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Grundlagen der makroökonomischen Analyse. Theorie und Anwendung auf die Konjunkturpolitik in Deutschland

Seminararbeit 2013 35 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Symbol- und Abkürzungsverzeichnis

1. Ziel und Struktur der Arbeit

2. Grundbegriffe der Konjunkturpolitik
2.1. Bedeutung und Rolle der Konjunkturpolitik
2.2. Die Ziele der Konjunkturpolitik (Das magische Viereck)
2.2.1. Hoher Beschäftigungsstand
2.2.2. Stabiles Preisniveau
2.2.3. Angemessenes und stetiges Wirtschaftswachstum
2.2.4. Außenwirtschaftliches Gleichgewicht
2.3. Die Teilbereiche der Konjunkturpolitik
2.3.1. Die Fiskalpolitik
2.3.2 Die Geldpolitik
2.3.3 Die Außenwirtschaftspolitik
2.3.4 Die Lohnpolitik
2.4. Der Konjunkturzyklus

3. Makroökonomische Lehrstandpunkte
3.1. Grundgedanke der Klassiker und Neoklassiker (Angebotspolitik)
3.2. Der Grundgedanke des Keynesianismus (Nachfragepolitik)
3.2.1. Die IS-Kurve
3.2.2. Die LM-Kurve
3.2.3. Das IS-LM-Modell

4. Die Steuerung der Konjunkturpolitik in Deutschland
4.1. Historische Entwicklung der deutschen Wirtschaftspolitik
4.2. Aktuelle Lage der deutschen Wirtschaftspolitik
4.3. Auswirkungen der Eurokrise auf die deutsche Wirtschaft
4.4. Fiskalpolitische Maßnahmen zur Bewältigung der negativen Auswirkungen von Krisen

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Das magische Viereck

Abb. 2: Die Phasen des Konjunkturzyklus

Abb. 3: Die IS-Kurve

Abb. 4: Das LM-Modell

Abb. 5: Das IS-LM-Modell

Abb. 6: Das Wirtschaftswachstum in Deutschland von 1950-2012

Abb. 7: Das Bruttoinlandsprodukt (Vierteljahresdaten)

Symbol- und Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Ziel und Struktur der Arbeit

Die voranschreitende Globalisierung eröffnet neue Märkte, bringt Kostenvorteile und neue Risiken mit sich, denn die einzelnen Wirtschaften werden zunehmend voneinander abhängig. Da die globale Wirtschaft oft von Krisen geprägt wird, besteht die Notwendigkeit einer kooperativen Zusammenarbeit unter den einzelnen Ländern. Ökonomen und Politiker diskutieren schon seit Jahrzehnten, ob der Staat in Zeiten einer Rezession eingreifen soll, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln, oder ob er sich eher zurückhalten soll. Ferner können sich die beteiligten Personen nicht einigen, ob während einer Wirtschaftskrise eher eine nachfrage- oder angebotsorientierte Wirtschaftspolitik wirkungsvoll ist. Das Hauptziel der globalen Stabilitätspolitik ist die Stabilisierung der Konjunktur insbes. in Krisenzeiten.1

Diese Seminararbeit hat die Untersuchung der relevanten Instrumente der Makroökonomie und deren Anwendung auf die Konjunkturpolitik in Deutschland zum Ziel. Zunächst wird auf die Teilbereiche und Ziele der Konjunkturpolitik sowie auf den Konjunkturzyklus eingegangen. Im dritten Kapitel werden die makroökonomischen Lehrstandpunkte der Neoklassik und des Keynesianismus dargestellt sowie das IS-LM-Modell erläutert.

