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"Der Ritter vom Turn" des Marquard vom Stein / Geoffroy de La Tour Landry. Eine getarnte politische Streitschrift

Forschungsarbeit 2015 246 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkung

Einleitung

I. Geoffroy attackiert die frommen Fundamentalisten

II. Goeoffroy de La Tour Landry und der Herr von Craon

III. Liebe, Ehe und Ehebruch bei Geoffroy

IV. Ein Skandal und seine Folgen

V. Liebeskonzepte bei Geoffroy

VI. Konsequenzen für das politische Lager der Craon
1. Ritterliche Tugend und Amt
2. Heiraten

VII. Von lustigen Witwen und einem Heiligen König
1. Lustige Witwen
2. Heiliger König

VIII. Patrides/Paridès oder Gautier d' Arras als Vorbild
1. Eheliche Trennungen als literarisches Konstrukt
2. Eheliche Trennungen in der historischen Wirklichkeit

IX. Geoffroy als Autor

X. Resümee und Ausblick - Frankreich

XI. Marquard von Stein und das 'Livre' Geoffroys
1. Marquard von Stein und seine Landesherren
2. Von Taugenichtsen und einem Tugendhaften
2.1 Die Taugenichtse
2.2 Der Tugendhafte
3. Marquards absichtsvolle Änderungen des 'Livre'
3.1 Helena als Tochter des Menelaus
3.2 Untergang der fünf Städte
3.3 Die Witwe des Ritters vom Kreuz
3.4 Schnecken und Einhörner

XII. Resümee und Ausblick - Deutschland

XIII. Schlussbetrachtungen

Literaturverzeichnis

Vorbemerkung

Die vorliegende Untersuchung steht in einer Reihe mit bereits erfolgten Studien, die den Diskurs des Adels mittels fiktionaler Literatur in Mittelalter und Früher Neuzeit zum Gegenstand haben. Dieser literarische Diskurs wird immer auch unter der Prämisse gesehen Teil der politischen Kommunikation des Adels zu sein. Die Kenntnis der Aussagen jener Literatur und der Funktion, die sie zu einem bestimmten Zeitpunkt und danach erfüllen sollte, dürfte für ein angemessenes Verständnis europäischer Geschichte und Kultur kaum verzichtbar sein. Leider kann auch an dieser Stelle den für die Forschungsförderung verantwortlichen Institutionen wieder kein Dank ausgesprochen werden. Da es jedoch ein rechter Jammer wäre, wenn aufgrund der herrschenden Verhältnisse im Wissenschaftsgetriebe solch fundamentale Werke europäischer Kultur, wie die hier behandelten Texte, als solche weiter unerkannt blieben, wurde auch diese Untersuchung wiederum in Eigeninitiative und als Selbstfinanzierte durchgeführt. Der Dank für die Unterstützung bei der Realisierung der Studie geht wieder an Einzelne, insbesondere an Prof. Ernst Erich Metzner von den Frankfurter Altgermanisten, der die Ausarbeitungen mit Interesse und konstruktiver Kritik begleitete.

Einleitung

Das Werk des Marquard vom Stein Der Ritter vom Turn wird gewöhnlich als Legenden-, Novellen- und Anekdotensammlung gelesen, die den Töchtern des Ritters „ein Frauenenideal der stillen werkheiligen Frömmigkeit und der sittigen Zucht“ vor Augen stellen soll, um diese vor Müßiggang und Laster durch jene Lehren zu schützen. Zu diesem Zweck habe Marquard von Stein das 1372 abgeschlossene Buch des Chevalier Geoffroy de La Tour Landry, Livre pour l' enseignement de ses filles, in schlichte deutsche Prosa übertragen.1 Das Livre des Geoffroy de La Tour Landry wiederum sei ein didaktischer Text, der als eine Art von 'Frauenbuch' verstanden werden könne, das „Regeln für Frauen aus dem Adel und dem oberen Bürgertum“ entwerfe, indem es gutes und schlechtes Verhalten anhand von beispielhaften Erzählungen, Exempla, darstelle.2

Wird der „moralisch-lehrhafte Zweck“ des Ritter vom Turn betont3, „durchaus sittenstreng und ernst“4, so gibt es jedoch auch Stimmen, die das Werk als ein unanständiges, pikantes und schlüpfriges Buch charakterisieren.5 Auch Johan Huizinga fragt in Bezug auf Geoffroy de La Tour Landry verwundert, wie sich dessen sittliche Strenge als Vater darauf reime, dass er „seinen Töchtern zur Belehrung wiederholt Geschichten auftischt, die wegen ihres schlüpfrigen Inhalts in den Cent nouvelles nouvelles nicht fehl am Platz wären.“6

Das verwirrende Bild, das sich bei Durchsicht einiger Literaturgeschichten und anderer Handbücher bezüglich der Einordnung des Ritter vom Turn in Gattungszusammenhänge biete, das von Unentschiedenheit und Hilflosigkeit geprägt sei, veranlasst Reinhard Hahn nach der Lektüre dieser Kategorisierungen7 zu dem offenbar gequälten Ausruf; man sei „versucht zu fragen, ob alle Autoren tatsächlich dasselbe Werk meinen.“8

Das Schwanken der Forschung zwischen Wertungen wie „sittenstreng“ und „schlüpfrig“ sieht Reinhard Hahn im Verhältnis des Werks zur Lehr- und Unterhaltungsabsicht gegeben, der nahezu unauflöslichen Verbindung, die Lehrhaftigkeit und Komik hier eingehen.9 Bei dem Erziehungsbuch des Ritters de la Tour-Landry handele es sich um eine Exempelsammlung, die, durchaus in unterhaltender Weise, praktische Lebenshilfe vermitteln, eine Schule der Weltklugheit bieten wolle.10 Am lehrhaften Anliegen der französischen Vorlage Marquarts und an ihrer Bestimmung für einen weiblichen Adressatenkreis müsse nicht gezweifelt werden.11

Dieser weit verbreiteten Einschätzung des Livre als eines Lehrbuches, das den adligen Töchtern Geoffroys zur Unterweisung dienen soll12, wird hier jedoch durch einen neuen analysierenenden Zugriff widersprochen. Soll durch eine neue Interpretation dem konstatierten verwirrenden Befund der Forschung zum Livre abgeholfen werden, so wird sich im Zusammenhang dieser Interpretation auch das angeführte Urteil vom „sittenstrengen“ bzw. „schlüpfrigen“ Charakter des Buches klären. Durch eine erneute Betrachtung der von Geoffroy in seinem Werk gebotenen Inhalte wird sich herausstellen, dass es sich bei seiner Schrift nicht nur um eine aktuelle politische Intervention handelt, die den Interessen einer bestimmten Fraktion des französischen Adels literarischen Rückhalt im Königreich verschaffen soll, sondern dass ihr durch ihren allgemeinen und umfassend argumentierenden Charakter auch der Rang einer Programmschrift für einen bedeutenden Teils des französischen Adels zugesprochen werden muss. Ähnliches, so wird sich herausstellen, trifft auch für das Werk Marquards von Stein zu, dessen Schrift vor allem auf den deutsch-württembergischen Teil des Reiches zielt. Der Arbeitshypothese, dass es sich bei beiden Schriften um zentrale Werke europäischer Adelskultur des Mittelalters handeln könnte, soll hier nachgegangen werden. Ist diese Adelskultur offenbar von Anbeginn an eine dialogische, in der gegensätzliche ideologische Vorstellungen mittels literarischer Texte formuliert und propagiert werden13, so ist ein angemessenes Verständnis der von den Autoren literarischer Texte hier gemachten Aussagen nur möglich, wenn literarische Texte und gesellschaftliche Kontexte aufeinander bezogen werden.14 Da im Bereich der Adelsliteratur15 die Dimension der Herstellung eines literarischen Textes und die des politischen Handelns scheinbar noch ungeschieden sind, der literarische Text Medium politischer Kommunikation ist16, der Ansichten und Einstellungen des Autors gegen divergierende Ansichten – Einstellungen behaupten will, stellen solche Texte wegen der differenzierten Darstellungsmöglichkeiten den wohl einflussreichsten Teil politischer Kommunikation des Adels dar. Ihre Aufgabe ist es, im Kreis der potentiellen Rezipienten, also derjenigen die über entsprechende Machtpositionen verfügen17, für die eigenen Vorstellungen und das eigene politische Lager zu werben und unentschiedene oder schwankende Kandidaten durch die Kraft der literarischen Fiktion ins eigene Lager zu ziehen und somit dessen militärische Schlagkraft zu erhöhen, die dann wiederum im Falle einer machtpolitischen Konfrontation von entscheidender Bedeutung ist. Das „deprimierende“ Bild, das sich bei einem Blick auf den Buchbesitz des niederen Adels oder Angehöriger der städtischen Oberschicht ergibt18, ist wohl auch durch die relative politische Ohnmacht jener Kreise bedingt, weshalb einem instrumentellen Einsatz von fiktionaler Literatur als Mittel der Politik hier schlicht die materielle Basis fehlt und deshalb auch kaum Sinn macht.19

Projekte der historischen Geisteswissenschaften, die sich der politischen Kommunikation in Mittelalter und Früher Neuzeit zuwenden und sich hierbei nicht mit den ohnehin bekannten Debatten der „großen Geister“ abfinden wollen, sondern fruchtbarer den Austausch, Streit und Konflikt unter den unmittelbar Beteiligten thematisieren wollen, sind mit dem Problem konfrontiert, dass ein Überblick über literarische Texte des Adels von politischer Bedeutung im Europa jener Zeit überhaupt erst geschaffen werden müsste.20 Ohne jedoch zumindest von den für die Beteiligten des hohen Adels in Mittelalter und Früher Neuzeit wichtigsten literarisch-politischen Debatten und deren Folgewirkung Kenntnis zu haben, müssen historische Darstellungen in Geschichtsbüchern und Literaturgeschichten zwangsläufig unbefriedigend bleiben.

Zwar sollte man meinen, dass es in Zeiten eines deklarierten europäischen Einigungsprozesses, z.B. ein gewisses Interesse dafür geben könnte zu wissen wie denn die Habsburger in jener Zeit, in der sie ihre Herrschaft über den größten Teil Europas ausdehnten, einen Konsens im hohen Adel über die ihrer Herrschaft zu Grunde liegenden Ordnungsvorstellungen organisierten, jedoch muss sich dies keineswegs in gesellschaftliche Realität umsetzen.

Die vorliegende Arbeit versucht, wie bereits in anderen Schriften realisiert, die literarisch gestützte politische Kommunikation im hohen Adel zu skizzieren.21

Um den Texten Geoffroys und Marquards gerecht zu werden, wird es im folgenden notwendig sein, den Texten nicht nur in ihrem scheinbar einfachen Wortsinn zu folgen, sondern die tatsächlich gemeinten Aussagen durch eine Art Decodierung zugänglich zu machen. Dies soll insbesondere an den von Geoffroy gebotenen zentralen Themenfeldern heraus gearbeitet werden.

Tatsächlich lassen sich bei der Betrachtung des Textes von Geoffroy und ebenso der weitgehend diesem Text folgenden Übertragung des Marquard von Stein zwei Themenfelder beobachten, die an verschiedenen Stellen des Textes durch ständige Wiederholung seinen Schwerpunkt auszumachen scheinen. Es sind dies zum einen die Vorschriften und Regeln für einen Christenmenschen, deren strikte Einhaltung seine sittliche, Gott gefällige Lebensführung verbürgen und ein hohes Ansehen sichern sollen. Zum anderen wird ausführlich vom Thema Ehebruch22 und den Auswirkungen die ein solcher auf das Ansehen und die gesellschaftliche Stellung der Protagonisten haben kann, gehandelt.

Die Interpretation folgt der Argumentation des Chevalier de La Tour Landry, erhebt aber keineswegs den Anspruch erschöpfender Kommentierung des Werkes.23 Die grundsätzliche Positionierung der Ritter aber soll deutlich werden.

I. Geoffroy attackiert die frommen Fundamentalisten

Zwar scheinen die Lehren Geoffroys' für seine Töchter, ein frommes, sittenstrenges Leben zu führen, mit den allgemein verbreiteten Vorstellungen einer idealen christlichen Lebensführung übereinzustimmen. Von regelmäßigem Kirchgang und Messe-hören ist die Rede, vom Beten, den Lob und Danksagungen Gottes und der Mutter Maria, von Toten-Fürbitten, von den segensreichen Wirkungen des Fastens sowie der Pilgerfahrt und Beichte wird gehandelt. Jedoch werden die Darstellungen idealer christlicher Lebensführung und die gegebenen Exempel dermaßen übertrieben und grotesk konstruiert, dass Geoffroy beim überwiegenden Teil des adligen Publikums wohl mit einer Gegenreaktion rechnen kann, die dann mit der Ablehnung solch extremer Praktiken zur Relativierung des Sinns konsequent frommer Lebensweise überhaupt führt:

Gebete zum Lob Gottes und der Mutter Maria

Gebete sollten morgens und abends zum Lob Gottes und seiner Mutter Maria gesprochen werden, ebenso nachts bei Unterbrechung des Schlafes. Hierbei sei darauf zu achten, dass die Gebeten andächtig gesprochen werden, ohne dass beim Gebet an andere Dinge gedacht wird. Das Morgengebet sei auf nüchternen Magen zu leisten, ohne vorher gefrühstückt zu haben, da ein gesättigter Mensch niemals so andächtig und demütig sein könne, wie ein hungriger. Als ideal wird die in Legenden beschriebene Praxis gewertet, sich eines unbequemen Bettes aus Rebholz zu bedienen, das häufig zur Unterbrechung des Schlafes führe und damit Gelegenheit zu Gebet und Gottesdienst gebe.24 Der Verdacht drängt sich auf, Geoffroys literarisches Konstrukt wolle darauf hinweisen, dass diejenigen, die häufig und lang Gebete sprechen, nur in formelhafter Leere eine Litanei von sich geben, was auch groteske Auswüchse in Form eines nächtlichen Folterbettes annehmen könne. Diese Leute praktizierten einen unsinnigen, übertriebenen Kult, besser sei es, hin und wieder ein kurzes inniges Gebet zu sprechen, wie dies andere verständigere Leute tun würden.

Toten – Fürbitten

Die Wirkung der Toten-Fürbitt-Gebete , die ebenfalls oft und auch mittten in der Nacht praktiziert werden sollten, beschreibt Geoffroy in zwei Exempeln. Eine Kaisertochter von Constantinopel sei dank ihrer Gebete vor einem Fehltritt bewahrt worden. Ein Ritter, den sie nachts in ihre Kammer bestellt hatte, um sich mit ihm der fleischlichen Liebe hinzugeben, wird von einer großen Menge Geister, in weiße Tücher gehüllt, in die Flucht geschlagen. Dank ihrer Toten-Fürbitten kann diese Kaisertochter dem grausamen Schicksal ihrer Schwester entgehen, die immer über ihre Nachtgebete spottete. Diese wird, als ihre Schwangerschaft entdeckt wird, gemeinsam mit ihrem Liebhaber heimlich auf Befehl des Kaisers ertränkt.

Geoffroy weiß von einem weiteren Fall der Errettung mittels Toten-Fürbitten zu berichten. Eine Jungfrau, die von einem mächtigen Herren bedrängt wurde, der diese mit Gewalt und gegen ihren Willen zum Beischlaf zwingen wollte, hatte sich aus Furcht vor diesem in ein Versteck geflüchtet, war aber von diesem dort ausfindig gemacht worden. Als der mächtige Herr zum Versteck kommt und glaubt er könne jetzt endlich seine Gelüste befriedigen, spricht die Jungfrau noch schnell ein Toten-Fürbitt-Gebet und als der lüsterne Herr sie sieht und ergreifen will erscheinen ihm mehr als zehntausend Toten-Gespenster, die die Jungfrau beschützen, woraufhin der hohe Herr erschrickt und eilends das Weite sucht.25 Da die meisten adligen Zeitgenossen wohl kaum auf Toten-Fürbitten als ausreichenden Schutz ihrer Töchter bauen, um diese vor den lüsternen Attacken von Rittern oder Herren zu schützen26, soll wohl auch mit der offenkundigen Fragwürdigkeit der angeblichen Wirkung, auf die Fragwürdigkeit ständiger Toten-Fürbitten überhaupt geschlossen werden.

