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Die Auswirkungen des EU-Agrarprotektionismus auf Entwicklungsländer

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 42 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Entwicklungspolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Die Bedeutung des Agrarsektors
2.1 Der Agrarsektor in Industrieländern
2.2 Der Agrarsektor in Entwicklungsländern

3. Das Ricardo-Modell der komparativen Kostenvorteile

4. Der EU-Agrarprotektionismus
4.1 Ziele und Entwicklung der GAP
4.2 Instrumente protektionistischer Maßnahmen
4.3 Reformen der GAP

5. Auswirkungen des EU-Agrarprotektionismus auf Entwicklungsländer
5.1 Fallstudie: Sambias und Ugandas Milchbauern
5.2 Fallstudie: Der Hühner- und Tomatenmarkt in Ghana

6. Liberalisierungsabsichten der Doha-Runde
6.1 Chancen und Gefahren für Entwicklungsländer
6.2 Ernährungssouveränität als Strategie gegen den Hunger

7. Zusammenfassung und Ausblick

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Bekämpfung des Hungers in der Welt ist schon seit Jahrzehnten ein viel diskutiertes Thema in der internationalen Politik. Trotz zahlreicher Versprechungen, Zielvorgaben und Kampagnen, die allesamt nicht den gewünschten Erfolg verbuchen konnten, bleibt dieses Thema auch vorerst ein globales Problem, welches künftig eine wichtige und vor allem ernsthafte Rolle bei internationalen Verhandlungen über Entwicklung, Freihandel etc. spielen sollte. Zwar verpflichteten sich beim Welternährungsgipfel in Rom 1996 die Staats- und Regierungschefs der teilnehmenden Staaten, die Zahl der Hungernden, von damals etwa 820 Mio. Menschen, bis zum Jahr 2015 zu halbieren.[1] Allerdings ist das Erreichen dieses Ziels trotz mehrmaliger ernüchternder Korrekturen in weite Ferne gerückt. Seit dem drastischen Anstieg der Weltmarktpreise für Grundnahrungsmittel im Zuge der Weltwirtschaftskrise ist sogar ein gegenteiliger Effekt eingetreten. Die Situation der Hungernden hat sich enorm verschlechtert. Ihre Zahl stieg auf über eine Milliarde an und erreichte somit ihren höchsten Stand seit den 1970er Jahren.[2]

Erst jüngere Schätzungen zeigen, dass sich seit 2008, in Folge wieder fallender Weltmarktpreise und der allmählichen Erholung der Wirtschaft, die Zahl der Hungernden langsam auf unter eine Milliarde reduzierte.[3]

Warum das Hungerproblem bis heute nicht gelöst werden konnte, hat vielfältige und aufgrund der Heterogenität der betroffenen Länder sehr unterschiedliche Ursachen. Eine vollständige Analyse des Problems, inklusive der Vorstellung verschiedener Lösungsansätze, erscheint im Rahmen dieser Arbeit wenig sinnvoll und kaum möglich. Deswegen wird im Folgenden das Hauptaugenmerk auf der Diskussion zu Freihandel und Protektionismus im Agrarbereich liegen. Ganz besonders soll dabei die EU-Agrarpolitik mit ihren Auswirkungen auf die Entwicklungsländer[4] beleuchtet werden. Die EU betreibt seit der Einführung der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) bei vielen landwirtschaftlichen Produkten Protektionismus, um den eigenen Markt vor billiger ausländischer Konkurrenz zu schützen und darüber hinaus durch Exportsubventionen eigene Waren zu günstigen Preisen auf dem Weltmarkt abzusetzen.[5]

Das hat weitreichende Folgen für die Entwicklungsländer, die allerdings aufgrund der bereits erwähnten Heterogenität sehr verschieden ausfallen. Im Laufe der Arbeit muss somit eine gewisse Differenzierung vorgenommen werden, um unterschiedliche Wirkungen der EU-Agrarpolitik und einer möglichen weiteren Liberalisierung des Weltagrarhandels erklären zu können.

