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Weisheit im Alten Testament

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 15 Seiten

Theologie - Biblische Theologie

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Begriffsklärung
2.1 Weisheitliche Literatur des AT
2.2 Definition
2.3 Sitz im Leben

3 Aspekte der Weisheit im AT
3.1 Der Tun-Ergehen-Zusammenhang
3.2 Literarische Besonderheit

4 Theologische Bedeutung
4.1 JHWH-Glaube und Weisheit
4.2 Weisheit und JHWH-Furcht
4.3 Weisheit und Gerechtigkeit

5 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Seit jeher ist das Streben nach Glück eine große Antriebsfeder menschlichen Denkens und Handelns. Dabei ist die Frage nach gelingendem Leben in erster Linie auch verbunden mit der Auseinandersetzung mit dem Scheitern und Versagen am und im Leben. Die biblischen Texte des Alten Testamentes sparen als ganzheitliche Betrachtung des menschlichen Lebens daher diese Thematik nicht aus, sondern konfrontieren den Leser bisweilen - wie etwa im Buch Hiob oder dem weisheitsskeptischen Predigerbuch - sehr schroff mit den existenziellen Fragen und Ängsten der Menschen, ohne dabei immer eine einfache Antwort mitzuliefern. Mehr noch: Die Autoren der alttestamentlichen Texte muten es dem Leser sogar zu, Fragen unbeantwortet zu lassen. Insofern betrachtet die alttestamentliche Weisheitsliteratur aus der Erfahrung des Scheiterns an sich selbst, am Mitmenschen, am Leben im Allgemeinen, aber auch an Gott, die Möglichkeiten gelingenden Lebens vor dem Hintergrund einer von Gott geschaffenen Grundordnung dieser Welt. Dabei sind die Ansätze und Themen so unterschiedlich wie das Leben selbst und versperren sich einer vereinheitlichenden Betrachtungsweise1. Vielfältigkeit und Lebensnähe verleihen den Texten trotz ihrer zeitlichen, räumlichen und vor allen Dingen auch kulturellen Distanz auch heute noch eine hohe Aktualität und Relevanz.

Der weisheitliche Zugang zur Lebens- und Weltdeutung hat in der Theologie, aber auch in der kirchlichen Liturgie, immer wieder die Frage aufgeworfen, wie sich die weisheitlichen Texte zu den (stärker auf Israel fokussierten) prophetischen, wie auch zu den neutestamentlichen Texten verhalten.2 Mit der vorliegenden Arbeit möchte ich den Weisheitsbegriff im Kontext des Alten Testamentes als solchen näher beleuchten, in der Folge die unterschiedlichen Aspekte und Fragen, die sich im Anschluss an den Weisheitsliteratur im AT ergeben, behandeln und schließlich die Frage nach der Aktualität der Texte aufgreifen.

2 Begriffsklärung

Die unterschiedlichen gesellschaftlichen und religiösen Strömungen der israelitischen Geschichte waren auch prägend für die Vorstellung von Weisheit im AT. Die alttestamentlichen Texte selbst weisen darauf hin, dass weisheitliche Erkenntnis zuvor schon außerhalb der israelitischen Grenzen zu finden3 und damit maßgeblich an der Entstehung und Verbreitung weisheitlichen Gedankengutes in Israel beteiligt war4. Nach H.D. Preuß schlagen sich aber auch die Erfahrungen des Exils und die damit verbundene Deutung der Gottesbeziehung in der weisheitlichen Literatur des AT nieder5, wobei die zeitliche Einordnung alttestamentlicher Weisheitstexte durchaus kontrovers diskutiert wird.6

Allerdings, schränkt v. Rad ein, sei das, was wir heute als Weisheitsliteratur bezeichnen, eine Kategorisierung der literarischen Forschung und nicht so sehr ein Begriff, der im israelitischem Verständnis verankert sei7. Daher konstatiert er:

„[Es] könnte auch sein, dass sie [die Forschung, Anm. d. Autors] durch diesen Oberbegriff das Vorhandensein einer Größe suggeriert, die es so gar nicht gab, und dass sie die Deutung der Einzelstoffe damit nicht ungefährlich präjudiziert.“8

Nichtsdestotrotz ist es sinnvoll und nützlich, den Begriff der Weisheit in seinem alttestamentlichen Kontext näher zu bestimmen, um sich so der Gedanken- und Deutungswelt der israelitischen Schriften zu nähern.