Fasten

Auch das Fasten könne seiner segensreichen Wirkung wegen gar nicht ausgiebig genug betrieben werden, so Geoffroy. Insbesondere solange eine junge Herrin noch unvermählt ist, sollte sie drei Mal die Woche fasten, um Geilheit und Leidenschaft zu zügeln. Zumindest aber Freitags bei Wasser und Brot, in jedem Fall aber ohne Fleisch und Fisch. Um vor Augen zu stellen in welchem Ausmaß man sich mit Fasten die Gnade Gottes verdienen könne, weiß Geoffroy von einem Ritter zu berichten, dem im Kampf zwischen Christen und Heiden der Kopft abgeschlagen wurde und deshalb von Leib hinweg rollte. Der Kopf habe jedoch noch so lange nach einem Priester gerufen, bis schließlich einer kam, um dem Ritter die Beichte abzunehmen. Auf die erstaunte Frage des Priesters, wie es denn käme, dass sein Kopf ohne den dazugehörigen Leib noch reden könne, habe der Kopf geantwortet, dies sei der Gnade Gottes zu verdanken, der ihm wegen seines steten Fastens, Mittwochs ohne Fleisch und Freitags ganz ohne Essen, nicht in Todsünde und Verdammnis habe sterben lassen wollen und so dafür sorgte, dass ihm noch die letzte Beichte abgenommen werden konnte.27 Von Maria Magdalena berichtet Geoffroy lobend, diese sei aus Gottesfurcht und Angst in sündigem Zustand zu sterben in einen wüsten Wald gezogen, fern ab von allen Leuten und dies wohl 20 Jahre lang.28 Dort habe sie so lange gefastet, dass sie aus eigener Kraft nicht mehr hätte weiter leben können. Jedoch habe sich Gott ihrer erbarmt und einen himmlischen Catering-Service organisiert. Er schickte ihr täglich Speisen vom Himmel, so dass bis an ihr Ende für sie gesorgt war.29 Ebenso sei es einer gemeinen Frau ergangen, die des Fastens wegen aus großer Gefahr errettet wurde. Diese fällt nachts, der großen Finsternis wegen, auf dem Weg zu ihrem Liebhaber in einen tiefen Brunnen. Noch im Fallen ruft die Frau die Mutter Gottes an und wird auf wundersame Weise gerettet. Denn statt im Wasser des Brunnens unter zu gehen, schwebt sie darüber und eine Stimmer spricht zu ihr, dies habe sie ihrem Fasten Freitags und Samstags zu Ehre und Lob Gottes und der Mutter Maria zu verdanken. Den erstaunten Leuten, die morgens zum Wasser schöpfen an den Brunnen kommen und sich wundern, dass die Frau im Brunnen habe überleben können, erklärt diese dann auch, sie habe diese Gnade ihrem steten Fasten Freitags und Samstags zu verdanken.30

Im Livre, Exempel 89, De abstinence, erscheint einem kinderlosen Ehepaar auf dessen Bittgebete hin ein Engel, der verkündet, Gott werde ihre Bitten erhören und ihnen ein Kind schenken, das Paar jedoch auffordert, sich dieser Gnade durch Fasten, die Abstinenz von Genüssen, dem Verzicht auf zu reichlichem Essen und Trinken, insbesondere zu unerlaubten Zeiten, würdig zu erweisen.31

/ Das sy vasteten vnnd abbrechung theten / vnd sich verhùten vor fresserey / sonders zů unzymlichen zyten (Marquard, S. 181 Z. 27)

Denn durch das Laster unmäßigen Essens falle man in die sieben Todsünden, weshalb das Fasten den Menschen bei Gott förderlich wäre.

Darumb ist dyß ein gùt exempel zů vasten / vnd dem lib abbruch ze tùnde der da etwas von got begeren wyll / Dann bychten vnnd vasten der menschen bytt gegen gott großlich fürderen jst / (Marquard, S. 181 Z. 32)

Deshalb sei es zur Abwendung aller Übel erforderlich die Lehre zu befolgen, dass mehr als zweimaliges Essen am Tag ein viehisches Leben sei:

eyn mal essen eyn heyliges leben / zwey mal essen menschlich / Vnnd vil malen essen vichlich / (Marquard, S. 182 Z. 13)

Car une foiz mengier est vie d' ange, et ij. foiz est droite vie d' homme et de feme, et plusieurs fois mengier est vie de beste, (Geoffroy, S. 176)

Da sich die dargestellten segensreichen Wirkungen des Fastens im Alltagsleben jedoch wohl kaum wiederholen lassen, dürfte auch hier die Absicht des Autors, mit deren evidentem Ausbleiben den Sinn des Fastens insgesamt in Frage zu stellen, deutlich sein.

Beichte

Durch das Beispiel einer mächtigen Herrin von bedeutendem Geschlecht und gutem Ruf macht Geoffroy jedoch wiederum deutlich, dass selbst ein gottesfürchtiger Lebenswandel ohne rückhaltloses erschöpfendes Beichten zur ewigen Verdammnis führen kann. Denn selbige Herrin besuchte täglich die Messe und verweilte unter langen Gebeten bis mittags in der Kirche, ebenso fastete sie an drei Tagen, davon zwei nur bei Wasser und Brot, gab Almosen, kümmerte sich um die Kranken und unternahm Wallfahrten. Dies habe ihr jedoch alles nichts geholfen, da sie es unterließ eine Sünde zu beichten, von der sie befürchtete, dass diese ihren Ruf schädigen könnte, würde sie öffentlich. Hatte sie doch um der Fleischeslust willen mit einem Mönch in Unkeuschheit gesündigt. Glaubte die mächtige Herrin ihr ansonsten frommer Lebenswandel werde diese eine Sünde aufwiegen, so musste sie sich jedoch darin getäuscht sehen. Denn nach ihrem Tod habe ihr Grab angefangen zu stinken und die Erde darauf habe gebrannt. Einem vom verwunderten Volk herbeigerufenen Priester sei dann auch von einer laut schreienden Stimme der Grund für diese Zeichen ewiger Verdammnis genannt worden. Eben jene nicht gebeichtete Todsünde mit dem Mönch!32 Angesichts der angeführten Gefahr, dass gebeichtete Sünden doch noch in dieser Welt öffentlich und dem Beichtenden zum Verhängnis werden könnten, scheint die Konstruktion Geoffroys, ewige Verdammnis wegen nicht gebeichteter Unkeuschheit bei ansonsten vorbildlichster Frömmigkeit, dermaßen übertrieben und seinen vorher gehenden Aussagen widersprechend, dass sich die Skepsis des Lesers wohl auf die gesamte werkheilige Praxis ausdehnen soll. Sei doch für viele die Beichte heutzutage nur ein bequemer Weg sich der eigenen Schandtaten zu entledigen, ohne sich diesen wirklich stellen zu müssen, wie Geoffroy an anderer Stelle ausführt.33

/ als ouch noch hütt by tag / die jhnen thùnt / (…) / das sy sich entschuldigen vnd jre übeltaten blümen vnd ferben wòllen / (Marquard, S. 137 Z. 33)

l' excusacion, comme il fait aujourd' uy de telz qui viennent à confession devant leur prestre (….) et pollicent leur meffait, (Geoffroy, S. 96)

Kirchgang - Messebesuch und Wallfahrten

Sollte der geneigte Leser nun vermuten nach der aufgezeigten Fragwürdigkeit solcher Übungen christlicher Lebensführung des Einzelnen, wie Beten, Fürbitten, Fasten und Beichten, würden doch zumindest die zentralen kollektiven Elemente Kirchgang und Besuch der heiligen Messe bei Geoffroy von solcher Fragwürdigkeit ausgenommen, so irrt er. Zwar scheint Geoffroy ausdrücklich Gottesdienst und Messe-Besuch als Zeichen eines Lebens in Gottesfurcht und Liebe zu Gott zu bestätigen34, aber schon der Kontext, in den er diese Aussage setzt, lässt Zweifel aufkommen. Die Bekräftigung des Wertes von Gottesdienst und Messe ist Teil der byspel von einer Gräfin, deren Gewohnheit es gewesen sei drei Messen täglich zu hören. Als ihr Caplan auf einer Wallfahrt einen Reitunfall erleidet und deshalb nicht die Messe halten kann, habe die Gräfin dies andächtig Gott geklagt, der ihr daraufhin umgehend Ersatzpersonal geschickt habe. Einen Engel in der Gestalt eines Priesters, der ihr so den Messebesuch ermöglichte. Aus dem byspel gehe hervor, dass Gott sich gnädig derjenigen annimmt, die seinem heiligen Amt Liebe und Andacht erweisen. Aber so kommentiert Geoffroy, er vermute es gebe jetzt viele Frauen, die sich mit weniger als drei Messen am Tag begnügten.35 Neben der erwünschten Anzahl thematisiert Geoffroy natürlich auch die Qualität dieser frommen Übung. So konstatiert er, dass manche Messen erst mit erheblicher Verspätung beginnen könnten, weil die Herrschaften, die über die Pfarrkirche gebieten, lieber länger schliefen als pünktlich zur Messe zu erscheinen36 oder aber manche Herrin sich zu lange für den Kirchgang heraus putze.37 Auch werde während der Messe gerne hinter dem Rücken des Priesters ausgiebig geschwätzt, ein Pergamentblatt würde nicht ausreichen all die dort gemachten Gespräche zu notieren.38 Auch werden Wallfahrten von adligen Herren, Frauen und Jungfrauen zur Kapelle eines heiligen Mannes auf dem Lande dazu benutzt während der Messe Kontakte zu knüpfen und miteinander ins Gespräch zu kommen. 39 Geoffroy erwähnt auch die Unsitte während der Messe beim Sprechen der Gebete den Kopf hin und her zu wenden, wie die Kraniche oder Turteltauben, die halslos den Kopf wie eine Kugel bewegten.40 Wird die Pilgerreise einer Frau unternommen, damit diese sich endlich ungestört durch den Ehemann ihrer Leidenschaft zu einem Jüngling widmen kann, so tauscht eine andere Edelfrau während der Messe mit ihrem Buhlen so innig Blicke und Wortzeichen, dass sie in Ohnmacht fällt.41 Aus dem ihm zugehörigen Herrschaftsbereich weiß Goeoffroy von einem Fall zu berichten, in dem einer, Perrot Luart genannt, in der Kirche 'Unserer Frau zu Schonstatt'42 Geschlechtsverkehr mit einer Frau auf dem Altar (sur un autel) trieb. Da sich die beiden jedoch nach Vollzug desselben nicht mehr von einander lösen konnten und den ganzen Tag in der eingenommenen Stellung verharren mussten, konnten sie von vielen Kirchenbesuchern wahrgenommen werden. Die Kirche habe auf den Vorfall hin erneut geweiht werden müssen. Dem Mann sei als Buße auferlegt worden an drei Sonntagen hintereinander um Kirche und Friedhof zu laufen unter Geißelungen und Bekenntnissen seiner Sünden. 43 In einem ähnlich gelagerten Fall von Scheidenkrampf sei es gar der Neffe des Priors eines Klosters gewesen, genannt Chievre Faye, (chieriresüre, Marquard) bei Poitou, der nach der Messe in der Kirche auf einer Frau gefunden wurde.

Die sich anschließende Lehre Geoffroys, darum sei es gut sich in der Kirche vor Sünden zu hüten, insbesondere vor unreinen Worten und Werken, wirkt nach den gewichtigen angeführten Beispielen wie eine laue Pflichtübung. Auch hier dürfte es also kaum darum gegangen sein, den Töchtern zu bedeuten, sie sollten sich in der Kirche möglichst mit sexuellen Aktivitäten zurückhalten, als die Eindeutigkeit in Frage zu stellen mit der Kirchgang und Wallfahrt als zweifelsfrei Gott gefällige Werke dargestellt werden, denen ein hoher sittlicher Wert zu gesprochen werden müsse.44 Welches aber könnte die Intention Geoffroys sein, die behandelten Elemente 'werkheiliger Frömmigkeit' in seinem vorgeblichen Erziehungs-Traktat relativieren zu wollen? Die Vermutungt drängt sich auf, dass er genau das Gegenteil einer konventionellen Erziehungslehre schreiben will. Sein Ziel scheint es zu sein, können wir hier vorläufig mutmaßen, den Vertretern einer 'werkheiligen Frömmigkeit' und strengen christlichen Moral entgegen zu halten, ihre Kritik an Standesgenossen, die die erwünschte Ausübung liturgischer Elemente christlicher Lebensführung nicht in absoluter Strenge praktizierten, eine fragwürdige Moral und Sittlichkeit vorzuwerfen, sei, schon in Anbetracht der gesellschaftlichen Wirklichkeit in der diese frommen Werke vollzogen würden, verfehlt. Hinzu komme, dass diese Kritik mangelnder Sittenstrenge in einer Welt unangebracht sei, in der der überwiegende Teil der Menschen von den Begierden des Fleisches und der Sucht nach Ruhm und gesellschaftlicher Spitzenstellung beherrscht werde:

Dann wir sehent das der meiste teil der welt / sich haltet und regieret nach dem gelust des fleisches / vnd nach üppikeit weltlicher eren / (Marquard, S. 130 Z. 31)

Car nous veons que le plus de monde se gouverne selon le delit de la char et selon la vainne gloire du monde (Geoffroy, S. 82)

Seien die einen vom Stolz auf ihr adliges Geschlecht und ihren Reichtum erfüllt, seien andere voller Neid auf die Güter und Ehren, die sie bei anderen reicher ausgebildet sehen als bei sich. Seien die einen voller Zorn und Rachsucht, so seien die anderen von der Fleischeslust dominiert, brünstiger als es bei den wilden Tieren der Fall sei. Seien die einen der Fresslust verfallen, guten Weinen und delikaten Fleischgerichten, so gierten andere nach Besitz durch Stehlen, Rauben, Meineid, Verrat, Wucher und üble Nachrede.45 An diesem Teil des Traktats angelangt dürfte Geoffroys Werk unschwer als Schrift zu erkennen sein, die sich gegen umlaufende Vorwürfe zur Wehr setzt, ein bestimmter Teil der Ritterschaft sei durch Sittenlosigkeit und eine laxe christliche Moral geprägt. Da diese umlaufenden Meinungen sich offenbar auf bestimmte Vorkommnisse stützen und nicht so einfach wieder aus der Welt zu bringen sind, scheint die aufwendige Verteidigungsschrift, die die Ankläger als bornierte oder scheinheilige Moralapostel darstellt, die völlig an der gesellschaftlichen Wirklichkeit vorbei überzogene Maßstäbe anlegten, durchaus Sinn zu machen. Zumal die Image-Frage auch immer mit der Macht-Frage verknüpft ist. Dergestalt, dass das Ansehen, die Ehre eines Adligen bei seinen Standesgenossen auch immer Auswirkungen auf seine gesellschaftliche Stellung und seinen sozialen Rang haben kann, also eine hochpolitische ist.46

II. Goeoffroy de La Tour Landry und der Herr von Craon

Welche Angaben macht nun Geoffroy in seiner Schrift zu dem vermuteten Konflikt in der realen Welt, zwischen denjenigen, die ihrer Sittenlosigkeit und fragwürdigen Moral wegen verteidigt werden müssen und ihren Anklägern?

Dass er seinen Herrn, dem Geoffroy de La Tour Landry zu Diensten ist und den er als großen Herrn in diesem Lande bezeichnet, selbstredend als Herrn von mustergültiger Tugend darstellt, darf nicht verwundern. Diesem seinen Herrn dienten viele Ritter, Edle und andere Leute nicht etwa nur wegen des Geldes oder wegen ähnlicher Dinge, wie dies bei anderen Herren der Fall sei, sondern um seiner Tugend willen.47 Allerdings steht es mit dieser proklamierten Tugend und dem großen Ansehen seines Herren, des Herrn von Craon, offenbar nicht zum besten, wie sich bei dem Versuch einer Rekonstruktion der in verdeckter Weise gemachten Mitteilungen seines als Le Livre du chevalier de La Tour Landry pour l' enseignement de ses filles bezeichneten Textes heraus arbeiten lässt. Deutlich wird ein Skandal ersten Ranges, der im Königreich Frankreich in den Endsechziger Jahren des 14. Jahrhunderts Aufsehen erregte.

Das hochadlige alte Geschlecht der Craon im Anjou besetzt nicht nur dort mit den Funktionen des Statthalters, chambellan (Kammerherren) und sénéchal (Truchseß) höchste Regierungsämter, sondern ist gleichzeitig auch in diesen bedeutenden Funktionen für den französischen König tätig. Guillaume I. von Craon, genannt der Große (1319-1387), um den es sich wohl in dem hier interessierenden Zeitraum handelt48, dient nicht nur dem Herzog (ab 1360) von Anjou, Ludwig I. (1339-1384), auch König von Sizilien-Neapel , sondern ebenso als königlicher Kammerherr und Rat König Johann II. (1319-1364), sowie Johanns II. Sohn Karl V. (1338-1407). Guillaume I. von Craon war bereits auch für den Vater von König Johann II, König Philipp VI. (1293-1350) im Rang eines Kammerherren des Königs tätig.