Ausgehend von der ökonomischen Bedeutung des Agrarsektors für Industrie- und Entwicklungsländer, wodurch die Grundlage für das Verständnis der besonderen und wichtigen Rolle des internationalen Agrarhandels geschaffen werden soll, wird im dritten Kapitel auf das Ricardo-Modell der komparativen Kostenvorteile eingegangen. Dieses Kapitel dient vor allem als theoretische Legitimierung für Freihandel, da Ricardos Modell davon ausgeht, dass Länder, die sich auf die Produktion von bestimmten Gütern, bei denen sie komparative Kostenvorteile besitzen, konzentrieren und diese dann (teilweise) gegen andere Güter eintauschen, Außenhandelsgewinne erzielen und insgesamt effizienter produzieren, als wenn sie versuchen würden alle Güter selbst herzustellen.[6]

In diesem Licht erscheint internationaler Freihandel zunächst als eine grundlegende Voraussetzung, um Wohlstandsgewinne zu verzeichnen, Entwicklung voranzutreiben und somit zur Bekämpfung von Hunger und Armut beizutragen. Ob das tatsächlich der Fall ist und ob im Falle einer weiteren Liberalisierung im Agrarhandel Wohlstandsgewinne für alle beteiligten Entwicklungsländer eintreten würden, muss im Laufe der Arbeit noch geklärt werden. Im vierten Kapitel wird dann intensiv auf die EU-Agrarpolitik und den Protektionismus eingegangen. Nachdem ein historischer Überblick zur Entwicklung der GAP gegeben und die Ziele dieser Politik erläutert wurden, sollen anschließend die angewandten Instrumente kurz vorgestellt werden. Anschließend wird auf die bereits 1992 einsetzenden Agrarreformen eingegangen. Das fünfte Kapitel beschäftigt sich darauf aufbauend mit den Folgen des EU-Agrarprotektionismus für die Entwicklungsländer. Wie bereits erwähnt, bedarf es an dieser Stelle einer Differenzierung, da der Agrarprotektionismus der EU sehr unterschiedliche Konsequenzen für verschiedene Entwicklungsländer hat, weswegen eine für alle Entwicklungsländer befriedigende EU-Agrarpolitik wohl nicht gefunden werden kann.[7]

Nachdem generelle Konsequenzen dargestellt wurden, wird versucht anhand von verschiedenen Länderbeispielen repräsentativ die Wirkungen der EU-Agrarpolitik auf Entwicklungsländer zu skizzieren. Als Beispiele werden hier die Konsequenzen auf die Milchproduktion in Uganda und Sambia und den Hühner- und Tomatenmarkt in Ghana untersucht. Darauf aufbauend beschäftigt sich das sechste Kapitel mit der Frage, wie die Situation der Entwicklungsländer nachhaltig verbessert werden könnte. Dabei steht vor allem die Doha-Runde (Entwicklungsrunde) der WTO im Vordergrund der Betrachtungen. Denn der erfolgreiche Abschluss der Doha-Runde gilt als große Hoffnung einen endgültigen Durchbruch bei der weiteren Liberalisierung des Agrarhandels zu erzielen. Für die Entwicklungsländer hieße das bspw., dass sie in hohem Maße vom Abbau der Agrarimportzölle in Industrieländern profitieren könnten.[8]

Zwar bedeutet Handelsliberalisierung nicht zwangsläufig, dass ökonomische Entwicklung vorangebracht oder die Armut in Entwicklungsländern abgebaut wird. Allerdings wird Handelsliberalisierung von Befürwortern des Freihandels als unverzichtbares Element einer Entwicklungsstrategie gesehen, um Armut und Hunger nachhaltig zu beseitigen.[9]

Ob weitere Liberalisierung im Agrarbereich somit eine Chance oder eher eine Gefahr für die Situation der Entwicklungsländer darstellt, muss aber noch diskutiert werden, da Befürworter des Prinzips der Nahrungssouveränität die Situation anders beurteilen. Sie sehen im globalen Freihandel eine große Gefahr für das Welthungerproblem und fordern deshalb vor allem eine autarke Versorgung der Entwicklungsländer mit Grundnahrungsmitteln und deren Schutz vor Überschussproduktion aus Industrieländern, die häufig zu Dumpingpreisen auf dem Weltmarkt abgesetzt wird.[10]

Auch dieses dem Freihandel entgegengesetzte Prinzip muss deshalb im sechsten Kapitel diskutiert werden, um einen komplementären Blick auf die Chancen und Risiken globaler Liberalisierung im Agrarhandel zu gewährleisten. Zuletzt werden die Ergebnisse im siebten Kapitel zusammengefasst, bevor eine abschließende Bewertung mit Ausblick vorgenommen werden kann.