Im Fokus des vierten Kapitels steht die Steuerung der gesamtwirtschaftlichen Konjunkturpolitik in Deutschland. Nachdem dort auf die Historie der wirtschaftlichen Entwicklung eingegangen wird, folgt eine Erläuterung der gegenwärtigen Situation. Ferner werden die Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise erläutert. Des Weiteren sollen die Maßnahmen der deutschen Regierung zur Bewältigung der negativen Auswirkungen der Wirtschafts- und Eurokrise beschrieben und deren Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft analysiert werden. Hierbei wird der Schwerpunkt auf den fiskalpolitischen und nicht auf geldpolitischen Maßnahmen liegen, da für letztere insbesondere die Europäische Zentralbank verantwortlich ist. Im letzten Kapitel folgt eine zusammenfassende Darstellung der Ergebnisse.

2. Grundbegriffe der Konjunkturpolitik

2.1. Bedeutung und Rolle der Konjunkturpolitik

Mit dem Begriff Konjunktur wird die wirtschaftliche Lage bzw. Entwicklung eines Landes bezeichnet. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird unter der Konjunktur die Boom-Phase der Wirtschaft verstanden. Diese Aussage stimmt nicht ganz, weil es sich bei der Konjunktur um eine wiederkehrend Veränderungen aller wirtschaftlichen Größen handelt, z.B. folgt nach einem Aufschwung wieder ein Abschwung der Wirtschaft, d.h. dass die gesamte Wirtschaft ständigen Schwankungen ausgesetzt ist. Daher versucht die Konjunkturpolitik, Maßnahmen zu ergreifen, die Schwankungen in der gesamten Wirtschaft dämpfen bzw. glätten sollen, denn nur so kann ein gleichmäßiges und stabiles Wirtschaftswachstum erreicht werden.2

Die Konjunkturpolitik beschäftigt sich mit der Fragestellung, wie die Wirtschaft in Zeiten der Rezession, aber auch während eines Aufschwungs gesteuert werden kann, um schwerwiegende gesamtwirtschaftliche Veränderungen zu vermeiden. Eine kontinuierliche Entwicklung der Wirtschaft wird bei Vollbeschäftigung erreicht. Aus diesem Grund ist oftmals die Rede von einer Konjunktur- und Beschäftigungspolitik.3

2.2. Die Ziele der Konjunkturpolitik (Das magische Viereck)

Das Gesetz zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft von 1967 bildet den Grundbaustein für die Konjunkturpolitik in Deutschland. Daraus lassen sich die vier folgenden Ziele ableiten: hoher Beschäftigungsstand, stabiles Preisniveau, angemessenes und stetiges Wirtschaftswachstum sowie das außerwirtschaftliche Gleichgewicht.4 Die im StabG verankerten Ziele werden in der Literatur auch als „magisches Viereck“ bezeichnet (Abb. 1). Das Wort „magisch“ bringt zum Ausdruck, dass die gleichzeitige Verwirklichung aller vier Ziele in der Realität oft nicht möglich ist bzw. zu Konflikten führt.5 Ein möglicher Konflikt bestünde z.B., wenn durch die steigende Nachfrage nach einem bestimmten Gut die Unternehmen mehr Personen einstellen würden. Dies hätte eine positive Wirkung auf den Arbeitsmarkt, da das Ziel einer Vollbeschäftigung erreicht werden könnte. Ferner hätten die Menschen Geld und würden somit mehr konsumieren. Der negative Effekt würde sich im Preis zeigen, weil bei einer hohen Nachfrage auch die Preise steigen würden und somit das Ziel der Preisniveaustabilität nicht erreicht werden könnte.6

Abb. 1: Das magische Viereck

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: eigene Darstellung

Ferner werden die vier Grundziele oft um weitere Ziele wie z.B. Umweltschutz oder Sicherung von natürlichen Ressourcen erweitert. Denn das Wirtschaftswachstum bringt einen erhöhten Einsatz an natürlichen Rohstoffen mit sich; diese sind knapp und erfordern einen angemessenen und bewussten Einsatz. Daher gewinnen nicht nur ökonomische, sondern auch ökologische und soziale Ziele im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung des Wirtschaftswachstums eine immer wichtigere Rolle.