Wenn Geoffroy in Kapitel XX von einer Dame handelt, die ihre kleinen Hündchen zu sehr verhätschelt, indem sie diese mit guten Fleischbrocken verwöhnt (das Fleisch den Hunden gibt; donnoit la char aux chiens) und dafür von einem Mendikanten-Prediger (frère mendiant) scharf gerügt wird, der auf die Armen verweist, die zur gleichen Zeit hungerten, kommt Geoffroy auf löbliche Gegenbeispiele vorbildlicher Damen zu sprechen und führt als solche neben der Königin Blanche eine comtesse du Mans an.49

Diese Dame habe gut 30 Waisen ernährt und versorgt, weshalb sie sich die Liebe Gottes erwarb und man bei ihrer Sterbestunde eine Schar kleiner Engel um ihr Bett habe schweben sehen. Obwohl Geoffroy ganz offensichtlich in den auf das Kapitel XX folgenden Kapiteln XXII, XXIII, XXIIII, XXV, direkt oder indirekt auf diese Gräfin zurückkommt, behandelt er deren Identität jedoch mit der gebotenen Diskretion. Anders Marquard, der, da er diese Rücksicht ja auf Grund des zeitlichen Abstandes nicht mehr zu nehmen braucht, die Gräfin, ihrer Bedeutung für den Text entsprechend, prominent ausschildert. Wie üblich fasst er mehrere Kapitel Gottfrieds zu einem Abschnitt zusammen, den er mit einer gemeinsamen Überschrift und einem Holzschnitt versieht. Seiner dominierenden Bedeutung entsprechend präsentiert er deshalb den Abschnitt durch die Überschrift;

wie eyn gràfin von mains an jrem tod lag / vnnd man eyn grosse klarheit von kleinen künden vmb sy erschynen sach / (Marquard, S. 112 Z. 13)

und einen Holzschnitt:

Eine Schar von kleinen Engeln umgibt die gute Gräfin auf dem Sterbebett.50

Da es sich bei der Stadt Le Mans um die traditonelle Hauptstadt der Grafschaft Maine handelt, dürfte es sich bei der Bezeichnung Geoffroys und Marquards um die identische Benennung der Gräfin von Maine handeln. Während Geoffroy die Gräfin nach dem Hauptsitz der Grafschaft benennt, bezieht Marquard den Grafentitel schlüssig auf das Gebiet, dem er zugehört. Hier wird davon ausgegangen, dass es sich bei der genannten Gräfin um die Vizegräfin von Beaumont, Maria von Brienne (der Grafschaft Maine) handelt, die 1372 verstirbt. Sie ist die Schwester des 1364 verstorbenen Vizegrafen von Beaumont, Ludwig II. von Brienne. Als Gräfin von Maine ist sie in dieser Zeit Nachbarin des Guillaume I. de Craon (1315-1381).

Im Zusammenhang des Rats an seine Töchter sich nicht mit mächtigen, einflussreichen Leuten zu streiten und dem Bedürfnis nachzugeben häufig höfische Feste besuchen zu wollen, berichtet Geoffroy von einer Gräfin, die eines mächtigen Herrn wegen in Verruf gebracht und verleumdet worden sei.51 Diese habe auf dem Sterbebett, auf dem man bei Nahen des Todes ja keine Veranlassung mehr habe die Unwahrheit zu sagen, das Bekenntnis abgelegt, dass die zu ihrer Person umlaufenden Gerüchte, sie habe der Fleischeslust wegen ein Liebesverhältnis mit dem Herrn von Craon gepflegt, falsch seien.52

/ Nun hat man mich byßhar jn schuldigung gehept mit mym herrn von Craon myner eren halb / (Marquard, S. 117 Z. 8)

„Et aussi, mes chers amis et amies, l' en parle moult de mal de moy et de mon seigneur de Craon;“ (Geoffroy, S. 56)

Denn obwohl der Herr von Craon mit ihr zu Bett gelegen habe, sei zwischen ihnen beiden nichts Unehrenhaftes geschehen. Es sei nur zu der Art von Liebe zwischen beiden gekommen, die auch die Tochter mit dem Vater verbinde. Natürlich seien die Leute von diesem Bekenntnis schockiert gewesen, denn man habe sich allgemein ein anderes Bild vom Verhältnis des Herrn von Craon zur Gräfin gemacht.53

Fragt man, wer denn der große Herr gewesen sein mag, der dem Text zufolge die Gräfin durch seine Indiskretion in Verruf gebracht haben soll und wie sich dies im einzelnen abgespielt habe, so gibt die Schrift Geoffroys auch hierzu offenbar an verschiedenen Stellen des Textes durchaus befriedigende Auskunft. Noch unter der gleichen Überschrift des Textabschnittes zur Gräfin von Maine ist bei Marquard von einem Ritter boncycault die Rede54, den drei Damen auf einem höfischen Fest hätten in Verlegenheit bringen wollen / den vemeynten dry frowen schamrot zu machen /, indem sie ihm vorwarfen er sei ein Frauenbetrüger, eyn frowen betrieger. Der Ritter habe ihnen jedoch so gewandt geantwortet, dass letztlich die drei Damen von ihm erfolgreich brüskiert und düpiert worden seien.55 Auch die darauf folgende Erzählung handelt von drei Damen, die einem Frauenbetrüger den Garaus machen wollen, was ihnen aber nicht gelingt, da der Ritter sie mit geschickten Worten ausmanövriert. Auch wenn der Gehalt dieser beiden Erzählung dürftig scheinen mag, so bleibt doch der Vorwurf von einem Ritter als Frauenbetrüger im Raum, der mit überragenden rhetorischen Fähigkeiten aufwarten kann und vor dem Frauen auf der Hut sein sollten. Unter der gleichen Überschrift ist auch von einem Streit zwischen einer mächtigen Herrin (mechtige frow, Marquard, S. 113, une grant dame, Geoffroy, S. 50) und dem Marschall von Clermont (marschalck von clermont) die Rede. Unter diesem Marschall von Clermont dürfte unschwer wieder unser Ritter boncycault zu erkennen sein.56 Jedenfalls tritt in der historischen Realität Jean I. Le Meingre, genannt Boucicaut, (ca. 1320-1367) am 21. Oktober 1356 die Nachfolge des in der Schlacht von Poitiers gefallenen Marschalls Jean de Clermont an. In Geoffroys Text wird nun die Abfolge dieses Streits der mächtigen Herrin mit dem Marschall in der Öffentlichkeit eines höfischen Festes folgendermaßen beschrieben: Die mächtige Dame habe dem Marschall leichtfertiges Gerede und eine böse Zunge als Fehler seines Charakters zum Vorwurf gemacht,

werent ouch gantz gerecht so ferr üwer liegen vnnd bòse zungen die da nichtz verschwygen mag / nit were / (Marquard, S. 113 Z. 30)

se feussiez assez parfaiz, se ne fust vostre jangle et vostre mauvaise langue qui par foiz ne se puet taire. (Geoffroy, S. 50)

was dieser wiederum mit der Antwort gekontert habe, sollte dies sein größter Fehler sein, den sie an ihm entdecke, so wolle er der Gerechtigkeit halber denn auch von ihrem Makel reden, der ihm weitaus bedenklicher scheine als der seine. Daraufhin habe der Marschall ihr im einzelnen ihre Fehler dargelegt, von denen Geoffroy zwar an dieser Stelle seines Textes nichts berichten will, jedoch seien diese Eröffnungen des Marschalls derart schwerwiegend gewesen, dass die mächtige Frau im Rückblick wohl gewollt hätte, all dies wäre verschwiegen worden.57

Zur gleichen Szene kehrt Geoffroy offenbar später in seinem Text wieder zurück, wenn er sich zum Streit einer gouten edlen frowen mit einem boeß koepfigen man äußert.58 Hier geht es ihm offenbar auch darum seine eigene Rolle während dieses Disputs im höfischen Rahmen ins rechte Licht zu rücken. So habe er als Anwesender noch zu Beginn des Streits versucht auf die edle Dame einzuwirken und habe ihr geraten den Streit zu beenden, indem sie dem Narren keine Antwort mehr gebe:

/ Zů deren ich sprach / myn liebe frow / Jch rat üch das jr dem narren nit antwurten / dann syn torheit ist vil mer zů bòßen dingen / dann in gůtem / (Marquard, S. 187 Z. 33)

Die edle Dame wollte jedoch nicht auf ihn hören, weshalb der Streit dann erst recht eskaliert sei.

/Also wolt sy mir nit volgen / Sonder hadert erst ye mer mit jm / vnnd sprach sy fragte nit nach synem kopff / (Marquard, S. 188 Z. 1)

Mais elle ne me voult croire, si tenca plus fort en lui disant qu' il valoit riens.

(Geoffroy, S. 187)

Habe ihr Gegner auf ihren heftigen Vorwurf hin, er sei kein Mann von Wert59 noch relativierend darauf geantwortet, er sei als Mann wohl ebenso viel wert wie sie als Frau

/ da antwürt der selb man / Er wer als gůt für eyn man als sy für eyn frowen / (Marquard, S. 188 Z. 3)

Et il respondit que il valoit autant pour homme comme elle faisait pour femme. (Geoffroy, S. 188)

so habe sich der Streit daraufhin jedoch unvermindert fortgesetzt. Offenbar in dem von Marquard gedeuteten Sinne, sie sei unabhängig und müsse sich nicht nach dem Rat eines Mannes richten. Der Streit sei denn bis zu dem Argument des Mannes gediehen, er wisse doch einen Mann, der sie nach seinem Willen bei Tag und Nacht küsse und zwar ganz wie dieser es wolle.

/ Vnd begabent sich die reden / ye so wyt das er eynen man wüßte / der sy tag vnd nacht kußte wann der wòlte / (Marquard, S. 188 Z. 4)

Et tant montèrent leurs parolles que il dist que pour certain il scavoit bien un homme qui la baisoit de jour et de nuit qunt-il vouloit. (Geoffroy, S. 188.)

An diesem Punkt der Auseinandersetzung angelangt, habe er, Geoffroy, die edle Herrin noch einmal beiseite genommen und ihr vorgehalten, dass es unklug von ihr wäre sich mit dem Narren so stark anzulegen, denn ihre Äußerungen seien zu diesem Zeitpunkt bereits stark aggressiv gewesen und dies vor großem Publikum. Jedoch habe sich die Edelfrau durch seine Einwände nicht bremsen lassen, so dass sie bei Fortsetzung des Streits mit einem großen Vergehen konfrontiert worden sei und dies vor Leuten, die zuvor in Unkenntnis desselben gewesen seien.

/ so vil das sy durch sòllichs gròßlich ward belümdet vnnd vil lüten zů wyssen / wart die es vor nit wüßten / (Marquard, S. 188 Z. 9)

Si furent les paroles laides et devant moult de gens, et fust diffamée par son attayne e par son fol tencier, et fist scavoir à plus gens ce que ilz ne scavoient pas. (Geoffroy, S. 188)

Geoffroy lässt keinen Zweifel daran und wiederholt die Botschaft in seinem Traktat mehrfach, dass es für Frauen besser sei nicht mit Männern Streit anzufangen, insbesondere nicht mit den Mächtigen, die über bestimmenden Einfluss verfügen und klug zu reden und aufzutreten verstehen.60 Denn aus toerechten Antworten könnten dem Antwortenden selbst am allermeisten oft und gewichtig Schande und Laster erwachsen. Denn wer versuche mit toerechten menschen, die stolz und hochmütig sind, Schritt zu halten, indem er sich ebenfalls aggressiv verhält, der provoziere Übles. Denn die Angegriffenen könnten in ihrem Zorn Dinge sagen, die sie ohne provoziert worden zu sein nie geäußert hätten.61

Geoffroy ist mit seinem Traktat natürlich weit davon entfernt den Herrn von Craon für sein illegitimes Verhältnis zur Gräfin von Maine, das im Königreich öffentlich geworden war, kritisieren zu wollen oder auch nur einzuräumen, dass es ein solches ehebrecherisches Verhältnis zwischen beiden gegeben habe.62 Ihm geht es aber darum, die Position der 'Kritiker' zum Delikt des Ehebruchs generell als fragwürdige darzustellen.

III. Liebe, Ehe und Ehebruch bei Geoffroy

Geoffroy geht es keineswegs um eine strenge Verurteilung und Bestrafung des Ehebruchs, wie dies beim wörtlich-nehmen seiner Aussagen scheinen könnte und auch durchweg so interpretiert wird63, sondern eigentlich um das Gegenteil: Geoffroy wendet bei der Behandlung des Themas Ehebruch die gleiche Technik an, die er bereits bei der Darstellung einer frommen werkheiligen Lebensführung praktizierte. Indem er sich scheinbar die Sichtweise seiner Gegner zu eigen macht, die die unchristliche und dekadente Lebensweise eines Teils des französischen Adels kritisieren, und deren Kritik literarisch überspitzt illustriert, erzeugt er Widerwillen, Distanz und Widerstand gegenüber den hier formulierten Zumutungen und grotesk karikierten Szenarien, die Geoffroy aber als konsequente Umsetzung des Gedankenguts seiner Gegner ausgibt. Wenn Geoffroy die 'guten alten Zeiten' aufruft, in denen selbst ernannte Sittenrichter durchs Land zogen, die jungen Standesgenossen öffentlich Verweise wegen ihres Verhaltens erteilten

ilz luy montrassent sa faulte devant touz (Geoffroy, Kap. 117, S. 227, Titel: Comment l' en doit croire les anciens)

/ Das verwyßen sy im offenlich vor yederman / (Marquard, S. 208 Z. 2)

und sich ebenso öffentlich über deren kühne modische Kleidung mokierten, indem sie sie als Spielleute verspotteten64

„je ne le pourroye croire; car vous estes contrefait et vestu comme un menestrel“ (Geoffroy, S. 227)

/ das mag ich nitt glouben sprach der Ritter / dann jr synd aller maß vnnd seltzsam bekleidt wie eyn spylman / ( Marquard, S. 208 Z. 10)

und die Jungfrauen adliger Häuser zensierten, die entweder durch Kreideschrift als Hudel65 denunziert oder aber ihres frommen Lebenswandels wegen gelobt wurden, und Geoffroy das Bekenntnis von sich gibt, er wollte dieselben Zeiten lebten wieder auf;

/ Da ich wol wolte / das die selb zyt har wyder keme / Gedenck ich es wurde villicht nitt so vil belümdeter als yetz synd. (Marquard, S. 209 Z. 33)

sy vouldroye que cellui temps fust revenu; car je pense que il n' en feust mie tant de blasmées comme il est à present. (Geoffroy, S. 231)

dann kann er sich ob solcher Zumutungen wohl ebenso eine Reaktion der Empörung und des Widerwillens bei den Zeitgenossen ausrechnen, wie wenn er die alten zyten fünf tausend Jahre vor der Geburt Christi lobend hervorhebt und als ein gůt exempel für alle Frauen hinstellt66. In diesen Zeiten seien nämlich die bòßen frowen, die von zwei Zeugen des Ehebruchs beschuldigt worden seien verbrannt oder gesteinigt worden, dem Gesetz Gottes und Moses folgend. Man habe diese Frauen, auch wenn sie noch so edel gewesen seien67, weder durch Gold noch Silber von der Strafe los kaufen können. Noch heute gebe es Königreiche, in denen die Frauen vor Gericht zum Tode verurteilt würden, so ihre Schuld gewiss sei.68 Zwar treffe dies auf die Königreiche Frankreich, England und Deutschland nicht zu69, da eine solche Bestrafung in diesen Königreichen nicht mehr praktiziert werde, jedoch verlören die Ehebrecherinnen nichts desto weniger ihre Ehre, die Liebe ihrer Ehemänner und würden dem öffentlichen Spott ausgesetzt. Belässt es Marquard bei diesen Beschreibungen, so wartete Geoffroy allerdings mit einer weit eindringlicheren auf: Zu den bereits erwähnten Strafen des Verbrennens und Steinigens gesellt er noch die Strafen des Kehle-Durchschneidens (l' en leur couppe les gorges), des Erdrosselns mittels eines Stoff-Bandes (l' en les murtrist à touaillons) und des Einmauerns (emmure), mit denen die Ehebrecherinnen in einigen Gegenden zu rechnen hätten.70 Wird in einem Exempel eine Ehebrecherin mit ihrem Buhlen, einem Priester, in einem Feuerofen verbrannt71, so werden einer anderen von ihren Brüdern die abgeschnittenen Geschlechtsteile ihres Galans, ebenfalls ein Geistlicher, ins Gesicht geworfen, bevor beide anschließend in einem mit Steinen beschwerten Sack in einem tiefen Gewässer ertränkt werden. Eine andere wiederum wird von ihrem Ehemann, einem Ritter, in einen Kerker gesperrt und einem elenden Tod überantwortet.72 Zwei Königinnen, die es nach dem Verlöschen der Kerzen in der Nacht zum Karfreitag, während der Messe mit zwei Rittern treiben, werden in zerlassenem Blei getötet.73 Allerdings kann auch schon unkeusches Verhalten auch unverheirateter adliger Töchter zu einem grausamen Ende führen. So wird die Tochter des Kaisers von Constantinopel als sie unerwartet schwanger wird, heimlich nachts ertränkt und ihr Liebhaber, ein Ritter, bei lebendigem Leibe zu Tode geschunden74, während eine andere ledige Tochter, die eines griechischen Königs, wegen ihrer Beziehung zu einem jungen Grafen mit einem Schwert in kleine Stücke gehauen wird.75 Auch führt Geoffroy Fälle an, bei denen Frauen für andere Vergehen mit der Todesstrafe belegt werden. So Jzebel, die wegen Anstiftung zu Untaten und Ablegen falschen Zeugnisses und Hochmut öffentlich zu Tode gestürzt wird76 und der zusätzlich ein Begräbnis verweigert wird, damit sie Hunden und wilden Tieren zum Fraß dienen kann. So auch die französische Königin Bruneheust, die wegen vieler Verbrechen dazu verurteilt wurde von einem Pferd zu Tode geschleift zu werden und so eines schändlichen Todes starb.77

