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Prüfungsangst bei Schülern

Eine exemplarische Vergleichsstudie zwischen Grundschülern und Hauptschülern

Examensarbeit 2009 84 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Teil 1 – Theoretische Grundlagen

1. Manifeste Angst
1.1 Der Begriff Angst
1.1.1 Verschiedene Definitionen von Angst
1.1.2 Unterscheidung zwischen Angst und Furcht
1.1.3 Definition von Ängstlichkeit
1.2 Aufbau von Angst – Verschiedene Komponenten von Angst
1.3 Angst in Bezug auf Prüfungsangst

2. Prüfungsangst
2.1 Begriffsklärung
2.2 Synonyme Begrifflichkeiten
2.2.1 Bewertungsangst
2.2.2 Leistungsangst
2.3 Formen von Prüfungsangst
2.4 Normale und neurotische Prüfungsangst

3. Theoretische Modelle zur Prüfungsangst
3.1 Angst als sekundärer Trieb mit leistungsfördernder und leistungsvermindern- der Wirkung
3.2 Angst als Motiv, Versagen zu vermeiden

4. Prüfungsangst und ihre Ursachen
4.1 Enstehung von Prüfungsangst
4.1.1 ABC-Theorie nach Ellis
4.1.2 Bedeutung von Prüfungen
4.1.3 Faktoren, die das Ausmaß von Prüfungsangst bedingen
4.2 Gründe für Prüfungsangst
4.2.1 Mangelndes Selbstbewusstsein
4.2.2 Schlechte Erfahrungen
4.2.3 Bewertung der Kinder durch Eltern und Lehrer
4.2.4 Angstfantasien
4.2.5 Der Prüfer als Angstfaktor
4.3 Umstände, die Prüfungsangst verstärken

5. Prüfungsangst und ihre Symptomatik
5.1 Erscheinungsformen von Prüfungsangst
5.1.1 Typische Angstsymptome
5.1.2 Ausmaß von Prüfungsangst
5.1.3 Blackout als wesentlicher Faktor von Prüfungsangst
5.2 Auswirkungen von Prüfungsangst auf Prüfungen

Teil 2 – Empirische Forschung Vergleich von Prüfungsangst dreier Grundschulklassen mit drei Hauptschulklassen

6. Vorstellung der Forschungsmethode
6.1 Forschungsablauf
6.2 Überlegung und Ziel
6.3 Die Forschungsmethode: Fragebogen
6.3.1 Vorstellung des Angstfragebogens für Schüler (AFS)
6.3.2 Kriterien eines Fragebogens am Beispiel des AFS
6.3.2.1 Allgemeines zur schriftlichen Befragung
6.3.2.2 Formen der Befragung
6.3.2.3 Skalenniveau der Frage
6.3.2.4 Gütekriterien
6.3.2.5 Vorteile der Fragebogenmethode
6.4 Messbarkeit von Prüfungsangst
6.4.1 Messung von Angst auf drei Ebenen
6.4.2 Messung von Prüfungsangst anhand von Skalen

7. Durchführung der Forschung
7.1 Datenerhebung
7.2 Auswertung und Interpretation der Ergebnisse
7.2.1 Ergebnisse und Interpretationen der Korrelationen zwischen Prüfungsangst und manifester Angst
7.2.2 Ergebnisse und Interpretationen der Prüfung von gruppenspezifischen Unter- schieden
7.2.2.1 Faktor: Geschlecht der Schüler
7.2.2.2 Faktor: Klassenstufe bzw. Alter der Schüler

8. Präventionsmöglichkeiten
8.1 Strategien zur Bewältigung von Prüfungsangst aufseiten der Schüler
8.1.1 Kognitive Bewältigungsstrategien
8.1.2 Verhaltensänderung
8.1.3 Entspannungsübungen
8.1.4 Richtig lernen – Tipps für Arbeitsorganisation
8.2 Präventionsmöglichkeiten vonseiten der Lehrer

9. Fazit

10. Literaturverzeichnis

11. Abbildungsverzeichnis

Einleitung

Jeder kennt sicherlich die Angst vor einer wichtigen Prüfung. Man bekommt Herzrasen, schweißnasse Hände und im schlimmsten Fall eine Gedankenblockade, trotz gewissenhafter Prüfungsvorbereitung. Durch diese Erscheinungen von Prüfungsangst ist das eigene Versagen quasi vorhersehbar. Und mit dem unvermeidlichen Näherrücken des Prüfungstermins wächst auch die Angst.

Prüfungsangst kann in einen Teufelskreis münden, der die Leistungsfähigkeit von Schülern tief greifend und anhaltend beeinträchtigen kann. Die Noten werden immer schlechter und mit jedem Misserfolg steigt auch die Prüfungsangst. Meist gelingt es den Schülern nicht, sich selbstständig aus diesem Teufelskreis zu befreien (vgl. Reimann-Höhn, 2003, S. 5).

Angst, insbesondere Angst im Leistungsbereich, ist in der psychologischen und pädagogischen Forschung, als auch in der Praxis zu einem zentralen Thema geworden (vgl. Krohne, 1977, S. 9). Heutzutage haben Leistungsnachweise an Schulen sowie an Universitäten einen sehr hohen Stellenwert, was die weiteren Ausbildungs- bzw. Berufschancen anbelangt. Die Folge ist ein immer weiter ansteigendes Maß an Leistungsstörungen und Prüfungsangst aufseiten der Schüler und Studenten. Die Entstehung von Prüfungsangst ist auf die Normen unserer Gesellschaft zurückzuführen. Unsere Gesellschaftsform ist eine sehr leistungsorientierte Gesellschaft. Diese ist der Ansicht, den Wert eines Menschen anhand seiner erbrachten Leistungen zu determinieren (vgl. Florin & Rosenstiel, 1976, S.41). Demzufolge dienen Prüfungen der Regulation des Aufstrebens in, von der Gesellschaft hoch angesehene, soziale Positionen. Da diese Positionen, wie beispielsweise Studien-, Ausbildungs- oder Arbeitsplätze zunehmend knapper werden, wird das Abschneiden in Prüfungen als Auswahlkriterium herangezogen. Die Leistungsanforderungen steigen immer weiter an, was einen immer stärker werdenden Konkurrenzkampf zur Folge hat. Da ist es nicht verwunderlich, dass immer mehr Schüler und Studenten unter neurotischer Prüfungsangst leiden (vgl. Barthel, 2001, S. 14).

In der Schule ist ständig die Rede von Erfolgen bzw. Misserfolgen. Noten gelten dafür als Maßstab. Kinder und Jugendliche müssen in diesem System funktionieren und Hausaufgaben, Klassenarbeiten, Referate etc. – alles soll von ihnen mit hervor- ragenden Leistungen gemeistert werden. Ein Kind lebt ständig mit der Angst, den Ansprüchen und Normen der Gesellschaft nicht zu genügen und im Falle schlechter Leistungen ausgefiltert zu werden.

Je intensiver sich Eltern mit den Schulleistungen ihrer Kinder beschäftigen und nervös, angespannt warten, mit welchen Beurteilungen bzw. Leistungsergebnissen von Klassenarbeiten, Hausaufgaben oder dergleichen ihre Kinder nach Hause kommen, desto größer ist die Sorge der Kinder, den Erwartungen der Eltern nicht zu entsprechen. Sie haben Angst nicht das leisten zu können, was von ihnen verlangt wird. Das Scheitern in einer Prüfung kann schnell dazu führen, sich selbst als Versager zu fühlen. So wird jede Prüfungssituation, wie etwa eine Klassenarbeit, ein Referat oder eine mündliche Prüfung zu einer belastenden Angelegenheit, die durch die Angst zu versagen bestimmt ist.

Kinder und Jugendliche würden Prüfungen um einiges gelassener entgegen treten, wenn sie sich sicher sein könnten, dass eine schlechte Leistung zuhause kein Drama auslösen würde (vgl. Nitsch & von Schelling, 1997, S. 237).

