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Kampfsport und Gewaltbereitschaft. Inwiefern eignet sich Kampfsport als gewaltpräventive Maßnahme bei Kindern und Jugendlichen?

Bachelorarbeit 2014 39 Seiten

Gesundheit - Sport - Sportsoziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Gewaltprävention (Definition)
2.2 Differenzierung von Kampfkunst und Kampfsport
2.3 Allgemeine Merkmale des Kämpfens
2.4 Spezifische Eigenschaften und Ziele ausgewählter Kampfsportarten
2.5 Kampfsport als Gewaltprävention im Bereich der sozialen Arbeit und Pädagogik
2.5.1 Kampfsport und Gewaltprävention – ein Paradoxon?
2.5.2 Studien zum Thema Kampfsport und Gewaltbereitschaft bei Jugendlichen
2.5.3 Warum gerade Kampfsport als Mittel der Prävention?
2.5.4 Ausgewählte Gewaltpräventionsangebote mit Kampfsportinhalten

3. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„[...] Kampfsportarten wie zum Beispiel Judo oder Karate [haben] inzwischen selbst bei Jungen im Grundschulalter vergleichsweise große Beliebtheit gewonnen“ (Robert Koch-Institut, 2014, 21).

Die Langzeitstudie des Robert-Koch-Instituts zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland zeigt, dass Kampfsport aktuell nach Fußball und Schwimmen zu den häufigsten Sportarten aktiver Jungen im Alter bis 17 Jahren zählt.

Trotz und vermutlich auch wegen der ansteigenden Beliebtheit ist Kampfsport in der Pädagogik und Jugendarbeit nach wie vor ein umstrittenes Thema, gerade wenn es um den Bereich der Gewaltprävention geht. Sowohl auf Seiten der Gegner, als auch auf Seiten der Befürworter gewaltpräventiver Maßnahmen durch Kampfsport, finden sich nachvollziehbare Thesen und Argumente. So lassen sich auf der Basis einer umfangreichen Literaturanalyse zwei grundsätzlich konträre Theorien formulieren:

Die eine Theorie besagt, dass eine Ausübung von Kampfsport tendenziell zu einer Steigerung der Aggressivität und Gewaltbereitschaft führt. Die Verfechter einer solchen Annahme gehen davon aus, dass Jugendliche Kampfsportler zu „Kampfmaschinen“ ausgebildet werden, die den Drang haben, die im Training erlernten Techniken auch im Alltag auszuprobieren und unbegründet anzuwenden.

Wer regelmäßig und über einen längeren Zeitraum immer wieder lernt und übt, anderen mit gefährlichen Schlägen und Tritten Gewalt anzutun (selbst im Falle reiner Selbstverteidigung), kann schwerlich behaupten, sein Handwerk [...] diene der sozialen Erziehung zu friedlichen, gewaltfreien Menschen !(Wolters, 2013, S. 3)

Diese Theorie knüpft sich intensiv an die Paradoxie, die auf den ersten Blick entsteht, wenn Kampfsport, der selbst Gewalt beinhaltet, als gewaltpräventive Maßnahme eingesetzt werden soll.

Die zweite, in der Literatur weit verbreitete Annahme arbeitet mit einer entgegengesetzten Argumentation. Die Befürworter der Gewaltprävention durch Kampfsport betonen, dass eine Kanalisierung des Gewaltverhaltens stattfindet und dass die Kampfsporttreibenden lernen, ihre Aggressionen zu kontrollieren. Diese Theorie geht davon aus, dass sich Eigenschaften eines Kampfsporttrainings wie Struktur, Ordnung, die Fairness und feste Einhaltung der Regeln positiv auf den Alltag der Jugendlichen übertragen können.

Junge Leute, die Kraft und Energie haben, wollen ihre Kräfte messen und sich „austoben“. Überschüssige Kräfte oder vorhandenes Aggressionspotential werden nur dann gefährlich, wenn kein sinnvolles Ventil zur Abreaktion zur Verfügung steht und man nicht gelernt hat, Konflikte kontrolliert auszuleben. Bei der Kampfsportausübung werden Regeln erlernt und Tabus verinnerlicht, die es ermöglichen, mit einem Gegner relativ ungefährlich und fair wettzustreiten. (Weinmann, 1991, S. 23)

Anhand dieser zwei verschiedenen, gegensätzlichen Theorien entsteht die dieser Arbeit zu Grunde liegende Fragestellung. Dabei gilt es genau zu untersuchen, in welchen spezifischen Punkten die Autoren Übereinstimmungen liefern – mit dem Ziel eine mehrheitliche Betrachtungsweise zu kennzeichnen – sowie aufzuklären, wo die Differenzen in den Aussagen zum Thema Kampfsport und Gewaltprävention liegen. Der Blick auf bestehende Gewaltpräventionsangebote soll einen Überblick über bereits aktive und zum Teil gelingende Maßnahmen geben und deren Möglichkeiten und Erfolge offen legen.

