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Biografiearbeit. Ihre Funktionen in der stationären Kinder- und Jugendhilfe

Akademische Arbeit 2010 23 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhalt

1 Die stationäre Kinder- und Jugendhilfe als Ort für Biografiearbeit
1.1 Alltag und Rahmenbedingungen der stationären Kinder- und Jugendhilfe
1.2 Kontext und Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen
1.3 Voraussetzungen und Anforderungen an den Sozialarbeiter

2 Funktionen der Biografiearbeit in der stationären Kinder- und Jugendhilfe
2.1 Identität und Integration
2.2 Stabilisierung und Hilfe zur Bewältigung
2.3 Aktivierung von Ressourcen
2.3.1 Definition und Funktion von Ressourcen
2.3.2 Kohärenz
2.3.3 Resilienz
2.4 Beziehungsaufbau und -gestaltung

3 Abkürzungsverzeichnis

4 Literaturverzeichnis (inklusive weiterführender Literatur)

In dieser Arbeit geht es um die stationäre Kinder- und Jugendhilfe als Ort für Biografiearbeit und die Funktionen der Biografiearbeit in der stationären Kinder- und Jugendhilfe.

1 Die stationäre Kinder- und Jugendhilfe als Ort für Biografiearbeit

Biografiearbeit hat ihren Ausgangspunkt immer in der Gegenwart (Hölzle, 2009a, 33) und übernimmt im Kontext der stationären Kinder- und Jugendhilfe die Aufgabe, „… ihre Klientel bei der ˏVerknotung` … alltäglicher Biografie zu unterstützen, indem sie orientiert am Alltag der BiografieträgerInnen … ihr biografisches Gewordensein im Kontext und im Kontinuum der Lebensgeschichte thematisiert.“ (Jansen, 2009a, 21). Deshalb ist es wichtig, den Alltag und die Rahmenbedingungen der stationären Kinder- und Jugendhilfe (Kapitel 1.1), sowie den Kontext und die Lebenswelt dieser Kinder und Jugendlicher (Kapitel 1.2) zu betrachten. In beiden Kapiteln soll lediglich ein Abriss gegeben werden, ohne den Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben, da dies den Rahmen der Arbeit sprengen würde. Im Anschluss soll ganz konkret für das Feld der Kinder- und Jugendhilfe (Kapitel 1.3) Voraussetzungen für und Anforderungen an den Sozialarbeiter beschrieben werden.

1.1 Alltag und Rahmenbedingungen der stationären Kinder- und Jugendhilfe

Unter Heimerziehung versteht man eine stationäre Form der Erziehung über Tag und Nacht die den § 34 SGB VIII zur Grundlage hat. Sie ist eine Form der Hilfen zur Erziehung nach § 27 SGB VIII und setzt ein, wenn Eltern die im Grundgesetz, Artikel 6 verankerten Erziehungsrechte und –pflichten über kurz oder lang nicht wahrnehmen können. Die Entscheidung über Dauer und Form der Unterbringung ist im Hilfeplan nach § 36 SGB VIII festgeschrieben (Rätz-Heinisch/ Schröer/ Wolff, 2009, 154ff).

Die Praxis der Heimerziehung hat viele Ähnlichkeiten mit einem Familienleben in Hinblick auf den Alltag, wie gemeinsame Mahlzeiten, Hausaufgabengestaltung und Ins-Bett-Gehen. Sie zeigt jedoch Unterschiede dahin gehend, dass es eine künstliche Gemeinschaft ist, in die Kinder kommen und gehen, in denen Mitarbeiter im Schichtdienst die Kinder betreuen und die Mitarbeiterfluktuation zu bewerkstelligen ist. Schwierig ist zudem die Tatsache, dass Pädagogen den Alltag im Heim als Arbeit sehen, es ist ihre Arbeitsstelle, die Kinder sollen dort aber leben und sich zuhause-fühlen (Freigang, 2009, 101ff).

