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Professionelles Handeln: Oevermanns Theorie und die Professionalisierung in der Pflege

Akademische Arbeit 2005 33 Seiten

Gesundheit - Pflegewissenschaft - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretische Ableitungen
2.1 Die Foci professionalisierten Handelns
2.2 Der Focus Wissenschaft
2.3 Der Focus Therapie – das therapeutische Arbeitsbündnis

3 Die doppelte Professionalisierung und Professionalisierungsbedürftigkeit

4 Welche Berufe sind nun professionalisierungsbedürftig?

5 Professionalisierung im Kontext aktueller Entwicklungen der Pflegeausbildungen in Deutschland
5.1 Zum Stand der Akademisierung der Pflege
5.2 Zum Stand der klassischen Pflegeausbildung an Fachschulen
5.3 Bewertung der vorgestellten Entwicklungen
5.4 Wie kann professionalisiertes Handeln in die Praxis gelangen?

6 Schluss

7 Literaturverzeichnis (inkl. weiterführender Literatur)
7.1 Im Internet

1 Einleitung

Oevermann wendet sich in seiner 1997 veröffentlichten „Theoretischen Skizze einer revidierten Theorie professionalisierten Handelns" deutlich von den klassischen Professionstheorien ab, da sie sich seiner Meinung nach mit der Darlegung der institutionellen Erscheinungsformen der relativen Autonomie der Professionen begnügen, anstatt zu erfassen, woraus sie sich herleiten lassen, nämlich aus der „von ihnen typischerweise zu lösenden Handlungsprobleme zurückzuführende handlungslogische Notwendigkeit" (Oevermann 1997, S.70). Mit anderen Worten gesagt: Oevermann betrachtet sozusagen die berufliche Tätigkeit von innen heraus, anstatt äußere Merkmale als Kriterien zur Einstufung von Professionen heranzuziehen. Zugleich wendet er sich gegen die gegenwärtige Soziologie, da sie Professionen mit Expertentum und Professionalisierung mit Expertisierung gleichsetzt, obwohl schon nachgewiesen sei, dass mit einer Expertisierung auch eine Deprofessionalisierung verbunden ist.

Den Kern professionellen Handelns bildet in den therapeutischen Berufen das Arbeitsbündnis, auf welches die klassische Professionalisierungsstheorie überhaupt nicht eingeht:

Der klassischen Professionalisierungstheorie fehlt diese Fundierung im Arbeitsbündnis. Deshalb bleibt sie auch gegenüber den bloß ideologiekritischen Betrachtungen von professionalisiertem Handeln und von Professionen als überkommenen Privilegienausformungen und ständischen Relikten angreifbar (Oevermann 1997, S.134).

Dieses Arbeitsbündnis wird ausführlicher vorgestellt, weil es Hinweise geben kann, welche Voraussetzungen der Berufsgruppe der Pflegenden fehlen und welche Anforderungen sich im Hinblick auf den Professionalisierungsprozess ergeben können.

2 Theoretische Ableitungen

Oevermann versucht zunächst die Grundlagen herauszuarbeiten, die zur Entstehung und Notwendigkeit von Professionen führen. Er betrachtet zu Beginn den Übergang von Natur zu Kultur, woraus sich die Geschichte entwickelt hat. Entstanden ist diese durch praktische Aktionen von Subjekten, woraus sich auch die Lebenspraxis zusammensetzt. Diese Lebenspraxis ist gekennzeichnet durch Krisen und Routinen, wobei der Normalfall - für den strukturalistischen und pragmatischen Analytiker - laut Oevermann die Krise ist, die in der Lebenspraxis zu bewältigen ist. Routinen sind in der Lebenspraxis häufiger anzutreffen und entstehen aus der Bewältigung von Krisen als „sich bewährende Lösungen“ (Oevermann 1997, S.74). Ist die Krise in der Lebenspraxis nun der Normalfall, so ist zu untersuchen, wie diese damit umgeht. Die Lebenspraxis muss nämlich auch dann Krisen bewältigen und Entscheidungen treffen, wenn sie keine ausreichenden Begründungen für Lösungen zur Verfügung hat. Im Nachhinein muss sie aber dann den Anspruch auf Begründbarkeit einlösen. In dieser widersprüchlichen Einheit aus Entscheidungszwang und Begründungsverpflichtung liegt die Autonomie der Lebenspraxis begründet:

„Indem sich Lebenspraxis dieser Bewährungsdynamik stellt, überführt sie ihr strukturell grundsätzlich gegebenes Autonomiepotenzial und das damit formulierte Autonomieproblem in eine lebenspraktisch mehr oder weniger gut gelungene bzw. manifest realisierte faktische Autonomie“(ebd. S.78).

