Lade Inhalt...

Die Vergessenen. Kinder psychisch kranker Eltern

von Ramona Schacht (Autor)

Hausarbeit 2012 16 Seiten

Pädagogik - Allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Fallbeispiel

2. Problemvorstellung
2.1. Psychische Erkrankungen als Familienerkrankung
2.2. Tabuisierung- das große Hindernis
2.3. Kinder ihre Reaktion, die Auswirkungen und Folgeerscheinungen

3. Erkrankung des Elternteils, während das Kind noch sehr jung ist

4. Hilfsmöglichkeiten
4.1. Psychiatrie
4.2. Die Jugendhilfe

5. Kinder psychisch kranker Eltern- ein Thema für die Schule

6. Literaturverzeichnis

7. Anhang

1. Fallbeispiel

1 Marie wuchs allein mit einer schizophrenen und depressiven Mutter auf. „ ‚Das kann sich keiner wirklich vorstellen, was damals los war‘, erzählt die heute 21-jährige.“2 Seitdem das Mädchen zehn Jahre alt war, wird ihre Mutter oft in eine Klinik eingewiesen. Die erkrankte Frau meinte, dass ihr Vater ein Außerirdischer sei, und hörte zudem Stimmen. Die Angehörigen lebten sehr weit entfernt in der Heimat der Mutter, in Bulgarien, und kamen erst zu Hilfe, wenn sich die Lage der Mutter selbst aus der Ferne sehr schlimm anhörte. Wiederum wird die Betroffene in die Klinik gebracht, und die Großmutter kümmerte sich in dieser Zeit um das Kind.

Marie kümmerte sich um den Haushalt in der Familie, ging zur Schule, kochte und regelte nebenbei Ämter- und Behördengänge. „ ‚Bis ich 15 war, waren meine Mutter und ich das perfekt eingespielte Duo.‘ Doch dann verliebte sich Marie, und die Lage eskalierte.“3 Ihre Mutter spielte vollkommen verrückt. Sie verwüste die Küche, führte Selbstgespräche, pflegte sich nicht mehr und war völlig am Ende. Das vorherige Duo stritt sich nun sehr oft und es kam sogar zu gewalttätigen Handlungsausbrüchen. Marie war nun körperlich und seelisch völlig am Ende. Sie wusste nicht mehr weiter und hatte Angst vor ihrer Mutter. Sie hatte niemanden mit dem das Mädchen über ihre Probleme und ihre Situation hätte sprechen können. In der Schule bemerkte niemand etwas, da Marie immer gute Leistungen zeigte, jedoch zu Hause, war es für sie nicht mehr auszuhalten.

Nach einer Zeit begann sie als Ausweg alles in sich hinein zu essen und erbrach sich danach wieder, um auf keinen Fall zuzunehmen. Diesen Stress hielt sie fast ein Jahr durch, bis sich Marie an die beste Freundin ihrer Mutter wandte. Zusammen gingen sich zum Jugendamt, woraufhin die Mutter einmal mehr in eine Klinik eingewiesen wurde. Marie hingegen kam auf ihren eigenen Wunsch hin in ein Internat. 4

2. Problemvorstellung

So wie Marie geht es mittlerweile sehr vielen Kindern in Deutschland. Dabei lässt sich die Zahl der Betroffenen nur schwer schätzen. Mittlerweile geht man in Deutschland von ca. 500.000 Kindern aus, die ein oder zwei betroffenen Elternteile haben. Damit sind lediglich Kinder gemeint, dessen Eltern unter einer Depression, Persönlichkeitsstörung oder dem Borderlinesyndrom leiden.

