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Konfuzianische Wirtschaftsethik und der wirtschaftliche Aufstieg der Volksrepublik China

Seminararbeit 2014 22 Seiten

VWL - Fallstudien, Länderstudien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Konfuzianische Wirtschaftsethik
2.1 Ursprung und Charakter
2.2 Hauptlehren
2.3 Entwicklung

3 Wirtschaftlicher Aufstieg der VR China
3.1 Kurzüberblick über die wirtschaftliche und politische Entwicklung Chinas
3.2 Spezielle Form des Kapitalismus
3.3 Gesellschaftliche Folgen des Aufstiegs

4 Konfuzianische Wirtschaftsethik als Motor oder Bremse des wirtschaftlichen Wachstums?
4.1 Theoretischer Hintergrund: Max Weber und Douglass C. North
4.2 Analyse
4.3 Kompatibilität mit westlichen Systemen

5 Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Wirtschaftliches Wachstum in China seit 1950 5

Abbildung 2: Vorkommen des Ausdrucks „Harmonious Society“ in der „People’s Daily" 8

Abbildung 3: Vorkommen des Ausdrucks „Stability Preservation“ in der „People’s Daily“... 8 Abbildung 4: BIP- Wachstum und Investitionsquote seit 2000 12

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Die Volksrepublik China ist „der am schnellsten wachsende Staat der vergangenen drei Jahrzehnte“ (Acemogluamp;Robinson, 2013, S.91). Sein wirtschaftliches System nähert sich zunehmend dem eines konventionellen Kapitalismus. Nichtsdestotrotz ist das wirtschaftli­che Leben des Landes geprägt von der konfuzianischen Wirtschaftsethik, deren Kompati­bilität mit einem Kapitalismus westlicher Ausprägung zumindest auf den ersten Blick nicht als gesichert erscheint.

Diese Arbeit wird der Frage nachgehen, inwiefern die konfuzianische Wirtschaftsethik das wirtschaftliche Wachstum Chinas auf positive oder negative Weise beeinflusst hat. Damit reiht sie sich in eine Reihe von Werken ein, die den „informellen Institutionen“ (North) oder der kulturellen Prägung eine bedeutende Rolle in der wirtschaftlichen Entwicklung eines Landes zuschreibt. Folglich werden Theorien wie Weber’s Überlegungen zum Zu­sammenhang zwischen Religion und Wirtschaft oder aber auch North’s Institutionentheo­rie herangezogen werden um das Argument der Arbeit theoretisch zu untermauern. Dieser Ansatz, der kulturellen Faktoren eine potentiell bedeutende Rolle zuschreibt, erlebte in den vergangenen Jahren in der Forschung eine Renaissance (vgl. etwa Fukuyama 1995; Harri­son, 1992; Liang, 2010 und Zurndorfer)

Jedoch ist diese Sichtweise in den Wirtschaftswissenschaften keineswegs unumstritten. Kritiker werfen den Verfechtern der Theorie vor, zu vage zu sein und die Möglichkeit des kulturellen Wandels zu unterschätzen (vgl. Chang, 2008, 187ff.). Andere Kritiker sehen in kulturellen Erklärungen eine subtilere und augenscheinlich „politisch-korrektere“ Version des Rassismus (vgl. Baaz, 2005).

In der nachfolgenden Arbeit werden zunächst der Ursprung, die Inhalte und die Entwick­lung der konfuzianischen Wirtschaftsethik genauer untersucht. Im darauf folgenden Kapi­tel wird der wirtschaftliche Aufstieg Chinas beschrieben, auf die spezielle Form des chine­sischen Kapitalismus hingewiesen und die gesellschaftlichen Folgen des wirtschaftlichen Aufstiegs herausgearbeitet. Das letzte Kapitel beinhaltet schließlich eine Analyse der Rolle die die konfuzianische Wirtschaftsethik für das wirtschaftliche Wachstum Chinas gespielt hat. Dabei wird insbesondere auch auf Webers und North’s Theorien Bezug genommen und der Frage nachgegangen, inwiefern sich die konfuzianische Wirtschaftsethik mit den westlichen Formen des Kapitalismus vereinbaren lässt.

2 Konfuzianische Wirtschaftsethik

Dieses Kapitel liefert einen Überblick über den Ursprung, die Inhalte und die Entwicklung der konfuzianischen Wirtschaftsethik. Konfuzianismus lässt sich als eine Form der Tugen­dethik beschreiben, da er die Rolle von stabilen, wertvollen Charaktereigenschaften betont und Tugenden als Basis von richtigem, ethischen Verhalten betrachtet (vgl. Konfuzius, 2014). Konfuzius nimmt damit in der chinesischen Denktradition ein, die der von Sokrates oder Aristoteles in der europäischen Tradition vergleichbar ist (vgl. Riegel, 2013).

