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Emile Durkheim - Soziale Differenzierung und ihre Konsequenzen für das Erziehungssystem

Hausarbeit (Hauptseminar) 1997 19 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Soziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Emile Durkheims Leben und Werk

3. Soziale Differenzierung in der Theorie Emile Durkheims
3.1. Der Prozeß der sozialen Differenzierung
3.1.1. Die Entwicklung von ‚segmentierten’ zu ‚arbeitsteiligen’ Gesellschaften
3.1.2. Konsequenzen für das Individuum
3.1.3. Die Berufsgruppen als moralische Institutionen
3.2. Aufgaben und Chancen für das Erziehungssystem

4. Kritik an Durkheims Theorie

5. Schlußbetrachtung: Die Aktualität der Theorie Durkheims

Anhang

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Themenkomplex der sozialen Differenzierung in der Theorie des französischen Soziologen Emile Durkheim und den daraus resultierenden Konsequenzen für das Erziehungssystem. Die umfassenden ökonomischen, gesellschaftlichen und politischen Veränderungen zu Lebzeiten Durkheims veranlaßten ihn dazu, sich Gedanken über die veränderten Bedingungen und den Zustand der Gesellschaft zu machen. Er entwickelte eine Theorie der sozialen Differenzierung, in welcher er sich eingehend mit den Beziehungen zwischen Individuum und Gesellschaft beschäftigte. Die Erziehungswissenschaft fungiert seiner Meinung nach als eine Art Bindeglied zwischen den einzelnen Menschen und der Gesellschaft. Die Erziehung als intentionale Sozialisation und die soziologische Moralwissenschaft sollen die Individuen dazu befähigen, sich in die Gesellschaft zu integrieren und letztendlich zu moralisch handelnden Wesen zu werden.

Das erste Kapitel beschäftigt sich mit dem Leben und dem Werk des Soziologen Emile Durkheim. Der zweite Gliederungspunkt befaßt sich mit dem Aspekt der sozialen Differenzierung in der Theorie Durkheims. Dabei wird zunächst der Prozeß der Entwicklung von segmentierten zu arbeitsteiligen Gesellschaften dargestellt, im Anschluß daran werden die Konsequenzen, die sich für den einzelnen Menschen aus der gesellschaftlichen Differenzierung ergeben, näher beleuchtet. Nachfolgend beschäftigt sich ein weiterer Unterpunkt mit den sogenannten Berufsgruppen, die in der Theorie Durkheims eine Art moralische Institution bilden. In dem sich anschließenden Punkt werden die Aufgaben und Chancen, die sich für das Erziehungssystem aus der sozialen Ausdifferenzierung ergeben, dargestellt. Das dritte Kapitel hat zur Aufgabe bestehende Stärken und Schwächen der Durkheimschen Lehre näher zu beleuchten und abschließend beschäftigt sich der letzte Gliederungspunkt mit der Aktualität der Entwürfe des französischen Soziologen.

Die verwendeten Materialien, einerseits Zeitschriftenartikel, andererseits Kapitel aus Büchern oder ganze Bücher, besitzen zum Teil einen einführenden Charakter in den Themenkomplex der Durkheimschen Theorie. Desweiteren wurden zur Fertigstellung dieser Hausarbeit ins Deutsche übersetzte Originaltexte des Soziologen Emile Durkheim und weiterführende bzw. ergänzende Texte verwendet.