„Biographiebezogenes Lernen geschieht in Lebenswelten.“ (Homfeldt, 2004, 29). Seit den 1980er Jahren bildet die Lebensweltorientierung eine Grundrichtung in der stationären Kinder- und Jugendhilfe, die zu Beginn der 90er Jahre mit der Veröffentlich des SGB VIII gefestigt wurde (Rätz-Heinisch/ Schröer, Wolff, 2009, 246). Lebensweltorientierung beginnt „… bei der adressatenspezifischen Aufgabenbestimmung, durch die Definitionen von Wirklichkeit in der Perspektive des Klientels, seiner Sicht von Problembewältigung, mithin auch seiner Sicht biographischen Lernens.“ (Homfeldt, 2004, 29). Für die Lebensweltorientierung sind fünf Dimensionen zu nennen:

- „Die zentrale Dimension erfasst den Lebenslauf und seine Übergänge; besonders bei sozial benachteiligten Gruppen sind diese brüchig und prekär.
- In der subjektiven Dimension geht es um die Wahrnehmung und das Verstehen erlebter und erfahrener zeit-räumlicher Bezüge.
- Eine weitere Dimension umschließt soziale Bezüge (Familien, Freundeskreis).
- Zeit, Raum und soziale Beziehungen sind verknüpft mit dem gelebten wie erlebten Alltag.
- Und schließlich richtet sich die lebensweltorientierte Soziale Arbeit auf Selbsthilfe und Empowerment.“ (Homfeldt, 2004, 30).

Lebensweltorientierung setzt auf die Stärken und Ressourcen der Menschen und hat zum Ziel, einzelne Menschen hin zu einem gelingenden Alltag zu befähigen. Es geht in der Praxis darum, die Lebenssituation der Menschen sensibel wahrzunehmen, die Interaktion zwischen den Beteiligten konstruktiv zu gestalten und die Aushandlungs- und Verstehensprozesse zu fördern (Thiersch/ Grunwald, Köngeter, 2002, 164ff). Dabei wird davon ausgegangen, dass Hilfe nur dann zur Veränderung anregen kann, wenn diese am Alltag der Menschen anschließen, wenn sie von ihnen angenommen, mitgestaltet und in die eigene Lebensgeschichte integriert werden kann (Rätz- Heinisch/ Köttig, 2007, 241).

„Hilfe ohne Beteiligung der Betroffenen kann nicht stattfinden.“ (Krause, 2009, 53). Dieser Gedanke gehört zu den Leitsätzen erzieherischer Hilfen. Nur wenn Klienten ausreichend informiert sind, sich verstanden und einbezogen fühlen, werden sie bereit sein, an der Hilfe mitzuarbeiten (ebd). Bei der Partizipation in der Jugendhilfe geht es um die Förderung der Teilhabe am Hilfeprozess. Dabei soll sich Partizipation an den Artikulationsmöglichkeiten und den Ressourcen der Kinder orientieren und diese fördern. Partizipation bedeutet, dass Kinder ihr Erleben von Belastungen, ihre Wünsche und Rückblicke bezüglich Krisen und Übergänge einbringen können und diese bei Diagnosen und Interventionen berücksichtigt werden. (Homfeldt, 2004, 32f). „In der Regel werden Lebensgeschichten bei Hilfeplangesprächen alltags-kommunikativ abgeklärt. Entwicklungen und Wandlungen einer Person werden nicht in der Kontinuität ihrer Krisen und Übergänge erhellt. Dafür wäre autobiographisches Material nutzbringend…“ (Homfeldt, 2004, 31).