2.1 Ursprung und Charakter

Der Konfuzianismus prägte das chinesische Denken so stark wie keine andere Lehre (van Ess, 2009, S.7). Er gehört neben dem Buddhismus und Daoismus zu den „Drei Lehren“ und ist neben China auch in Japan, Korea, Singapur, Vietnam und Taiwan weit verbreitet. Konfuzius (551-479 v.Chr., chinesisch Kongzi) wurde von seinen Anhängern für seine moralischen Lehren verehrt, die eine Anleitung geben, wie man sich zum Wohlergehen aller verhalten sollte, um ein gelungenes Leben zu führen (Benedikter, Nowotny amp; Fi­scher-Schreiber, 2014, S.34). „Die Gespräche des Konfuzius“ sind dabei die wichtigsten Quellen zu seinen Gedanken (van Ess, 2009, S.10). Van Ess (2009, S.21) betont, „dass die einfachen Regeln der Sitte [...] nur ein Grundgerüst sind und das eigentliche Ziel seiner Ausbildung darüber hinausgeht, sich nämlich auf moralische Vervollkommnung [...] rich­tet“. Dabei gilt Konfuzius jedoch „als rationale[r] Denker, der sich nur dem Diesseitigen zugewandt und sich gegen alles Übersinnliche ausgesprochen hatte“ (ibid., S.99) und somit kein Gefallen am Jenseits fand. Deshalb gilt der Konfuzianismus nicht als Religion, „son­dern eher [als] eine Anleitung zum praktischen Handeln, die sich an den Tugenden der Menschlichkeit und Gerechtigkeit orientiert“ (Benedikter, Nowotny amp; Fischer-Schreiber, 2014, S.34, S.58).

2.2 Hauptlehren

Beim Konfuzianismus steht nicht das Individuum im Mittelpunkt, „sondern die Rollen, die der Einzelne in der Gesellschaft zu erfüllen hat“ (Ostendorf, 1996, S.220). So hebt Konfu­zius die Bedeutung von Harmonie zwischen Untertanen und Fürsten und der Stabilität im Reich hervor, was teilweise durch die Zeit, in der er lebte, erklärbar ist. Diese war geprägt von Brüchen mit den alten Traditionen und gesellschaftlichen Umwälzungen (Han 2013, 109f ; Riegel, 2013; Konfuzius, 2014, XII,11, S.74 und XIII,3, S.79). Dieser Harmoniege­danke gilt als „Markenzeichen der chinesischen Kultur [...], als Ideal einer Gesellschaft, in

der die „drei Harmonien“ gegeben sind: die innere Ausgeglichenheit eines Menschen, die Harmonie zwischen Menschen und die Harmonie zwischen Mensch und Natur“ (Benedik- ter, Nowotny amp; Fischer-Schreiber, 2014, S.35).

Um diese Harmonie (wieder-)herzustellen, muss der Fürst beziehungsweise die Regierung dem Volk Liebe, Zuneigung und Gerechtigkeit entgegenbringen.

Da es sich beim Konfuzianismus um eine Tugendethik handelt, funktioniert dieses Kon­zept nur, wenn der Herrscher selbst alle fünf Tugenden (Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Ethisches Verhalten, Weisheit, Güte) innehat; dies verlangt von ihm Selbstdisziplin (Kon­fuzius, 2014, II,3, S.9; XII,1, S.71 und XIII,6, S.81).

Aus diesen Tugenden können wiederum die drei „sozialen Kernpflichten des Konfuzia­nismus“ abgeleitet werden (Ostendorf, 1996, S.220):

- Kindliche Pietät (Verehrung der Eltern und Ahnen)
- Loyalität (Treue der Untertanen)
- Wahrung der Riten / Lernbereitschaft

„Die kindliche Pietät [hat] Vorrang vor allen anderen konfuzianischen Pflichten“ und schließt die Ahnen mit ein (Ostendorf, 1996, S.227). Für Konfuzius ist Gehorsamkeit ge­genüber den Eltern eine Pflicht. Sie werden geehrt und antworten dafür mit Zuneigung. Im Gegensatz zum Individualismus in westlichen Gesellschaften werden in China also eher kollektive Werte betont (vgl. Konfuzius, 2014, I,11, S.7; II,6f, S.10f und IV,18, S.24). Bei der Pflicht zur Loyalität respektieren die Untertanen die Gesetze und gehorchen. Im Ge­genzug ist der Herrscher für die Fürsorge und Existenzsicherung verantwortlich (Osten­dorf, 1996, S. 229). Konfuzius zieht hier eine Parallele zwischen dem Staat und der Fami­lie (vgl. Fei, 1992; Han, 2014, S.110). Laut van Ess (2009, S.42) war „in keiner anderen Tradition die Loyalität des Untertanen seinem Herrn gegenüber so sehr zur Maxime erho­ben worden, wenn auch gepaart mit der Pflicht zur ständigen Ermahnung.“

