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Aktuelle Aspekte der Ernährung von Kindern in Deutschland. Diätetische Maßnahmen bei ADHS-Patienten

Akademische Arbeit 2008 42 Seiten

Gesundheit - Ernährungswissenschaft

Leseprobe

Inhalt

1. Aktuelle Aspekte
1.1 Die Ernährung von Kindern in Deutschland
1.1.1Lebensmittelverzehr von Kindern
1.1.2 Schlussfolgerung
1.2 Einstellungen von Personengruppen, die Kinder mit ADHS betreuen
1.2.1 Hintergrund
1.2.2 Ergebnisse
1.2.3 Schlussfolgerung
1.3 Probleme und Herausforderungen
1.3.1 Gründe für Verunsicherung in Bezug auf diätetische Interventionen
1.3.2 Die Rolle des sozialen Umfelds
1.4 Empfehlungen
1.4.1 Praktische Empfehlungen
1.4.2 Empfehlungen für die Forschung

2. Literaturverzeichnis (inklusive weiterführender Literatur)

1. Aktuelle Aspekte

1.1 Die Ernährung von Kindern in Deutschland

1.1.1…Lebensmittelverzehr von Kindern

In der EsKiMo-Studie (Ernährungsstudie als KiGGS-Modul) wurde das derzeitige Ernährungsverhalten von 6- bis 17-jährigen Kindern und Jugendlichen im Rahmen des Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS) des Robert-Koch-Instituts und der Universität Paderborn evaluiert (Mensink et al. 2007). Im Folgenden soll erörtert werden, inwieweit die übliche Ernährung von Kindern zur ADHS-Problematik beitragen kann.

Der Lebensmittelverzehr der Kinder und Jugendlichen wurde zu den jeweiligen Empfehlungen zur Optimierten Mischkost (optimiX des Forschungsinstituts für Kinderernährung Dortmund) und zu den DACH-Referenzwerten in Bezug gesetzt (s. Abb. 1 und 2) (Mensink et al. 2007).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Nährstoffzufuhr im Vergleich zu den Referenzwerten, Jungen, Alter 6 bis 11 Jahre.

Median, Interquartilbereich, Minimum und Maximum (ohne Ausreißer und Extremwerte)

(Quelle: Mensink et al. 2007)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Nährstoffzufuhr im Vergleich zu den Referenzwerten, Mädchen, Alter 6 bis 11 Jahre

Median, Interquartilbereich, Minimum und Maximum (ohne Ausreißer und Extremwerte)

(Quelle: Mensink et al. 2007)

Die Energiezufuhr liegt im Median nahe an den Referenzwerten. Die Fettzufuhr entspricht mengenmäßig den Empfehlungen, jedoch ist der Anteil ungesättigter Fettsäuren zu gering und der an gesättigten Fettsäuren zu hoch. Dies ist auf den reichlichen Verzehr von Fleisch, Wurst und vollfetter Milchprodukte zurückzuführen. Die meisten Kinder essen weniger Fisch, als empfohlen wird (s. Tab. 1) (Mensink et al. 2007).

Die meisten Kinder erreichen die empfohlenen Verzehrsmengen beim Obst- und Gemüsekonsum nicht, wobei Mädchen durchschnittlich mehr davon essen als Jungen. Auch die Empfehlung zum Verzehr kohlenhydratreicher Lebensmittel wird von den wenigsten abgedeckt. Damit sind hier stärkehaltige Lebensmittel wie Brot, Kartoffeln und Teigwaren gemeint (Mensink et al. 2007).

Ballaststoffe, Vitamin D, Folat, bei 6- bis 11-jährigen zusätzlich Calcium und Vitamin E, bei Mädchen zusätzlich Eisen, werden gemäß den Empfehlungen nicht in ausreichendem Maße zugeführt. Wie aus den Abb. 1 und 2 ersichtlich, liegt die Jodzufuhr weit unterhalb der Empfehlung; dieser Wert ist jedoch nur beschränkt aussagefähig, da die Zufuhr über jodiertes Speisesalz nicht erfasst wurde (Mensink et al. 2007).

Tab. 1: Hauptquellen für Fett in Deutschland (Mensink et al. 2007)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Süßwaren, Knabberartikel, Cerealienspezialitäten und Limonaden zählen nach OptimiX zu den „geduldeten“ Lebensmitteln und sollen mit weniger als 10% der Gesamtenergie nur in begrenztem Umfang konsumiert werden. Diese Lebensmittel werden deutlich im Übermaß verzehrt (s. Abb.3). Nach Brot sind Süßigkeiten bei Kindern und Jugendlichen derzeit die wichtigste Energiequelle (s. Tab. 2) (Mensink et al. 2007).

