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Die herausragende Rolle von Akteuren im spanischen Transformationsprozess

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 35 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Stützpfeiler des Regimes

3. Konfliktpotenziale und Rahmenbedingungen

4. Das Ende des autoritären Regimes
4.1 Francos Tod und die Regierung Navarros
4.2 Die Regierung Suárez bis zum Gesetz über die politische Reform

5. Die Institutionalisierung der Demokratie
5.1 Ziele und Strategien der Opposition bis zu den Wahlen
5.2 Ziele und Strategien der Regierung und alten Regimeeliten bis zu den Wahlen
5.3 Von den Gründungswahlen zur Verabschiedung der Verfassung
5.3.1 Die Konsenspolitik
5.3.2 Der Charakter der Verfassung

6. Probleme der Konsolidierung

7. Die herausragende Rolle politischer Akteure

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Mit dem Tod des spanischen Diktators Francisco Franco im November 1975 setzte in Spanien eine Entwicklung ein, die innerhalb kürzester Zeit den Umbau eines zuvor diktatorischen Führerregimes in eine liberal-parlamentarische Demokratie begünstigte. Spanien war spätestens seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges aufgrund der Diskreditierung faschistischer Systeme international weitgehend isoliert und zunächst kaum in der Lage die eigenen innenpolitischen Probleme zu lösen. Insbesondere das Scheitern der autarken Wirtschaftspolitik führte in den 50er und Anfang der 60er Jahre zu verstärkten Arbeitskämpfen, bei denen die Arbeiter wiederholt ihren Unmut über die schlechte ökonomische Situation äußerten. Vor allem das Baskenland und die Bergbauregion in Asturien galten als Zentren dieser Auseinandersetzungen, denen das Regime mit harter Hand und zahlreichen Repressionen begegnete.[1]

Diesen Krisenerscheinungen konnte das Regime jedoch durch die Berufung des Opus Dei (katholische Laienorganisation) in die Regierung trotzen, die, nachdem bereits 1959 das „Wirtschaftsstrukturgesetz“, das als „Stabilisierungsplan“ bekannt wurde und eine kontrollierte Öffnung der spanischen Wirtschaft unter Beibehaltung der franquistischen Diktatur zum Ziel hatte, verabschiedet wurde, durch ihre ökonomischen Reformmaßnahmen wesentlichen Anteil an der weiteren Liberalisierung der spanischen Wirtschaft hatte und somit in hohem Maße zum „spanischen Wirtschaftswunder“ beitrug.[2]

Trotz dieser für das autoritäre Franco-Regime zunächst positiven Entwicklungen im ökonomischen Bereich, von denen es sich einen politischen Legitimitätszuwachs versprach, kristallisierten sich bald regimegefährdende Tendenzen heraus, wie beispielsweise die Veränderung der Sozialstruktur und die damit verbundende Entwicklung einer politischen Opposition, sowie immer häufiger auftretende Uneinigkeiten innerhalb der Regimeeliten.[3]

Warum es in den 70er Jahren in Spanien zu zahlreichen Krisenerscheinungen wie den o. g. kam und welche dies im Einzelnen waren, soll im dritten Kapitel der Arbeit geklärt werden. Bereits im zweiten Kapitel wird erläutert, welche gesellschaftlichen Kreise und Institutionen als Stützpfeiler das System über viele Jahre weitgehend stabilisierten. Ausgehend von den Krisenpotenzialen und Rahmenbedingungen, die Anfang der 70er Jahre in Spanien herrschten und als Ausgangssituation für den spanischen Systemwechsel fungierten, stellt sich die Frage nach der Bedeutung der politischen Akteure, die in dieser Arbeit eine besondere Berücksichtigung finden. Akteuren kommt in der neueren Transitionsforschung eine besondere Rolle zu, da akteurszentrierte Betrachtungsweisen von Übergangsprozessen im Gegensatz zu modernisierungstheoretischen, kulturalistischen und strukturalistischen Theorien erstmals auf der Mikroebene der handelnden Akteure ansetzen.[4]

Somit stehen nicht mehr nur statische Betrachtungen struktureller Demokratievoraussetzungen im Blickpunkt der Untersuchungen, sondern zunehmend auch die konkreten Ziele, Strategien und Handlungsmöglichkeiten der Akteure, die in großem Maße zur Einführung der Demokratie oder aber zur Kontinuität des alten Systems beitragen.[5]

