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Georg Simmel: Der Krieg und die geistigen Entscheidungen

Seminararbeit 2004 22 Seiten

Soziologie - Krieg und Frieden, Militär

Leseprobe

Inhaltsangabe

I. Einleitung

II. Georg Simmel – Zur Person

III. Der Krieg und die geistigen Entscheidungen - Zusammenfassung
III.1. Deutschlands innere Wandlung
III.2. Die Dialektik des deutschen Geistes
III.3. Die Krisis der Kultur
III.4. Die Idee Europa

IV. Diskussion
IV.1. Die Einstellung zum Krieg
IV.2. Das „überflüssige Wissen“
IV.3. Simmel als „Europäer“
IV.4. Anlehnung an den Nationalismus?

V. Quellen

I. Einleitung

Die vorliegende Arbeit behandelt die Schriften und Vorträge von Georg Simmel, die unter dem Titel „Der Krieg und die geistigen Entscheidungen“ erschienen sind.

Anfangs, also in Kapitel II, wird kurz biographische Information zur Person Georg Simmels erläutert, was dem besseren Verständnis und Beurteilung der Texte dienlich sein soll. Abstammung, Religionsbekenntnis und Universitäts-Karriere Georg Simmels sind nämlich nicht unwichtig und sollten beim Lesen seiner Lektüre im Hinterkopf behalten werden.

In Kapitel III wird „Der Krieg und die geistigen Entscheidungen“ zusammengefasst. Das Werk besteht aus vier Teilen: „Deutschlands innere Wandlung“, eine Rede vom November 1914, steht am Anfang. Der Aufsatz „Die Dialektik des deutschen Geistes“ und der Vortrag „Die Krisis der Kultur“, beide aus dem Jahr 1916, folgen. Den Abschluss bildet der kurze Aufsatz „Die Idee Europa“ aus dem Jahr 1915.

Nach der Zusammenfassung werden in Kapitel IV die Texte erläutert und diskutiert. Was sind die Grundzüge? Inwieweit haben sich die Ideen und Einstellungen Simmels im Laufe des Ersten Weltkrieges verändert? Wo sieht Simmel die Vorteile des Krieges? Ist er ein Kriegsbefürworter? Gibt es eine Nähe zum Nationalismus? Und wie steht Simmel zum Internationalismus? Ich habe versucht diese und weitere Fragen zu beantworten.

II. Georg Simmel – Zur Person

Georg Simmel kam am 1. März 1859 als jüngstes von sieben Geschwistern in Berlin zur Welt. Edward Simmel, der Vater von Georg, wurde 1810 in Breslau geboren. Der Kaufmann heiratete 1838 Flora Bodstein (ebenfalls aus Breslau) und gründete nach der Übersiedlung nach Berlin die Schokoladenfabrik „Felix und Sarotti“. Simmels Eltern waren jüdischer Herkunft, konvertierten aber beide zum Christentum. Er selbst war evangelisch getauft und erzogen, allerdings trat er während des Ersten Weltkrieges aus der Kirche aus.[1] Simmels Vater verstarb früh, woraufhin die Familie den Begründer und Inhaber der Musikedition Peters, Julius Friedländer, zum Vormund bestimmte. „Friedländer, zu dem Simmel ein väterliches Verhältnis hatte, vermachte ihm später einen Grossteil seines Vermögens. Dieses sicherte Simmel in seiner Zeit als Privatdozent das Überleben.“[2]

Im Jahr 1876 begann Simmel das Studium der Geschichte und der Philosophie an der Universität Berlin. Im Jahre 1885 habilitierte er mit der Schrift „Kantische Studien“ im Fach Philosophie und wurde zum Privatdozenten ernannt. Seine Lehrveranstaltungen avancierten aufgrund der überragenden rethorischen Fähigkeiten Simmels schnell zu einem gesellschaftlichen Ereignis, das auch zahlreiche nichtakademische Zuhörer anzog – zum Missfallen vieler Kollegen. 1890 heiratete Georg Simmel Gertrud Kinel. Mittlerweile war Simmels Haus ein Treffpunkt des Berliner Kulturlebens geworden, zum Freundeskreis zählten unter anderem die Dichter Rainer Maria Rilke und Stefan George. Mit der im selben Jahr erschienenen Schrift „Über soziale Differenzierung. Soziologische und psychologische Untersuchungen“ begründete Simmel die Sozialpsychologie. Ein Jahr nach der Heirat, also 1891, wurde Georg Simmels Sohn, Hans, geboren. Die uneheliche Tochter Angela, die aus der Verbindung zu seiner Studentin Gertrud Kantorowicz entstammt, hatte Simmel aus Liebe zu seiner Frau nie gesehen.[3]

