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Krisenwahrnehmungen. Zwei zeitgenössische Perspektiven auf die Hungerkrise 1816/17

Hausarbeit (Hauptseminar) 2015 16 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Historische Hungerkrisen als Forschungsproblem

3. Wilhelm Heinrich Seel über die Teuerung (1816)
3.1 Quellenkritische Anmerkungen
3.2 Teuerung als überbewertetes Phänomen
3.3 Teuerung als positives Phänomen
3.4 Ursachen und Lösungsansätze

4. Johann Wilhelm Fischer über die „Mangel-Crisis“ (1825)
4.1 Quellenkritische Anmerkungen
4.2 Hoffnung und Verzweiflung – Von der Realität der Krise
4.3 Ursachen und Lösungsansätze

5. Fazit

6. Bibliographie
6.1 Quellen
6.2 Literatur

1. Einleitung

„Bettler langen lieber nach einem Schnittlein Brot als nach einem Kreuzer, um welchen man gar kein Brod mehr kaufen kann. Was noch vor kurzem 2 Pfennig kostete, kostet jetzt 2 Kr.“1 Johann Andreas Schmeller schreibt diese Worte in seinem Tagebuch im Mai 1817 nieder. Er spricht von der extremen Preissteigerung und der damit verbundenen Hungerkrise, welche in den Jahren 1816 und 1817 im Südwesten des Deutschen Bundes wütete. Dabei nimmt der Autor die Perspektive eines Beobachters ein. Er erkennt die Teuerung als eine existenzielle Bedrohung für einen bestimmten Teil der Bevölkerung. Ihn selbst scheint das Problem aber nicht zu berühren. Etwa zur gleichen Zeit begannen Menschen andernorts Kartoffelschalen, Schnecken und Gras von den Weiden zu essen.2

Diese kurze Gegenüberstellung macht deutlich, wie differenziert die Teuerungs- und Hungerkrise 1816/17 von den Zeitgenossen beurteilt wurde. Zweifellos gab es unterschiedliche Erfahrungen abhängig von diversen Faktoren. Mit anderen Worten: Es gibt einen Dissens zwischen wahrgenommener und realer Krise.3 Problematisch ist diese Abweichung vor allem im Hinblick auf den Umgang mit der Situation. Wichtige Akteure schätzten die Lage falsch ein und reagierten oft viel zu spät.4 Primär scheint die Krisenkommunikation auf bürokratischer Ebene stattgefunden zu haben.5 Wie aber haben andere soziale Gruppen die Situation 1816/17 bewertet?

Die vorliegende Arbeit untersucht dieses Phänomen exemplarisch anhand der Schriften von Wilhelm Heinrich Seel und Johann Wilhelm Fischer. Eine ausführliche Analyse ihrer Eindrücke soll klären, inwiefern überhaupt das Bewusstsein für krisenhafte Verhältnisse vorhanden war und welche Ursachen sowie Lösungsvorschläge beide Verfasser benennen. Quellenkritisch gilt es sowohl die unterschiedlichen Entstehungs- und Rezeptionsbedingungen der Texte deutlich zu machen als auch auf den Lebenswandel der Persönlichkeiten selbst hinzuweisen.

2. Historische Hungerkrisen als Forschungsproblem

Bei der Beschäftigung mit historischen Hungerkrisen wird der Geschichtswissenschaftler vor mehrere Schwierigkeiten gestellt. Erstens ist die retrospektive Beurteilung der realen Intensität von Hungerkrisen kompliziert. Das liegt zum einen an dem mangelhaften statistischen Material für den Beginn des 19. Jahrhunderts. Aufzeichnungen von Preis- und Lohnschwankungen sind spärlich.6 Dadurch lassen sich nur unbefriedigende Aussagen zur Relation von Preisen und Löhnen in verschiedenen Regionen machen. Nicht genau geklärt ist auch, wie viele Hilfsbedürftige es gab und inwiefern erhöhte Sterbezahlen beispielsweise in den Jahren 1816/17 mit Ernährungsmangel korrelierten.7 Zum anderen wurden die Begriffe „Not“ und „Krise“ von den Zeitgenossen auf unterschiedliche Weise benutzt. Wissenschaftliche Kategorien zur Definition von Armut und Nahrungsmangel existierten noch nicht.8