Unter den 6- bis 11-jährigen Kindern unterschritt die Trinkmenge bei 59% der Mädchen und 49% der Jungen die empfohlene Menge. Limonaden, die nach optimiX als Durstlöscher weniger geeignet sind, wurden von mehr als der Hälfte aller Befragten innerhalb des Befragungszeitraums konsumiert. Mit steigendem Alter erhöht sich vor allem bei den Jungen der Anteil derjenigen, die Limonade trinken. Die 15- bis 17-jährigen Jungen verzehrten im Mittel 357 ml Limonade am Tag, darunter 5% sogar 2,4 l oder mehr. Unter den Mädchen im gleichen Alter trinken etwa 5% 1,2 l oder mehr Limonade pro Tag (Mensink et al. 2007).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Verzehr von „geduldeten“ Lebensmitteln (Süßigkeiten, Knabberartikeln und Limonade) im Verhältnis zur Empfehlung (Mensink et al. 2007)

Tab.2: Hauptquellen für Energie in Deutschland (Mensink et al. 2007)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1.1.2 Schlussfolgerung

Wie aus Tab. 1 ersichtlich, nehmen Kinder bei der Fettzufuhr nur 11% über pflanzliche Fette und nur jeweils 1% über Nüsse und Fisch auf. Besonders bei den Mädchen ist erschreckend, dass Süßigkeiten die wichtigste Quelle für Fett darstellen. Aus den Daten kann eine hohe Aufnahme von gesättigten und Transfettsäuren und eine niedrige Aufnahme an EFA und HUFA abgeleitet werden. Wenn Kinder mit ADHS einen erhöhten Bedarf an EFA und HUFA haben, sprechen die Befunde umso deutlicher für eine Supplementierung von HUFA, v. a. über Fischöl(kapseln), aber auch eine Angleichung der Lebensmittelauswahl an die Vorgaben von optimiX.

Eisen wird von Mädchen oft nicht ausreichend aufgenommen (s. Abb. 2). Da eine Eisensupplementierung sich als effektiv hinsichtlich einer ADHS-Symptomatik erwiesen hat, spricht dies für eine Überprüfung der Ferritinwerte von Kindern, insbesondere Mädchen, bevor über eine medikamentöse Therapie nachgedacht wird. Aber auch die Aufnahme von Eisen über Lebensmittel ließe sich durch eine verbesserte Lebensmittelauswahl steigern.

Süßwaren, Knabberartikel, Cerealienspezialitäten und Limonaden, die von Kindern im Übermaß verzehrt werden, gehören zu den Lebensmitteln, die häufig Lebensmittelzusatzstoffe (insbesondere AFCs und Benzoate) enthalten, vor denen neuerdings gewarnt wird. Es bleibt zu hoffen, dass die Vorgabe der EU für die Hersteller, Warnhinweise auf Lebensmittelverpackungen einzuführen, zügig umgesetzt wird oder ein baldiges Verbot erfolgt. Informationen über die potentiellen adversen Effekte auf Aufmerksamkeit und Verhalten von Kindern sollten der Allgemeinbevölkerung, v. a. aber von ADHS betroffenen Familien im Rahmen von Aufklärung und Beratung nach britischem Vorbild zugänglich gemacht werden, um bei Eltern, Kindern, LehrerInnen und ErzieherInnen ein Problembewusstsein hinsichtlich des Verzehrs der genannten Lebensmittel zu schaffen.

Ein Beitrag ungünstiger Ernährungsweisen zur steigenden Prävalenz der ADHS bei Kindern kann nicht ausgeschlossen werden. Eine Lebensmittelauswahl nach dem Konzept optimiX vermag ernährungsbezogene Risikofaktoren für ADHS zu minimieren und könnte zu einer Verbesserung der Symptomatik beitragen. Dies entspricht auch der Aussage Eggers (1991), dass eine gesunde Ernährung oftmals ausreichen kann, um bei ADHS Erfolge zu erzielen.

1.2 Einstellungen von Personengruppen, die Kinder mit ADHS betreuen

1.2.1 Hintergrund

In einer 2006 publizierten Untersuchung aus Deutschland wurden Erwachsene aus verschiedenen Versuchspersonengruppen (Vpngr) mittels einer teilstrukturierten Befragung über ihre Einstellung zum Einfluss der Ernährung auf die Entstehung einer ADHS interviewt. Dazu gehörten jeweils 150 Eltern von Kindern mit ADHS, LehrerInnen und ErzieherInnen, die solche Kinder in schulischen oder vorschulischen Einrichtungen fördern und betreuen sowie Ärztinnen und Ärzte, die sie medizinisch versorgen. Mehrfachnennungen waren bei den meisten Fragestellungen möglich (Preis 2006).

