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Der Georgienkrieg 2008 als Interessenskonflikt überregionaler Akteure

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 34 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Russland, Länder der ehemal. Sowjetunion

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die historische Entwicklung der Konflikte in Abchasien und Südossetien

3. Entwicklungen in den georgisch-russischen Beziehungen seit der Rosenrevolution

4. Die Rolle relevanter überregionaler Akteure und ihre Interessen
4.1 Rolle und Interessen Russlands
4.2 Rolle und Interessen der USA (und NATO)
4.3 Rolle und Interessen der EU

5. Der Georgienkrieg
5.1 Ursachen, Anlass und Verlauf des Georgienkrieges
5.2 Ergebnisse des Georgienkrieges

6. Das neue Verhältnis Russlands zum Westen

7. Künftige Entwicklungen und mögliche Beiträge der EU zur Beilegung des Konfliktes

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Als in der Nacht vom 7. auf den 8. August 2008 georgische Soldaten die Grenze zur abtrünnigen georgischen Provinz Südossetien passierten, die, nach Aussage Kuraschwilis, einem hohen georgischem General, in einem Blitzkrieg die „verfassungsmäßige Ordnung wiederherstellen“[1] sollten, konnte noch niemand ahnen, welche Konsequenzen die vernichtende Niederlage der georgischen Armee, sowohl für Georgien selbst, den Kaukasus als Region, als auch für die Weltpolitik, insbesondere das Verhältnis Europas und der USA zu Russland haben würde.

Neben der Streitregion Südossetien ist auch Abchasien nach geltendem Völkerrecht Teil des georgischen Staatsgebiets, de facto aber seit der Unabhängigkeit Georgiens im Jahre 1991 nie effektiv unter georgischer Kontrolle gewesen. Denn im Zuge des Zusammenbruchs der Sowjetunion kam es in Georgien zu blutigen Bürgerkriegen gegen ossetische und abchasische Milizen, welche teilweise vom russischen Militär unterstützt und durch die Waffenstillstandsabkommen 1992 für Südossetien und 1994 für Abchasien beendet wurden.[2]

Diese beinhalteten die Aufstellung von Friedenstruppen, die in beiden Regionen die Waffenruhe erhalten sollten, bis eine politische Lösung für die Beilegung der Konflikte gefunden sein würde. In Abchasien kam es daraufhin zur Aufstellung einer GUS-Friedenstruppe, an der sich allerdings lediglich russische Soldaten beteiligten. Zusätzlich wurde mit der Mission UNOMIG (United Nations Observer Mission in Georgia) der Versuch einer eingeschränkten Internationalisierung des Konfliktes durch die UNO unternommen, die den Waffenstillstand in der Folgezeit überwachen sollte.[3]

In Südossetien wurde hingegen eine andere Lösung initiiert. So wurde eine russisch-georgische Friedenstruppe eingesetzt, an der sich aber auch Südosseten und Nordosseten beteiligten.[4]

Dabei sollte vor allem durch die Beteiligung aller relevanten Parteien eine effektive Konfliktlösung ermöglicht werden, die in der Folge allerdings ausblieb. Warum keine effektive Konfliktlösung gefunden werden konnte, davon wird an einer späteren Stelle noch zu sprechen sein. Unterstützt wurde diese Friedenstruppe von einer kleinen, lediglich sechs Mann umfassenden OSZE-Mission, die, ähnlich wie UNOMIG in Abchasien, die Überwachung des Friedeneinsatzes übernahm.[5]