Zweitens liegen eindimensionale Quellenverhältnisse vor. Die Mehrheit der um 1800 zur Verfügung stehenden Quellen besteht aus obrigkeitlichen Akten.9 Zwangsläufig kann sich der Historiker also nur mit einer Krisenperspektive auseinandersetzen. Stimmen aus der Bevölkerung erscheinen nur bei Normverstößen in den Schriften. Erfahrungsberichte von Betroffenen sind hingegen kaum tradiert.10 Dies verhindert die Rekonstruktion einer Innenseite der Krise. Spuren der Not lassen sich lediglich indirekt aus Regierungsmeldungen, regionalen Zeitungsartikeln, kulturellen Relikten, bildlichen Zeugnissen sowie Tauf- und Sterbebüchern ableiten. Aber auch diese Quellenarten sind kritisch zu betrachten, da oft der genaue Überlieferungsweg im Dunklen liegt und die Zensur maßgeblich den Inhalt vieler Dokumente bestimmte.11

Letztlich muss noch auf politische und wirtschaftliche Aspekte zu Beginn des 19. Jahrhunderts aufmerksam gemacht werden, welche im wesentlich die Untersuchung von Hungerkrisen beeinflussen. Partikularismus, Zollschranken und die prinzipielle Rückständigkeit der Landwirtschaft führten zu unterschiedlichen Teuerungsraten in den Ländern des Deutschen Bundes und damit auch zu einem divergenten Ausmaß des Nahrungsmittelmangels. Besonders betroffen waren die Regionen in Süd-Westdeutschland.12 Demnach sind Hungersnöte als regionales Phänomen in einem engem zeitlichen Rahmen zu betrachten.13 Hinsichtlich der Schriften von Seel und Fischer muss dieser Aspekt in die Überlegungen einbezogen werden.

3. Wilhelm Heinrich Seel über die Teuerung (1816)

3.1 Quellenkritische Anmerkungen

Wilhelm Heinrich Seel veröffentlichte im November 1816 die Schrift „Das Erfreuliche der gegenwärtigen Theurung“.14 Bereits vier Monate zuvor hatten Landwirte vor Preissteigerung und Versorgungsengpässen aufgrund von Missernten gewarnt.15 Der Ausnahmezustand in der Versorgung der Bevölkerung mit Grundnahrungsmitteln konnte von den Behörden nicht mehr ignoriert werden. Trotzdem hatte sich noch nicht das Bewusstsein für eine Krise in allen Gesellschaftsschichten durchgesetzt.

Über Seels Leben sind nur wenige Einzelheiten überliefert. Er wurde 1776 in Hessen geboren und verdiente seinen Lebensunterhalt als Lehrer. Als Direktor der angesehenen Musterschule in Frankfurt am Main war Seel ab 1810 bis zu seinem Tod im Jahr 1821 tätig.16 Als Akademiker kann er also im Stand des Bildungsbürgertums verortet werden. Entsprechend seines Werdegangs war Seel vermutlich eine geachtete Persönlichkeit. Es ist davon auszugehen, dass seine Ansichten von einigen gebildeten Zeitgenossen gehört wurden. Neben dem Beitrag über Hungersnot und Teuerung, veröffentlichte Seel noch eine andere Stellungnahme zu einem kontroversen Thema unter dem Titel „Vom Weltuntergange mit Beziehung auf die verkündete Wasserabnahme auf der Erde“.17

