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Schillers Rezension - "Über Bürgers Gedichte!"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2000 21 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Vorgeschichte der Rezension
2.1. Begegnung von Schiller und Bürger
2.2. Die Rezensionsstrategie Schillers

3. Schillers Forderung nach zeitadäquater Dichtung

4 Volkstümlichkeit
4.1. Das Popularitätsideal Bürgers
4.2. Die Kritik Schillers
4.3. Die Gegenkonzeption Schillers
4.3.1. Individualität
4.3.2. Idealisierende Stilgebung

5. Schlußbetrachtung

Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Schiller hat mit seiner Rezension „Über Bürgers Gedichte“ unter seinen Zeitgenossen eine beachtliche Resonanz erzielt. So schrieb er in einem Brief vom 3. 3. 1791 an Körner: „In Weimar habe ich durch die Bürgerische Recension viel Redens von mir gemacht; in allen Circeln las man sie vor, und es war guter Ton, sie vortrefflich zu finden, nachdem Goethe öffentlich erklärt hatte, er wünsche Verfasser davon zu sein.“[1] Jedoch fand die Schrift Schillers nicht nur Beifall. Die Rezension hatte stark emotionale Debatte ausgelöst, die zum Teil zu heftigen Angriffen gegen Schiller geführt hat. Die Bandbreite reicht hierbei von übertriebener Stränge und Maßlosigkeit in seiner Kritik, bis zu dem nicht haltbaren Vorwurf, Schiller hätte Bürger in den frühen Tod getrieben.[2]

Diese Arbeit kann sich aber nur am Rande mit einigen dieser Argumentationsstränge befassen. Ebensowenig kann in dieser Ausarbeitung eine Erörterung und Bewertung der Kritik Schillers an einzelnen Werken Bürgers vorgenommen werden. Einerseits würde eine derartige Vorgehensweise den vorgegebenen Rahmen bei weitem übertreffen. Zum anderen erlangte die Rezension ihre besondere Bedeutung nicht wegen der eigentlichen Kritik an Bürger, sondern aufgrund der grundsätzlichen Äußerungen Schillers, für die ihm Bürgers Dichtung lediglich als Negativbeispiel diente. So sollen hier in erster Linie die in der Rezension formulierten literaturtheoretischen und philosophischen Ansätze Schillers im Mittelpunkt stehen.

2. Vorgeschichte der Rezension

Vor der eigentlichen Erörterung soll kurz auf die einzige persönliche Begegnung von Schiller und Bürger und auf Schillers Rezensionsstrategie eingegangen werden. Diese einführenden Informationen sind hilfreich für das Verständnis der Rezension.

2.1. Begegnung von Schiller und Bürger

Schiller und Bürger hatten nur einmal, Ende April 1789 in Jena, für einen kurzen Zeitraum persönlichen Kontakt. Schillers Eindruck von der Person Bürgers läßt sich in einem Brief vom an Körner vom 30. 4. 1789 ablesen:

„Bürger war vor einigen Tagen hier und ich habe seine Bekanntschaft gemacht. Sein Äußerliches verspricht wenig - es ist plan und fast gemein, dieser Karakter seiner Schriften ist in seinem Wesen angegeben. Aber ein gerader ehrlicher Kerl scheint er zu sein, mit dem sich allenfalls leben ließe.“[3]

Schiller war von Bürgers Erscheinung nicht gerade angetan, allerdings läßt sich in seinen Aussagen aber auch keine tiefgehende Antipathie erkennen. Allein schon aufgrund dieser Ausführung erscheint es wenig wahrscheinlich, daß sich Schiller in der Schärfe seiner Rezension von 1791 von persönlichen Motiven hat leiten lassen. Dieser Vorwurf hatte sich noch bis in die Anfänge des 20. Jahrhunderts gehalten, wodurch eine Reihe der älteren Sekundärliteratur[4], die diesen Ansatz zur Bewertung der Rezension wählte, von als wenig ergiebig einzustufen ist.[5] Ein anderer Brief vom 30.4. 1789, diesmal an Lotte von Lengefeld und Caroline von Beulwitz, enthält ebenfalls eine kurze Beschreibung von Bürgers Erscheinung, die Schiller in Beziehung zu dessen künstlerischer Arbeit setzt. Er attestiert ihm, daß sich der „...Charakter von Popularität...“[6] weder in seinen Gedichten noch in seinem persönlichen Umgang verleugnen ließe und daß „ der Frühling seines Geistes vorüber...“[7] sei. Schiller gibt bereits hier, wie auch später in der Rezension, zu erkennen, daß er einen Zusammenhang zwischen der Person des Dichters und dessen literarischen Werk sieht. Dieser Ansatz ist jedoch Teil der ästhetischen Theorie Schillers und darf nicht als Kritik am Menschen Bürger, mißverstanden werden.[8]