Gehres (1997, 29ff) kommt zu dem Ergebnis, dass eine erfolgreiche Heimerziehung auf eine gelungene Thematisierung der Gründe des Heimaufenthalts, eine positive Einstellung zur Hilfemaßnahme, die Möglichkeit des Beziehungsaufbaus mit dem pädagogischen Personal und das offene Verhältnis des Sozialarbeiters zu der Familie, aus der das Kind kommt, angewiesen ist. Heimerziehung ist demnach Beziehungsarbeit deren Qualität als Kriterium für ihren Erfolg gilt (ebd, 278). Professionelle Beziehungsarbeit setzt auf Wertschätzung und Authentizität des Erzieherpersonals mit der Möglichkeit, destruktive und wenig förderliche Beziehungs- und Verhaltensmuster zu durchbrechen (Rätz-Heinisch/ Schöer/ Wolff, 2009, 161).

Durch die verstärkte Aufmerksamkeit auf den Beziehungsaspekt in der Heimerziehung, wird oft das Bezugserziehersystem angewandt. Der Bezugserzieher ist für ein Kind in besonderer Weise verantwortlich, er ist Ansprechpartner für Jugendamt und Angehörige, organisiert äußere Lebensbedingungen, schreibt Situationsberichte und gestaltet das Hilfeplangespräch mit (Schroll, 2007, 27f). So kann das Bezugserziehersystem eine gute Voraussetzung sein, um für sein Bezugskind die oft fehlende Begleit- und Chronistenfunktion zu übernehmen, indem man mit ihm seine Lebensgeschichte recherchiert und dokumentiert (Jansen, 2009a, 24).

Biografiearbeit bedeutet, „… sich einen fallrekonstruktiven Zugang zu einer fremden Lebenswelt zu verschaffen.“ (Homfeldt, 2004, 31). „Fallverstehen als Voraussetzung für erzieherische Hilfen bedeutet in dem Sinne, das Handeln von Kindern und Jugendlichen im Kontext ihrer Lebensgeschichte zu betrachten. Hilfen müssen danach ausgerichtet sein, ob sie in den Erfahrungs- und Verständnishorizont des Klienten passen.“ (Jakob, 2002, 114).

1.2 Kontext und Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen

Kinder in Heimen zeigen mehr oder weniger umfangreiche Schwierigkeiten, Auffälligkeiten, Abweichungen oder Störungen in Bezug auf ihren Verhaltens- und Erlebensbereich auf. Dies ist oft das Resultat ihrer besonderen Biografie (Günder, 2003, 173).

Die Familien, aus denen die Kinder kommen, sind überdurchschnittlich häufig unvollständig. Sie stammen überwiegend aus sozial benachteiligten Schichten und weisen meist eine Anhäufung von sozialen, wirtschaftlichen und psychischen Problemen auf (Trede, 2009, 31).

Gerade Kinder die in Heimen leben, haben oft schon eine so genannte Jugendhilfekarriere hinter sich, d.h. mehrere abgebrochene Unterbringungen. Sie mussten dadurch häufig Beziehungsabbrüche erleben und es fällt ihnen nicht leicht, Vertrauen zu fassen und sich auf neue Beziehungen einzulassen (Lattschar/ Wiemann, 2008, 29f). Die von Schleiffer (2001, 120ff) beschriebenen Ergebnisse seiner Untersuchungen in der Heimerziehung beziehen sich auf die Bindungstheorie von John Bowlby und ergaben, dass nur 4% der im Heim lebenden Jugendlichen ein sicheres Bindungsverhalten vorweißen, 71% zeigen sich unsicher- vermeidend und 25% verstrickt- unsicher gebunden (ebd, 120). Gerade ein vermeidendes Bindungsverhalten erschwert die Erziehung ungemein. Kinder und Jugendliche mit bindungsverstrickten Strategien sind mehr bereit, als jene mit vermeidenden, über ihre Lebensgeschichten zu erzählen (ebd, 253f).