2. Emile Durkheims Leben und Werk

„Von Durkheim kann man, wie von vielen anderen nur sagen, daß sein Leben sein Werk ist.“[1]

Emile Durkheim wurde am 15. April 1858 in Epinal in Lothringen geboren. Dadurch bedingt, daß alle seine direkten männlichen Vorfahren -vom Vater bis zum Urgroßvater- Rabbiner waren, wuchs er in einer sittenstrengen und sehr gläubigen jüdischen Familie auf. Der junge Durkheim brach jedoch relativ bald mit der beruflich-religiösen Tradition seiner Familie und wurde im Jahr 1879 in die Ecole Normale Supérieure in Paris aufgenommen. Dort studierte er bis 1882 klassische Sozial- und Moralphilosophie und zusätzlich die Fortschritte der Jurisprudenz, Psychologie und Sozialwissenschaften. Nach seinem Abschluß unterrichtete er einige Jahre als Gymnasiallehrer, bis er im Schuljahr 1885/86 eine Studienreise nach Deutschland dazu nutzte, sich mit einigen Strömungen innerhalb der deutschen Geisteswissenschaften vertraut zu machen. Nach Frankreich zurückgekehrt wurde Emile Durkheim nach Bordeaux versetzt und erhielt die erste Soziologiestelle an einer französischen Universität. Bereits zu Anfang seiner Forschertätigkeit interessierte sich Durkheim besonders für das Verhältnis des einzelnen Menschen zur Gesellschaft, für den Themenkomplex der sozialen Ordnung und die Frage nach der inneren Verbundenheit einer Gesellschaft. Damit beschäftigt sich auch sein erstes Hauptwerk „Über soziale Arbeitsteilung“ (1893), welches ihn einer breiten Öffentlichkeit bekannt machte.[2] Sein weiteres großes Werk „Der Selbstmord“ (1897), das er fast unmittelbar nach „Die Regeln der soziologischen Methode“ (1895) schrieb, schließt unmittelbar an das Ende seines Buches über die Arbeitsteilung an und enthält „[...] die erste soziologisch-empirische Studie über den Selbstmord.“[3]

In den darauf folgenden Jahren hielt er Vorlesungen in Soziologie und Pädagogik, in denen er beständig auf die Verbindungen zwischen Erziehung und Gesellschaft hinwies. Sein Hauptanliegen bestand stets darin, einen Einfluß auf die Ausbildung der angehenden Lehrer zu nehmen. Seit 1902 lebte und arbeitete Durkheim in Paris. Während des Ersten Weltkrieges beschäftigte sich der Soziologe mit Schriften über die deutsche Kriegspropaganda und mit der Mentalität der Deutschen. Er war Teilnehmer an zahlreichen Kommissionen und versuchte auf diese Weise eine Art ‘Beitrag zur Landesverteidigung’ zu leisten. Am 15. November 1917 starb Emile Durkheim, dessen soziologisches Forschungsprogramm so erfolgreich war, daß es zur Etablierung der Soziologie als eigenständiger Wissenschaft an den Universitäten in Frankreich führte.[4] Besonders vor dem Hintergrund des Zusammenbruchs Frankreichs 1870/71 und des Ersten Weltkrieges läßt sich ein weiterer Verdienst Durkheims in der Krisenanalyse sehen. Die Soziologie sah er als eine Art Moralwissenschaft an, als Werkzeug um die bestehenden gesellschaftlichen Krisen zu überwinden.

3. Soziale Differenzierung in der Theorie Emile Durkheims

3.1. Der Prozeß der sozialen Differenzierung

3.1.1. Die Entwicklung von ‚segmentierten’ zu ‚arbeitsteiligen’ Gesellschaften

Der Soziologe Emile Durkheim beschäftigt sich in seinem Werk „Über soziale Arbeitsteilung - Studie über die Organisation höherer Gesellschaften“ vorrangig mit dem Problem der Sicherstellung sozialer Integration trotz immer weiter fortschreitender Individualisierung bzw. Spezialisierung. Er stellt sich die Frage, wie die Beziehung des einzelnen Menschen zur sozialen Solidarität der Gesellschaft aussieht bzw. aussehen sollte. Durkheims Argumentation folgend muß zwischen zwei Gesellschaftstypen unterschieden werden. Die Differenzierungskriterien, die er dabei anwendet, sind die ‘Solidarität’ und die ‘Arbeitsteilung’. Hierbei versteht Durkheim unter Solidarität einen Beziehungsmodus zwischen den sozialen Organisationen einer Gesellschaft und ihrem Regel- und Wertesystem. Ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen sozialer Organisationsform und Moraltyp führt zu einem hohen Maß an Solidarität, fehlt diese Beziehung, so existiert keine Verbundenheit, kein Gemeinschaftsgeist innerhalb einer Gesellschaft.[5]