Ziel dieser Arbeit ist es, anhand der beschriebenen Vorgehensweise eine Aussage darüber zu treffen, inwiefern Kampfsport sich als gewaltpräventive Maßnahme für Kinder und Jugendliche im Bereich der Pädagogik und Sozialarbeit eignet sowie im Besonderen kenntlich zu machen, welche Attribute für ein solches Arrangement eine Rolle spielen.

2. Hauptteil

2.1 Gewaltprävention (Definition)

Bevor der Begriff der Gewaltprävention mit Kampfsport in Verbindung gebracht wird, soll die folgende, grundlegende Definition sowohl die Herkunft, als auch die Bedeutung des Begriffes klären. Darüber hinaus soll ein kurzer Überblick über die verschiedenen Formen der Prävention gegeben werden um im weiteren Verlauf dieser Arbeit eine Einordnung der präventiven Maßnahmen zu ermöglichen.

„Prävention“ setzt sich aus den lateinischen Wörtern „prae“ (zuvor) und „venere“ (kommen) zusammen und bedeutet ins Deutsche übersetzt „zuvorkommen“. Damit ist gemeint, dass ein unerwünschtes Ereignis oder eine Entwicklung verhindert wird, bevor sie überhaupt passieren kann (vgl. Gollwitzer et al., 2007, S. 7). Ein unerwünschtes Ereignis kann auch als Abweichung von einer bestimmten Norm beschrieben werden: „Prävention versucht den Abweichungen von der Norm vorzugreifen und muss sich im Kern an dem orientieren, was man verhindern möchte“ (Merkle & Schröder, 2013, S. 17).

Präventionsmaßnahmen können je nach Einsatzart und Wirkungsabsicht in drei verschiedene Bereiche unterteilt werden: Die primäre Prävention umfasst Maßnahmen, die „den systematischen Aufbau erwünschter Verhaltenstendenzen“ beabsichtigen und somit gleichzeitig „das Auftreten einer unerwünschten Entwicklung verhindern sollen“ (Gollwitzer et al., 2007, S. 7 f.). Ist eine unerwünschte Entwicklung bereits aufgetreten, so werden die reduzierenden Maßnahmen als sekundäre Prävention bezeichnet. Bei der tertiären Prävention hingegen steht die „Eindämmung von Folgeschäden im Vordergrund“ (ebd.).

Im Kontext der Gewaltprävention wären solche „Abweichungen von der Norm“ oder auch „unerwünschte Entwicklungen“ beispielsweise aggressive und gewalttätige Verhaltenstendenzen eines Menschen. Gewaltpräventive Maßnahmen müssen stets an bestimmte Variablen wie das Alter und das Milieu der Zielgruppe angepasst werden. Zudem gibt es sehr unterschiedliche Ansatzpunkte für die Initiierung gewaltpräventiver Maßnahmen. Die Prävention kann sich direkt auf den Täter beziehen, sie kann aber auch das Opfer, die soziale Bezugsgruppe, die Eltern oder den Entstehungskontext der Aggression ins Visier nehmen (vgl. ebd.).

2.2 Differenzierung von Kampfkunst und Kampfsport

Da in meiner wissenschaftlichen Abhandlung sowohl der Begriff „Kampfkunst“, als auch die Bezeichnung „Kampfsport“ verwendet wird, werde ich diese beiden Begriffe zunächst voneinander abgrenzen und die markantesten Unterschiede aufzeigen. Zahlreiche Autoren haben sich bereits mit der Differenzierung von Kampfkunst und Kampfsport befasst und vertreten teilweise verschiedene Ansichten, was die Unterscheidung angeht. Meine Abgrenzung folgt daher dem mehrheitlichen Ergebnis, der von mir verwendeten Literatur, mit dem Ziel einen Überblick zu verschaffen.