2. Die Bedeutung des Agrarsektors

In den Wirtschaftssystemen der meisten Länder nimmt die Landwirtschaft eine ordnungspolitische Sonderstellung ein. Anders als bspw. der sekundäre oder tertiäre Sektor wird der Agrarsektor sogar in den Marktwirtschaften der westlichen Industriestaaten nicht der Selbststeuerung des freien Marktes ausgesetzt, sondern häufig durch staatlich-protektionistische Eingriffe geschützt.[11]

Um die Ausnahmestellung des Agrarsektors besser begründen zu können, bedarf es eines kurzen historischen Rückblicks, der die besonderen Merkmale der Landwirtschaft beleuchtet und daraus die Ursachen für die erwähnte Sonderstellung ableitet. Der primäre Sektor gehört zu den ältesten Wirtschaftszweigen der Menschheit. Vor ca. 12000 Jahren ist er durch die kultivierende Bodennutzung entstanden.[12]

Seither ist die Landwirtschaft für den Menschen von fundamentaler Bedeutung. Denn sowohl der Ackerbau als auch die Domestizierung von Tieren bildeten die Grundlage, um ausreichend Lebensmittel zu produzieren und damit das eigene Überleben zu sichern. Diese Schlüsselfunktion der Landwirtschaft, die Menschen mit Grundbedürfnisprodukten zu versorgen, ist bis heute erhalten geblieben und durch keinen anderen Wirtschaftssektor ersetzbar. Darüber hinaus ist die Landwirtschaft notwendige Voraussetzung für die Weiterverarbeitung von Produkten. Von ihr hängen „viele der sonstigen wirtschaftlichen Aktivitäten“[13] ab. Zwar hat der Agrarsektor seit der Industrialisierung vor allem in den Industriestaaten seine ehemals dominante Stellung verloren, dennoch bleibt er aufgrund der erwähnten Schlüsselfunktion für den Menschen unverzichtbar. Außerdem besitzt er im Zuge zunehmenden internationalen Handels auch eine globale Funktion. Durch ökonomische und technische Fortschritte ist es möglich geworden, Agrarprodukte effizient und in großem Maße zu produzieren und diese gewinnbringend und wohlfahrtssteigernd auf dem Weltmarkt abzusetzen. Die Landwirtschaft ist durch bestimmte Merkmale gekennzeichnet, die sich von denen anderer Sektoren deutlich unterscheiden. Besonders die strikte Gebundenheit an die Natur, der organische Erzeugungscharakter, saisonal auftretende Entwicklungs- und Erzeugungsrhytmen sowie das vereinte Auftreten und Verwenden von Boden, Standort und Produktionsmitteln müssen hervorgehoben werden.[14]

Problematisch sind die erwähnten Charakteristika vor allem wegen der hohen Abhängigkeit der Landwirtschaft vom Faktor Boden. Dieser zeichnet sich durch zwei Eigenschaften aus. Er ist unbeweglich und unvermehrbar.[15]

Das bedeutet, dass die Produktion im Agrarsektor an feste Grenzen bezüglich des Standortes und der Produktionssteigerung gebunden ist. Die Ausweitung über diese Grenzen hinaus ist praktisch nicht mehr möglich. Durch die Standortgebundenheit ist die Landwirtschaft in hohem Maße der Unberechenbarkeit der Natur ausgeliefert. Wetter, Naturkatastrophen, Tierseuchen etc. haben somit einen starken Einfluss auf das Angebot landwirtschaftlicher Produkte. Zusätzlich problematisch gestaltet sich in diesem Zusammenhang die relativ geringe Anpassungsfähigkeit der Landwirtschaft aufgrund langer Produktionszyklen.[16]

Somit unterliegt der Agrarsektor der Problematik auf steigende oder fallende Nachfrage nicht schnell genug reagieren zu können, was häufig zu starken Preisschwankungen bei landwirtschaftlichen Produkten führt. Auch umgekehrt kann es zu erhöhtem oder verknapptem Angebot kommen, was sich auf die Preisentwicklung gleichermaßen auswirkt. Extreme Preisschwankungen sind jedoch bedenklich, da sie die Existenz landwirtschaftlicher Betriebe sowie die Versorgung einkommensschwächerer Bevölkerungsschichten gefährden.[17]

Letztere können sich dann nicht mehr ausreichend mit Nahrungsmitteln versorgen. Entscheidend ist, dass im Gegensatz zu anderen Gütern die Versorgung mit Lebensmitteln jedoch notwendig ist, um das eigene Überleben zu sichern. Dieses Argument spielt vor allem im Zusammenhang mit der Grundversorgung der eigenen Bevölkerung eine wichtige Rolle. Insbesondere die Erfahrungen der beiden Weltkriege ließen das Bedürfnis nach einer autarken Lebensmittelversorgung entstehen.[18]