Mein persönliches Interesse sowie meine Motivation zur Auswahl gerade dieser Thematik haben zweierlei Gründe. Zum einen befinde ich mich in unmittelbarer Vorbereitung meines ersten Staatsexamens, bei welchem ich zwangsläufig auch mit der Problematik der Prüfungsangst konfrontiert sein werde. Aus diesem Grund ist es für mich von großem Interesse zu erfahren, auf welche Ursachen Prüfungsangst zurückzuführen ist und welche Möglichkeiten zur Prävention gegeben sind.

Zum anderen muss sich der Mensch sein gesamtes Leben mit Prüfungssituationen auseinandersetzen und ist damit unumgänglich permanent von der Thematik betroffen. So beginnt der Selektionsprozess unserer Gesellschaft – und die damit einhergehende Prüfungsangst – bereits in der Primarstufe, setzt sich auf den weiterführenden Schulen der Sekundarstufe in meist zunehmendem Ausmaße fort und findet in einigen Fällen selbst nach Ausbildung oder Studium noch kein Ende. Dies hängt damit zusammen, dass es selbst im Berufsleben regelmäßig zu Leistungskontrollen kommt, deren Ziel es ist zu überprüfen, ob man den jeweiligen Ansprüchen bzw. Normen noch genügt. Stellt man sich beispielsweise eine Person vor, die vor einer großen Anzahl von Zuhörern einen Vortrag zum Besten zu geben hat, so ist diese Aufgabe durchaus mit einer Prüfungssituation zu vergleichen. In solchen Fällen verspüren nicht wenige Menschen ein hohes Maß an Lampenfieber, was eine Art von Prüfungsangst darstellt.

Zudem erachte ich es als angehende Grund- und Hauptschullehrerin als äußerst wichtig, sowohl über die Symptomatik, als auch über die Ursachen und präventiven Maßnahmen von Prüfungsangst Bescheid zu wissen, da es sich in vielen Fällen gezeigt hat, dass ein überhöhtes Maß an Prüfungsangst das Leistungsverhalten der Schüler erheblich beeinträchtigen kann.

Im weiteren Verlauf dieser Arbeit werde ich mich vorwiegend auf Prüfungsangst bei Schülern beziehen, jedoch auch immer wieder die Verbindung zu Prüfungsangst auf der Ebene der Studenten herstellen. Ziel dieser wissenschaftlich durchgeführten Hausarbeit ist es, zunächst einmal über die Hintergrundinformationen, wie etwa grundlegende Begrifflichkeiten, Ursachenkomplex und Symptomatik der Prüfungsangst aufzuklären, um eine erste Einsicht in dieses Themengebiet zu erlangen. Hierbei wird zunächst auf die Thematik der allgemeinen bzw. manifesten Angst eingegangen, die mit der Prüfungsangst des Öfteren einhergeht, woraufhin anschließend der Bezug zur Prüfungsangst hergestellt wird.

Des Weiteren dient diese Arbeit der Feststellung, in welchem Ausmaß Prüfungsangst an den hier untersuchten Grund- und Hauptschulen vorherrscht und inwiefern dieses mit dem Alter und dem Geschlecht der Schülerinnen und Schüler in Beziehung steht. Zur Klärung dieser Inhalte werden eine quantitativ wissenschaftliche Untersuchung und deren Ergebnisse beitragen. Abschließend sollen einige Präventionsmöglichkeiten sowohl für Schüler als auch für Lehrer aufgezeigt werden.

Um die Lesbarkeit zu erleichtern, habe ich bei den Personenkategorisierungen (z. B. Lehrer, Schüler, Studenten) die weiblichen Morpheme häufig ausgelassen.

Teil 1 – Theoretische Grundlagen

1. Manifeste Angst

1.1 Der Begriff Angst

Es ist normal, Angst zu haben. Angst wird als (über-)lebenswichtiger zeitlich eingegrenzter Zustand des menschlichen Organismus bezeichnet, in dem alle wesentlichen Funktionen angeglichen werden – physiologische Reaktionen, Kognitionen, Motorik, Motivation wie auch das Fühlen (vgl. Lazarus-Mainka & Siebeneck, 2000, S. 371).

Vor allem aber ist Angst eine subjektive Erfahrung und daher nur der Person zugänglich, die sie selbst erlebt. Dieser individuell erlebte Gefühlszustand stellt die Beziehungen zu den Situationen und Dingen her, die der einzelne Mensch erfährt. Ein Individuum empfindet Angst, wenn es mit einer bedrohlichen Situation konfrontiert wird, die es dazu veranlasst, etwas zu unternehmen. Der Organismus macht sich durch die Synchronisierung seiner wichtigsten Funktionen schnell bereit auf diese Gefahrensituation zu reagieren. Seine Art und Weise zu handeln vermittelt ihm ein gewisses Feedback, das ihm das Ausmaß der Gefahr aufzeigt. Dies wiederum hat Auswirkungen auf die Stärke des Angstgefühls. Demnach wird die Angst nicht lediglich durch die Person oder Situation bestimmt, sondern das Angstverhalten wird sowohl von der aktuellen Situation und dem Individuum und seinen Vorerfahrungen, als auch von der Art des Reizes und der Antwortreaktion beeinflusst (vgl. Lazarus-Mainka, 1976, S. 30).

„Psychologen betrachten Angst als ein Konstrukt für Reaktionsweisen auf aversible Reize“ (Ruddies, 1980, S. 149). Ohne das Gefühl der Angst wäre der Mensch nicht in der Lage angemessen zu funktionieren.

Auf der anderen Seite wird die Angst als eines der am häufigsten auftretenden Symptome für psychische Störungen betrachtet. Bei manchen Menschen kann die Angst nicht mehr als normal eingestuft werden (vgl. Lazarus-Mainka & Siebeneick, 2000, S. 371).

„Auf der (neuro) physiologischen Ebene kommt Angstgeschehen durch den Zusammenhang unterschiedlicher kortikaler und subkortikaler Prozesse zustande, an denen einerseits die Amygdala, der Hypothalamus, der Hirnstamm und das autono-nome Nervensystem, und andererseits die Amygdala und der frontale limbische Kortex beteiligt sind“ (Lazarus-Mainka & Siebeneick, 2000, S. 11).

Bei der Aufnahme von Angstreizen laufen Prozesse ab, die auf zwei unterschiedliche Mechanismen zurückzuführen sind. Einerseits kann es durch eine emotionale Informationsverarbeitung zu einer Veränderung des inneren Zustandes kommen. Dabei leitet die Amygdala autonome und endokrine Reaktionen ein. Andererseits werden Mechanismen aktiviert, damit ist besonders die Erregung der Großhirnrinde gemeint, die mehr oder weniger angepasste Reaktionen auf die jeweiligen Angstreize garantieren (vgl. ebd., S. 11).

1.1.1 Verschiedene Definitionen von Angst

Angst ist ein subjektives Erlebnis und daher objektiv schwer zu definieren. Eine einheitliche bzw. allgemein akzeptierte Definition des Angstbegriffs gibt es demzufolge nicht. Es sind sich jedoch fast alle Wissenschaftler einig, dass die Angst als ein unangenehmer Gefühlszustand beschrieben werden kann, der immer physiologische Begleiterscheinungen mit sich zieht (vgl. ebd., S. 12).