Aufgrund ihrer Ziele, der Aus- und Weiterbildung und Praxiserfahrungen wurde von den LehrerInnen, ErzieherInnen, Ärztinnen und Ärzten eine Integration von verinnerlichtem wissenschaftlichem Wissen in vorhandene Wissensnetze und dessen Umsetzung in konkrete Handlungsstrategien erwartet. Im Gegensatz dazu wurde davon ausgegangen, dass das Handeln von Eltern eher auf Alltagserfahrungen und –theorien, verabsolutierenden Kategorien, einer Mischung aus Wissen und Glaubensinhalten sowie auf Pauschalierungen ohne Trennung zwischen Beobachtung und Bewertung beruht. Eine vorangegangene Untersuchung mit einer kleineren Stichprobe hatte Hinweise auf eine mangelnde Stimmigkeit in der Zusammenarbeit zwischen Personen, die mit von ADHS betroffenen Kindern arbeiten, geliefert (Preis 2006).

1.2.2 Ergebnisse

Bis auf wenige Ausnahmen unterschieden sich die Einstellungen in Abhängigkeit von der Zugehörigkeit zur Vpngr in fast allen Untersuchungsbereichen erheblich. Die Entstehung einer ADHS wird von Eltern sehr viel häufiger auf die Ernährung zurückgeführt als von den anderen Vpngr, während aus der Ärzteschaft nur wenige diese Auffassung teilen. Dagegen sehen nur wenige Eltern Ursachen im sozialen Umfeld, während ErzieherInnen diese häufiger vermuten. Mehr Einigkeit herrscht bei der Zuschreibung genetischer bzw. organischer Ursachen, obwohl die Unterschiede zwischen den Vpngr auch hier signifikant sind (s. Abb. 3). Abb. 4 zeigt die Einschätzung der Vpngr zu Nahrungsmitteln als möglichen Auslöser. Sehr viel mehr Eltern als Personen aus anderen Vpngr sind von ernährungsbezogenen Ursachen überzeugt, während die Ärztinnen und Ärzte diese eher ablehnen. Zwischen 4 und 24% der Personen aus den Vpngr beurteilen die Ernährung höchstens als verstärkenden Faktor (Preis 2006).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Die Vpngr (je n=150) benennen folgende Ursachenbereiche für die Auslösung einer ADHS (Quelle: nach Preis 2006, eigene Darstellung)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 5: Die Vpngr (je n=150) benennen Nahrungsmittel je nach Überzeugung definitiv als

Ursache für die Auslösung einer ADHS (Quelle: nach Preis 2006, eigene Darstellung)

Wird nach einzelnen Nahrungsmitteln bzw. Nahrungsmittelzusätzen als Auslöser für eine ADHS gefragt, beziehen sich die Nennungen von Eltern fast ausschließlich auf Zucker (32%) und Lebensmittelzusatzstoffe (25%). Die anderen Vpngr benennen keine oder nur wenige Lebensmittel bzw. Inhaltsstoffe (s. Abb 15).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 6: Die von den Vpngr (je n=150) am häufigsten als Auslöser für eine ADHS benannten einzelnen Nahrungsmittel bzw. Nahrungsmittelzusätze

(Quelle: nach Preis 2006, eigene Darstellung)

Wurde genauer nachgefragt, welche Lebensmittelzusatzstoffe nach Ansicht der Vpngr als Auslöser infrage kommen, kommen bei den Ärzten und Ärztinnen, aber auch bei den Eltern relativ wenige konkrete Nennungen zustande, wobei Phosphate und Farbstoffe an erster Stelle, gefolgt von Konservierungsstoffen, stehen (s. Abb. 6).