2.2.1. Hoher Beschäftigungsstand

Die Arbeitslosigkeit hat in der Wirtschaft eine hohe Bedeutung, denn von dieser hängt nicht nur die Existenz vieler Menschen ab, sondern sie bringt auch hohe Kosten für den Staat, in Form von erhöhten Ausgaben wie z.B. Arbeitslosenhilfe, Unterstützung der Arbeitslosen etc. mit sich. Eine Unterbeschäftigung ist nicht wünschenswert, da der Staat auch mit Mindereinnahmen in Form von Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen rechnen muss. Wenn ein Großteil der Bevölkerung keinen Job hat, können nur wenige Personen z.B. die Lohnsteuer zahlen und es wird nur wenig konsumiert, da die Menschen kein Einkommen haben.7

Das oberste Ziel ist das Erreichen eines möglichst hohen Beschäftigungsstandes. Optimal wäre, wenn eine Vollbeschäftigung herrschen würde. Von einer Vollbeschäftigung kann dann die Rede sein, wenn die Arbeitslosenquote 0 % beträgt. Die Arbeitslosenquote ist ein prozentualer Wert, welcher sich aus der Anzahl der Arbeitslosen geteilt durch die Anzahl der Arbeitslosen plus die Anzahl der Beschäftigten mal 100 zusammensetzt.8 In der Realität kann eine ALQ von 0 % nicht erreicht werden, außerdem wurde diese nie genau zahlenmäßig erfasst. Die Experten sind sich aber einig, dass bereits bei einer ALQ in Höhe von 4 % von einer Vollbeschäftigung ausgegangen werden kann. Dies wird damit begründet, dass es auch in Zeiten einer sehr guten Konjunktur Personen gibt, die arbeitslos sind. Zum Beispiel gibt es die freiwilligen Arbeitslosen, die an einem Beschäftigungsverhältnis kein Interesse haben. Ferner haben Menschen z.B. aus der Bauwirtschaft im Winter aufgrund der Witterungsverhältnisse nichts zu tun und unterliegen somit der saisonalen Arbeitslosigkeit. Unter der friktionellen Arbeitslosigkeit werden Erwerbspersonen erfasst, die zwar in einem Beschäftigungsverhältnis sind, aber ihren Arbeitsplatz wechseln möchten. Oft ist es so, dass zwischen einem derartigen Wechsel eine Lücke entsteht und dieser Personenkreis für eine kurze Zeit arbeitslos ist.9

2.2.2. Stabiles Preisniveau

Das zweite im StabG fest verankerte Ziel ist die Gewährleistung eines stabilen Preisniveaus. Ein stabiler Preis ist dann gegeben, wenn das Preisniveau der einzelnen Preise zwar schwankt, aber diese sich nur minimal verändern.10 Gemäß der EZB ist ein stabiles Preisniveau dann gegeben, wenn die Inflationsrate für die Eurozone bei max. 2 % liegt.11 Die Inflationsrate drückt den prozentualen Anstieg der Verbraucherpreise aus.12 Um die Inflationsrate berechnen zu können, ist es zunächst erforderlich, den Preisindex für die Lebenshaltung (Laspeyers-Index) zu ermitteln. Hierfür stellt das statistische Bundesamt alle fünf Jahre13 einen Warenkorb, bestehend aus Gütern und Dienstleistungen, die ein durchschnittlicher Haushalt konsumiert, zusammen. Zunächst müssen die Preise der einzelnen Güter und Dienstleistungen für ein Berichtsjahr z.B. das Jahr 2013 festgestellt werden. Daraus wird dann eine Summe gebildet; dies ist der Wert, mit dem der gesamte Warenkorb im Berichtsjahr gekauft werden kann. Die Summe des Berichtsjahres wird anschließend durch die Summe des Basisjahres (aktuelles Basisjahr 2010)14 dividiert und minus 1 gerechnet sowie mit 100 multipliziert.15 Um die Inflationsrate zu berechnen, werden die Indexwerte für verschiedene Zeiträume miteinander verglichen. 16

