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Terroristische Kommunikation im Zeitalter der Massenmedien am Beispiel der Roten Armee Fraktion

Wissenschaftlicher Aufsatz 2010 16 Seiten

Politik - Sonstige Themen

Leseprobe

Vorwort

Als ich nachfolgenden Essay Anfang des Jahres 2010 verfasste, war der internationale Terrorismus als Bedrohungsszenario vor allem durch Al Qaida zwar bereits längst manifest sowie regelmäßiger Bestandteil der medialen Berichterstattung, allerdings hat die Bedrohung durch gewaltbereite Islamisten heute im Jahr 2015 im Angesicht des islamistischen Terrorregimes im Irak und Syrien (IS) noch erheblich an Brisanz hinzugewonnen.

Untersuchungsgegenstand des nachfolgenden Essays ist jedoch nicht der sogenannte Islamische Staat oder der islamistische Terrorismus, sondern die Darstellung des Zusammenhangs von Terrorismus und massenmedialer Berichterstattung am Beispiel der Rote(n) Armee Fraktion in der Bundesrepublik Deutschland. Diese vor allem in den 1970er und 1980er Jahren aktive linksextremistische Terrororganisation wirkte durch die Verübung terroristischer Akte in Kombination mit gezielter Propaganda, zu deren Verbreitung sie sich die Massenmedien zu Nutze machte. Am Beispiel der RAF wird exemplarisch eine symbiotische Beziehung zwischen dem Terrorismus und den Medien aufgezeigt, wie sie auch heute noch in Bezug auf die aktuelle terroristische Bedrohung Gültigkeit besitzt. Ferner ergeben sich für zeitgenössische Terroristen durch die weltweite Vernetzung des Internets Möglichkeiten, von denen die RAF nur hätte träumen können. Die Grundlagen der terroristischen Kommunikation sind dennoch gleich geblieben, denn der Terrorist sucht seinen Erfolg primär in der massenmedial unterstützten psychologischen Wirkung. Daraus ergibt sich ein funktionaler Zusammenhang, da die terroristische Tat auf Vermittlung angewiesen ist und somit zunehmend auf die Arbeitsweise und Möglichkeiten der modernen Kommunikationsindustrie ausgerichtet wird. Walter Laqueur hat es pointiert formuliert, indem er sagt: „The media are the terrorist’s best friend. The terrorist’s act by itself is nothing, publicity is all.”

Leipzig im Februar 2015,

Ulrich Schaeffer

Gliederung

1. Einführung. 2

2. Terrorismus, Kommunikation und Massenmedien. 3

3. Hintergrund und Einordnung der RAF. 7

4. Die Kommunikationsstrategie der RAF im Zeitalter der Massenmedien. 9

5. Fazit 12

6. Literaturverzeichnis. 14

1. Einführung

Spätestens mit den massenmedial wirksamen Anschlägen des 11. September 2001 auf das World Trade Center in New York und an anderen Orten der USA hat der Terrorismus in der Welt - und damit auch in Deutschland - eine ganz neue Dimension und Aufmerksamkeit erfahren; eine Aufmerksamkeit, welche ohne die modernen Massenmedien sowie das Internet wohl nicht denkbar wäre. Andreas Elter spricht diesbezüglich von der „[…] inszenatorische[n] Qualität der Ereignisse […]“[1]. Allerdings bedarf es ebenso in der Geschichte der Bundesrepublik keiner allzu langen Rückschau, um einer massenmedial wirksamen Form des Terrorismus zu begegnen. Bei der Rote(n) Armee Fraktion (1970 – 1998) handelte es sich um die erste terroristische Gruppe, die von den Möglichkeiten der elektronischen Massenmedien ausgiebig Gebrauch machte[2] . Doch auch über 30 Jahre nach dem sogenannten „Deutschen Herbst“ gewinnt die RAF wieder an neuer Aktualität, sei es als „Der Baader Meinhof Komplex“ im Kino, in Form der „Ulrike Maria Stuart“ im Hamburger Thalia-Theater[3] oder durch die Diskussionen über die Haftentlassung des RAF­Strafgefangenen Christian Klar im Frühjahr 2007[4], vor allem aber durch den weltweit operierenden islamistischen Terrorismus, der sich auf ähnliche Weise massenmedial inszeniert wie es in der bundesdeutschen Geschichte erstmals die RAF praktizierte.

Aktualität, die Vorreiterrolle bei der massenmedialen Kommunikationsstrategie dieser terroristischen Gruppierung sowie die Bedeutung der RAF für die jüngere deutsche Geschichte sprechen folglich für eine nähere Betrachtung dieses Phänomens. Auf letztgenanntes verweist Wolfgang Kraushaar, indem er konstatiert, dass diese aus der Mitte der Gesellschaft entsprungene Gruppe die größte Bedrohung für die alte Bundesrepublik darstellte und wohl auch, insbesondere durch die Ereignisse während der Entführung Hanns Martin Schleyers im Herbst 1977, mit prägend für das heutige Selbstverständnis des deutschen Staates war[5].