Die dritte soziale Pflicht, Bildung und die Bereitschaft zu lebenslangem Lernen, ist in der konfuzianischen Ethik von großer Bedeutung und „gilt als geeigneter Weg der Selbstver­vollkommnung“ (Ostendorf , 1996, S.221). So sprach Konfuzius: „Wer eine gute Bildung hat und sich den Riten und Anstandsregeln unterwirft, wird wohl imstande sein, Fehltritte zu vermeiden.“ (Konfuzius, 2014, XII,15; S.75). Hauptbestreben ist es, später einen „Dienst im Staat und an der Gesellschaft“ anzunehmen und öffentliche Interessen in den Vordergrund zu stellen (van Ess, 2009, S.27).

2.3 Entwicklung

Der Konfuzianismus musste sich in der Vergangenheit immer wieder neu anpassen. So erfolgte zum Beispiel aufgrund daoistischer und buddhistischer Einflüsse ein Wandel zum Neokonfuzianismus (Ostendorf, 1996, S. 221f, S.223). Zuletzt sollte auch die Kulturrevolu­tion in diesem Zusammenhang erwähnt werden. In der Zeit unter Mao Zedong fand ab 1966 ein „brutaler Bruch mit dem konfuzianischen Gedankengut“ statt, welcher mit der „Anti-Kong-Kampagne“ seinen Höhepunkt fand. Mao versuchte sich mit Hilfe der Hetze gegen den Konfuzianismus „politischer Konkurrenten zu entledigen“. Erst Anfang der 1980er Jahre konnte sich der Konfuzianismus wieder rehabilitieren (Benedikter, Nowotny amp; Fischer-Schreiber, 2014, S.35). Mittlerweile wird der Konfuzianismus sogar von der Kommunistischen Partei gefördert - nicht zuletzt um eigene Ziele zu erreichen. Dieser Aspekt wird in Kapitel 4 näher erläutert.

3 Wirtschaftlicher Aufstieg der VR China

3.1 Kurzüberblick über die wirtschaftliche und politische Entwicklung Chinas

„Western markets are flooded with high-quality, hightechnology products made in Asia“ (Hofstede amp; Bond, 1988, S.5) - rund ein Fünftel der weltweiten Produktionsleistung fällt heute auf China. Die ganze Welt ist abhängig von seinen Rohstoffen und preiswerten Pro­dukten (Benedikter, 2014, S.314). Der wirtschaftliche Aufstieg Chinas liest sich wie ein Bilderbuch: „Das durchschnittliche Einkommen hat sich in den vergangenen 25 Jahren vervierfacht“ (Grosse-Ruyken, 2009, S.47) und seit über zehn Jahren wächst die chinesi­sche Wirtschaft offiziell jährlich zwischen 8 und 12 Prozent (Amann, 2009, S.73). Da Chi­na noch einen hohen Nachholbedarf hat, wird sich dieser Trend voraussichtlich auch wei­terhin fortsetzen (Acemoglu amp; Robinson, 2013, S.518). Jedoch sah die chinesische Wirt­schaft nicht immer so aus, wie Leah und Mendis (2008, S.431) herausstellen: „Chinas eco­nomy had been static long before communism entered its borders, but not for lack of natu­ral resources.“ Dies war der Fall auch wenn China früher „als einzige Zivilisation [...] den europäischen den Rang hätte ablaufen können“, wenn man an all ihre Erfindungen denkt. Dazu zählen etwa die Schubkarre, der Kompass, das Papier, der Buchdruck, das Schieß­pulver oder das Porzellan, um nur einige zu nennen (Landes, 2009, S.71).

Abbildung 1: Wirtschaftliches Wachstum in China seit 1950

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: The Conference Board and Groningen Growth and Development Centre, Total Economy Database, Januar 2007, http://www.ggdc.net (18.September 2007)

Doch „die chinesische Regierung stand seit Jahrhunderten jeglichem Wandel misstrauisch gegenüber“ (Acemoglu amp; Robinson, 2013, S.358), weshalb die Geschichte der chinesi­schen Fortschritte aus „einzelne[n], zeitlich und räumlich getrennte[n] Lichtpunkte [n], oh­ne jede Verbindung durch Reproduktion und Experiment“ besteht (Landes, 2009, S.352).

[...]

Details

Seiten
22
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656885443
ISBN (Buch)
9783656885450
Dateigröße
955 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v288303
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,7
Schlagworte
China Konfuzianismus Wirtschaftsethik Ethik

Autor

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