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Die Lebenskunst bei Jean-Paul Sartre

Hausarbeit 2014 17 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Die Vorstellungen von Lebenskunst (lateinisch ars vivendi) reichen vom Bild eines unbeschwertem, hedonistisch, also auf Vergnügen ausgerichteten Lebensstils, des französischen Savoir-vivre, des italienischen Dolce Vita - im Deutschen gibt es nichts entsprechendes – zu einem gelassenen, angstfreien Umgang mit all den Schwierigkeiten und Katastrophen, die das Leben unvermeidbar mit sich bringt. Lebenskunst kann ein schlaues Durchschwindeln, ein Slalom zwischen allen Widrigkeiten des Alltags sein. Im Extremfall aber, wenn es um Leben oder Tod geht, oder zumindest um die unmittelbare Existenz, geht der Begriff ´Lebenskunst´ in den der ´Überlebenskunst´ über.

Lebenskunst ist eine bestimmte Haltung. Zu ihr muss die Bereitschaft gehören, die eigene Situation bewusst wahrzunehmen und die entsprechenden Entscheidungen im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten zu treffen. Lebenskunst bedeutet eine ständige Herausforderung an das Individuum, auch sich selbst kritisch zu sehen, jedoch optimistisch und in aller Gelassenheit.

Sartre´s Existentialismus ist einzigartig in der Philosophie des 20. und 21. Jahrhunderts: Systematisch geht er von der Phänomenologie zur Ontologie, vom an-sich zum für-sich, von der Kontingenz zur Transzendenz, von der eigenen Persönlichkeit zum Problem des anderen. Die Ethik Sartre´s ergibt sich also aus seiner Ontologie.[1]

Kommt man mit dieser Ethik tatsächlich zu einem Konzept der Lebenskunst?

„Ist die existentialistische Philosophie tatsächlich vor allem eine Philosophie, die betont: die Existenz geht dem Wesen voraus, dann muss sie gelebt werden, um wirklich aufrichtig zu sein. Als Existentialist leben heißt bereit sein, für diese Lehre zu zahlen, und nicht, sie in Büchern durchzusetzen.“ [2]

Sartre´s Persönlichkeit, sein Leben demonstrieren Lebenskunst. Da seine Philosophie von ihrem Anspruch her vom konkreten Leben nicht trennbar ist, also auf die Entscheidungen und die Handlungen des Einzelnen wirken muss, würde bereits diese Tatsache darauf hinweisen, dass Sartre´s Existentialismus durchaus ´ Lebenskunst´ beinhaltet.

„Sartre ist klein, etwas gedrungen, neigt zur Korpulenz und schielt. Trotz seiner auffallenden Hässlichkeit wirkt er auf Frauen anziehend und ist sexuell erfolgreich. Er isst und trinkt viel und gerne, (…) In seinem Leben wie in seinem Werk ist Freiheit die überragende Wertvorstellung. (…) Seine Missachtung materieller Güter bedeutet nicht, dass er ein Asket ist, und seine spontane Unabhängigkeit macht ihn nicht zum Einzelgänger. In der Hauptsache scheint er ein glücklicher Mensch gewesen zu sein. und sich deshalb nicht schuldig gefühlt zu haben.“[3]

Berühmt wurde Sartre´s Vortrag „ Der Existentialismus ist ein Humanismus“, im Jahre 1944, zwei Jahre nach dem Erscheinen seines bekanntesten Werks „Das Sein und das Nichts“ gehalten.

Der Zweck des Referats war die Klarstellung der existentialistischen Positionen, deren Verteidigung gegenüber falschen Anschuldigen und Kritiken, nach denen sie kontemplativ und passiv, unsolidarisch und egoistisch, sowie in ihrer Ethik völlig willkürlich sein sollen.

Die Faszination der Philosophie Sartre´s, wie sie auch in diesem Vortrag so anschaulich gezeigt wird, liegt in ihrem stahlharten, kristallklaren Ausgangspunkt: der Mensch – und nichts weiter. So wie er ist. Und er ist das, was er aus sich macht[4].