Da Georgien im Oktober 2008 mit seinem Einmarsch in Südossetien den Waffenstillstand von 1992 einseitig aufkündigte, wurde Russland der Weg für ein militärisches Eingreifen geebnet. Dabei war der Ausbruch dieses Krieges kein Zufallsprodukt oder das überraschende Ergebnis plötzlicher Gewaltausbrüche. Vielmehr zeichnete sich die Gefahr einer militärischen Auseinandersetzung zwischen Russland und Georgien seit längerer Zeit ab. Das hängt einerseits mit der georgischen Unzufriedenheit über den eingefrorenen Status der beiden Konflikte zusammen und dem Vorwurf, dass Russland diese dazu instrumentalisiere, um seinen Einfluss in Georgien zu wahren[6], andererseits mit der, spätestens seit dem Machtwechsel nach der Rosenrevolution, forcierten Westintegration Georgiens, das unter seinem Präsidenten Sakashvili offen in Richtung EU und NATO strebt. Dieses Verhalten verärgerte Russland zunehmend. Zwar erkannte es zumindest faktisch die territoriale Integrität Georgiens weiter an, machte den Verbleib der beiden abtrünnigen Provinzen im georgischen Staatsverband aber u. a. von der Aufgabe der angestrebten Westintegration abhängig. Das lässt sich damit erklären, dass Russland gewillt war bei einem tatsächlichen Verlust seines Einflusses in Georgien wenigstens eine minimale Machtposition südlich des Kaukasuskammes in Südossetien und Abchasien zu erhalten.[7]

Mit der einseitigen Anerkennung der beiden Provinzen als eigenständige Staaten hat Russland nach dem Krieg gegen Georgien, am 26. August 2008 einseitig Fakten geschaffen, die eine Lösung im Sinne der territorialen Integrität Georgiens ausschließen und somit eine merkliche Verschlechterung russischer Beziehungen zum Westen bewirkten. Zwar steht und stand der Westen zu keinem Zeitpunkt geschlossen hinter Georgien, allerdings wurde der russische Gegenangriff, bei dem russische Truppen bis ins georgische Kernland vorstießen, überwiegend mit Unbehagen aufgenommen, da sich dadurch die Frage eröffnete, wie Russland es mit der Souveränität seiner Nachbarn hält.[8]

Außerdem blieb unklar, ob dieser Krieg, bei dem erstmals seit Ende der Sowjetunion russische Truppen in einen souveränen Staat einmarschierten, eine Ausnahme oder den Anfang imperialer Reintegrationspolitik im postsowjetischen Raum darstellt, bei dem das nächste Ziel möglicherweise die Ukraine sein könnte.[9]

Das Ziel dieser Arbeit ist es im Wesentlichen die Konsequenzen und Ergebnisse des Krieges zu untersuchen und in einen internationalen Interessenzusammenhang zu stellen. Zum besseren Verständnis der divergierenden Entwicklungen zwischen Georgien und Russland wird deshalb von der historischen Entwicklung der beiden Territorialkonflikte ausgegangen. Anschließend soll die Entwicklung georgisch-russischer Beziehungen seit der Rosenrevolution untersucht werden. Diese verschlechterten sich aufgrund verschiedener Ereignisse und Tendenzen, auf die dann später eingegangen werden soll. Im vierten Kapitel werden dann die konkurrierenden Interessen überregionaler Akteure am Kaukasus, vor allem der USA und der EU auf der einen Seite, und die Interessen Russlands auf der anderen Seite beleuchtet. Das ist notwendig um die internationale Dimension des Konfliktes zu verstehen und die überregionale, militärstrategische, sicherheits- und energiepolitische Bedeutung des Kaukasus zu verdeutlichen. Im Folgenden muss dann auf den Georgienkrieg eingegangen werden. Nachdem ein Überblick über Anlass und Ursachen (und ganz kurz den Verlauf) des Krieges gegeben wurde, stehen vor allem die Ergebnisse der Auseinandersetzung im Vordergrund. Zuletzt kann dann das neue Verhältnis Russlands zum Westen angeschnitten und die Frage geklärt werden, wie die EU eine friedliche und demokratische Entwicklung im Kaukasus fördern kann, die aufgrund zunehmender Bedeutung der Region in den Kalkülen westlicher Staaten, immer wichtiger wird.[10]