Der Verfasser gibt auf dem Titelblatt ein von ihm gehaltenen Vortrag im Frankfurter Museum am 22. November 1816 als Grundlage seiner Veröffentlichung an. Laut Datum am Schluss der „Vorrede an den Leser“ hat der Druck des Referates bereits zwei Tage später stattgefunden.18 Detailreich beschreibt Seel in dieser Einleitung die Entstehungshintergründe von Rede und Edition. Eindringlich sei der Direktor zunächst um einen Vortrag, später um die öffentliche Herausgabe seines Beitrages gebeten wurden.19 Ein Museumsmitglied habe sich sofort zur Übernahme der Druckkosten bereit erklärt.20 Jedoch wird keiner der Beteiligten namentlich genannt. Auch gibt es keine Aufzeichnung von Auflagen- oder Verkaufszahlen. Die postulierte Begeisterung des Publikums infolge der Vorlesung ist folglich nicht überprüfbar. Primär muss die Quelle als Stellungnahme eines Einzelnen gelesen werden.

3.2 Teuerung als überbewertetes Phänomen

Auf rhetorischer Ebene verfolgt jener Verweis auf allgemeine Zustimmung zweifellos den Zweck der Legitimation. Der Verfasser versucht seinen Thesen mehr Gewicht zu verleihen, indem er auf eine allgemeine Popularität seiner Präsentation verweist. Dafür spricht auch die mehrmalige Verwendung des Bescheidenheitstopus. Seels eigenen Formulierungen zufolge, habe die Abhandlung nämlich weder „eine wissenschaftliche noch eine ästhetische Seite“.21 In seinem Fokus stehe vielmehr das „hohe menschliche Interesse“22 an der Thematik. Zwar wird der Situation damit eine gewisse Brisanz zugestanden. Nach Ansicht des Autors ist diese Aufmerksamkeit allerdings ungerechtfertigt. Seine Intention ist es, zur Beruhigung der Öffentlichkeit über ein missinterpretiertes Problem beizutragen.23 An dieser Stelle kommen zwei Aspekte zum Ausdruck. Erstens gibt es eine Krise, welche Seel aber ganz bewusst nicht als solche kennzeichnet. Zweitens ist der Urheber kein persönlich Betroffener. Er spricht objektiv über die „durch die Theurung am härtesten gedrückten Armen“.24 Sein anonymer Verleger habe sogar vorgeschlagen, den Verkaufserlös als Spende zu verwenden. Sozusagen verspricht Seel finanzielle Unterstützung für die unteren Schichten und mentalen Zuspruch für die obere Klasse.

3.3 Teuerung als positives Phänomen

Der stilistisch ausgereifte Hauptteil knüpft an die im Vorwort aufgestellten Behauptungen an. „Eine jede Sache hat eine Schattenseite und eine Lichtseite (...)“,25 gibt Seel mehr als einmal zu bedenken. Diese Phrase zieht sich wie ein roter Faden durch den Text. Die Angelegenheit wird mit dem neutral konnotierten Terminus „Sache“ bezeichnet, um das tatsächliche Ausmaß der Krise zu bagatellisieren. Darüberhinaus versucht Seel seine Rezipienten mit der Floskel, jedes Ding habe zwei Seiten, auf seine Argumentation einzustimmen. Diesem Zweck dienen ebenso die verschiedenen Hinweise auf philosophische Autoritäten. Seel jongliert auf den folgenden Seiten mit Stereotypen über die menschliche Psyche. Die Unfähigkeit des Menschen positive Aspekte aus schwierigen Situationen abzuleiten, habe seine Ursache in dessen angeborenem Pessimismus.26 Mittels einer rechnerischen Betrachtung möchte Seel „ängstigende Gedanken und Besorgnisse“27 verscheuchen. Besonders diese Wortwahl zeigt die Leichtigkeit, mit welcher der Schuldirektor die Ereignisse 1816 beurteilt.

