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Professionalisierung in der Pflege: Begriffe und Debatte

Akademische Arbeit 2005 28 Seiten

Gesundheit - Pflegewissenschaft - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Erklärung der Begriffe „Profession“ und „Professionalisierung“

3 Die soziologische Professionalisierungsdebatte
3.1 Klassifizierung von Professionalisierungstheorien
3.2 Ausgewählte Beiträge aus der deutschen Professionalisierungsdebatte
3.3 Das Konzept der Semi-Professionen
3.4 Gegenläufige Bewegungen in der Professionalisierungsdebatte
3.5 Die feministische Debatte um Professionalisierung

4 Die Pflegeberufe – eine Semiprofession?

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis (inkl. weiterführender Literatur)
6.1 Im Internet

1 Einleitung

Die Bemühungen einer Reformierung der beruflichen Krankenpflege gehen oftmals mit der Forderung nach Professionalisierung einher. Unterschiedliche Positionen innerhalb der beruflichen Krankenpflege haben alle das gemeinsame Ziel der Professionalisierung. Dabei werden zum einen Merkmale einer Profession wie z.B. Status, Autonomie oder Wissenschaftlichkeit, mit denen sich in der Vergangenheit Professionalisierungstheoretiker befasst haben genannt, auf der anderen Seite rückt heutzutage zunehmend das berufliche Handeln selbst in den Vordergrund der Überlegungen zur Professionalisierung der Krankenpflege.

Um diese Entwicklung nachvollziehen zu können, erachte ich es als sinnvoll, zunächst die Begriffe „Profession“ und „Professionalisierung“ zu erklären und danach die historische Entwicklung der Professionalisierungsdebatte darzustellen.

2 Erklärung der Begriffe „Profession“ und „Professionalisierung“

Das Wort Profession leitet sich vom lateinischen Wort „profiteri" ab, was soviel wie „offen erklären"[1] bzw., „offen bekennen" bedeutet.

Als Hintergrund für die Entstehung der Professionen steht der Aufstieg der Berufsidee in der europäischen frühen Neuzeit. Diese haben sich im Zuge der neuen Form der gesellschaftlichen Differenzierung entwickelt; aus den ehemaligen Ständen wurden Berufsstände mit „funktionaler Zuständigkeit“ (Stichweh 1997, S.52). Dabei verfügten sie über einen Wissensbestand, der jeweils einen zentralen Aspekt des menschlichen Lebens betrifft, nämlich die Beziehung zu Gott (Theologie), zu sich selbst (Medizin) und zu anderen Menschen (Recht) (vgl. ebd. S.53f).

Professionen werden als Berufe eines besonderen Typs bezeichnet. Sie kennzeichnen sich dadurch aus, dass „sie die Berufsidee reflexiv handhaben, also das Wissen und das Ethos eines Berufs bewusst kultivieren, kodifizieren, vertexten und damit in die Form einer akademischen Lehrbarkeit überführen. Die reflexive Handhabung der Berufsidee schließt das Wissen um den sozialen Anspruch ein, der sich mit dem jeweiligen Beruf verbindet, und sie bezieht sich insofern auf die jetzt erreichbar gewordenen gesellschaftlichen Positionen und Attribute“ (Stichweh 1997, S.51).

Zur Kontrolle ihres Berufsstands besitzen sie also einen ethischen Kodex (code of ethics), d.h. der Berufsstand kontrolliert sich selbst in Bezug auf Integrität und Qualität der Professionsangehörigen, woraus sich die Autonomie als ein wesentliches Merkmal von Professionen ableitet.

In Deutschland versuchte man anfangs, den englischsprachigen Begriff „profession“ mit „Berufe“, „selbstständige Berufe“ oder „akademische Berufe“ zu übersetzen. Man stellte allerdings fest, dass dann aber immer nur ein Aspekt oder Merkmal einer Profession abgedeckt werden konnte (vgl. Hesse 1972, S.49).

Aus diesem Grund wurde er wie andere englische Begriffe wortwörtlich ins Deutsche übernommen.

