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Qualitätsunterschiede im Dolmetschen

Essay 2013 24 Seiten

Dolmetschen / Übersetzen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Qualität in Lehre und Praxis
1.1 Qualität in der Lehre
1.2 Qualität in der Praxis
1.2.1 Empirische Studien zur Qualität: Erwartungen und Anforderungen der
Dolmetscher und Zuhörer an eine Verdolmetschung
1.2.1.1 Hildegund Bühler (1986)
1.2.1.2 Daniel Gile (1990) und Lidia Meak (1990)
1.2.1.3 Andrzej Kopczýnski (1994)
1.2.1.4 Peter Moser (1995)
1.2.2 Web- basierte Studien als neuer Ansatz in der Qualitätsforschung
1.2.2.1 Delia Chiaro/ Guiseppe Nocella (2004)
1.2.2.2 Franz Pöchhacker/ Cornelia Zwischenberger (2010)

2. Qualitätsmodell unter Berücksichtigung des Forschungsmaterials

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

0.Einleitung

Der Begriff Qualität im Dolmetschen ist bereits seit vielen Jahren ein beliebtes und zentrales Forschungsthema in der Dolmetschwissenschaft, das auch in Zukunft weiteren Untersuchungen unterliegen wird. Grundlegende Fragen, die in der vorliegenden Seminararbeit behandelt werden, sind u.a. Wie wird Qualität im Dolmetschen definiert? Was ist unter einer qualitativen Verdolmetschung zu verstehen? Wie lässt sich Qualität anhand von Kriterien beurteilen oder gar messen? Welche Kriterien dienen zur Bemessung? Wer sollte bei dieser Beurteilung oder Bemessung miteinbezogen werden? Wer ist überhaupt berechtigt, sich zur Qualität im Dolmetschen zu äußern? Lassen sich aufgrund der vielfältigen Dolmetschsituationen und -arten sowie Rollen des Dolmetschers allgemeingültige Aussagen zur Qualität treffen? Und gibt es schließlich eine exzellente Simultan- oder Konsekutivverdolmetschung? Was ist optimale Qualität?

Schon im Altertum wurden Dolmetscher kritischer beäugelt als Übersetzer, da ihre Dolmetschdienstleistung von den anwesenden Kommunikationspartnern, die schließlich vom Dolmetscher abhängig waren, im Hinblick auf bspw. Korrektheit nicht beurteilt werden konnte.[1] Zudem ist die Dolmetschsituation für den Augenblick bestimmt, was oftmals eine qualitative Verdolmetschung erschwert. Die Qualität einer Übersetzung kann jedoch im Nachhinein ausgiebig beurteilt werden. Geschichtlich gesehen erfuhr die dolmetschwissenschaftliche Forschung erst mit der Professionalisierung des Konferenzdolmetscherberufs bedingt durch politische und wirtschaftliche Ereignisse des 20. Jahrhunderts einen Aufschwung.[2] Mit der Tagung zur Ausbildung von Konferenzdolmetschern (1986 an der SSLMIT Triest)[3] und der ersten empirischen Studie unter Konferenzdolmetschern der AIIC von H. Bühler (1986)[4] wurde der Grundstein für die Qualitätsforschung gelegt, wobei der Kognitionspsychologe Henry C. Barik bereits 1971 den Simultandolmetschprozess im Hinblick auf die Kategorien Auslassungen, Hinzufügungen und Ersetzungen/ Fehler untersuchte. Neben Dolmetschwissenschaftlern haben auch Dolmetscher aus der Praxis ein wachsendes Interesse daran, dem „Mysterium“ Qualität auf den Grund zu gehen. Schließlich muss erwähnt werden, dass der Beruf des Konferenzdolmetschers (sowie des Übersetzers) ein ungeschützter Beruf ist, so dass jeder, der Fremdsprachen beherrscht, Dolmetsch- bzw. Übersetzerdienste anbieten darf. Es herrschen daher sowohl an den Ausbildungsstätten als auch in den Berufsverbänden (AIIC, VKD, etc.) strenge qualitätssichernde Aufnahmekriterien, um den Beruf des Konferenzdolmetschers und die Professionalität zu schützen. Ausgebildete Konferenzdolmetscher müssen sich auf dem hart umgekämpften Markt von semi- professionellen Dolmetschern unterscheiden und die Qualität ihrer Dienste nachweisen. Zudem setzen sich die Verbände für qualitätssichernde Arbeitsbedingungen ein, bspw. schalldichte Kabinenausstattung.