2.2.3. Angemessenes und stetiges Wirtschaftswachstum

Als drittes Ziel wird ein angemessenes und stetiges Wirtschaftswachstum angestrebt. Das reale Wirtschaftswachstum ist ein sehr wichtiges Leitbild, da bereits ein geringes Wachstum zu einer Verbesserung des Wohlstandes in einem Land beitragen kann. Wenn z.B. in der Wirtschaft eine jährliche Zuwachsrate in Höhe von 2 % festgestellt wird, kann sich der Wohlstand nach ca. 35 Jahren verdoppeln. Ein hohes Wirtschaftswachstum bringt positive Auswirkungen für den Arbeits- sowie den Gütermarkt mit sich, jedoch können auch negative Konsequenzen insbes. für die Umwelt entstehen, da der Verbrauch der immer knapper werdenden natürlichen Ressourcen dadurch steigt.17 Daher soll das Wachstum angemessen die anderen drei Ziele im magischen Viereck unterstützen. In Deutschland wird ein 2- bis 3-prozentiger Zuwachs der Wirtschaft erwünscht und angestrebt.18 Ferner wird ein stetiges d.h. schwankungsfreies und gleichmäßiges Wirtschaftswachstum angestrebt.19 Sprunghafte Schwankungen sollen vermieden werden, da diese sich insbes. auf den Arbeitsmarkt negativ auswirken.20 Um das Wirtschaftswachstum zu messen, wird das Bruttoinlandsprodukt (BIP) verwendet. Das BIP erfasst den Wert aller produzierten und nachgefragten Güter und Dienstleistungen einer Volkwirtschaft in einer bestimmten Zeitperiode.21

2.2.4. Außenwirtschaftliches Gleichgewicht

Außenwirtschaftliches Gleichgewicht liegt vor, wenn die Zahlungsausgänge den Zahlungseingängen (Exporte minus Importe) entsprechen, d.h. wenn die Einnahmen die Ausgaben nicht übersteigen bzw. sich gegenseitig ausgleichen.22 Wenn der Betrag in der Zahlungsbilanz jedoch negativ ist, dann bedeutet dies, dass das jeweilige Land wertmäßig mehr importiert als exportiert hat, z.B. Land A exportiert Olivenöl ins Land B und kauft dort Autos ein, d.h. der Wert der beiden Güter ist unterschiedlich und das kann im Land A zu Ungleichgewichten führen. Daher wird angestrebt, ein angemessenes Verhältnis zwischen dem Export und Import von Waren zu schaffen. Außerdem kann ein derartiges Verhältnis die Lage auf dem Arbeitsmarkt begünstigen, da in Deutschland ca. ein Drittel der Arbeitsplätze vom Export abhängig sind.23

2.3. Die Teilbereiche der Konjunkturpolitik

Zu den fundamentalen Teilbereichen der Konjunkturpolitik gehören die Fiskal- und Geldpolitik sowie die Außenwirtschafts- und Lohnpolitik. Fiskalpolitische Maßnahmen können antizyklisch, d.h. entgegen dem Verlauf der Konjunktur wirtschaftlichen Krisen entgegenwirken.24 Auch die Geldpolitik, die von der europäischen Zentralbank gesteuert wird, kann durch den Einsatz expansiver Politik in einer Rezession die Konjunktur eines bzw. mehrerer Länder der Eurozone regeln.25 Die Lohnpolitik wird von Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden ausgehandelt, der Staat hat somit keinen Einfluss auf diese. Die Außenwirtschaftspolitik hat die Regelung der wirtschaftlichen Beziehungen mit dem Ausland zur Aufgabe und diese wiederum sollen das Wirtschaftswachstum ankurbeln und die Wirtschaft des eigenen Landes vor Wettbewerbern schützen.26 Daher haben die Lohn- und die Außenwirtschaftspolitik keinen unmittelbaren Einfluss auf die Steuerung der Konjunktur insbesondere während einer Wirtschafts- und Währungskrise.