Professionelles Handeln bedeutet demnach die Wiederherstellung der Autonomie der Lebenspraxis, dazu muss der Handelnde sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse berufen können:

„Professionalisiertes Handeln ist wesentlich der gesellschaftliche Ort der Vermittlung von Theorie und Praxis unter Bedingungen der verwissenschaftlichten Rationalität, das heißt unter Bedingungen der wissenschaftlich zu begründenden Problemlösung in der Praxis“(Oevermann 1997, S.80).

Ohne professionell Handelnde wäre demnach auch keine Verknüpfung von Theorie und Praxis möglich.

2.1 Die Foci professionalisierten Handelns

Oevermann versucht im Anschluss daran herauszufinden, auf welche Lebensbereiche sich dieser Problemlösungsprozess bezieht. Er unterscheidet dabei drei „funktionale Foci des professionalisierten Handelns“:

„Die Aufrechterhaltung und Gewährleistung einer kollektiven Praxis von Recht und Gerechtigkeit im Sinne eines die jeweils konkrete Vergemeinschaftung konstituierenden Entwurfs“;

Die Aufrechterhaltung und Gewährleistung von leiblicher und psychosozialer Integrität des einzelnen im Sinne eines geltenden Entwurfs der Würde des Menschen“;

Die methodisch explizite Überprüfung von Geltungsfragen und –Ansprüchen unter der regulativen Idee der Wahrheit (Oevermann 1997, S.88).

Auf der ersten Ebene geht es um Konsensbeschaffung: Um eine gesellschaftliche Ordnung aufrecht zu erhalten, braucht es spezifische Instanzen. Dafür zuständig ist in der modernen Gesellschaft unter der Bedingung der staatlichen Gewaltenteilung das rechtspflegerische Handeln: „Ihm liegt als Fokus die Aufrechterhaltung des praktischen Konsens über Recht und Gerechtigkeit zugrunde (ebd. S.91).

Auf der zweiten Ebene geht es um die Beschaffung von therapeutischem Potenzial. Wird die leibliche oder psychosoziale Integrität eines Individuums beschädigt, dann muss die Gesellschaft therapeutische Maßnahmen zur Wiederherstellung dieser Integrität bereithalten.

Auf der dritten Ebene geht es um die Wahrheitsbeschaffung. Historisch betrachtet hat sich das Wissen mit zunehmender gesellschaftlicher Differenzierung und Spezialisierung entwickelt. Erst mit der Institutionalisierung der Erfahrungswissenschaften kann man aber erst von einer Professionalisierung wissenschaftlichen Handelns reden.

Diese drei Ebenen des professionalisierten Handelns stehen in enger Verbindung miteinander: In der Praxis ist das professionalisierte Handeln immer eine Zusammensetzung von Problemlösungen bezüglich aller drei Foci, aber dennoch ist in jeder konkreten professionalisierten Praxis einer dieser drei Foci dominant (Oevermann 1997, S.95). Dies lässt sich am Beispiel einer klassischen Profession wie der Medizin verdeutlichen: Der Arzt bemüht sich in erster Linie um die Therapiebeschaffung, daneben kann er aber auf Wahrheitsbeschaffung (z.B. Forschung) und Konsensbeschaffung (Normanpassung) nicht verzichten.

Oevermann geht im Folgenden auf die beiden Foci Wissenschaft und Therapie genauer ein.