Im Folgenden werden zunächst die Qualität in Lehre und Praxis unter Berücksichtigung der verschiedenen Dolmetschsettings und -formen betrachtet. Des Weiteren werden die Ergebnisse ausgewählter empirischer Studien, die zur Bemessung der Qualität die Erwartungen und Anforderungen von Dolmetschern und Rezipienten einschließen, vorgestellt. Als neuer Ansatz in der Qualitätsforschung folgen die webbasierten Umfragen von Chiaro/ Nocella (2004) sowie Pöchhacker/ Zwischenberger (2010), die aufgrund der Nutzung neuer technologischer Tools ein breiteres Dolmetschpublikum erreichen, was wiederum eine umfassendere und kostengünstigere Forschungsarbeit erleichtert. Abschließend möchte ich als Zusammenfassung ein graphisches Qualitätsmodell vorstellen, das anhand der in der Seminararbeit verwendeten Monographien und Forschungsarbeiten erstellt wurde und die verschiedenen Qualitätskriterien in Verbindung zueinander aufzeigt.

1. Qualität in Lehre und Praxis

1.1 Qualität in der Lehre

Bereits in der Konferenzdolmetscherausbildung wird nicht nur durch strenge Eignungstests zur Aufnahme an den einschlägigen Universitäten und Ausbildungsstätten, sondern auch durch ein insgesamt intensives (Selbst-)Studium sowie anspruchsvolle Zwischenprüfungen besonders Wert auf die Qualität gelegt: „[…] specialists involved in training interpreters shoud certainly focus more closely on quality“[5]. In diesem Abschnitt möchte ich daher Bezug auf die von A. Riccardi (1999) und M. Viezzi (1994) aufgestellten Mikro- und Makrokriterien nehmen, die der Evaluierung von Dolmetschleistungen und somit auch Studenten als Orientierung bei der Selbstkontrolle während des Studiums dienen. Dank dieser Kriterien kann ein qualitativer Kommunikationsprozess ermöglicht werden und Studierende werden für den professionellen Arbeitsmarkt vorbereitet. Des Weiteren gelten sie als allgemeine Orientierung für Dozenten, um eine gerechte und nachvollziehbare Beurteilung und Bewertung vornehmen zu können. Zu den Makrokriterien für die Bewertung von Dolmetschleistungen zählen Äquivalenz und Präzision zwischen Ausgangs- und Zieltext bzw. Übertragung der Informationen und Intentionen[6], Angemessenheit der Darbietung in Abhängigkeit von Kultur und Textsorte sowie Funktionalität, d.h. eine klare Verdolmetschung, die sofort verstanden wird[7]. In diesem Zusammenhang muss eingeräumt werden, dass die Gewährleistung dieser Parameter immer von der jeweiligen Situation, dem Kontext, dem Wissen und der Zielkultur abhängt[8], wobei bei Prüfungsleistungen allgemein eine künstliche Dolmetschsituation herrscht. Den Mikrokriterien kommt insbesondere in der Ausbildung Aufmerksamkeit zu. Sie entstammen einem Fragebogen der SSLMIT (Scuola Superiore di Lingue Moderne per Interpreti e Traduttori dell`Università degli Studi di Trieste), der bei der Dolmetschprüfung Anwendung findet und folgende Punkte beinhaltet: phonologische Abweichungen (Aussprache), prosodische Abweichungen (Akzent, Intonation), Verzögerungsphänomene (Satzbrüche, Geräusche, gefüllte Pausen), Pausen (langandauernde ungefüllte Pausen), Abweichungen auf Lexikebene (falsche Verwendung der Allgemein- und Fachsprache), morphosyntaktische Abweichungen (grammatikalische Fehler, fehlende Kohäsion), Inhaltsabweichungen (fehlende Kohärenz bezüglich Sinn, Information),[9] Auslassungen (sowohl in positiver Hinsicht zur Erleichterung der Kohärenz als auch in negativer Hinsicht zur Sinnentstellung), Hyperinformation (bewusstes oder unbewusstes Hinzufügen von Wörtern oder Informationen zur Förderung aber auch Schädigung der Kohärenz), Reformulierung (Lösen von der Textoberfläche verbunden mit einer gewissen décalage), Register (Beibehalten/ Verzerren oder Änderung des Registers des AT), Technik (Notizentechnik für das Konsekutivdolmetschen, Simultantechnik sowie Outputkontrolle), erfolgreiche Lösungen (Ideen bzw. Lösungen, die die Qualität optimieren) und Funktionalität (globale Bewertung der Verdolmetschung unter Berücksichtigung des Ziels/ Rezipienten).[10] Die verschiedenen Kriterien sind je nach Dolmetschmodus (konsekutiv oder simultan) natürlich anders zu gewichten. Aufgrund des Zeitdrucks beim Simultandolmetschen sind bspw. Hyperinformationen oft nicht möglich. Beim Konsekutivdolmetschen wird wiederum mehr Wert auf die Vortragsweise (bspw. Intonation) gelegt.