Die segmentierte Gesellschaft, welche durch die sogenannte mechanische Solidarität bestimmt und zusammengehalten wird, läßt sich durch folgende Merkmale charakterisieren: Strukturell gesehen besteht sie aus einer Ansammlung von Menschen, die sich in Clans und Horden zusammengeschlossen haben. Diese Zusammenschlüsse und die davon betroffenen Menschen sind einander zwar ähnlich, aber zwischen ihnen bestehen nur relativ schwache Beziehungen und Gemeinsamkeiten. Jede dieser Gruppierungen besitzt ein gemeinsames, je spezifisches Wert- und Regelsystem, das sogenannte Kollektivbewußtsein, in welchem außer bestimmten Verhaltensnormen und Werten auch Wissens- und Meinungsströmungen enthalten sind. „Die Gesamtheit der gemeinsamen religiösen Überzeugungen und Gefühle im Durchschnitt der Mitglieder einer bestimmten Gesellschaft bildet ein umgrenztes System, das sein eigenes Leben hat; man könnte sie das gemeinsame oder Kollektivbewußtsein nennen.“[6] Dieses Kollektivbewußtsein innerhalb der segmentierten Gesellschaften ist sehr ausgeprägt, ihm kommt ein allgemein gültiger Stellenwert zu. Für die einzelnen Individuen steht die Bedeutung und Wohlfahrt der Gemeinschaft an erster Stelle, die Wichtigkeit und das Wohl der Einzelpersonen tritt in den Hintergrund.[7] Zusätzliche Erkennungsmerkmale dieser Gesellschaften sind eine relativ geringe Bevölkerungszahl und die dominierenden repressiven Rechtsauffassungen und Normen. So ist es z.B. charakteristisch für das Strafrecht, daß der Gedanke der Rache und Buße für den „[...] Angriff auf das geltende Moralsystem [...]“[8] eindeutig im Vordergrund steht.