2.2 Der Focus Wissenschaft

Wissenschaft bildete nach Oevermann die Basis für die klassischen Professionen zur vollen Professionalisierung ihrer Tätigkeiten. Er beschreibt im weiteren die historische Entwicklung der Erfahrungswissenschaften und ihre Institutionalisierung an den Universitäten zu Beginn des 19. Jahrhunderts und versucht die Frage zu beantworten, worin die Professionalisierungsbedürftigkeit des erfahrungswissenschaftlichen Diskurses liegt und worin seine Professionalisiertheit. Er kommt zu dem Schluss, dass sich die Wissenschaft deutlich von der Praxis unterscheidet und dass eine gegenseitige Autonomie von Wissenschaft und Praxis gewährleistet werden muss. Dabei soll sich die Praxis völlig aus der Wissenschaft fernhalten - Oevermann spricht von „Praxisentlastetheit". Auf der anderen Seite müsse für die Praxis gelten, dass sie autonom bleibt in ihren Entscheidungen und dass die Verantwortung damit in den Händen der professionell Handelnden liegt. Erst diese wechselseitige Respektierung der Autonomie erlaubt es der Wissenschaft, unabhängig und auch gegen Widerstände aus der Praxis zu forschen (Oevermann 1997 S.102ff). Dazu muss sich der Forscher zum einen unpersönlich verhalten, insofern von ihm die Orientierung an wissenschaftlicher Methodologie und Professionsethik gefordert ist, aber auf der anderen Seite soll er sich auch mit Begeisterung der Sache widmen. Er ist also „geprägt von der widersprüchlichen Einheit von Rollenhandeln und Handeln als ganze Person" (ebd. S.105). Vor diesem Hintergrund diskutiert Oevermann auch Tendenzen der Deprofessionalisierung, so spricht er sich trotz gegenläufiger Bewegungen für eine „Wissenschaft im Elfenbeinturm" aus und kritisiert ethische Beschränkungen der Forschung im Bereich der Atomenergie und Biotechnologie, die seiner Meinung nach die „Offenheit der Zukunft" schließen (ebd. S.106). Eine noch größere Gefahr sieht Oevermann in der Tendenz zur Trennung von Forschungs- und Lehrprofessuren und der damit einhergehenden Umwandlung der Universitäten zu Fachhochschulen, was einer endgültigen Deprofessionalisierung der Wissenschaft gleich käme (ebd. S.109).

2.3 Der Focus Therapie – das therapeutische Arbeitsbündnis

Die Professionalisierungstheorie von Oevermann ist den interaktionstheoretischen Professionalisierungspositionen zuzuordnen, d.h., das Verhältnis zwischen dem professionell Handelnden und seinem Klienten wird in den Mittelpunkt der Betrachtungen gerückt. Therapeutisches Handeln bedeutet dabei die Wiederherstellung der Autonomie der Lebenspraxis, mit anderen Worten gesagt die Bewältigung einer Krise des Individuums mithilfe des Therapeuten, ohne dass sich die Wiederherstellung „de-autonomisierend" auf die Person auswirkt (Oevermann 1997, S.113). Das Menschenbild einer grundsätzlich autonomen Persönlichkeit, das Oevermann hier zugrunde legt, beruht auf seiner Sozialisationstheorie. In dieser geht es um die Kategorien der sozialisatorischen Interaktion und der ödipalen Triade. Sozialisatorische Interaktionen geschehen nun meist im familiären Bereich, in dem das Kind nach und nach den objektiven Sinn der Interaktionen verstehen lernt, woraus schließlich soziale Handlungsfähigkeit entsteht. Diese Interaktion geschieht im Rahmen der ödipalen Triade, d.h. aus der Mutter-Kind-Beziehung, der Vater-Kind-Beziehung und der Gattenbeziehung und ist gekennzeichnet durch diffuse Sozialbeziehungen, die Oevermann von spezifischen, d.h. zweckgerichteten Rollenbeziehungen strikt unterscheidet[1] (ebd. S.110f). Die Sozialisation wird als Ablösungsprozess beschrieben:

„(1) die mit der Geburt erfolgende Ablösung aus der primär organischen Symbiose aus dem Mutterleib; (2) die Ablösung aus der Mutter-Kind-Beziehung; (3) die Ablösung aus der ödipalen Triade; (4)die Ablösung aus der Herkunftsfamilie in der Bewältigung der Adoleszenzkrise" (Oevermann 1997, S.114).