1.2 Qualität in der Praxis

Bevor auf die Definition ˈQualität im Dolmetschenˈ sowie auf einige der zahlreichen Qualitätsstudien (Erwartungs- und Beurteilungsstudien) und allgemeinen Probleme, die sich in der Qualitätsforschung stellen, eingegangen wird sollte zunächst das Phänomen Dolmetschen definiert werden. . Nur so kann das Thema Qualität bzw. gute Verdolmetschung eingeleitet werden.

Laut Kalina (2005: 770) ist „interpreting, as translation, […] the transfer of textual [and prosodic] information between two languages [which] requires the skill of being able to establish equivalences in terms of content, shape and performance”[11]. Hinzuzufügen ist, dass eine kulturmittlerische Handlung bzw. ein interkultureller Kommunikationsprozess zu einer bestimmten Zeit, an einem bestimmten Ort und mit einem bestimmten Publikum stattfindet. Somit kann von Qualität gesprochen werden, wenn dieser Prozess erfolgreich dank des Dolmetschers ermöglicht wird. Zudem ist die Gewährleistung einer qualitativen Verdolmetschung und der Verbesserung der Qualität mit weiteren (Fortbildungs-)Maßnahmen verbunden: „[…] training, specialization and technological innovation“[12]. Der Begriff Qualität wird dennoch von Autor zu Autor unterschiedlich betrachtet und definiert. Zu Beginn der Qualitätsuntersuchung wurden laut M. Samoldekina (2011: 251) vor allem die Kriterien „ décalage, Fehler und Sinn“[13] diskutiert. Fällt die décalage größer aus, d.h. der zeitliche Abstand zwischen der Rede und der Verdolmetschung, so steigt die Qualität der Verdolmetschung. Es ist mehr Zeit zum Überlegen vorhanden, um eine sinngemäße bzw. sinngetreue Wiedergabe des Originals zu erreichen und Fehler zu vermeiden. Einige messen Qualität „[…] an dem Grad, zu welchem sich der Dolmetscher von den Worten, dem Gesagten, frei [macht] und den Sinn, das Gemeinte [erschließt]“[14]. Diese Überlegung geht mit einer größeren décalage einher. Zudem spricht eine angemessene décalage ebenfalls für das sehr gute Beherrschen der Fremdsprachen und Selbstsicherheit, auch wenn sie jeweils sprachenpaarabhängig ist.[15] Die erste Untersuchung zur Qualität von Verdolmetschungen durch einen Vergleich des Ausgangstextes mit dem Zieltext (Äquivalenzvergleich) unter besonderer Berücksichtigung von Fehlern geht auf Henry C. Barik (1971) zurück, wobei er selbst erklärte, dass sein „[…] Ziel eine Systematisierung der Abweichungen zwischen AT und ZT und nicht die Beurteilung der Qualität von Dolmetschungen war“[16]. Er verglich die Verdolmetschungen von sechs Dolmetschern (professionelle Dolmetscher, Dolmetscher in der Ausbildung, Amateurdolmetscher) mittels einer bestimmten Kategorisierung. Zu seinen Kriterien für die Bewertung der Transkriptionen zählen „[…] Auslassungen (skipping omission, comprehension omission, delay omission und compounding omission) und Zusatzinformationen (qualifier addition, elaboration addition, relationship addition und closure addition) […] [sowie] substitutions and errorsˈ […] (mild semantic error, gross semantic error, mild phrasing change und gross phrasing change)“[17]. Die eher unvollständige Studie von Barik (1971), in der keine Reden sondern narrative Texte verwendet wurden und weitere dolmetschrelevante Merkmale unbeachtet blieben, ist daher im Hinblick auf Qualitätsuntersuchungen nicht repräsentativ. Dennoch unternahm er geschichtlich gesehen einen ersten Versuch die Äquivalenz von AT und ZT mittels Kriterien zu beurteilen und sollte an dieser Stelle in der Seminararbeit auch nicht unerwähnt bleiben. M. Shlesinger (1997: 127) stellt bei ihrem Versuch Qualität zu definieren die berechtigte Frage „Quality for Whom?“. Eine qualitative Verdolmetschung ist demnach erreicht, wenn die Bedürfnisse und Absichten des Redners den Zuhörer vermittelt werden und demzufolge auch die Bedürfnisse der Zuhörer befriedigt werden: „If quality is a function of the attainment of goals, and if the goal of interpreting is to satisfy the requirements of both speakers and listeners, then the attainment of these goals amounts to quality“[18]. In diesem Zusammenhang ist auch die erforderliche Zusammenarbeit zwischen Auftraggeber und Dolmetscher zu erwähnen, denn nur so kann der Skopos für den jeweiligen Auftrag definiert und die Bedürfnisse beider Parteien befriedigt werden. A. Kopczynski (1994: 87) betrachtet Qualität auf linguistischer und pragmatischer Ebene unter Berücksichtigung von Normen, die es für eine getreue Übersetzung bzw. Verdolmetschung einzuhalten gilt, wobei situative bzw. kontextbedingte Parameter die Qualität jeweils beeinflussen:

