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Exzerpte aus den Tagebüchern Franz Kafkas und André Gides im Vergleich

Seminararbeit 2001 23 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

I) Einleitung

II) Hauptteil
II.1) Themen und Motive der Exzerpte aus Franz Kafkas Tagebüchern
II.2) Themen und Motive der Exzerpte aus den Tagebüchern André Gides
II.3) Die Themen der Tagebücher Kafkas und Gides im Vergleich
II.4) Analyse des formalen Konzepts von Kafkas Tagebuch
II.5) Das formale Konzept in Gides Journal
II.6) Die formalen Konzepte Gides und Kafkas im Vergleich

III) Schluss

Literaturverzeichnis:

Céline, L.F. – Reise ans Ende der Nacht, Paris 1932

Fowlie, W. – André Gide: His Life and Art, London 1965

Gide, André – Journal 1889-1939, Paris 1939

Gide, André – Journal 1939-1949, Paris 1954

Hocke, G. R. – Europäische Tagebücher aus vier Jahrhunderten, Wiesbaden 1978

Jürgensen, M. – Das fiktionale Ich. Untersuchungen zum Tagebuch, Bern 1979

Kafka, F. – Tagebücher 1910-1923, New York 1949

Schreiber, L. – Leben und Denken im Werk von André Gide, Berlin 1933

Spann, Meno – Franz Kafka, Boston 1976

Wuthenow, R. R. – Europäische Tagebücher, Darmstadt 1990

I) Einleitung

Im Folgenden möchte ich zweierlei Texte untersuchen, die aus den Tagebüchern der modernen Autoren, dem Prager Franz Kafka einerseits und dem Pariser André Gide andererseits, entnommen sind. Die Exzerpte aus Franz Kafkas Tagebüchern handeln zunächst von Eintragungen aus den Jahren 1910 bis 1912 und des weiteren aus den Jahren 1921 bis 1923. Somit setzen wir uns hier mit dem letzten Jahrzehnt aus Kafkas Leben auseinander. Die mir vorliegenden früheren Eintragungen entstanden bis kurz vor dem Zeitpunkt, wo Kafka seine wohl bekannteste Erzählung, „Die Verwandlung“, verfasste, nämlich bis in den Juli 1912. Die hier zu untersuchenden späteren Eintragungen stammen aus den letzten Jahren seines Lebens.

Meiner Hausarbeit liegt eine Ausgabe der Tagebücher Kafkas zugrunde, welche die Jahre 1910 – 1923 umfassen, aber erst im Jahre 1949 in New York veröffentlicht wurde.

André Gides Notizen beginnen früher und enden später, als die Kafkas, in den Jahren 1893/94, von 1912 bis 1917, 1923 und schließlich in den Jahren 1940-42. Ich entnehme Gides Notizen aus zwei Ausgaben: Dem „Journal 1889 – 1939“, veröffentlicht bei Gallimard, Paris 1939, und dem „Journal 1939 – 1949, Souvenirs“, ebenfalls Paris, 1954.

Ich werde im ersten Arbeitsschritt des Hauptteiles alle Exzerpte zusammenfassen; Inhalte, Themen und Motivik besprechen; um sie dann miteinander zu vergleichen. Daraufhin werde ich eine Textanalyse der Eintragungen beider Autoren vornehmen; Stilebenen, Sprache, Sprachinstanzen, Konzepte und Auffälligkeiten untersuchen. Anschließend soll ein Vergleich der durchgeführten Textanalysen erfolgen. Als integralen Arbeitsschritt möchte ich die Auszüge aus den Tagebüchern auf ihre Gattung sowie historische Einflüsse, biographische, wissenschaftliche, kulturelle – und hier insbesondre literarische – als auch epochale Einflüsse prüfen. Sind Bezüge zu weiteren Werken der hier zu behandelnden Autoren vorhanden, möchte ich diese so weit wie möglich anführen. Diese Untersuchungen der Einflussnahmen werde ich immer fort in den Inhalt des Hauptteiles einstreuen, mit der Absicht eher trockene Passagen, wie die formale Analyse etwas aufzulockern.

Der Schluss soll alle Ergebnisse meiner Untersuchung kurz wiedergeben und Intentionen der Autoren aus der inneren Logik der Texte und anhand der Themenauswahl

aufspüren zu versuchen.