Diese Sozialisationstheorie bildet den entscheidenden Bezugspunkt des professionalisierten Handelns im Bereich „Therapie“, denn eine therapeutische Intervention muss sich laut Oevermann an diesem genetischen Modell orientieren. Dabei ist das professionalisierte Handeln gekennzeichnet durch eine Beziehungspraxis, die Oevermann das Arbeitsbündnis nennt, „also die zugleich diffuse und spezifische Beziehung zum Klienten, dessen leibliche und/oder psychosoziale Beschädigung beseitigt oder gemildert werden soll“ (ebd. S.115).

Anhand des Beispiels der psychoanalytischen Arzt-Patient-Beziehung veranschaulicht Oevermann im Folgenden diese „widersprüchliche Einheit von diffusen und spezifischen Sozialbeziehungen" (ebd. S.118) und den Unterschied zwischen Abhängigkeit und Autonomie. Demnach gelten für Oevermann bereits das Aufsuchen des Therapeuten und das Sich-einlassen aufgrund seines Leidensdrucks bereits als ein Akt der Autonomie, da sich der Patient ja freiwillig zum Therapeuten begeben hat. Würde der Therapeut auf den Patienten zugehen und ihm ohne Aufforderung helfen, käme dies einer De-autonomisierung gleich und würde Schaden anrichten.

Das Beispiel aus dem Bereich der Psychoanalyse kann natürlich nicht eins zu eins auf jedes Arzt-Patient-Verhältnis übertragen werden, da in dieser Beziehung auch akute Situationen existieren, in denen der Patient die Hilfe des Arztes annehmen muss, damit nicht sein Leben in Gefahr gerät. Der Patient erfährt dies dann auch nicht als autonomen Akt, sondern eher als Ausdruck seiner Hilflosigkeit. Der professionalisierte Handelnde müsste dann im Arbeitsbündnis dazu beitragen, dass die Autonomie wieder hergestellt wird, in dem er sich diese Autonomie bewusst macht.

Für den Patienten gilt außerdem die Grundregel, dass er dem Therapeuten alles sagt, was ihm durch den Kopf geht, was die „diffuse Sozialbeziehung" repräsentiert (ebd. S.116). Dagegen darf der Therapeut nicht aus „seiner Rolle fallen", er sichert damit die spezifische Rollenbeziehung im Arbeitsbündnis. Er beendet auch die therapeutische Beziehung und gibt dem Patienten gleichzeitig die Möglichkeit zur selbstständigen Ablösung, da ein Beendungsversuch des Patienten gleichbedeutend mit einer Flucht wäre (ebd. S.123).

3 Die doppelte Professionalisierung und Professionalisierungsbedürftigkeit

Oevermann gibt nun Aufschluss darüber, welche Fähigkeiten der professionalisierte Therapeut haben muss und welche Ausbildung er benötigt, um professionell im Arbeitsbündnis handeln zu können. Er spricht von einer „doppelten Professionalisierung" (ebd. S.124). Die auf den Fokus von Therapie bezogenen Professionen professionalisieren sich wie alle anderen akademischen Berufe zuerst einmal in der „Einübung in den wissenschaftlichen Diskurs"(ebd. S.124), was die erste Phase der Professionalisierung darstellt. Sollen die darin gewonnenen Erkenntnisse - Oevermann spricht vom wissenschaftlichen Habitus - in der Praxis angewendet werden, erfolgt eine zweite, nochmalige Professionalisierung, „die sich wiederum auf das Verhältnis von Wissenschaft und Praxis bezieht, aber dieses Mal in der konkreten, zugleich personalisierten Beziehung zum Klienten, bzw. Patienten. Der strukturelle Ort dieser in sich praktischen - und nicht, wie im wissenschaftlichen Diskurs, unpraktischen - Vermittlung von Theorie und Praxis ist, wie wir gesehen haben, das Arbeitsbündnis. Um das Arbeitsbündnis als professionalisierter Experte einhalten zu können, muss der Arzt, bzw. der Therapeut dessen Praxis in der in sich professionalisierten Ausbildung habituell einüben (Oevermann 1997, S.12)."