Bürgers Eindruck von Schiller hingegen war ein völlig anderer. Er sandte ihm voller Hochachtung im Mai 1789 die zweite Ausgabe seiner Gedichte, nicht ohne diese vorher mit einer schon fast enthusiastischen Widmung zu versehen Schiller ließ sich mit der Rezension der bürgerschen Gedichte viel Zeit. Sie erschien erst zwei Jahre später am 15. und 17. Januar in den Nummern 13 und 14 der Allgemeinen Literatur-Zeitung und erschien anonym. Obwohl relativ bald bekannt wurde, daß Schiller der Verfasser der Rezension war, wollte Bürger dies zunächst nicht glauben und veröffentliche in der gleichen Zeitung am 6. 4. 1791 eine scharfe „Antikritik“, die Schiller wiederum mit einer „Verteidigung des Rezensenten“ beantwortete.[9]

2.2. Die Rezensionsstrategie Schillers

Um Schillers Motivation für die Rezension „Über Bürgers Gedichte“ zu verstehen, ist es nötig, kurz auf seine Rezensionstrategie einzugehen. Dies ist auch hilfreich, um einige der scharfen Angriffe gegen Schiller zu relativieren, die ihm persönliche Feindschaft gegenüber Bürger, sowie mangelndes Einfühlungsvermögen in die literarischen und persönlichen Voraussetzungen des ihm allerdings auch nicht sonderlich verwandten Lyrikers unterstellten.[10]

Betrachtet man Schillers Vorgehensweise wird deutlich, daß er sich im Formalen dicht an der Rezenzionstradition des 18. Jahrhunderts orientiert. Schiller betreibt in seiner Rezension mit hoher Stringenz eine konstruktive Kritik am destruktiven Exempel. Einzelne Gedichte Bürgers werden fortlaufend an dem jeweils von ihm erhobenen ästhetischen Grundsatz gemessen. Bürgers Gedichte dienen ihm hierbei lediglich als negatives Anschauungsmaterial. Allein diese Vorgehensweise macht den Vorwurf der persönlichen Animosität sehr unwahrscheinlich. Des weiteren führt er am Ende der Rezension an, daß er „...bei den Gedichten, von denen sich unendlich viel Schönes sagen läßt, nur auf die fehlerhafte Seite hingewiesen habe.“[11] Er betont ferner, daß diese Ungerechtigkeit nur einem Dichter „...von Herrn Bürgers Talent und Ruhm“[12] gegenüber zu vertreten sei. Es geht primär in der Rezension also weder um Bürger selbst noch im eigentlichen Sinne um seine Werke. Die Schrift „Über Bürgers Gedichte“ entspricht vielmehr dem im 18. Jahrhundert dominierenden Typus der normierenden Rezension, in der das Grundsatzdenken der Zeit deutlich wird. In erster Linie geht es Schiller um die Vermittlung ästhetischer Gesetze an sich. Die eigentliche Kritik ist dementsprechend stark funktionalisiert, so daß sich die Rezension nur als Darstellungsform der literarischen Theorie auffassen läßt.[13]

Der Aufbau der folgenden Abhandlung wird Schillers Rezensionstrategie Rechnung tragen und nicht das Werk Bürgers einer Prüfung unterziehen, sondern die literaturtheoretischen und philosophischen Ansätze Schillers in den Mittelpunkt der Betrachtung stellen.

3. Schillers Forderung nach zeitadäquater Dichtung

Trotz der Vielzahl der kontroversen Standpunkte, hat man sich auf den gedanklichen Ausgangspunkt der Rezension erst recht spät verständigt. Breite Zustimmung fand erst Müller-Seidel, der den Anlaß der Rezension im Zeitbewußtsein Schillers ausmachte. Erst in diesem historischen Sinn interpretiert, wird die hervorragende Bedeutung der Abhandlung deutlich.[14] Ähnlich sieht dies Wilke, der die Rezension als eines der ersten Beispiele „...für das allmähliche und behutsame Eindringen des historischen Bewußtseins in ein poetisches Leitbild...“[15] würdigt.