Der Begriff „professionalization" hat nach Hesse, der sich ausführlich mit den angloamerikanischen Rezensionen zur Professionalisierungsdebatte auseinander gesetzt hat, drei Bedeutungen: Zum einen wird damit der Prozess der Umwandlung eines Berufs in eine Profession bezeichnet. Darüber hinaus bezeichnet „professionalization" das Phänomen, dass die Zahl der Angehörigen einer Profession schneller wächst als die anderer Berufe und drittens, dass die Professionen von Beginn an ihren Beruf auf eigenen wissenschaftlichen Erkenntnissen gründen (vgl. Hesse 1972, S.34f).

Die Begriffe Profession/Professionalisierung werden dabei oft mit den Bezeichnungen Beruf/Verberuflichung gleichgesetzt und der Umwandlung von bisher ehrenamtlichen Tätigkeiten in Lohnarbeit, wie folgende Definition aus der Bertelsmann-Lexikothek zeigt:

Verberuflichung, die Tendenz erstens: zur Herausbildung neuer und Konsolidierung bereits bestehender Tätigkeitsfelder; zweitens: zur Umwandlung bisher unentgeltlicher (ehrenamtlicher Tätigkeit) in einkommensabhängige Tätigkeit; drittens: zur Entwicklung neuer beruflicher Verhaltens- und Wertstandards (Bertelsmann Lexikothek 1996, S.31).

In der heutigen Debatte um die Professionalisierung der Gesundheitsberufe stellt man fest, dass der Begriff oft in einem sehr unterschiedlichen Zusammenhang gebraucht wird. Es lassen sich zwei verschiedene Richtungen beobachten (vgl. Zoege 2004):

- Im beruflichen Alltag wird damit das berufliche Handeln gemeint („z.B. professionelle Pflege“, auch in Abgrenzung zu Laienpflege), unabhängig davon, ob der Handelnde soziologisch gesehen einer Profession angehört oder nicht.
- In berufspolitischen Diskussionen wird der Begriff „Professionalisierung" dazu verwendet, um sich den Merkmalen einer Profession weiter anzunähern. Dies äußert sich beispielsweise in der Forderung nach der Einrichtung einer Pflegekammer (vgl. Kellnhauser (1993), Prowasnik (2004), in Diskussionen um die Definition von Vorbehaltsaufgaben für ausgebildetes Fachpersonal (vgl. Sowinski (1998)), die Forderung nach Entwicklung von ethisch-moralischer Kompetenz (vgl. Schwerdt (2002)) oder auch insbesondere in Empfehlungen, die Pflegeausbildung zu akademisieren.

3 Die soziologische Professionalisierungsdebatte

Am Anfang der Professionalisierungsdebatte beschäftigten sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts vor allem angloamerikanische Soziologen, die Professionsmerkmale herausarbeiteten. Vorangegangen war im Zuge der Industrialisierung die Entstehung neuer Formen von Erwerbstätigkeit. An Universitäten kam es zu einer rapiden Ausweitung von Funktionsbereichen, Fachwissenschaften und Fachkulturen, woraus speziell in den USA die neue Kategorie der „professions" entstand, die aber nur bestimmten Berufsgruppen vorenthalten war. Es handelte sich hierbei um die Berufe des Arztes, des Juristen und des Geistlichen. Grund dafür war, dass sie wesentliche gesellschaftliche Probleme repräsentierten: Das Verhältnis zu Gott (Theologie), zu anderen Menschen (Recht) und zu sich selbst (Medizin) (vgl. Combe/Helsper, 1997, S.15). Diese Berufe werden heute als in der Literatur als klassisch definiert, wobei der ärztlichen Profession die höchste Bedeutung zugemessen wird (vgl. Weidner 1995, S.35).

Als erste umfangreiche Studie auf diesem Gebiet wird die Arbeit von Carr-Saunders und Wilson (1933) gewertet. Sie versuchten, Berufe, die weder dem produzierenden Gewerbe noch der Landwirtschaft angehörten, zu ordnen. Erst einmal standen neben Juristen und Ärzten auch Krankenschwestern, Apotheker, Naturwissenschaftler und andere Berufe auf der Liste der „professions“.