Trotz aller technischen Fortschritte kann sich die Landwirtschaft auch heute nur bedingt an eine veränderte Marktnachfrage anpassen bzw. ein zuverlässiges Agrarangebot gewährleisten, weswegen staatliche Eingriffe in den Agrarsektor zur relativen Stabilisierung der Preise und gesicherten Versorgung der Bevölkerung berechtigt und notwendig erscheinen.[19]

2.1 Der Agrarsektor in Industrieländern

In Industrieländern ist in der historischen Entwicklung bis heute eine starke Veränderung der ökonomischen Bedeutung des Agrarsektors zu beobachten. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts und der einhergehenden Industriealisierung „stellte die Landwirtschaft für den Großteil der Bevölkerung die Lebensgrundlage dar und sicherte ihren Bestand.“[20]

Dies änderte sich im Zuge der Industrialisierung gewaltig. Der ökonomische Strukturwandel, der sich in einer Verschiebung vom primären zum sekundären Sektor offenbarte, führte zur Migration vieler Menschen in die Städte, die dort nach Arbeit suchten (Arbeitsmigration). Der wirtschaftliche Wachstumsprozess, den alle Industrieländer durchlebt haben, äußerte sich somit vor allem im Bedeutungsverlust der Landwirtschaft gegenüber dem Industriesektor. Trotz deutlicher Zunahme der Arbeitsproduktivität nahmen die Bruttowertschöpfung und der Erwerbstätigenanteil im Agrarsektor im Gegensatz zu Industrie und Dienstleistungsbereich kontinuierlich ab.[21]

Insgesamt macht der Beitrag der Landwirtschaft zum BIP heute in den meisten Industrieländern weniger als fünf Prozent aus. Ähnlich liegt der Anteil der Beschäftigten im Agrarsektor gemessen an der Gesamtbeschäftigung mit Ausnahme Neuseelands und einiger nord- und südeuropäischer EU-Länder in allen anderen Industriestaaten bei weniger als sieben Prozent.[22]

Dennoch bleibt der Agrarsektor auch für die entwickelten Länder von nicht zu unterschätzender Bedeutung. So ist besonders in der EU der jeweilige nationale Agrarsektor von einflussreichen landwirtschaftlichen Interesseverbänden abhängig.[23]

Diese versuchen „einen vergleichsweise starken Einfluß auf die agrarpolitische Willensbildung und Entscheidungsfindung“ auszuüben, um „Einkommensverteilungsziele zu erreichen, die sich am Markt nicht realisieren lassen.“[24]

Der starke Einfluss der Agrarlobbyisten und die Tatsache, dass die Landwirtschaft in Industrieländern nach wie vor als ein soziales Gut angesehen wird, das Lohnniveau der im Agrarsektor Beschäftigten aber weit über dem in Entwicklungsländern liegt, führen zu Problemen bei der Erhaltung der Landwirtschaft. Um diese zu gewährleisten und sich nicht vollständig in die Abhängigkeit anderer Länder in diesem Bereich zu geben, wird häufig auf protektionistische Maßnahmen zurückgegriffen, die die eigenen Produzenten vor günstiger Konkurrenz aus dem Ausland schützen sollen. Damit wird der Versuch unternommen zumindest eine gewisse Selbstversorgung zu erreichen, was wie z. B. in der EU aber auch zur Produktion von Überschüssen geführt hat, die dann auf dem Weltmarkt abgesetzt wurden. Obwohl wie bereits festgestellt die binnenwirtschaftliche Bedeutung des Agrarsektors in den Industriestaaten abnimmt, stellt der Agraraußenhandel aber immer noch eine wichtige ökonomische Größe dar. Dieser machte 2005 immerhin noch einen Anteil von neun Prozent am gesamten Welthandel aus.[25]

Laut Angaben der Landwirtschafts- und Ernährungsorganisation FAO machten zwischen 1999 und 2001 sowohl der Export als auch der Import am jeweiligen Gesamtexport bzw. Gesamtimport der Industrieländer 6,9 Prozent aus. Insgesamt waren 64,1 Prozent ihrer Agrareinkünfte auf den Export von Agrarprodukten zurückzuführen.[26]