Die grundlegende Unterscheidung, die von vielen Autoren getroffen wird, besagt, dass Kampfsport eher wettkampforientiert und dadurch moderner ist, wohingegen Kampfkunst auf lange zurückgehenden Traditionen beruht:

Ostasiatische Kampfkünste verfügen […] teilweise über jahrhunderte alte Traditionen, von denen einige auf jahrtausende alte Wurzeln verweisen. Ost- asiatischer Kampfsport hingegen ist in vielen Fällen erst wenige Jahrzehnte alt und beginnt als größere Bewegung erst mit der globalisierten Verbreitung westlicher Sportideen nach 1945 […]. (Binhack 2010, S. 141)

Die Wettkampforientierung des Kampfsports macht sich in den zahlreichen Vorschriften und Instanzen bemerkbar: Es gibt „Schiedsrichter, Ringärzte, Regeln, ein Zeitlimit und Gewichtsklassen“ (Marek & Reinisch, 2013, S. 8). Die Kontrahenten bereiten sich lange auf einen vorher bestimmten Kampfzeitpunkt vor und der Kampfstil ist bei allen Kampfsportarten relativ stark festgelegt und eingegrenzt. In der Kampfkunst hingegen wird nicht auf einen festgesetzten Zeitpunkt hin trainiert und auch bei der Technik existieren keine Einschränkungen. Der Kämpfende soll den Umfang seines Technikrepertoires, in einer nie abgeschlossenen Entwicklung, immer mehr erweitern (vgl. Leffler, 2010, S. 185).

Kampfkunst und Kampfsport unterscheiden sich zudem besonders in ihren Zielen und Absichten. Während beim Kampfsport in der Regel der Sieg über den Gegner in einer vorgegebenen Zeit erreicht werden soll, wird bei der Kampfkunst der „Sieg über sich selbst“ angestrebt, der enorm viel Zeit und Geduld erfordert (vgl. Möhle, 2011, S. 50). Leffler (2010b) argumentiert adäquat dazu, dass die Sinngebung des Kämpfenden der entscheidende Faktor ist, der zwischen der Ausübung von Kampfkunst oder Kampfsport unterscheidet (vgl. S. 182). Eine Leistungsorientierung oder die Förderung von Gesundheit und Fitness schreibt er dabei dem Kampfsport zu, während bei der Kampfkunst die persönliche und spirituelle Entwicklung im Vordergrund stehen sollen (vgl. ebd.).

Kampfkunst wird oft auch mit der Bezeichnung „Budo“ in Verbindung gebracht – ein Sammelbegriff für alle japanischen Kampfkünste, der im westlichen Sprachgebrauch auf sämtliche ostasiatische Kampfkünste ausgeweitet wurde (vgl. Möhle, 2011, S. 48). Eine direkte und exakte Übersetzung des Wortes Budo ist nach von Saldern (2004, S. 27 f.) nicht möglich, da der Ursprung des Begriffes zu weit zurück liegt und heutzutage etliche Fehlinterpretationen vorliegen. Allerdings wird der Teilbegriff „Do“ mehrheitlich als „der Weg“ übersetzt, der als zentrales Element des Budo gilt (vgl. ebd., S. 31). Budo versteht sich als die „ernsthafte (lebenslange) Praxis einer Kampfkunst“ und schließt im Sinne einer Ganzheitlichkeit und Langfristigkeit die „Kultivierung des Geistes“ sowie die „Bildung und Reflexion über das Selbst“ ein (Neumann, 2004, S. 43). Kampfkünste werden nicht einfach in einer Trainingshalle unterrichtet. Sie finden in einem „Dojo“ statt – ein heiliger Ort, der für die Budoka eine besondere Bedeutung haben soll (vgl. ebd.). Die traditionelle Orientierung der Kampfkunst macht sich damit auch in der Verwendung der Begrifflichkeiten und in bestimmten Ritualen bemerkbar.

In der Kampfkunst wird in hohem Maße „Wert gelegt auf Kooperation der Trainingspartner und Harmonie in der Technikausführung“ (Marek & Reinisch, 2013, S. 11). Im Gegensatz zum Kampfsporttraining, bei dem beispielsweise im Bereich des Boxsportes Sparringskämpfe ausgetragen werden, die nahezu eine ernste Wettkampfsituation simulieren, sind in der Kampfkunst „die Aktionen des Angreifers […] bekannt, die Reaktionen des Partners meist vorhersehbar“ (ebd.).

Die grafische Darstellung (Abbildung 1) von Leffler (2010b) ermöglicht eine kompakte Zusammenfassung und eine Schlussfolgerung aus den bereits genannten Merkmalen der Unterscheidung von Kampfkunst und Kampfsport.