2. Die historische Entwicklung der Konflikte in Abchasien und Südossetien

Die Konflikte um Abchasien und Südossetien, die sich im August 2008 gewaltsam in einem Krieg zwischen Russland und Georgien entluden, reichen weit in die Vergangenheit zurück. Einige Abchasen und Südosseten berufen sich sogar noch auf existierende Fürstentümer vor der zaristischen Expansion[11], deren vertiefte Behandlung allerdings den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde. Deshalb soll sich auf die problematische Entwicklung der Konflikte während und nach der Zeit der Sowjetunion konzentriert werden. Demnach muss besonders die sowjetische Nationalitätenpolitik unter Stalin als eine der Hauptursachen für die Konflikte gesehen werden. Nachdem die Rote Armee im März 1921 Tiflis erobert hatten, wurde Georgien zu einer von Moskau gesteuerten Sowjetrepublik erklärt. Südossetien hingegen, welches von 1918-1921 Bestandteil der Demokratischen Republik Georgien gewesen war und 1920 nach Beschneidung seiner Selbstverwaltungsrechte Aufstände gegen Georgien führte, wurde am 31. Oktober 1921 der Status eines Autonomen Gebietes innerhalb der Georgischen Sozialistischen Sowjetrepublik (GSSR) verliehen. Der Wunsch einer gleichberechtigten Föderation zwischen zwei Sowjetrepubliken oder aber eine Vereinigung mit dem zur Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik (RSFSR) gehörendem Nordossetien wurde kategorisch abgelehnt.[12]

Somit war durch die Unterdrückung bzw. Ignoranz der ossetischen Wünsche bereits in dieser frühen Phase des sowjetischen Staates das Potenzial für einen weitreichenden Konflikt zwischen Georgien und Südossetien um den Autonomiestatus der Provinz gegeben. Anders entwickelte sich die Situation zwischen Abchasien und Georgien. Nachdem die Rote Armee Georgien erobert hatte, erhielt Abchasien 1921 den Status einer Sozialistischen Sowjetrepublik und wurde damit Georgien innerhalb der UdSSR gleichgestellt. Erst 1931 wurde Abchasien nach einer Herabstufung zu einer Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik Georgien unterstellt.[13]

Fortan wurden kulturelle Rechte beschnitten und jede Bestrebung nach nationaler Identität als konterrevolutionär bestraft (ähnlich wie in Südossetien). Auch die Einführung des georgischen Alphabets stellte einen Akt zunehmender „Georgisierung“ dar, in deren Folge viele Abchasen ihre Heimat verließen und somit eine Veränderung in der ethnischen Zusammensetzung bewirkten. Lebten 1926 noch 27,8 % Abchasen in Abchasien, waren es 1959 nur noch 15,9 %, bis 1989 eine Stagnation bei 17 bis 18 % eintrat. Im Gegenzug erhöhte sich der Anteil an Georgiern von 33,5 % im Jahre 1926 auf 39,1 % 1959, ehe er zwischen 1970 und 1989 konstant bei 41 bis 45 % blieb.[14]

So entwickelten sich in Folge der sowjetischen Nationalitätenpolitik in beiden Regionen Konfliktpotenziale, die sich aufgrund des repressiven Charakters des politischen Systems der UdSSR jedoch zunächst nicht entluden, aber schrittweise eskalierten, als Gorbatschow durch „Glasnost und Perestroika“ die Liberalisierung des politischen Systems einleitete.[15]

Die Entwicklung dieser Eskalationen ist im Einzelnen zu komplex, als dass sie vollständig dargelegt werden kann, weswegen sich an dieser Stelle eine vereinfachte Darstellung der Ereignisse anbietet. Die politische Öffnung der Sowjetunion führte zu verstärktem Selbstbewusstsein der einzelnen Volksgruppen. Das spielte auch in den Konflikten um Abchasien und Südossetien eine wichtige Rolle. Im November 1989 erhob der Oberste Gebietssowjet Südossetien zur autonomen Sowjetrepublik innerhalb des georgischen Staatsverbandes.[16]

Diese Statuserhöhung wurde allerdings von der sowjetischen Regierung nicht anerkannt. Auch in Georgien gab es Widersprüche, die dazu führten, dass ein Marsch bewaffneter Georgier nach Zschinwali (Hauptstadt Südossetiens) durchgeführt wurde. Diese vermuteten nämlich hinter der Statuserhöhung den Versuch der Osseten sich „ureigenste“ georgische Territorien einzuverleiben und eine Separation vorzubereiten. Damit begannen die militärischen Auseinandersetzungen zwischen Georgiern und Osseten.[17]

