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Bildung, Halbbildung, Unbildung. Bildung und Wissen in TV-Quizshows und Medien

Hausarbeit 2012 19 Seiten

Pädagogik - Medienpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung und Überblick

2. Die Begriffe Bildung, Halbbildung, Unbildung und Wissen
2.1. Adornos Bildungsideal und seine Geschichte
2.2. Halbbildung und die Kulturindustrie
2.3. Was ist Unbildung?
2.4. Liessmanns Definition von Wissen

3. Die Bedeutung von Bildung und Wissen bei „Wer wird Millionär?“

4. Kulturindustrie und Bildung im Fernsehen der „Wissensgesellschaft“

5. Wikipedia - Bildung im Internet?

6. Beantwortung der Eingangsfragen und Fazit

7. Literaturverzeichnis

Hinweis: Im Text erfolgt die Bezeichnung weiblicher und männlicher Personen aus Gründen der Lesbarkeit und Übersichtlichkeit jeweils in maskuliner Form. Mit allen verwendeten Personenbezeichnungen sind stets beide Geschlechter gemeint.

1. Einführung und Überblick

„Das Nagel-Schneckenburg-Modell liefert eine Erklärung für die Entstehung von …? A: Sandwüsten, B: Verkehrsstaus, C: Grippewellen, D: Börsencrashs.“ Diese Frage wurde am 30. Mai 2008 beim 16. Prominenten-Special der TV-Quizshow „Wer wird Millionär?“ gestellt. Ihr Wert: Eine Million Euro. Dank der Hilfe des Publikums und der großzügigeren Regelauslegung in Prominenten-Specials im Vergleich zu den regulären Ausgaben der Quizshow – die Gewinnsumme der Kandidaten wird Hilfsorganisationen gespendet – konnte Oliver Pocher auch die Millionenfrage richtig beantworten: „B: Verkehrsstaus.“ Aber was suggeriert diese Sendung? Fordert oder fördert sie Bildung? Basiert das geforderte Faktenwissen auf Bildung, Halbbildung oder Unbildung? Ist nicht Wissen, sondern Glück der entscheidende Faktor auf dem Weg zur Million? Wie würde Theodor W. Adorno, Verfasser der Theorie der Halbbildung, der schon die Medienlandschaft Ende der 1950er Jahre als ausbeuterische Kulturindustrie bezeichnete, TV-Quizshows im Bezug auf die klassische Bildungsidee einschätzen? In folgender Arbeit wird ein Versuch unternommen, Antworten auf diese Fragen zu finden. Neben den Quizshows werden auch andere Wissensformate im Fernsehen und Internetlexika auf ihren Bildungsgehalt untersucht: Welche Art von Bildung suggerieren Wissensformate wie „Galileo“? Ist Wikipedia ein Gewinn an Bildung für die Gesellschaft oder verhindert es nicht durch seine Allgegenwärtigkeit sogar Bildung? Zunächst wird dabei auf Definitionen von Bildung, Halbbildung und Unbildung eingegangen. Dabei soll auch durch Verwendung von Sekundärliteratur aus der Wissenschaft der Pädagogik ein Bezug zu Adornos kritischer Gesellschaftstheorie hergestellt werden. Ebenso wird auch Konrad Paul Liessmanns Definitionsversuch der Begriffe Wissen und Unbildung beleuchtet. Bei der Betrachtung der Bedeutung von Bildung in TV-Quizshows wie „Wer wird Millionär?“ wird vorwiegend dessen Werk Theorie der Unbildung herangezogen. Andreas Ziemanns Soziologie der Medien ist ein weiteres sozialwissenschaftliches Werk, aus welchem Erkenntnisse für die genannten Fragestellungen gewonnen werden. In den Kapiteln vier und fünf gehe ich auf die Bedeutung von Bildung in anderen Fernsehformaten der heutigen Wissensgesellschaft und im Internet ein. Nach den praktischen Beispielen folgt ein abschließendes Fazit zur Bedeutung von Bildung und Wissen in TV-Quizshows und Medien.