Wenn also Geoffroy ein Schreckensszenario entwirft, das geeignet ist sowohl damals, als auch bei heutigen Textinterpretinnen Widerwillen und Empörung auszulösen78, dann scheint diese Reaktion von ihm wohlweislich kalkuliert und beabsichtigt. Indem sich Geoffroy in die Rolle seiner Gegner versetzt und sich scheinbar deren Kritik am unsittlichen und wenig frommen Lebenswandel eines Teils des Adels zu eigen macht und grotesk übertreibend vorgibt, im Sinne der rigorosen Sittlichkeitsvorstellungen und des religiösen Eifers derselben zu argumentieren, versucht er den 'Kritikern' den Wind aus den Segeln zu nehmen und diese zu diskreditieren. Die konsequente Umsetzung der Vorstellungen der 'Kritiker', so will Geoffroy offensichtlich seinem Publikum warnend vor Augen stellen, ziele auf eine Rückkehr der heidnischen Barbarei, einer Zivilisationsstufe, wie sie 5000 Jahre vor Christi Geburt geherrscht habe, die jedoch dank des christlichen Erlösers in den zivilisierten Königreichen seit langem überwunden worden sei. Führten selbst ernannte Sittenrichter ihr Unwesen, dann könne es z.B. dazu kommen, dass ein Ritter auf einem Kriegszug einen Standesgenossen erschlage, nur weil sich dieser mit einer schönen Heidin eingelassen hat79 oder dass gar die Fürsten und Heerführer, die nicht gegen solch sündhaftes Treiben der eigenen Krieger mit den Frauen eines fremden Volkes einschreiten, gehenkt und getötet werden.

que les princes qui celle iniquité avoient faiste et soustenue feussent penduz et mis à mort (Geoffroy, Cy parle des filles Moab, S. 122)

Geoffroy versucht mit seiner Argumentation offenbar nachzuweisen, dass die rigiden Moralvorstellungen einer bestimmten Adelsfraktion zwangsläufig zur Zerstörung des gewohnten und geschätzten höfischen Lebens des französischen Adels führen müssen:

Dort wo schon eine freundschaftliche Umarmung

/Also hat jrs mans brůder gesehen / das sy eyn Ritter vmfangen hatt / Vnd wie wol ich glouben will sy nichtz übels gethon / So vrsacht doch jrs mans bruoder mit synem reden / das jr man deß innen wart / vnnd byß an syn end darumb leidig vnd trurig was. (Marquard, S. 116 Z. 24)

oder aber ein unschuldiger Begrüßungskuss, zur Verleumdung führen kann,

„/ So sag ich das eyn yede frow die sich küssen lasset / ir ere gròßlichen vff zwifel setzet / belümdet zů werdenn /“ (Ehefrau im Dialog, Marquard, S. 225 Z. 6)

toutes femmes qui telz signes font et qui ainsi se laissent baisier à qui elles ne doivent faire, elles mettent leur honneur et leur estat en grant balance d' estre diffamées (Geoffroy, S. 264)

und adlige Jungfrauen sich möglichst reglos und zurückhaltend aufführen müssen,

„/ Darumb lieben dòchtern so nement also exempel nit zů vil zů schertzen oder zů hytzig zů synde /“ (Marquard, S. 225 Z. 20)

ne jouez pas trop envieusement (Geoffroy, S. 265)

oder an geselligen Spielen teilnehmen dürfen

/ Oder üch mit sòllichen lüten / spyls oder gebens annemen / (Marquard, S. 225 Z. 22),

„Et si vous dy, belles filles, que vous ne soyez jà grans jouaress de tables.“

(Geoffroy, S. 264)

um übler Nachrede zu entgehen, komme höfisches Leben zum Erliegen. Dort wo Frauen davor gewarnt werden, sich am Hof alleine mit männlichen Freunden oder Verwandten aufzuhalten

Darumb ein yede frowe / hye by sol exempel nemen / die sich rein vnd küsch will halten / das sy by dheinem lebendigen man eynig wone / Dann allein by jrem vatter by jrem mann oder by jrem sun vnd sunst by dheim andern / (Marquard, S. 153 Z. 4)

und schon der Bruder im Verdacht stehen kann, die Schwester ihrer Jungfräulichkeit berauben zu wollen80,

als thamar beschach / die da was eyn schwester amons / der selb macht sich selbst kranck vnnd siech / uff das er synen bòßen willen an der selben syner schwester mochte zů wegen bryngen. / (Marquard, S. 152 Z. 26)

si comme il advint de Thamar, fille au roy David, que son frère Amon despucella (Geoffroy, S. 124)

liegt die Konsequenz nahe, von jeglicher kurtzwil Abstand zu nehmen und lieber freudlos zu leben als unter der Drohung verleumdet zu werden und Ehrverlust und Schande schuldlos ertragen zu müssen. Auf die Frage ihrer junckfrowen, Frow warumb ùbent jr nit etwas kurtzwil, anwortet diese, sie bliebe lieber freiwillig ohne Freude als Unfrieden in ihrem Haus zu haben. Es seien Liebe, Furcht und Scham81, die sie zwingen würden auf Fröhlichkeit zu verzichten.

/ So zwung sy forcht jrer eren halb das sy die nitt verlüre / So macht sy schand sorghafft / (Marquard, S. 189 Z. 11)

Et puis disoit que la paour de trois prisons la destreignoit de estre trop joyeuse et trop gaye (Geoffroy, S. 190)

Dem höfischen Konzept des Minnedienstes, dem zufolge das Minneverhältnis zwischen einem Ritter und einer frow oder junckfrow zur Vervollkommnung der Ritter führe

„/ das sy eynen man der nichtz wert were zů eynem guotten Ritter macheten das da eyn groß wol thůn von jnen were.“ (Geoffroy im Dialog mit seiner Frau. Marquard, S. 220 Z. 25)

erteilt die Ehefrau Geoffroys im Dialog-Teil gegen Ende des livre eine deutliche Absage. Wenn die Ritter behaupteten, dass sie ihre Unternehmungen und Reisen alleine deshalb durchführten, um die Liebe und Gunst der Frauen zu gewinnen,

„/ jnen zů lieb vnnd gefallen thùgen / dar durch jr lieb vnnd huld zů über komen / „ (Marquard, S. 216 Z. 14)

dann sei dies nicht wahr, sie würden sich nur deshalb auf ihre Unternehmungen und Reisen begeben, um Gnade und Ehre in der Welt zu erhalten.

/ Aber für war ist es nit / Sy thùen es nitt von jren wegen / sonder allein vmb das sy der welt gnad vnnd ere bekommen mògenn / (Marquard, S. 216 Z. 16)

„Mais, combien qu' ilz disent que ilz le facent pour elles, en bonne foy ilz le font pour meismes, et pour tirer à avoir la grace et l' onneur du monde.“

(Geoffroy, S. 248)

Während Geoffroy im fiktiven Dialog-Teil mit seiner Frau die Rolle des Verteidigers der traditionellen höfischen Liebeskonzeption übernimmt, lässt er seine Frau im angeblich strengen Sinne seiner ideologischen Gegner argumentieren. Die Frauen würden durch die sùsse reden ihrer Verehrer nur betrogen. Kaum seien die Ritter weiter gezogen, prahlten sie mit ihren angeblichen Vertraulichkeiten mit den Damen und von einer Rede zur andern würde das Gesagte so angereichert, dass davon viele frowen vnd junckfrowen verleumdet würden. Die treuen und frommen Männer, die wirklich liebten, würden sich hingegen gar nicht getrauen, sich ihrer Minneherrin zu nähern oder diese anzusprechen, da sie fürchteten, deren Missfallen erregen zu können.

/ das er gedencken mag synem bůlen myßfellig zů syn / (Marquard, S. 218 Z. 10)

Der wahrhaft Liebende sei nämlich nicht so keck, dass er auch nur ein einziges Wort mit seiner Angebeteten rede oder sich gar traue ihr sein Gemüt zu eröffnen, bevor nicht wenigstens 4-5 Jahre verstrichen seien.82

/ Ouch so keck nitt sy / das er jr in vier oder fünff jaren eyn eynig wort mitt jr reden oder jr syn gemùt eroffnen tòrre / (Marquard, S. 218 Z. 10)

'que il n' est mie si hardi de dire ne descouvrir un seul mot, et, se il ayme bien je pense qu' il sera iij. ans ou iiij. avant que il lui ose dire ne descouvrir.'

(Geoffroy, S. 251.)

Noch kurz vor Beginn des fiktiven Dialogs mit seiner Frau sinniert Geoffroy über die Empfehlung an die Minnedame ihren Minneritter 7 Jahre lang warten und sich bewähren zu lassen83, bevor sie ihn mit einem Beweis ihrer Liebe beglücken dürfe. Dies sei doch wohl zu hart. Die Frauen heutzutage seien da etwas barmherziger,

/ Da doch noch wol ist das die yetzigen frowen etwas barmhertziger syent /

(Marquard, S. 215 Z. 17)

Il est bien mestier que celles de aujourd'uy aient le cuer plus piteulx

(Geoffroy, S. 246)

was gut so wäre, denn der größte Teil der Liebenden würde eine solch lange Zeit der Prüfung vermutlich kaum überstehen.

/ Dann syben jar zuo vil lang were / vn der meist teil nit zů komen mòchte / (Marquard, S. 215 Z. 18)

car trop long temps a en vij. ans. Le plus d' elles n' attendront ps que elles n'en ayent plus bief mercy, (Geoffroy, S. 246)

Diese Überlegungen dürften allerdings auch auf den von seiner Frau genannten Zeitraum einer Prüfung von 3-4 Jahren übertragbar sein. Auch hier also der Vorwurf an die 'Fraktion der Frommen und Sittenstrengen' im Adel, ihre Vorstellungen von Treue und Beständigkeit im Minnedienst seien vollständig überzogen und jenseits der realen Möglichkeiten.

Mit der sich an den Dialog Geoffroy-Ehefrau anschließenden Erzählung von der Frau des Schultheissen und dem Einsiedel84 kannn Geoffroy dann nochmals zugespitzt seine Kritik an dem völlig haltlosen und für adlige Laien unwürdigen Treiben der 'Frommen und Sittenstrengen' darstellen:

Ein Einsiedel, der 25 Jahre lang in einem Wald gelebt hatte und sich nur von Wurzeln und Kräutern ernährte, will schließlich wissen wie gottgefällig sein Lebenswandel vom Allmächtigen gewertet werde. Da eine Stimme zu ihm spricht, er stehe im Verdienst auf einer Stufe mit dem Schultheißen von Aquila, macht er sich auf den Weg zu diesem, um zu erfahren was dies bedeute. Der Schultheiß, ein mächtiger Mann, der sich standesgemäß kleidet, das Richteramt innehat und durch göttliche Fügung vom Anliegen des Einsiedlers weiß, schickt diesen zu seiner Frau, während er sich selbst auf den Weg macht über einen Ritter zu Gericht zu sitzen. Da der Schultheiß seiner Ehefrau durch den Einsiedel einen Ring schickt, behandelt sie diesen auf ihres Gatten Geheiß hin wie ihren Ehemann. Der Einsiedel wird auch mit köstlichen Speisen bewirtet, bemerkt jedoch, dass die Ehefrau nur trocknes Brot und Wasser zu sich nimmt und die Fleischspieße zerteilt, um das Fleisch den Armen zu geben. Nachts nimmt die Frau des Schultheißen den Einsiedel wie beauftragt mit in ihre Kammer und gibt ihm Wein. Der Einsiedel, weinselig entschlummert, wird von der nackt bei ihm liegenden Ehefrau so lange liebkost, bis er erwacht und dermaßen erregt ist, dass er mit ihr Sex haben will. Als die Ehefrau dies bemerkt, spricht sie zum Einsiedel, ihr Ehemann habe sich, wenn er in der gleichen Lage gewesen sei, zuerst immer dort in dem mit Wasser gefüllten hölzernen Wasserbecken gewaschen. Da der Einsiedel an nichts anderes denkt als seinen törichten Willen zu erfüllen, steigt er rasch in das Wasserbecken. Da das Wasser jedoch eisekalt ist, beginnt er schnell zu zittern und zu frieren. Die Ehefrau ruft ihn jedoch zu sich und erwärmt ihn mit ihren Umarmungen so sehr, dass sich wiederum die Fleischeslust beim Einsiedel regt und er sich wie vormals betätigen will.

/ Also vmb fieng jn die frow vnd erwarmt jn wyder der maß / das sich syn fleisch aber bewegt / vnd syn vnzymlichen gelust zů ùben vermeynt / (Marquard, S. 227 Z. 17)

Jedoch bittet ihn die Ehefrau jetzt erneut, er solle in das Wasserbecken steigen, um sich zu reinigen. Völlig durch gefroren wird er wieder von der Ehefrau gerufen und mit warmen Decken zugedeckt, so dass er bis spät in den Morgen schläft. Noch mit einem Kater vom ungewohnten Weingenuss, unterhält er sich mit einem zu Besuch kommenden Kaplan. Auf die Frage des Einsiedel nach dem Lebenswandel seiner Gastgeber antwortet dieser: Beide würden unter ihren Kleidern raue Hemden tragen, ihre guten Speisen den Armen geben und selbst nur von trocken Brot und wenig verlockenden Speisen leben. Der größte Teil des Tages sei von ihnen zum Fasten bestimmt. Das Wasserbecken, das sich in der Nähe ihres Bettes befinde, diene dazu, dass sie an dem einen Tag in der Woche an dem sie sich der Fleischeslust widmeten, ihre fleischliche Begierde durch das Besteigen des kalten Wasserbeckens wieder abstellen könnten. Der Einsiedel kommt zu dem Schluss, dass das Schultheiß-Ehepaar sich sieben Mal mehr die Gnade Gottes verdient habe als er selbst und verflucht die Stunde in der er sein Ordenshaus verlassen hatte, in dem er weniger Leid habe erdulden müssen als das Ehepaar sich auferlege.

Geoffroy unterstellt mit seiner Schultheißen-Geschichte der 'Fraktion der Kritiker', diese strebe mit ihren Vorstellungen ein Leben der Selbstkasteiung und des Masochismus an, das selbst geistliche Männer und Heilige nicht zu leisten in der Lage seien. Statt ein für adlige Laien standesgemäßes Leben anzustreben, das kostbar prächtige Gewänder und Aufmachung85 und wohlschmeckende Speisen ebenso beinhalte, wie höfische Feste auf denen minniglich gekleidete Damen in hochgestimmter Atmosphäre mit verdienten Rittern ins Gespräch kommen könnten, strebten diese religiösen Fanatiker und selbsternannten Sittenwächter eine adlige Gesellschaft an, in der nur Tristesse regiere. Die Frauen und Jungfrauen dazu veranlasse erst gar nicht auf höfische Festveranstaltungen zu gehen, da sie wegen der Gesinnungsschnüffler befürchten müssten ins Gerede zu kommen und verleumdet zu werden. Gingen sie mehr oder weniger gezwungen doch auf Feste, säßen sie nur stocksteif da, würden nicht an Gesellschaftsspielen teilnehmen und trauten sich auch nicht mit Männern zu reden, die nicht der eigenen Sippe angehörten. Attraktive und modische Kleidung und Aufmachung sei verpönt, Erotik und Sexualität seien geächtet. Die Nächte dienten allenfalls dazu sich durch Selbstkasteiung die Gnade Gottes zu sichern und sich dem Gebet hin zu geben. Die Tage seien dem Fasten gewidmet. Das Ideal dieser Leute sei eine junge hübsche Frau hohen Standes, die, auch wenn sie mit einem alten kranken Mann niederer Herkunft verehelicht sei, der im Alter wieder kindisch geworden ist und seine Ausscheidungen nicht mehr bei sich behalten kann, sondern seine Notdurft überall verrichtet, sich keine Pause und Zerstreuung gönnt. Die sich ihm Tag und Nacht widmet, wie es eine arme Dienstmagd sich nicht zumuten ließe und Einladungen auf Feste oder Hochzeiten am eigenen Wohnort zu gehen, um kurtzwyl zu haben, ausschlägt.86

Geoffroy will sich bei seinem literarischen Angriff auf die 'Kritiker-Fraktion' keineswegs als 'Libertin' oder Extremist verstanden wissen, der die Gegenposition zu derjenigen der 'Frommen und Sittenstrengen' bezieht, sondern als Mann der Mitte. Zu diesem Zweck wohl hat Geoffroy kurz vor Beginn des Dialogs mit seiner Ehefrau die Erzählung von den lüten jn dem land zů Galois eingefügt. 87

Es habe in der Nähe von Poitiers einen Orden gegeben, dem zahlreiche dames et demoiselles, chevaliers et escuiers angehört hätten, dessen Ordensregel unter anderem besagte; dass einem Ritter, der die Burg eines Ordensgenossen aufsuchte, die vorzügliche Behandlung gewährt werden müsse. Dahingehend, dass der Burgherr dessen Pferde versorgen musste und ihm seine Frau zu überlassen hatte, solange dieser Besucher dies wünschte. Ja, der Burgherr hätte seine Burg verlassen müssen, um zu einem anderen Galois zu reiten, bei dem ihm als Gast die gleichen Rechte gewährt werden mussten usw.