1894 erschien der Aufsatz „Das Problem der Soziologie.“ Darin entwarf Simmel das Programm der Soziologie als selbständiger Wissenschaft. 1898 wurde ein Antrag der Philosophischen Fakultät auf Erteilung eines Extraordinariats eingebracht. Der Antrag scheiterte am Widerstand des Kultusministeriums – neben antisemitischen Motiven spielte wohl auch Simmels Außenseiterposition an der Universität eine Rolle. Zwei Jahre später wurde ein neuerlicher Antrag dann angenommen. Nicht nur deswegen war das Jahr 1900 außerordentlich wichtig für Georg Simmel. Sein Hauptwerk „Philosophie des Geldes“ erschien im selben Jahr, darin thematisierte er die Vervielfachung unpersönlicher Beziehungen in modernen Gesellschaften und die Konsequenzen für das Individuum. Trotz diesem Werk hatte Simmel auch später immer wieder mit Anfeindungen zu kämpfen. So wollte die Philosophische Fakultät der Heidelberger Universität eine vakante Professur mit ihm besetzen, was wiederum am Widerstand gegen seine Person scheiterte – und wiederum war der Widerstand vor allem antisemitisch bergründet.[4]

Im Jahr 1908 verfasste Simmel die Schrift „Soziologie: Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung.“ Darin etablierte er die Mikrosoziologie, mit der erstmals auch Objekte des Alltagslebens wissenschaftlich erörtert werden konnten. 1911 verlieh die Fakultät für Staatswissenschaften der Freiburger Universität Simmel die Ehrendoktorwürde, und 1914 erhielt er einen Lehrstuhl an der Straßburger Universität. Im Ersten Weltkrieg näherte sich Simmel teilweise nationalistischen Positionen an und verlieh dem weit verbreiteten Unbehagen an der Kultur Ausdruck.[5]

Am 26. September 1918 starb Georg Simmel in Straßburg an Leberkrebs.

III. Der Krieg und die geistigen Entscheidungen - Zusammenfassung

„Der Krieg und die geistigen Entscheidungen“ besteht – wie oben erwähnt - aus vier Hauptteilen: „Deutschlands innere Wandlung“, „Die Dialektik des deutschen Geistes“, „Die Krisis der Kultur“ und „Die Idee Europa.“

Die Schriften und Reden entstanden von 1914 – 1916, also in einer höchst prekären machtpolitischen Situation. Im Jahre 1914 hatte der Erste Weltkrieg begonnen, Deutschland war schnell in einen Zwei-Fronten Krieg verstrickt. In dieser politisch angespannten Lage entstanden diese Reden und Aufsätze Simmels. Im Folgenden sollen diese inhaltlich zusammengefasst und erläutert werden.

III.1. Deutschlands innere Wandlung

Hierbei handelt es sich um eine Rede, gehalten in Straßburg im November 1914. Im Juli desselben Jahres hatte Österreich-Ungarn Serbien den Krieg erklärt, und im August erklärte Deutschland Frankreich und Russland den Krieg.

Gleich am Anfang der Rede geht Simmel darauf ein und beschreibt die Erschütterung, die mit der Erklärung dieses Krieges „über jede Seele in Deutschland“ gekommen ist. Ebenso thematisiert er die Tatsache, dass Probleme und menschliche Schicksale im Angesicht dieser neuen Ereignisse plötzlich ganz „dünn und schmal“ geworden sind. Der Krieg überschattet alles. Simmel stellt klar, dass es das Deutschland, das er und seine Zeitgenossen gewohnt waren, nicht mehr gibt und nie mehr geben wird. Simmel zeigt sich sicher, dass sich alles fundamental ändern wird, weiß aber nicht wie oder in welche Richtung.

„Ein anderes Deutschland, als das in diesen Krieg hineinging, wird aus ihm hervorgehen.“[6]

Während diese Entwicklung für die Älteren in der Gesellschaft sehr problematisch verlaufen wird, sieht Simmel diesen Prozess bei der Jugend anders: Sie, die noch kaum Vergangenheit in diesem Deutschland hat, wird automatisch in die Zukunft des neuen Deutschland hineinwachsen. Für die Älteren tut sich ein Abgrund auf, und es stellt sich die Frage: In einem neuen Deutschland ein neues Leben beginnen oder in „Desorientiertheit und als unbrauchbares Überlebsel zugrunde zu gehen.“ Das Bewusstsein, dass es das „alte Deutschland“ nicht mehr länger geben wird, hat viele Menschen noch mehr erschüttert als die unmittelbare kriegerische oder politische Gefährdung, meint Simmel.