Im Oktober 1990 erklärte Südossetien sich dann einseitig zur Südossetischen Sowjetrepublik, wodurch es sich von Georgien lossagen wollte. Diese Reaktion ist vor allem auf die, vom ersten frei gewählten georgischen Präsidenten Gamsachurdia, forcierte gewaltsame „Georgisierung“ der Minderheiten zurückzuführen. Die militärischen Auseinandersetzungen dauerten bis Juli 1992, ehe Russland und Georgien einen Waffenstillstand vereinbaren konnten, der die Einsetzung einer russisch-georgischen Friedenstruppe unter Beteiligung von Nord- und Südosseten beinhaltete.[18]

Der Frieden sollte solange gesichert werden, bis die Konfliktparteien zu einer politischen Übereinkunft gelangt sind. Während dieser Zeit sollte zusätzlich ein sechs Mann umfassender OSZE-Beobachtertrupp die Mission überwachen.[19]

In Abchasien kam es hingegen erst 1992 im Zuge eines abchasischen Verfassungsvorschlags zu militärischen Auseinandersetzungen. Dieser beinhaltete die Forderung den Staatsaufbau Georgiens zu föderalisieren. Dadurch sollten Abchasien weitgehende Selbstverwaltungsrechte garantiert werden. Nachdem Schewardnadse aber, der in der Zwischenzeit durch einen Putsch an die Macht gekommen war, den Verfassungsentwurf abgelehnt hatte und Abchasien daraufhin mit der Wiedereinführung der abchasischen Verfassung von 1925 reagierte, kam es im Zuge des georgischen Einmarsches nach Abchasien zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, die, aufgrund des abchasischen Sieges, eine De-Facto-Sezession der Provinz nach sich zogen.[20]

Entscheidende Triebkraft für den Waffenstillstand von 1994 war wie schon in Südossetien ebenfalls Russland, welches unmittelbar nach der Auflösung der Sowjetunion kein Interesse an einer instabilen Peripherie haben konnte, zumal es Probleme mit Sezessionsbewegungen im eigenen Land hatte (z. B. in Tschetschenien). Nach dem Waffenstillstand wurde dann in Abchasien eine ausschließlich aus russländischen Soldaten bestehende GUS-Friedenstruppe eingesetzt, die durch die UN-Mission UNOMIG unterstützt wurde.[21]

Russland trat also besonders während und unmittelbar nach der Eskalation der Konflikte als Vermittler auf. Seither galten die Konflikte als eingefroren. Jede Initiative zur Lösung der Konflikte scheiterte. Obwohl Russland anfangs die Herstellung des Friedens in den beiden abtrünnigen Provinzen erreichen konnte, verschob sich seine Position immer weiter zu der einer beteiligten Konfliktpartei. So betonte es immer wieder die territoriale Integrität Georgiens, betrieb aber faktisch eine schleichende Annexion beider Provinzen, z. B. durch die Verteilung russländischer Pässe.[22]

Diese Verschiebung der russischen Politik von der Konfliktregelung hin zur Erhaltung des Status quo war eine Reaktion auf die zunehmende Westorientierung Georgiens und sollte als Möglichkeit dienen, den politischen Einfluss in Georgien zu wahren und dessen Westbindung zu erschweren, bzw. zu verhindern.[23]

Aus diesem Verhalten lassen sich wesentliche Gründe zur Verschlechterung der georgisch-russischen Beziehungen ableiten, die im folgenden Kapitel Gegenstand der Betrachtung sein werden.