Wie im Fokus Wissenschaft aufgezeigt wurde, benötigt der professionalisierte Experte zuerst eine Einübung in den wissenschaftlichen Diskurs ohne jeglichen Praxisbezug; in der zweiten Professionalisierung muss er diese eingeübte Distanz wiederum überwinden.

Der professionell Handelnde hat es mit zwei Operationen zu tun, von denen er keine vernachlässigen darf. Die eine Operation beruht auf dem angeeigneten universitären Wissen, was ihm hilft, den Fall theoretisch zu subsumieren. Die andere Operation betrifft das Fallverstehen. Der jeweilige Fall muss in seinen lebensgeschichtlichen Zusammenhängen rekonstruiert werden.

Die professionalisierte therapeutische Praxis ist, wie bereits mehrfach erwähnt wurde, eine für sich autonome Praxis. Diese muss abhängig von der Risikoabwägung eigenständig Entscheidungen treffen, auch wenn dafür noch keine ausreichenden Begründungen zur Verfügung stehen. Sie ist dann aber zu einer nachträglichen Begründung verpflichtet und produziert dadurch neue Erkenntnisse (Oevermann 1997, S.132). Neben der Risikoabwägung existiert zudem noch die Nähe-Distanz-Problematik im Arbeitsbündnis, d.h., der Therapeut versucht mit der größten personalen Distanz den Klienten zu beobachten, auf der anderen Seite soll dem Therapeuten nichts verborgen bleiben und "nichts Menschliches fremd" bleiben, um den Menschen wirklich zu verstehen und sein Problem in den konkreten Kontext seiner Lebensgeschichte einordnen zu können (ebd. S.133).

4 Welche Berufe sind nun professionalisierungsbedürftig?

Zuerst betont Oevermann wieder die Professionalisierungsbedürftigkeit des wissenschaftlichen Diskurses, die sich, wie oben erwähnt, aus der Praxisentlastetheit und der gleichzeitigen Bindung an die Praxis ergibt. Er zeigt anschließend auch wieder die einsetzende Tendenz der Deprofessionalisierung des wissenschaftlichen Diskurses, schränkt aber gleichzeitig ein, dass auf dieser faktisch erreichten Professionalisierungsebene eine Deprofessionalisierung weniger droht „als auf der zweiten Ebene der klientenbezogenen professionalisierten Tätigkeit“ (ebd. S.136).

Für Oevermann ist vor allem die ärztliche Profession vollständig professionalisiert (ebd. S.129). Er erklärt dies damit, dass das Medizinstudium ja in den ersten vorklinischen Semestern aus einer reinen „Paukphase" bestünde, in der es um die Aneignung der klassischen naturwissenschaftlichen Disziplinen gehe, während in den späteren klinischen Semestern durch „learning by doing" immer mehr Komponenten der Einübung in die Praxis des Arbeitsbündnisses im Mittelpunkt stehen. Diese Einschätzung Oevermanns halte ich jedoch für sehr fraglich, da nachweislich im Medizinstudium wenig Wert auf die Vermittlung sozialer und kommunikativer Kompetenzen gelegt wird, die für das Gelingen eines professionalisierten Handelns im Arbeitsbündnis unabdingbar sind. Darüber hinaus haben Medizinstudenten auch im Hauptstudium wenig Kontakt mit Patienten, erst mit dem Eintritt in das so genannte „praktische Jahr" werden sie tatsächlich erst mit Patienten konfrontiert. Oftmals macht sich dann diese Praxisentlastetheit des Studiums negativ bemerkbar. So verstecken sie dann - und so habe ich es aus eigener Erfahrung beobachten können - ihre Unsicherheit hinter ihrem wissenschaftlichen Habitus. Dennoch kommt meiner Meinung nach dieser Trennung zwischen einer ersten Phase, in der Grundlagen erlernt werden und zweiter Phase, in der das Grundlagenwissen habituell eingeübt wird im Arbeitsbündnis mit dem Patienten eine weitaus größere Bedeutung zu als der Fehleinschätzung Oevermanns hinsichtlich des Medizinstudiums.