2.3.1. Die Fiskalpolitik

Fiskalpolitische Maßnahmen haben ihre Wurzeln in der keynesianischen Nachfragepolitik.27 Wenn eine Wirtschaft einen Konjunkturrückgang erleidet, kann die Fiskalpolitik antizyklisch eingesetzt werden, d.h. es können unmittelbare Vorkehrungen getroffen werden, um die Gesamtnachfrage mit Aufträgen seitens des Staates anzukurbeln.28 Im Aufschwung soll die Nachfrage gesenkt werden, indem der Staat restriktive Instrumente einsetzt, z.B. indem er die Steuern erhöht und seine Ausgaben senkt. Die Nachfrage kann so gesenkt werden, weil Haushalte und Investoren weniger Geld zur Verfügung haben, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen.29 Im Abschwung der Konjunktur soll die gesamtwirtschaftliche Nachfrage angekurbelt werden. Hierfür ist der Einsatz expansiver fiskalpolitischer Instrumente erforderlich, indem der Staat die Steuern senkt und öffentliche Aufträge vergibt.30 Hierbei entstehen hohe Defizite, die sich sich während einer Rezession ohnehin nicht verändern lassen und in der Aufschwungphase korrigiert werden.31

Darüberhinaus werden fiskalpolitische Maßnahmen durch den Multiplikatoreffekt unterstützt bzw. verstärkt dieser die wirtschaftlichen Impulse seitens des Staates.32 Er drückt aus, wie sich die Veränderungen z.B. in Form von gesamtwirtschaftlichen Ausgaben auf das Volkseinkommen auswirken. Wenn der Staat durch unmittelbare Aufträge die Nachfrage ankurbeln möchte, löst diese Aktivität einen größeren Impuls aus, als wenn er die Steuern senkt oder Transferzahlungen erhöht.33 Bsp.: Der Staat trifft in der Rezession die Entscheidung, dass er die gesamtwirtschaftliche Nachfrage durch den Straßenbau beleben wird. Diese Entscheidung löst in der Wirtschaft eine Reihe von Reaktionen aus: Die Unternehmen müssen der erhöhten Nachfrage seitens des Staates nachkommen und produzieren die gewünschten Güter und Dienstleistungen, dadurch können sie Gewinne feststellen, die wiederum den Haushalten z.B. in Form von Löhnen zufließen. Die Haushalte kaufen auch Güter und Dienstleistungen und so entsteht eine erhöhte Nachfrage, der die Unternehmen durch die Produktion nachkommen müssen, dieser ganze Prozess hat eine repetitive Wirkung.34 Der Multiplikator in einer Welt ohne Steuern und Außenhandel ist 1/(1-MPC). Wenn die marginale Konsumquote (1=c+s) z.B. 0,4 beträgt, hat der Multiplikator den Wert 1/(1-0,4)*1 EUR=1,67 d.h. dass das reale BIP um 1,67 steigt, wenn der Staat seine Ausgaben für Waren und Dienstleitungen um 1 EUR erhöht.35

Wenn der Staat jedoch die Nachfrage nicht durch die Ausgaben für Waren und Dienstleistungen, sondern durch die Änderung der Transferleistungen ankurbeln möchte, hat dies einen geringeren Effekt. Wenn z.B. die Regierung die Transferzahlungen erhöht (indem z.B. der Hartz IV-Betrag um 1 Euro erhöht wird), hat dies zwar einen positiven Effekt auf das gesamtwirtschaftliche Einkommen, jedoch ist unbekannt, wie viel davon die Haushalte ausgeben, da sie einen Teil davon sparen werden. Wenn die MPC wie im Beispiel oben 0,4 beträgt, hat der Multiplikator den Wert 0,4/(1-0,4)*1 EUR= 0,67, d.h., dass das reale Volkseinkommen sich um 0,67 erhöht, weil ein Teil gespart wird.36 Eine Senkung der Steuern hat den gleichen Effekt wie eine Erhöhung der Transferzahlungen, da die Haushalte auch einen Teil davon sparen werden.37