Abbildung 1: Darstellung der Eigenschaften und Beziehungen von Kampfkunst, Kampfsport und Selbstverteidigung (Leffler, 2010b, S. 187).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Leffler (2010b) stellt die Kampfkunst mit seiner traditionellen und kulturellen Verankerung, der Verknüpfung mit der Philosophie und der Ausrichtung auf eine Persönlichkeitsentwicklung als großes System über die kleineren Strukturen der Selbstverteidigung und des Kampfsports. Kampfsport kann somit anhand eingrenzender Attribute wie der Ausrichtung auf Show, der Begrenzung auf den sportiven Kampf und der festgeschriebenen Formen und Techniken als reduzierte Variante der Kampfkunst beschrieben werden.

Aufgrund der unterschiedlichen Auslegungen der verschiedenen Autoren und Werke wird an dieser Stelle auf eine feste Einordnung einzelner Kampfsportarten in die Kategorien Kampfkunst und Kampfsport verzichtet. In den folgenden Kapiteln werden daher beide Begriffe jeweils nach Vorgabe der ausgewählten Literatur verwendet. Diese Untersuchung soll damit einhergehend auch das Spektrum aller möglichen Kampfsport- und Kampfkunstangebote betreffen.

2.3 Allgemeine Merkmale des Kämpfens

Der Begriff des Kampfes deutet im Alltagsgebrauch zunächst auf eine Auseinandersetzung hin, die etwas Unangenehmes, Verletzendes oder gar Zerstörerisches an sich hat. Es handelt sich grundlegend um eine Situation, die im Gegensatz zu einer friedlichen Begegnung steht und daher im Normalfall nicht erwünscht ist. Folglich wird der Kampf, gelegentlich auch analog zum Begriff des Krieges, überwiegend in einem negativen Kontext verwendet. Die nachfolgenden Ausführungen sollen einen exakteren, weniger alltäglichen Überblick darüber geben, welche Merkmale und Ziele des Kämpfen in Verbindung mit Sport auftreten.

Lange (2010) weist in seiner Definition des Zweikampfes zunächst darauf hin, dass ein Kampf nicht unbedingt auf der körperlichen Ebene stattfinden muss, sondern auch auf der symbolischen Ebene völlig körperlos ausgetragen werden kann. So kann zum Beispiel eine verbale Auseinandersetzung im Alltags- oder Berufsleben auch als Kampfsituation beschrieben werden. Die Voraussetzung dabei ist, dass es den beiden Kontrahenten um etwas geht – es muss etwas „aufs Spiel“ gesetzt werden (vgl. Lange, 2010, S. 192).

Betrachtet man den Begriff des Kämpfens allerdings im Bereich des Kampfsportes und der Kampfkunst, also in der motorischen Dimension, können und müssen umfangreichere und differenzierte Merkmale und Ziele aufgeführt werden. Im Folgenden werden einige prägnante Merkmale genannt, die von Binhack (1998) ausführlich aufgestellt wurden.

Nach Binhack (1998, S. 23) ist das Kämpfen zunächst ausgezeichnet durch ein „wehrhaftes Tun mindestens zweier den Kampf konstituierenden Kräfte“, die eine aktive Dynamik aufweisen. Das „In-Deckung-Gehen“ eines Gegners ist so beispielsweise als aktives Abwehrverhalten und Reaktion auf einen Angriff des anderen Gegners zu verstehen (vgl. ebd., S. 22).

Als weiteres Merkmal des Kampfes führt Binhack (1998) das antagonistische Verhalten der kämpfenden Kräfte auf. Dieses besagt, dass die Energien der Gegner in der Auseinandersetzung grundsätzlich gegeneinander gerichtet sind und ein Kampf verschiedene Grade der Intensität annehmen kann. So kann das Ziel des Kampfes für einen Kämpfer darin bestehen, den Gegner an der Vollendung seiner Absicht zu hindern, seine Potentiale lediglich einzuschränken oder ihn sogar vollständig zu vernichten (vgl. S. 23):

In jeder Kampfsituation wird also eine gegenseitige auf Verminderung, auf Zer- störung bis hin zur Vernichtung gerichtete Tendenz sichtbar. Jedoch ist diese dem Kämpfen innewohnende zerstörerische Tendenz wesenhaft nicht unbedingt auf die Vernichtung des Gegners selbst, wohl aber stets auf die Vernichtung seiner aktuellen Kampffähigkeit gerichtet. (Binhack, 1998, S. 23/24)