Im Folgenden einige Definitionen des Angstbegriffs:

- „Angst ist das Signal der drohenden Gefahr des Anwachsens einer Bedürfnisspannung, gegen die der Mensch ohnmächtig ist“ (Freud, 1926, zit. nach Lazarus-Mainka, 1976, S. 14).
- „Angst ist ein sekundärer, d.h., erworbener, gelernter Triebzustand“ (Dollard, Miller, 1950, zit. nach Lazarus-Mainka, 1976, S.14).
- „Angst ist eine Vermeidungsreaktion auf ein Gefahrensignal hin“ (Skinner, 1953, zit. nach Lazarus-Mainka, 1976, S.14).
- „Was für den Körper der Schmerz ist, ist für die Seele die Angst“ (Mowrer, 1950, zit. nach Lazarus-Mainka & Siebeneick, 2000, S.12).
- „Angst zu haben bedeutet, das Pochen seines eigenen Herzens zu spüren, das Schnellerwerden seiner Atemzüge zu erleben, seine eigene Gänsehaut zu fühlen“ (James-Lange’sche Gefühlstheorie; James, 1980, zit. nach Lazarus-Mainka & Siebeneick, 2000, S. 12) „[…] d. h., ich höre erst in mich hinein, wie mir im Augenblick zumute ist. Bestimmte ‚Anzeichen‘ lassen daraus schließen, daß ich Angst ha- ben könnte“ (Lazarus-Mainka, 1976, S. 14).
- „Ein unangenehmer emotionaler Zustand, in welchem ein augenblicklicher und fortdauernder starker Wunsch oder Trieb, nicht zum Ziel zu gelangen, droht; eine Mischung aus Furcht und dem Vorgefühl künftigen Unheils …“ (English & English 1958, zit. nach Levitt 1973, S.13, zit. nach Viehöfer, 1980, S. 17).

All diese Definitionen entsprechen jedoch nicht den Anforderungen einer wissenschaftlich exakten Definition. Ebenso der Versuch von Webster (1956), „[…] der Angst als qualvolle innere Unruhe wegen eines drohenden oder befürchteten Unheils umschreibt“ (Wieczerkowski, Nickel, Janowski, Fittkau & Rauer, 1981, S. 6), kann den Ansprüchen nicht gerecht werden. In dieser Darstellung des Angstbegriffes stellt sich beispielsweise die Frage: Was ist eine qualvolle innere Unruhe, was bedeutet drohendes Unheil?

Folglich muss Angst über das Verständnis eines hypothetischen Konstrukts definiert werden. Nur so kann es eine Ausgangsbasis für exakte empirische Forschungen zur Erfassung des Phänomens Angst bilden. Darauf aufbauend kann Angst, ähnlich wie der Begriff der Intelligenz, operational definiert werden. Dies dient dem Zweck empirischer Forschungen (vgl. Wieczerkowski et al., 1981, S. 6). Vereinfacht ausgedrückt bedeutet dies, nach dem Wortlaut von Boring (1963), „Angst ist das, was der Angsttest mißt (analog zur Definition der Intelligenz […])“ (zit. nach Lazarus-Mainka & Siebeneick 2000, S. 12).

Grundsätzlich sind zwei Arten von Definitionen zu unterscheiden. Die erste Art von Definition, die ebenso als Realdefinition bezeichnet wird, setzt den Begriff Angst mit einem weiteren Begriff, wie beispielsweise Trieb, Spannungsgefühl, Stress, Hilflosigkeit etc. gleich. (Siehe die Aufzählung einiger Definitionen des Angstbegriffes S. 5-6)

Die zweite Art der Definition versucht sich dem Begriff Angst anzunähern, indem vorausgehende oder begleitende Handlungen bzw. Aktionen geschildert werden, wie beispielsweise als Resultat einer Bewertungssituation, als Reaktion auf eine Bedrohung, als Vermeidungsreaktion, als das, was durch einen Angsttest gemessen wird usw. Diese Art von Darstellung des Angstbegriffes wird, wie zuvor schon erwähnt wurde, auch als operationale Definition beziffert (vgl. ebd., S. 13). (Siehe S. 6 oben)

1.1.2 Unterscheidung zwischen Angst und Furcht

Angst beinhaltet verschiedene Begriffe, wie beispielsweise Elend, Schrecken, Not, Entsetzen, Furcht etc. Nach Meinung der Fachliteratur muss der Angstbegriff differenzierter betrachtet werden, indem eine klare Unterscheidung bzw. Trennung zwischen den Begriffen Angst und Furcht vorgenommen wird.

Bei der Furcht handelt es sich um Situationen, in denen die Gefahr eindeutig erkennbar ist, während die Angst bedrohliche Reize beinhaltet, die unbestimmt und unkonkret vorherrschen. Furcht wird also als die Angst vor einem bestimmten Gefahrenmoment bezeichnet. Die Angst an sich kann hingegen keinem Gefahrenmoment zugeordnet werden. Es gibt also die ‚Angst vor etwas‘ und die ‚Angst an sich‘. Jaspers Definition aus seinem Werk „Allgemeine Psychopathologie“ lautet: „Ein häufiges und qualvolles Gefühl ist die Angst. Furcht ist auf etwas gerichtet, Angst ist gegenstandslos […]“ (Lazarus-Mainka & Siebeneick, 2000, S. 14).

Von Baeyer und von Baeyer-Katte vertreten die folgende Unterscheidung der Begriffe Angst und Furcht: „Angst sei die unbestimmte, gegenstandslose, anonyme, unmotivierte Emotion, Furcht die bestimmte, auf einen bedrohlichen Gegenstand oder eine gefährliche Situation gerichtete, benennbare, entsprechend motivierte Gefühlslage, eben Furcht, ‚vor etwas‘“ (ebd., S. 14). Es treten jedoch bei beiden Darstellungen dieselben physiologischen Begleiterscheinungen auf, wie beispielsweise Gänsehaut, erhöhter Puls, Stottern, Schweißausbrüche etc.

Philosophische bzw. geisteswissenschaftlich psychologische Betrachtungen nehmen eine klare und eindeutige Trennung zwischen den Begriffen Angst und Furcht vor, während bei den naturwissenschaftlich psychologische Ansichten nicht so viel Wert darauf gelegt wird. So ist beispielsweise der Verhaltensforscher Leyhausen der Ansicht, dass die Begriffe Angst und Furcht im Sprachgebrauch nahezu synonym verwendet werden können und eine Trennung dieser beiden Begriffe eher gekünstelt wirkt.

Mowrer verwendet die Begriffe Angst und Furcht erst gar nicht. Er nimmt eine Erweiterung des Begriffes Angst vor und spricht von normaler und neurotischer Angst. Freud verfährt hier ähnlich. Er ersetzt die Begriffe Furcht und Angst durch die Bezeichnungen ‚reale Angst‘ und ‚neurotische‘ bzw. ‚frei flottierende Angst‘ (vgl. ebd., S. 15). Weiterhin nimmt er zudem eine Unterscheidung zwischen drei Arten von Ängsten vor: die neurotische Angst, die Realangst und die moralische Angst.

Neurotische Angst wird durch einen Triebzustand herbeigeführt, dessen Auslöser dem Menschen jedoch unbekannt ist. Dieser Angstzustand kann einen Konflikt zwischen dem Gewissen und den eigenen Triebansprüchen darstellen oder aber ein Zeichen für ein nicht verarbeitetes seelisches Trauma sein. Ist die Angst auf ein Objekt bzw. einen bedrohlichen realen Gegenstand zurückzuführen, definiert Freud sie als Realangst oder auch als Furcht. Der Auslöser für diese Angst, sind Situationen oder Objekte aus der Umwelt, die dem Individuum, im Unterschied zum Auslöser der neurotischen Angst, bewusst bzw. bekannt sind.

Die moralische Angst wird als die Angst vor Sanktionen beschrieben, wenn es darum geht, dass Tabus nicht eingehalten und Regeln gebrochen werden (vgl. Lazarus-Mainka & Siebeneick, 2000, S. 18-19).