Als den Idealtypus einer Profession sahen sie dabei vor allem Juristen und Ärzte. Diese „professionals" hatten zwei wesentliche Merkmale gemeinsam: Sie beherrschten zum einen spezifische Fertigkeiten, zum anderen beruhte ihre Arbeit auf wissenschaftlich fundiertem Grundlagenwissen, das sie sich selbst erarbeiteten. Im Gegensatz dazu wendeten Krankenschwestern nur fremdes Wissen an, sie besaßen ihrer Meinung nach zu diesem Zeitpunkt kein originäres Wissen (vgl. Zoege 2004, S.215f), weshalb Etzioni (1969) die Pflege aus diesem Grund auch als Semiprofession bezeichnet. Neben dem Beruf der Krankenschwester gehört dazu auch der Lehrerberuf und der des Sozialarbeiters.

Die Diskussion um das Wissen der Professionellen zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Professionalisierungsdebatte und wird in dieser Arbeit noch öfter thematisiert werden.

3.1 Klassifizierung von Professionalisierungstheorien

Um einen Überblick über die Vielzahl von Professionalisierungstheorien zu bekommen, bietet sich die Methode der Klassifizierung an. Zwei sich ähnelnde Vorschläge zur Klassifizierung möchte ich an nun exemplarisch vorstellen.

Combe und Helsper (1997) haben die Ansätze der Professionalisierungsforschung ausgehend von der Fragestellung, die sie verfolgen, kategorisiert:

- Funktionalistische Betrachtungsweise: In diesen Theorien werden ausschließlich die gesellschaftliche Funktion von Professionen und deren Merkmale, zu denen systematisches Wissen, am Gemeinwohl ausgerichtete Handlungsorientierung und Autonomie der Kontrolle über Standards der Berufsausübung und Ausbildung zählen, beschrieben (vgl. Hesse 1972, Schwendenwein 1990).
- Systemtheoretischer Ansatz: Hierin wird die Aufmerksamkeit auf gesellschaftliche Differenzierungsprozesse gelegt, bei denen Professionen eine große Rolle spielen (vgl. Stichweh 1997, S.49-69).
- Machttheoretische Perspektive: Im Zentrum dieser Betrachtungen steht die Entwicklung von Professionen im Kontext sozialer Macht und Ungleichheit. Es geht um das Erreichen eines höheren Status durch Aufwertung des Berufs, immer in Verbindung mit höherem Ausbildungswesen (vgl. Daheim 1992, S.23).
- Interaktionistisch orientierte Betrachtung bzw. der strukturtheoretische Ansatz: Der Focus liegt auf der Beziehung zwischen dem Professionellen und seinem Klienten mit dem Ziel, einen „Idealtypus" professionellen Handelns zu erreichen (vgl. Oevermann 1997). Oevermann wendet sich nicht von den klassischen Professionsmerkmalen ab, sondern sieht Autonomie und wissenschaftliche Ausbildung als Voraussetzung für eine ungestörte Professionelle-Klient-Beziehung.

Eine ähnliche Klassifikation legt Weidner (1995) in seiner empirischen Arbeit über Voraussetzungen und Perspektiven beruflichen Handelns in der Krankenpflege mit Bezug auf Dewe (1984) vor. Er unterscheidet ebenfalls vier Positionen:

- Die indikatorisch-merkmalsorientierte Position,
- die funktionalistische Position,
- die machttheoretische Position und
- die interaktionstheoretische Position.

Im Gegensatz zu Combe und Helsper fasst Weidner (1995) Theorien zusammen, in denen typologische Merkmale aufgelistet sind, so genannte Merkmalskataloge. Diese sollen dazu dienen, einen Beruf auf einer Professionalisierungsskala zu bestimmen, bzw. Strategien zu entwerfen, eine höhere Stufe zu erreichen. Darüber hinaus unterscheidet er ebenfalls funktionalistische, machttheoretische und interaktionstheoretische, bzw. strukturlogische Professionstheorien.