„In its linguistic sense, quality in translation is viewed as a set of rigid standards of equivalence in content and form between the spoken message in L1 and L2. Concepts such as equivalence (identity or similarity of meaning), congruence (identity or similarity of meaning and form) and correspondence (formally closest translation overriding differences between two languages) have been developed to deal with texts in L1 and L2. […] In its pragmatic sense, quality is not an absolute value, but rather contextually determined. In other words, context ˈcomplicatesˈ the problems of quality in that it introduces situational variables that might call for different priorities in different situations of translation.”[19]

Folgende Variablen bestimmen u.a. den Kommunikationsprozess und müssen bei der Definition des Qualitätsbegriffs berücksichtigt werden: Redner (Status, Intention, Botschaft und seine Beziehung zu dem Thema und den Zuhörern), Zuhörer (ihre Beziehung zum Redner und Thema), Dolmetscher (seine Kompetenzen, Strategien, etc.), Dolmetschsetting, Form der Botschaft, Nuancen im Hinblick auf die Art und Weise der Botschaftsvermittlung/ Themavorstellung (bspw. außersprachliche Mittel/ Faktoren) und schließlich vorherrschende Interaktions- oder Dolmetschnormen des betreffenden Publikums.[20] In der gern zitierten Definition von Dejéan le Féal (1990: 155) wird die Wirkung der Intention und die Absicht des Vortragenden in den Mittelpunkt gerückt, die es in die Zielsprache mit den gleichen Nuancen zu übertragen gilt:

[...]


[1] S. Kalina (2004), S. 2

[2] Á. Collados Aís (2011), S. 25

[3] Á. Collados Aís (2011), S. 25

[4] Siehe S. 12

[5] D. Chiaro/ G. Nocella (2004), S. 291

[6] A. Riccardi (2001), S. 272

[7] A. Riccardi (2001), S. 273

[8] A. Riccardi (2001), S. 273

[9] A. Riccardi (2001), S. 274

[10] A. Riccardi (2001), S. 275

[11] S. Kalina (2005), S. 770

[12] D. Chiaro/ G. Nocella (2004), S. 291

[13] M. Samoldekina (2011), S. 251

[14] S. Kalina (2004), S. 2

[15] Beim Sprachenpaar Japanisch- Deutsch ist aufgrund der grammatischen Struktur des Japanischen eine sehr große décalage vonnöten.

[16] A. Riccardi (2001), S. 268

[17] A. Riccardi (2001), S. 268

[18] M. Shlesinger (1997), S. 127

[19] A. Kopczýnski (1994), S. 88

[20] A. Kopczýnski (1994), S. 88

Details

Seiten
24
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656890027
ISBN (Buch)
9783656890034
Dateigröße
575 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v288726
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Seminar für Übersetzen Dolmetschen
Note
1,7
Schlagworte
qualität dolmetschen

Autor

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Titel: Qualitätsunterschiede im Dolmetschen