Seels mathematisches Hauptargument kann nicht mehr als pseudowissenschaftlich bezeichnet werden. Die Berechnung basiert auf vagen Werten. Beispielsweise kann der Verfasser nicht auf Bevölkerungszahlen zugreifen, um den tatsächlichen Getreide- und Kartoffelbedarf zu berechnen. Darüberhinaus liegen keine konkreten Ertragszahlen vor. Als Voraussetzung nimmt er die Anbau- und Erntebedingungen des Vorjahres an.28 Seel zieht folgendes Fazit: „Also die gleich nach der Erndte eingetretene Theurung, und die dadurch bewirkte verminderte Getraide-Consumtion, hat uns vor wirklichem Mangel bewahrt!“.29 Auch an dieser Stelle wird nur vorsichtig von einer Knappheit gesprochen, ohne diese aber weiter zu spezifizieren. Seels Ratschlag lautet, die Bevölkerung solle zunächst zufrieden sein und sich bis zum nächsten Sommer in Geduld üben.30

Ferner appelliert der Schreiber an die Solidarität und das Zusammengehörigkeitsgefühl der Deutschen. Die Teuerung sei von besonderem Nutzen für einen bestimmte Berufsgruppe: „(...) daß der Vortheil einer Theurung doch nun auch einmal denen zu gut kommt, denen er gebührt, und denen er am ersten zu gönnen ist, nämlich den Bauern.“.31 Seel vertritt die Ansicht, die Preissteigerung für Getreide und Kartoffeln habe genau zum richtigen Moment eingesetzt. Der Bauer verdiene auf diese Weise unmittelbar nach der Ernte viel Geld für seine schwere Arbeit. Hinzu komme die jahrelange Ausbeutung der Landwirte und die Verwüstung der Felder während der Befreiungskriege.32 Ergo solle man dem ausgezehrten Stand ein wenig Profit gönnen.33

3.4 Ursachen und Lösungsansätze

Seels Schrift ist nicht nur als Plädoyer für die positiven Momente der Preissteigerung zu lesen. Die letzten Absätze diskutieren zudem Ursachen und mögliche Lösungen. Dabei unterscheidet der Autor zwischen psychologischen, ökologischen und wirtschaftlichen Auslösern. Die Teuerung sei sowohl durch die wetterbedingt „mehr oder weniger zerstörten Erndten“ als auch durch „Kleingläubigkeit und Verzagtheit der Menschen“ sowie Wuchergeist und finanziellen Gewinn der Agronomen entfacht wurden.34 Seel versucht an dieser Stelle Schuldige zu finden, um die Komplexität der Krise zu reduzieren.35

Ähnlich simpel muten seine Lösungsvorschläge an. Der Verfasser ruft zu Wohltätigkeit auf. Jeder Haushalt solle sparsam mit den jeweiligen zur Verfügung stehenden Ressourcen umgehen. Zusätzlich erwartet er die Unterstützung weniger privilegierter durch wohlhabende Familien. Feierlich unterstreicht Seel seine Worte mit dem Ausruf: „Es gebe, wer da kann!“.36 In diesem Sinne verlangt der Schulleiter auch Lohnverminderungen oder Kündigungen zu unterlassen. Interessanterweise wird hier der Staatsapparat nicht einmal erwähnt. Dies passt zu Seels Ursachenanalyse. Neben den schlechten Ernteerträgen, erkennt er als hauptsächlichen Stimulus der Krise den Menschen selbst. Schließlich wird der Leser mit dem schwachen Trost entlassen, nur weitere neun Monate ausharren zu müssen.37

4. Johann Wilhelm Fischer über die „Mangel-Crisis“ (1825)

4.1 Quellenkritische Anmerkungen

Einen gänzlich anderen Standpunkt hinsichtlich der Teuerungs- und Hungerkrise 1816/17 nimmt der Zeitgenosse Johann Wilhelm Fischer ein. Geboren wurde er 1779 in Burg an der Wupper als Nachkomme einer angesehenen Familie. Großvater und Vater unterhielten nicht nur eine eigene Deckenmanufaktur, sondern beteiligten sich auch rege an kommunalen Angelegenheiten.38 Fischer verfolgte aufgrund seiner Herkunft aus diesem handwerklichen Umfeld keine akademische Laufbahn wie Seel. Nach sechsjähriger Ausbildung zum Kaufmann in einem Berliner Handelshaus, nahm er eine Anstellung im Elberfelder Textilverlag des Johann Peter Schlickum auf. Rasch bekam Fischer dort Verantwortung übertragen. Als Handelsreisender knüpfte er schon bald wichtige Geschäftskontakte zu mehreren europäischen Ländern.39 Günstige Eheschließungen mit Töchtern aus hochgeschätzten Barmer Familien ermöglichten dem jungen Unternehmer sein eigenes Kontor 1812 zu eröffnen. Zehn Jahre später übernahm er sogar gemeinsam mit seinem Bruder ein Bankhaus.40