Die arbeitsteilige Gesellschaft ist durch einen langsamen, jedoch beständigen Prozeß aus dem Typus der segmentierten Gesellschaft hervorgegangen. Die in dieser Gesellschaftsform vorherrschende Solidarität -von Durkheim als organisch bezeichnet- ist durch die Arbeitsteilung gekennzeichnet. Aus diesem Grunde erscheint auch der Begriff der ‘organischen Solidarität’, den Durkheim zur Beschreibung des inneren Zusammenhalts einer solchen Gesellschaft verwendet, sinnvoll. In Analogie zum menschlichen Organismus, in dem die verschiedenen Organe absolut voneinander abhängig sind, befinden sich die einzelnen Menschen innerhalb der modernen Gesellschaft, durch die stark ausgeprägte Arbeitsteilung und die mehr und mehr voranschreitende Spezialisierung, in einer großen gegenseitigen Abhängigkeit. Finden sich die Individuen innerhalb der segmentierten Gesellschaft aufgrund der Ähnlichkeit verbunden, so sind sie es innerhalb der arbeitsteiligen Gesellschaft infolge der Verschiedenheit. Entwickelte Gemeinschaften lassen sich durch das Vorhandensein von größeren Märkten, Städtewachstum, hoher Bevölkerungszahl, großen Abhängigkeiten der einzelnen Individuen untereinander und daraus folgend, intensiven Beziehungen zwischen den einzelnen Bevölkerungsgruppen charakterisieren. Herrscht innerhalb der segmentierten Gesellschaften ein repressives Recht vor, so wird dieses durch restitutives, wiederherstellendes Recht abgelöst. Zusätzlich kommt hinzu, daß das Strafrecht nur mehr einen Teil des gesamten Rechtssystems ausmacht, Zivilrecht, Handels- und Verwaltungsrecht spielen für das Gemeinschaftsleben eine immer wichtigere Rolle. Innerhalb des Strafrechts steht deshalb auch nicht mehr der Gedanke der Rache im Vordergrund, sondern der Aspekt der Wiedergutmachung.[9] Arbeitsteilige Gesellschaften zeichnen sich außerdem dadurch aus, daß sich die Form und die Intensität des Kollektivbewußtseins merklich verändern. Mit der Entwicklung und dem Fortschritt der Arbeitsteilung verringert sich das Gemeinschaftsbewußtsein, die mechanische Solidarität geht zurück. Das soziale Bewußtsein wird immer allgemeiner und abstrakter, dem Individuum bieten sich mehr Möglichkeiten zur Ausgestaltung des eigenen Lebens.[10] In dem Maße wie die religiöse Bedeutung des Kollektivbewußtseins zurückgeht, steigert sich die Berücksichtigung der Aspekte der Menschenwürde, der sozialen Gerechtigkeit und der Gleichheit aller Menschen. Durkheims Argumentation folgend läßt sich konstatieren, daß auch in entwickelten Gesellschaften ein Kollektivbewußtsein vorhanden ist, es haben sich lediglich die Inhalte und die Konkretations- bzw. Abstraktionsebene verändert.[11] „In der segmentierten Gesellschaft sind die Vorschriften sehr konkret und spezifisch, in der arbeitsteiligen Gesellschaft sind sie abstrakt und relativ allgemein gehalten.“[12] Durkheim erkennt jedoch auch, daß unterschiedliche Störungen zwischen Individuen und Gesamtgesellschaft entstehen können und dazu beitragen können, daß sich das Kollektivbewußtsein nicht optimal entwickeln kann. Dies führt dann unter gewissen Bedingungen dazu, daß ein anomischer Zustand innerhalb der Gesellschaft entsteht, ein „[...] Zustand des Auseinanderfallens individueller Handlungen und gesellschaftlicher Bedingungen.“[13]

Innerhalb der Entwicklung von mechanischer zu organischer Solidarität, also von segmentierten zu arbeitsteiligen Gesellschaften, ergeben sich auch bestimmte Konsequenzen für den einzelnen Menschen innerhalb der Gesellschaft , welche nachfolgend dargestellt werden.

[...]


[1] König, R.: Emile Durkheim. Der Soziologe als Moralist. In: Klassiker des soziologischen Denkens. Hrsg.: Käsler, D., München, 1976, S. 314.

[2] Vgl. Korte, H.: Einführung in die Geschichte der Soziologie. Opladen, 1992, S. 67.

[3] Ebenda, S. 71.

[4] Vgl. König, R., a.a.O., S. 314ff.

[5] Vgl. Müller, H.-P./Schmid, M.: Arbeitsteilung, Solidarität und Moral. In: Durkheim, E.: Über soziale Arbeitsteilung. Frankfurt a.M., 1996, S. 488ff.

[6] Durkheim, E.1 : Über soziale Arbeitsteilung. Frankfurt a.M., 1996, S. 128.

[7] Vgl. Korte, H., a.a.O., S. 68.

[8] Ebenda, S. 67f.

[9] Vgl. Ebenda, S. 66f.

[10] Vgl. König, R., a.a.O., S. 324f.

[11] Vgl. Korte, H., a.a.O., S. 68.

[12] Ebenda, S. 68.

[13] Ebenda, S. 71.

Details

Seiten
19
Jahr
1997
ISBN (eBook)
9783638307178
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v29108
Institution / Hochschule
Universität Trier – Fachbereich I
Note
1,3
Schlagworte
Emile Durkheim Soziale Differenzierung Konsequenzen Erziehungssystem Theorien Sozialisation

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