Oevermann möchte im Anschluss daran auch die faktische Professionalisiertheit einer Tätigkeit unterschieden wissen von Professionalisierungsbedürftigkeit, um den „in der klassischen Professionstheorie instabilen Unterschied zwischen authentischen Professionen und den Pseudo- oder Semi-Professionen klarer zu fassen“ (ebd. S.136). Diese Unterscheidung konnte in den klassischen Ansätzen nicht gelingen:

Die primär auf die institutionelle Erscheinung der Professionen als Professionen blickende klassische Theorie konnte immer nur nachzeichnen, was schon den Professionalisierungsprozess historisch erfolgreich durchlaufen hatte. Dieser Rest von Empirismus führte dann dazu, dass einerseits Berufe, deren Tätigkeit zwar professionalisierungsbedürftig, deren Professionalisierung aber historisch nicht gelungen war, als solche nicht eingeordnet werden konnten, allenfalls kompromisslerisch als Semi-Professionen klassifiziert wurden, wohingegen andererseits Berufe, die auf der zweiten Ebene nicht professionalisierungsbedürftig waren, sich aber der institutionellen Formation und Absicherung der klassischen Professionen erfolgreich zur Interessenverwahrung bedienten, umstandslos als Professionen eingeordnet wurden. (Oevermann 1997, S.137).

Als Beispiel für die erste Gruppe nennt Oevermann Lehrer, für die zweite Gruppe Ingenieure. Diese beiden Gruppen unterscheiden sich erst einmal nicht voneinander, da beide über eine wissenschaftliche Grundlegung ihrer praktischen Tätigkeit verfügen. Der wesentliche Unterschied besteht auf der zweiten Ebene der Anwendung, in der es dem Ingenieur an dem für die therapeutische Anwendung konstitutiven Strukturkern des Arbeitsbündnisses völlig fehlt. Diese Berufe sind daher auf der Ebene der konkreten Anwendung in der Praxis keinesfalls professionalisierungsbedürftig und in diesem Sinne Semi-Professionen, die eigentlich keine professionsethischen Bindungen und Interessenverbände bräuchten und auch keine Vermittlung einer „spezifischen praktischen Kunstlehre" in der wissenschaftlichen Ausbildung[2] (ebd. S.139).

Alle therapeutischen und im weitesten Sinne darunter fallende Berufe im Bereich Erziehung, Pflege u.a. müssen für ihr therapeutisches Handeln die Strukturlogik des Arbeitsbündnisses beherrschen; ob sie als Semi- oder Vollprofession einzustufen sind, ergibt sich dann daraus, ob sie eines wissenschaftlichen Diskurses bedürfen oder ob sie auch ohne ihn auskommen können. Diese Frage, welche klientenbezogenen Berufe in welchem Umfang professionalisierungsbedürftig sind, lässt Oevermann offen, er projiziert dieses Arbeitsbündnis lediglich auf das Lehrerhandeln und das darin enthaltene Lehrer-Schüler-Verhältnis.

5 Professionalisierung im Kontext aktueller Entwicklungen der Pflegeausbildungen in Deutschland

Vor dem Hintergrund einsetzender Deprofessionalisierungstendenzen in den klassischen Professionen und der Herausbildung von Gegenbewegungen von Laien, die die „Dominanz der Experten“ kritisieren, und der unbefriedigenden Einstufung der Pflege als Semi-Profession entsteht die Notwendigkeit, den Blick weg von den externen Merkmalen einer Profession auf interne Strukturen professionellen Handelns zu lenken (vgl. Weidner 1995, S.58f). Professionelles Handeln ist nach Oevermann gekennzeichnet durch die Einheit von universitärem Wissen und Fallverstehen und den in diesem Zusammenhang entstehenden Entscheidungs- und Begründungskompetenzen.

Zwei unterschiedliche Richtungen der Reformierung der Pflegeausbildungen sollen im Folgenden im Zusammenhang mit den Kriterien des Oevermannschen Ansatzes näher betrachtet werden: die Akademisierung der Pflege auf der einen Seite sowie die Entwicklung der klassischen Pflegeausbildung hin zu generalistischen und integrierten Ausbildungen auf der anderen Seite.

5.1 Zum Stand der Akademisierung der Pflege

Im Gegensatz zu den pflegetheoretischen Entwicklungen in den USA und der dortigen Etablierung der Pflege als eigenständige wissenschaftliche Disziplin schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts hat in Deutschland die Akademisierung der Pflege erst sehr viel später eingesetzt.