3. Entwicklungen in den georgisch-russischen Beziehungen seit der Rosenrevolution

Im Jahr 2003 kam es in Georgien aufgrund erheblicher Wahlmanipulationen zu weitreichenden Protesten der Bevölkerung an deren Ende ein Wendepunkt in der georgischen Geschichte erreicht wurde. Mit dem Rücktritt Schewardnadse und der Wahl Sakashvilis zum Präsidenten sollte eine Demokratisierung im Land einsetzen. Das erklärte Ziel ist sowohl die Heranführung Georgiens an westliche Strukturen (bis hin zum NATO- und EU-Beitritt) und Demokratiestandards, als auch die Forcierung der Reintegration der abtrünnigen Provinzen nach Georgien. Diese Strategie musste unweigerlich zu Konflikten mit Russland führen, das Georgien als nahes Ausland und Zone „privilegierten Einflusses“ betrachtet.[24]

Zwar trat Russland nach wie vor offiziell für die territoriale Integrität Georgiens und die Lösung der eingefrorenen Konflikte ein, insgeheim unterstützte es die beiden Provinzen aber seit Jahren militärisch, politisch und ökonomisch und verfolgte durch sein Konzept der kontrollierten Instabilität, d. h. der Aufrechterhaltung der Konflikte im eingefrorenen Zustand, das Ziel eine georgische Westorientierung zu unterbinden. Denn dadurch würde es Russland ermöglicht andere Mächte aus dem Kaukasus fernzuhalten und gleichzeitig den eigenen Einfluss auch auf die zentralasiatischen Staaten und den kaspischen Raum auszudehnen.[25]

Hauptsächlich spielen dabei sicherheits- und energiepolitische Überlegungen eine Rolle, worauf im vierten Kapitel intensiver eingegangen werden muss. Schon während der ersten Annäherungsversuche an den Westen durch Schewardnadse, die der Hoffnung geschuldet waren, dass der Westen die ethnoterritorialen Konflikte in Georgien im Gegensatz zu Russland besser lösen könne, ergriff die russische Führung immer häufiger Haltung zugunsten der Sezessionsrepubliken, weswegen die vermeintliche Vermittlerrolle und Neutralität Russlands in den Konflikten von Georgien zunehmend in Frage gestellt wurde.[26]

Das daraus resultierende Verlangen Georgiens nach einer Internationalisierung der Konflikte, bspw. durch die Einsetzung internationaler Friedenstruppen, wurde von russischer Seite wiederholt abgelehnt.[27]

Besonders, nachdem Georgien 2004 die Autonome Republik Adscharien wieder der georgischen Zentralregierung unterstellt hatte und in die Konfliktzone in Südossetien vorstieß, verschlechterten sich die Beziehungen zu Russland rapide.[28]

Immer mehr bilaterale Streitpunkte traten offen zutage. 2006 gelang es Tiflis dann Teile von Abchasien und Südossetien, die nicht durch die abtrünnigen Regime kontrolliert wurden, wieder unter eigene Kontrolle zu bringen. Innerhalb dieser Bereiche errichtete Georgien alternative Machtstrukturen, die dazu gedacht waren, durch Untergrabung der Sezessionsregime, die Konflikte zu beenden. Dieses Vorgehen wurde sowohl von Moskau als auch von den beiden abtrünnigen Regimen scharf verurteilt. Darüber hinaus wurde der Aufbau einer parallelen Verwaltung im oberen Kodori-Tal, welches Teil Abchasiens ist, als Bruch der Waffenruhevereinbarung von 1994 gesehen, die den Rückzug georgischer Truppen aus ganz Abchasien festlegte.[29]

Dramatisch und feindselig entwickelten sich die Beziehungen, als im Herbst 2006 vier russländische Offiziere, die vermeintlich Spione des russischen Generalstabs waren, in Georgien verhaftet und öffentlich abgeführt wurden.[30]

Diese doch sehr ungeschickte Provokation seitens Georgiens rief in Russland starke Proteste hervor, mit der Folge, dass wesentliche Sanktionen, hauptsächlich ökonomischer Art, gegen Georgien verhängt wurden. Moskau reagierte mit der Verdoppelung des Ölpreises. Sämtliche Land-, See-, Post- und Bankverbindungen wurden unterbrochen. Darüber hinaus war bereits ein Importverbot für georgischen Wein und Mineralwasser verhängt worden. Zusätzlich wurde nun auch verstärkt gegen angeblich illegale georgische Migranten in Russland vorgegangen. Fast tausend Georgier wurden daraufhin aus Russland deportiert.[31]