1.1.3 Definition von Ängstlichkeit

Angst kann als rein biologische Reaktion aber auch als erlernte Schutzreaktion auf eine Gefahrensituation angesehen werden. Diese Reaktionen können erst dann zu einem Problem werden, wenn Menschen in ihrer Umwelt ständig und überall nach Gefahrensignalen regelrecht Ausschau halten und diese in einem erhöhten Maß als bedrohlich empfinden. In diesem Zusammenhang ist die Rede von allgemeiner Ängstlichkeit (vgl. Spandl, 1979, S. 17).

‚Angst haben‘ stellt einen aktuellen Zustand dar, das bedeutet, dass Angst lediglich in einer bestimmten Situation empfunden wird, abhängig von Art und Ausmaß des Reizes. Während hingegen ‚Ängstlichkeit‘ als Persönlichkeitseigenschaft bezeichnet wird, die einer Person zugeschrieben werden kann, die in vielen Lebenslagen zu starken Angstgefühlen neigt, unabhängig von dem jeweiligen angstauslösenden Reiz. Im ersten Fall handelt es sich um state anxiety, das mit der Bezeichnung der Angst bzw. Zustandsangst gleichgestellt ist, die vorübergehend und situationsabhängig ist. „Ein Zustand ist die momentane Ausprägung der Intensität eines Merkmals, und eine Eigenschaft reflektiert die Häufigkeit in der Vergangenheit erlebter Zustände unabhängig von deren Intensität“ (Laux & Glanzmann, 1993, zit. nach Lazarus-Mainka & Siebeneick, 2000, S. 16).

Der zweite Fall, Ängstlichkeit als Eigenschaft, bezieht sich dabei vor allem auf frühere Erfahrungen, wie häufig eine Person in ihrer Vergangenheit Angst erfahren hat. In diesem Kontext spricht man von trait anxiety, das dem Begriff Ängstlichkeit bzw. Eigenschaftsangst entspricht.

Des Weiteren ist zu erwähnen, dass Ängstlichkeit als Eigenschaft bzw. Traitvariable anhand von Fragebögen ermittelt bzw. gemessen wird. Folglich kann man sagen, Ängstlichkeit ist das, was mittels eines Fragebogens gemessen wird. Um einen Fragebogen zur Ängstlichkeit ausfüllen zu können, muss die jeweilige Person gezielt über ihre Vergangenheit reflektieren. Demzufolge dokumentiert ein Ängstlichkeitsfragebogen Situationen aus der Vergangenheit einer Person, in denen diese Angst empfunden hat. In diesem Zusammenhang wird die Ängstlichkeit als die Sicht über sich selbst, als jemanden der Angst erfahren hat, bezeichnet (vgl. Lazarus-Mainka & Siebeneick, 2000, S.16).

Laut Spielberger (1966) ist es in der Praxis sinnvoll im Sinne des Konzepts der allgemeinen manifesten Angst (trait anxiety) als auch der situationsspezifischen Angst (state anxiety) zu forschen. Er ist der Ansicht, dass Angst zwar durch äußere, situationsspezifische Reize hervorgerufen wird, dass es jedoch von der individuellen Angstbereitschaft eines Menschen abhängt, wie groß das Ausmaß der Angst ist (vgl. Wieczerkowski et al., 1981, S. 7).

1.2 Aufbau von Angst. Verschiedene Komponenten von Angst

Angst lässt sich in die Komponenten Kognition (Angstgedanken), Emotion (physiologische Reaktionen) und bestimmte Verhaltensweisen unterteilen. „Der Körper reagiert mit allgemeiner Aktivierung: Das Herz schlägt schneller, die Atmung wird beschleunigt, es kommt zu Muskelanspannung, Ausschüttung von Hormonen, Harn- und Stuhldrang, Druckgefühlen im Magen, Kloß im Hals, Mundtrockenheit, usw.“ (Metzig & Schuster, 2006, S. 28).

Im Allgemeinen kann man sagen, dass besonders die schwächsten Organe von diesen Reaktionen betroffen sind. Es sind jedoch nicht die physiologischen Reaktionen allein, die die Angst begründen. In Situationen von Freude oder Aufregung bzw. Spannung kann der Körper teilweise sehr ähnlich reagieren. Das Ausmaß des Gefühls ist fest mit der Intensität der physiologischen Reaktionen verbunden; während die Art des Gefühls sehr stark von den begleitenden Gedanken beeinflusst wird. Beispielsweise wird man nach Bekanntgabe der mündlichen Prüfungstermine vielleicht ein inneres Selbstgespräch führen und zu sich selbst sagen: „Ich werde in der Prüfung bestimmt so aufgeregt sein, dass ich keinen Ton herausbekomme oder ich bekomme einen Blackout und mein ganzes Wissen ist auf einmal wie weggebla- sen. Ich werde das bestimmt nie schaffen.“ Diese Art von Gedanken verstärken die körperlichen Reaktionen nur noch mehr.

Die negativen Gedanken und Selbstgespräche und die unangenehmen Körpergefühle können sich daraufhin negativ auf das Verhalten auswirken. Falls man nicht geübt ist mit dieser Art von Situation umzugehen, kann es durchaus sein, dass diese negativen Gedanken einen so beeinflussen, dass sie die Lernvorbereitungen stark behindern.

Menschen, die Angstsituationen erleben, empfinden die Angst als komplexes und verwirrendes Ereignis. Sie sind nicht in der Lage zwischen Kognition, Emotion und Verhalten zu differenzieren. Versucht man sich die verschiedenen Komponenten bewusst zu machen, kann man die Angst besser verstehen und gezielte Strategien anwenden, um diese Angst zu bewältigen. Einige Menschen reagieren auf Angst sehr stark mit körperlichen Reaktionen. Hier wäre es sinnvoll Strategien physiologischer Art anzuwenden, wie beispielsweise das Erlernen einer Entspannungsmethode. Andere machen sich unzählige negative Gedanken und müssen sich angewöhnen sich selbst positiver zu sehen und sich von derartigen Gedanken nicht so stark beeinflussen zu lassen. Des Weiteren gibt es Menschen, die in Situationen von Angst mit Vermeidungsreaktionen reagieren oder denen tatsächlich das nötige Wissen bzw. die erforderliche Fähigkeit für die gestellten Aufgaben fehlt. In diesem Fall wäre es wichtig geeignetes Verhalten einzuüben (vgl. Metzig & Schuster, 2006, S. 28-30). Auf diese und noch andere Möglichkeiten der Prävention wird in Kapitel 8 im Einzelnen noch näher eingegangen.

1.3 Angst in Bezug auf Prüfungsangst

Angst weist verschiedene Erscheinungsformen auf. Sie kann auftreten als Angststimmung, als Angstanfall, als Vermeidungsangst, wie beispielsweise Phobie, als versteckte bzw. somatisierte Angst oder als Ängstlichkeit, wie zum Beispiel Prüfungsangst (vgl. Spandl, 1979, S. 15).

Der Mensch ist in seiner Umwelt verschiedenen Gefahrensituationen ausgesetzt, die bei ihm in unterschiedlicher Art und Intensität Angst auslösen können. Die Prüfungssituation ist eine davon.

Angst kann, wie zuvor schon erwähnt, als erlernter Trieb definiert werden, der Eigen- schaften eines starken Reizes aufweist. Wenn nun Angst als Reaktion auf eine leistungsbedingte Situation wie beispielsweise eine Prüfung erlernt wurde, kann hier zwischen zwei Reaktionen unterschieden werden. Zum einen gibt es die aufgabenbezogenen Reaktionen, die durch Lösung der Aufgabe die Angst mildern. Zum anderen gibt es die nicht aufgabenbezogenen Reaktionen, die sich in Versagensängsten äußern, die auf sich selbst bezogen sind. Es wird versucht, der Situation zu entkommen (vgl. Krohne, 1977, S. 221-222). (In 3.1 (S. 24-25) wird darauf noch näher eingegangen)

Es hat sich als sinnvoll erwiesen, den Begriff der Angst differenziert zu betrachten und verschiedene Ängste voneinander abzugrenzen. Es besteht beispielsweise ein Unterschied zwischen der Angst vor Hunden und der Prüfungsangst. Die Angst vor Hunden ist auf völlig andere Ursachen zurückzuführen, als die Angst vor Prüfungssituationen. Prüfungsangst kann mittels drei Kriterien beschrieben werden: Zum einen durch die Prüfungssituation (1), des Weiteren durch die Person, die Prüfungsangst empfindet (2) und durch die Charakterisierung von Angst als Gefahrensignal (3).

