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Interpretation des Gedichts "Auf der Terrasse des Café Josty" von Paul Boldt (1912)

Facharbeit (Schule) 2014 5 Seiten

Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Inhaltliche Wiedergabe und gedanklicher Aufbau
2.2 Epochale Einordnung
2.3 äußere Form
2.4 Erzählform
2.5 Interpretation

3. Schluss

1. Einleitung

In dem Sonett „Auf der Terrasse des Café Josty“, verfasst im Jahre 1912, thematisiert Paul Boldt mit einer sehr bildreichen Sprache die Hektik und die, in der fehlenden Möglichkeit für die individuelle Entfaltung bestehende, Problematik des eher negativ beschriebenen Großstadtlebens anhand der Beschreibung des Potsdamer Platzes in Berlin.

2. Hauptteil

2.1 Inhaltliche Wiedergabe und gedanklicher Aufbau

Das Gedicht zeigt eine klare, gedankliche Gliederung, wodurch der Inhalt in zwei Sinnesabschnitte unterteilt ist: Die ersten beiden Strophen beschreiben die Atmosphäre und das Verhalten der Menschen auf dem Potsdamer Platz am Tag. Die Strophen drei und vier beschreiben hingegen die Eindrücke desselben Platzes bei Nacht, wobei diese durchaus negativer sind, als die der ersten beiden Strophen, die ebenfalls eine eher negative Haltung des lyrischen Ichs suggerieren.

2.2 Epochale Einordnung

Das, in dem Gedicht „Auf der Terrasse des Café Josty“ behandelte, Thema und die Kritik am Leben in der Großstadt sind typische Motive expressionistischer Gedichte. Außerdem illustriert das Gedicht die Orientierungslosigkeit des modernen Menschen als Resultat des rasanten gesellschaftlichen Wandels und der technischen sowie wirtschaftlichen Entwicklung und objektiviert diesen in der immer komplexer korrelierenden Gesellschaft. Daraus folgt, dass sich das Gedicht, entsprechend auch der Entstehungszeit, eindeutig in die Epoche des Expressionismus einordnen lässt. Eine weitere zeitgenössische Bewegung, welche für das Verständnis und die Deutung des Werkes relevant ist, ist die Hochindustrialisierung, die zwischen 1870 und 1914 das agrarisch geprägte Deutschland in einen Industriestaat verwandelte.[1] Besonders spürbar wurde dies für die Bevölkerung durch die Tatsache, dass sich immer mehr Industrien in den Großstädten ansiedelten, wodurch diese größer, aber auch enger, unübersichtlicher und schmutziger wurden.

2.3 äußere Form

Wie bereits erwähnt ist das Gedicht in Form eines Sonetts geschrieben. Es besteht daher aus 4 Strophen, wobei die ersten beiden Strophen vierversig und die letzten beiden Strophen dreiversig sind. Die ersten acht Verse bilden zwei umschließende Reime, während das Reimschema in den Versen neun bis 14 variiert. Die Verse neun bis zwölf bilden hierbei einen strophenübergreifenden Kreuzreim und die Verse 13 und 14 einen einfachen Paarreim.

2.4 Erzählform

Das lyrische Ich beschreibt das Geschehen am Potsdamer Platz aus einer neutralen Erzählperspektive mit einer kritischen Haltung. Es befindet sich, wie der Titel verrät, auf der Terrasse des Café Josty, direkt am Potsdamer Platz. Daraus folgt, dass das Gedicht als subjektive Empfindung des Autors Paul Boldt anzusehen ist, aber dennoch einen allgemeingültigen Charakter und aufgrund der Verwendung des Präsenz auch eine große Aktualität und Relevanz aufweist.

2.5 Interpretation

Bereits die Sonettform korrespondiert mit der zentralen Aussageabsicht des Autors. Die eindeutig festgelegte äußere Form eines Sonetts spiegelt die systematische Regelung der verschiedenen Akteure und den fehlende Freiraum für eine individuelle Entwicklung der Menschen in dem Konstrukt Großstadt wieder.