Dabei wird von der Behauptung ausgegangen, dass handelnde Akteure die wichtigste Rolle beim Transformationsprozess in Spanien spielten und System-, Struktur-, und Kulturtheorien lediglich den Rahmen vorgaben, in dem sich die Akteure bewegen konnten. Im Laufe der Arbeit soll also die Frage beantwortet werden, ob handelnde Akteure mit ihren Strategien, und Präferenzen den Systemwechsel weitgehend bestimmten oder ob während der Handlungen der Akteure andere Faktoren eine gewichtigere Rolle spielten. Dies lässt sich allerdings nicht allgemeingültig bestimmen, sondern variiert von Transformationsfall zu Transformationsfall.[6]

Deswegen sollte versucht werden die verschiedenen Theoriestränge in einer Synthese zusammenzuführen, damit sie durch gegenseitige Ergänzung, Schwachstellen weitgehend ausmerzen und den Systemwechsel in der Wechselwirkung verschiedener Faktoren erklären können.[7]

So kann nachdem die Rahmenbedingungen und Krisenpotenziale des Systems herausgearbeitet wurden eine Dreiteilung des Transformationsprozesses im Sinne der Phaseneinteilung Wolfgang Merkels erfolgen, der zwischen dem Ende des autoritären Systems, der Institutionalisierung der Demokratie und der Konsolidierung der Demokratie unterscheidet.[8]

Es muss also nach den Motiven gesucht werden, die die Regimeeliten dazu veranlassten eine Liberalisierung des Systems einzuleiten und somit die Weichen für die Einführung eines demokratischen Systems zu stellen. Nachdem die Verabschiedung des „Gesetzes zur politischen Reform“, welches eine Reihe von Veränderungen und die Auflösung der franquistischen Cortes beinhaltete, das Ende des autoritären Systems besiegelte, soll im vierten Teil der Arbeit der Institutionalisierungsvorgang des Systems erläutert werden. Insbesondere in dieser Phase muss besonderes Augenmerk auf die Ziele und Strategien der Akteure, darüber hinaus aber auch auf ihr Kräfteverhältnis zueinander, gelegt werden, um den besonderen Charakter der spanischen Transformation, die als paktierte Reform erfolgte[9] und somit ein typisches Beispiel eines paktierten Regimeübergangs darstellt, erklären zu können. Anschließend kann dann kurz auf Probleme, die sich in der Phase der Konsolidierung des politischen Systems, also nach der Verabschiedung der Verfassung, ergaben, hingewiesen werden, wobei versucht werden soll diese Probleme direkt aus der Verfassung und den historischen Konfliktlinien des Landes abzuleiten. Hierbei soll vor allem das Konzept der vier analytischen Konsolidierungsebenen aufgegriffen werden, welches Wolfgang Merkel auf den Überlegungen von Juan Linz und Alfred Stephan aufgebaut hat.[10]

Abschließend wird im letzten Teil der Arbeit ein Fazit gegeben, welches die besondere Rolle von Akteuren im spanischen Transformationsprozess, die bis dahin allerdings mehr als deutlich geworden sein sollte, nochmals prägnant unterstreicht.

2. Die Stützpfeiler des Regimes

Als Franco nach seinem Sieg im Bürgerkrieg begann den spanischen Staat politisch und wirtschaftlich neu zu gestalten, spielten verschiedene gesellschaftliche Kräfte eine entscheidende Rolle dabei. Besonders konservativ-katholische und militärische Traditionen, sowie die Ideologie der Falange, auf die sich Franco immer wieder stützte, wurden wesentlich in das politische System integriert. Da das franquistische Regime seine Legitimität nicht über demokratische Wahlen bezog, sondern direkt aus dem Bürgerkrieg und dem traditionellen spanischen Katholizismus, bedurfte es keiner demokratischen Institutionen oder einer an wesentlichen Grundrechten orientierten Verfassung. Vielmehr begnügte das Regime sich damit eine Reihe von sogenannten Grundgesetzen zu erlassen, die als konstitutionelle Basis des Systems dienen sollten.[11]

Interessant erscheint es, an dieser Stelle die wesentlichen Stützpfeiler des Franco-Regimes näher zu beleuchten und Motive dafür zu suchen, warum verschiedene gesellschaftliche Kräfte oder institutionelle Einrichtungen ein Interesse daran hatten die autoritäre Diktatur Francos zu erhalten. Dabei lassen sich insgesamt vier wesentliche Regimestützen herausarbeiten: Die Armee, die Kirche, die Falange und die Bürokratie.[12]

Darüber hinaus nahmen sicherlich noch die Klasse der Großgrundbesitzer und Teile der Finanzoligarchie eine wichtige Stellung im franquistischen Staat ein, auf die am Ende dieses Kapitels ebenfalls eingegangen werden soll.