Insgesamt begeben sich in Deutschland ca. 1,6 Millionen psychisch kranke Menschen in fachärztliche Behandlung. Das sind ca. 3% der Gesamtbevölkerung von über 21. Jahren. Eine psychische Erkrankung ist gleichzeitig immer eine Familienerkrankung. Das heißt, wenn ein Familienmitglied erkrankt, wird sich das zum einen nicht nur auf das gemeinsame Familienleiben auswirken, sondern auch auf jedes einzelne Mitglied der Familie. Es ändert sich dadurch vieles im Leben aller Beteiligten, insbesondere der allgemeine Lebensrhythmus.

In der modernen Psychiatrie ist die Angehörigenarbeit einer der zentralen Bestandteile zur erfolgreichen Behandlung von psychischen Erkrankungen. Sie muss für eine gelingende Therapie gewährleistet sein. Innerhalb der letzten Jahre nahm man jedoch nur Bezug auf die erwachsenen Angehörigen und kümmerte sich nicht ausreichend um die Kinder der erkrankten Personen.

Erst 1996 begannen die Institutionen auch diese kleinen Angehörigen in den Blickwinkel der modernen Psychiatrie zu rücken. Dies war ein entscheidender Wendepunkt in der Behandlung psychisch Erkrankter. Wie zu erwarten war, stellten Forscher schon nach den ersten Ergebnissen fest, dass die betroffenen Kinder enorm unter der Erkrankung des Elternteils zu leiden haben.5, 6

2.1. Psychische Erkrankungen als Familienerkrankung

Im Allgemeinen können viele Ereignisse das soziale System der Familie schädigen. Beispiele dafür wären, unter anderem eine finanzielle Krise, Verlust eines Familienmitglieds oder Beziehungskrisen der Eltern. Unter diesen Umständen leiden jedes Familienmitglied und auch die gesamte Familiensituation.

Ganz besonders belastend können aber psychische Erkrankungen sein. Sie führen zu Veränderungen und starken Umstellungen bei allen Beteiligten. Jeder reagiert dabei unterschiedlich, um mit diesem Geschehnis auszukommen.

Der erkrankte Elternteil sieht zu Beginn seiner Krankheit, diesen immer als eine der schlimmsten Phasen seines Lebens an. Er fühlt sich mit der Erziehungsaufgabe überfordert. Außerdem befürchtet er, der Rolle als Mutter oder Vater nicht mehr gerecht zu werden und bekommt große Ängste, dass ihm letztendlich die Kinder weggenommen werden. Viele schämen sich zudem, was für Umstände sie ihrem Partner und den Kindern antun.

Der Partner hingegen tut sich sehr schwer im Umgang mit der psychisch erkrankten Person. Er weiß nicht, wie man sich verhalten sollte. Schulgefühle gegenüber dem Partner und dem Kind plagen ihn. Durch diese Stresssituation kommt es oft zu einer Überforderung durch die massiven Forderungen- Organisation des Familienalltags, Erziehung des Kindes und dem Umgang mit der erkrankten Person selbst. Unterdessen konzentriert sich der gesunde Elternteil meist mehr auf seinen erkrankten Partner, als auf das Kind. 7

Unter solchen Bedingungen werden die Bedürfnisse der Kinder meist in den Hintergrund gerückt. Es wird sich kaum ausreichend Zeit für die Kinder genommen, da nun die betroffene Person in den Mittelpunkt der gesamten Zuwendung gesetzt wird. Sie steht an erster Stelle. Jedoch ist gerade in dieser schwierigen Zeit die elterliche Unterstützung sehr wichtig, da sie sich die Verhaltensweisen z.B. ihrer Mutter nicht erklären können und als folge ihres eigenen Verhaltens ansehen. Oft entwickeln die Kinder Schuldgefühle, ziehen sich zurück oder übernehmen verstärkt Verantwortung. Insgesamt sind meist keine signifikanten Symptome zu erkennen. Durch all diese Geschehnisse kann es zu einem enormen Mangel an Aufmerksamkeit und Fürsorge kommen.