Der merkmalsorientierte Typus

Im Mittelpunkt von derartigen Professionstheorien stehen Indikatoren und Merkmale, die einer Profession zugeschrieben werden.

Hesse hat 1972 basierend auf angloamerikanischen Veröffentlichungen versucht, gemeinsame Merkmale von Professionen herauszufiltern:

- Berufstätigkeit beruht auf lang andauernder theoretisch fundierter Spezialausbildung- sie ist überwiegend nicht-manuell
- Die Berufsangehörigen sind an bestimmte Verhaltensregeln gebunden (code of ethics)
- Die Berufstätigen sind in einem Berufsverband mit weitgehender Selbstverwaltung und Disziplinargewalt organisiert.
- Die Arbeit der Berufsangehörigen ist ein Dienst an der Allgemeinheit; sie dient dem öffentlichen Wohl, der Stabilität der Gesellschaft und weniger der Befriedigung privater Interessen der Berufsangehörigen.
- Berufstätigkeit ist altruistisch, nicht egoistisch motiviert.
- Aufnahme der Berufstätigkeit setzt das Bestehen einer Prüfung voraus, die weitgehend in den Händen des Berufsverbands liegt.
- Die Berufsangehörigen erwarten von jedem Empfänger ihrer Leistungen ein hohes Maß an „blindem Vertrauen in ihre fachliche Kompetenz wie in ihre moralische Integrität – sie haben ein dementsprechendes Verantwortungsbewusstsein.
- Für die Berufsangehörigen ist ein gegenüber anderen Berufen klar abgegrenzter Arbeitsbereich monopolisiert.
- Innerhalb des Berufs besteht eine Stufenfolge von unterschiedlichen Qualifikationen.
- den Berufsangehörigen ist öffentliche Werbung untersagt; zwischen ihnen besteht ein hohes Maß an Kollegialität.
- Die Berufsangehörigen haben mit besonders wichtigen und intimen Angelegenheiten zu tun.
- Einkommenshöhe ist kein Gradmesser für Erfolg und Tüchtigkeit, sondern Titel, Orden, Preise, Ehrenämter usw.
- Die Berufsangehörigen verfügen über jahrhundertealte Weisheit und Erfahrungen und vermeiden dadurch die Gefahren und Irrtümer eines engen Spezialistendenkens.
- Die Bezahlung der einzelnen Leistungen der Berufsangehörigen ist generell abstrakt geregelt; sie besteht vorwiegend aus festem Honorar oder aus Gebühren.
- die Berufsangehörigen wenden ein generell-abstraktes Wissen auf einmalige konkrete Fälle an, ihre Tätigkeit ist daher nicht standardisierbar (Hesse 1972, S.47f).

Diese Aufzählung von klassischen Merkmalen von Hesse wird in der Literatur häufig zitiert (vgl. Weidner 1995, S.32ff), obwohl Hesse selbst eine ausgesprochen kritische Position dazu eingenommen hat und die Gültigkeit dieser Professionsmerkmale angezweifelt hat (vgl. Hesse 1972, S.66f).

Eine andere Auflistung von Strukturmerkmalen liefert Schwendenwein. Er beschreibt sieben notwendige Bedingungen, die erfüllt sein müssen, damit sich in einer arbeitsteiligen Gesellschaft ein Beruf zu einer Profession weiterentwickeln kann (vgl. Schwendenwein 1990, S.360ff). Es handelt sich dabei um

- die Existenz berufsrelevanter Forschung,
- die Existenz entsprechender Rechtsgrundlagen,
- die obligatorische Beachtung gesellschaftlicher Zentralwerte,
- die Beachtung berufsspezifischer Leitziele,

[...]


[1] Was die Bedeutung des Wortes „Professor“ erklärt.

Details

Seiten
28
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783656880202
Dateigröße
464 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v287951
Institution / Hochschule
Hochschule Ludwigshafen am Rhein
Note
1,3
Schlagworte
professionalisierung pflege begriffe debatte

Autor

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