Die Armee stellte für die Kontinuität und die Stabilität des Regimes sicherlich die wichtigste Stütze dar. Sie fungierte als ein wesentliches Repressionsmittel gegen jede Art systemfeindlicher Agitationen. Bis Anfang der 50er Jahre war die Armee mehr oder minder durchgehend mobilisiert und besaß seit 1941 die Kontrolle über den gesamten Polizeiapparat und die Guardia Civil, eine Art paramilitärische Polizei.[13]

So war es der Armee möglich als repressiver Arm des Franco-Regimes zu fungieren und als wichtige Stütze des Systems Einfluss auf das politische Geschehen zu wahren. Doch obwohl das Militär das physische Bestehen des franquistischen Staates absicherte und große Präsens in den Apparaten, der Verwaltung und der Regierung zeigte, schaffte es Franco jedoch die Macht so zu verteilen, dass die Armee keinen übermäßigen Einfluss auf politischer Ebene gewinnen konnte. Franco, der insbesondere in den Anfangsjahren seiner Diktatur die Armee benötigte, um stabile Verhältnisse zu schaffen, entzog dieser in den 50er Jahren zunehmend die innere Repressionsfunktion, die er mehr und mehr der Polizei übertrug, welche sich daraufhin zu einer der wichtigsten Stützpfeiler des franquistischen Herrschaftssystem entwickelte. So wurde das Militär während der Franco-Herrschaft immer mehr in die Rolle des verfassungsmäßigen Ordnungshüters gedrängt.[14]

Zwar erfüllte die Armee weiterhin eine für die Stabilität des Systems enorm wichtige Funktion. Allerdings nahm der politische Einfluss, den sie auf die franquistische Politik ausüben konnte, kontinuierlich ab.

Als zweite Stütze des Regimes wäre die katholische Kirche zu nennen. Sie war insofern eine für das Regime unverzichtbare Institution, als dass sie dem Bürgerkrieg und vor allem der anschließenden Etablierung des diktatorischen Regimes ihren Segen erteilte.[15]

Die Kirche erzeugte somit über ihre Zustimmung zur Franco-Diktatur eine gewisse Legitimationsgrundlage, die vor allem bei katholischen-konservativen Kreisen in der Gesellschaft auf Zustimmung stieß. Als Gegenleistung wurde der Katholizismus unter Franco zur Staatsreligion erhoben und Kirchen wurden auf Grundlage eines 1946 geschlossenen Abkommens vom Staat subventioniert. Außerdem wurde der Kirche eine Reihe von Rechten zugesprochen. So durfte sie als einzige Institution Ehen schließen und Scheidungen bewilligen. Darüber hinaus oblag ihr quasi die vollständige Kontrolle über den Bildungssektor.[16]

Die Konsequenz war, dass eine allmähliche Säkularisierung des spanischen Staates zunächst ausblieb und die Kirche stattdessen, durch die Restauration ihrer vorrepublikanischen Zuständigkeiten, einer Reihe von Fächern, u. a. Religion, Staatsbürgerkunde und Leibeserziehung neue Bedeutung zukommen lassen konnte, in deren Folge sie politischen Dogmatismus, restriktive Lernmethoden und katholische Konfessionalität zu wesentlichen Leitlinien des spanischen Bildungssystems erhob.[17]

Durch diese und verschiedene andere Kirchenprivilegien, die hier nicht alle im Einzelnen erläutert werden können, war es der Kirche möglich großen Einfluss auf die Bildung der öffentlichen Meinung, die Erziehung und Angelegenheiten des Zivilrechts und der Finanzen zu nehmen. Politisch hatte die Kirche ebenfalls Einfluss, da sie in wesentlichen Institutionen der Verwaltung aber auch der Regierung vertreten war. So bildete das Opus Dei 1969 beispielsweise fast die gesamte Regierung.[18]