Dass diese Maßnahmen Georgien ökonomisch in eine Krise stürzen sollten, ist offenkundig, besonders, da das Land in hohem Maße, bedingt durch historische Transportverbindungen aus sowjetischen Zeiten, hochgradig vom russischen Markt abhängig ist. Allerdings konnte Russland durch die Strafmaßnahmen das eigentliche Ziel, der Schwächung der georgischen Wirtschaft und damit die Fügung der politischen Führung im Sinne Moskaus, nicht erreichen. Vielmehr bewirkten die Maßnahmen das Gegenteil. Die georgische Wirtschaft geriet zwar vorübergehend in eine Krise, schaffte es aber sich zunehmend bezüglich seiner Import- und Exportrouten zu diversifizieren und die ökonomische und somit auch politische Abhängigkeit von Moskau zu vermindern.[32]

Obwohl Russland, nachdem es den ungewollten Effekt der georgischen Diversifizierung erkannt hatte, die Wirtschaftssanktionen bald darauf einstellte, fand keine Entspannung in den gemeinsamen Beziehungen mehr statt. Stärker als bisher wurde Georgien durch die Sanktionen die Notwendigkeit einer Diversifizierung und Anbindung an den Westen vor Augen geführt, die Moskau durch gerade diese Maßnahmen verhindern wollte.

Zur weiteren Verschlechterung der Beziehungen kam es dann im Mai 2007 als ständige militärische Scharmützel in Südossetien zur gegenseitigen Beschuldigung der „Kriegstreiberei“ führten. Dieses Ereignis bewirkte die endgültige Verfestigung der Fronten und ließ eine gewaltfreie Lösung der Konflikte in weite Ferne rücken, zumal Russland nun immer wieder die georgische Neutralität, also den Verzicht auf die NATO-Mitgliedschaft als Bedingung für die Verbesserung der bilateralen Beziehungen nannte.[33]

Ein weiterer Streitpunkt zwischen Russland und Georgien, der nicht unerwähnt bleiben darf, war der seit Jahren gewünschte Abzug russischer Truppen aus deren Militärbasen in Kerngeorgien. Während der Jelzin-Ära nutzte Russland die Wiedereröffnung russischer Militärbasen in ehemaligen Sowjetrepubliken als Mittel, um Einfluss in den jeweiligen Staaten zu wahren (ähnlich wie die Instrumentalisierung der Territorialkonflikte), um so einen unsicheren Status quo zu schaffen, der die vollständige Konsolidierung der jungen Nationalstaaten vorerst verhindern sollte.[34]

Zwar war dieses Konzept auf Dauer nicht erfolgreich, was das Beispiel Georgien, das sich zunehmend von Moskau emanzipierte, eindrucksvoll bewies. Allerdings zeigte Russland trotz georgischen Wünschen kaum Anstrengungen seine Militärbasen endgültig zu schließen. Das ist möglicherweise auch darauf zurückzuführen, dass bereits unter Schewardnadse amerikanische Militärs ins Land geholt wurden, die eine Modernisierung der georgischen Armee durchführen und den NATO-Beitritt Georgeins mittelfristig vorbereiten sollten.[35]

Erst im Jahre 2008 konnte Georgien die Schließung der letzten beiden russischen Militärbasen erreichen, was aufgrund der langjährigen Verzögerungen seitens Russlands aber keine Entspannung bewirkte. So befanden sich zu Beginn des Jahres 2008 die georgisch-russischen Beziehungen auf einem Tiefpunkt, der beide Staaten durch zwei entscheidende Ereignisse an den Rand eines Krieges geführt hat, der dann vom 7. auf den 8. August mit dem Einmarsch georgischer Truppen nach Südossetien und dem russischen Gegenangriff wenige Stunden später, ausbrach.[36]

Welche Rolle nun überregionale Akteure wie die USA (und die NATO), die EU aber auch Russland selbst, das hier nicht nur als regionaler Akteur bzw. Konfliktpartei wahrgenommen werden darf, sondern im internationalen Kontext gesehen werden muss, spielen und welche Interessen sie in der Kaukasusregion verfolgen, soll im folgenden Kapitel geklärt werden.

