit einer systematischen Geräuschproduktion assoziiert. Die mit den Argumenten durch Assoziation verlinkte Geräuschereignisse können dagegen wahrgenommen werden, z.B. Glocke – Läuten, Schlagen, Meer – Rauschen etc. (Beispiele (7) und (8))

(7) Glocken hört man zwar alle Tage, aber selten bekommt man sie zu sehen. (Mannheimer Morgen, 23.11.1996, Lokales; Kraftakt in luftiger Höhe)

(8) Ferrari ist für mich wie ein Virus. Nur schon, wenn ich einen Ferrari-Motor höre, überkommt mich ein anderes, fast nicht zu beschreibendes Gefühl. (St. Galler Tagblatt, 04.01.2001, Ressort: RT-SPO (Abk.); Für einmal zählt der Charakter)

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Details

Seiten
21
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656879954
ISBN (Buch)
9783656879961
Dateigröße
581 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v287794
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
1,3
Schlagworte
Coercion Zwei-Ebenen-Semantik Pustejovsky Generative Lexicon Argumentforderung Perzeptionsverben

Autor

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Titel: Die Argumentforderung des Verbs "hören"