(1) Die Prüfungssituation wird durch den Lehrer determiniert. In den Augen des Schülers repräsentiert der Lehrer eine Art Herrschaftsperson. Er besitzt sehr viel Macht und Bedeutung, besonders im Hinblick auf die Zensurengebung. Die Unterrichtsstile vieler Lehrer sind autoritärer Natur. Dabei sind, laut Sarason, gerade autoritäre Persönlichkeiten eine der größten Angstauslöser (vgl. Viehöfer, 1980, S. 19). „Der Lehrer als Repräsentant einer auf Lenkung und Kontrolle ausgerichteten Schule ist für die Schüler der unmittelbare Auslöser der Prüfungsangstreaktion“ (ebd., 1980, S. 19). Abgesehen von der eben beschriebenen Situation, die durch Personen bestimmt wird und daher ebenso als personenbezogene Prüfungssituation bezeichnet wird, weist Kvale auf Prüfungssituationen hin, die von Personen weitestgehend unabhängig sind. „Durch die äußeren Merkmale einer Prüfungssituation wird eine ‚rituelle‘ Angst aktualisiert“ (ebd., S. 19). Dementsprechend ist es beispielsweise äußerst unangenehm lange Wartezeiten vor dem Prüfungszimmer ertragen zu müssen. Schüler verspüren rituelle Angst, wenn zum Beispiel der Lehrer mit einem Stapel Klassenarbeitshefte das Klassenzimmer betritt und reagieren darauf mit Schweißausbrüchen. Darüber hinaus kann selbst die rote Farbe des Korrekturstiftes in Aufsätzen oder Diktaten regelrechte Angstzustände in Kindern hervorrufen (vgl. ebd., S. 20).

(2) Der prüfungsängstliche Schüler lässt sich als eine Person beschreiben, die sich im Vergleich zu anderen Menschen selbst als minderwertig ansieht und herabsetzt. Diese Person rechnet regelrecht mit dem Versagen in einer Prüfung. Aus diesem Grund stellen Prüfungssituationen für diese Menschen eine Bedrohung dar und werden von ihnen als unerträglich erlebt. Schüler die Prüfungsangst haben, sehen sich selbst im Hintergrund stehend und beschreiben sich als langweilig, pessimistisch und weniger begabt. Der Lehrer als prüfende Person stellt für sie eine Gefahr dar und wird sozusagen als Feind interpretiert. Sie sind der Ansicht, dass der Lehrer sie als unselbstständig und unfähig einschätzt (vgl. Viehöfer, 1980, S. 19).

(3) Angst als Gefahrensignal ist „[…] die Beziehung zwischen der erfahrenen Angst und den aktivierten unbewußten Strebungen“ (ebd., S. 20). Wünsche, Erwartungen bzw. Fantasien wirken in der Prüfungssituation verstärkt auf den Schüler ein und werden so zu einer Bedrohung für das Wohlergehen des Schülers. Angst wirkt hier als Reiz bzw. Signal, um Erfahrungen von ähnlichen, vergangenen Situationen hervorzurufen, die das Unbewusste eigentlich zurückhalten sollte. Diese negativen Vorerfahrungen müssen verdrängt werden, damit eine emotionale Ausgeglichenheit hergestellt und auch beibehalten werden kann (vgl. ebd., S.20).

2. Prüfungsangst

2.1 Begriffsklärung

Prüfungsangst wird als ein komplexes Phänomen bezeichnet. Die bevorstehende Prüfungssituation stellt eine eindeutige Gefahr dar bzw. die Gedanken und Vorstellungen, die sich der Einzelne zu seiner Prüfung macht. Von diesen Gedanken und Erwartungen fühlt er sich bedroht. Er empfindet große Angst vor der zu bewältigenden Situation, was sich wiederum in physischen Begleiterscheinungen äußert, wie beispielsweise körperliche Erregung und Angespanntheit. Dieses Zusammenspiel lässt sich wie folgt erklären: Prüfungsängste bzw. Versagensängste beeinflussen unsere gesamte Persönlichkeit; das bedeutet, sie treten auf vier verschiedenen Ebenen auf. Es gibt die Ebene der Gedanken und Vorstellungen, die Gefühlsebene, die physiologische Befindlichkeit und die Ebene der Verhaltensweisen bzw. Handlungsreaktionen (vgl. Knigge-Illner, 1999, S. 13-14).

- Gedanken und Vorstellungen Wenn Angst vor dem eigenen Versagen besteht, entstehen viele negative Gedanken, wie beispielsweise:
- Die eigenen Fähigkeiten und Kompetenzen werden in Frage gestellt. („Das schaffe ich niemals!“)
- Man macht sich ständig selbst nieder. („Ich bin zu allem zu blöd!“)
- Es wird regelrecht erwartet, von anderen eine Ablehnung zu erfahren. („Einen Versager wie mich mag eh niemand!“)
- Im tatsächlichen Falle eines Scheiterns werden nachteilige Folgen befürchtet. („Dann muss ich mein Studium abbrechen!“)

Die Gedanken werden häufig als Ursache für unsere Verhaltensweisen, Gefühle und physiologischen Begleiterscheinungen gesehen. Es ist jedoch nicht der Fall, dass die unangenehmen körperlichen Symptome die Angst induzierenden Faktoren wären, sondern vielmehr wie die jeweiligen Symptome von einem selbst bewertet werden. Diese physiologischen Symptome werden als große Unsicherheit und sichtbare Schwäche erlebt. Man möchte diese inneren Zustände in jedem Fall verborgen halten und keinesfalls vor anderen zugeben müssen.

Wenn ständig das eigene Scheitern vor Augen geführt wird und man es sich sozusagen bildlich vorstellt, hat das fatale Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit. Diese „Katastrophenfantasien“ lenken von der eigentlichen Aufgabe erheblich ab, was sich wiederum in verminderter Konzentrations- und Aufmerksamkeitsfähigkeit äußert. Infolgedessen kommt es zu einer tatsächlichen Beeinträchtigung der Denkfähigkeiten und Gedächtnisleistungen.

- Gefühle – das Erleben der Angst

Es gibt eine Reihe von Gefühlen, die als Reaktionen auf bevorstehende, bedrohlich wirkende Aufgaben in Erscheinung treten können. Es kann beispielsweise mit Unsicherheit, Aggressivität, Scham, Panik, Angst, Unlust, Weinen oder aber auch mit Freude reagiert werden, da man anderen beweisen kann, zu was man fähig ist. Eine sehr häufige Reaktion ist der Ärger über etwas, das man falsch gemacht hat und die damit verbundene Angst, dass andere Personen einen selbst nicht mehr mögen könnten.

Zum anderen kann jedoch auch Vorfreude empfunden werden, wenn man sich den anstehenden Anforderungen gewachsen fühlt. Demzufolge wirken sich positive Gefühle, wie Freude vereinfachend auf die jeweilige Aufgabe aus, während negative Gefühle, wie Unlust oder Angst leistungsmindernd fungieren.

- Physiologische Befindlichkeit

Der Körper spiegelt unser Denken und Fühlen wieder. Die körperlichen Beschwerden, die bei Leistungsängsten auftreten können, betreffen besonders folgende Organe: Magen-Darm, Atmung, Herz-Kreislaufsystem, Blase, Haut und Muskelsystem und Genitalregion. Typische Symptome können beispielsweise sein: Zittern, Schwitzen, Erröten, Übelkeit, Herzrasen, Durchfall, Atemnot, Schwindel, Hautausschlag, etc. Die Symptomatik im Einzelnen wird in Kapitel vier noch weiter vertieft.