Ferner werden konjunkturelle Schwankungen auch ohne die aktive Tätigkeit des Staates und zwar durch automatische Konjunkturstabilisatoren gedämpft. In einem Aufschwung werden durch höhere Umsätze mehr Steuern eingenommen. Diese nehmen den Unternehmen sowie den Haushalten die Kaufkraft weg, da insbesondere die progressiven Steuern wie z.B. die Lohnsteuer stark steigen, weil sie von der Höhe des Einkommens abhängig sind. Ferner wird der Staat entlastet, weil in der Aufschwungphase die meisten Menschen eine Arbeitsstelle haben und z.B. das Arbeitslosengeld sowie Sozialhilfeleistungen zurückfallen. In einer Krise dagegen wird ein Rückgang der Einnahmen aus Steuern verzeichnet, z.B. durch die hohe Arbeitslosenquote und den Rückgang der Gewinne seitens der Unternehmen. Darüberhinaus muss der Staat mit höheren Ausgaben rechnen in Form von Transferzahlungen.38

2.3.2 Die Geldpolitik

Die Geldpolitik spielt in der Eurozone eine wichtige Rolle und hat die Sicherung der Preisstabilität zum Ziel. Hierbei versteht der EZB-Rat unter Preisstabilität einen max. 2%igen Anstieg der Preise im gesamten Euro-Raum.39 Das Preisniveau wird auf dem Gütermarkt durch das Angebot und die Nachfrage bestimmt. Das Preisniveau steigt, wenn die Nachfrage größer ist als das Angebot und es sinkt, wenn das gesamtwirtschaftliche Angebot größer ist als die Nachfrage. Die EZB hat somit keinen direkten Einfluss auf die Preisbildung, sie kann jedoch die gesamtwirtschaftliche Nachfrage durch die Geldmenge über den Leitzins steuern. Der Leitzins ist der Zinssatz, zu welchem sich die Banken bei der EZB Geld leihen bzw. anlegen.40 Aus diesem Grund kann die Geldpolitik genauso wie die Fiskalpolitik konjunkturelle Schwankungen durch expansive bzw. restriktive Maßnahmen glätten. Wenn die Wirtschaft in eine Rezession gerät, kann die EZB diese mit einer expansiven Geldpolitik beheben. Dazu erhöht die EZB das Geldangebot und zwar durch das Senken der Zinssätze.41 Dadurch schafft die EZB neue Impulse für Investitions- und Konsumausgaben und erhöht die gesamtwirtschaftliche Nachfrage.42 Niedrige Zinsen machen das Sparen nicht mehr attraktiv und verleiten dazu, mehr zu konsumieren bzw. zu investieren.43 In der Hochkonjunktur kann die Zentralbank mit einer restriktiven Geldpolitik eingreifen, um gegen Inflation vorzugehen.44 Die Geldmenge wird durch steigende Zinsen verringert und die gesamtwirtschaftliche Nachfrage somit gesenkt.45 Hohe Zinsen machen das Sparen lukrativer und viele Investitionen nicht rentabel.46

Außerdem hat die Geldpolitik genau wie die Fiskalpolitik eine Multiplikatorwirkung. Der Multiplikator-Effekt entsteht durch die Änderung der Zinsen auf das Sparen sowie die gesamtwirtschaftliche Nachfrage.47 Die Formel für den Investitionsmultiplikator lautet wie folgt:48

Wenn das Zinsniveau sinkt und die Investitionen z.B. um den Betrag 100 Mio. erhöht werden, so erhöht sich auch das Volkseinkommen um .49 Die marginale Konsumquote und die Sparquote ergeben in der Summe immer eine 1. Bei einer Sparquote von 0,4 ergibt sich ein Investitionsmultiplikator von 250 Mio., d.h. dass die zusätzlichen Investitionen in Höhe von 100 Mio. das Volkseinkommen () um das 2,5-fache also um 250 Mio. vergrößern. Die Multiplikator-Wirkung ist umso größer, je größer die marginale Konsumquote (MPC) bzw. je kleiner die Sparquote (1-MPC) ist.50