Wie sich aus seinen 1817 verfassten Memoiren entnehmen lässt, war Fischer eine ehrgeizige, pragmatische Persönlichkeit.41 Wirtschaftlicher Erfolg, politischer Einfluss und soziale Anerkennung waren in seinem Verständnis miteinander verwoben. Fischer engagierte sich auch deshalb immer wieder ehrenamtlich.42 Eine entscheidende Rolle spielte er im Kampf gegen die Hungersnot 1816/17 als Direktor des neugegründeten Barmer Kornvereins.43 Acht Jahre nach Überwindung der Krise verfasste Fischer auf Grundlage von Sitzungsprotokollen, Briefen und Reden die Geschichte jener Organisation. Der Autor hatte nicht die Absicht seinen Text zu veröffentlichen. Vielmehr war die Schrift seinem Nachlass zugeordnet und sollte seinen Erben als Lektüre dienen.44 Die folgende Analyse soll nun klären, wie Fischer die Situation um 1817 einschätzte. Eine besondere Rolle spielen dabei die wörtlich überlieferten Vorträge, da diese Quellen nicht retrospektiv urteilen.

1 JOHANN ANDREAS SCHMELLER: Tagebücher 1801-1852. Bd. 1: 1801-1825. Hrsg. von Paul Ruf, München, 1954, S. 397.

2 Vgl. DANIEL KRÄMER: Als Menschen wie das Vieh grasten. Die Hungerkrise 1816/17 im Kanton Nidwalden. In: Nidwaldner Wochenblatt. 25. September 2008, S. 19. Siehe außerdem: MANFRED VASOLD: Der große Hunger. In: Die Zeit 13 (1994), S. 98.

3 Vgl. THOMAS MERGEL: Einleitung: Krisen als Wahrnehmungsphänomene. In: Krisen verstehen. Historische und kulturwissenschaftliche Annäherungen. Hrsg. von Thomas Mergel, Frankfurt/New York, 2012, S. 16.

4 Ausführlich ist die Krisenwahrnehmung durch die Behörden für Bayern untersucht. Maßnahmen wurden dort erst Ende des Jahres 1816 umgesetzt, obwohl Vertreter der Landwirtschaft bereits seit dem Sommer vor einer mangelhaften Ernte warnten. Aus der heutigen Perspektive war das Krisenmanagement in Bayern inkonsequent und unorganisiert. Vgl. GERALD MÜLLER: Hunger in Bayern 1816-1818. Politik und Gesellschaft in einer Staatskrise des frühen 19. Jahrhunderts. Frankfurt am Main, 1998, S. 45ff.

5 Vgl. CLEMENS ZIMMERMANN: „Krisenkommunikation“. Modellbildung und das empirische Beispiel der Teuerungskrisen 1770/72, 1816/17, 1845/46 im südwestdeutschen Raum. In: Krisengeschichte(n). „Krise“ als Leitbegriff und Erzählmuster in kulturwissenschaftlicher Perspektive. Hrsg. von Carla Meyer u. a., Stuttgart, 2013, S. 389.

6 Versuche zu einer gesamtheitlichen Darstellung der Preis- und Lohnentwicklung während des 18. und 19. Jahrhunderts bei Abel. Siehe: WILHELM ABEL: Massenarmut und Hungerkrisen im vorindustriellen Deutschland. Göttingen, 1986, S. 15.