2.2. Tabuisierung- das große Hindernis

Eins der größten Probleme in der Behandlung von psychisch kranken Eltern ist die Tabuisierung. In einigen Gesellschaftskreisen ist es immer noch der Fall, dass aus Scham einerseits und anderseits aus Angst, da man nicht genau weiß, wie es der betroffenen Person eigentlich geht und was die erkrankte Person denkt und fühlt, nicht über die Krankheit gesprochen wird. Diese Unaufgeklärtheit ist sehr schwierig, denn es ist das allerwichtigste bei diesem Thema, offen mit einer Vertrauensperson darüber reden zu können. Diese sollte einen nicht etwas belächeln oder unaufmerksam sein, sondern mit viel Unterstützung helfen.

Mittlerweile wird deutlich an einer Aufklärung gearbeitet. Es kann genauso Verletzungen im Bereich der Psyche geben, wie eine Verletzung am Knie, die genau erkennbar ist.

Auch in der Angehörigenarbeit wird dieses Tabuthema zwar seit einiger Zeit immer mehr aufgebrochen, jedoch bleibt es gegenüber den Kinder weiterhin bestehen. Das heißt, die Eltern klären ihr Kind nicht über ihre Krankheit und die möglichen Auswirkungen auf ihr Denken, Fühlen und Handeln auf. Das kann zu kindlichen Phantasien führen, z.B. denken sie, dass das irritierende Verhalten auf ihr eignes Sein und Verhalten zurückzuführen ist. Die Kinder suchen die Schuld bei sich und fühlen sich somit schuldig und abgelehnt. Oft geraten sie zudem in ein wirres Durcheinander, wissen nicht was Richtig und Falsch ist und haben keine Orientierung in ihrem Leben. Gleichzeitig vertrauen sie sich durch die Tabuisierung auch niemanden an, weil sie nicht wissen, was mit ihren Eltern gerade passiert und ihnen vor anderen ihre Mutter bzw. ihr Vater auch peinlich sein könnten.8

2.3. Kinder ihre Reaktion, die Auswirkungen und Folgeerscheinungen

Nachdem 1996, nach dem Kongress „Hilfen für Kinder psychisch Kranker“, die Bedürfnisse und Problemsituation von Kindern mit psychisch kranken Eltern in der Öffentlichkeit diskutiert wurden, erfolgten zahlreiche und umfassende Studien zu dieser Gruppe.9 Es zeigte sich, nach Angaben von Experten, dass Kinder mit psychisch kranken Eltern einem signifikant höherem Entwicklungsrisiko ausgesetzt sind, als Kinder gesunder Eltern.

„ ‚Kinder mit einem psychisch kranken Elternteil entwickeln zwei bis drei Mal häufiger psychische Störungen als Kinder gesunder Eltern‘, erklärt der Ulmer Jugendpsychiater Michael Kölch im Rahmen einer Fachtagung.“10 Betroffene Kinder weisen nie spezifische Erkrankung auf, sondern meist immer eine Reihe von bestimmten Symptomen. Dies ist immer abhängig von der Persönlichkeit des Kindes und der jeweiligen Situation, in der es sich befindet.

Meisten wird bei den Kindern eine Reihe von Verhaltensauffälligkeiten und emotionalen Störungen deutlich. Des Weiteren können sie im Verlauf der Zeit auch selbst unter einer ähnlichen Krankheit, wie das betroffene Elternteil, leiden. Zusätzliche Störungen bei den Kindern können durch innerfamiliäre Konflikte, die aufgrund der Krankheit im Familiengeflecht entstehen, auftreten.