2.3.3 Die Außenwirtschaftspolitik

Die Außenwirtschaftspolitik umfasst alle Handlungen, die dazu beitragen, überstaatliche Beziehungen zu steuern, z.B. gehören dazu der Waren- und Dienstleistungs- sowie der Kapitalverkehr.51 Außenwirtschaftspolitische Maßnahmen in Form von Handels-beschränkungen oder Zöllen können die Konjunktur beeinflussen und sich auf die gesamtwirtschaftliche Nachfrage negativ oder positiv auswirken.52 Um einen Ausgleich zwischen Importen und Exporten zu schaffen, kann die Regierung z.B. die Exporte durch Subventionen fördern53 oder die Importe mit hohen Zöllen besteuern.54

Das Ziel der Außenwirtschaftspolitik ist die Schaffung eines Gleichgewichts zwischen Import und Export, jedoch wird in der Realität versucht mehr zu exportieren als zu importieren. Denn es ergeben sich für den exportierenden Staat Vorteile, weil die Beschäftigung steigt, das Bruttoinlandsprodukt wächst und die Unternehmen höhere Gewinne generieren können. Auf der anderen Seite ist es so, dass der andere Staat, der die Güter und Dienstleistungen importiert mit Defiziten in der Leistungsbilanz rechnen muss. Auf Dauer kann dies zu politischen Spannungen sowie einem Staatsbankrot des importierenden Landes führen, da dieser sich hoch verschuldet. Ferner entwickelt das Exportland keine langfristigen in die Zukunft gerichteten Wirtschaftsstrukturen, denn wenn im Importland die Nachfrage sinkt, dann kann im Exportland ein ganzer Wirtschaftszweig zusammenbrechen und für konjunkturelle Schwankungen sorgen. Local-Content-Klauseln können inländische Industrien vor einem Bankrott retten, indem vorgeschrieben wird, dass bestimmte Anteile eines Endproduktes aus dem Inland kommen müssen55.

2.3.4 Die Lohnpolitik

Die Lohnpolitik in Deutschland ist durch die Tarifautonomie gem. Art. 3 III GG begrenzt, d.h. der Staat darf in diese nicht eingreifen.56 Gewerkschaften und Arbeitsgeberverbände, die sog. Tarifpartner, sind für das Festlegen der Lohnhöhe und Arbeitsbedingungen verantwortlich. Die Lohnpolitik kann sich positiv aber auch negativ auf die gesamtwirtschaftliche Nachfrage auswirken und für konjunkturelle Schwankungen sorgen. Wenn Löhne erhöht werden, kann dies einen positiven Effekt auf die gesamtwirtschaftliche Nachfrage und das Angebot haben, weil dadurch die Kaufkraft steigt. Fraglich ist jedoch, ob die Arbeitnehmer das höhere Einkommen im Inland, was dann der deutschen Wirtschaft zugute kommt oder eher z.B. für eine Reise im Ausland ausgeben.57 Ferner steigen bei den Unternehmen aber auch die Kosten für den Lohn; dieser Effekt hat eine negative Auswirkung, weil zum einen die Unternehmen Mitarbeiter entlassen und es mehr Arbeitslose gibt und dadurch die Kaufkraft sinkt. Darüberhinaus muss auch der Staat mit höheren Kostenaufwendungen in Form von Transferzahlungen rechnen.58

[...]