Dennoch muss festgestellt werden, dass Franco es, ähnlich wie im Falle der Armee, schaffte den Einfluss der Kirche auf politische Angelegenheiten zurückzuschrauben. Zwar wollte er die Kirche durch Zugeständnisse und Privilegien dicht an den Staat binden, sie teilweise sogar mit ihm verschmelzen. Allerdings geschah dies vor allem aus Überlegungen zur Legitimitätsbeschaffung, da sich ein nicht unerheblicher Teil der spanischen Bevölkerung über die katholische Religion direkt oder indirekt an den franquistischen Staat binden ließ. So wurden beispielsweise Predigten immer wieder von staatlicher Propaganda durchsetzt[19], was darauf hindeutet, dass viele Priester dem Regime durchaus anhangen, zumindest ihm aber nicht sonderlich kritisch gegenüberstanden. Der große Einfluss, den die Kirche während der Franco-Diktatur vor allem auf die Gesellschaft ausübte, sollte im Zuge der 60er und 70er Jahre von besonderer Bedeutung sein, da sich im Spätfranquismus im niederen Klerus und unter den Bischöfen eine Fraktion herausbildete, die sich immer deutlicher von den repressiven Methoden des Systems distanzierte, zunehmend für eine Reformierung und Demokratisierung Spaniens eintrat und sich mit der illegalen Opposition und den sozialen und ökonomischen Forderungen der Arbeiter solidarisierte.[20]

So fiel durch die Distanzierung der Kirche vom franquistischen Staat in der Endphase der Franco-Diktatur eine der entscheidenden Stützen des Systems weg, worauf im folgenden Kapitel noch eingegangen werden soll. Zwar konnte die Kirche keine vergleichbare Bedeutung wie z. B. in Polen für die spätere Oppositionsbewegung erlangen, dennoch ist ihr Einfluss auf die Erziehung und auch die politische Willensbildung verschiedenster Klassen und Schichten nicht zu unterschätzen.

Die Falange hingegen besaß eine weitaus schwächere Stellung im franquistischen Staat. Zwar bildete sie während der Zweiten Republik eine wichtige Mobilisierungsinstanz und diente zunächst weitgehend als ideologischer Überbau des Staates. Jedoch wurde sie durch zunehmende Stabilisierung des Systems schnell politisch neutralisiert und institutionell-ideologisch marginalisiert. Das ist besonders auf die eigene Schwäche der Falange zurückzuführen, die in den 40er und 50er Jahren immer mehr entmachtet wurde. Allerdings leistete sie beim Aufbau des autoritären Staates einen wichtigen Beitrag zur Ideologie. Ihre Ideen und Ideale fanden Eingang in wesentliche Grundgesetze des franquistischen Staates. Beispiele hierfür wären die Ausgestaltung des Arbeitsrechts oder die Ablehnung jeder Form von Separatismus und politischer Parteien.[21]

Die Falange konnte jedoch bezüglich ihrer Stellung im Staat nie eine vergleichbare Bedeutung wie die deutsche NSDAP erlangen. Das lässt sich vor allem damit erklären, dass Franco seine außergewöhnliche Stellung innerhalb des Systems behalten wollte und er vor allem im Zuge der Diskreditierung des Faschismus nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kein Interesse mehr an einer starken faschistischen Partei haben konnte. Darüber hinaus bestand auch innerhalb der Franco unterstützenden Kräfte kein Interesse an einer den Staat komplett durchsetzenden starken Partei.[22]

So kann spätestens seit Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr von einer mobilisierenden Massenpartei gesprochen werden. Vielmehr wollten die wesentlichen Stützpfeiler des Regimes und auch Franco selbst anstatt der Mobilisierung, eine Passivierung der Bevölkerung erreichen. Also wurde die Falange als Teil der „Nationalen Bewegung“ (movimiento nacional), in der auch andere legale politische Kräfte vereint waren und an deren Spitze sich Franco stellte, fast vollständig entmachtet. Zwar wurde sie für den Staatsapparat institutionalisiert und mit der staatlichen Bürokratie weitgehend verschmolzen, was immerhin ihren Fortbestand garantierte. Allerdings spielte sie auf politischer Ebene kaum eine Rolle mehr. Lediglich die Kontrolle über die Gewerkschaften und die Ausgestaltung der Arbeitsbeziehung blieben ihr erhalten.[23]