Ein unmittelbarer Konflikt, mit dem die Kinder zu kämpfen haben, ist eine gewisse Desorientierung. Das heißt, sie wissen nicht an wen und nach wem sie sich richten sollen, in dieser schwierigen Situation. Sie können die Verhaltensweisen nicht mehr direkt einordnen. Teilweise kann es sogar so weit kommen, dass sich die Kinder einsam fühlen. Sie wissen ebenfalls nicht, mit wem sie über ihren eigenen Gedanken und Gefühlen sprechen können, was natürlich sehr wichtig ist. Daraus könnte eine gewisse Isolierung folgen. Das heißt, sie schotten sich von der Außenwelt ab und auch von der Familie könnten sie sozial isoliert werden. Dem hinzuzufügen ist noch, dass Schuldgefühle auftreten können. Sie fühlen sich zunehmen dafür verantwortlich, was gerade mit ihren Eltern passiert. Teilweise denken sie, es sei der Grund ihres eigenen Verhalten gegenüber den Eltern. Besonders kleinere Kinder können das Verhalten nicht als krankhaft einstufen.

Aus diesen inneren Konflikten könnten dann noch einige Folgeprobleme auftreten. Dabei muss man vor allem nennen, dass sie oft schon von Geburt an sehr benachteiligt werden. Das heißt, sie werden nicht ausreichende betreut, da die Eltern meist mehr mit ihren eigenen Problemen beschäftigt sind, kommt das Kind zu kurz. Es bekommt nicht genug Fürsorge und Aufmerksamkeit geschenkt. Es fehlt zudem an elterlicher Führung. Desweiteren treten meist die Bedürfnisse des Kindes zurück, da diese nun „wichtigere“ Aufgaben übernehmen müssen. Diesen Aufgaben sind die Kinder jedoch noch nicht gewachsen. Im schlimmsten Fall kann es sogar zu einer völligen Überforderung kommen, da ein gewisser Austausch der Eltern- Kind- Rolle stattfindet. Sie übernehmen z.B. die Versorgung der anderen Geschwister und kümmern sich um den Haushalt. Hinzuzufügen ist weiter, dass die Kinder in einem Loyalitätskonflikt gerissen werden. Sie schämen sich vor ihren Freunden und Bekannten für ihre Eltern und sind dabei hin und her gerissen zwischen der Liebe zu ihrer Familie und Abneigung gegen die Eltern. Oft müssen die Kinder und Jugendlichen auch erleben, dass sie auf Grund der Krankheit ihrer Eltern vom sozialen Umfeld abgelehnt werden, z.B. in der Schule. Dies passiert vor allem durch das Unwissen in der Gesellschaft in dem Bereich psychische Erkrankungen. 11

[...]


1 Vgl. Löll, Christiane: Psychisch kranke Eltern. Mama, warum bist du so?, http://www.stern.de/wissen/mensch/psychisch-kranke-eltern-mama-warum-bist-du-so-535584.html, 05.03.2015

2 Löll: Psychisch kranke Eltern. Mama warum bist du so?

3 Löll: s.o.

4 Vgl. Löll: s.o.

5 Vgl. Homeier: Sonnige Traurigtage. S.112.

6 Vgl. Schone, Reinhold; Wagenblass, Sabine: Wenn Eltern psychisch krank sind. S. 9- 11.

7 Vgl. Schone, Reinhold; Wagenblass, Sabine: Wenn Eltern psychisch krank sind. S.13.

8 Vgl. Wörnle: „Mama hört Stimmen im Kopf.“ Die Situation von Kindern psychisch kranker Eltern.

9 Vgl. Schone, Reinhold; Wagenblass, Sabine: Wenn Eltern psychisch krank sind. S. 11.

10 Weltonline: Psychologie. Psychisch kranke Eltern machen Kinder krank.

11 Vgl. Schone, Reinhold; Wagenblass, Sabine: Wenn Eltern psychisch krank sind. S. 14-15.

Details

Seiten
16
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656913665
ISBN (Buch)
9783656913672
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v293583
Note
1,4
Schlagworte
Kinder Eltern Krankheit Depression Therapie Psyche Psychologie Behinderung Störung Pädagogik Schule

Autor

  • Ramona Schacht (Autor)

    8 Titel veröffentlicht

Teilen

Zurück

Titel: Die Vergessenen. Kinder psychisch kranker Eltern