2.2 Der Agrarsektor in Entwicklungsländern

Die Landwirtschaft spielt für Entwicklungsländer eine weitaus wichtigere Rolle als für Industriestaaten. Insbesondere für die Länder Subsahara-Afrikas und Lateinamerikas sind die Agrarexporte im Gegensatz zum Export anderer Güter von herausragender Bedeutung. Denn für viele Entwicklungsländer stellt der Verkauf von Agrarprodukten ins Ausland die zurzeit beste Möglichkeit dar Deviseneinnahmen zu erzielen.[27]

Demnach wurden in den Jahren 1999-2001 insgesamt 18,3 Prozent der erwirtschafteten Agrargüter exportiert.[28]

Doch auch für die Binnenwirtschaft ist die Landwirtschaft enorm wichtig, da sie sowohl den Großteil des Volkseinkommens ausmacht, als auch den Großteil der Bevölkerung beschäftigt, teilweise über 90 Prozent.[29]

Ein solch hoher Anteil der Beschäftigten in der Landwirtschaft lässt sich teilweise auf die vielen Subsistenzbauern zurückführen. Denn viele Bauern sehen in der Eigenversorgung mit landwirtschaftlichen Produkten, vor allem wegen mangelnder Alternativen und anhaltender Armut, die einzige Möglichkeit das eigene Überleben zu sichern.

Im Durchschnitt lag der Beschäftigungsanteil in der Landwirtschaft in allen Entwicklungsländern im Jahr 2001 nach Angaben der FAO bei 51 Prozent.[30]

Im selben Jahr wurden im Agrarsektor 11,9 Prozent des gesamten BIPs aller Entwicklungsländer erwirtschaftet. Das entspricht im relativen Bezug zu den Industrieländern in etwa dem Vierfachen.[31]

Neben Produkten, die sowohl zur Selbstversorgung als auch zum Export angebaut werden, werden häufig (und in zunehmendem Maße) sogenannte Cash Crops angebaut, die größtenteils für den Export gedacht sind. Cash Crops umfassen meist tropische Produkte, die aufgrund der gemäßigten klimatischen Bedingungen in den meisten Industrieländern nicht wachsen können. Dazu gehören z. B. Bananen, Kaffee oder Baumwolle.[32]

Viele Entwicklungsländer sind in ihrer Ausrichtung sehr stark auf den Anbau dieser Cash Crops fixiert und deshalb in hohem Maße auch von ihrem Export abhängig. Besonders die nahrungsmittelimportierenden Länder müssen meist große Mengen exportieren (aufgrund niedriger Weltmarktpreise), um im Gegenzug eine ausreichende Menge an Lebensmitteln einkaufen zu können, damit die Ernährungssicherheit der eigenen Bevölkerung gewährleistet werden kann. Unter den Voraussetzungen extremer Exportabhängigkeit im Agrarbereich legen die Entwicklungsländer im Zuge der Doha-Runde der WTO großen Wert auf einen verbesserten Zugang zu den Märkten der Industrieländer und den nachhaltigen Abbau protektionistischer Maßnahmen. Die als G-21 bekanntgewordene Koalition von Entwicklungsländern fordert sogar einen asymmetrischen Protektionsabbau, demnach Industrieländer schneller und weitreichender ihre Handelshemmnisse abbauen sollen als Entwicklungsländer.[33]

3. Das Ricardo-Modell der komparativen Kostenvorteile

Um die globalen Vorteile des Freihandels verständlich zu machen und die Grundlage für die folgende Diskussion um die negativen Folgen des EU-Agrarprotektionismus auf Entwicklungsländer zu schaffen, bedarf es an dieser Stelle durch eine verkürzte Darstellung des Ricardo-Modells eines kleinen Exkurses. Der englische Ökonom David Ricardo entwickelte seine Theorie der komparativen Kostenvorteile, um zu zeigen, dass sich internationaler Gütertausch positiv auf die beteiligten Länder auswirkt. Dabei stellte er zunächst die These auf, dass Kostenunterschiede in der Produktion gleicher Güter in verschiedenen Ländern lediglich auf ungleichen Arbeitsproduktivitäten bzw. Produktionstechniken basieren.[34]

Um den Handelsgewinn für die beteiligten Länder beweisen zu können, soll im Folgenden von der Annahme ausgegangen werden, dass die Welt lediglich aus zwei Ländern besteht, die beide je zwei Güter produzieren können. Sie befinden sich bei der Produktion ihrer Güter zunächst in vollkommener Autarkie, was bedeutet, dass sie jedes Gut nur für den eigenen Markt produzieren, Güter also weder im- noch exportieren. Entscheidend bei diesem Modell ist dabei nicht der absolute Kostenvorteil, den ein Land bei der Produktion eines oder sogar beider Güter besitzt, sondern der komparative Kostenvorteil. Handel kann sich somit auch lohnen, wenn ein Land bei beiden Gütern einen absoluten Kostennachteil hat, bei einem der Güter aber einen komparativen Vorteil besitzt.[35]