Für diese These ist bereits der Eingang der Rezension aufschlußreich. Schiller umreißt hier die historische Situation und charakterisiert dabei die eigene Epoche als ein „...philosophierendes Zeitalter“[16]. Er bezieht sich mit dieser Aussage auf Kant, der mit seinen Werken „Kritik der reinen Vernunft“ von 1781, „Kritik der praktischen Vernunft“ von 1788 und der „Kritik der Urteilskraft“ von 1791, die Philosophie am Ausgang des 19. Jahrhunderts prägte. Das gesamte geistige Klima hatte sich durch Kant stark gewandelt. Das Zeitalter der Französischen Revolution war neben den politischen Umwälzungen auch philosophisch revolutionär.[17] Schiller setzt in der Rezension das „philosophierenden Zeitalter“ in einen Zusammenhang mit der Situation der Literatur um 1790. Er sieht die Dichtkunst durch die alles beherrschende Philosophie in eine schlechte Lage geraten und faßt sie in „...unseren unpoetischen Tagen.“[18] als negativ auf. Diese Einschätzung darf aber nicht als Angriff gegen die Philosophie verstanden werden, wie ihn etwa Bürger vornimmt. Schiller ist durchaus der Ansicht, daß das in der Nachfolge Kants stehende erkenntniskritische Bewußtsein ausreichend Raum für ästhetische Sensibilität läßt. Er wehrt sich vehement dagegen, daß „..die reifere Kultur auch nur mit einem einzigen Schönheitsgenuß erkauft werden sollte.“[19] So richtet sich seine Kritik gegen die gängige Art des Dichtens, die er für nicht mehr zeitgemäß hält.[20] Es ist die Dichtung des Sturm und Drang gegen die er sich wendet und für die Bürger ein typischer Repräsentant ist. Diese vom Kern eher philosophiefeindliche Bewegung ignoriert das neue Denken und wird der Veränderung des geistigen Klimas nicht gerecht. Schiller differenziert in seiner Beobachtung zwischen den einzelnen Dichtungsarten und sieht vor allem die Lyrik von der Diskrepanz zwischen Zeitgeist und Kunst betroffen. Das Drama sieht er durch die gesellschaftliche Präsentation im Theaterspiel, und die Erzählkunst durch die „...freiere Form, sich dem Weltton mehr anzuschmiegen und den Geist der Zeit in sich aufzunehmen“[21] vor der gefährlichen Isolation eher geschützt, als die als „zeitlos“ geltende Lyrik. Dementsprechend fällt Schillers Urteil über die derzeit veröffentlichten Gedichte aus, die für ihn nur einen „...schwachen Damm gegen den Verfall der lyrischen Dichtkunst bilden.“[22] Schiller ist jedoch nicht bereit diesen Verfall weiter hinzunehmen, da er für die Dichtkunst, und hierbei erwähnt er noch einmal explizit die lyrische, eine „...sehr würdige Bestimmung...“[23] ausgemacht hat.[24]. Er formuliert:

„Bei der Vereinzelung und der getrennten Wirksamkeit unserer Geisteskräfte, die der erweiterte Kreis des Wissens und die Absonderung der Berufsgeschäfte notwendig macht, ist es die Dichtkunst beinahe allein, welche die getrennten Kräfte der Seele wieder in Vereinigung bringt, welche Kopf und Herz, Scharfsinn und Witz, Vernunft und Einbildungskraft im harmonischem Bunde beschäftigt, welche gleichsam den ganzen Menschen in uns wieder herstellt. Sie allein kann das Schicksal abwenden, das traurigste, das dem philosophierenden Verstande widerfahren kann, über den Fleiß des Forschens den Preis seiner Anstrengungen zu verlieren und in einer abgezogenen Vernunftswelt für die Freuden der wirklichen zu ersterben.[25]

Was Schiller hier anspricht ist mehr als eine bloße Gedankenkonstruktion. Es ist der Zustand der neuen Zeit, der durch Arbeitsteilung, Spezialisierung und fortschreitende Isolation des einzelnen gekennzeichnet ist. Kiel sieht den den kultur- und gesellschaftskritischen Zustand, den Schiller hier wahrnimmt, am besten mit dem Terminus „Entfremdung“[26] beschrieben. Schiller hält, ganz in Tradition der konstruktiven Kritik, eine Lösung parat: Die Entfremdung ist nur über das Medium der Dichtkunst zu überwinden. Seiner Ansicht nach kann nur sie die Integration der als divergierend empfundenen menschlichen Anlagen schaffen.[27]

Derart funktionalisiert ergeben sich eine völlig neue Anforderungen an die Dichtkunst, insbesondere an die Lyrik. Um die Integrationsaufgabe erfüllen zu können, „...würde erfordert, daß sie selbst mit dem Zeitalter fortschritte, dem sie diesen wichtigen Dienst leisten soll.“[28] Schiller fordert hier die Erneuerung der Dichtkunst. Er ist aber weit davon entfernt eine feste absolute Norm anzubieten, sondern strebt vielmehr eine zeitbezogene, zeitbewußte und zeitgemäße Kunst an .[29] Dem Drama und der Prosa mochte man dieses Kriterium bereits zuordnen. Daß jedoch auch die Lyrik von den veränderten Verhältnissen der Zeit Kenntnis zu nehmen hat, ist die keineswegs selbstverständliche Forderung und ein Novum in der Theorie der Lyrik.[30]

[...]