/ wann eyn fremder man jn ein huß kam / hatt dann die selb fraw ein man / můst er hyn weg gon / dem andern der komen was syn roß bereiten / vnd torst nit wyder komen byß der fremd man genuog schympffs gepflegen hatt mit syner frowen / der glich thet dann dyßer frowen man ouch mit andern frawen / (Marquard, S. 214 Z. 3)

Et, en oultre, estoit ordené entre eulx que dès ce que un des Galois venist la ou feust la Galoise, se elle eust mary, il convenist par celle ordenance que il alast faire penser des chevaux au Galoys qui venus feust, et puis s' en partit de son hostel sans revenir tant que le Galoys feust aveques sa femme; et celui mari estoit aussi Galoiset alast veoir s' amie, une autre Galoise” (Geoffroy, S. 242)

Geoffroy präsentiert sich als einen moderaten Vertreter von Positionen der Ehre und der Sittlichkeit, der sich einerseits gegen Extremisten, wie den 'Orden der Galois' ausspricht, die in verrückt unmäßiger Weise

fole amour desmesurée (Geoffroy, S. 241)

lieb zů haben (….) über die maß (Marquard, S. 213 Z. 28)

der Liebe frönten und spricht sich nicht gegen das heilige Sakrament der Ehe aus, sondern bestätigt es scheinbar mit den Worten seiner Frau:

„/ wie mag dann eyn eeliche frow jr lieb eym andern geben / das es nit wyder jren sey / Dann ich gedenck nach gott vnd dem sacrament der heiligen kirchen / so mòg man es nit thůn / man můß die trüw brechen / es sy von eym oder von dem andern /“ (Marquard, S. 221 Z. 31)

Et dont comment pourroit femme mariée donner s' amour ne faire serement à d' autre, sans le gré de son seigneur? Je pense, selon Dieu et selon le saint sacrement de sainte eglise, que ce ne puet faire deuement que il n' y ait foy brisée ou d' un cousté ou d' autre.

(Geoffroy, S. 258)

Das wirkliche Problem aber, so dürfte Geoffroy zu verstehen geben wollen, sei nicht der Ehebruch, es seien die Extremisten auf der anderen Seite. Die weltlichen Moralprediger und Sittenrichter, die mit ihren völlig überzogenen und absurden Vorstellungen höfisches Leben unmöglich machten. Die in ihrem frommen Fanatismus glaubten, sie müssten Geistliche und heilige Männer durch Askese und Selbstkasteiung noch übertreffen. Diese Leute schüfen mit ihren falschen Maßstäben eine Verdachtskultur, die Verleumdungen Tür und Tor öffne, die Atmosphäre vergifte und das friedliche Zusammenleben im Adel gefährde.

Geoffroy geht es also nicht um den Tatbestand des Ehebruchs als negativen Faktums, auch wenn er diesen schon seiner negativen Folgen wegen, also aus pragmatischen, nicht moralischen Gründen, durch seine Frau verurteilen lässt:

deßhalb ich nymer loben will / das dhein eelich frow sich sollicher liebe die sy also thùge meystern / belad / Dann vß der glichen handel vil gůter vermahelungen zů nichtz synd worden / Vnd allweg so hat man vmb ein fròd / die von Venus wercken entstat hundertfaltig leyd vnd übel / (Marquard, S. 222 Z. 13)

Für Geoffroy geht es im Zusammenhang des Problems Ehebruch um die Folgen, die ein öffentlich gewordener Ehebruch für die Protagonisten desselben mit sich bringt, in der Regel sieht er aber Verleumdung gegeben, weshalb er das dargestellte Problem mit der Formel ausstattet:

sy were schuldig oder nitt (Marquard, S. 187 Z. 27)

feust verité ou menconge (Geoffroy, S. 187)88

Mit dem Exempel von Susanna 89 kann Geoffroy seine angebliche Sympathie für die grausame Bestrafung von Ehebrecherinnen in heidnischen Zeiten, deutlich auch für diejenigen kommentieren und dementieren, die seine wirkliche Aussage-Absicht ansonsten nicht erfasst hätten.

Susanna nämlich wird von zwei Priestern aus eigennützigen Gründen wahrheitswidrig des Ehebruchs beschuldigt und daraufhin sofort gefangen genommen und zum Tode verurteilt.

/ daruff sy ylends gefangen vnd zů dem tod verurteilt ward / (Marquard, S. 190 Z. 9)

Nur durch das Eingreifen des Propheten Daniel wird die Hinrichtung Susannas im letzten Moment verhindert. Die Geschichte der Susanna kommentiert die an anderer Stelle von Geoffroy angeblich lobend beschriebene Sitte, der gemäß eine Frau die in den

alten zyten (Marquard, S. 209 Z. 25)

von zwei Zeugen des Ehebruchs beschuldigt wurde, entweder gesteinigt oder verbrannt wurde. Indem Geoffroy exakt die gleiche Konstruktion darstellt; zwei Zeugen, die versichern, sie hätten die Beschuldigte beim Ehebruch angetroffen;

qu' ilz testmoineoient qu' ilz l' auvoient trouvée en fait de luxure avec un homme, et pource que elle auroit enfraint son mariage (Geoffroy, S. 191)

was nach den Gesetzen dieser Zeit notwendig das Steinigen oder Verbrennen zur Folge gehabt hätte.

elle seroit lapidée ou arse, selon la loy qui lors couvroit. (Geoffroy, S. 191)

Wird dies eindeutig als falsches Zeugnis bezeichnet, durch das die unschuldige Susanna ihr Leben verloren hätte

par faulx tesmoings veoit sa mort; car deux tesmoings lors creus. (Geoffroy, S. 191)

kann Geoffroy so die Absurdität und das Verwerfliche dieser grausamen heidnischen Bräuche nachweisen. Die Errettung Susannas vor Verleumdung und Aburteilung90 geschieht denn auch nur dank göttlicher Intervention.91 Da mit dieser, wie das Publikum Geoffroys schließen dürfte, trotz inbrünstigsten Hoffens guter Frauen

toute bonne femme doit toujours espèrer en Dieu ( Geoffroy, S. 192)

nicht immer mit Sicherheit gerechnet werden könne, bleibt als vernünftige Schlussfolgerung nur, der Anschuldigung eines Ehebruchs durch Zeugen möglichst keinen Glauben zu schenken. Entweder die Frevler werden in Flagranti erwischt und möglichst beide gleichzeitig mit dem gleichen Schwert aufgespießt92 oder aber bei Anschuldigungen wegen Ehebruchs müsse immer mit Verleumdung aus niederen Beweggründen gerechnet werden, diese sollten also tunlichst unterbleiben.

Geoffroy wird nicht müde, den Mechanismus der Verleumdung wiederholt darzustellen;93

„/ Fürbaß so ist dann noch eyn meynung / welche frow die lieb jrs mans behalten will reyn / vnnd on sorg vnd schadenn / Sonders wyder die nydigen bòßen schwetzer / die da merly vmb tragen jn falscheit / Das synd der glichen thuont / als ob sy eyne lieb haben / vnnd wann sy von jnen koment / hat sy dann etwas mitt jnen geredt / das sagent sy dann andern lüten / So würdt dann von eym yedem etwas dar zů gelegt / vnd gangent die reden so lang vmb / das man zů letst es für eyn warheit sagt / Vnnd also werdent vil frowen belümdet /“ (Marquard, S. 222 Z. 1)

„et ceulx à qui ilz en parleront en reparleront à d' autres, et ainsi de parole en parole , avec de que chacun y mettra du sein et acoistra un pou davantaige, et tant yront les paroles que ilz diront que le fait y sera, et ainsi sera une bonne dame ou damoiselle, ou autre femme, diffamée et deshonnourée.“

(Geoffroy, Kap. 124, S. 259.)

was für den konkreten Fall des Herrn von Craon wohl auch suggerieren soll, die Verfehlung habe sich gar nicht ereignet. Geoffroys' Kritik gilt ganz offensichtlich der Gräfin von Maine, deren wenig besonnenes, aggressives Verhalten dazu geführt habe, dass das bis dahin geheime Liebesverhältnis zwischen dem Herrn von Craon und ihr öffentlich wurde und jetzt als Makel auf dem dominierenden Geschlecht des Anjou, dem Hause Craon lastet, dessen Parteigänger wohl auch das Haus Geoffroys, der La Tour Landry ist, die damit ebenso von der öffentlichen Stigmatisierung betroffen sind.

IV. Ein Skandal und seine Folgen

Bereits hier dürfte also deutlich geworden sein, dass Geoffroys Werk, das er als Erziehungsbuch für Töchter ausgeschildert hat, zu seiner Zeit keineswegs den Charakter einer Erziehungsschrift trägt , sondern dass es hier wohl vor allem um eine literarische Intervention zu machtpolitischen Zwecken geht.94 Für die bei Hof „eingeweihten“ adligen Kreise lässt sich aus Geoffroys Text wohl auch das Motiv des Streits herauslesen, dessen Dynamik im Eklat zwischen der Geliebten des Grafen von Craon und dem Marschall Boucicaut kulminierte. So wird an einer anderen Stelle im Text von einem Marschall und obersten Regierer gehandelt95, der durch seinen Dienst zu so viel Reichtum gekommen sei, dass er beherrschenden Einfluss im Königreich erlangte. Dieser Marschall sei nun so hochmütig gewesen, dass er gewollt habe, dass man vor ihm knie und ihm große Ehre erweise. Jedoch habe es einen Edelmann am Hof gegeben, der sogar der Erzieher der Königin gewesen sei, dem das anmaßende Wesen dieses Marschalls missfallen habe und der nicht bereit war dem Marschall wegen dessen niederer Herkunft die beanspruchte Ehre zu erweisen. Dies wiederum habe den Marschall so verdrossen, dass er dem Edelmann nachgestellt habe, so dass dieser damit rechnen musste, bei einem auch nur kleinen Verschulden vom Marschall mit dem Tode bedroht zu werden96 In Geoffroys Erzählung beschweren sich die Freunde des Edelmannes erfolgreich bei der Königin über den Marschall, so dass diese den König bittet der tödlichen Bedrohung durch den Marschall ein Ende zu machen. Woraufhin der König den Marschall mitsamt seiner Kinder habe hängen lassen. Die Lehre, die Geoffroy aus seinem Exempel ableitet ist die; dass es äußerst unklug sei, wenn ein Mann von niederer Geburt, der es zu großen irdischen Gütern gebracht hat, andere Leute gering schätze. Angebrachter sei es für diesen, sich gegenüber jedermann demütig zu verhalten, damit er sich von niemandem Feindschaft zu ziehe. Denn es entstehe viel eher Hass und Feindschaft, haß vnnd nyd, gegen diejenigen, die von einem niederen Adelshaus abstammen als gegen die, deren Herkunft die von einem guten alten Geschlecht sei.

Lässt man in der Erzählung den Teil des Hängens des Marschalls und seines Geschlechts als Wunschtraum mit Droh-Effekt beiseite, kristallisiert sich wohl in etwa die angespannte Situation heraus, die zum Streit bei Hof und dem geschilderten Eklat führte. Demnach hätte die Geliebte des Herrn von Craon, die Gräfin von Maine, sich dessen Animosität und Aversion gegen den adligen Aufsteiger Boucicaut zu eigen gemacht und hätte versucht diesen bei Hof vor großem Publikum auf den inferioren Platz zu verweisen, der ihm in ihren Augen nur zustand. Auch die Folgen, die sich für die Gräfin von Maine aus ihrer für sie katastrophal verlaufenen Attacke auf den Marschall ergeben, scheint Geoffroys Traktat darstellen zu wollen. Denn in einem Exempel zeigt er auch, wie es einer Frau von zweifelhaftem Ruf erging, die sich erdreistete sich zu den angesehenen Damen gesellen zu wollen. Schon bald seien die guten Ritter gekommen und setzten demonstrativ eine gut beleumundete Frau vor die mit schlechtem Ruf, obwohl diese edler gewesen sei und mit einem mächtigeren Herren verehelicht als die nur gut beleumundete Frau.

/ Wie wol sy dann edler oder richer was wann die selb gůt frow / (Marquard, S. 209 Z. 1)

combien que elle fust plus gentil femme ou eust plus noble et plus riche mary

(Geoffroy, S. 229)

In den guten alten Zeiten sei es eben so üblich gewesen, dass die in Verruf geratenen Frauen von den guten Frauen verachtet und abgesondert worden seien, es sei noch keine 11 Jahre her, dass diese Sitte im Land verbreitet gewesen sei.

/ Vnd wie die belümdeten von den gůten verachtet / vnd vß gescheyden woren / das ist nitt über .xI. jar das sòllich gewonheit landlòffig was / (Marquard, S. 207 Z. 27)

et comment les blasmées estoient rusées et separées des bonnes, et n' a pas encore XI. ans que ceste costume couroit communement,

(Geoffroy, S. 226)

Beginnt Geoffroy mit dem Schreiben seines Traktats im Jahre 1371, so wären seinen Angaben zufolge mit der 'guten alten Zeit' die Jahre bis einschließlich 1360 gemeint. Da diese Jahre aber insbesondere nach der katastrophalen Niederlage des französischen Heeres bei Maupertuis (Poitiers), am 19. September 1356 gegen die Engländer und der Gefangennahme des Königs, Jahre sind, in denen das französische Königreich im Chaos unter zu gehen droht, dürfte der satirische Sinn der getätigten Aussage von den 'guten alten Zeiten' für die Zeitgenossen deutlich gewesen sein:

Die Position Karls V. als Statthalter seines gefangenen Vaters, Johann II., ist nach der militärischen Niederlage geschwächt und gefährdet, sowohl durch die Ansprüche einer Adelsfraktion um König Karl von Navarra und des Bischofs von Laon, Robert Coq, als auch durch die der Pariser Kaufmannsgilde, mit deren Vorsteher Etienne Marcel. Klerus, Adel und Städtevertreter wählen eine Kommission von 80 Vertretern, die Karl auffordert, die bisherigen Amtsträger zu entlassen.97 In Karls V. Gegenwart werden 1358 seine wichtigsten Vertrauensleute, die Marschälle Robert von Clermont und Johann von Conflans massakriert.98 Die Eintreibung von Abgaben löst den ersten großen Bauernaufstand aus , den Etienne Marcel dazu nutzt, einige Besitzungen des Adels in der Nähe von Paris verwüsten zu lassen. Nach dem Waffenstillstand mit England, 1357, machen umher streifende Söldner, die sich in geschlossenen Einheiten, 'Kompanien', organisiert haben, ganze Landstriche unsicher und beherrschen diese auch zeitweise. Zwar erklärt sich Karl V. zum Regenten des Königreiches, der Bauernaufstand (Jaquerie) wird niedergeschlagen, Etienne Marcel in einer gut vorbereiteten Revolte umgebracht, in deren Verlauf auch der Kanzler des Königs von Navarra erschlagen wird, jedoch läuft das Königreich zwischen 1356 und 1360 wiederholt Gefahr im 'Chaos' zu versinken.99 Wird König Johann II. am 25. Oktober 1360, nach Bezahlung eines Großteils des Lösegeldes, aus der Gefangenschaft entlassen, so fällt auch die Ernennung Boucicauts zum königlichen Rat, am 4. November 1360 noch in dieses Jahr.

Der Rangstreit um den Vorzug der sittenstrengen Frauen vor denen von hoher adliger Geburt bis 1360 legt Assoziationen an die Auseinandersetzungen um die Macht und Stellung der Pariser Bürger, der Bauern und der Söldner-kompanien, gegenüber den Vorrechten des Adels nahe, moderiert von einigen Adligen in der Zeit bis 1360. Die von einigen Adligen betriebene Rangerhöhung niederadliger Frauen vor adligen Frauen von hoher Geburt wäre demnach satirisch auf die von einigen Adligen unterstützte 'Rangerhöhung' von Bürgern, Bauern und Söldnern zu beziehen, die Geoffroy als Schreckensvision anzitiert, um die Dimension des Ungeheuerlichen und Abnormen der abzulehnenden gegnerischen Vorstellungen zu illustrieren.