Erst seit Anfang seit Anfang der 90er Jahre scheint die Akademisierung vor dem Hintergrund einer ständig zunehmenden Zahl von Pflegestudiengängen als institutionelle Voraussetzung für eine Systematisierung des Wissens in Konturen erkennbar.

Nach Internetauskunft (www.pflegestudium.de) existieren in Deutschland mittlerweile über 50 Pflegestudiengänge (vgl. Zeller-Dumke 2005). Die überwiegende Zahl der Studiengänge findet im Management- und Pädagogikbereich statt. Weidner sieht die Ursache dafür vor allem „in der höheren Akzeptanz von Lehrern und Managern bei pflegeexternen Entscheidungsträgern"(vgl. Weidner 1995, S.109). Sowohl in der Lehrerausbildung als auch im Management ist die Mehrzahl der Studiengänge im Fachhochschulbereich angesiedelt. Während in Deutschland die Lehrerbildung üblicherweise an Universitäten vermittelt wird, nimmt die Pflegepädagogik hier eine Sonderrolle ein. Ausnahmen sind der Masterstudiengang „Pädagogik für Pflege- und Gesundheitsberufe", der Studiengang „Lehramt für berufsbildende Schulen Fachrichtung Pflegewissenschaft" an der Universität Osnabrück sowie der Studiengang „Medizin-/Pflegepädagogik" an der Humboldt-Universität Berlin." Von den sieben zurzeit aktuellen pflegewissenschaftlichen Studiengängen sind drei auf universitärer Ebene angesiedelt (Halle, Witten, Berlin) und vier auf Fachhochschulebene (Dresden, Neubrandenburg, Osnabrück, Darmstadt).

Die meisten dieser über 50 Pflegestudiengänge in Deutschland schließen mit einem Diplom ab. Dabei setzen sie oft eine Erstausbildung in einem der Pflegefachberufe voraus, zum Teil fordern sie eine mehrjährige Berufserfahrung, was eine sehr lange Ausbildungszeit zur Folge hat.

Im Zuge des Bologna-Prozesses, dessen Ziel die Schaffung eines europäischen Hochschulraums bis 2010 ist, entwickeln sich aber auch in Deutschland allmählich Pflegestudiengänge mit Bachelor- und Master-Abschlüssen, die zu einem Großteil an die Erstausbildung ankoppeln (vgl. Stemmer 2005, S.47). Diese Ankopplung erfolgt auf ganz unterschiedliche Weise, die Fachhochschulen kooperieren dabei immer mit den Ausbildungsstätten für Pflegeberufe. Entweder übernehmen sie gleich große Teile der grundständigen Ausbildung (z.B. in Fulda oder in Mainz), oder sie bieten bereits während der Grundausbildung einzelne Module für ausgewählte Auszubildende an (vgl. Evangelische Fachhochschule Hannover), die dann nach dem Examen an der Fachhochschule weitergeführt und vertieft werden. Durch derartige duale Studiengänge erhalten die Absolventen die Möglichkeit, im Verlauf von vier bis fünf Jahren sowohl ein staatliches Examen als auch einen ersten akademischen Abschluss zu erwerben.

Würde die grundständige Pflegeausbildung in Deutschland verstärkt in den tertiären Bereich verlagert, könnte man den meisten anderen europäischen Ländern nachziehen, die die Erstausbildung schon viel länger im Hochschulbereich angesiedelt haben.

[...]


[1] Im Gegensatz zu den meisten anderen Sozialisationstheorien, so Oevermann (S.111)

[2] Daraus könnte man unter Umständen schließen, dass dann eben Berufe, die Semi-Professionen im anderen Sinne sind, einer Interessenvertretung in Form von Berufsverbänden bedürfen; Oevermann macht dazu keine Angaben.

Details

Seiten
33
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783656880226
Dateigröße
481 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v287953
Institution / Hochschule
Hochschule Ludwigshafen am Rhein
Note
1,3
Schlagworte
professionelles handeln oevermanns theorie professionalisierung pflege

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Titel: Professionelles Handeln: Oevermanns Theorie und die Professionalisierung in der Pflege