Als vierte Stütze des Systems diente die Bürokratie. Sie erleichterte die Herrschaft des autoritären Regimes, da sie durch ihre ständige Ausweitung die nicht vorhandene Massenbasis teilweise ersetzte. Franco konnte durch eine aufgeblähte Bürokratie seine personifizierte Herrschaftsweise absichern, indem die Bürokraten ihren Eid auf die „Nationale Bewegung“ leisteten. Darüber hinaus übernahm die Bürokratie eine Art Brückenfunktion, um seine Politik in die Gesellschaft hineinzutragen.[24]

Neben diesen vier für das System relevanten Stützpfeilern, gab es mit den Großgrundbesitzern und Teilen der Finanzoligarchie eine soziale Klasse, die charakteristischerweise das System ebenfalls befürwortete und unterstützte. Das lag vor allem an ihrer privilegierten Stellung, die sie innerhalb des Systems besaß. Die Großgrundbesitzer profitierten dabei hauptsächlich vom Unwillen der Franco-Diktatur wesentliche landwirtschaftliche Reformen durchzuführen. Vielmehr entschädigte der franquistische Staat die Großgrundbesitzer für die kollektiven Enteignungen des Bürgerkrieges und garantierte ihnen staatliche Preise für ihre Erzeugnisse im Zuge der autarken Wirtschaftspolitik. Darüber hinaus blieben die Arbeitslöhne der Landarbeiter so niedrig, dass die Großgrundbesitzer eine Modernisierung und Mechanisierung des Agrarsektors vorerst nicht in Betracht zogen.[25]

In ähnlicher Weise erhielten auch große Teile der Finanzoligarchie ihre privilegierte Stellung unter Franco zurück. Durch ein 1946 verabschiedetes Gesetz zur Bankenordnung wurde der Oberste Bankenrat gegründet, durch den für führende Vertreter der wichtigsten Banken die Möglichkeit bestand, institutionalisierten Einfluss auf die staatliche Wirtschaftspolitik zu nehmen. Da der Staat die Monopolstellung der Großbanken förderte, hatte die Finanzoligarchie die Möglichkeit über Kreditvergabe direkt Einfluss auf die Industrie zu nehmen.[26]

Durch den Einfluss der Großgrundbesitzer und der Finanzoligarchie auf wirtschaftspolitische Fragen, gelang es beiden Klassen grundlegende Strukturreformen im Agrarsektor lange Zeit zu verhindern.

Es ist deutlich geworden, dass sich das Franco-Regime auf eine ganze Reihe verschiedener Institutionen oder sozialer Klassen stützen konnte und somit eine gewisse Legitimität für sein System zu schafften versuchte. Alle systemstabilisierenden Kräfte verlangten jedoch im Gegenzug politischen, ökonomischen oder gesellschaftlichen Einfluss oder aber eine Reihe an Privilegien, um die eigene Stellung im System zu sichern. Obwohl einige der genannten Kräfte es durchaus schafften wesentlichen Einfluss in bestimmten Bereichen zu erlangen, war die herausragende Stellung Francos im Staat unbestritten. So war der Diktator praktisch über Jahrzehnte hinweg unangefochten im Besitz der politischen Macht. Er vereinigte in seiner Person die Ämter des Staats- und Regierungschefs, war Oberbefehlshabers der Armee, sowie Führers der „Nationalen Bewegung“. Darüber hinaus besaß er exekutive und legislative Gewalt und hatte die Möglichkeit die wichtigsten Staatsmänner selbst zu ernennen.[27]

3. Konfliktpotenziale und Rahmenbedingungen

Im Zuge verschiedener Faktoren kam es Ende der 60er Anfang der 70er Jahre zu zahlreichen Krisenerscheinungen, die an den o. g. Grundfesten und Stützpfeilern des Systems zu rütteln begannen. Wie das letztlich passieren konnte und welche Krisenerscheinungen den Rahmen für die spätere Transition bildeten, soll an dieser Stelle erläutert werden. Zunächst kam es bedingt durch den ökonomischen Erfolg der 60er Jahre zu Verschiebungen innerhalb der sozialen Klassen. Denn seitdem die Technokraten der Opus Dei die Wirtschaftspolitik weitgehend bestimmten, entwickelte sich im Zuge der liberalen Öffnung des ökonomischen Systems, die an die Stelle der autarken Wirtschaftspolitik trat, ein erhebliches Wirtschaftswachstum. Das ist u. a. auch auf ausländisches Kapital zurückzuführen, welches aufgrund der liberalen Öffnung vermehrt nach Spanien floss.[28]

Die genauen Gründe für diesen ökonomischen Aufstieg des Landes sollen jedoch nicht weiter erläutert werden. Vielmehr spielten die unmittelbaren Folgen dieser Entwicklung eine entscheidende Rolle für die Transformation. Denn die Entwicklung kapitalistischer Klassenstrukturen, die aufgrund der rasanten Industrialisierung Spaniens immer offensichtlicher wurde, schwächte die Stellung agrarischer Großgrundbesitzer und verbesserte die Organisationsfähigkeit der „untergeordneten Klassen“ erheblich.[29]

[...]