[1] F. Schiller: Brief an Körner vom 3.3. 1791, in: F. Jonas (Hg): Schillers Briefe - Kritische Gesamtausgabe, Band III, Stuttgart 1892-1896, S. 135f.

[2] Siehe: W. Müller-Seidel: Schillers Kontroverse mit Bürger und ihr geschichtlicher Sinn, in: W. Müller-Seidel; W. Preisendanz (Hg.): Formenwandel – Festschrift zum 65. Geburtstag von Paul Böckmann, Hamburg 1964, S. 294-318, hier: 295.

[3] F. Schiller: Brief an Körner vom 30. 4. 1789, in: F. Jonas (Hg): Schillers Briefe – Kritische Gesamtausgabe, Band II, Stuttgart 1892-1896, S. 285.

[4] Siehe: O. Harnack: „Zur Recension von Bürgers Gedichten“, in: Euphorion, Band 6, 1899, S. 539-541.

und: E. Ebstein: „Schiller und Bürger“, in: Zeitschrift für Bücherfreunde, Band 9, 1905/06, S. 94-102.

[5] Vgl.: R.-M. Kiel: Die deutsche Klassik und ihr Publikum – Zur Aporie einer ästhetischen Erziehung, München 1977, S. 26f.

[6] F. Schiller: Brief an Lotte von Lengfeld u. Caroline von Beulwitz vom 3.3. 1791, in: F. Jonas (Hg): Schillers Briefe – Kritische Gesamtausgabe, Band II, Stuttgart 1892-1896, S. 283.

[7] ebda., S. 283.

[8] Vgl.: H. Koopmann: Schiller - Kommentar zu den philosophischen, historischen und vermischten Schriften, Band II, München 1969, S. 83 (im folgenden zitiert als: H. Koopmann, „Kommentar“).

[9] Siehe: ebda, S. 83f.

[10] Vgl.: H. Koopmann: Der Dichter als Kunstrichter, in:F. Martini, W. Müller-Seidel, B. Zeller (Hg): Jahrbuch der deutschen Schillergesellschaft 1976, S. 229-246, hier: S. 241 (im folgenden zitiert als: H. Koopmann, „Kunstrichter“).

[11] F. Schiller: Über Bürgers Gedichte, in: H. Meyer (Hg): Schillers Werke – Nationalausgabe, 22. Band, S. 245-264, hier: S. 461 (im folgenden zitiert als: F. Schiller, Bürgerrezension).

[12] F. Schiller, Bürgerrezension, a. a. O., S. 241.

[13] H. Koopmann, Kunstrichter, a. a. O., S. 243f.

[14] Vgl.: W. Müller-Seidel, a. a. O., S. 296.

[15] J. Wilke: Das „Zeitgedicht“, Meisenheim am Glan 1974, S. 108f.

[16] F. Schiller, Bürgerrezension, a. a. O., S. 448.

[17] Vgl.:W. Müller-Seidel, a. a. O., S. 297.

[18] F. Schiller: Bürgerrezension, a. a. O., S. 448

[19] F. Schiller, Bürgerrezension, a. a. O., S. 448.

[20] Vgl.: J. Wilke, a. a. O., S. 108f.

[21] F. Schiller, Bürgerrezension, a. a. O., S. 448.

[22] F. Schiller, Bürgerrezension, a. a. O., S. 448.

[23] F. Schiller, Bürgerrezension, a. a. O., S. 448.

[24] Vgl.: W. Müller-Seidel, a. a. O., S. 297f.

[25] F. Schiller, Bürgerrezension, a. a. O., S. 448.

[26] Siehe: R. M. Kiel, a. a. O., S. 29f. und J. Wilke, a. a. O., S. 110.

[27] Vgl.: R. M. Kiel, a. a. O., S. 29f.

[28] F Schiller, Bürgerrezension, a. a. O., S. 449.

[29] Vgl.: R.-M. Kiel, a. a. O., S. 30.

[30] Vgl.: W. Müller-Seidel, a. a. O., S. 298.

Details

Seiten
21
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638305259
ISBN (Buch)
9783640783953
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v28864
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel – Institut für Neuere Deutsche Literatur und Medien
Note
1,5
Schlagworte
Schillers Rezension Bürgers Gedichte Hauptseminar Ausgewählte Lyrik Sturm Drang

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