Der Mensch, jeder einzelne, wird in die Welt geworfen, er ist da, ohne gefragt worden zu sein. Weder ist ein im moralischen Sinn definiertes menschliches Wesen zu entdecken – was den alltäglichen Erfahrungen entspricht, tatsächlich ist ´der Mensch´ zu allem fähig, zu allem Guten und allem Schlechten – noch ein höheres Wesen, das ihm Gebote und Verbote gibt, und damit sein Handeln bestimmen könnte.

„Die erste Absicht des Existentialismus“ besteht darin, dem Menschen seine ontologische Eigenheit bewusst zu machen, das heißt ihn „in den Besitz seiner selbst zu bringen“ [5]. Die ontologische Freiheit, das heißt die wesenhafte Freiheit des Menschen, seine Freiheit als Wesen, ergibt sich aus seiner Bestimmung als ´für-sich´. Freiheit bedeutet hier: Er kann nicht anders, er muss Entscheidungen treffen (und wenn er keine trifft, ist auch dies eine Entscheidung). Diese Entscheidungen sind ihm frei gestellt. Wer sollte für ihn entscheiden können, wenn nicht er selbst? Niemand nimmt ihm die Entscheidung ab, nichts ist vorbestimmt.

Wie verläuft aber der Sprung von der ontologischen Freiheit zur praktischen, konkret gelebten Freiheit? Bliebe es bei der ontologischen Freiheit, die ja dem Menschsein zwangsläufig gegeben ist, würde dieses Konzept nur eine theoretische Feststellung ohne praktische Konsequenzen sein.

Aber es heißt: Der Mensch muss ´er selbst´ werden, sich selbst in Besitz nehmen, ein authentisches Leben führen.

Bereits bei diesem ersten Schlüsselbegriff der Argumentationskette, der Freiheit, wird der emanzipatorische Charakter der Philosophie Sartres deutlich. Jeder muss sich darüber klar werden, dass nur er allein für sich die Entscheidungen trifft mit allen Konsequenzen.

„Wir sind allein, ohne Entschuldigungen.“[6]

Der zeitliche Bezug Sartre´s ist offensichtlich: 1943 erschien sein erstes Hauptwerk ´Das Sein und das Nichts´, 1944 fand sein Vortrag statt, der im folgenden Jahr veröffentlich wurde: Ganz Frankreich war auf einmal im antifaschistischen Widerstand gewesen, keiner war ein ´Kollaborateur´ der Nazis gewesen, niemand hatte Marschall Petain und seiner Nazi-hörigen Regierung zugejubelt - und wenn doch, war er natürlich dazu gezwungen worden[7]. Gegen diesen Opportunismus und diese ´Schwamm drüber!´- Haltung wandte sich Sartre vehement.

Für alle Entscheidungen, die man selber trifft, trägt man auch selbst die Verantwortung. Die direkte Konsequenz aus dieser Haltung war die Unversöhnlichkeit Sartres mit den französischen Nazi-Kollaborateuren und das Bestehen auf deren Bestrafung, auf der Todesstrafe[8].

Freiheit und Verantwortung führen zu einem Appell an die Ehrlichkeit, zu einem Aufruf gegen die Unaufrichtigkeit.

In Wahrheit ist die Sache sehr viel komplexer. Es geht natürlich nicht darum, keine Lügen mehr zu erzählen – wir sind von normativer Ethik meilenweit entfernt. Es geht weiterhin um eine bestimmte Grundhaltung, zuerst einmal sich selbst gegenüber.

- ´Unaufrichtigkeit´ würde bedeuten, die bestehenden Verhaltens- und Denknormen nicht zu hinterfragen, sie unreflektiert zu übernehmen, sich die mainstream-Ideologien anzueignen, sich hinter ihnen zu verstecken, die zugewiesene Rolle zu akzeptieren – und sich so aus der Verantwortung zu stehlen. Das heißt, sich selbst als Individuum zu negieren und eine Haltung des ´Das-was-man-ist-nicht-sein´[9] einzunehmen. Das eigene menschliche Dasein wird verleugnet.
- ´Aufrichtigkeit´ würde nach Sartres Definition bedeuten, die Vergangenheit und die Gegenwart zu verabsolutieren und sich so darzustellen, als wäre man nichts anderes und könnte auch nichts anderes sein, als das, was man war und gerade ist. Mit dieser Haltung kann man ohne Gewissensbisse seine Fehler präsentieren – ´man ist eben so´. Auch diese Haltung verleugnet die tatsächliche menschliche Realität, die Transzendenz, das im ewigen Fluss befindliche Dasein des Menschen.