Auch wenn man den Frauen von schlechtem Ruf bei ihrer Anwesenheit scheinbar die Ehre erweise, so spotte man doch hinter ihrem Rücken, also bei ihrer Abwesenheit, über sie und erzähle sich Einzelheiten über ihre Liebesaffären. Die törichten Frauen würden dies aber gar nicht bemerken oder wissen wollen, sondern beharrten in ihrer Torheit darauf, dass ihre Liebesaffäre weiterhin geheim sei.100 Die Ehebrecherin, so Geoffroy, die ihre Ehre, die Liebe Gottes, die ihres Mannes und ihr weltliches Ansehen verloren hat, könne, auch wenn sie über weltliches Gut verfüge auf Dauer damit nicht bestehen, denn sie bleibe das Ziel spöttischer Reden und habe die Zuneigung ihres Ehemannes verloren.101 Wenn sich das Mitgefühl Geoffroys mit der verspotteten und von Ausgrenzung bedrohten Gräfin also offenbar in Grenzen hält, da diese ihr Schicksal durch ihr törichtes und zänkisches Verhalten selbst verschuldet habe, so beschäftigt er sich in seiner Schrift jedoch scheinbar ausgiebig mit einer anderen Auswirkung des Skandals, die geeignet ist die Position des Hauses Craon und seiner Anhänger zu schwächen. Ist die Kunde von der Liebesaffäre zwischen dem Herrn von Craon und der Gräfin in den Kreisen des hohen Adels publik geworden, so wird diese damit auch der Gemahlin des Herrn von Craon bekannt. Mit Marguerite de Dampierre-Flandre, mit der Guillaume I. de Craon seit 1341 vermählt ist, wird er fünf legitime Kinder zeugen. Neben der persönlichen Enttäuschung hat es die Gattin allerdings ebenso mit dem Verlust des Ansehens zu tun, dem das Haus Craon durch die öffentlich gewordene Affäre ausgesetzt ist. Das Odium laxer Moral wird, trotz aller echter oder geheuchelter Bekundungen des Mitgefühls von Standesgenossinnen, auch die Herrin von Craon treffen. Allerdings sind es auch hier wohl wiederum nicht die privaten Gefühlsaufwallungen, die das Ehepaar Craon – Dampierre-Flandre erschüttern, die Geoffroy auf den Plan rufen, sondern die öffentlichen Auswirkungen auf das Haus Craon und seinen Anhang. Lassen doch die im Text ständig wiederholten Aufforderungen an die Frauen zu Demut und Verzicht auf Streit mit den Männern, darauf schließen, dass die Realität eher vom Gegenteil gekennzeichnet war.102 Die immer wieder gebrauchte Formel im Zusammenhang mit streitenden Frauen sonders vor den lüten103, scheint von handfesten Auseinandersetzungen des Ehepaares Craon nicht nur im intimen Bereich, sondern auch vor höfischem Publikum zu sprechen. Einen Eindruck davon sollen offenbar verstreute Beispiele zornentbrannter Frauen geben. Schmäht und verspottet eine Ehefrau an einer Stelle des Traktats ihren Ehemann als spylmann und obentürer, was offenbar die Figur des um Minne werbenden fahrenden Sängers niederen Standes nahe legen soll 104, so spricht eine andere Ehefrau im Zorn vom erlittenen Verlust und dem Misthaufen auf dem das Ehepaar nun gezwungen ist zu leben, ohne Aussicht auf Besseres.105 Dass solch öffentlich ausgetragener Zwist der Eheleute, der das eigene Lager spaltet und lähmt, den Zorn Geoffroys auf die Herrin von Craon hervorruft, wird wohl an seinem Exempel vom Streit eines bürgerlichen Ehepaares deutlich. Streitet sich in diesem Exempel die Ehefrau mit ihrem Mann heftig und beantwortet sein Reden schmähend und bösartig (schmehe vnnd bòse), so wird der Ehemann plötzlich wütend auf seine Gattin. Insbesondere weil diese ihre Antworten öffentlich vor Publikum gibt106, so dass er sich vor allen schämen muss und dies obwohl er sie dringend gebeten hatte zu schweigen. Seine Wut führt ihn dazu, dass er sie mit seiner Faust niederschlägt und ihr Fußtritte ins Gesicht versetzt, so dass er ihr die Nase entstellt und die Frau diese Entstellung ihr Leben lang behält. Auch wenn Handgreiflichkeiten nicht auszuschließen sind, so dürften doch fiktionaler Faustschlag und Fußtritt, die den Streit des Ehepaares umgehend beenden, vermutlich eher als Wunschdenken Geoffroys zu identifizieren sein, das von einem sich in die Länge ziehenden Konflikt zwischen der Herrin und dem Herrn von Craon und der damit verbundenen Frustration Geoffroys kündet.107

Das stolze und selbstbewusste Verhalten der Ehefrau gegenüber ihrem Gatten wird auch in Kap. 63 des Livre thematisiert. Dort gibt die Ehefrau des Herodes diesem stolze und hochmütige Antworten, statt sich höfisch und demütig zu verhalten, wie es ihre Pflicht gewesen wäre und wird deshalb von Herodes im Zorn erstochen.

Gab sy jm sòlliche hochmùtige vnd stoltze antwurt / das es den künig so hoch bewegt / er sy mit eynem messer zuo tod stach / (Marquard, S. 159 Z 30)

et elle luy respondit trop fièrement et orgueilleusement, et ne prist pas son seigneur par bel ne par courtoisie ne si humblement comme elle devoit. Et son seigneur fust fol et despiteux de la ouir parler ainsi orgueilleusement; sy prist un coustel et la feryt. Sy en morut (Geoffroy, S. 133)

Auch hier beschließt ein Appell an die guten Ehefrauen sich in Demut und Höfischkeit zu üben und Wut und Zorn des Ehemannes demütig und sanftmütig zu begegnen das Exempel, mit Berufung auf die Autorität des weisen Salomon.

/ Darumb all frowen hie by sòllen gedechtnyß nemen / gegen jren mannen züchtig und demùtig ze syn / vnd jn gůte vnd sùsse antwurt geben / (Marquard, S. 160 Z. 4)

Et pour ce est bon exemple à toute bonne femme de estre humble et courtoyse et de respondre humblement et doulcement encontre l' ire et corroux de son seigneur. (Geoffroy, S. 134)

[...]


1 Gustav Roethe: Marquard von Stein. Allgemeine Deutsche Biographie Bd. 35 (1893), S. 666-667.

2 Margarete Zimmermann: „Boccaccios 'Decameron.....“, 1989, S. 230. Als Klage eines Moralisten, z.B. im Bereich der für Frauen angemessenen Mode und Kleidung, versteht auch Roberta L. Krueger das Buch des Chevalier de la Tour Landry. R. L. Krueger: „Nouvelles choses' ...“, 2001, S. 56. Ihre Untersuchung zielt bereits darauf ab, der „poststructural revolution in litarary studies“ Rechnung zu tragen und den Text in kulturwissenschaftlicher Perspektive als Artefakt zu begreifen (Kathleen Ashley und Robert L. A. Clark (Hg.): „Medieval Conduct...“, 2001, S. XI.), der die soziale Instabilität im letzten Drittel des 14. Jahrhunderts in Frankreich illustriere. R. L. Krueger, 2001, S. 79.

3 Werner Röcke: „Schwanksammlung...“, 1991, S. 181.

4 Alexander Kehrmann: „Die deutsche Übersetzung....“, 1905, S. 1.

5 Gustav Ehrismann: „Geschichte....“, 1935, ( Anm. 3), S. 513. Wolfgang Stammler: „Von der Mystik...“, 1927, S. 527.

6 Johan Huizinga: „Herbst .....“, 1975, S. 175. Peter Amelung/Alfred Semerau (Hg.): Die hundert neuen Novellen, 1975.

7 Reinhard Hahn: Marquards von Stein 'Ritter vom Turn' im Urteil der Literaturgeschichte, 1992, S. 250, zählt 10 unterschiedliche Kategorisierungen auf: 1. eine Übersetzung (Thomas Cramer: „Geschichte...“, 1990, S. 85); 2. ein Erzählwerk (Hans Joachim Kreutzer: „Marquart....“, 1987, Verfasserlexikon, Sp. 129); 3. eine exemplarische Historie (Joachim Knape: „Historie' in...“, 1984, S. 275); 4. ein Beispiel schwankhafter Anekdotenprosa (Errich Straßner: „Schwank, 19 68, S. 61); 5. eine Sammlung von von Erzählungen (Gustav Ehrismann: „Geschichte....“, 1935, S. 513 bzw. eine Erzählsammlung, Xenja von Ertzdorff: „Romane und....“ 1989, S. 8f); 6. eine Novellensammlung (Günther Müller: „Deutsche Dichtung....“, 1957, S. 90); ein „Novellen“-Buch (Richard Newald: „Marquart...“, Verfasselexikon, 1943, Sp. 276); 7. eine Mischung von Novelle und Roman (Wolfgang Stammler: „Von der Mystik....“, 1927, S. 257); 8. eine Exempelsammlung (Elisabeth Lienert: „Frau Tugendreich'....“, 19 88, S. 127) bzw. ein Exempelbuch (Theodor Brüggemann/Otto Brunken: „Handbuch....“, 1987, Sp. 739-778 und 1095-1097); ein Werk der Exempelliteratur (Anneliese Schmitt: Die deutschen Volksbücher...“, Diss. 1973, S. 167); Sammlung von Beispielgeschichten (Joachim Heinzle (Hg.): Vom Mittelalter....“, 19 81, S. 27); 9. ein Ritterroman (Hans Rupprich: „Die deutsche Literatur....“, 1970, S. 685); 10. ein Roman in der Tradition des französischen höfischen Romans des 15. Jahrhunderts (Thomas Cramer: „Geschichte....“, 1980, S. 85)

8 Reinhard Hahn, 1992, S. 251

9 R. Hahn, 1992, S. 254.

10 R. Hahn, 1992, S. 253.

11 R. Hahn, 1992, S. 259.

12 So auch Gustav Gröber: „Geschichte der mittelfranzösischen Literatur I,...“1933, S. 136, der die 'Erzählung' Geoffroys in der Art der Exempelsammlungen des Mittelalters zusammen gestellt sieht. Lehre und moralisches Beispiel wechselten sich ab. Die Lehre sei geistlich und weltlich. Ebenso Franziska Martinelli-Huber, die Geoffroys Livre unter die „eigenständige französische Erziehungsliteratur“ zählt, gibt aber zu bedenken, es sei oft nicht leicht, Erziehungsliteratur von Unterhaltungsliteratur abzugrenzen, insbesondere wenn erstere sowohl stilistisch als auch inhaltlich literarische Züge aufweise. F. Martinelli-Huber: „Robert von Blois....“, 2008, S. 231 f.

13 In einer Zeit, in der die Welt immer enger wird und die Begegnung von Menschen unterschiedlicher Kulturen zum Massenphänomen, wäre es ja sicherlich nicht verkehrt Menschen anderer Kulturen einen Begriff von den Besonderheiten der europäischen Kultur zu vermitteln. Hierzu müssten allerdings erst einmal diese Charakteristiken europäischer Kultur auf dem eigenen Kontinent hinreichend verstanden werden. Zu solchen Bemühungen siehe z.B. Ina Karg: „Europa eine Seele geben...“, 2011, S. 7. Einen solchen Vergleich asiatischer mit europäischer Kultur stellt Jan-Dirk Müller etwa an, wenn er die unterschiedlichen Folgen die kulturelle Prägungen für den Gebrauch eines Mediums haben können erwähnt. So führe die Erfindung Gutenbergs in Europa zu einer weitreichenden Medienrevolution, während sie in Korea eine technische Spielerei bleibe. Jan-Dirk Müller: „Medialität...“, 2004, S. 55.

14 In der Debatte um die literaturhistorische Grundproblematik von 'Text und Kontext', siehe Ursula Peters (Hg.), Text und Kultur, 2001, Vorbemerkung; stellt Jan-Dirk Müller 2007 klärend fest: Über die Angemessenheit dessen, was als Text und Kontext verstanden werden müsse, könne nicht vorweg theoretisch entschieden werden, sondern nur forschungspraktisch. Entscheidend seien die Plausibilität des Ertrags und die methodische Stringenz, mit der er gewonnen wurde. Jan-Dirk Müller: „Text und Kontext...“, 2007, S. VIII.

15 Adelsliteratur als Literatur des hohen Adels sollte abgegrenzt werden von solcher Literatur, die nur für Gelehrtenzirkel geschrieben wird (siehe Rüdiger Schnell: „Frauen-Männer-Ehediskurs...“, 1998, S. 15) oder solcher, die auf ein Massenpublikum von einfachen Rittern (Einschildrittern - Joachim Bumke: „Höfische Kultur I, 1986, S. 42) und Angehörigen der bürgerlichen Oberschicht der Städte zielt.

16 Es handelt sich also im Sinne Roland Barthes um absichtsvolle, dem 'Tod des Autors' vorgelagerte Literatur, die direkt auf die Wirklichkeit einwirken will. Roland Barthes: „Der Tod...“, 2009, S. 185.

17 Zu denken wäre hier an eine adlige Elite mit zumindest dem sozialen Status von Edelfreien und Grafen.

18 Von 53 Burgbesitzern aus dem Bistum Bamberg, deren Burgen im Bauernkrieg 1525 zerstört wurden, lasse sich in den Inventarlisten nur der Verlust von insgesamt nicht mehr als einem Dutzend Bücher feststellen. Horst Brunner; „Probleme der Literaturgeschichtsschreibung...“, 2012, S. 32,

19 Allerdings gibt es auch Fälle niederadliger Literaturproduktion, wie etwa das Familienbuch der Herren von Eptingen, das bereits im 15. Jahrhundert geschrieben bis ins 17. Jahrhundert reicht. Werner Paravicini: „Die ritterlich-höfische Kultur....“, 1994, S. 102.

20 Auf die parallelen literarischen Phänomene zum deutschsprachigen Mittelalter in einem weiter gefassten europäischen Kontext, Frankreich und Italien etwa, die als Merkmale von Epochenkonstitution und als Ausdruck einer die Volkssprachen übergreifenden Episteme begriffen werden müssten, verweist auch Ricarda Bauschke und sieht den weiterführenden Weg einer zukünftigen Spätmittelalterforschung im europäischen Kontext. Ricarda Bauschke: „Das deutsche Spätmittelalter...“, 2012, S. 37 f. Wenn allerdings die Leitungen einschlägiger etablierter Forschungsprojekte zwar die gemeinsame Forschungsthese postulieren, die unmittelbar Beteiligten entwickelten zur Bewältigung zeitbezogener Ordnungsprobleme eine je eigene Sprache, die späteren Generationen kaum noch bekannt gewesen sei, das zeitgenössische Selbstverständnis lasse sich nur über die Entschlüsselung solcher Strukturen des sprachlichen und zeichenhaften Austausches erschließen (Quentin Skinner), konkrete Forschungvorschläge die genau hierauf zielen aber kein Interesse finden, dann erscheint es jedoch rätselhaft, wie die institutionell organisierte wissenschaftliche Forschung hier zu Fortschritten kommen will.

21 Die von König Maximilian I. modifizierte Frauenehre des Stricker will nicht nur den eigenen Sohn Philipp zu diszipliniertem, weniger frivolen Lebenswandel und stärkerer Beachtung der Bedürfnisse seiner Frau auffordern, sein literarischer Appell an den burgundischen Hof will auch der Gefahr vorbeugen, dass den Habsburgern durch die leichfertige Aufführung Philipps die Aussicht auf den Besitz des spanischen Königreich entgleiten könnte. H. Haub: „Ambraser Heldenbuch...“, 2010. Maximilians I. Tochter Margarete breitet in ihrer Complainte nicht nur ihr unverdientes Leid im Zusammenhang ihrer erzwungenen Absetzung als Regentin der burgundischen Niederlande aus, durch ihre Schrift betreibt sie auch Vertrauenswerbung bei den maßgeblichen Entscheidungsträgern Burgunds und bereitet so ihr erneutes come-back als Regentin dort vor. H. Haub: „Die Klage....“, 2012.

22 Das Motiv des Ehebruchs spiele für den 'Ritter vom Turn' in didaktischer Absicht eine wesentliche Rolle. Es werde in verschiedenen Geschichten behandelt, meist als Problem der (Ehe-)Frau, die die Ehe bricht und (häufig zusammen mit ihrem Liebhaber) entdeckt wird. Susanna Burghartz: „Ehebruch...“,1991, S. 126.

23 Die vielen bewusst doppeldeutig-schlüpfrig formulierten Sätze Geoffroys machten eine erweiterte Bearbeitung des Textes durch einen ausgewiesenen Romanisten wünschenswert, wie auch die insbesondere für das 14. Jahrhundert verwickelte Datenlage eine historische Fundierung und Konsolidierung der aus den literarischen Angaben heraus destillierten Ergebnisse.

24 Der Ritter vom Turn, 1988, S. 93.

25 Der Ritter vom Turn, 1988, S. 92.

26 Hier wird das Publikum Geoffroys vermutlich eher an Aufsehen erregende Skandale, wie den der Vergewaltigung der Gräfin Salisbury durch den englischen König Eduard III., nach einer Schlacht in Schottland, 1342, gedacht haben, der sowohl bei dem Chronisten Froissart (1337-1405) als auch bei dem Chronisten Johann dem Schönen (1290-1370) thematisiert wird. Bei Johann dem Schönen wird die Geschichte in Parallelität zur biblischen Geschichte von David erzählt, der dafür sorgte, dass einer seiner Feldherren in der Schlacht getötet wird, um sich dessen schöner Frau zu bemächtigen. Nachdem der König den Grafen von Salisbury in die Bretagne geschickt hatte, wie David Uria in die Schlacht, habe er die Gräfin noch einmal besucht und sie wie ein Verbrecher vergewaltigt. Barbara Tuchmann: „Der ferne...“, 2010, S. 95. Die Geschichte von König David und Bersabée, der Frau des Uries, gestaltet auch Geoffroy in seinem Exempel Kap. 76.