Unter den komparativen Kostenvorteilen werden die Opportunitätskosten (Alternativkosten) der Produktion eines Gutes verstanden. Die Opportunitätskosten des Gutes A geben an, wie viel von der Produktion des Gutes B aufgegeben werden muss, um eine Einheit des Gutes A produzieren zu können.[36]

Beachtet werden muss hierbei, dass eine Volkswirtschaft nicht unendlich Ressourcen zur Verfügung hat, weswegen eine Obergrenze für die zur Verfügung stehenden Arbeitseinheiten gezogen wird.[37]

Darüber hinaus hat Ricardo lediglich den Faktor Arbeit als einzigen Produktionsfaktor betrachtet. Kapital und Boden werden demnach in diesem Modell nicht berücksichtigt.

Wenn nun bspw. davon ausgegangen wird, dass Land A zwei Arbeitseinheiten für die Produktion eines Tuches aufwenden muss oder aber fünf Arbeitseinheiten für einen Liter Wein und Land B drei Arbeitseinheiten für ein Tuch oder zwei Arbeitseinheiten für einen Liter Wein, dann ergibt sich bei einer Gesamtmenge von 120 zur Verfügung stehenden Arbeitseinheiten je Land, die Möglichkeit, dass Land A 20 Tücher und 16 Liter Wein produziert und Land B 20 Tücher und 30 Liter Wein (nur eine von vielen Kombinationsmöglichkeiten bei der Produktion beider Güter). Insgesamt wurden in Autarkie also 40 Tücher und 46 Liter Wein produziert.[38]

Wenn beide Länder anstatt in Autarkie zu leben sich nun aber zum Handel entscheiden und sich bei der Produktion auf jeweils das Gut spezialisieren, bei dem sie einen komparativen Kostenvorteil besitzen (in diesem Beispiel hat jedes Land auch einen absoluten Kostenvorteil, weswegen sich hier beide Länder auf die Produktion des Produktes spezialisieren, bei dem sie im Gegensatz zum jeweils anderen Land weniger Arbeitsstunden einsetzen müssen), können sie eine Produktionssteigerung bei beiden Gütern erzielen. Land A, welches sich auf die Produktion von Tüchern spezialisiert hat, kann beim Einsatz der kompletten 120 Arbeitseinheiten insgesamt 60 Tücher, also 20 mehr als zuvor beide Länder zusammen produziert haben, herstellen. Land B kann hingegen mit vollem Arbeitseinsatz 60 Liter Wein herstellen und damit die vorige Gesamtproduktion beider Länder bei Wein um 14 Liter steigern.[39]

Trotz gleichbleibenden Arbeitseinsatzes (Kosten) und unveränderter Technologie konnte die Menge bei beiden Gütern gesteigert werden. Somit hat das potentielle Versorgungsniveau für die Konsumenten insgesamt zugenommen. Wenn beide Länder nun miteinander Handel treiben, dann wird offensichtlich, dass es für beide ein Vorteil ist, ihre verfügbaren Arbeitseinheiten vor allem für die Herstellung solcher Güter zu verwenden, die sie am kostengünstigsten produzieren können. Letztlich kann jedes Land durch den internationalen Austausch der Güter gegeneinander seine Konsummöglichkeiten bei beiden Gütern steigern. Somit profitieren also beide beteiligten Länder vom internationalen Handel.[40]

Dieses Prinzip funktioniert wie erwähnt auch, wenn ein Land bei beiden Gütern absolute Kostennachteile besitzt, solange es bei einem einen komparativen Kostenvorteil hat.[41]

4. Der EU-Agrarprotektionismus

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war die Landwirtschaft in Europa größtenteils zerstört und zerrüttet. Es herrschte Mangel an Nahrungsmitteln und die europäischen Länder sahen sich der Herausforderung des Wideraufbaus gegenüber. Da in Europa der Agrarsektor traditionell und bis in die 1960er Jahre von sehr großer Bedeutung war, musste eine schnelle Erholung der Landwirtschaft stattfinden, um den ökonomischen Aufstieg Westeuropas und die Steigerung des Wohlstandes der Bevölkerung zu verwirklichen.