2.1 Weisheitliche Literatur des AT

Innerhalb des Tanach mit seiner Dreiteilung aus Tora, Propheten und Schriften sind die weisheitlichen Bücher Teil der (poetischen) Schriften9. Zu den Texten gehören neben den Proverbien mit ihrer typischen Ansammlung weisheitlicher Sentenzen auch die weisheitskritischen Bücher Hiob und Kohelet (Prediger). Aber auch einige Psalmen (u.a. Ps.1; 37; 73; 91; 119) und Prophetenbücher (etwa Amos, Micha und Jesaja) sind mit weisheitlichem Gedankengut verwoben oder nehmen dieses kritisch auf.10

2.2 Definition

Die Tatsache, dass weisheitliches Gedankengut schon in früheren Kulturen (auch schriftlich) verankert war, zeigt, dass es sich hier um ein Phänomen handelt, dass eher allgemeinorientalisch zu verstehen ist11. Allerdings muss man sagen, dass damals wie heute jede Kultur ihre eigene Ausprägung des Weisheitsideals mit sich brachte. Überschneidungen sind zweifelsohne zu erkennen, es lassen sich aber auch eigene theologische und kulturelle Schwerpunkte ausmachen.12

Auch wenn der theologische Weisheitsbegriff vordergründig einheitlich erscheint, steht das hebräische Wort ḥokhmāh (Weisheit) im weisheitlichen Zusammenhang nicht allein. Es gibt eine Vielzahl von Begriffen, die teilweise nebeneinander und nahezu synonym verwendet werden, wie etwa „Einsicht“, „Erkenntnis“, „Plan“ oder auch Zucht.13 Dabei wird Weisheit wesentlich ganzheitlicher verstanden als das heute landläufig der Fall ist. Weisheitliche Fähigkeiten umfassen sowohl intellektuelle Komponenten im Sinne von Klugheit oder Intelligenz (2.Sam13,3; Jer.9,22), als auch handwerkliches Geschick, das aus der Beobachtung und Umsetzung von Arbeitsvorgängen resultiert.14 Insgesamt stellt Weisheit die Fähigkeit und Bereitschaft dar, Strukturen des Lebens wahrzunehmen, zu reflektieren und Entscheidungen und Haltungen in die Tat umzusetzen (Spr. 20,5), um so das Leben mit all seinen Anforderungen und Herausforderungen zu meistern.15 Weisheit hat also seinen Ursprung in der geistigen Auseinandersetzung mit der Lebenswirklichkeit und mündet stets in die konkrete Umsetzung der Erkenntnis im Alltag. Dabei wird vorausgesetzt, dass dem Leben im Allgemeinen, aber auch dem Zusammenleben von Gemeinschaften im Speziellen, eine dem Menschen zugängliche Ordnung zu Grunde liegt, die in der schöpferischen, auf Weisheit basierenden Tätigkeit JHWHs ihren Ursprung hat (Ps. 104,24; Spr. 8,22ff.). Daher wird das Vertrauen in JHWHs schöpferische Kontinuität (creatio continua; Ps.104) und seine Souveränität als Grundlage von weisheitlicher Erkenntnis gesehen (Spr. 1,7; 9,10; Ps.111,10)16.

Aber auch die (Lebens-) Erfahrung als solche ist eine notwendige, wenn auch nicht zwangsläufig auch hinreichende Voraussetzung weisheitlicher Erkenntnis (Spr.9,4). Daher ist der junge Mensch zumeist der Lernende (Spr.1,4), während Weisheit ein gewisses Alter voraussetzt (Hi. 32,717 ).

Weisheit im AT weist zumeist eine dialogische Grundstruktur auf, die ihre Ursache in der Intention der Belehrung und bereitwilligen Aufnahme durch den Zuhörer hat (Spr. 1,1ff). Während die Proverbien und das Predigerbuch das belehrende Moment weisheitlicher Rede thematisch aufgreifen, zeigt sich der Dialogcharakter im Buch Hiob direkt in der Form der Erzählung als Unterredung zwischen Hiob und seinen Gesprächspartnern.18