27 Der Ritter vom Turn, 1988, S. 95., Livre Kap. 7. Die legendenhafte Erzählung sei eine Variante des weit verbreiteten Typs 'Beichten eines Toten als Lohn für frommes Fasten'. R. Harvey, Kommentar, S. 19.

28 Die 20 Jahre bei Geoffroy, Livre Kap. 100, S. 195, erweitert Marquard großzügig auf 30 Jahre, allerdings in Übereinstimmung mit der Legenda Aurea, so R. Harvey, Kommentar, S. 131.

29 Der Ritter vom Turn, 1988, S. 191. Zwar spricht Geoffroy etwas eingeschränkt nur vom Brot des Himmels, 'pain du ciel', das Gott durch einen Engel sendet, jedoch entspricht die Erweiterung auf Speisen wohl sogar treffender der von Geoffroy intendierten Botschaft. Le Livre du chevalier, Kap. 100.

30 Der Ritter vom Turn, 1988, S. 96, Livre Kap. 8. Die genaue Quelle dieser legendenhaften Erzählung sei noch nicht identifiziert worden. Eine ähnliche Erzählung sei jedoch in den Vitae Patrum zu finden. Der Teufel bewirkt, dass die heilige Euphrasia in einen Brunnen fällt, woraufhin diese Gott anruft und errettet wird. R. Harvey, Kommentar, S. 20. Allerdings sei der Glaube an die 'Nothelfer', die bei Anrufung jedweden aus unmittelbar drohender Gefahr retten können, in jener Zeit im Volk weit verbreitet, so J. Huizinga. Es spreche auch Eustache Dechamps (1340-1406) in einem Gedicht von den Heiligen, denen die Macht gegeben sei, „/ Daß, wer immer sie aus Herzensnot anriefe / in jedweder Gefahr, so würde Gott erhören / Ihre Fürsprach' für jedweden Notstand. /“ Übersetzung nach J. Huizinga: „Herbst...“, 1975, S. 239.

31 Der RvT vermeide den Anachronismus, die Ermahnungen zum Beichten und Fasten dem Engel in den Mund zu legen; anders das Livre, in dem 'comme l' ange dist' sich eindeutig auf die vorhergehende Aussage über 'confession et jeunes' bezieht. R. Harvey, Kommentar, S. 116.

32 Der Ritter vom Turn, 1988, S. 97.

33 Dass die Sprüche, die an dieser Stelle den Aposteln Paulus und Petrus von Geoffroy zugeschrieben werden, jeder biblischen Autorität entbehrten, brauche wohl nicht betont zu werden, so R. Harvey, Kommentar, 1996, S. 58.

34 'Nun ist an zwifel wann der mensch by dem dienst gottes ist / vnd in forcht vnd lieb hat das got selbst gegenwertig ist / vnd wer in also lieb hatt vnd forchtet / der hòrt gern offt vnd vil syne heiligen wort vnd leren' Der Ritter vom Turn, 1988, S. 126 Z. 3.

35 Le Livre du chevalier, Kap. 31 und 32. Die zweite Erzählung scheine als bewusste Steigerung der ersten geplant zu sein, so Ruth Harvey, Kommentar, S. 44: In 1) ist die Hauptfigur eine frow mit ihrem eigenen Kaplan, in 2) eine Gräfin mit vielen Kaplänen; in 1) hört die Frau immer eine Messe täglich, in 2) deren drei; in 1) wird die Wundermesse von zwei Klosterbrüdern zelebriert, in 2) von einem Engel oder Heiligen in Priestergestalt.

36 Der Ritter vom Turn, 1988, S. 122.

37 Der Ritter vom Turn, 1988, S. 124.

38 Der Ritter vom Turn, 1988, S. 121.

39 Der Ritter vom Turn, 1988, S. 120.

40 Der Ritter vom Turn, 1988, S. 99.

41 Der Ritter vom Turn, 1988, S. 126.

42 Notre-Dame de Beaulieu, zur Domäne von Bourmont gehörig, in deren Besitz Geoffroy über seine Frau Jeanne de Rougé gelangt war.. M und die meisten Handschriften schreiben Nostre-Dame (de Beaulieu), Br 1, beaulen, Chx beaulon, Wi beaulen, usw. R. Harvey, Kommentar, 1996, S. 47

43 Der Ritter vom Turn, 1988, S. 129. Le Livre du chevalier, S. 80. Wird im Livre die Buße allein dem Mann auferlegt, so im RvT der Frau, vielleicht um die abschreckende Wirkung des Exempels zu steigern, wie R. Harvey vermutet. Es sei hier die Frau die Buße tut und zwar nackt, was ein in diesem Zusammenhang doch „recht sonderbarer Zusatz“ sei. R. Harvey, Kommentar, 1996, S. 49.

44 Sei es doch bekannt, dass verliebte Frauen gerade während oder nach dem Gottesdienst der größten Anfechtung ausgesetzt seien. Der Ritter vom Turn, 1988, S. 217. 'Et pour ces example est bien veu que toute femme amoureuse est plus temptée à l' eglise et au service de Dieu ouir que ailleurs. Et l' en y doit dire ses heures plusque en autre lieu. Le Livre du chevalier, 1854, S. 250.

45 Der Ritter vom Turn, 1988, S. S. 130, Le Livre du chevalier, 1854, S. 82.

46 Für den europäischen Adel in der Frühen Neuzeit konstatiert Ronald G. Asch; dass Ehre für die Beziehungen zwischen dem Fürsten und der adligen Führungsschicht nahezu die wichtigste Währung im Geschäft des Aushandelns von Herrschaft zwischen Monarch und privilegierten Untertanen wurde. R. G. Asch: „Europäischer Adel....“, 2008, S. 248.

47 Der Ritter vom Turn, 1988, S. 99.

48 Da in einer der Handschriften des Livre, Lo1, der Vorname des Herrn von Craon mit Pierre (messire Pierre de Craon) angegeben wird, schließt Ruth Harvey allerdings, es müsse sich bei dem gemeinten Herren von Craon um Pierre de Craon, den Sohn von Amaury II. handeln, geb. um 1315, gest. 15. Sept. 1376. R. Harvey: „Kommentar....“, 1996, S. 21. Pierre de Craon, genannt de la Suze, Seigneur de la Suze, heiratet Marguerite de Pons, Tochter von Renaud IV. de Pons, die jedoch bereits um 1354/58 verstirbt, weshalb er, wie noch zu zeigen sein wird, vermutlich nicht in Frage kommt. Pierre de Craon ist Bruder von Guillaume I. de Craon , aus der 2. Ehe von Amaury de Craon mit mit Beatrice de Roucy-Pierrepont von 1312. Die nach Ruth Harvey; Kommentar, 1996, hier zitierten Handschriften verzichten aus technischen Gründen auf die hochgestellten Zahlen und schreiben die Ziffern nach der Buchstabenfolge in gewohnter Schreibung, also Lo¹ = Lo1. Im Zweifelsfall sollten die jeweiligen Textausgaben konsultiert werden.

49 Le Livre du chevalier, S. 45. Über diese Gräfin von le Mans, eyn fromme gräffin von mains, S. 112, Zeile 11F und eyn gràfin von mains, S. 112, Z. 13, habe sie nichts ermitteln können, so Ruth Harvey. Da in allen Handschriften des Livre von der comtesse du mans die Rede sei, geht R. Harvey davon aus, hier sei vielleicht Berengaria von Mans, dame du Mans, gemeint, die wegen ihres frommen Almosengebens berühmt war. Bei Le Mans handele sich um den Bischofssitz und die ehemalige Hauptstadt der Provinz Maine. R. Harvey: „Kommentar...“,1996, S. 30.

50 R. Harvey, Der Ritter vom Turn, 1988, S. 112.

51 / Die ouch von eym grossen herrn zů růff bracht wart / vnd belümdet / Der Ritter vom Turn, 1988, S. 116 Z. 30.

'Si fu blasmée et mescreue d' un grant seigneur', Le Livre du chevalier, S. 56. R. Harvey liest hier 'in Bezug auf einen großen Herrn'. Im Livre sei der Herr also nicht der Beschuldiger, sondern der Gegenstand der Beschuldigung. Die bei Marquard vorgenommene Änderung, die von einem grossen herrn spricht, der die Gräfin in Verruf gebracht habe, scheint hier unverhüllter die Dynamik des Geschehens beschreiben zu wollen. Jenseits seiner literarischen Vorlage, so wäre hier jedenfalls nicht auszuschließen, könnte Marquard über zusätzliche Quellen verfügt haben, die den bekannten Skandal kommentierten, weshalb er hier gleich die Aufmerksamkeit auf den „Täter“ richten wollte.

52 Während Geoffroy in Kap. XXV nur von einer 'belle dame' spricht, die 'fu blasmée et mescreue d' un grant seigneur', lässt sich diese Gräfin auf dem Sterbebett, wie bereits dargestellt, durch die Überschrift: „wie eyn graefin von mains an jrem tod lag vnd man eyn grosse klarheit von kleinen künden vmb sy erschynen sach“ und den Holzschnitt: „Eine Schar von kleinen Engeln umgibt die gute Gräfin auf dem Sterbebett“, Der Ritter vom Turn, 1988, S. 112, als die Gräfin von Maine bestimmen.

53 / Dar von vil lütt erschrocken die davor gedacht hatten das es anders wer gewesen / Der Ritter von Turn, 1988, S. 117 Z. 12. 'Si en furent maintes gens esbahis, que cuidoient que aultrement feust', Le Livre du chevalier, S. 57.

54 Ruth Harvey weist darauf hin, dass es sich hier nicht um den gleichnamigen berühmten Ritter und Kriegsherren Johann le Meingre de Boucicault (um 1368-1421) handele, der 1391 zum Marschall von Frankreich erhoben wurde, sondern um dessen gleichnamigen Vater, der zuerst 1330 am frz. Königshof auftrat, 1351-52 unter dem Sire de Craon gegen die englischen Streitkräfte in Frankreich kämpfte, 1356 zum Marschall von Frankreich ernannt wurde und am 15. März 1367 in Dijon als Mitglied einer königlichen Gesandtschaft an den Herzog von Burgund starb. Ruth Harvey: „Kommentar...“, 1996, S. 34.

55 Der Ritter vom Turn, 1988, S. 114.

56 Ruth Harvey gibt für den marschalck von clermont den Seigneur von Chantilly, Johann von Clermont an, der 1352 zum Marschall von Frankreich erhoben wurde. Zwar erwähnt sie, dass dieser in der Schlacht von Poitiers 1356 fällt, stellt jedoch, wohl weil sie die Textstelle isoliert betrachtet, keine Verbindung zum Nachfolger des Marschalls von Clermont her, eben zu dem hier gemeinten Ritter Boucicaut. Ruth Harvey: „Kommentar...“,1996, S. 32.

57 Der Ritter vom Turn, 1988, S. 113.

58 Der Ritter vom Turn, S. 187. R. Harvey vermutet, Geoffroy habe hier die Anekdote von der Frau, die mit einem hitzköpfigen Mann öffentlich in Streit gerät, wieder aufgreifen wollen. Sie meint damit jedoch die Szene, in der die Tochter eines Ritters mit einem 'heißkopffigen edelmann' über ein Brettspiel in Streit gerät (Marquard S. 104 Z.14 – S. 105 Z. 6) R. Harvey, Kommentar, S. 125.

59 R. Harvey übersetzt 'qu' il ne valoit riens' als 'er sei ein Taugenichts' und beanstandet, Marquards Übertragung gehe hier wieder einmal fehl, wenn er 'sy fragte nit nach synem kopff' mit 'sie kümmere sich gar nicht um seine Person übersetze'. R. Harvey, Kommentar, S. 126.

60 „so wyssent das es gar sorgcklich ist / mitt lüten kriegen oder zancken / die die welt in jren henden habent / vnd vernunft vnd geberd habent zů reden /“Der Ritter vom Turn, 1988, S. 113 Z. 21. Im Livre hängt Geoffroy an das Beispiel der bösen Ratgeberin Gezabel (bei Marquard Jsebel, S. 164) die Lehre für die 'bonnes dames' an, sich mit zänkischen Worten gegenüber denjenigen zurückzuhalten, die größer und mächtiger seien als sie selbst. Le Livre du chevalier, S. 140. Diese häufig wiederholte Lehre fehlt als Schlussbetrachtung des Exempels bei Marquard.

61 Der Ritter vom Turn, 1988, S. 188.

62 Für Geoffroy geht es durchweg um Verleumdung. So äußert die Frau Geoffroys im Dialog-Teil am Ende seines Traktats, dass man als Frau ja schon wegen eines kleinen Gefallens schnöde verleumdet werden könne. Solcher Verruf und böse Nachrede treffe und verleumde sogar viel eher die frommen Frauen als die bösen. Der Ritter vom Turn, 1988, S. 216.

63 So konstatiert Ingrid Bennewitz-Behr: „Darum ein fraw ...“, 1988, S. 577, „Die angemessene weltliche Strafe für den Ehebruch der Frau ist nach Ansicht des Erzählers der Tod durch Ertränken.“ Sie versteht den Ritter vom Turn als didaktischen Text, der die gesellschaftlich-moralischen Rollenerwartungen an die Frau umschreibt (S. 564). Der Ritter vom Thurn sei als Erziehungsbuch für adlige Mädchen gedacht, so S. Burghartz, 1991, S. 124. Der wiederholte Ehebruch durch die Frau werde im 'RvT' als todeswürdiges Verbrechen dargestellt, die entsprechenden Beispiele sollten folgerichtig der Abschreckung dienen. Burghartz, 1991, S. 126. Anders als im Fabliau, in dem die – häufig recht schlüpfrigen - Erzählungen der Belustigung des Lesers dienten, würden die Geschichten bei La Tour Landry moralisierend umgedeutet und zielten auf sittliche Erziehung . Susanne Burghartz: „Ehebruch....“, 1991, S. 127.

64 Die beiden Ritter waren gefürchtet, weil sie es gewohnt waren, jeden jungen Mann, der sich unehrenhaft aufführte, vor aller Welt zurechtzuweisen; dies werde dann konkret erläutert anhand eines Beispiels, das dem Vater des erzählenden Autors widerfuhr, weil er bei einem Hoffest unziemlich bekleidet war. R. Harvey, Kommentar, S. 156. Bei dem betreffenden monierten Kleidungsstück, dem cote hardie, den der Vater Geoffroys trug, habe es sich um ein „bevorzugtes Kleidungsstück“ gehandelt, das beide Geschlechter in der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts und im ganzen 14. Jahrhundert trugen. Die wechselnde Mode habe unterschiedliche diskrete oder extravagante Formen hervor gebracht. R. Harvey, Kommentar, S. 157.

65 Hudel= 'Lumpen-Lappen', im übertragenen Sinne für 'Schlampe', liederliche Weibsperson gebraucht. Während Marquard von Hudel spricht, verwendet Geoffroy das Wort pet= Furz. Geoffroy de Lugre sei durchs Land geritten und habe vor dem Haus einer Frau von schlechtem Ruf einen Furz gelassen, darauf mit Kreide 'ein Furz, ein Furz' an die Tür geschrieben und sein Siegel daran angebracht. Ruth Harvey, Kommentar, 1996, S. 158.

66 Ritter vom Thurn, S. 210.

67 Dieser Zusatz von den edlen Frauen, „tant noble feust“, findet sich nur bei Geoffroy, S. 231.

68 Marquard spricht wie Geoffroy von den Königreichen Romany, Hyspanien und Aragon. Der Ritter vom Thurn, S. 210.

69 Geoffroy spricht von France et d' Angleterre en ceste basse Alemaigne. Le Livre du chevalier, S.231

70 Le livre du chevalier, S. 232.

71 Der Ritter vom Thurn, S. 150.

72 Der Ritter vom Thurn, S. 147.

73 Der Ritter vom Thurn, S. 217.

74 Der Ritter vom Thurn, S. 92.

75 Der Ritter vom Thurn, S. 148. Le livre du chevalier, Kap. 56: De la fille Jacob. Die Geschichte der griechischen Königstochter fehle im Miroir, der häufig von Geoffroy als thematische Vorlage benutzt werde. Die „exemplarisch grausame Strafe der Prinzessin lasse vermuten, dass die Fabel „außerhalb jeder historischen Wirklichkeit“ liegt, so R. Harvey, Kommentar, S. 74.

76 Le Livre du chevalier; Cy parle de la royne Gezabel, Kap 66. Marquard habe offensichtlich den frz. Ausdruck 'cheoir la test toute première', der kopfüber hinab werfen meine, irrtümlich als 'den Kopf abschlagen' verstanden, so R. Harvey, Kommentar, S. 89. Bei Marquard mit Holzschnitt der Enthauptung von Jsebel. Der Ritter vom Thurn, S. 164.