2. Die Begriffe Bildung, Halbbildung, Unbildung und Wissen

2.1. Adornos Bildungsideal und seine Geschichte

Zunächst einmal gilt es die Begriffe Bildung, Halbbildung und Unbildung sowie Wissen zu konkretisieren. Über den Bildungsbegriff existiert eine Vielzahl von Definitionen und wissenschaftlichen Abhandlungen von Kant über Humboldt und Rousseau bis hin zur Frankfurter Schule, Horkheimer und Adorno1. Gerade Letzterer spielt eine herausragende Rolle in den Überlegungen zur Bedeutung von Bildung in den Medien Radio und Fernsehen. Deswegen werden im Folgenden die genannten Begriffe aus Adornos Sicht erläutert. Der Ansatz seiner gesellschaftskritischen Theorie der Halbbildung von 1959 besteht darin „dass Bildung in einem spezifisch gewachsenen Verständnis sich selbst verhindert“ (Dörpinghaus et al., 2011, S. 88) und auf diese Weise zur Halbbildung führt. Aber wie sieht für Adorno das Ideal der Bildung aus? Dörpinghaus und Uphoff liefern in ihrem Einführungswerk Grundbegriffe der Pädagogik (2009) eine anschauliche Darstellung der Theorie Adornos: In Übereinstimmung mit der klassischen Bildungstheorie definiert er Bildung als „Emanzipation, Befreiung des Menschen aus Abhängigkeiten und Gewinnung von Autonomie“ (Dörpinghaus/Uphoff, 2009, S.106). Auf gesellschaftliche Verhältnisse bezogen bedeutet Bildung demnach die Überwindung von Fremdbestimmung durch absolutistische Herrschaftsstrukturen oder durch vorgegebene Autoritäten und somit das Erlangen von Selbstbestimmung. Die klassische Bildungstheorie verstand die Bildung des Einzelnen als ein „wesentliches Moment im geschichtlichen Fortschritt der Menschen auf dem Weg zu einem besseren gesellschaftlichen und weltpolitischen Zustand“ (ebd., S. 107). Adorno fordert außerdem, im Bezug auf Kant, den Mut jedes Einzelnen, sich aus seiner eigenen Unmündigkeit zu befreien, und bezieht das Ideal der Aufklärung damit auf die Gegenwart: „Die Forderung zur Mündigkeit scheint in einer Demokratie selbstverständlich“ (Kadelbach, 1979, S. 133)2. In seiner Theorie der Halbbildung von 1959 zeichnet Adorno detailliert den geschichtlichen Weg des klassischen Bildungsideals der Aufklärung bis hin zu seinem Scheitern nach. Dieses Ideal „emanzipierte sich mit dem Bürgertum“ (Adorno, 2006, S. 14 f.). Es richtete sich gegen alte Erziehungsziele und Rollen „des christlichen Mittelalters und der feudalen Ständegesellschaft, gegen die alten Machtstrukturen und Autoritäten.“ (Dörpinghaus/Uphoff, 2009, S. 107). Der Anspruch auf Freiheit und Gleichheit wurde zwar für alle Bürger gleichermaßen formuliert, jedoch hatte die Arbeiterklasse keinen Zugriff auf die Bildungsgüter, weil sie in ihrer wenigen Freizeit weder die „Muße“, welche für Adorno eine grundlegende Voraussetzung für Bildung ist, noch die nötigen finanziellen Mittel für den Erwerb von Schulbüchern besaßen und meist schon als Kinder und Jugendliche zum Unterhalt der Familie beitragen mussten (Vgl. ebd.). „Die Besitzenden verfügten über das Bildungsmonopol auch in einer Gesellschaft formal gleicher“ (Adorno, 2006, S. 18). Allerdings verwirklichte auch das Bürgertum die Bildung nicht nach dem klassischen und Adornos Ideal. Bildung war für das Bürgertum „Mittel und Zeichen seines ökonomischen Erfolgs und seiner politischen Durchsetzung“ (Dörpinghaus/Uphoff, 2009, S. 107). Aber gerade dafür dürfe sich Bildung nicht hergeben. In der Theorie der Halbbildung vergleicht Adorno (2006) den Bildungsbegriff mit dem der Kultur: „Bildung ist nichts anderes als Kultur nach der Seite ihrer subjektiven Zueignung. Kultur aber hat Doppelcharakter“ (S. 9). Er beklagt eine Einseitigkeit der Kultur durch Bevorzugung der Bereiche Literatur, Malerei, Musik, Philosophie und die Folge daraus, dass „Künste und Sprachen als das Medium der Bildung“ (Dörpinghaus/Uphoff, 2009, S. 108) fungieren. Kultur wird somit auf das „Geistesleben“ beschränkt, Teilbereiche wie Politik, Wirtschaft, Naturwissenschaften und Technik werden ausgeschlossen. Kultur aber muss universell sein. Ebenso ist mit Kultur das Versprechen von Freiheit und Humanität verbunden. Sie sollte im direkten Kontrast zur kapitalistischen Wirtschaft stehen (Vgl. ebd.). Neben der Kultur wirft Adorno auch der Bildung ein zwiespältiges Verhältnis vor. Sie werde ihrem Anspruch weder gerecht, wenn sie sich nach den Interessen der Wirtschaft richtet noch wenn sie als „von ökonomischen und politischen Zwecken gereinigte Bildung – in einen ästhetischen Bereich“ (ebd., S. 109) zurückgezogene – Bildung daherkommt. Zusammengefasst hat Adornos Idee der Bildung folgende Eigenschaften: Sie emanzipiert den Menschen, befreit ihn aus Abhängigkeiten, führt zu eigener Selbstbestimmung und Mündigkeit, sie verbessert die Gesellschaft und erkennt gesellschaftliche und politische Zusammenhänge.