2.3 Sitz im Leben

Stellt man die Frage nach dem Sitz im Leben, so zeigt sich in der Forschung keine einheitliche Linie. G. von Rad verortet die weisheitliche Lehre vor allen Dingen im königlichen Hof, was er zum einen auf innertextliche Hinweise (Salomo als Bezugsgröße; Männer Hiskias in Spr. 25,1) zurückführt, zum anderen aber auch mit der ägyptischen Weisheitstradition am dortigen Königshof begründet.19

Auch Preuß identifiziert das höfische Umfeld als Träger weisheitlicher Lehre, sieht aber auch spezielle Schulen des bildungsnahen Bürgertums als Vermittler der Weisheit, auch wenn er einschränkend darauf hinweist, dass es für die Existenz dieser oder anderer Schulen im AT keine konkreten Anhaltspunkte gebe, sondern nur aus dem Hinweis auf Schreiber und Beamte im kultischen und höfischen Umfeld Rückschlüsse auf solche Schreiberschulen gezogen werden könnten.20

3 Aspekte der Weisheit im AT

Während die prophetischen Bücher und die Torabücher die besondere Beziehung zwischen JHWH und Israel im Blick haben, scheint die Weisheitsliteratur zunächst wenig Interesse an diesem Verhältnis zu zeigen. Adressat weisheitlicher Erkenntnis ist demnach nicht das Volk als Kollektiv, sondern vielmehr der Einzelne, der als Teil einer komplexen Beziehungs- und Ordnungsstruktur wahrgenommen wird.21

Ebenso fällt auf, dass die großen theologischen Themen, die konstitutiv für die religiöse Identität Israels sind, wie etwa die Erwählung als Volk Gottes, der Bundesschluss zwischen JHWH und Israel am Sinai, JHWHs immer wiederkehrende Rettung seines Volkes, aber auch kultische Themen und die Bedeutung der Propheten auffallend konsequent ausgespart werden.22 Mit der Reflexion des menschlichen Handelns und den daraus resultierenden Konsequenzen steht demgegenüber ein Thema im Zentrum der weisheitlichen Texte, das einen geradezu universellen Charakter hat. Es handelt sich um den sogenannten „Tun-Ergehen-Zusammenhang“, welcher das Volk Israel aus seiner exklusiven Rolle herausholt und in einen größeren Kontext stellt.

3.1 Der Tun-Ergehen-Zusammenhang

Das zentrale Anliegen orientalischer Weisheit in seiner Gesamtheit ist es, Strukturen und Ordnungen des Lebens in all seinen Facetten aufzuzeigen, um daraus Handlungsempfehlungen abzuleiten. Diese Suche nach Kausalitäten wird seit K. Koch unter dem Stichwort „Tun-Ergehen-Zusammenhang“ zusammengefasst23. Menschliches Handeln ereignet sich demnach nicht isoliert in Raum und Zeit steht, sondern zieht absehbare und zu beeinflussende Konsequenzen nach sich. Koch nennt diese Kausalität in Abgrenzung zum traditionellen Vergeltungsdogma auch „schicksalswirkende Tatsphäre“24.

Nach G. von Rad erwuchs die Suche nach der Ordnung im Leben dem Wunsch, sich dem Kontingenten, dem Zufälligen im Leben ein Stück weit zu entziehen und das Leben planbarer zu machen.25 Dabei hat der Tun-Ergehen-Zusammenhang (TEZ) einen didaktisch-belehrenden Charakter, der dazu motivieren soll, das Gute zu tun und das Böse zu lassen.26 Der TEZ hat ein positives, zukunftsorientiertes Interesse, das sich aus der Beobachtung der Vergangenheit erschließt. Es soll demnach nicht die Gegenwart mit Blick auf die Vergangenheit erklärt werden. Die Aussage ist also: „Wenn du dieses oder jenes tust, dann folgt daraus diese Konsequenz.“ Und nicht: „Dir geschieht dieses, weil du jenes getan hast.“ Diesen Weg des umgekehrten TEZ versuchen die Freunde Hiobs zu gehen, werden aber am Ende von Gott zurechtgewiesen (Hi. 42,7ff). Es geht also nicht um eine moralische Rechtfertigung oder Verdammung. Der TEZ verschließt sich dem Urteil des Selbstgerechten und will stattdessen zum Guten motivieren, weil das über das Individuum hinaus Strahlkraft auf Familie, Gesellschaft, Politik und sogar den Kosmos hat.27