77 'fust jugée à destraire à queuez de chevaulx', Le Livre du chevalier, S. 141. Bei Marquard wird die Königin Brenne von vier Rossen zerrissen. Der Ritter vom Thurn, S. 165. Mit der Königin Bruneheust sei bei Geoffroy, Kap. 67, Brunhildis gemeint, die Tochter des Westgotenkönigs Athagild (Athanagild), der sie 566 oder 567 mit dem fränkischen König Sigibert von Austrasien vermählte. Sie kam also von Spanien nach Frankreich, wie in beiden Texten angegeben. Der Mord an ihrem Gatten im Jahre 575 war nur einer von zahlreichen Gewalttaten, wegen deren sie im Jahre 613 auf Befehl des Königs Chlothar hingerichtet wurde und seitdem im kollektiven Gedächtnis des Volkes als Urbild der Ruchlosigkeit fortlebte, so R. Harvey, Kommentar, S. 90.

78 „Ansammlung von Brutalitäten und Frauenverachtung“ - „angetan ist, körperliche Übelkeit auszulösen.“ Ingrid Bennewitz: „Lukretia, oder:....“ 1989, S. 122.

79 „wie in dem ysrahelischen here eyn Ritter den andern zů tod schlůg vmb das er geselschafft hatt mitt eyner heydnischen frowen.“ Der Ritter vom Thurn, S. 151 Z. 19, (Überschrift). Da der Beischlaf des Ritters im Einverständnis mit der Heidin geschieht, sie auch gemeinsam mit dem Ritter vom Schwert des Standesgenosse durchbohrt wird, geht es in dieser Geschichte deutlich nur um den Glaubenseifer, der diese Untat bedingt.

80 Die im RvT über das Livre vom Miroir fast unverändert übernommene Moral der Geschichte spiegele die damals allgemein herrschende Ansicht wieder, dass jeder unbewachte Umgang zwischen den Geschlechtern, sogar unter nahen Verwandten, für die Beteiligten eine sittliche Gefährdung bedeute, so R. Harvey, Kommentar, S. 78. Zwar fügt sie relativierend hier hinzu „wenigstens in der Theorie“, jedoch scheint ihr sich anschließendes Beispiel des Gregorius von Hartmann von Aue, die Einschätzung von der allgemein herrschenden Ansicht zu bestätigen. Darauf, dass dem wohl kaum so war, also dass hier von einem allgemein üblichen Standard die Rede sei, kann jedoch schon eine Aussage des selben Hartmann von Aue in seinem Iwein aufmerksam machen, in dem dieser den Anspruch aufstellt; dass einem Ritter, der sich alleine nachts im Schlafgemach mit einer Frau aufhält, selbst wenn es sich bei dieser um ein nichtverwandtes Mädchen handeln sollte, zugemutet werden dürfe, dass er sich der jungen Frau gegenüber mit eventuellen sexuellen Begehrlichkeiten zurückhalte und ritterlich ihren Anspruch auf behütete und ungestörte Nachtruhe respektiere.
„Dern weiz niht daz ein biderbe man
sich alles des enthalten kan
des er sich enthalten wil. (Iwein V. 6579-6581)
Hartmann von Aue, Iwein. Max Wehrli 1988.Siehe hierzu H. Haub: „Partnerschaftlichkeit...“, 2008, S. 15 ff.

81 Das Livre spreche nicht von Unehre, sondern von Scham (honte), so R. Harvey, S. 127. Da allerdings der Vorwurf der Schamlosigkeit zu Unehre und Schande in der Gesellschaft führen würde, dürfte der Sinn der Übersetzung Marquards, hier weiter gedacht, doch zutreffend sein.

82 Bei Geoffroy sind es 3-4 Jahre, in denen sich der treue und wahre Liebende sich seiner Dame nicht zu erklären getraut. Le Livre du chevalier, S. 251.

83 Der 'bonne dame de Villon', Le Livre du chevalier, S. 245. Bei Marquard Billo geschrieben. Die Lesart im RvT beruhe wohl auf falschem Lesen der Schreibung billò. R. Harvey, Kommntar, S. 165.

84 Der Ritter vom Turn, S. 225.

85 An Details, wie der Unverhältnismäßigkeit von Höllenstrafen die die drei verstorbenen geliebten Ehefrauen eines Ritters für ihre Verfehlungen erdulden müssen, kommt die eigentliche Absicht Geoffroys, das Absurde und Groteske der Kritik der 'Frommen und Sittenstrengen' darstellen zu wollen, zum Vorschein. Wird die erste Frau des Ritters vom Teufel mit Feuer und Flammen hinweg geführt, weil sie die Unmenge von zehen par ròcken ihr Eigen nannte, wird die zweite Frau für 10-12 maligen Eehebruch mit einem Edelknappen (escuier) zu hundert Jahren Fegefeuer veurteilt. Für jeden Ehebruch, auch den gebeichteten, so verbucht Geoffroy akkurat, müsse mit 7 Jahren Fegefeuer gebüßt werden. Dies ist jedoch noch gar nichts im Vergleich mit dem Schicksal der dritten Frau. Diese wird von Teufeln mit glühenden Nadeln, in Backen und Stirn gestoßen, traktiert und mit einem ins Gesicht gestoßenen brennenden Eisen. Die Frage, wie lange diese Kasteiungen der Ärmsten wohl andauern müssten, beantwortet ein Engel mit „wohl tausend Jahre oder länger“. Was hatte die Ärmste Schlimmes verbrochen, um so fürchterlich leiden zu müssen? Sie hatte die Untat begangen ihr Gesicht zu schminken und zu färben. 'Pour ce qu' elle s'estoit fardée et peinte le visage pour plaire au monde Le Livre du chevalier, S. 110. Nach Auskunft des Engels seien ihre Strafen also durchaus angemessen. Der Ritter vom Turn, S. 144. R. Harvey geht davon aus, Geoffroy schließe sich hier mit seinen Mahnungen nur der Tradition vieler lateinischer Texte der Moraldidaxe an, von Tertullian, Hieronymus, etc., die seit der Zeit der frühen Kirchenväter Schminken und Putzsucht der Frauen geißelten und die somit zu den Gemeinplätzen christlicher Welt- und Frauenfeindlichkeit gehörten. R. Harvey, Kommentar, S. 64. Das Provokative der Aussagen Geoffroys für ein adlig-höfisches Publikum erschließt sich allerdings nur, wenn man von der Bedeutung der unterschiedlichen Textsorten und des gemeinten Publikums ausgeht. Ergibt eine Überprüfung der in der Forschung immer wieder zitierten misogynen Stellen, dass diese fast ausschließlich innerhalb des lateinisch-klerikalen Meinungsaustausches produziert und rezipiert wurden, für die Laienwelt also kaum zugänglich waren, so wird die Sprengkraft und Bedeutung von Aussagen jener gelehrten Männer bei der Übertragung auf den Bereich volkssprachlich laikaler Adelsgesellschaft verständlich. Siehe Rüdiger Schnell: „Frauen-Männer-Ehediskurs...“, 1998, S. 15.

86 R. Harvey notiert hier einen auffallenden Unterschied der Darstellung bei Geoffroy gegenüber Marquard; Der Ritter vom Turn, S. 205 Z. 22, 'eyns alten mans frowe': Im RvT fehle das Motiv des Standesunterschieds, das im Livre bewundernd hervorgehoben werde, 'une dame, femme d' un simple bachelier (eines noch nicht zum Ritter geschlagenen Knappen also,. Friedrich Wolfzettel, 1992, S. 144) '...La dame estoit....de bon lignage', falle im RvT fort. Ebenso werde im frz. Text nachdrücklich betont, die Edelfrau habe ihrem Gatten auf eine Weise aufgewartet, die sogar eine Dienstmagd verschmähen würde, was ebenfalls im RvT wegfalle. R. Harvey, Kommentar, S. 152. Offenbar meint Marquard, Geoffroy trage an dieser Stelle zu dick auf, sprich; er überziehe seine Darstellung so sehr ins sarkastische, dass eine Demaskierung des Textes drohe, sein Charakter zu offensichtlich werde, weshalb Marquard ihn bei der Übertragung etwas entschärft.

87 Der Ritter vom Turn, S. 213. Cy parle des Galois et des Galoises, Le livre du chevalier, S. 241. Ruth Harvey weist darauf hin, Marquard habe 'Galois' offenbar als geographischen Namen aufgefasst ('walisisch', 'Waliser'), in welcher Bedeutung er häufig von Chrétien de Troyes gebraucht werde. Das Wort sei jedoch vielfach in der Bedeutung 'leichtfertiger Mensch, einer der ein ausschweifendes Leben führt' (Galoise häufig in dem Sinn 'liederliche Frau, Freudenmädchen') bezeugt. R. Harvey; Kommentar, S. 162.

88 Im Beispiel der Frau eines alten Römers geht es wieder um eine streitsüchtige Frau, die mit jedermann auf der Straße hadert. Diese wird schließlich im Streit mit einer anderen Frau der Unkeuschheit beschuldigt, was sich schnell herum spricht, so dass die Ehe der Streitsüchtigen zerbricht, obwohl ihre Schuld oder Unschuld gar nicht erwiesen wurde. Der Ritter vom Turn, S. 187, Livre, S. 187. Auch die Ehefrau des Herodes wird bei ihm, nach dessen Rückkehr von einem Rom-Zug, wegen Ehebruchs durch sein Hausgesinde verklagt. Dies nur deshalb, weil das Hofgesinde der etwas sonderlichen Ehefrau (dann sy gar wunderlich wesen fùrt) gegenüber feindlich eingestellt ist. Tatsächlich kann Herodes zu seinem Ärger, nachdem er seine Ehefrau mit einem Messer erstochen hat, auch nichts über die behauptete ehebrecherische Beziehung seiner Gattin in Erfahrung bringen. „Dann er worheit der selben bezyhung nit erfaren kond.“ Der Ritter vom Turn, S. 160, Livre, Kap. 63. Gleich am Anfang seines Livre'berichtet Geoffroy vom Verhalten junger Standesgenossen aus seiner Jugendzeit. Diese hätten bereits damals die Gewohnheit gehabt mit ihren Eroberungen im Minnedienst anzugeben, ganz gleich ob diese tatsächlich erfolgt seien oder nur Produkt der Phantasie waren. Durch dieses schamlose Treiben seien viele Frauen und Jungfrauen verleumdet worden. Der Ritter vom Turn, S. 89, Livre Prologue. Die Beschreibung der Verleumdung mittels Prahlerei bleibt dann auch bis zum Ausklang seines Traktats, im Dialog-Teil mit seiner Frau präsent. / werde jnen an eym end nit guote antwurt / werd sy aber villicht an eym andern ende / vnd ziehent also mitt jren reden von jnen was sy mògent Darnach verspotten sy sy dann / vnd sagen von jnen deß sy nie gedacht habent /Der Ritter vom Turn, S. 218. Dont par leurs faulx langaiges, ilz diffament et tollent la bonne renommèe de mainte dame et damoiselle. Livre, S. 249.

89 (Überschrift) „wie man Susanna vß fürt vnd versteynen wolt / vnd sie aber Daniel mit syner red erlòßte vnd die zwen priester so sy falschlich hatten verraten selb versteynet wurden“. Der Ritter vom Turn, S. 189 Z. 16.

90 Auch das Exempel vom Zweikampf des falschen Ritters mit Patrides, Livre Kap. 106, handelt wie das Susanna-Exempel von der Erpressung einer Frau, falscher Anschuldigung, drohender Hinrichtung und Errettung im letzten Moment. Der Ritter vom Turn, S. 196.

91 Das Unwahrscheinliche der Errettung Susannas bei fortbestehender Existenz dieses barbarischen Gesetzes unterstreicht Geoffroy wohl durch den von R. Harvey konstatierten 'märchenhaften Zug', dass Daniel erst fünf Jahre alt ist. R. Harvey, S. 128.

92 / Vnd stach das schwert durch sy beyd vß hyn / Vnd ertòdt sy in sòllichen sünden / Der Ritter vom Turn, S. 157. si fiert a coup, et va coudre et percier tous deux ensemble jusques à la couste, et les occist en cellui vil pechié. Livre, Kap. 62, S. 129.

/ mit vß gezognem schwertt die an waren thatt fundent / vnd ertòdt sy beyde / Der Ritter vom Turn, S. 152.

93 'Dann denen sy das sagent legent mer bòßes dar zů dann gůtes / dar durch dann von eyner red zů der andern werdent vil frowen vnd junckfrowen belümdet /' Der Ritter vom Turn, S. 21 8.

94 An wen sich der Text vor allem richtet, dürfte wohl aus einem weiteren Werk Geoffroys hervor gehen. In seinem um 1400 entstandenen Prosa-Roman 'Ponthus et la belle Sidoine' , der seinerseits die Überarbeitung einer älteren anglonormannischen Versdichtung – 'Horn et Rimenhild (um1180) darstellt, kehren mehrfach lange Kataloge von insgesamt 112 Namen französischer Edelleute wieder. Es handele sich dabei fast ausnahmslos um Verwandte, Bekannte, Freunde, Nachbarn, historische Personen also aus Geoffroys Lebenskreis. Reinhard Hahn (Hg.); Eleonore von Österreich, Pontus und Sidonia, 1997, S. 10

95 Geoffroy versetzt die Szene an den Hof des Königs von Syrien. Der Ritter vom Turn, 1988, S. 161.

96 hencken lassen solt mit vfflegung etwas verschuldens. Der Ritter vom Turn, 1988, S. 161 Z. 24.

97 Heinz Thomas: „Karl V....“, 1996, S. 288.

98 Bei Clermont handelt es sich um einen Sohn des bei Poitiers gefallenen Marschalls, der andere war Jean de Cornflans, Sire de Dampierre, ein früherer Abgeordneter der Stände, der die Reformpartei verlassen hatte und zum Thronfolger übergelaufen war. Barbara Tuchmann, 2010, S. 212.

99 Heinz Thomas: „Karl V....“, 1996, S. 290.

100 Der Ritter vom Turn, 1988, S. 209.

101 Der Ritter vom Turn, 1988, S. 211.

102 Eine Überlegung, die anlässlich der Darstellung von Geoffroy de La Tour Landry in seinem Livre auch Barbara Tuchmann in ihrem Buch über Enguerrand VII. de Coucy (1340-1397) und das 14. Jahrhundert anstellt: „Gehorsam und Folgsamkeit der Frauen wurden so sehr betont, daß man annehmen könnte, das Gegenteil sei das Geläufige gewesen.“ Barbara Tuchman, 2010, S. 261.

103 / da by nement exempel / üwer mannen gehorsam zuo syn / vnnd sonders vor den lüten. Der Ritter vom Turn, 1988, S. 160 Z. 32. Sy devez prendre bon exemple; car, par especial devant les gens , vous devez faire le conmandement de vostre seigneur et luy obeir. Livre, Kap. 64, S. 135. Darumb keyn frow jres mans spotten oder myßloben sol / Ouch jn sunst nit verachten / warumb es joch sy vnnd sonnders vor den lüten / Der Ritter vom Turn, 1988, S. 171 Z. 13. ne avoir despit sur luy, ne especialment le reprendre devant les gens pour riens qui lui aviengne, Le Livre du chevalier, Kap. 75, S. 154. Et ainsi se doit garder toute bonne femme de riens respondere à son seigneur devant les gens pour plusiers causes. Dieser wiederholte Appell Geoffroys an die Frauen, ihrem Ehemann nicht öffentlich zu widersprechen, als Schlusssatz des Kap. 96 fehlt bei Marquard, S. 189, wie R. Harvey, Kommentar, S. 126, notiert. Ebenso glänzt die Königin Esther im darauf folgenden Kapitel 97 durch ihr Verhalten gegenüber ihrem Ehemann. Trotz vieler Grobheiten, die sie von diesem zu hören bekommt, antwortet sie ihm nie zornig vor den Leuten. elle ne lui respondoit aucune parole dont il se deust corroucer devant les gens' Le Livre du chevalier, S. 189, u.s.w.

104 Der Ritter vom Turn, 1988, S. 171 Z. 7. un menestrel et un jongleur, Le Livre du chevalier, S.153-

105 Der Ritter vom Turn, 1988, S. 174 Z. 32. qu' elle le deist par yre Le Livre du chevalier, S. 160

106 / Vmb das sy jm sòllichs offenlichen vor den lüten thet / Der Ritter vom Turn, 1988, S. 109 Z. 9. soit droit, soi tort, et par especial devant les gens. Le Livre du chevalier, S. 41.

107 So konstatiert z.B. der österreichische Edelmann Bartholomäus von Starhemberg im frühen 17. Jahrhundert; er müsse mit mancher Eigenwilligkeit seiner Frau leben, denn er und seine Standesgenossen könnten ihre Frauen ja nicht „wie der gemein man mit schlägen im zaum“ halten. Zit. nach Ronald G. Asch: „Europäischer Adel....“, 2008, S. 108.

Details

Seiten
246
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783656900696
ISBN (Buch)
9783656900702
Dateigröße
1.6 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v289120
Note
Schlagworte
ritter turn marquard stein geoffroy tour landry eine politische Streitschrift

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Titel: "Der Ritter vom Turn" des Marquard vom Stein / Geoffroy de La Tour Landry. Eine getarnte politische Streitschrift