2.2. Halbbildung und die Kulturindustrie

Das klassische Bildungsideal sieht Adorno in der Vergangenheit ebenso wenig realisiert wie in der Gegenwart. Gerade die Kulturgüter, die in den neuen technischen Entwicklungen der Medienlandschaft Radio und Fernsehen verbreitet werden, stimmten ihn noch pessimistischer. Sein zentraler Begriff für den gegenwärtigen Bildungsstand der Gesellschaft ist der der Halbbildung:

Was aus Bildung wurde und nun als eine Art negativen objektiven Geist, keineswegs bloß in Deutschland, sich sedimentiert, wäre selber aus gesellschaftlichen Bewegungsgesetzen, ja aus dem Begriff von Bildung abzuleiten. Sie ist zu sozialisierter Halbbildung geworden, der Allgegenwart des entfremdeten Geistes. (Adorno, 2006, S. 8)

Was sind also die Kennzeichen von Halbbildung? „Im Klima der Halbbildung überdauern die warenhaft verdinglichten Sachgehalte von Bildung auf Kosten ihres Wahrheitsgehalts und ihrer lebendigen Beziehungen zu lebendigen Subjekten. Das etwa entspräche ihrer Definition.“ (ebd., S. 25). Adorno spricht hier von einer „Verdinglichung“ von Bildungsinhalten. An seinen Beispielen wird deutlicher, was er damit meint: „Bildung, die durch Examina gewährleistet, womöglich getestet werden kann“ (ebd., S. 33) nennt er eine Wunschvorstellung, die die einstigen Erwartungen an die Bildung in keiner Weise befriedigen kann. Bildung im eigentlichen Sinn lasse sich weder testen oder kontrollieren noch in irgendeiner Weise normieren. Adorno geht sogar soweit zu sagen, dass schulische Organisation Bildung verhindere (Vgl. Dörpinghaus/Uphoff, 2009, S. 109). Des Weiteren wird im Zuge der Halbbildung „Erfahrung […] ersetzt durch die punktuelle, unverbundene, auswechselbare und ephemere [belanglose; Anm. d. Verf.] Informiertheit, der schon anzumerken ist, daß sie im nächsten Augenblick durch andere Informationen weggewischt wird“ (Adorno, 2006, S. 50). Halbbildung ist für ihn „gereizt und böse; das allseitige Bescheidwissen [ist] immer zugleich auch ein Besserwissen-Wollen“ (ebd., S. 51). Beispielsweise ist sie erkennbar an einem „urteilslose[n] `Das ist´, etwa so, wie im Schnellzug jene Fahrgäste reden, die bei jedem vorbeiflitzenden Ort, die Kugellager- oder Zementfabrik oder die neue Kaserne nennen, bereit, jede ungefragte Frage konsequenzlos zu beantworten“ (ebd., S. 50). Der Halbgebildete zeichnet sich dadurch aus, den Gebildeten nachzuahmen und an dem Ansehen der Bildung teilzuhaben, „ohne sich auf den Prozess der Bildung, die ernsthafte Auseinandersetzung mit einer Sache, einzulassen“ (Dörpinghaus/Uphoff, 2009, S. 110). Die Haltung der Halbbildung ist „die des Verfügens, Mitredens, als Fachmann sich Gebärdens, Dazu-Gehörens“ (Adorno, 2006, S. 48). Für Adorno ist „das Halbverstandene und Halberfahrene […] nicht die Vorstufe der Bildung, sondern ihr Todfeind“ (ebd., S. 42).