Der TEZ gründet letztlich in der Überzeugung, dass dem Kosmos, aber auch den sozialen Beziehungen bis in die Tiefen der Seele des Einzelnen hinein, eine von JHWH geschaffene und gesicherte Ordnung des Lebens zu Grunde liegt.28

Allerdings zeigen die Autoren der weisheitlichen Literatur des AT, dass der TEZ kein Automatismus ist. Er kann durch die Vielschichtigkeit des Lebens verdeckt werden und sich dem menschlichen Erkennen bisweilen vollkommen entziehen.29 Während weite Teile des Sprüchebuches einen durchweg positiven Blick auf den TEZ werfen und diesen auch über das Offensichtliche hinaus aufrechterhalten30, fragt die Hioberzählung nach der Gültigkeit des Zusammenhangs von Handlung bzw. Haltung und Folgen an den Grenzen menschlicher Existenz. Von einer Grundskepsis gegenüber aller menschlichen Erkenntnis in Bezug auf die Folgen seines Handeln im Speziellen und dem Weltgeschehen im Allgemeinen ist auch das Predigerbuch geprägt.31 Aus diesen unterschiedlichen Betrachtungsweisen der Lebenskausalität ist in der Forschung eine Diskussion darüber entstanden, welche Bedeutung der weisheitlichen Erkenntnis und speziell der differenzierten Darstellung des TEZ beizumessen sei.

Preuß sieht dabei die Weisheit als theologisch gescheitertes Konzept an, da sich mit der skeptischen (Kohelet) und kritischen (Hiob) Auseinandersetzung mit dem TEZ schon innerhalb des AT gezeigt habe, dass Weisheit als Basis für gelingendes Leben keine solide Grundlage sei.32 Besonders die Tatsache, dass die weisheitliche Literatur des AT Fragen aufwerfe, aber diese nicht ausreichend, bzw. gar nicht beantworte, zeige, „dass durch das Scheitern der Weisheit […] die alttestamentliche Weisheitsliteratur im ganzen an den Rand des Kanon“33 gerückt sei.

[...]


1 Vgl. v. Rad: Weisheit in Israel, 19

2 Vgl. Preuß: Weisheitsliteratur

3 1.Könige 10

4 Vgl. Preuß: Weisheitsliteratur, S. 12f.

5 Vgl. ebd., 32

6 Von Rad etwa hält die Argumentation für eine nachexilische Bearbeitung der JHWH-nahen Textstellen wie etwa Spr.1-9 für sehr fragwürdig (vgl. v. Rad: Weisheit in Israel, 21 u. 24)

7 Vgl. v. Rad: Weisheit in Israel, 19

8 Ebd., 19

9 Vgl. W.H. Schmidt: Einführung AT, 3

10 Vgl. Hausmann: Weisheit (wibilex)

11 Vgl. ebd., 18

12 Vgl. Lange: Weisheitsliteratur, 1366

13 Vgl. v. Rad, Weisheit in Israel, 75; Schmidt: Einführung AT, 324

14 Vgl. Kühlmoos: Weisheit, 478

15 Vgl. Hausmann: Weisheit, 9

16 Vgl. Zenger: Bücher der Weisheit, 407

17 Elihu redet hier allerdings ironisch und stellt gerade den Automatismus der Zunahme an Weisheit im Alter in Frage

18 Vgl. Kühlmoos, Weisheit, 489

19 Vgl. v. Rad: Weisheit in Israel, 28

20 Vgl. Preuß: Weisheitsliteratur, 45

21 Vgl. Zenger: Bücher der Weisheit, 406

22 Vgl. Preuß: Weisheitsliteratur, 177

23 Vgl. Freuling: TEZ (Wibilex)

24 Ebd.

25 Vgl. v. Rad: Weisheit in Israel, 166

26 Vgl. Zenger: Bücher der Weisheit, 406

27 Vgl. ebd., 406

28 Vgl. A. Meinholf: Sprüche, 38

29 Vgl. Zenger: Bücher der Weisheit, 406

30 Vgl. v. Rad: Weisheit in Israel, 170

31 Vgl. Freuling: TEZ (wibilex)

32 Vgl. Preuß: Weisheitsliteratur, 191

33 Preuß: Weisheitsliteratur, 192

Details

Seiten
15
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656888215
ISBN (Buch)
9783656888222
Dateigröße
605 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v288581
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Evangelisches Institut
Note
1,0
Schlagworte
weisheit alten testament

Autor

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