Der Mensch ist ein transzendentes Wesen, das heißt, dass es immer über sich hinausgeht. Es ist nicht nur Vergangenheit und Gegenwart, es lebt ebenso in der Zukunft, ja gerade in dieser Zeitebene zeigt es sein Wesen. Wie es Sartre so schön kryptisch sagte: Der Mensch ist nicht das, was er ist, und das, was er nicht ist.

Die dritte Haltung ist die einzig richtige, nämlich die, welche der menschlichen, ontologischen Existenz wie auch davon abgeleitet seinem konkreten, spezifischen Leben tatsächlich entspricht: Der Mensch muss seine Authentizität finden, authentisch leben. Damit ist gemeint, das Grunddilemma der Existenz des Menschen zu sehen und es hinzunehmen: also die Notwendigkeit der Projektion, der Zielsetzung und des Engagements zur Durchsetzung seiner Ziele einerseits, und die prinzipielle Unausweichlichkeit des Scheiterns andererseits, zu akzeptieren. Man soll sich über das eigene In-Situation-Sein im Klaren sein, also über die Faktizität, in der man steckt, ebenso wie über die eigene Kontingenz und Transzendenz. Eine Folge dieser Haltung sollte sein, sich selbst nicht allzu ernst zu nehmen. Dies wurde oft falsch verstanden: Es ist keine Absage an das ´Engagement´, an den ewigen Versuch, sich selbst – das heißt, seine Ziele und Vorstellungen in der Handlung – zu verwirklichen; es soll nicht bedeuten, dieses Engagement nicht ernst zu nehmen – aber die Misserfolge, die sich natürlich einstellen, sollten nicht tragisch genommen werden. Der Mensch ist kein Gott, auch wenn er es gern wäre. Die Affinität zu einer stoischen Haltung ist unschwer zu erkennen. Sartre hat Recht, wenn er in seinem Vortrag den Existentialismus als eine optimistische Lebenshaltung vorstellt, ihm eine „optimistische Härte“[10] zuspricht! Dieses ´nicht-allzu-ernst-nehmen´ bedeutet die Fähigkeit, seine Positionen überdenken und revidieren zu können – und nicht nur einzelne Positionen, sondern grundsätzliche Lebensentwürfe – denn warum sollten gerade sie unveränderlich sein: Aus einem Feigling kann durchaus noch ein Held werden[11].

[...]


[1] Erstaunlicherweise zweifeln manche Kritiker überhaupt an der Existenz einer Ethik Sartre´s bzw. an der Möglichkeit ihrer Herleitung aus der Ontologie; vgl. Schönwälder-Kuntze 27/28 (Fußnoten)

[2] Sartre, Der Existentialismus ist ein Humanismus (EH), Reinbek 2007

[3] Danto 163

[4] EH 150

[5] ebenda

[6] EH 155

[7] Auch in Deutschland waren 1945 auf einmal alle Nazis verschwunden und auch in diesem Land hatte es auf einmal immer nur wackere Demokraten gegeben hatte.

[8] Simone de Beauvoir hat dies ausführlich in dem Artikel ´Auge um Auge´ in Sartre´s Zeitschrift ´Les Temps Modernes´ erklärt, in: S. d. B., Auge um Auge – Artikel zu Politik, Moral und Literatur 1945-1955, Reinbek 1987

[9] Seel 280

[10] EH 163

[11] EH 164

Details

Seiten
17
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656903093
ISBN (Buch)
9783656903109
Dateigröße
451 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v293144
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Philosophie
Note
1,0
Schlagworte
Philosophie Ethik Lebenskunst Existentialismus Sartre

Autor

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Titel: Die Lebenskunst bei Jean-Paul Sartre