II) Hauptteil

II.1) Themen und Motive der Exzerpte aus Franz Kafkas Tagebüchern

Liest der Rezipient die hier vorliegenden Eintragungen in Franz Kafkas Tagebücher, stößt er auf eine Reihe von Auffälligkeiten, die allen Notizen zugrunde liegen. Kafka scheint in seinen Aufzeichnungen um ein Thema zu kreisen, das sich in vielfältigen Spiegelungen aus dem Text erschließt: Kafka schreibt über sich selbst. Dies vollzieht der Autor in einer Weise, die dem Leser eine Vermutung nahe legt, welche Kafka selbst verschweigt: Sind Autor und das Ich im Text verschiedene Personen? Auf diese Frage ist bejahend zu antworten. Kafka fiktionalisiert, abstrahiert von eigenen Erlebnissen, das eigene Ich und lässt es zu einer literarischen Figur werden. Dieses Faktum deutet Kafka zumindest an, wenn er am Silvesterabend 1912 Folgendes niederschreibt: „Denn man bleibt sich immer bewusst, dass die Erinnerung aus dem Dunkel holt, ...in der Ansicht des Schreibenden erhalten wird und ihn über Partien hinträgt, die vielleicht in seinem Leben sich gar nicht vorgefunden haben, aber ihm einen Ersatz geben...“[1] Franz Kafka setzt sich mit sich selbst auseinander, indem er das Selbst zu einem Gegenstand macht, den er retrospektiv schreibend interpretiert, dann die Vergangenheit auf seine eigene Gegenwart bezieht, oder sich an ein Gegenüber richtet, welches wir uns als seinen besten Freund Max Brod vorstellen dürfen. Wie an einen vertrauten Brieffreund, richtet Kafka sich an Brod, spielt mit dem Gedanken, jenem seine täglichen Notizen irgendwann zu zeigen, schreibt also unter Einflussnahme eines Beurteilenden, der zufriedengestellt werden soll. Dieser Freund, Max Brod, ist es dann auch, der sich nach Kafkas Tod 1924 ausführlich der Veröffentlichung von Kafkas Arbeiten widmete, welche zu Lebzeiten des Autors nur geringe Beachtung fanden und die ansonsten der Vernichtung anheim gefallen wären, nach Kafkas Willen. Kafka, gewöhnlich unter erheblichen Selbstzweifeln leidend, lässt kein gutes Haar an seiner Person. Kommt er aber auf das Schreiben zu sprechen, wird die nahezu fantastische Selbstkritik durch eine gesunde Selbstbetrachtung ersetzt. Zunächst gelinde insinuierend notiert Kafka: „Da ich aber als Wegzeiger in die Zukunft immer nur meine Unfähigkeit ansah – nur selten meine schwache litterarische Arbeit - ...“[2], später entschlossener schreibt er wissend und betonend nieder: „...das Schreiben (ist) die ergiebigste Richtung meines Wesens...da meine Entwicklung nun vollzogen ist...(kann ich) mein wirkliches Leben anfangen...“[3]

Dass Kafka auch das Tagebuchschreiben als „litterarische Arbeit“ betrachtete, zeigt sich darin, wie er desperat darüber nachsinnt, Max Brod die Arbeiten zu zeigen, was er im Jahre 1915 auch wirklich tut. Trotzdem dürfte Kafka, der seit 1908 immer wieder literarische Arbeiten veröffentlicht hatte und sich spätestens 1912 bewusst geworden sein müsste, dass er dem Schreiben hauptberuflich nachgehen wolle, nicht gewusst haben, dass sich eines Tages eine breite Leserschaft seinen Tagebüchern widmen würde. Kafka schreibt privat, nutzt sein Tagebuch dennoch als literarisches Versuchsfeld: Er verwendet verschiedene Techniken[4], die seiner Diaristik etwas Traumhaftes verleihen, auf die ich innerhalb der unter II.5) vorzunehmenden Textanalyse eingehen werde.

Andererseits eröffnet sich uns seine Auffassung vom Tagebuchschreiben aber auch darin, wie sehr er es sich zu Herzen nimmt, wenn er einmal nichts in das Tagebuch einträgt. Kafkas Notizen sind von einer beinahe düsteren Selbstkritik untermalt, welche sich in stetigen Selbstprüfungen und Analysen offenbart. Er scheint mit sich selbst zu kämpfen. Bereits in den frühen Niederschriften anno 1910 spielt diese Musik – gequält von seinem Lungenleiden: „...die Brust ist sehr schäbig“[5] und einem Mangel an schriftstellerischer Entschlossenheit teilt er uns mit, dass sein Leben ein elendes sei.[6] Eine zentrale Position nimmt in den früher datierten Exzerpten der Begriff „Vorwurf“ ein, den er gegen die Erwachsenenwelt richtet, die ihn erzog. Kafka, der in diesen Schriften dazu neigt, die wichtigen Begriffe zu repetieren, benutzt neben dem Wort „Vorwurf“ ein weiteres bevorzugt, die „Widerlegung“. Leidenschaftlich unterstreicht er wiederholt die Liste der Erzieher, welche ihm so schadeten, als da wären: die Eltern, Verwandte, Besucher des Elternhauses, Schriftsteller, die Köchin, die Lehrer, ein Schulinspektor und eigentümlicherweise langsam gehende Passanten.[7]

[...]


[1] Kafka, Franz – Tagebücher 1910 – 1923, New York 1949, S. 342

[2] ebd. S. 336

[3] ebd. S. 341

[4] vgl. Wuthenow, Ralph-Rainer – Europäische Tagebücher, Darmstadt 1990, S. 138: „...die fesselnden Tagebücher...von Franz Kafka, die ...nicht als Werk für die Öffentlichkeit geschrieben wurden“ und vgl. Hocke, Gustav René – Europäische Tagebücher aus vier Jahrhunderten, Wiesbaden und München 1978, 1986, S. 33 : „Allmählich entdeckt er (Kafka) im diaristischen Sich-Selbstversuchen sein Schicksal in der Literatur.“

[5] ebd. Eintrag vom 18. Mai 1910

[6] ebd. Eintrag vom 19. Juni 1910

[7] vgl. ebd. Eintrag vom 29.09.1911

Details

Seiten
23
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638117647
Dateigröße
571 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v2936
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Institut für Komparatistik
Note
befried.
Schlagworte
Exzerpte Tagebüchern Franz Kafkas André Gides Vergleich Proseminar Europäische Tagebücher

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