Die erste Strophe beginnt mit einer Ortsbeschreibung des Geschehens und nennt durch die hyperbolische Personifikation des Ortes „in ewigen Gebrüll“ (Vgl. Vers 1) ein zentrales Motiv: Der Lärm der Großstadt, der durch die rhetorische Figur intensiv vermittelt wird und eine leicht negative Wertung erhält. Die Assonanz „alle hallenden“ (Vgl. Vers 2) und die, durch das Enjambement bedingte, versübergreifende Metapher „Lawinen der Straßentrakte“ (Vgl. Vers 2f.), die das hohe Verkehrsaufkommen in den Straßen meint, verdeutlichen den schnellen, ununterbrochenen und umfangreichen Verkehrsfluss, der wie eine Lawine über den Potsdamer Platz hereineinbricht. Die Metapher „Vergletschert“ am Anfang des zweiten Verses verdeutlicht dazu die durchgängige Präsenz der in den Versen drei und vier aufgelisteten Objekte, wobei durch die Objektivation „Menschenmüll“ erneut eine negative Wertung der Stadtmenschen erfolgt, indem sie in Massenform als Abfall bezeichnet werden. Dies stellt wiederum ein weiteres expressionistisches Motiv des Ich-Verlusts in der breiten Gesellschaft da. Das bereits erwähnte Enjambement illustriert förmlich das Durcheinander in der Großstadt, in dem es den Vers teilt und in eine neue Zeile verschiebt. Der Kontrast zwischen stumpfen Kadenzen in Vers 1 und 4 und klingenden Kadenzen in Vers 2 und 3 passt sich dem umgreifenden Reimschema an, wodurch ein weiteres wichtiges Motiv des Werkes, die Geschwindigkeit der Großstadt, aufgegriffen wird, indem der Leser so gezwungen ist, schneller zu lesen um den Reim zu vervollständigen. Außerdem wird so sinnbildlich das Stadtleben von Lärm und Menschenmassen eingeschlossen, wie auch die stumpfen Kadenzen die klingenden einschließen.

Gleich zu Beginn der zweiten Strophe wird deutlich, dass Boldt sich in seinem Gedicht mit der kritischen Haltung auf die Menschenmassen und nicht das Individuum an sich bezieht, indem er fortan den Plural verwendet. Durch die anschließende, erneute Objektivation „Die Menschen rinnen“ (Vgl. Vers 5) verstärkt er das Masseempfinden und kritisiert das fremdbestimmte Folgen der Laufströme in der Stadt ohne über das eigene Handeln nachzudenken. Ferner beschränkt sich der physische Vorgang des Rinnens auf gleiche oder Ähnliche Stoffe, wie beispielsweise rinnende Flüssigkeiten. In Bezug auf die Gesellschaft zeigt dies die Vereinheitlichung und den Individualitätsverlust der Menschen. Im sechsten Vers erfolgt ein epochentypischer Neologismus mit „Ameisenemsig“. Dieser untermalt das Durcheinander und das Hektische Bewegungsmuster der Menschenmassen, wobei die Artgenossen missachtet werden. Dennoch schwingt hier die positive, hohe Produktivität, die für Ameisen typisch ist, mit, die jedoch auch als reine Profitorientierung gedeutet werden kann und somit wieder in das kritische Muster Boldts passt. Der anschließende inverse Vergleich impliziert erneut eine enorme Hektik der Menschen, wobei die Inversion das Durcheinander wieder Mals thematisiert. Die Synekdoche „Stirne und Hände“ in Vers sieben bezeichnet den Körper, beziehungsweise genauer das Gehirn der Menschenmassen, welches durch die nachfolgende, reimbedingte Ellipse als Leer deklariert wird. Bezüglich der Leitmotive kann man dieses wieder der Ich-Dissoziation zuordnen, wodurch ausdrücklich der Verlust der Individualität und das unüberlegte Handeln ohne Gebrauch des Verstandes kritisiert werden. Der achte Vers beginnt mit einem metaphorischen Vergleich, in dem die menschlichen Bewegungsströme den gradlinigen Sonnenstrahlen, die durch das Geäst eines Waldes fallen, gleichgesetzt werden. Dies evoziert erneut ein Bild der Fremdbestimmtheit menschlichen Handlungen, aber suggeriert dennoch Hoffnung in Form eines positiven Bildes der Menschen als Sonnenstrahlen. Daraus lässt sich schließen, dass die Großstadt die Quelle des Übels und des Negativen ist und der Mensch an sich gut ist, jedoch schwächer und charakterloser wird, je mehr er in der Großstadtlebt. Also wie Sonnenstrahlen, die schwächer werden, je tiefer sie in den dunklen Wald eindringen. Das Reimschema besteht wieder aus einem umschließenden Reim, der dieselbe Funktion hat, wie bereits in der ersten Strophe, in beiden Strophen wird damit außerdem der Rhythmus geschwächt, womit wiederum das Durcheinander in der Stadt illustriert wird. Die strophenbeendenden Worte „dunkler Wald“ klingen sehr bedrohlich und verstärken somit das negative Bild der Stadt, wobei sie ebenfalls eine inhaltliche Überleitung zur dritten Strophe bilden.