Anhand der RAF lässt sich exemplarisch darstellen, welche Verhältnisse und Wechselwirkungen es zwischen terroristischer Kommunikation und den Massenmedien gibt, womit auch der Bezug zum Thema der „politischen Kommunikation als Aggression“ hergestellt wird. Dabei geht es insbesondere darum, herauszuarbeiten, dass die RAF zum Erreichen ihrer Ziele massenmediale Kommunikation zentral benötigte (1) und dass ferner gezielte Kommunikationsstrategien integraler Bestandteil des Gesamtkonzepts der RAF waren (2).

Ausgehend von der Begriffsbestimmung des „Terrorismus“ wird hierzu zunächst das Verhältnis zwischen Terrorismus, Kommunikation und Medien allgemein erläutert, um schließlich - nach einer Skizzierung der RAF - die terroristische Kommunikation und das Verhältnis der RAF zu den Massenmedien darzustellen. Die Ausführungen nehmen vor allem Bezug auf Andreas Elter und Wolfgang Kraushaar, welche beide ausgewiesene Experten auf diesem Gebiet sind. Propaganda der Tat von Elter bietet zudem einen guten Gesamtüberblick über dieses Thema.

2. Terrorismus, Kommunikation und Massenmedien

Beim Terrorismus handelt es sich um ein Phänomen, das höchst unterschiedlich aufgefasst und kategorisiert wird. Die Spannbreite reicht von Walter Laqueur, der es ablehnt, den Begriff des Terrorismus zu definieren, bis hin zu Alex P. Schmid, welcher nicht weniger als 109 verschiedene Terrorismusdefinitionen anbietet[6]. Sonja Glaab konstatiert hierzu: „Es existiert weder eine allgemeingültige noch eine völkerrechtlich verbindliche Definition des Begriffs.“[7] Während Terrorismus als Sache so alt ist wie die Gewaltanwendung in der Politik, lässt sich der Begriff an sich auf das Jahr 1794 zurückdatieren, als man in Frankreich die Schreckensherrschaft der Jakobiner als „terrorisme“ bezeichnete. Seit dieser Zeit eingebürgert, wird der Terminus immer wieder bei der Diskussion um politische Gewalt verwendet, neu definiert und differenziert.[8] [9] Die folgenden Ausführungen lehnen sich an Elter und seine zwölf Kriterien für terroristische Gruppen an, die allesamt auf die RAF zumindest mit Einschränkungen zutreffen. Diese sind in verkürzter Form: Keine staatliche Legitimation; langfristige Ziele, die politisch, ideologisch oder religiös motiviert sind; Operation in der Illegalität; oftmals hierarchische Gliederung mit funktionaler Aufteilung; primäres Mittel ist die physische Gewaltanwendung; zielt auf Aufmerksamkeit, Beeinflussung, Umstürzen sowie der Verbreitung von Angst und Schrecken ab; hat einen selbst definierten Feind; nimmt den Tod Unbeteiligter billigend in Kauf; bedient sich der Propaganda der Tat und des Wortes; plant spektakuläre Aktionen mit dem Ziel einer massenmedialen Wirkung; verfügt über Logistik und Finanzierungsquellen; hat in der Regel eine Unterstützer­ und/oder Sympathisantenszene.[10]

[...]


[1] Elter, Andreas: Propaganda der Tat. Die RAF und die Medien, Frankfurt a. M. 2008, S. 10.

[2] Vgl. ebd., S. 11.

[3] Vgl. Kraushaar, Wolfgang (Hrsg.): Die RAF. Entmythologisierung einer terroristischen Organisation, Bonn 2008, S. 7.

[4] Vgl. BpB – Stephan Trinius: Gnade vor Recht. Die Diskussion um eine vorzeitige Haftentlassung ehemaliger RAF-Täter vom 31.08.2007, in: http://www.bpb.de/themen/XMNA9A,0,0,Gnade_vor_Recht.html, download 17.02.2010.

[5] Vgl. Kraushaar 2008, S. 12.

[6] Walther, Rudolf: Terror und Terrorismus. Eine begriffs- und sozialgeschichtliche Skizze, in: Wolfgang

Kraushaar (Hrsg.): Die RAF. Entmythologisierung einer terroristischen Organisation, Bonn 2008, S. 50.

[7] Glaab, Sonja (Hrsg): Medien und Terrorismus. Auf den Spuren einer symbiotischen Beziehung, Berlin 2007, S. 11.

[8] Vgl. Musolff, Andreas: Krieg gegen die Öffentlichkeit. Terrorismus und politischer Sprachgebrauch,

Opladen 1996, S. 9.

[9] Für weiterführende Informationen zur Begrifflichkeit und Historie des Terrorismus siehe auch Elter 2008, S. 17ff; Lemler 2008, S. 20ff; Brooke Reynolds 2009, S. 14ff.

[10] Elter, Andreas: Die RAF und die Medien. Ein Fallbeispiel für terroristische Kommunikation, in: Wolfgang Kraushaar (Hrsg.): Die RAF und der linke Terrorismus, Bd. 2, Hamburg 2006, S. 1063f.

Details

Seiten
16
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656893462
ISBN (Buch)
9783656893479
Dateigröße
421 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v288904
Institution / Hochschule
Universität Leipzig
Note
1.0
Schlagworte
Terrorismus RAF Politische Kommunikation Terroristische Kommunikation Terrorismus und Massenmedien Medien Massenmedien Terrorist Stadtguerilla

Autor

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