Der Agrarsektor machte 1960 in den sechs EU-Staaten insgesamt noch neunzehn Prozent der gesamten Beschäftigung und zehn Prozent des BIP aus.[42]

4.1 Ziele und Entwicklung der GAP

Das Verlangen nach einer möglichst schnellen Erholung des europäischen Agrarsektors sollte im Zuge der Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) im Jahre 1957 durch die Einführung einer Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) erreicht werden. Jedoch dauerte es nach Unterzeichnung der Römischen Verträge bis zur endgültigen Einführung der GAP noch zehn Jahre. Denn trotz vertraglich festgelegter gemeinsamer Ziele und Grundsätze gab es zahlreiche Uneinigkeiten bei der Gestaltung gemeinsamer Marktordnungen. Erst 1967 konnte durch die Einführung der ersten gemeinsamen Marktordnung für Getreide die GAP verwirklicht werden.[43]

Um die kritische Situation der europäischen Landwirtschaft zu verbessern und langfristig zu stabilisieren, wurden im Rahmen der GAP in Artikel 33 des EG-Vertrags fünf Ziele festgelegt. Erstens wurde eine Steigerung der Produktivität angestrebt, womit vor allem die sichere Versorgung der europäischen Bevölkerung mit Nahrungsmitteln gesichert werden sollte. Zweitens musste eine angemessene Lebenshaltung der ländlichen Bevölkerung durch Erhöhung des Pro-Kopf-Einkommens der Landwirte gewährleistet werden. Drittens sollten die Märkte innerhalb der EU stabilisiert werden und somit viertens die Versorgung innerhalb der Gemeinschaft sicherstellen. Als letzer Punkt wurde die Belieferung der Verbraucher zu angemessenen Preisen genannt.[44]

[...]


[1] Reichert, Tobias: Wirkungen der Europäischen Agrarpolitik auf die Ernährungssicherheit in Entwicklungsländern mit Schwerpunkt Afrika, 2010, S. 3-4, unter: http://www.misereor.de/fileadmin/redaktion/Vorabversion%20Bericht%20GAP%20und%20Entwicklungslaender.pdf, letzter Zugriff: 01.03.2011.

[2] ebd.

[3] ebd.

[4] Als Entwicklungsländer werden in dieser Arbeit zunächst alle Länder bezeichnet, die nicht Mitglied der OECD sind. Somit fallen Schwellenländer wie Brasilien, Argentinien oder China ebenso wie die LDCs (Least Developed Countries) unter diesen Begriff. Allerdings wird im Laufe der Arbeit eine gewisse Differenzierung vorgenommen, um die unterschiedlichen Auswirkungen von Protektion und Freihandel auf unterschiedliche „Gruppen“ der Entwicklungsländer erklären zu können.

[5] Herz, Dietmar/Jetzlsperger, Christian: Die Europäische Union, 2. Aufl., München 2008, S. 89-90.

[6] Krugmann, Paul/Obstfeld, Maurice: Internationale Wirtschaft. Theorie und Politik der Außenwirtschaft, 8. Aufl., München 2009, S. 56-57.

[7] Schwarz, Björn: Die Auswirkungen der EU-Agrarpolitik auf Entwicklungsländer, Marburg 2004, S. 85-87.

[8] Koopmann, Georg: Was bringt die Doha-Runde? Weltmarktintegration ist kein Entwicklungspessimismus, in: Internationale Politik, 59. Jg., 2004, Heft 11-12, S. 74-76.

[9] ebd., S. 76-77.

[10] Engel, Astrid: Ernährungssouveränität noch immer ein unbekannter Begriff?, in: Forum Umwelt Entwicklung (Hrsg.): Fünf Jahre später. Eine Bilanz von NRO fünf Jahre nach dem Welternährungsgipfel in Rom, Bonn 2002, S. 10-13, unter: http://www.forum-ue.de/fileadmin/userupload/publikationen/aglw_2002_fuenfjahrewelternaehrungsgipfel.pdf, letzter Zugriff: 01.03.2011.

[11] Neumair, Simon Martin: Agrarprotektionismus in Industrieländern – das Beispiel der EU-Zuckermarktordnung. Perspektiven und Anpassungen der Zuckerwirtschaft in Bayern, München 2008, S. 13.

[12] ebd.

[13] Heinrichtsmeyer, Wilhelm/Witzke, Heinz Peter: Agrarpolitik, Bd. 1: Agrarökonomische Grundlagen, Stuttgart 1991, S. 15.