Wie in der zweiten Strophe bereits induziert, spitzt sich nun in der dritten Strophe die Bedrohlichkeit des Platzes zu, indem er bei nächtlichen Regen in eine Höhle gehüllt wird (Vgl. Vers 9), wodurch beim Leser Kälte und eine gewisse Furcht assoziiert werden. Mit dem kontrastierenden Oxymoron „Fledermäuse, weiß“ in Vers zehn wird das Geschehen zunehmend surrealer. Hierbei wird ein neues Thema, die Zerstörung, beziehungsweise Veränderung und negative Einflussnahme auf die Natur aufgefasst: Die Fledermäuse haben ihre natürliche Farbe verloren. Dies steht sinnbildlich für den menschlichen Versuch, die Natur zu verschönern, wodurch er ihr im Endeffekt jedoch nur schadet. Im elften Vers erfährt der Rezipient nun auch ein gewisses Ekelgefühl durch die Periphrase „lila Quallen“, die noch im selben Vers als Öllachen identifiziert werden, welche von den vielen Autos und Industrien stammen. Hierbei wird das Zusammenspiel von der Natur, wie bereits in Vers zehn, und der Technik deutlich, wobei die Technik einen negativen Einfluss auf die Natur hat und sie unter anderem verschmutzt. Der zwölfte Vers, der reimschematisch noch zur dritten Strophe gehört, zeigt das immer noch vorhandene Verkehrsaufkommen, indem die Autos durch die Öllachen fahren. Der Kreuzreim bewirkt in dieser Strophe, dass das Lesetempo verlangsamt wird und damit simultan die nächtliche Atmosphäre als langsamer und ruhiger charakterisiert wird.

Den Klimax der Abneigung, des Ekels und der Hässlichkeit erreicht die nächtliche Großstadt in den Versen 13 und 14. Aus dem, am Tage noch mit „glitzernd Nest“ euphemistisch beschriebenen, Berlin stößt nun kontrastierend und metaphorisch der „Rauch der Nacht“ (Vgl. Vers 14), womit die Abgase der Fabriken und Industrien gemeint sind. Durch den anschließenden metaphorischen Vergleich „wie Eiter einer Pest“ wird dies extrem negativ bewertet und kritisiert, der Leser ekelt sich förmlich und fühlt so intensiv das evozierte Schreckensbild der Großstadt. Dazu kommt die Pest als Symbol für menschliche Machtlosigkeit, der das Individuum in der Großstadt unterliegt. Außerdem steht es für Endzeitstimmung und Zerfall sowie den verlorenen Glauben an Gott, was alles zu den Motiven des Expressionismus zählt.

3. Schluss

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Boldt die Großstadt und auch das assoziierte Verhalten der Menschen kritisiert. Er nennt Hässlichkeit, Naturschädigung, Lärm und Hektik sowie den zentralen Individualitätsverlust als negative Eigenschaften und Folgen des Großstadtlebens. Dieser Eindruck wird anhand vieler drastischer Tropen veranschaulicht und dem Rezipienten suggeriert, wodurch dies auch heute noch Nachvollziehbar ist. Paul Boldt protestiert mit diesem expressionistischen Sonett praktisch gegen die Kapitalinteressen und das ökonomische Nützlichkeitsdenken des Deutschen Kaiserreichs und der Großkonzerne und richtet den Appel, nicht blind der Masse zu folgen, an die Bewohner der Großstadt.

[...]


[1] Vgl. Wikipedia: Hochindustrialisierung in Deutschland, http://de.wikipedia.org/wiki/Hochindustrialisierung_in_Deutschland (Stand 01.06.2014)

Details

Seiten
5
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656934479
ISBN (Buch)
9783656934486
Dateigröße
474 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v292780
Note
1,0
Schlagworte
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Titel: Interpretation des Gedichts "Auf der Terrasse des Café Josty" von Paul Boldt (1912)