Ein Teil der Wandlung beinhaltete einen „neu gefühlten Zusammenhang zwischen dem Einzelnen und der ganzen Nation.“ Während im Alltag nur individuelle Unterschiede von Interesse sind, wird in solchen Situationen das Gemeinsame zunehmend wichtig. Das Allgemeine und das Individuelle bilden die Existenz also gemeinsam, niemand kann seine Existenz nur auf individuelle Punkte aufbauen. Dieses neue Bewusstsein sieht Simmel als „einen der größten Gewinne dieser großen Zeit.“

In alltäglichen Zeiten sieht das Gemeinsame anders aus: Durch Arbeitsteilung ist jeder von anderen abhängig, dadurch ist jeder einzelne dem Ganzen verbunden. In der schwierigen Zeit des Krieges gibt es laut Simmel eine andere Art von Einheit: nicht mehr durch das Handeln, sondern „unmittelbar“ geht der Einzelne auf das Ganze ein. In jedes Gefühl, jeden Gedanken ist eine „überindividuelle Ganzheit“ gewachsen. Dabei darf die Ganzheit nicht nur als eine Verwebung von Einzelnen gesehen werden, so Simmel. Das neue Verhältnis zwischen Individuum und Gesamtheit lässt sich veranschaulichen durch einen Krieger im Felde: „dass gleichsam der Rahmen auch des individuellsten Lebens durch das Ganze ausgefüllt ist.“[7]

Während früher das Tun nur begrenzte Auswirkungen hatte, hat sich mit dem Krieg vieles geändert: die labile Lage macht vieles fließend, die Wirkung jeder einzelnen Handlung streckt sich weiter hin, ist bedeutsamer, daher auch verantwortungsvoller.

Danach thematisiert Simmel wieder die Unvorhersehbarkeit der Zukunft. Das Wissen, dass sich alles ändert, ohne zu wissen, wie es später sein wird. Er beschreibt auch das in dieser Zeit alle fühlen, dass sie „Geschichte“ erleben, aus dem Grund, weil die Situation nicht mit etwas anderem aus der Vergangenheit vergleichbar sei.

[...]


[1] Vgl. Bürgi, Mirjam: Die Moderne im Verständnis von Georg Simmel, Soziologisches Institut der Universität Zürich, online: http://socio.ch/sim/index_sim.htm, letzter Zugriff: 30. Juni 2004.

[2] Bürgi, Mirjam: Die Moderne im Verständnis von Georg Simmel, Soziologisches Institut der Universität Zürich, online: http://socio.ch/sim/index_sim.htm, letzter Zugriff: 30. Juni 2004.

[3] Vgl. Deutsches Historisches Museum Berlin, online: http://www.dhm.de/lemo/html/biografien/SimmelGeorg/, letzter Zugriff 30. Juni 2004; vgl. auch: Soziologisches Institut der Universität Zürich, online: http://socio.ch/sim/bio.htm, letzter Zugriff: 30. Juni 2004; vgl. auch: Bürgi, Mirjam: Die Moderne im Verständnis von Georg Simmel, Soziologisches Institut der Universität Zürich, online: http://socio.ch/sim/index_sim.htm, letzter Zugriff: 30. Juni 2004.

[4] Vgl. Deutsches Historisches Museum Berlin, online: http://www.dhm.de/lemo/html/biografien/SimmelGeorg/, letzter Zugriff 30. Juni 2004.

[5] Vgl. Deutsches Historisches Museum Berlin, online: http://www.dhm.de/lemo/html/biografien/SimmelGeorg/, letzter Zugriff 30. Juni 2004.

[6] Simmel, Gesamtausgabe Band 16, S. 13.

[7] Simmel, Gesamtausgabe Band 16, S. 15.

Details

Seiten
22
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638308076
Dateigröße
562 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v29248
Institution / Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck – Soziologie
Note
Sehr Gut
Schlagworte
Georg Simmel Krieg Entscheidungen Universität Innsbruck

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Titel: Georg Simmel: Der Krieg und die geistigen Entscheidungen