7 Vgl. DIETER DOWE: Methodologische Überlegungen zum Problem des Hungers in Deutschland in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In: Arbeiterexistenz im 19. Jahrhundert. Lebensstandard und Lebensgestaltung deutscher Arbeiter und Handwerker. Hrsg. von Werner Conze/Ulrich Engelhardt, Stuttgart, 1981, S. 215. Dowe übt maßgeblich Kritik an Abels Aufstellung deutscher Brotpreise. Abel unterliege dabei der falschen Annahme, dass die unteren sozialen Schichten ihren Lebensmittelbedarf bereits vollständig durch Kauf am Markt deckten. Tatsächlich besaßen die meisten aber noch Ackerland und betrieben Viehhaltung.

8 Übrigens ist dies auch eine Kontroverse in der modernen Hungerforschung. Während europäische Forscher primär von einem Existenzminum ausgehen, argumentieren amerikanische Wissenschaftler mit dem Konzept der Vulnerabilität. Jene Theorie besitzt den Vorteil multikausal zu begründen und weit mehr Faktoren als Preise und Löhne zu erfassen. Vgl. DANIEL KRÄMER: Vulnerabilität und die konzeptionellen Strukturen des Hungers. Eine methodische Annäherung. In: Handeln in Hungerkrisen. Neue Perspektiven auf soziale und klimatische Vulnerabilität. Hrsg. von Dominik Collet/Thore Lassen/Ansgar Schanbacher, Göttingen, 2012, S. 48ff.

9 Vgl. die Einschätzungen von HANS-HEINRICH BASS: Hungerkrisen in Preussen während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. St. Katharinen, 1991, S. 20.

10 Krämer resümiert dazu nach Michel Foucault, dass Gefährdete gar nicht zu Wort kommen können, weil sie die Sprache der Mächtigen nicht beherrschen. Sie waren somit von dem hegemonialen Diskurs ausgeschlossen. Vgl. Krämer, Vulnerabilität, 2012, S. 52.

11 Vgl. Bass, 1991, S. 21.

12 Gut aufgearbeitet bei HANS-HEINRICH BASS: Hungerkrisen in Posen und im Rheinland 1816/17 und 1847. In: Der Kampf um das tägliche Brot. Nahrungsmangel, Versorgungspolitik und Protest 1770 – 1990. Hrsg. von Manfred Gailus/Heinrich Volkmann, Opladen, 1994, S. 155ff. Siehe außerdem für Bayern: Müller, 1998, S. 11ff.

13 Jede Krise ist neuartig. Die meisten Untersuchungen fokussieren also einen bestimmten Zeitraum und geographischen Ausschnitt. Eine topographisch äußerst nuancierte Studie in Anlehnung an das bereits erwähnte Konzept der Vulnerabilität hat Krämer vorgelegt. Vgl. DANIEL KRÄMER: Der kartierte Hunger. Räumliche Kontraste der Verletzlichkeit in der Schweiz während der Hungerkrise 1816/17. In: Krisen. Ursachen, Deutungen und Folgen. Hrsg. von Thomas David/Jon Mathieu/Janick Marina Schaufelbuehl, Zürich, 2012, S. 113ff.

14 Vgl. WILHELM HEINRICH SEEL: Das Erfreuliche der gegenwärtigen Theurung. Eine Vorlesung, gehalten im Museum zu Frankfurt am Main den 22. November 1816. Frankfurt am Main, 1816.

15 Die Ämter reagierten auf diese Hinweise zunächst nur zögerlich. Vereinzelt wurden aber auch schon im Juni 1816 Erhöhungen der Ausfuhrzölle für Getreide veranlasst, wie beispielsweise in Bayern. Vgl. Müller, 1998, S. 46f. Für Preußen siehe: Bass, 1991, S. 54ff. Der Höhepunkt der Hungersnot wurde im Frühjahr 1817 erreicht. Vgl. Abel, 1986, S. 54f.