- Sichtbares Verhalten – Handlungsreaktion

Angst und Nervosität können anhand verschiedener verbaler und nonverbaler Verhaltensreaktionen festgemacht werden. Ein Zeichen für Angst ist beispielsweise zu schnelles oder unzusammenhängendes Reden. Die Stimme wirkt dabei eintönig, zittrig, zu leise oder zu hoch. Des Weiteren deuten sichtbare Unruhe, fehlender Blickkontakt, verkrampfte Körperhaltung, häufiges Räuspern oder unnatürliches Lachen auf große Angst hin.

Menschen, die Versagensängste empfinden, haben häufig aufgrund ihrer inneren Unruhe immense Einschlafschwierigkeiten. Sie versuchen ihre angstbedingte innere Anspannung mithilfe von Alkohol, Beruhigungsmitteln oder auch übermäßigem Essen zu beseitigen. Darüber hinaus versuchen sie Prüfungstermine aufzuschieben, um so vorübergehend Entspannung zu verspüren und Gefühle der Unlust zu umgehen (vgl. Morschitzky, 2006, S. 22-25).

Zwischen diesen vier widerstrebenden Dimensionen herrscht ein Konflikt vor, den es zu lösen gilt. Es geht darum eine Entscheidung zu treffen und sein Ziel und die damit verbundenen Gefahren in Angriff zu nehmen. Worin besteht nun genau die Gefahr? Es ist ja nicht so, dass von Prüfungssituationen eine lebensbedrohliche Gefahr ausgehen würde. Dennoch können unangenehme Erfahrungen auf einen zukommen, wie das Nichtbestehen oder das schlechte Abschneiden einer Prüfung. Dies würde wiederum negative Folgen nach sich ziehen, wie beispielsweise Ansehensverlust bei Eltern, Freunden oder dem Partner oder auch das Wiederholen der Prüfung und damit eine Verlängerung des Studiums in Kauf nehmen zu müssen. Diese Aussichten können sehr belastend sein. „Prüfungsangst ist insofern eine reale Angst, die sich auf reale ‚Gefahren‘ bezieht“ (Knigge-Illner, 1999, S. 14).

Es gibt jedoch ebenso Prüfungskandidaten, die selbst in Situationen, in denen sie nichts zu befürchten haben, wie beispielsweise, wenn die gute Note schon sicher ist oder wenn lediglich eine Probeklausur geschrieben wird, mit starker Angst reagieren. Demnach sind es nicht die objektiven Gefahren, die für die Prüfungsangst ausschlaggebend sind, sondern die subjektiven. Jeder Mensch hat eine subjektive Einschätzung darüber, wie stark er sich bedroht fühlt und das wiederum entscheidet über die Intensität der Angst. Diese ist durch den Prüfungskandidaten bzw. durch seine subjektiven Erwartungen und Gedanken bedingt, die er sich zu der jeweiligen Prüfung macht. „Das, was subjektiv auf dem Spiel steht, macht die Angst aus!“ (Knigge-Illner, 1999, S. 15). Demzufolge entsteht die Prüfungsangst im Kopf, ausgelöst durch die individuellen Vorstellungen und Gedanken zu der Prüfung.

Die Gefahr ist somit psychologisch bedingt. In Prüfungssituationen geht es um Bewertung, genauer ausgedrückt, um Leistungsbewertungen. Für einige Menschen geht es jedoch um viel mehr, sie sehen diese Leistungsbewertungen als Beurteilung ihrer Intelligenz bzw. ihrer Fähigkeiten an. Folglich beziehen sie diese Wertung auf ihre ganze Person, was das Selbstbild sehr beeinträchtigen kann. Aufgrund dessen wird Prüfungsangst ebenso als Bewertungsangst bezeichnet, worauf im Anschluss noch näher Bezug genommen wird. In einer Prüfung schlecht abzuschneiden oder gar durchzufallen kann zudem Versagensängste hervorrufen. Dies wiederum lösen Scham- und Schuldgefühle aus. Man schämt sich, dass die Erwartungen der Eltern oder des Partners nicht erfüllt werden konnten. „Es ist die Angst vor der Verletzung des Selbstwertgefühls, die den zentralen Kern von Prüfungsangst ausmacht“ (Knigge-Illner, 1999, S. 15).

Demnach ist Prüfungsangst eine spezifische Angst, die Angst vor Bewertungen.

2.2 Synonyme Begrifflichkeiten

In der Literatur werden häufig die Bezeichnungen Bewertungsangst und Leistungsangst synonym für den Begriff der Prüfungsangst verwendet. Im Folgenden soll auf die Sinnverwandtschaft dieser Begriffe noch näher Bezug genommen werden.

2.2.1 Bewertungsangst

Jede Situation, in der die eigenen Fähigkeiten bewertet werden, stellt eine Prüfungssituation dar. Prüfungsangst bezieht sich immer auf die Angst vor der Bewertung des eigenen Könnens, Wissens und der Verhaltensformen. Es können dabei drei Bewertungsebenen unterschieden werden. Zum einen frühere Bezugspersonen, wie beispielsweise Lehrer oder Eltern und zum anderen die soziale Umgebung, wie Zuhörer bzw. Prüfer und die eigene Person. Es wird ständig versucht kritische bzw. negative Bewertungen zu umgehen. Dies äußert sich bei vielen Prüflingen in überhöhten Ansprüchen an sich selbst, was wiederum zu einer ständigen Überforderung ihrerseits führt. Oft sind Kindheitserlebnisse in der Schule oder im Elternhaus, in denen das Selbstbewusstsein gelitten hat, die Ursache für ein solches Verhalten. Versagens- bzw. Bewertungsängste können bei schriftlichen und mündlichen Prüfungen in der Schule bzw. Hochschule auftreten, aber auch ebenso am Arbeitsplatz, in der Erwachsenenbildung, in der beruflichen Aus- bzw. Weiterbildung, beim Erwerb bestimmter Fähigkeiten wie beispielsweise eine Führerscheinprüfung.

Je mehr man hochgesteckte Ziele erreichen und Versagen vermeiden möchte, desto stärker nehmen Prüfungs- bzw. Versagensängste zu. Daraus lässt sich Folgendes schlussfolgern: Prüfungsängste können nur überwunden werden, wenn sowohl mit Bewertungssituationen als auch mit Leistungsnormen in einer konstruktiven Weise umgegangen wird.

Für die meisten Menschen bedeuten Prüfungen in der Schule oder im Beruf enormer Stress. Kaum jemand betrachtet Prüfungen als eine Möglichkeit sein Wissen und Können zu zeigen. Vielmehr konzentriert man sich vollständig auf seine Schwächen, anstatt sich seine Stärken und Fähigkeiten in das Bewusstsein zu rufen (vgl. Morschitzky, 2006, S. 34-36).

Ängste, wie die Angst vor Beurteilungen bzw. Bewertungen, basieren alle auf derselben Grundlage und ähneln sich daher sehr. Dazu gehören die Angst vor einem Vortrag, das Lampenfieber vor einer Theateraufführung, die Angst vor einer fremden Menschengruppe zu sprechen, wie auch die Angst vor Prüfungen und Autoritätsper- sonen. Alle beinhalten dieselbe Grundform der Angst.

Einige Merkmale dieser genannten Ängste lassen eindeutig auf die Angst vor Abwertung schließen. Beispielsweise das Sprechen vor einer Gruppe von Fremden löst bei vielen Menschen Angst aus. In dem Augenblick, in dem man zum ersten Mal vor einer Gruppe von fremden Menschen spricht, bilden sich diese ein Urteil über einen. Es könnten Unsicherheiten auffallen. Das eigene Aussehen wird begutachtet und bewertet. Ist einem seine Zuhörerschaft jedoch bekannt und man ist sich einer positiven Bewertung sicher, entsteht diese Angst nicht. Demnach sind auch nur wenige Menschen ängstlich, wenn es um das Sprechen im Kreise von Bekannten geht.