Binhack weist im weiteren Verlauf jedoch eindeutig darauf hin, dass ein Kampf nicht auf die Vernichtung des Gegners abzielen muss, denn „mit einem toten Gegner kann man nicht (mehr) kämpfen. […] Kommt es zur Existenzvernichtung eines der beiden Träger des Kampfes, „stirbt“ damit im gleichen Moment das Kampfphänomen selbst“ (ebd., S. 24). In diesem Merkmal der Lebendigkeit zeigt sich für ihn auch das pädagogische Potential des Kampfes. Unter dem Begriff der Ambivalenz beschreibt Binhack (1998) darauf aufbauend, die doppelseitige Wirkung des Kampfes: „Sobald sich ein Kampf entwickelt, kann etwas zerstört werden, was vorher Dasein hatte. Es tritt jedoch auch etwas positiv in Erscheinung, das vorher nicht vorhanden war“ (Binhack, 1998, S. 27). Er geht davon aus, dass der Kampf somit als soziales Instrument funktioniert, „das für positive und negative Zwecke Verwendung finden kann“ (ebd.).

Binhack (2010) schreibt dem Kämpfen zudem eine wichtige kommunikative Funktion zu. Seiner Ansicht nach endet die Kommunikation beim Eintreten eines Kampfes nicht – sie wird lediglich auf einer anderen Ebene fortgeführt und die Kontrahenten verständigen sich über nonverbale Botschaften, die von ihnen gesendet, empfangen und ausgewertet werden (vgl. S. 163).

Gerade die zuletzt genannten Merkmale des Kampfes untermalen dessen Vielschichtigkeit und lassen die Vermutung aufkommen, dass die Wirkung einer kämpferischen Auseinandersetzung in hohem Maße davon abhängig ist, wie diese arrangiert, durchgeführt und ausgelegt wird.

2.4 Spezifische Eigenschaften und Ziele ausgewählter Kampfsportarten

Die Ausführungen zum Phänomen des Kämpfens im vorangegangen Kapitel betreffen überwiegend die allgemeinen Ziele und Merkmale und bewegen sich eher auf einer Definitionsebene. Nachfolgend werden einige sportartenspezifische Fakten und Reglementierungen dargestellt, die wohl gerade im Bezug auf die mögliche gewaltpräventive Wirkung des Kampfsports für Unverständnis sorgen und die Frage nach einer Paradoxie aufwerfen – denn aus welchem Grund sollte Gewalt mit eben dieser bekämpft werden?

Als Beispiel für eine Sportart, die diese Frage geradezu aufdrängt, lässt sich zunächst das Boxen anführen. Das oberste Ziel des Boxers im Wettkampf besteht darin, möglichst viele, oftmals auch verletzende Treffer bei seinem Gegner zu landen und diesen im besten Falle K.O. zu schlagen – ihn also kampfunfähig zu machen.

Das Gehirn ist die Zielscheibe, der Knock-Out das Ziel. In einer Studie wurde errechnet, dass siebenundachtzig Prozent der Boxer im Laufe ihres Lebens irgendeine Art von Gehirnverletzung erleiden […]. Außerdem besteht das Risiko schwere Augenverletzungen davonzutragen. (Oates, 2013, S. 91)

Sogar von zahlreichen Todesfällen wird berichtet: „Zwischen 1945 und 1985 sind wenigstens dreihundertsiebzig Boxer an Verletzungen gestorben, die man auf das Boxen zurückführen kann“ (ebd., S. 97).

Wird der Blick vom klassischen Boxen weiter auf das Kickboxen gelenkt, so scheint der zusätzliche Einsatz der Beine in Form von verschiedenen Trittvariationen die Verletzungsgefahr noch zu erhöhen. Beispielsweise wird der sogenannte „Roundhouse-Kick“ von den Kampfsportlern zum Teil so ausgeführt, dass mit dem Fußspann der Kopf des Gegners anvisiert wird (vgl. Nonnemacher, 2006, S. 48 ff.). Diese Trittvariante gilt auch als Technik mit Ziel des direkten Knock-Outs. Das Verletzungsrisiko und die Spätfolgen eines Knock-Outs sind hoch: Es wird von leichten Schädelhirnverletzungen bis hin zu neuropsychiatrischen Krankheiten wie Gedächtnisstörungen, Demenz und Bewegungsstörungen wie Spastiken, Zittern und Parkinson berichtet (vgl. Siegmund-Schultze, 2011).

[...]

Details

Seiten
39
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656884538
ISBN (Buch)
9783656884545
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v288206
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Note
2,7
Schlagworte
kampfsport gewaltbereitschaft inwiefern maßnahme kindern jugendlichen

Autor

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