[14] Neumair, Simon Martin: Agrarprotektionismus in Industrieländern – das Beispiel der EU-Zuckermarktordnung. Perspektiven und Anpassungen der Zuckerwirtschaft in Bayern, München 2008, S. 13-15.

[15] ebd., S. 16-17.

[16] ebd.

[17] ebd.

[18] Anderegg, Ralph: Grundzüge der Agrarpolitik, München 1999, S. 247.

[19] Neumair, Simon Martin: Agrarprotektionismus in Industrieländern – das Beispiel der EU-Zuckermarktordnung. Perspektiven und Anpassungen der Zuckerwirtschaft in Bayern, München 2008, S. 18.

[20] ebd., S. 30.

[21] ebd., S. 24-26.

[22] ebd., S. 18.

[23] vgl. Heinrichtsmeyer, Wilhelm/Witzke, Heinz Peter: Agrarpolitik, Bd. 1: Agrarökonomische Grundlagen, Stuttgart 1991, S. 21.

[24] ebd.

[25] Decker, Claudia/Mildner, Stormy: Die wichtigen neun Prozent. Der Agrarhandel als ein Hemmschuh bei der WTO-Konferenz, in: Internationale Politik, 61. Jg., 2006, Heft 2, S. 101.

[26] FAO (a): The State of Food and Agriculture 2003-2004, 2004, unter: http://www.fao.org/docrep/006/y5160e/y5160e16f.htm, letzter Zugriff: 01.03.2011.

[27] Grote, Ulrike: Konzepte des globalen Handelns, in: Ihne, Hartmut/Wilhelm, Jürgen (Hrsg.): Einführung in die Entwicklungspolitik, 2. Aufl., Hamburg 2006, S. 291-292.

[28] FAO (c): The State of Food and Agriculture 2003-2004, 2004, unter: http://www.fao.org/docrep/006/y5160e/y5160e16g.htm, letzter Zugriff: 01.03.2011.

[29] Schwarz, Björn: Die Auswirkungen der EU-Agrarpolitik auf Entwicklungsländer, Marburg 2004, S. 13.

[30] FAO (b): The State of Food and Agriculture 2003-2004, 2004, unter: http://www.fao.org/docrep/006/y5160e/y5160e16d.htm, letzter Zugriff: 01.03.2011.

[31] vgl. FAO (c): The State of Food and Agriculture 2003-2004, 2004, unter: http://www.fao.org/docrep/006/y5160e/y5160e16g.htm, letzter Zugriff: 01.03.2011.

[32] Eibner, Wolfgang: Anwendungsorientierte Außenwirtschaft. Theorie Politik, München 2006, S. 22.

[33] Mönnich, Christina: Die Doha-Entwicklungsrunde. Gut oder schlecht für Entwicklungsländer?, in: Agrarwirtschaft, 53. Jg., 2004, Heft 3, S. 109.

[34] Breuss, Fritz: Reale Außenwirtschaft und Europäische Integration, Frankfurt a. M. 2003, S. 21.

[35] vgl. Rübel, Gerhard: Grundlagen der Realen Außenwirtschaft, München 2004, S. 25-27.

[36] Ribhegge, Hermann: Europäische Wirtschafts- und Sozialpolitik, Berlin 2007, S. 22-23.

[37] Breuss, Fritz: Reale Außenwirtschaft und Europäische Integration, Frankfurt a. M. 2003, S. 24.

[38] für eine ausführliche Darstellung vgl. Rübel, Gerhard: Grundlagen der Realen Außenwirtschaft, München 2004, S. 21.

[39] vgl. ebd.

[40] vgl. ebd.

[41] für eine detaillierte Darstellung des Ricardo-Modells, welche den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde vgl. u. a. Krugmann, Paul/Obstfeld, Maurice: Internationale Wirtschaft. Theorie und Politik der Außenwirtschaft, 8. Aufl., München 2009, S. 56-88.

[42] Maas, Sarah/Schmitz, Michael: Gemeinsame Agrarpolitik der EU, in: Wirtschaftsdienst, 87. Jg., 2007, Heft 2, S. 94.

[43] ebd.

[44] vgl. Schwarz, Björn: Die Auswirkungen der EU-Agrarpolitik auf Entwicklungsländer, Marburg 2004, S. 23-24.

Details

Seiten
42
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656900818
ISBN (Buch)
9783656900825
Dateigröße
551 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v292907
Institution / Hochschule
Universität Rostock – Institut für Politik- und Verwaltungswissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
auswirkungen eu-agrarprotektionismus entwicklungsländer

Autor

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