Dass Phosphate von einigen Eltern immer noch als bedenklich eingestuft werden zeigt, dass die Hypothese von Hertha Hafer trotz der fehlenden Evidenz auch heute noch Anhänger hat. Auch aus der Ärzteschaft erfolgten einige Nennungen von Phosphaten als Auslöser, was angesichts der Tatsache, dass die befragten Mediziner betroffene Kinder behandeln, auf einen veralteten Wissensstand schließen lässt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 7: Anzahl der Nennungen bestimmter Zusatzstoffe durch Personen, die überzeugt sind,

dass diese ADHS auslösen nach Vpngr (Quelle: nach Preis 2006, eigene Darstellung)

Aus den Interviews wurde ersichtlich, dass die befragten Personen generell nicht unterscheiden, ob es sich bei den genannten Lebensmittelinhaltsstoffen um zugesetzte oder in Lebensmitteln natürlich enthaltene Substanzen handelt (Preis 2006). Allen Personen, die Phosphate genannt haben, schien nicht klar zu sein, dass deren Nennung in logischer Konsequenz auch die Nennung von Backtriebmitteln hätte beinhalten müssen, da diese meist überwiegend Dinatriumphosphat enthalten (Dr. Oetker o. J.). Somit bestehen anscheinend bei allen Vpngr Wissenslücken darüber, welche Lebensmittel welche der gefragten Substanzen enthalten.

Hinsichtlich ausgewählter Behandlungsmethoden wird von allen Vpngr am häufigsten die medikamentöse Therapie genannt, die aber teilweise offenbar entgegen dem Rat von Fachgesellschafte ohne eine begleitende psychologische Therapie durchgeführt wird, da hier weniger Nennungen angegeben wurden (s. Abb. 8). Insgesamt wurden von den Befragten ca. 120 verschiedene Behandlungskonzepte angegeben (Preis 2006).

Fast die Hälfte der Eltern versuchte mittels verschiedener Ernährungsinterventionen, Einfluss auf die ADHS-Symptomatik ihrer Kinder zu nehmen. Dabei wurden eine Eliminierung oder Reduzierung bestimmter Lebensmittel und Lebensmittelinhaltsstoffe, in seltenen Fällen auch eine Rotationsdiät, praktiziert. Auch die anderen Vpngr wurden hierzu befragt, gaben aber nur vereinzelte Nennungen ab, da sie über die Durchführung nicht informiert waren oder von der Methode nicht überzeugt waren. Nur wenige (6% von n=150) Eltern gaben an, bei ihren Kindern Zusatzstoffe zu eliminieren, bezüglich derer die Evidenz für eine Auslösung hyperaktiven Verhaltens als am höchsten betrachtet werden kann. Dagegen gaben 16% an, die phosphatreduzierte Diät mit ihren Kindern zu praktizieren, was bei einem Teil der Eltern auf einen nicht mehr aktuellen Wissensstand schließen lässt. Hinsichtlich der Effekte wurde die phosphatreduzierte Diät jedoch nur von vier der 24 Eltern, die angegeben hatten, diese anzuwenden, als wirksam angesehen, während vier Eltern schlechte und 20 Eltern indifferente Erfahrungen mit dieser Diät angaben. Möglicherweise wird sie aus Verzweiflung und in Ermangelung der Kenntnis von Alternativen auch heute noch in diesem Ausmaß angewendet.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 8: Von den Vpngr (je n=150) bei Kindern mit ADHS durchgeführte ausgewählte Therapien

(Quelle: nach Preis 2006, eigene Darstellung)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 9: Von Eltern mit von ADHS betroffenen Kindern durchgeführte Ernährungs- interventionen (Quelle: nach Preis 2006, eigene Darstellung)

1.2.3 Schlussfolgerung

Die Einstellungen von Eltern sind in einigen Fällen in sich widersprüchlich, stehen jedoch auch deutlich mit denen anderer Vpngr im Widerspruch zueinander; aber auch LehrerInnen, ErzieherInnen sowie Ärztinnen und Ärzte differieren signifikant in ihren Auffassungen. Zudem wurde in dieser Untersuchung festgestellt, dass in Bezug auf die Bezeichnungen für ADHS und deren Differenzierung nach unterschiedlichen Subtypen offenbar eine babylonische Sprachverwirrung besteht, die die Zusammenarbeit zwischen jenen, die betroffene Kinder betreuen, zusätzlich potenziell erschwert (Preis 2006).

Preis (2006) mahnt die Notwendigkeit einer verstärkten Aus- und Weiterbildung derer, die Kinder mit ADHS betreuen, aber auch eine Intensivierung der Forschung im Bereich Diagnostik und Therapie, an.

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Details

Seiten
42
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656901730
ISBN (Buch)
9783656906872
Dateigröße
819 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v293036
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen – Institut für Ernährungswissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
aktuelle aspekte ernährung kindern deutschland diätetische maßnahmen adhs-patienten

Autor

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Titel: Aktuelle Aspekte der Ernährung von Kindern in Deutschland. Diätetische Maßnahmen bei ADHS-Patienten