4. Die Rolle relevanter überregionaler Akteure und ihre Interessen

4.1 Rolle und Interessen Russlands

Über die Rolle Russlands im Konflikt um die beiden abtrünnigen Provinzen Georgiens ist in den vorangegangenen Kapiteln schon einiges gesagt worden. Dennoch erscheint es unvermeidlich das Selbstverständnis Russlands als weltpolitisch bedeutende Macht, sowie seine sicherheits-, und energiepolitischen Interessen vorzustellen. Diese Anhebung des Konfliktes von der zwischenstaatlichen, bzw. regionalen Ebene auf die internationale Ebene ist deshalb besonders bedeutsam, als dass sie den Blick für konkurrierende Interessen verschiedener Mächte (Russland, EU, USA und NATO) in dieser Region schärft und dadurch zum wesentlich besseren Verständnis für die Handlungen der jeweiligen Akteure beiträgt. In diesen Zusammenhang ist auch die Interventionserklärung Russlands während des Georgienkrieges einzuordnen. Denn dass Russland seine Staatsbürger in beiden Provinzen schützen wollte, die, aufgrund der schleichenden Annexionspolitik Moskaus, erst in den letzten Jahren vor 2008 durch die eifrige Verteilung russländischer Pässe zu russländischen Bürgern geworden sind, deutet eher darauf hin, dass Moskau einen Vorwand für sein militärisches Eingreifen suchte und es ihm eben nicht in erster Linie nur um den Schutz der beiden Provinzen Abchasien und Südossetien ging.[37]

[...]


[1] Klussmann, Uwe: Welke Rosen, in: DER SPIEGEL, 2009, Heft 13, S. 98.

[2] Jahn, Egbert: Neue Fronten nach dem Krieg. Russland, der Westen und die Zukunft im Südkaukasus, in: Osteuropa, 58. Jg., 2008, Heft 11, S. 9.

[3] Manutscharjan, Aschot: Die Sezessionskonflikte im Kaukasus. Entstehung und politische Entwicklung, in: Die Politische Meinung, Bd. 53, 2008, Nr. 468, S. 42-43.

[4] Schmidt, Jürgen: Konfliktursachen Abchasien und Südossetien, in: Reiter, Erich (Hrsg.): Die Sezessionskonflikte in Georgien, Wien 2009, S. 126-127.

[5] Jahn, Egbert: Neue Fronten nach dem Krieg. Russland, der Westen und die Zukunft im Südkaukasus, in: Osteuropa, 58. Jg., 2008, Heft 11, S. 9.

[6] Manutscharjan, Aschot: Abchasien und Südossetien – Russlands Intervention in Georgien (August 2008), in: KAS-Auslandsinformationen, 2008, Heft 10, S. 66-68.

[7] Jahn, Egbert: Neue Fronten nach dem Krieg. Russland, der Westen und die Zukunft im Südkaukasus, in: Osteuropa, 58. Jg., 2008, Heft 11, S. 12.

[8] Polenz, Ruprecht: Russland an seinen Taten erkennen. Über das russische Vorgehen im Kaukasus, in: Die Politische Meinung, Bd. 53, 2008, Nr. 468, S. 6.

[9] Halbach, Uwe: Die Georgienkrise als weltpolitisches Thema, in: APUZ, 59. Jg., 2009, Heft 13, S. 5-6.

[10] Gumppenberg, Markus Brach von: Der Kaukasus. Symptome einer Krisenregion, in: Welt-Trends. Zeitschrift für internationale Politik, 17. Jg., 2009, Heft 64, S. 35-38.

[11] Jahn, Egbert: Optionen für die Politik der EU gegenüber Georgien, Abchasien und Südossetien nach dem August 2008, in: Reiter, Erich (Hrsg.): Die Sezessionskonflikte in Georgien, Wien 2009, S. 310-311.

[12] Luchterhardt, Otto: Gescheiterte Gemeinschaft. Zur Geschichte Georgiens und Südossetiens, in: Osteuropa, 58. Jg., 2008, Heft 11, S. 101-105.

[13] Eder, Franz: Der georgisch-abchasische Konflikt, in: Welt-Trends. Zeitschrift für internationale Politik, 17. Jg., 2009, Heft 64, S. 43.