Ebenfalls zu Bewertungssituationen gehört der erste Kontakt mit einer Person des anderen Geschlechts. Hierbei kommt es auf Aussehen und soziale Geschicklichkeit an. Solch ein erstes Treffen kann manche Menschen geradezu in Panik versetzen. Dabei können Bewertungsängste auftreten, die unangenehme Auswirkungen haben. Baut sich eine gewisse Vertrautheit auf, verfliegt auch die Angst. Ebenso ereignen sich andere Bewertungssituationen, wie beispielsweise Prüfungen. Hat man den Eindruck eine Prüfung verläuft ganz gut, ist die Angst vor der schwierigen Situation schnell verflogen (vgl. Metzig & Schuster, 2006, S. 6). Folglich können die beiden Begriffe Prüfungsangst und Bewertungsangst synonym verwendet werden.

Da diese Ängste alle auf derselben Ursache basieren, erscheinen sie häufig auch zusammen: Wer beispielsweise unter starker Prüfungsangst leidet, hat meist immer auch Angst vor Vorträgen oder sozialen Auftritten. Es ist die Angst vor der Bewertung, die die beschriebenen Ängste nährt. Wenn man nun eine negative Beurteilung zu erwarten hat, ist das einerseits unangenehm, weil negative Folgen daraus resultieren, wie beispielsweise nach einem schlechten Abschneiden bei einem Bewerbungsgespräch die erhoffte Stelle nicht zu bekommen. Jedoch viel schlimmer ist die Tatsache, dass eine negative Bewertung auch immer das Selbstbild gefährdet. Grundsätzlich ist zu sagen, dass jeder Mensch sich selbst als wertvoll empfinden möchte (vgl. ebd., S. 7). „Eine Minderung des selbstempfundenen Wertes ist oft noch schlimmer als das Bewusstsein, von anderen gering eingeschätzt zu werden“ (ebd., S.7).

2.2.2 Leistungsangst

„Leistungsangst ist die Besorgtheit und Aufgeregtheit angesichts von Leistungsanforderungen, die als selbstwertbedrohlich eingeschätzt werden“ (Schwarzer, 1993, S. 105). Diese Begriffsbestimmung der Leistungsangst beinhaltet Aspekte der Situation als Auslöser („Leistungsanforderungen“), der subjektiven Einschätzung und Ewartungen (Bedrohung des Selbstbildes bzw. des Selbstwertes) und der individuellen Gedanken, wie „Besorgtheit und Aufgeregtheit“, die sich daran anschließen (vgl. ebd., S. 105).

Prüfungen sind kritische Leistungssituationen. Diese sind besonders durch Fremdbestimmung und Fremdbeurteilung bestimmt. Leistungen haben in unserem gesellschaftlichen System einen sehr hohen Wert und werden dementsprechend gebührend belohnt, wie beispielsweise mit Spitzenpositionen, Geld, sozialer Anerkennung, etc. Folglich ist es nicht verwunderlich, dass Eltern ihre Kinder immer frühzeitiger zu hohen intellektuellen Leistungen anspornen und diese auch einfordern. Auf diese Weise sollen sich die Kinder für eine der weiterführenden Schulen qualifizieren oder einen gelungenen Abschluss schaffen. Demnach ist ein Anstieg des Leistungsniveaus in Schulen und Universitäten die logische Folge. Hochschulen, Unternehmen, die ausbilden und andere Bildungsinstitutionen können sich vor dem Ansturm der Bewerber sozusagen kaum noch retten. Prüfungen bzw. Tests übernehmen hier die Funktion des Auslesens bzw. Ausfilterns. Ebenso deutlich wird dabei, dass immer mehr Kinder den Anforderungen bzw. dem doppelten Leistungsdruck ihrer Eltern und der Schule nicht mehr gewachsen sind und folglich mit starker Angst reagieren (vgl. Spandl, 1979, S. 20). Esser definiert die Leistungsangst wie folgt: Es ist „[…] eine Angst, die durch überhöhte Lern- und Verhaltensprinzipien sowie durch Fremderwartungen und Fremdverfügungen verursacht ist, wobei zielgerichtete Lernanforderungen und Lernaktivitäten zu erfüllen sind“ (zit. nach Spandl, 1979, S. 20). Leistungsängstliche Schüler haben das Gefühl den Anforderungen nicht gewachsen zu sein und diese infolgedessen nicht erfüllen zu können. Jede Situation, die mit Leistungsbewertung verbunden ist, löst in ihnen Angst vor Misserfolg aus. Die Ursachen dafür suchen sie in erster Linie bei sich selbst. Das bedeutet sie sehen, anstelle von äußeren Faktoren, ihre eigene Unfähigkeit als Auslöser an.

Nach Florin und Rosenstiel sind Fremdbeurteilungen und Fremdbestimmungen wesentliche Kriterien, die Leistungsangst verstärken. Fremdbeurteilung bedeutet, dass die Leistungen nicht nach eigenem Maßstab bewertet werden, sondern anhand von Kriterien, die von anderen Menschen bestimmt werden. Die Fremdbestimmung steht dazu in enger Verbindung. Sie definiert sich darüber, dass die zu erbringenden Leistungsanforderungen nicht durch einen selbst festgelegt werden, sondern von Schulen und Universitäten bestimmt werden.

Leistungsanforderungen und Leistungsbewertungen sind jedoch nicht nur in der Schule vorzufinden. Ebenso kann ein autoritärer und leistungsorientierter Erziehungsstil der Eltern Leistungsangst beträchtlich verstärken. Infolgedessen geraten Kinder in einen regelrechten Teufelskreis, wenn Eltern bei missglückten Klassenarbeiten bzw. schlechte Noten den Leistungsdruck noch zusätzlich verstärken (vgl. Spandl, 1979, S. 21).

2.3 Verschiedene Formen von Prüfungsangst

Es werden zwei Phasen unterschieden, in denen Prüfungs- bzw. Leistungsangst einen Menschen beeinträchtigen kann. Zum einen die Leistungsblockierung während der Prüfungsvorbereitung und zum anderen die Leistungsbeeinträchtigung in der Prüfungssituation. Die Leistungsblockierung während der Prüfungsvorbereitung äußert sich folgendermaßen: Schon lange Zeit vor der Prüfung empfindet die jeweilige betroffene Person Prüfungsangst. Sie setzt sich während des Lernens auf die Prüfung ständig mit ihren Versagensängsten und den damit verbundenen Folgen auseinander und ist somit nicht in der Lage, sich angemessen auf den Erwerb neuen Wissens zu konzentrieren. Die Angst vor einer möglichen Blamage bzw. einem Misserfolg übt zusätzlich Druck aus. Unter dieser Belastung lässt es sich nur sehr schwer lernen. Es wird dabei an alles andere gedacht, nur nicht an das Lernen selbst. Folglich fällt es sehr schwer sich neues Wissen anzueignen.

Die Leistungsbeeinträchtigung in der Prüfungssituation weist folgendes Erscheinungsbild auf: Die prüfungsängstliche Person ist im Prüfungsmoment aufgrund von Angstgefühlen und Aufregung nicht in der Lage ihr erlerntes Wissen abzurufen. Das Denken ist sozusagen blockiert. Aufgrund dessen möchte sie sich den zu lernenden Prüfungsstoff zur Sicherheit regelrecht einpauken, sodass sie ihn in der Prüfungssituation auswendig aufsagen kann. Dadurch kann jedoch erst recht kein Vertrauen zu den eigenen Fähigkeiten aufgebaut werden, was es wiederum unmöglich macht in Prüfungssituationen spontan und richtig zu denken bzw. zu handeln (vgl. Morschitzky, 2006, S. 36-37).