Die Hauptursache der Halbbildung sieht Adorno in der „Kulturindustrie“ (ebd., S. 26), die „die Massen […] durch zahllose Kanäle mit Bildungsgütern beliefert“ (ebd, S. 21). In seinen Ausführungen zur Kulturindustrie hatte Adorno besonders die Massenmedien Radio und Fernsehen sowie die Filmindustrie Hollywoods im Blick. Die Bildungsgüter werden dem Bewusstsein der Massen angepasst und damit zur Halbbildung anstatt zur Aufklärung und Kritik (Vgl. Dörpinghaus/Uphoff, 2009, S. 111). Adorno erkennt in der „Popularisierung der Bildung unter den gegenwärtigen Bedingungen“ (Adorno, 2006, S. 40) einen Verfall der Bildung, da die käuflichen Bildungsgüter nur halberfahren und halbverstanden werden. In wenigen Worten fasst Ziemann (2006) zusammen „was […] die Kulturindustrie mit den Menschen [macht]. […] Sie unterdrückt, entfremdet, sorgt für Amüsement und Verdummung und legitimiert wie unterstützt letztlich die bestehende Ideologie und die spätkapitalistischen Verhältnisse“ (S. 42). Außerdem liefert Kulturindustrie „Kultur für jene, welche Kultur von sich stieß, Integration des gleichwohl weiter Nichtintegrierten. Halbbildung ist ihr Geist, der misslungener Identifikation“ (Adorno, 2006, S. 26). Das Denken des Halbgebildeten ist „kurzschlüssig – und deshalb Sachverhalte nicht angemessen begreifend“ (Dörpinghaus/Uphoff, 2009, S. 111), soziale Phänomene wie Arbeitslosigkeit und Kriminalität werden am Versagen einzelner Personen festgemacht und nicht auf soziale Strukturen zurückgeführt (ebd.). „Eine infantile Personalisierung der Politik wird betrieben“ (Adorno, 1977, S. 523). Dazu kommen noch die Stereotypen und Vorurteile zu Geschlechterrollen, Berufen und Völkern, die dem Halbgebildeten durch die Kulturindustrie vermittelt werden (Vgl. Dörpinghaus/Uphoff, 2009, S. 111f). Zusammengefasst sind Kennzeichen von Halbbildung die Unterteilung von Wissen für Prüfungen, Normierungen subjektiver Erfahrungen, Orientierung an der Nützlichkeit von Qualifikationen sowie die Kontrolle und Kontrollierbarkeit des Menschen und der Versuch der Teilhabe an dem Prestige der Bildung (Vgl. ebd., S. 109). Für Adorno ist der Weg der Halbbildung ein unausweichlicher in der modernen Gesellschaft: „Eitel aber wäre […] die Einbildung, irgend jemand – und damit meint man immer auch sich selber – wäre von der Tendenz zur sozialisierten Halbbildung ausgenommen“ (Adorno, 2006, S. 58).

[...]


1 Theodor W. Adorno (1903-1969) war unter anderem mit Max Horkheimer Mitglied des Instituts für Sozialforschung und der Frankfurter Schule. Er gilt als scharfer Medien- und Gesellschaftskritiker und war einer der wichtigsten Intellektuellen seiner Zeit. Von ihm stammt die 1959 erschienene Schrift „Theorie der Halbbildung“. Weitere seiner Hauptwerke sind die „Minima Moralia“ (1951), die „Negative Dialektik“ (1966) und die „Ästhetische Theorie“ (posthum 1970).

2 Adorno diskutiert in der schriftlichen Aufzeichnung eines Radiointerviews „Erziehung zur Mündigkeit“ von 1969 zusammen mit Prof. Hellmut Becker über das deutsche Bildungswesen. Dabei argumentiert Adorno mit einer engen Verbindung von Bildung, Mündigkeit und Aufklärung (Vgl. dazu Adorno, 1979, S. 133 – 148).

Details

Seiten
19
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656910282
ISBN (Buch)
9783656910299
Dateigröße
529 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v293616
Institution / Hochschule
Universität Passau – Lehrstuhl für Allgemeine Pädagogik
Note
1,0
Schlagworte
bildung halbbildung unbildung wissen tv-quizshows medien

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Titel: Bildung, Halbbildung, Unbildung. Bildung und Wissen in TV-Quizshows und Medien