Nicht selten befinden sich im Heim lebende Kinder in einem Loyalitätskonflikt1, das bedeutet, ein Kind fühlt sich gegenüber zwei Instanzen treu und verpflichtet. In der stationären Kinder- und Jugendhilfe zeigt sich dieser Konflikt zwischen den neuen Bezugspersonen der Einrichtung und den Eltern des Kindes (Lattschar/ Wiemann, 2008, 65). Es geht dabei um die Akzeptanz zweier oft völlig unterschiedlicher Welten und der Trauer, dass sich Eltern aufgrund ihrer Lebensgeschichte nicht um das Kind sorgen können (Haug- Schnabel, 2003, 71). „Eltern müssen besprechbar, phantasierbar bleiben.“ (ebd), um den Kindern die emotionale Erlaubnis zu geben, ihren Eltern einen Platz zu geben (Wiemann, 2003, 126). Verschärft wird der Konflikt, wenn Jugendamt, Einrichtung und Familie unterschiedlicher Auffassung über die Dauer des Aufenthaltes im Heim sind (Lattschar/ Wiemann, 2008, 65).

Zudem empfinden stationär untergebrachte Kinder oft eine innere Zerrissenheit. Einerseits wünschen sie sich die Liebe und Nähe der Eltern, andererseits haben sie oft viele belastende Ereignisse erlebt, sodass sie gegenüber ihren Eltern Verzweiflung und Ablehnung empfinden. Gerade bei einer Familie, in der Trennung, Sucht, Krankheit und Gewalt eine Rolle spielte, schämen sich Kinder oft dafür oder haben Schuldgefühle. Nicht selten werden aus dieser Gefühlsverwirrung Eltern glorifiziert. Dennoch fühlen viele Kinder einen großen Schmerz, von den Eltern getrennt zu leben, sodass Ärger, Wut, Trauer zentrale Themen im Leben der Kinder sind (ebd, 55ff).

Viele Kinder haben wenige oder widersprüchliche Informationen bezüglich ihrer Familie und ihrem Lebensweg. Nicht selten wissen Kinder nicht den Grund für die Heimunterbringung und entwickeln ihre eigenen Phantasien. Diese Verwirrungen und dieses Teilwissen bindet sehr viel seelische Energie (ebd, 27ff).

Kinder in der stationären Kinder- und Jugendhilfe zeigen eine Vielzahl von Problemen. Diese sind dabei nicht isoliert zu betrachten, sie „… sind im Kontext von Lebensgeschichten `geworden´, sie haben eine Geschichte, und sie werden im Horizont biografischer Erwartungen bearbeitet, haben also einen Zukunftsbezug.“ (Dausien, 2005, 6).

Mehringer (1998, 9) stellte sieben Regeln für den Umgang mit so genannten „schwierigen Kindern“ im heilpädagogischen Rahmen auf. Eine Regel davon lautet, „Die Lebensperspektive für das Kind suchen oder: woher das Kind kommt und wohin es gehen kann.“ (ebd, 47). Er betont damit, wie wichtig es ist, dass dem Kind geholfen wird, seine Situation zu begreifen, neue Chancen zu erkennen und die Zukunft zu gestalten (ebd).

„Weiß man um die Dramatik, aber auch Trostlosigkeit der Biographien vieler im Heim lebender Jugendlicher, … kann man erahnen, wie schwer es für sie sein muss, eine verständliche Geschichte zu erzählen, d.h. ein kohärentes Narrativ zu konstruieren. Bei dieser Aufgabe sind Kinder angewiesen auf die Unterstützung von Seiten ihrer Bindungsperson.“ (Schleiffer, 2001, 259). Dennoch sollte das Erfahren der oft schlimmen Geschichten das pädagogische Fachpersonal hinsichtlich der Zumutbarkeit von Entwicklungsaufgaben nicht verunsichern (ebd, 253f).

Gerade bei dieser Komplexität sind für die Biografiearbeit besondere Voraussetzungen und Anforderungen an den Sozialarbeiter notwendig.

[...]


1 loyal heißt übersetzt zur Regierung, Vorgesetzten, Gesetzen stehend (Duden, 2001, 589)

Details

Seiten
23
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656910473
ISBN (Buch)
9783656922971
Dateigröße
536 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v293642
Note
Schlagworte
biografiearbeit ihre funktionen kinder- jugendhilfe

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