[14] ebd., S. 43-44.

[15] ebd.

[16] Manutscharjan, Aschot: Die Sezessionskonflikte im Kaukasus. Entstehung und politische Entwicklung, in: Die Politische Meinung, Bd. 53, 2008, Nr. 468, S. 41.

[17] ebd.

[18] ebd., S. 41-43.

[19] Halbach, Uwe: Ungelöste Regionalkonflikte im Südkaukasus, SWP-Studie, März 2010, S. 13-14.

[20] Eder, Franz: Der georgisch-abchasische Konflikt, in: Welt-Trends. Zeitschrift für internationale Politik, 17. Jg., 2009, Heft 64, S. 44-45.

[21] Jahn, Egbert: Neue Fronten nach dem Krieg. Russland, der Westen und die Zukunft im Südkaukasus, in: Osteuropa, 58. Jg., 2008, Heft 11, S. 9.

[22] Opitz, Maximilian: Der Kaukasus zwischen Minderheiten- und Machtpolitik, in: APUZ, 59. Jg., 2009, Heft 13, S. 27-29.

[23] Manutscharjan, Aschot: Russlands Kaukasuspolitik unter den Präsidenten Boris Jelzin und Wladimir Putin, in: Reiter, Erich (Hrsg.): Die Sezessionskonflikte in Georgien, Wien 2009, S. 199-201.

[24] Halbach, Uwe: Rückblick auf den „Fünftage-Krieg“. Dimensionen und Implikationen der Georgienkrise, in: Osteuropa, 58. Jg., 2008, Heft 12, S. 68-69.

[25] Dzebiashvili, Kakhaber: Die Verdammnis der Peripherie. Sicherheitsinteressen im Kaukasus, in: Die Politische Meinung, Bd. 52, 2007, Nr. 450, S. 50-51.

[26] Kaufmann, Walter: Bärendienste. Georgien und Rußland in der Eskalationsspirale, in: Osteuropa, 56. Jg., 2006, Heft 10, S. 117-118.

[27] Halbach, Uwe: Ungelöste Regionalkonflikte im Südkaukasus, SWP-Studie, März 2010, S. 25-26.

[28] Sigwart, Lara: Der Südossetien-Konflikt. Eskalation nach der Rosenrevolution, in: Osteuropa, 57. Jg., 2007, Heft 7, S. 83-84.

[29] Zagorski, Andrei: Russische Interventionen in Konflikten in Südossetien und Abchasien. Von der Status-quo- zur Revisionspolitik, in: Reiter, Erich (Hrsg.): Die Sezessionskonflikte in Georgien, Wien 2009, S. 227-230.

[30] Quiring, Manfred: Pulverfass Kaukasus. Konflikte am Rande des russischen Imperiums, Berlin 2009, S. 45-48.

[31] Halbach, Uwe: Russland und Georgien. Konfrontation im Umfeld Europas, SWP-Aktuell, Juni 2007, S. 1-2.

[32] ebd.

[33] ebd.

[34] Schulze, Peter: Zieloptionen der russischen GUS-Politik. Das Dilemma von Delegitimation und Regimewechsel, in: Reiter, Erich (Hrsg.): Die Sezessionskonflikte in Georgien, Wien 2009, S. 156.

[35] Halbach, Uwe: Die Georgienkrise als weltpolitisches Thema, in: APUZ, 59. Jg., 2009, Heft 13, S. 4-5.

[36] Darnstädt, Thomas/Klussmann, Uwe/Neef, Christian u. a.: Putins Kalter Krieg, in: DER SPIEGEL, 2008, Heft 34, S. 80-82.

[37] Clement, Rolf: Erweiterungspolitik auf dem Prüfstand. Folgen aus dem Georgien-Krieg für die NATO, in: Die Politische Meinung, Bd. 53, 2008, Nr. 468, S. 15-16.

Details

Seiten
34
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656901075
ISBN (Buch)
9783656901082
Dateigröße
582 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v292906
Institution / Hochschule
Universität Rostock – Institut für Politik- und Verwaltungswissenschaften
Note
1,7
Schlagworte
georgienkrieg interessenskonflikt akteure

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