1 Welfens, Grundlagen der Wirtschaftspolitik, S. 401.

2 Weis, Definition: Konjunktur.

3 BPB, Stichwort: Konjunkturpolitik.

4 Finanz-Lexikon, Stichwort: Konjunkturpolitik.

5 Sperber, Wirtschaft verstehen, S. 21.

6 Zohlnhöfer/Dümig, Politik und Wirtschaft, S. 25.

7 Pätzgold, Ziele der Wirtschaftspolitik.

8 Statista, Arbeitslosenquote in Deutschland.

9 Bofinger, Grundzüge der VWL, S. 292.

10 Deutsche Bank Eurosystem, Stichwort: Preisstabilität.

11 Weeber, Einführung in die VWL, S. 18.

12 Weeber, Einführung in die VWL, S. 17.

13 Statistisches Bundesamt, Turnusmäßige Überarbeitung des Verbraucherpreisindex.

14 Statistisches Bundesamt, Turnusmäßige Überarbeitung des Verbraucherpreisindex.

15 Bofinger, Grundzüge der VWL, S. 295.

16 Bofinger, Grundzüge der VWL, S. 296.

17 Weeber, Einführung in die VWL, S. 24.

18 Rechtslexikon, Stichwort: Wirtschaftswachstum.

19 Weeber, Einführung in die VWL, S. 24.

20 Bofinger, Grundzüge der VWL, S. 287.

21 Bofinger, Grundzüge der VWL, S. 287.

22 Weeber, Einführung in die VWL, S. 24.

23 Weeber, Einführung in die VWL, S. 24.

24 Krugman/Wells, Volkswirtschaftslehre, S. 925.

25 Beck, Makroökonomie, S. 154.

26 BPB, Stichwort: Außenwirtschaftspolitik.

27 Sperber, Wirtschaft verstehen, S. 196.

28 Beck, Makroökonomie, S. 164.

29 Beck, Makroökonomie, S. 165.

30 Sperber, Wirtschaft verstehen, S. 197.

31 Beck, Makroökonomie, S. 165.

32 Krugman/Wells, Volkswirtschaftslehre, S. 938.

33 Beck, Makroökonomie, S. 165.

34 Krugman/Wells, Volkswirtschaftslehre, S. 933.

35 Krugman/Wells, Volkswirtschaftslehre, S. 935.

36 Krugman/Wells, Volkswirtschaftslehre, S. 935.

37 Krugman/Wells, Volkswirtschaftslehre, S. 934.

38 Beck, Makroökonomie, S. 166.

39 Deutsche Bundesbank Eurosystem, Geldpolitik.

40 Deutsche Bundesbank Eurosystem, Die Geldpolitik des Eurosystems.

41 Krugman/Wells, Volkswirtschaftslehre, S. 1002.

42 Krugman/Wells, Volkswirtschaftslehre, S. 1002.

43 Beck, Makroökonomie, S. 154.

44 Beck, Makroökonomie, S. 156.

45 Krugman/Wells, Volkswirtschaftslehre, S. 1003.

46 Beck, Makroökonomie, S. 156.

47 Krugman/Wells, Volkswirtschaftslehre, S. 1007.

48 Krugman/Wells, Volkswirtschaftslehre, S. 1004.

49 Peters, Wirtschaftspolitik, S. 205.

50 Peters, Wirtschaftspolitik, S. 207.

51 BPB, Stichwort: Außenwirtschaftspolitik.

52 Sperber, Wirtschaft verstehen, S. 26.

53 BPB, Stichwort: Außenwirtschaftspolitik.

54 Sperber, Wirtschaft verstehen, S. 26.

55 Rogall, VWL für Sozialwissenschaftler, S. 324, 325.

56 BPB, Stichwort: Lohnpolitik.

57 Lesch, Unterm Strich hat die Lohnpolitik seit Mitte der neunziger Jahre Augenmaß bewiesen.

58 Sperber, Wirtschaft verstehen, S. 26.

Details

Seiten
35
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656911135
ISBN (Buch)
9783656911142
Dateigröße
650 KB
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Erscheinungsdatum
2015 (März)
Note
1,7
Schlagworte
Makroökonomie Konjunkturpolitik Deutschland IS-LM-Modell

Autor

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