[1] Schmidt, Peer (Hrsg.): Kleine Geschichte Spaniens, Bonn 2005, S. 463-465.

[2] Köhler, Holm-Detlev: Spaniens Gewerkschaftsbewegung. Demokratischer Übergang – Regionalismus –ökonomische Modernisierung, Münster 1993, S. 58-59.

[3] Ölke, Heinz: Spanien. Politischer Wandel und liberale Ökonomie. Analyse der sozialistischen Wirtschaftspolitik, unveröffentlichte Dissertation, Koblenz 1992, S. 31-36.

[4] Merkel, Wolfgang: Systemtransformation. Eine Einführung in die Theorie und Emperie der Transformationsforschung, 2. überarb. und erw. Aufl., Wiesbaden 2010, S. 84-85.

[5] ebd.

[6] ebd., S. 88.

[7] ebd., S. 87-89.

[8] vgl. ebd., S. 93-96.

[9] Bernecker, Walther: Spaniens Übergang von der Diktatur zur Demokratie. Deutungen, Revisionen, Vergangenheitsaufarbeitung, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, Bd. 52, Heft 4, 2004, S. 694.

[10] vgl. Merkel, Wolfgang: Systemtransformation. Eine Einführung in die Theorie und Emperie der Transformationsforschung, 2. überarb. und erw. Aufl., Wiesbaden 2010, S. 110-113.

[11] Bernecker, Walther/Pietschmann, Horst: Geschichte Spaniens. Von der frühen Neuzeit bis zur Gegenwart, Stuttgart 1993, S. 328.

[12] Ölke, Heinz: Spanien. Politischer Wandel und liberale Ökonomie. Analyse der sozialistischen Wirtschaftspolitik, unveröffentlichte Dissertation, Koblenz 1992, S. 18.

[13] ebd., S. 18-19.

[14] ebd., S. 19-20.

[15] ebd., S. 20-21.

[16] Bernecker, Walther/Pietschmann, Horst: Geschichte Spaniens. Von der frühen Neuzeit bis zur Gegenwart, Stuttgart 1993, S. 332-333.

[17] ebd.

[18] Ölke, Heinz: Spanien. Politischer Wandel und liberale Ökonomie. Analyse der sozialistischen Wirtschaftspolitik, unveröffentlichte Dissertation, Koblenz 1992, S. 20-21.

[19] ebd.

[20] Hartmann, Jürgen: Spanien nach Franco, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Heft 31, 1979, S. 31-32.

[21] Bernecker, Walther/Pietschmann, Horst: Geschichte Spaniens. Von der frühen Neuzeit bis zur Gegenwart, Stuttgart 1993, S. 330-331.

[22] Ölke, Heinz: Spanien. Politischer Wandel und liberale Ökonomie. Analyse der sozialistischen Wirtschaftspolitik, unveröffentlichte Dissertation, Koblenz 1992, S. 21-24.

[23] ebd.

[24] ebd., S. 24-25.

[25] Bernecker, Walther/Pietschmann, Horst: Geschichte Spaniens. Von der frühen Neuzeit bis zur Gegenwart, Stuttgart 1993, S. 332-333.

[26] ebd.

[27] ebd., S. 327-330.

[28] Schmidt, Peer (Hrsg.): Kleine Geschichte Spaniens, Bonn 2005, S. 467.

[29] Kraus, Peter: Nationalismus und Demokratie. Politik im spanischen Staat der Autonomen Gemeinschaften, Wiesbaden 1996, S. 37.

Details

Seiten
35
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656901099
ISBN (Buch)
9783656901105
Dateigröße
597 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v292904
Institution / Hochschule
Universität Rostock – Institut für Politik- und Verwaltungswissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
rolle akteuren transformationsprozess

Autor

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Titel: Die herausragende Rolle von Akteuren im spanischen Transformationsprozess