16 Vgl. JOHANN H. PESTALOZZI: Sämtliche Werke. Bd. 26: Schriften von 1818-1820. Zürich, 1975, S. 536.

17 Vgl. WILHELM HEINRICH SEEL: Vom Weltuntergange mit Beziehung auf die verkündete Wasserabnahme auf der Erde. Eine kosmologisch-geologische Hypothese. Frankfurt am Main, 1817, S. 3ff.

18 Vgl. Seel, 1816, S. 6.

19 Vgl. Ebd., S. 3ff.

20 Vgl. Ebd., S. 5.

21 Ebd., S. 4.

22 Ebd.

23 Vgl. Ebd., S. 6.

24 Seel, 1816, S. 5.

25 Ebd., S. 8.

26 Vgl. Ebd., S. 8ff.

27 Ebd., S. 13.

28 Vgl. Ebd., S. 14ff.

29 Ebd., S. 16f.

30 Vgl. Seel, 1816, S. 17f.

31 Ebd., S. 18.

32 Vgl. Ebd., S. 20.

33 Tatsächlich konnten Großbauern und Gutsherren große Gewinne bis 1820 verzeichnen. Danach kam es zu einem Preissturz, welcher zum Bankrott vieler landwirtschaftlicher Betriebe führte. Vgl. Abel, 1986, S. 54ff.

34 Seel, 1816, S. 21.

35 Zimmermann macht Schuldzuweisung als einen typischen Bestandteil von Krisenkommunikation aus. Die Kennzeichnung von Wucherern und Spekulanten als verantwortliche Gruppe besitze oftmals eine antijüdische Komponente. Vgl. Zimmermann, 2013, S. 392.

36 Seel, 1816, S. 23.

37 Vgl. Seel, 1816, S. 24.

38 Detaillierte Untersuchung von Fischers Selbstzeugnissen sowie seines familiären Hintergrundes bei: JOACHIM STUDBERG: Johann Wilhelm Fischer (1779-1845) – Ein Unternehmer im Umbruch zur Moderne. In: Bergische Unternehmergestalten im Umbruch zur Moderne. Hrsg. von Karl-Hermann Beeck, Neustadt/Aisch, 1996, S. 121ff.

39 Diese Unternehmungen waren zuweilen nicht nur von geschäftlichem Interesse. Ganz im Sinne einer Bildungsreise, nutzte Fischer seine Aufenthalte in Neapel und Paris um sich touristisch zu vergnügen und einem aristokratischen Lebensstil hinzugeben. Vgl. Ebd., S. 132ff.

40 Vgl. Ebd., S. 140ff.

41 Vgl. WALTHER VON EYNERN (Hg.): Nachrichten aus meinem Leben. Von Johann Wilhelm Fischer aus Barmen. In: Zeitschrift des Bergischen Geschichtsvereins 58 (1929), S. 33.

42 Vgl. Studberg, 1996, S. 144.

43 Vgl. ANNE SOPHIE OVERKAMP: Stadtbürgerliche Fürsorge, christlicher Gemeinsinn und nützliches Erwerben: Die Armenfürsorge in Elberfeld und Barmen im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts. In: Wirtschaft und Gemeinschaft. Konfessionelle und neureligiöse Gemeinsinnsmodelle im 19. und 20. Jahrhundert. Hrsg. von Swen Steinberg/Winfried Müller, Bielefeld, 2014, S. 166f.

44 Vgl. RICHARD POPPELREUTER (Hg.): Geschichte des Kornvereins (1816/17) zu Barmen von Johann Wilhelm Fischer. In: Zeitschrift des Bergischen Geschichtsvereins 48 (1915), S. 254. Es muss an dieser Stelle ein Fehler in den Aufsätzen von Studberg und Overkamp korrigiert werden. Die Geschichte des Kornvereins wurde nicht 1917, sondern schon im Jahr 1915 publiziert.

Details

Seiten
16
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783656903390
ISBN (Buch)
9783656903406
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v293225
Note
1,0
Schlagworte
krisenwahrnehmungen zwei perspektiven hungerkrise

Autor

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Titel: Krisenwahrnehmungen. Zwei zeitgenössische Perspektiven auf die Hungerkrise 1816/17