Im Detail lassen sich folgende Formen von Prüfungsangst unterscheiden, welche sich hier insbesondere auf mündliche Prüfungen beziehen.

- Angst vor der Prüfungsvorbereitung:

Man fühlt sich weder in der Lage sich auf das Lernen zu konzentrieren, noch sich dafür zu motivieren und befürchtet infolgedessen den Prüfungsstoff nicht in der vorgegebenen Zeit bewerkstelligen zu können. Bsp.: „Ich habe viel zu spät mit dem Lernen angefangen.“ „Der Stoff ist viel zu umfangreich, als dass ich ihn in der kurzen Zeit schaffen könnte.“ „Mir fehlt die nötige Konzentration.“

(vgl. ebd., S. 37)

- Angst vor der Prüfungssituation:

Es wird befürchtet, dass während der Prüfung nicht kontrollierbare Ängste auftauchen und deren körperliche Begleiterscheinungen für andere sichtbar werden könnten. Man schämt sich für seine Angstzustände, die das eigene Denken beeinträchtigen. Es entwickeln sich bildhafte Vorstellungen davon, wie man in der Prüfung scheitert, sich vor seinem Prüfer blamiert und einen erbärmlichen Eindruck hinterlässt. Bsp.: „Bestimmt werde ich in der Prüfung so nervös sein, dass ich die Fragen nicht verstehe.“ „Vor lauter Aufregung versagt mir in der Prüfung bestimmt die Stimme.“

(vgl. ebd.)

- Angst vor dem Prüfer bzw. der Prüferin:

Besonders wenn eine Person Schwierigkeiten im Umgang mit Autoritätspersonen hat, entwickelt diese Ängste vor dem jeweiligen Prüfer bzw. der jeweiligen Prüferin. Dabei werden dem Prüfer häufig angsterregende Eigenschaften zugeschrieben, wie beispielsweise: Streng, unberechenbar, unerbittlich, an Wissen und Können deutlich überlegen, etc. Selbst wenn der Prüfer keineswegs diesen Eigenschaften entspricht, werden häufig frühere Erfahrungen mit Eltern, Lehrern oder Lehrerinnen auf andere Personen projiziert. Des Weiteren konzentriert sich die prüfungsängstliche Person viel zu sehr auf das Verhalten des Prüfers und macht sich davon abhängig. Dabei wird die Möglichkeit einer aktiven, selbstbewussten Rolle in der Prüfung unterschätzt und somit gleichzeitig verschenkt. Dies wiederum führt zu einer Verstärkung der Versagensängste. Die Prüfung wird als ein „Horrorszenario“ angesehen, das unberechenbar erscheint und die Möglichkeit einer Mitgestaltung der Beziehung zum Prüfer wird dabei nicht in Erwägung gezogen. Bsp.: „Was wird mein Prüfer nur von mir denken, wenn ich auf einmal einen Black-out habe?“ „Ich bin meinem Prüfer hilflos ausgeliefert, er wird mich fertigmachen.“

(vgl. Morschitzky, 2006, S. 37-38)

- Angst vor den Folgen des Versagens bei der Prüfung:

Wenn eine bedeutende Prüfung nicht bestanden ist, kann dies negative Folgen für den weiteren Bildungsweg bzw. beruflichen Werdegang haben. Meist werden dabei jedoch die tatsächlichen Folgen erheblich überschätzt und es kommt zu wirklichkeitsfremden Fantasien und Vorstellungen. In der Angst vor dem Scheitern in einer Prüfung spiegeln sich für gewöhnlich die Ängste vor dem Verlust der sozialen Anerkennung der eigenen Eltern, Freunde, Verwandte oder Kollegen wieder. Es ist die Angst vor Ablehnung und die damit verbundene Furcht einer Minderung des Selbstwertes. Bsp.: „Ich bin ein richtiger Versager.“ „Alle werden sie von mir enttäuscht sein.“

(vgl. ebd., S. 38)

- Angst vor den Folgen einer bestandenen Prüfung:

Nach erfolgreich bestandenen Prüfungen wird der Erwartungsdruck durch Eltern oder Lehrer in einer noch stärkeren Weise empfunden. Es entwickeln sich Versagensängste, die nächste Prüfung nicht nach Vorstellungen der anderen zu absolvieren und diese dadurch zu enttäuschen. Manchmal ist es jedoch auch der Fall, dass Angst vor den Folgen eines erfolgreich absolvierten Abschlusses empfunden wird, wie etwa der Beginn eines neuen Lebensabschnittes und damit verbundene Veränderungen z. B. der Berufseintritt nach einer langen Zeit des Studierens. Bsp.: „Ich habe keinen blassen Schimmer, wie es nach der Prüfung weitergehen soll.“ „Danach wird alles nur noch schwerer, dem werde ich nicht gewachsen sein.“

(vgl. ebd.)

2.4 Normale und neurotische Prüfungsangst

Wie schon zuvor erwähnt, nahm Sigmund Freud eine Unterscheidung zwischen gesunder, realer Angst und krankhafter, neurotischer Angst vor. „Prüfungsangst ist meist ein Gemisch aus realer, d. h. auf reale Gefahrenquellen bezogener Angst und neurotischer Angst“ (Knigge-Illner, 1999, S. 21). Neurotische Angst ist eine übertriebene, zwecklose Angst, die sich meist aus Konflikten aus der Kindheit entwickelt, die nie verarbeitet wurden. Daraufhin wird diese Angst auf Prüfungssituationen übertragen.

Es ist nicht die Angst selbst, sondern es sind die daraus resultierenden Folgen, die darüber entscheiden, ob Angst einen Menschen antreibt bzw. aktiviert oder negativ und lähmend wirkt (vgl. Morschitzky, 2006, S. 15). Entsprechend kann zwischen konstruktiver und destruktiver Angst unterschieden werden.

Normale Prüfungsangst wird als eine situationsspezifische Angst definiert; die Angst vor der Prüfungssituation. Es handelt sich dabei um eine konkrete, objektive Situation, wie beispielsweise eine Klassenarbeit oder ein Referat, auf die sich die Angstform bezieht. Diese Art von Situationen wird als eine Herausforderung angesehen und rufen signifikante Symptome hervor, wie etwa Lampenfieber, Anspannung, Nervosität und dergleichen. Biologisch gesehen sind diese Reaktionen vollkommen natürlich, denn Prüfungen und Klassenarbeiten sind durchaus herausfordernde Umstände. Demzufolge muss der menschliche Organismus förmlich aktiviert werden, da er sonst nicht in der Lage wäre, auf eine Herausforderung wie diese, mit effektiven Leistungen zu reagieren. Daher sind Lampenfieber und Nervosität völlig normale Reaktionen vor Prüfungen und sogar notwendig und hilfreich für deren Bewältigung (vgl. Barthel, 2001, S. 10). Aus diesem Grund kann diese Angst ebenso als konstruktive Angst bezeichnet werden, da sie einen Menschen zu guten Leistungen regelrecht antreiben und sozusagen als Motor für Erfolg genutzt werden kann. Angst kann nützlich und leistungssteigernd sein, wenn konstruktiv mit ihr umgegangen wird und sie zum eigenen Vorteil eingesetzt wird.

Die Angst davor, schlechter als andere Menschen dazustehen, wirkt sich motivierend auf die eigenen Leistungen aus und kann sogar zu Spitzenleistungen anspornen. Folglich lässt sich festhalten: Menschen, die unter Versagensängsten leiden, haben zugleich meist ein großes Bestreben nach Perfektion, was sie wiederum zu Höchstleistungen mobilisiert (vgl. Morschitzky, 2006, S. 15-16).

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Titel: Prüfungsangst bei Schülern